Samstag, 7. April 2007

"Wenn du hinauf in die große Stille des nächtlichen Himmels schaust ..."

Dieser Beitrag endet ganz anders als er anfängt. Zum Inhalt der Überschrift kehren wir am Ende zurück. - Das (schon in früheren Beiträgen erwähnte) (neue) wissenschaftliche Netztagebuch von Markus Wichmann halte ich für eine große Bereicherung. Denn man ist froh, wenn man nicht immer alles (selbst) auf Englisch lesen muß. Jetzt entdecke ich dort gerade einen Hinweis auf ein neues Buch des von mir schon seit längerem sehr geschätzten Magdeburger Philosophen Michael Pauen. Ich glaube, die Meinung und Haltung von Michael Pauen deckt sich vollständig mit meiner und wird sich wohl auch als die zukunftsträchtige herausstellen. (- Klar, jeder möchte und denkt, daß seine Meinung die zukunftsträchtige ist ... Und manche behalten damit Recht ... ;-) )

"Die Entzauberung naturalistischer Entzauberungen"

Die Rezension des Buches in der FAZ enthält einige sehr wiedergebenswerte Passagen:

... Michael Pauen kennt die einschlägigen Kontroversen und gehört zu jenen Philosophen, deren Argumentation auf die Entzauberung solcher naturalistischer Entzauberungen hinausläuft. Er hat sie bereits in einigen Büchern dargelegt, die sich um den Nachweis der Vereinbarkeit von naturalistischen Beschreibungen nach neurowissenschaftlichen Standards mit unseren lebensweltlich eingespielten Begriffen von Freiheit, Selbst und Verantwortung bemühen. Die geforderten oder gefürchteten Konsequenzen für unser Selbstbild stellen sich in dieser "kompatibilistischen" Perspektive als unbegründet dar. In seinem neuen Buch (...) hat Pauen nun neben diese systematisch angelegte Argumentation einen historischen Abriss gestellt, der erkennbar dasselbe Ziel verfolgt. Ein Durchgang von Descartes bis zum deutschen Materialismusstreit im neunzehnten Jahrhundert soll vor Augen führen, dass die wissenschaftlichen Revisionen von zentralen Zügen des Menschenbilds immer Rhetorik geblieben sind.

Pauens Darstellung möchte die einschlägigen Auseinandersetzungen als "naturalistische Mißverständnisse" auflösen. Wo die einen fürchteten und die anderen hofften (oder zumindest zu hoffen vorgaben), dass mit neuen naturalistischen beziehungsweise "materialistischen" Erklärungen menschlicher Fähigkeiten das Selbstbild sich radikal verändern würde, da sieht der Rückblick lediglich das Fortschreiten zu immer besser gelingenden wissenschaftlichen Beschreibungen unserer Dispositionen und Fähigkeiten. Weder hat uns die Physiologie zu Maschinen gemacht, noch wurde nach Darwin der Unterschied zwischen Tier und Mensch verwischt, noch ist es der Hirnforschung gelungen, unsere "Alltagspsychologie" zu zerrütten. Aus dem geschichtlichen Rückblick lässt sich demnach kein Grund zur Befürchtung (oder vielleicht auch Hoffnung) gewinnen, dass sich die basalen Kategorien unserer Selbstbeschreibung, die sich offensichtlich als effizient und haltbar erwiesen haben, in naturalistischen Neubeschreibungen auflösen könnten.

Und die FAZ fragt weiter:

Woher aber dann die Energie, mit der über diese Prognosen und Befürchtungen auch heute noch debattiert und gestritten wird? Neigt eine kompatibilistische Position wie die von Pauen nicht zur Unterschätzung der faktischen Schlagkraft eines Naturalismus, der sich von Pharmaka bis Neurochips in neuen Technologien verkörpert, die zweifellos Rückwirkungen auf unsere Selbstbeschreibungen haben und haben werden? Und lässt sich für diese Entwicklungen nicht eine Beschleunigung prognostizieren, für die keine historische Parallele in Anschlag zu bringen ist?

