Freitag, 9. Januar 2026

Zur Entstehung der Trichterbecherkultur

Haben Bandkeramiker in Ostholstein bis 4.300 v. Ztr.  unvermischt überlebt und dann mit Angehörigen der Ertebolle-Kultur ein neues Volk gebildet?

Die hohen Wildtierknochenanteile an Fundplätzen der frühen Trichterbecherkultur sind 2005 von dem Kieler Archäologen Jan Steffens in einer Studie untersucht worden (1) (s. Abb. 1). 

Abb. 1: Jagdwildanteil in der Trichterbecherkultur (nach 2, bearbeitet von L. Ammer)*)

Sie sind sehr eindrucksvoll. Denn diese Anteile waren nach dieser Studie vor allem in der Frühen Trichterbecherkultur in Ostholstein und Mecklenburg noch auffallend hoch (s. Abb. 1). Als eine Deutung dieses Umstandes wird deshalb in der Studie unter anderem vorgeschlagen (1):

.... J. Hoika (1993, 13 ff.) (...) Nach seiner Ansicht könnte es sich bei den wildtierreichen Fundstellen aus dem frühen Stadium der Trichterbecherkultur, wie z. B. Bebensee in Schleswig-Holstein, noch um die eigentlichen  Hauptsiedlungen  gehandelt  haben.  Dieser Vorstellung liegt die Annahme zugrunde, daß während der Stufe FN I erst ein geringer Teil des Nahrungsbedarfs durch Viehzucht und Ackerbau gedeckt wurde und Jagd und Sammeltätigkeit noch die eigentliche Lebensgrundlage bildeten. Eine überwiegend neolithische Wirtschaftsweise habe sich laut Hoika erst im weiteren Verlauf des Frühneolithikums durchgesetzt.  

Diese grobe zeitliche Gliederung ist in Abbildung 1 nachträglich noch markiert worden (bearbeitet von Linus Ammer).

Woher stammt der Jäger-Sammler-Anteil der Trichterbecherkultur?

Nun gut, wir wissen seit Jahren: Die Menschen der Trichterbecherkultur trugen 20 bis 30 % einheimische, mesolithische, westeuropäische Jäger-Sammler-Genetik in sich. Mit der aktuellsten Willerslev-Studie von 2024 zu diesem Thema (2) hatten wir uns hier auf dem Blog noch gar nicht beschäftigt. Das Spannende aber ist, daß in dieser sehr sehr deutlich darauf hingewiesen wird, daß diese einheimische Genetik direkt aus Ostholstein und Dänemark stammt, das heißt: nicht aus anderen Regionen nach Ostholstein und Dänemark eingeführt worden ist (2):

Unter Verwendung einer genaueren Abstammungsmodellierung stellen wir fest, daß neolithische Trichterbecher-Kultur-assoziierte Individuen in Dänemark, Schweden und Polen ihre Jäger-Sammler-Abstammungskomponente überwiegend aus einer Quelle bezogen, die mit WHG (EuropeW_13500BP_8000BP) verwandt ist.
Using more proximate ancestry modelling, we find that Neolithic FBC-associated individuals across Denmark, Sweden and Poland derived their hunter-gatherer ancestry component predominantly from a source related to WHG (EuropeW_13500BP_8000BP).

Diese wichtige Angabe war uns bislang noch nicht ins Auge gefallen.

Abb. 2: Welche Jäger-Sammler-Herkunft stammt mit derjenigen der TRB-Kultur am besten überein? ("Spatial distribution of estimated ancestry proportions of three different HG sources for Neolithic farmer individuals from Scandinavia and Poland") (aus 2)

Die Forscher schreiben weiter (2):

Unsere Ergebnisse belegen einen Bevölkerungswechsel in Dänemark zu Beginn der Neolithisierung durch Zuwanderer, die eine Mischung aus anatolischer neolithischer Bauernabstammung und nicht-lokaler Jäger- und Sammlerabstammung aufwiesen.
Our results demonstrate a population turnover in Denmark at the onset of the neolithisation by incomers who displayed a mix of Anatolian Neolithic farmer ancestry and non-local hunter-gatherer ancestry.

Warum hier so sicher von "nicht-lokaler Jäger-Sammler-Abstammung" die Rede ist, wird uns nicht klar. Vielleicht handelt es sich - nach Abb. 2 - ja bei der Jäger-Sammler-Herkunft auch um eine Reliktbevölkerung, die sich regional in Dänemark bis 4.000 v. Ztr. gehalten haben mag, obwohl es rundum zwischenzeitlich auch andere (osteuropäische) Jäger-Sammler-Herkünfte gab? 

