Sonntag, 15. März 2026

Die Urheimat der Trichterbecherkultur - Lag sie in Kujawien?

Hatten die Menschen der Lengyel-Kultur, bzw. der Jordansmühler Kultur daran Anteil, an der Ethnogenese der Trichterbecher-Kultur?

Die Trichterbecherkultur (4.300 bis 2.800 v. Ztr) (Wikiengl) ist hier auf dem Blog bislang nur sehr stiefmütterlich behandelt worden (außer: Stg2026). Zu viele andere Themen waren uns bislang wichtiger gewesen.

Aufgrund einer neuen Studie sind wir gerade sehr erstaunt, was für eine Vielfalt an Keramik sich schon in der Trichterbecherkultur findet (1) (Abb. 1 bis 4) und wie formschön diese anzusehen ist. Diese vielfältigen Keramikformen datieren auf die Zeit nach 3.500 v. Ztr. und werden auf Einflüsse der Badener Kultur (3.500-2.700 v. Ztr.) (Wiki) aus dem Mittleren Donauraum zurück geführt (1). Indem wir aber von dieser neuen Studie ausgehen, machen wir uns nach und nach eine Fülle von Zusammenhängen klar, die am Ende darauf hindeuten, daß die Trichterbecher-Kultur tatsächlich - wie auf dem dänischen Wikipedia vermutet - in Kujawien an der Weichsel entstanden sein könnte (also in der ehemaligen deutschen Provinz Posen).

Abb. 1: Gefunden 2016 bei dem Dorf Slabencinek, gelegen 3,5 Kilometer nördlich von Hohensalza (Inowrocław) (Wiki) in Kujawien, 3.500 bis 3.350 v. Ztr. (das Dorf wurde auf Deutsch auch Ruppertshof genannt; poln. Sławęcinek) (aus 1) 

Der Leser mache sich also zunächst in diesem Blogartikel auf ein "Sammelsurium" an Themen befaßt. Wir pflücken viele unaufällige "Erkenntnis-Blumen" am Wegesrand und geraten dabei unversehens zur etwaigen Klärung einer Frage, die den Bloginhaber schon seit mehreren Jahrzehnten umtreibt.

Wir gehen die Dinge jedenfalls nach und nach durch so wie sie auch bei der Erarbeitung dieses Blogartikels in das Blickfeld gerieten: Die erwähnte Badener Kultur ist ab 3.500 v. Ztr. im Karpatenbecken entstanden. Mit ihr kam es - sozusagen - zu einem "Wiederaufleben", bzw. genauer: zu einer ersten Ausbreitung typischer (west-)europäischer, mittelneolithischer Bauerngenetik in das Karpatenbecken, ganz ohne die Beimischung von Karpaten-Jäger-Sammler-Genetik wie es sie in dieser Region in der vorhergehenden und in der nachfolgenden Kultur gegeben hat(s. (Stg2021). Ebensowenig hat es in der Badener Kultur - natürlich - Steppengenetik gegeben. Denn diese Steppengenetik entstand in genau jener Zeit ab 3.300 v. Ztr. erst innerhalb der Jamnaja-Kultur am Mittleren Dnjepr.

Und nun noch ein weiterer Umweg, bevor wir zu dem spannendsten Ergebnis dieses Blogartikels kommen.

Wurden Rad und Wagen in der Cucuteni-Tripolje-Kultur erfunden?

In diesen Zeitraum fällt auch die Erfindung des Rades und des von Rindern gezogenen Wagens. Da diese Erfindung noch wichtiger ist als die Vielfalt der Gefäßformen, fühlen wir uns getrieben, uns zunächst mit diesem Thema zu beschäftigen. Vor fünfzehn Jahren waren wir einmal total fasziniert darüber, daß Rinderwagen-Prozessionen in der Zeit um 3.100 v. Ztr. in Nordjütland stattgefunden haben (Stg2010). Damals stand für uns die Kugelamphoren-Kultur (3.300 bis 2.800 v. Ztr.) im Vordergrund. Auch aus der Badener Kultur, so wird auf den ersten Blick erkennbar, gibt es vergleichsweise viele und eindrucksvolle Wagendarstellungen. Aber noch ältere Wagendarstellungen gibt es - einerseits aus der Cucuteni-Tripolje-Kultur in der Ukraine und andererseits aus der Trichterbecher-Kultur fünfzig Kilometer nordöstlich von Krakau. 2012 wurden die Forschungen darüber von Seiten einer ungarischen Archäologin folgendermaßen zusammen gefaßt (2, S. 19):

