Sonntag, 14. Juni 2026

In den Höllen der Eifersucht ...

... die Gaspara Stampa entdecken
... und sich selbst - ?

Der norwegische Zeichner Olaf Gulbransson (1873-1958) lebte mit seiner norwegischen Ehefrau Dagny sein Leben lang in Bayern. Seine Ehefrau berichtet, daß ihr Ehemann auf den bloßen, ganz unbegründeten Verdacht hin, seine Eheliebste würde sich für einen anderen mehr als für ihn selbst interessieren, wild in die Berge und Wälder rannte, Tage lang nicht wieder nach Hause zurück kehrte, eine tiefe, höllische, existentielle Krise erlebte. Und das alles nur, um bei seiner Rückkehr zu erfahren: Nichts von seinem ganzen, riesen großen Verdacht hatte auch nur ansatzweise Anhaltspunkte in der Wirklichkeit. (So erzählt es, wenn wir das richtig wieder geben, Dagny Björnson-Gulbransson in ihren Erinnerungen, die wir vor vielen Jahren gelesen haben.) Schlußfolgerung: Ein Liebender kann sich gerne auch geradezu mit Heißhunger in die Eifersucht stürzen - unbewußt womöglich nur, um zu erfahren, was es heißt, zu leben und - noch - leidensfähig zu sein.    

Abb. 1: Eifersucht - Gemälde von Edvard Munch, 1898

Die Eifersucht, was für ein Thema. - - - Robert A. (Name wurde von der Redaktion geändert) war so aufgewühlt wie schon lange nicht mehr. Schließlich richtete er die Frage an die Göttin der Weltweisheit, genannt Google: "Kann es Eifersucht ohne Liebe geben?" (Denn er ging so manche seiner Themen gerne vom völligen Gegenteil dessen an, was ihn interessierte.)

Er fand so unzählige viele dumme Antworten. Gott!, das Internet, die gesammelte "Weltweisheit", war ein angesammelter Haufen von Dummheit. Aber sonderbar auch: Wie viele Menschen dieselbe "dumme" Frage stellten wie er selbst. Sonderbar, höchst sonderbar. Aber dumm, ach dumm auch all die vielen, vielen Antworten. Wie kann das sein?

All das Verwirrende, das er in sich erlebte, es kam durch die noch viel größere Verwirrung im Internet keineswegs zur Klärung.

Wo war Klarheit? Wo war Klärung? Nichts von dem, was er da fand, erreichte ihn.

Dann las er den Wikipedia-Artikel über Eifersucht. Nichts erreichte ihn, nichts. War denn Eifersucht einfach nur - - - "dumm", "egoistisch"? Oder war sie - - - groß? Merkwürdig, wie wenig Klarheit es in der Weltantwort-Zentrale, genannt Internet, gab. Zu diesem, womöglich entscheidenden Thema.

Erste Antworten - Edvard Munch 

Edvard Munch war erwähnt (Wiki). Natürlich, dieser große, große Kerl. Ja, von seinen Bildern geht Wahrheit aus. Wer wollte das infrage stellen? Dieser Maler, er hat so gräßliche Bilder gemalt. Und er hat die Wahrheit dabei gemalt. Ohne Frage (Abb. 1). "Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang," hatte doch einer gedichtet, einer, der es aushalten wollte, aushalten konnte - - - das Schöne (gemeint ist R. M. Rilke). Oder der doch - zumindest - wie ein Wilder in Berge rennen konnte ... 

Und er? Er sehnte sich nach Wahrheit, nach wahrhaftiger Einsicht. Mochte er damit nun im Himmel oder in die Hölle landen.

Er beschäftigte sich ein wenig mit jener Dagny Juel, die den Anstoß für so viele Bilder von Edvard Munch gegeben hatte. Was für eine Frau. Was für ein Schicksal (Yt23) (1). Solche Frauen scheinen dazu zu gehören, zum Leben, eine solche "femme fatale". Wem hätte es nicht schon wohlige Schauer über den Rücken gejagt bei dem Gedanken, einer solchen zu begegnen? Und wer würde es, sollte er wirklich einer solchen begegnet sein, jemals wirklich bereuen, in die Höllen-Flammen ihrer Liebe getreten zu sein - ? Wer? Mag er nun zu Leben aufgeflammt sein in diesen Höllen-Flammen oder mag er an ihnen zugrunde gegangen sein - - -?

War es nicht die Größe allein, die zählte? Die Größe, das Feuer des Erlebten? Sei es nun Himmel oder Hölle gewesen? 

Ach, so war es wohl. So dachte man wohl, damals, im "Ferkel", im Künstlerkreis um Edvard Munch und Dagny Juel in Berlin-Mitte. Nur groß sein, nur groß lieben, groß handeln - niemals kleingeistig.

Ja, Teufel, geh weg mit deiner Kleingeistigkeit, geh weg. Kleingeistigkeit ist die größte Hölle - auch wenn diese Hölle von den wenigsten wahrgenommen wird.