Wir schließen jedenfalls - zumindest auf den ersten, laienhaften Blick, daß sich um 4.300 v. Ztr. Männer einer regionalen Untergruppe der Ertebolle-Kultur, die für ihre Zeit vergleichsweise archaische Genetik aufwiesen, in Ostholstein sich mit Frauen von Bevölkerungsresten der schon lange untergegangenen Bandkeramik-Kultur vermischt haben.

Ein ähnliches Szenario hat es ja zur gleichen Zeit auch in den nördlichen Karpaten zwischen Bevölkerungsresten der Bandkeramiker und den dortigen slowenischen Jägern und Sammlern gegeben (Stg2021).

Woher stammt der Bauern-Herkunfts-Anteil der Trichterbecherkultur?

Hat es sich um solches Szenario gehandelt? Immerhin: Der nördlichste Fundort der Linearbandkeramik (LBK) liegt nach heutigem Forschungsstand - laut ChatGPT - ausgerechnet bei Wangels-Blekendorf in Ostholstein (Schleswig-Holstein) und ChatGPT gibt uns dazu auch die entsprechenden Literaturangaben (erschienen ab 1997/98) (3, 4): Der bandkeramische Fundplatz Wangels-Blekendorf liegt im Kreis Ostholstein etwa 5 km von der Ostsee entfernt und wird etwa auf 5300-5200 v. Ztr. datiert. Es wurden typische bandkeramische Keramik, Hausgrundrisse und Silexgeräte gefunden. ChatGPT sagt dazu:

Der Fundplatz markiert: die ökologische und kulturelle Grenze zwischen neolithischen Bauern der Bandkeramik und mesolithischen Ertebølle-Jägern im Ostseeraum, einen frühen Kontakt- und Austauschraum zwischen beiden Lebensweisen.

Es gibt nun nur noch ein Problem: Die Ethnogenese der Trichterbecherkultur vollzog sich erst knapp tausend Jahre später - und zwar höchstwahrscheinlich in derselben Region Ostholstein. Haben die Bandkeramiker in Ostholstein unvermischt noch weitere tausend Jahre fortbestanden, um dann - gemeinsam mit Ertebolle-Leuten - ab 4.300 v. Ztr. ein neues Volk, die Trichterbecherkultur zu bilden - so wie in Böhmen (Stg2021)?

Alle diese mittelneolithischen Ethnogenesen in Europa sind ja insgesamt noch nicht gut verstanden. Viele Archäologen weisen ja bezüglich der Ethnogenese der Trichterbecherkultur auch auf kulturelle Einflüsse der Michelsberger Kultur hin. (Aber die Michelsberger Kultur hatte ja schon ihren "eigenen" einheimischen Herkunftsanteil. Wenn sie nach Dänemark zugewandert wäre, hätte nach der Vermischung der westeuropäische Jäger-Sammler-Anteil ja noch höher sein müssen - das kann es also eigentlich nicht sein.)

Das starke Bevölkerungswachstum der Trichterbecherkultur

Um aber nun zum hoher Wildtier-Verzehr der frühen Trichterbecherkultur zurück zu kehren: Er würde in das genannte Szenario wunderbar hinein passen. Dieser war halt möglich noch so lange, so lange der Wildtier-Bestand hoch war. Nachdem die Trichterbecherkultur ihre Siedlungsdichte beträchtlich erhöht haben, wird das dann nicht mehr so einfach möglich gewesen sein. Zur Erhöhung der Siedlungsdichte in der Trichterbecherkultur teilt uns ChatGPT mit:

"Während der Trichterbecherkultur vervielfachte sich die Siedlungsdichte in Nord- und Mitteleuropa von unter 0,05 auf rund 1 Einwohner pro km² - ein Anstieg um etwa das 20- bis 30-Fache. Damit markiert die Trichterbecherkultur den ersten wirklich nachhaltigen demographischen Durchbruch nördlich der Lößgebiete."

Das macht es natürlich nachvollziehbar, daß es da mit umfangreicher Jagd dann bald zu Ende war. Fischfang und Wildtierfleisch waren zuvor gut bei Vitamin D-Mangel und der dunklen Haut der Ertebolle-Leute. Als diese Vitamin D-Versorgung zunehmend wegfiel, war es natürlich sinnvoll, daß sich die Haut der Menschen aufhellte. 