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Rad und Wagen höchstwahrscheinlich nicht aus Mesopotamien nach Europa gelangten. Es ist möglich, daß diese beiden Innovationen (...) aus dem Nordschwarzmeer-Raum stammen; die neuen Funde aus Nord- und Westeuropa aus dem späten Neolithikum legen jedoch die Vermutung nahe, daß Rad und Wagen gleichzeitig an verschiedenen Orten erfunden wurden. Dies würde die Unterschiede in Form und Stil erklären und warum ihnen in verschiedenen Gesellschaften und Glaubenssystemen Anatoliens und Europas unterschiedliche Funktionen zugeschrieben wurden.

Insgesamt ist die Frage nach dem Entstehungsort oder der Entstehungsregion von Rad und Wagen also offen. Und sie bleibt spannend. Aber der Zeitraum kann immer besser eingegrenzt werden. Nämlich auf die erste Hälfte des 4. Jahrtausends v. Ztr., grob ab 4.000 v. Ztr..

Abb. 2: Gefunden 2016 bei dem Dorf Slabencinek (auch Ruppertshof; poln. Sławęcinek) liegt 3,5 Kilometer nördlich von Hohensalza (Inowrocław) (Wiki) - 3.500 bis 3.350 v. Ztr. (aus 1)

Die ungarische Archäologin führt nämlich weiter aus (2, S. 22):

Abgesehen von den in der Steppe gefundenen Gefäßen mit Wagendarstellungen stammt die wohl bekannteste Darstellung eines Radfahrzeugs auf einem Keramikgefäß aus Bronocice in Polen (KRUK – MILISAUSKAS 1991, Abb. 3). Seine Entdeckung eröffnete ein neues Kapitel in der Erforschung europäischer Wagen. Das Gefäß konnte zuverlässig datiert werden: Radiokohlenstoffdatierungen ergaben, daß die Grube der Trichterbecherkultur, in der es gefunden wurde, älter ist als die Badener Kultur. Die eingeritzte Piktografie zeigt einen vierrädrigen Wagen mit einem rechteckigen Kasten. Auch die zentrale Zugstange ist abgebildet. In der Mitte ist ein weiteres Rad zu sehen, das nach Ansicht von Albert Lanting ein Ersatzrad oder ein heiliges Bild oder Objekt war (BAKKER et al. 1999, 784). Auch die Art der Zugvorrichtung konnte rekonstruiert werden (KRUK – MILISAUSKAS 1991, Abb. 2). Wir wissen, daß Rinder, vermutlich Ochsen, vor schwere Karren gespannt wurden, deren Achse sich mit dem Rad drehte, wie bei dem Fahrzeug auf dem Bronocice-Gefäß. Auch andere Symbole sind zu sehen (möglicherweise solche, die Wasser, Bäume oder Gebäude darstellen). Das Bronocice-Gefäß lieferte den eindeutigen Beweis, daß vierrädrige Fahrzeuge bereits lange vor dem Aufstieg der Baden-Kultur in Europa existierten (KRUK – MILISAUSKAS 1978, 1981, 1982, 1991, Abb. 3; BAKKER et al. 1999, Abb. 7).

Damit (hier Abb. 3) befinden wir uns also mitten in Geschehen rund um die Trichterbecher-Kultur.