Weiter Antworten - Die Nibelungen

Und so fragte er Google einfach ganz willkürlich weiter: "Welche Rolle spielt die Eifersucht in der Nibelungensage?" Ja, natürlich: darin spielt sie eine große Rolle. Mensch, und Wikipedia hatte diese Rolle gar nicht erwähnt. Wie kann das sein? Verleugnet Wikipedia etwa das Große?

Nun gut, sie ist wichtig: die Nibelungensage. 

Denn es ist nicht trivial, was passiert - möglicherweise - wenn Eifersucht im Spiel ist. Möglicherweise. Helden können daran zugrunde gehen. Mit dem Speer im Rücken. Helden können durch ein Flammenmeer schreiten und die Frau ihres Lebens erobern - wie Siegfried die Brünhildis auf dem Brünhildisfelsen.

Gut, wichtig.

Ein weiterer Schritt zur Einsicht in das Wesen der Eifersucht: die Nibelungensage. Eifersucht kann die Stelle sein, in der du allein noch verwundbar bist - in all deiner stumpfen oder auch veredelten Unverletzlichkeit.

Wikipedia meinte sogar - oh Gott, wie dumm! - Eifersucht wäre ein Wort und Konzept der Neuzeit. Wie so durch und durch ungebildet kann Wikipedia sein. Wie so enttäuschend. Und es hätte in der Antike keine Eifersucht gegeben? Glaubst du das wirklich, Wikipedia? (Auch der "Große Brockhaus" aus den 1880er Jahren gibt sich in seinem Artikel Eifersucht außerordentlich wortkarg. Wie so außerordentlich merkwürdig.)

Aber dieser Gedanke an die Nibelungensage erhebt das Thema gleich hoch, sehr hoch. Ins Große. Dorthin, wo es - sicherlich - gehört. Denn wer möchte schon "im Kleinen" sein? Im Niedrigen, Seichten, Flachen, im nichtigen Nichts? Wollen wir denn nicht alle, daß die Dinge uns etwas - - - bedeuten? Und nicht nur im Sinne von "angenehm" oder "unangenehm"?

Beim weiteren Nachdenken gingen ihm irgendwann Worte durch den Sinn, von denen er zunächst nur die "Stimmung" wahrnahm, den "Rhythmus" derselben, den er in Erinnerung hatte. Dann erst dämmerte ihm, um welche Worte es sich handelte:

                             ... Hast du der Gaspara Stampa
denn genügend gedacht ...

Ja, nun war er angekommen.

Dort war die Antwort. Dort wollte er hin. Hier war sie, die Antwort in all der Verwirrung. Das waren Worte, die waren ihm schon früher ins Blut gegangen. Berühmt genug waren sie. Aber wer, dem sie schon einmal ins Blut gegangen sein mochten, wußte eigentlich jemals schon, warum sie ihm ins Blut gegangen waren? Einfach nur, weil einem wertvolle Dichtung überhaupt leicht ins Blut geht - - - ?

Angekommen - Rainer Maria Rilke

Die Worte stammen aus den Duineser Elegien, also natürlich von Rainer Maria Rilke. Und, ja, sie sind berühmt genug, und zwar mit Recht. Aber indem er nun "Rilke Gaspara Stampa" googelte, erhielt er eine Deutung dieser Dichtung, die ihm jetzt - zum ersten mal - auch rein gedanklich wirklich einging, die sich ihm jetzt zum ersten mal wirklich erschloß:

Rainer Maria Rilke verewigte die italienische Dichterin Gaspara Stampa (1523-1554) in der Ersten Elegie seiner Duineser Elegien. Er porträtiert sie als das Urbild der unerfüllt Liebenden, die ihren Schmerz in höchste künstlerische Hingabe und Energie verwandelte.
Die Bedeutung von Gaspara Stampa bei Rilke
Das Vorbild der Liebenden: Gleich zu Beginn der Ersten Elegie fragt Rilke, ob ein verlassenes Mädchen nicht an Gaspara Stampa denken und sich wünschen sollte: "daß ich würde wie sie?"
Liebe als Befreiung: Er stilisiert sie zum Sinnbild dafür, sich liebend vom Geliebten zu befreien, indem man die Spannung des Kummers aushält.
Gesammelt im Absprung: Rilke nutzt sie als Metapher für spirituelle und emotionale Transformation: Sie hält dem Liebeskummer stand, "wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung mehr zu sein als er selbst."

Nun mit einem mal erschloß sich ihm eine ganze neue Welt in dieser Dichtung.*) Und er las noch einmal ein wenig in den Elegien (s. Kalliop). Und er wußte: Hier stand die Antwort. Und in diesen Elegien würde er künftig noch häufiger lesen. Denn darum ging es. Darum allein. 

Und er wußte auch: Rilke hatte Ähnliches erlebt. Rilke hatte Ähnliches durchgestanden. Für Rilke war dies nichts weniger als der Weg zu Gott.