Wir haben ja hier auf dem Blog schon darauf hingewiesen, daß auch die ersten nichtmegalithischen Langgräber im Pariser Becken ab 4.500 v. Ztr. oder früher nur Jagd-Symbolik aufweisen und keinerlei Ackerbauern-Symbolik (Stg2025).

Abschließend noch einmal die Zusammenfassung der Willerslev-Studie von 2024 (2):

Wir stellen fest, daß dänische mesolithische Individuen der Maglemose-, Kongemose- und Ertebølle-Kulturen ein scharf umrissenes genetisches Cluster bilden, das in Beziehung steht zu anderen westeuropäischen Jägern und Sammlern (HGs). Trotz der Umbrüche in der materiellen Kultur zeigten sie genetische Kontinuität von 8.500 bis 3.900 v. Ztr., als sich neolithische Bauern mit anatolischer Herkunft  ausbreiteten. Obwohl sich dieser Umbruch im Vergleich zu Mitteleuropa um mehr als ein Jahrtausend später vollzog, verlief er sehr abrupt und führte zu einem Bevölkerungswechsel mit nur wenig genetischem Anteil einheimischer Jäger-Sammler-Herkunft. Die nachfolgende neolithische Bevölkerung, die mit der Trichterbecherkultur in Verbindung gebracht wird, existierte nur etwa 1000 Jahre, bevor sich Menschen mit Vorfahren aus der östlichen Steppe ansiedelten. Dieser zweite, ebenso schnelle Bevölkerungsaustausch führte zur Entstehung der Einzelgrab-Kultur mit einem Abstammungsprofil, das dem der heutigen Dänen schon sehr gut ähnelte. In unserem Multiproxy-Datensatz manifestieren sich diese großen demografischen Ereignisse als parallele Verschiebungen im Genotyp, Phänotyp, der Ernährung und der Landnutzung.
We observe that Danish Mesolithic individuals of the Maglemose, Kongemose and Ertebølle cultures form a distinct genetic cluster related to other Western European Hunter-Gatherers (HGs). Despite shifts in material culture they displayed genetic homogeneity from ~10,500 cal. BP until 5,900 cal. BP when Neolithic farmers with Anatolian-derived ancestry arrived. Although this process was delayed by more than a millennium relative to Central Europe it was very abrupt and resulted in a population turnover with limited genetic contribution from local HGs. The succeeding Neolithic population, associated with the Funnel Beaker Culture, persisted for just ~1000 years before immigrants with eastern Steppe-derived ancestry arrived. This second and equally rapid population replacement gave rise to the Single Grave Culture with an ancestry profile more similar to present-day Danes. In our multiproxy dataset these major demographic events are manifested as parallel shifts in genotype, phenotype, diet, and land use.

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*) Korrektur: Die Bezeichnung "TBK Frühneolithikum" taucht zwar in der Literatur auf, ist aber mißverständlich oder sogar falsch. Denn das Frühneolithikum hat ja sogar in Ostholstein schon um 5.300 v. Ztr. mit der Bandkeramik begonnen. Und außerdem haben wir es bei der TBK - aus europaweiter Sicht - insgesamt natürlich mit dem Mittelneolithikum zu tun.

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  1. Steffens, Jan: Die Bedeutung der Jagd in der Trichterbecherkultur. In: Journal of Neolithic Archaeology, 15.12.2005. DOI: https://doi.org/10.12766/jna.2005.14 (UniKiel)
  2. Allentoft, M.E., Sikora, M., Fischer, A. et al. ... (Willerslev): 100 ancient genomes show repeated population turnovers in Neolithic Denmark. Nature 625, 329–337 (2024) (Nature2024), veröffentlicht 10.1.2024
  3. Hartz, S. „Frühbäuerliche Küstensiedlung im westlichen Teil der Oldenburger Grabenniederung (Wangels LA 505). Ein Vorbericht.“ Offa 54/55 (1997/98), S. 19-41 - zentrale Grabungs- und Auswertungsberichte zum Fundplatz Wangels LA 505 (inkl. Keramik, Stratigraphie).
  4. Hartz, S. / Lübke, H. / Heinrich, D. „Frühe Bauern an der Küste. Neue 14C-Daten und Aspekte zum Neolithisierungsprozeß im norddeutschen Ostseeküstengebiet.“ Prähistorische Zeitschrift 75 (2000), S. 129-152 - Diskussion zur Neolithisierung im Ostseeraum inkl. Wangels-Funde

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