Abb. 3: Ein berühmtes Keramikgefäß aus Bronocice, gelegen fünfzig Kilometer nordöstlich von Krakau, 3.550 v. Ztr. (Wiki) - Gefunden 1975, Archäologisches Museum Krakau - Er wird auf die Zeit vor der Badener Kultur datiert

Doch auch dies muß noch nicht der älteste, bisher vorliegende Nachweis von Rad und Wagen sein. Die ungarische Archäologin schreibt über die Zeit vor der "Boleraz-Phase", also der  frühesten Phase der Badener-Kultur (2, S. 23f):

Ein weiterer kürzlich gemachter Fund bestätigte die Vertrautheit mit Räder-Wagen vor der Boleráz-Zeit: eine stilisierte Rinderfigur auf Rädern, eine ungewöhnliche Kombination aus einem Wagen auf vier massiven Rädern und einem daran gespannten Ochsen (...). Über dieses faszinierende Modell ist nur wenig bekannt, außer daß es irgendwo in der Ukraine gefunden wurde und vermutlich in die Zeit zwischen 3950 und 3650 v. Ztr. datiert werden kann (CUCUTENI TRYPILLIA, Kat.-Nr. U-102, 263).
Another recent find too confirmed the familiarity with wheeled vehicles before the Boleráz period: a stylised cattle figurine set on wheels, a curious combination of a wagon rolling on four solid wheels and the oxen yoked to the wagon (Fig. 2. 1). Very little is known about this intriguing model save for the  fact that it was found somewhere in the Ukraine and that it can probably be dated  to the period between 3950 and 3650 BC (CUCUTENI TRYPILLIA, Cat. no. U-102, 263).

Die Abbildung dazu stellen wir - um ihrer Plumpheit willen! - ganz unten ein (s. Abb. 8). Denn wir fühlen uns beleidigt, daß ein solches Kinderspielzeug der älteste Hinweis auf Rad und Wagen sein soll. Aber wie auch immer. In diesem Zusammenhang ist nun immer auch zu erörtern die Entdeckung von Radspuren bei Flintbek bei Hamburg aus der Zeit um 3.400 v. Ztr. (UniKiel2017) (Wiki). Ähnlich wäre an das Galeriegrab von Züschen (Wiki) in Nordhessen zu erinnern mit seinen Wagendarstellungen. Es gehört der Wartbergkultur aus der Zeit zwischen 3.500 und 2.800 v. Ztr. an. Man sieht also, daß die Zeugnisse ab 3.500 v. Ztr. dichter werden, ebenso innerhalb der Badener Kultur (s. Abb. 7).

Jedenfalls: Schon an der Nutzung von Rinderwagen sollte - neben den Megalithgräbern der Elite - erkennbar sein, daß wir es europaweit und damit auch schon bei der Trichterbecher-Kultur mit sozial geschichteten Gesellschaften zu tun haben, Gesellschaften, die sich gliederten in Adel, Freie und Hörige, so wie sie erstmals ab 4.700 v. Ztr. im Pariser Becken und in der Bretagne entstanden waren und sich nach Osten ausgebreitet haben - zusammen mit "nichtmegalithischen Langgräbern" (s. Stg2025 und die beiden darauffolgenden Artikel).

Kujawien und seine Salzvorkommen - Von vielen mittelneolithischen Kulturen begehrt

Auf dem dänischen Wikipedia wird nun wie gesagt der Ursprung der Trichterbecher-Kultur nicht in Schleswig-Holstein, sondern in Kujawien an der Mittleren Weichsel (bis 1918 die deutsche Provinz Posen) gesucht (Wiki):

Die Trichterbecherkultur entstand in den südlichen Küstenregionen der Ostsee, vermutlich in Kujawien an der Weichsel, da sowohl die Bewohner von Barkær als auch eine weitere, frühe Siedlung, Stengade auf Langeland, einen Bestattungsbrauch mit großen Ähnlichkeiten aufwiesen. Sie war als Zweig der Michelsberger Kultur aus dem Süden dorthin gelangt.

Als Zweig der Michelsberger Kultur? In Kujawien? Da müssen wir erneut etwas weiter ausholen. Aber auf "Umwegen" macht man mitunter die tollsten Entdeckungen. 