Rilke über die Ehe

Rilke hat wertvolle, große Liebe zu Frauen erfahren, etwa zu Lou Andreas-Salomé, etwa zu Sidonie Nádherná oder zu Lou Albert-Lasard. Zum Schluß zu Baladine Klossowska. Und damit sind wohl auch nur einige der bedeutenderen Begegnungen genannt. Wobei ja für Rilkes Leben gilt, daß es in diesem eigentlich gar nichts "Unbedeutendes" gab. Am Ende seines Lebens stand die Liebe zu Baladine Klosswska. Er las (KulturC):

1920 begegnet die Malerin Baladine Klossowska dem Dichter Rainer Maira Rilke wieder. Sie, die geschiedene Mutter zweier halbwüchsiger Söhne - einer ist der Maler Balthus -, verliebt sich leidenschaftlich in ihn. Nach einer kurzen Amour fou geht Rilke immer mehr auf Abstand zu der Geliebten. Wo sie unbedingte Nähe und Gemeinschaft sucht und sich in der Liebe zu ihm verliert, braucht er Abstand und Ruhe, um schreiben zu können. Sie schreiben sich sehnsuchtsvolle Briefe, immer auf der Suche nach dem richtigen Maß von Nähe und Distanz. "Mouky" nennt Rilke seine Freundin darin zärtlich. Ein Brief an sie wird der letzte sein, den er kurz vor seinem Tod schreibt.

Diese "Suche nach dem richtigen Maß von Nähe und Distanz" hat im Leben von Rainer Maria Rilke schon früh begonnen. Von der KI kann man sich belehren lassen, was Rainer Maria Rilke schon im Jahr 1901 für sein Leben erkannt hatte:

In seinen "Briefen an einen jungen Dichter" beschreibt Rainer Maria Rilke eine tiefe, reife Form der Liebe, die nicht auf Besitz oder Klammern beruht, sondern darauf, einander den Raum zur Entfaltung zu lassen. Das entsprechende Originalzitat lautet: „Ich halte dies für die höchste Aufgabe einer Verbindung zwischen zwei Menschen: daß jeder die Einsamkeit des anderen behütet und bewacht.“ In einem anderen bekannten Brief aus derselben Sammlung formuliert er diesen Gedanken ganz ähnlich: „... der Liebe, die darin besteht, daß zwei Einsamkeiten einander schützen, grenzen und grüßen.“ Für Rilke war das Alleinsein keine schmerzhafte Leere, sondern ein fruchtbarer Zustand. Er sah die Einsamkeit als eine notwendige Voraussetzung für inneres Wachstum und die Entfaltung der eigenen Kreativität.

Und er fand, daß Rilke in diesen "Briefen an einen jungen Dichter" noch viel mehr geschrieben hatte. Er hatte im Jahr 1901 geschrieben (Rilke1901):

Es fällt niemandem ein, von einem einzelnen zu verlangen, daß er “glücklich” sein soll, - heiratet aber einer, so ist man sehr erstaunt, wenn er es nicht ist! (Und dabei ist es wirklich gar nicht wichtig, glücklich zu sein, weder als Einzelner noch als Verheirateter.)

Was für Worte. - Was für Worte. - - - Und Rilke schrieb auch (Rilke1904):

Es handelt sich in der Ehe für mein Gefühl nicht darum, durch Niederreißung und Umstürzung aller Grenzen eine rasche Gemeinsamkeit zu schaffen, vielmehr ist die gute Ehe die, in welcher jeder den anderen zum Wächter seiner Einsamkeit bestellt und ihm dieses größte Vertrauen beweist, das er zu verleihen hat.

Aber von einigen dieser Frauen hat sich Rilke schwer, nur sehr schwer wieder gelöst.

Aber er hat sich gelöst.

Und er ist früh gestorben.

Einsam.

Seine letzten Jahre waren einsam. Und es ist ja bekannt, daß Einsamkeit nicht gerade das Leben verlängert. Rilke aber hatte es bewußt so für sich entschieden. Und in den Elegien waren die Gründe dafür klar und deutlich verzeichnet. Von Seiten eines Mannes, der dem Leben alles abgerungen hatte, was ihm abzuringen war.

Schon in dieser ersten Elegie steht - fast - alles über sein Leben: Die Spannung aushalten. Sich der Liebe ergeben, sich ihr ausliefern - aber nicht vollständig. Achtung behalten, Distanz wahren. Vor ihrer großen Macht.

________

*) Sie gehen noch weiter Aber das gehört nicht mehr so sehr hierher, kann bei anderer Gelegenheit weiter verfolgt werden:
Die historische Gaspara Stampa
Wer war sie? Eine der bedeutendsten italienischen Dichterinnen der Renaissance (geboren um 1523 in Padua, gestorben 1554 in Venedig).
Literarisches Schaffen: Sie war eine Kurtisane und führte einen literarischen Salon. Sie gilt als die größte italienische Lyrikerin des 16. Jahrhunderts.
Ihr Werk: Ihre berühmte Gedichtsammlung Rime kreist um die schmerzhafte, unglückliche Liebe zu dem Grafen Collaltino di Collalto.

_________

  1. Nos, Karolina: Dagny, czyli Jutrzenka. O artystce i muzie – Dagny Juel (zu Deutsch: "Dagny oder Jutrzenka. Über die Künstlerin und Muse – Dagny Juel") 2016 (NiezlaSztuka2016)

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