Die "faktische Schlagkraft des Naturalismus"

Tatsächlich. Die Fragen sind berechtigt. Ich muß das Buch von Pauen ja selbst erst lesen, glaube aber nicht, daß Pauen seine These so faßt, daß sie für alle Aspekte des Menschenbildes insgesamt gilt. Sein Schwerpunkt ist ja die Willensfreiheit des Menschen. Drastischere Wendungen im Menschenbild ergaben und ergeben sich wohl nicht in Bezug auf die philosophische Deutung der Willensfreiheit - wahrscheinlich ist das in vielem nur eine "Nebengleis"-Diskussion - wohl aber z.B.:

1. in Bezug auf die Tatsache, daß Humanevolution bis in unsere Zeit hinein - und zwar auf allen Bereichen menschlichen Seins - Gruppen-Evolution (und nicht nur Individual-Evolution) gewesen ist,

2. in Bezug auf die Tatsache, daß es einen engen Zusammenhang gibt zwischen Gruppen-Evolution und der Evolution der Religiosität des Menschen.

Es wird sich - so meine weitergehende, sehr "bescheidene" Prognose - das naturalistische Weltbild als eine Art sehr simpler "Gottesbeweis" dahingehend herausstellen (oder hat sich als solcher schon herausgestellt), daß es aufzeigt, daß Gesellschaften ohne irgendeine Form von Metaphysik langfristig nicht überlebt haben in der Humanevolution, und daß sie auch (- alle Zeichen deuten darauf hin) in ihr nicht überleben werden ohne irgend eine ausgeprägtere Form von Metaphysik.

Und der tiefere Grund dafür scheint zu sein, daß Metaphysik etwas tief in den Naturgesetzen selbst, in aller Materie, in allem Sein Angelegtes ist, etwas bei der Entstehung der Welt Vorhandenes (siehe z. B. Anthropisches Prinzip), etwas im Ablauf der Evolution Wiederzufindendes (z. B. in allen Formen der von Simon Conway Morris aufgezeigten so reich vorhandenen konvergenten Evolution) und dann natürlich auch etwas in der menschlichen Physiologie und Psychologie Wiederzufindendes. Allerdings dann auf einer ganz neuen, "bewußten" Stufe.

Ist post-metaphysische (Human-)Evolution möglich?

Mit dem Philosophen-Trio Georg Friedrich Wilhelm Hegel, August Wilhelm Schelling und Friedrich Hölderlin würde man dann vielleicht sagen können: "Gott" oder wie immer man die Ursache der Weltentstehung benennen möchte, z.B. eine auch als eine "unbewußte Intelligenz" - hat im Menschen eine neue Bewußtseinsstufe ihrer/seiner selbst in der Weise erlangt, daß sie - die zuvor ihrer selbst unbewußte Intelligenz - sich ihrer selbst nun bewußt wird. Irgendeine Form von "Vernunft", von Rationalität, von Ästhetik (vielleicht sogar von Moral?) muß/kann es ja wohl schon "vor" dem Urknall gegeben haben, denn was ist denn "vernünftiger", "rationaler", "ästhetischer" als die (Feinabstimmung der) Naturgesetze, als das Weltall insgesamt, als das Leben auf der Erde? (So ähnlich argumentiert übrigens auch Hoimar von Ditfurth.)

Allerdings kann diese vorhandene potentielle "Vernunft", potentielle "Intelligenz", diese "Schönheit" oder "Moral" - soviel kann doch aus der Sicht eines naturalistischen Weltbildes ebenfalls mit ziemlicher Sicherheit gesagt werden - sich ihrer selbst außerhalb des menschlichen Bewußtseins nicht bewußt sein. Sie kann sich ihrer selbst nicht bewußt sein, da Bewußtsein an die Komplexheit der Nervenzellen eines menschlichen Großhirns gebunden ist. Sie kann also außerhalb des menschlichen Bewußtseins nur als unbewußte "Information" vorliegen, als "Information", ohne grundsätzlich an Materie, an Raum und Zeit und ihre Gesetze gebunden zu sein. Wie trotz "Nichts" "Information" vorhanden sein kann (sozusagen die Aufbau-Anleitung für ein Universum, ebenso wie der Antrieb, diesen Aufbau nun vorzunehmen), das wird jenseits der menschlichen rationalen Begreifbarkeit liegen.