Abb. 4: Tasse aus einem jungsteinzeitlichen Großsteingrab in der Fischbeker Heide im Hamburger Stadtteil Neugraben-Fischbek (Wiki) - Archäologisches Museum Hamburg

Auf Verbreitungskarten sehen wir zunächst, daß die Rössener Kultur (4790 bis 4550 v. Ztr.) (Wiki) sich vom Pariser Becken bis nach Kujawien und bis nach Böhmen ausgebreitet hat (als Auswirkung der "Französischen Revolution" von 4.700 v. Ztr.). Allerdings herrschte in Böhmen von 4.900 bis 4.300 v. Ztr. genetische Kontinuität ausgehend von den Bandkeramikern, und zwar in Form der Stichbandkeramik (Stg2021).

Die dann in Böhmen auf die Stichbandkeramik folgende, von den Archäogenetikern (Stg2021) schon charakterisierte Jordansmühler Kultur (Wiki) wird als eine Untergruppe der Lengyel-Kultur (5.000 bis 4.000 v. Ztr.) (Wiki) angesprochen. Uns kommt gerade der Gedanke: Womöglich läßt sich daraus schlußfolgern, daß das genetische Profil der Jordansmühler Kultur auf die gesamte Lengyel-Kultur zutrifft (?). Dann hätte sich das genetische Profil der Jordansmühler Kultur, bzw. der Lengyel-Kultur womöglich von der Donau bis nach Kujawien ausgebreitet und (womöglich) dort dasjenige der Rössener Kultur ersetzt. Ob von dieser Kultur dann Anregungen ausgingen zur Entstehung der Trichterbecher-Kultur? An dieser Stelle kommt uns der Geistesblitz noch nicht. Wir lesen auf dem polnischen Wikipedia zur Lengyel-Kultur (Wiki):

Die Lengyel-Kultur war eine neolithische Kultur (ca. 5000–4000 v. Ztr.), hervorgegangen aus den Donaukulturen, benannt nach dem Dorf Lengyel in der Region Tolna bei Kaposvár in Ungarn. Ihre Fortsetzung war die Jordansmühler Kultur. Die Angehörigen dieser Kultur besiedelten Gebiete des heutigen Polens (Schlesien, Kleinpolen, die Warthe-Region und Kujawien), der Tschechischen Republik (Südmähren), der Westslowakei, Westungarns sowie angrenzende Teile Österreichs, Sloweniens und Kroatiens. In Polen vermischten sich Elemente der Lengyel-Kultur mit Elementen der Polgar-Kultur und bildeten so den sogenannten Lengyel-Polgar-Komplex. 

Hier ist offenbar die Tiszapolgár-Kultur (4.500 bis 4.000 v. Ztr.) (Wiki) aus dem Karpatenbecken angesprochen. Da die Jordansmühler-Kultur durch Jäger-Sammler-Genetik der Karpaten geprägt ist (Stg2021) und damit vermutlich auch die Lengyel-Kultur, könnte dieser Umstand natürlich auch auf die  Tiszapolgár-Kultur zutreffen, die ja den Karpaten sowieso am nächsten existierte. 

Die nun im dänischen Wikipedia-Zitat genannte Michelsberger Kultur (4.400 bis 3.500 v. Ztr.) stammte erneut wohl aus der damaligen gesellschaftlichen Innovationsschmiede des Pariser Beckens und hat sich - wenn man sich Verbreitungskarten ansieht - in Böhmen zwar noch ein wenig über die Elbe ausgebreitet, aber keineswegs bis zur Oder oder über diese hinaus. Im Museum in Pilsen wird durchaus Keramik der Michelsberger Kultur gezeigt (Wiki). Aber die Archäogenetiker stellen im Gegensatz zu dieser Verbreitungskarte fest, daß ab 3.100 v. Ztr. auch in Böhmen Menschen mit Trichterbecher-Genetik siedeln (Stg2021). Auf eine Genetik, die mit der Michelsberger Kultur zusammen hängt, scheinen sie nicht gestoßen zu sein. Zumindest bisalng. wie auch immer.

Abb. 5: Rindergespann aus Bythin (poln. Bytyń), 30 Kilometer westlich der Stadt Posen, Arsenische Bronze, 4. Jhtsd. v. Ztr., 

Aber uns fällt gerade noch ein Umstand auf: In der Trichterbecher-Genetik fanden die Archäogenetiker schon 2021 einen kleinen Anteil Karpaten-Jäger-Sammler-Genetik (Stg2021). Ist das nicht doch ein Hinweis darauf, daß die Trichterbecher-Kultur in Kujawien entstanden sein könnte, bis wohin sich diese Karpaten-Jäger-Sammler-Genetik mit der Lengyel-Kultur, bzw. mit der Jordansmühler Kultur ausgebreitet haben könnte? Die Willerslev-Studie von 2024 hatte ja auch überraschend hohe Übereinstimmungen des Jäger-Sammler-Herkunftsanteils der Trichterbecher-Leute ausgerechnet mit Jägern und Sammlern aus dem Karpatenraum gefunden (s. Stg2026, und darin die Abb. 2 und darin die 3. Grafik ganz rechts) und deshalb geschlußfolgert, daß der Jäger-Sammler-Herkunftsanteil der Trichterbecher-Kultur "nichtlokaler" Herkunft sei.

Damit rücken auch die Ergebnisse der archäogenetischen Böhmen-Studie von 2021 in ganz neue Zusammenhänge! Ebenso die Ergebnisse der Willerslev-Studie von 2024. In räumlich viel weitergehende als bislang zumindest von uns geschlußfolgert.

Achtung: Auf die Ausbreitung der Bandkeramik durch die Mährische Pforte hindurch nach Schlesien, ins Wartheland und die Weichsel aufwärts bis nach Kujawien und bis ins Kulmer Land in Westpreußen werden wir in einem künftigen Blogartikel zu sprechen kommen. Diese bildete natürlich die Grundlage für alles folgende.

Woher stammt der "nichtlokale" Jäger-Sammler-Herkunftsanteil der Trichterbecher-Kultur?

Nun also zu dem eigentlichen Ausgangspunkt zurück. Zu der Vielfalt der Keramikformen innerhalb der Trichterbecher-Kultur ab 3.500 v. Ztr. In der genannten neuen Studie heißt über diese spätere Phase der Geschichte der Trichterbecherkultur (1):

Dieses Gesamtbild änderte sich um 3650/3500 v. Ztr. grundlegend, als die Badener Kultur des Karpatenbeckens, die eine über die Kultur hinausgehende Ausgestaltung neuer gemeinsamer Werte und sozialer Möglichkeiten aufwies, sich über einen Großteil Mitteleuropas erstreckte und von den Trichterbecher-Bauern auf dem Gebiet des heutigen Polens mehr oder weniger selektiv übernommen wurde. In dieser Zeit war Europa durch ein Netzwerk von Austausch und sozialen Aktivitäten miteinander verbunden, das von Kleinpolen und Süddeutschland bis in die Ostalpenregion und von Südpolen, Mähren und der Slowakei über Ungarn bis nach Serbien reichte. Die alte Vorstellung von monumentaler Architektur wurde durch das Aufkommen neuer Einstellungen zum Tod und zur Bestattung, wie sie sich in Siedlungsbestattungen und Feuerbestattungen zeigten, in Frage gestellt. Die Siedlungen wurden nun zu Orten, an denen sich ritueller und häuslicher Bereich trafen und vermischten (...). Zentrale Hauptorte entwickelten sich zu Bezugspunkten für die benachbarten Weiler und prägten die sozialen und politischen Entwicklungen in der Region, wie beispielsweise an den Trichterbecher-Fundstätten Bronocice und Kałdus erkennbar ist.

Das hier erwähnte Bronocice liegt 50 Kilometer nordöstlich von Krakau. Dort wurde die schon behandelte frühe Rinderwagendarstellung gefunden (s. Abb. 3). Kaldus (Wiki) liegt 3 Kilometer südlich von Kulm, 40 Kilometer nördlich von Thorn am Ostufer der Weichsel (GMaps). In Kaldus wurde neben der hier erwähnten Trichterbecher-Siedlung auch eine befestigte Siedlung der Lausitzer Kultur und eine Wikinger-Siedlung ausgegraben (Wiki). Das von uns schon behandelte Dorf Unislaw (Prl2019) liegt 14 Kilometer südlich von Kaldus. 