Also drastischere Revisionen können sich durch die "Naturalisierung unseres Weltbildes" sehr wohl ergeben. Die Philosophen sind nur wieder einmal so ziemlich die letzten, die das in umfassenderer Weise in den Blick bekommen, weil sie - als typische "Fachidioten"? - als traditionell metaphysisch denkende Philosophen sich selten mit der Naturwissenschaft beschäftigen (z.B. Dieter Henrich) und als traditionell atheistisch denkende Philosophen oft gar nicht zu merken scheinen, was sie alles übersehen, wenn sie nur "atheistisch" auf die Natur, den Menschen und sein Gruppenleben sehen, wenn sie andere Möglichkeiten der Interpretation als "post-metaphysische" Denker wie selbstverständlich von vornherein gar nicht in Rechnung stellen (z.B. ein gewisser "Staatsphilosoph").

"Wenn du hinauf in die große Stille des nächtlichen Himmels schaust ..."


Ich habe gerade angefangen, das neue Buch des Schriftstellers Michael Frayn zu lesen, der durch sein Bühnenstück "Kopenhagen" (über die Atomphysiker Werner Heisenberg und Nils Bohr) bekannt geworden ist, und wo schon allein der geschichtliche Kommentar von Frayn beeindruckt. Dieses Buch nun heißt im Untertitel schon ziemlich "neuartig": "Our part in the creation of a universe" und ist - soweit ich bis jetzt sagen kann - philosophisch wesentlich klüger und durchdachter als was man sonst alles so im allgemeinen liest und findet auf diesem Gebiet. So weit ich bisher gelesen habe, hat Frayn immer nur über (schlichte) Tatsachen geschrieben. Aber ihm gelingt es, das schier "Unbegreifliche" an all den, ach, angeblich so "entzauberten" (also begreiflichen?) Tatsachen geradezu wie spielend dem Leser immer wieder auf Neue vor Augen zu führen.

Zum Beispiel die ersten Worte des ersten Kapitels: "Wenn du hinauf in die große Stille des nächtlichen Himmels schaust, dann scheint eine Sache sicher zu sein. Du kannst nicht anders als Robert Frost zustimmen in dem immer wiederkehrenden Moment des menschlichen Nachdenkens: diese Ruhe scheint für diese Nacht gewiß anzudauern. Was immer die nicht begreifliche (discrepant) Größe und Einseitigkeit (lopsidedness) des Universums sein mögen, es ist zumindest da. Nimm eine gewöhnliche Supernova hinzu oder tu sie weg (keine davon sichtbar in dieser Nacht, zumindest nicht für das bloße Auge) und vielleicht einen rasenden, verglühenden Meteoriten, um der Dauerhaftigkeit, die dich umgibt, etwas entgegenzusetzen, es ist dort draußen ein fundamental stabiles Arrangement von Dingen, anhand derer du deine Uhr stellen kannst und nach denen du deine Schritte richten kannst.

Aber dann wissen wir, daß das ganze Display in Bewegung ist. Nicht nur die Erde bewegt sich um die Sonne mit dreißig tausend Kilometern in der Sekunde, sondern die Sonne bewegt sich im Kreis in der Milchstraße mit 250 Kilometern in der Sekunde - und die ganze Milchstraße bewegt sich mit 600 Kilometern in der Sekunde in Richtung Virgo-Gruppe, die selbst wieder in Bewegung ist. ..."

Ach, wie gern möchte man so schnell wie möglich dieses dicke Buch lesen (500 Seiten!). Aber es ist in Englisch! Und man muß sich - deshalb - durchbeißen als deutscher Leser, denn es sind ja nicht gerade triviale Themen! Wie schön wäre es, wenn es bald ins Deutsche übersetzt werden würde ...

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