Abb. 6: Trichterbecher aus Skarp Salling, Dänemark (Wiki), 3.200 v. Ztr., Nationalmuseum Kopenhagen

Wir lesen nun weiter über die spätere Phase der Trichterbecher-Kultur ab etwa 3.500 v. Ztr. (1):

Eine engere Kontaktzone entstand in Kleinpolen und Schlesien, wo die stilistischen Einflüsse der Badener Kultur besonders im Keramikrepertoire der Trichterbecher-Kultur deutlich ausgeprägt sind. Darüber hinaus läßt sich eine Kette von Verbindungen zwischen Baden und Trichterbecher-Kultur (der sogenannte "Badenisierungs-Prozeß") anhand der Fortschritte in Ackerbau und Tierhaltung nachvollziehen, insbesondere durch die Einführung neuer landwirtschaftlicher Techniken wie Düngung und Zugtierhaltung. Grundlegend für diesen Prozeß war die zunehmende Bedeutung tierischer Nebenprodukte, erkennbar an der Sterblichkeitsrate und dem Geschlechterverhältnis der Herden sowie an Keramikfunden mit Milchfetten und -proteinen, zusammen mit der weitverbreiteten Verwendung von konischen Spinnwirteln und anderem Webzubehör.

Weiter lesen wir (1):

Die zunehmenden Verbindungen zwischen den Regionen der Trichterbecher- und der Baden-Kultur förderten den Austausch von Luxusgütern wie Feuersteinäxten und makrolithischen, retuschierten Klingen sowie Metallen. Diese Objekte wurden von den lokalen Machteliten der Trichterbecher-Kultur in Polen als Mittel zur Manifestation ihrer jeweiligen sozialen und politischen Interessen angenommen. Die fortwährenden Impulse der Badener Kultur führten auch zur Entstehung gemeinsamer Konventionen für öffentliche Trinkrituale, bei denen verschiedene Keramikgefäße aus dem lokalen Repertoire der Trichterbecher-Kultur verwendet wurden, darunter Becher mit hornförmigen Henkeln (ansa lunata), weithalsige Becher, Gläser und Flaschen mit Kragen. Die materiellen Zeugnisse dieses Prozesses lassen sich nun bis zur Trichterbecher-Fundstätte Slabencinek in Kujawien, Zentralpolen, zurückverfolgen, wo ein Trinkgeschirr entdeckt wurde, das für Milchprodukte verwendet wurde. Das Trinkgeschirr und andere Funde der Fundstätte geben Einblicke in die sozialen und rituellen Aspekte der Verschmelzung von Elementen der Baden-Kultur mit den lokalen Gegebenheiten. Die Funde tragen auch zu unserem Verständnis des komplexen Zusammenspiels zwischen Milchwirtschaft, Trinkritualen und den frühesten Rinderwagen bei.

Das hier erwähnte Dorf Slabencinek (auch Ruppertshof; poln. Sławęcinek) liegt 3,5 Kilometer nördlich von Hohensalza (Inowrocław) (Wiki) und 40 Kilometer westlich von Thorn an der Weichsel. Es liegt im früheren Kreis Hohensalza (Wiki), dessen 75.000 Einwohner im Jahr 1905 zu 30% aus Deutschen und zu 70% aus Polen bestand. Die Stadt Hohensalza hatte selbst 1871 7429 Einwohner, davon waren 2000 evangelisch, 3750 katholisch und 1560 jüdisch (Wiki). 1910 waren von den 25.600 Einwohnern in Hohensalza 58% Polen (16.000 Katholiken, 8400 Evangelische, 951 Juden; 2051 Militärpersonen). Der Anteil der Deutschen = Evangelischen war also auch hier recht hoch. Dieser Umstand tritt leicht in den Hintergrund. Die hier seit Jahrhunderten lebenden Deutschen, die mitgeholfen hatten, das Land wirtschaftlich auf die Höhe zu bringen, wurden schon zwischen 1919 und 1939 systematisch aus ihrer Heimat verdrängt. 

Abb. 7: Rekonstruktion eines tönernen Wagens der Badener Kultur mit Scheibenrädern von Szigetszentmárton (Ungarn), nach 3.500 v. Ztr. (Museum)

Aber zurück ins Mittelneolithikum: Anhand der Trichterbecher-Gefäße von Slabencinek gelang der Nachweis, daß in ihnen Milchprodukte konsumiert worden sind (Arch2023). Und das, obwohl die angeborene Laktoseintoleranz bei Erwachsenen zu dieser Zeit vorherrschend war, wie man inzwischen sicher durch die Archäogenetik weiß. Das heißt, daß es sich bei den konsumierten Milchprodukten um verarbeitete Milchprodukte gehandelt haben muß, um Milchprodukte wie Kefir, Jogurth oder ähnliche.

Uns wird bei Erarbeitung dieses Blogartikels erst bewußt, wie sehr es sogar für den rein wissenschaftlichen Fortschritt schädlich ist, daß wir Deutschen die Heimat von einem Viertel unserer Vorfahren (insgesamt gesehen) so völlig und ganz und gar aus den Augen verloren haben. Schon rein für das Verständnis vorgeschichtlicher, archäologischer Zusammenhänge ist das ein großer Fehler.

Soweit wir können, wollen wir künftig die Arbeiten polnischer Archäologen regelmäßiger im Auge behalten. Durch die Übersetzungenfunktionen bei der Nutzung des Internets ist dies auch immer leichter geworden. 

Abschließend sei noch erwähnt: Das Dorf Bythin (poln. Bytyń) (Wiki) nahe dem Dorf Kazmierz (Wiki), wo ein bronzenes Rindergespann gefunden wurde (Abb. 5) liegt 30 Kilometer westlich der Stadt Posen, 17 Kilometer östlich der Stadt Pinne inmitten der vormalig deutschen Provinz Posen auf der Straße von Posen nach Küstrin an der Oder.

Ebenso sei festgehalten: In der ungarischen Stadt Kalasch (ungar. Budakalász) (Wikiungar) nahe von Budapest am rechten Donauufer fand man 1953 ein Wagenmodell (Wiki), das aus der Badener Kultur hervorgegangen ist, also auf die Zeit nach 3.500 v. Ztr. zu datieren ist.

Abb. 8: Wagenmodell aus der Cucuteni-Tripolje-Kultur

Und ganz zum Schluß die bislang womöglich älteste Wagendarstellung der Welt, hervorgegangen aus der Cucuteni-Tripolje-Kultur in der ersten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Ztr. (Abb. 8).

Der Leser, der uns bis hierher folgen konnte, möge uns gewogen bleiben!

__________

  1. A first toast in Kuyavia: New evidence for drinking rituals in Neolithic Europe from Sławęcinek, Poland. By Łukasz Kowalski, Kamil Adamczak, Magdalena Kozicka ... Jessica Hendy. Praehistorische Zeitschrift, March 2026 (Resg)
  2. Bondár Mária: Prehistoric wagon models in the Carpathian Basin (3500-1500 BC). Archaeolingua. Series minor 32, Budapest 2012 (Resg)
  3. Burmeister, Stefan: Innovationswege - Wege der Kommunikation. Erkenntnisprobleme am Beispiel des Wagens im 4. Jt. v. Chr, in: Sv. Hansen u. J. Müller (Hrsg.), Sozialarchäologische Perspektiven: Gesellschaftlicher Wandel 5000–1500 v. Chr. zwischen Atlantik und Kaukasus. Archäologie in Eurasien 24 (Mainz 2011) 211–240 (Acad)
  4. EmanuelHe: Rad und Wagen. 8. Juli 2020 (UniMünchen)
  5. Agnieszka Czekaj-Zastawny, Jacek Kabacinski, and Thomas Terberger: The Origin of the Funnel Beaker Culture from a southern Baltic coast perspective. In: Kadrow S. and Włodarczak P. (eds.), Environment and subsistence - forty years after Janusz Kruk’s „Settlement studies…” (= Studien zur Archäologie in Ostmitteleuropa / Studia nad Pradziejami Europy Środkowej 11). Rzeszów, Bonn: Mitel & Verlag Dr. Rudolf Habelt GmbH, 2013, 409-428 (Acad)

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