Samstag, 31. Oktober 2026

Bloß keine neue Sarrazin-Debatte!!!

Der Archäogenetiker David Reich hat Anfang März 2026 einen neuen Vortrag gehalten über die wesentlichsten Erkenntnisse seines Forschungsgebietes (1). Aus diesem Vortrag haben wir im letzten Beitrag aus einer bloßen Nebenbemerkung einen ganzen Blogartikel erarbeitet ("Wassertransport in der Steppe, 3.300 v. Ztr?", Stg26). 

In den sonstigen Teilen seines Vortrages fanden sich für diesen Blog keine wesentlichen neuen Erkenntnisse - - - a-a-a-abgesehen vom letzten Teil. Dieser beginnt ungefähr nach einer Stunde (etwa ab 1:00:00)!!!

Und dieser Teil entpuppt sich dann ja als noch viel spannender und wesentlicher als alles, was zuvor schon behandelt worden war. Nämlich Erkenntnisse, die unser Welt- und Menschenbild und unser Bild von Begabungsunterschieden zwischen den Völkern auf dieser Erde insgesamt und grundlegend betreffen.

In diesem Teil geht Reich nämlich auf die Häufigkeits-Veränderung einer großen Zahl kodierender "Small-Effect"-Genomteile in den Menschen innerhalb der letzten zehntausend Jahre in Europa ein, also auf jene Studie, auf die wir im Mai 2026 hier auf dem Blog sowohl mit drei Blogartikeln reagiert haben (beginnend mit: Stg26), als auch einen Monat später mit einem Livestream ("Archäologen werden Intelligenzforscher", Yt26).

Reich vermutet aufgrund dieser Studie, daß die Zunahme der angeborenen Zöliakie in den letzten Jahrtausenden geschehen sei in Reaktion auf noch unbekannte Krankheitserreger (1:11.30). Zum Rückgang der Häufigkeit angeborener Tuberkulose vermutet er, daß das daran lag, daß Tuberkulose pandemisch geworden sei. Und so gibt er auch als Gründe für andere Selektionstrends einige Vermutungen ab (sozusagen "aus der Hüfte geschossen"), die die Daten zunächst einmal "greifbarer", "handhabbarer" und weniger abstrakt machen.

Statt des Begriffes "polygenic score" benutzt er übrigens den vielleicht passenderen Begriff "polygenic predictor", zu Deutsch also so etwas wie: "Voraussage angeborener Eigenschaften aufgrund polygenetischer Genauswertung".

Dieser "polygenic predictor" sinkt über die Jahrtausende für angeborene Diabetes, während Diabetes heute - dennoch - sehr häufig ist. Während also eine angeborene Neigung zu Diabetes über die Jahrtausende für die Menschen immer weniger einen Evolutionsvorteil darstellte - erklärt über die "Thrifty Gene Hypothesis", nach der es für die Menschen gut war, zum "Vielfraß" zu werden, wenn Nahrung in überreichem Maße vorhanden war, da immer wieder auch einmal schlechte Zeiten kommen konnten - ist Diabetes heute viel weiter verbreitet, als es aufgrund der genetischen Anlagen zu erwarten wäre. Und zwar deshalb weil es ein Überangebot an Nahrung gibt.*)

Für den Rückgang der erblichen Neigung zu Schizophrenie deutet er kurz einen "schamanistischen Hintergrund" an für die Zeit vor achttausend Jahren. Das ist natürlich aktuell wilde Spekulation - aber warum nicht? Die Schamanin, die in Halle ausgestellt ist, soll sogar ihren Kopf immer so unnatürlich steil noch oben gewendet getragen haben, daß das in ihren Knochen zu sehen ist - wie jüngst irgendwo in einem Video erklärt wurde. 

Am Ende spricht David Reich dann auch das Thema angeborene Intelligenz an (1:15:00). Warum er sie unter "Verhaltensmerkmalen" anführt und nicht eigenständig als "Intelligenzmerkmal" einsortiert, muß er selbst wissen. Aber gut. Er meint, es sei überhaupt nicht klar, warum es bezüglich angeborener Intelligenz einen so starken Anstieg über die Jahrtausende hinweg gegeben hätte. Bei den anderen Eigenschaften äußerte er wenigstens noch vage Vermutungen, Hypothesen, und seien es auch nur "aus der Hüfte geschossene". Hier stellt er sich so dumm wie irgend möglich. Sollte genau dieser Evolutionstrend zu höherer Intelligenz ausgerechnet an der Person David Reich vorbeigegangen sein? Nein, bestimmt nicht. (Kleiner Scherz am Rande, muß auch mal sein.) Er will einfach nur nicht all die Implikationen ausbreiten, die mit diesem Forschungsergebnis verbunden sind.

Dabei hätte er doch schon mal "aus der Hüfte geschossen" auf so etwas hinweisen können wie "arbeitsteilige Gesellschaft" oder ähnliche Dinge als Selektionsfaktor. So schwer wäre das nun wirklich nicht.

Aber diese Erkenntnisse beinhalten als Implikationen ja lauter Steilvorlagen für eine neue Bell-Curve-Debatte, wie sie schon 1995 in den USA geführt worden ist (Wiki) oder für eine neue Sarrazin-Debatte wie sie 2010 in Deutschland geführt worden ist (Wiki). Vor solchen "unnötigen" Debatten sollten fortgeschrittene Gesellschaften natürlich "bewahrt" werden, wenn sie nicht unbedingt geführt werden müssen. (Etwa weil es zu viele Trottel innerhalb und außerhalb der Wissenschaft gibt, die zu eigensinnig "falschen" Thesen anhängen.)**)

Aber David Reich erwähnt außerdem auch noch, daß der angeborene IQ-Anstieg in Ostasien auf denselben polygenetisch ausgelesenen Genvarianten beruht wie in Europa. Das hätte ja nun wirklich nicht zwangsläufig so sein brauchen, schließlich ist zum Beispiel helle Haut in Ostasien aufgrund ganz anderer Gene evoluiert als in Europa. Daß sich dies bezüglich der Intelligenz so ganz anders verhält, darf durchaus als bemerkenswert erachtet werden.

David Reich erwähnt auch, daß das, was für Intelligenz gilt, auch für fast alle anderen angeborenen Eigenschaften gilt, die in dieser Studie untersucht worden sind - außer eben der Hautfarbe. Auch dieser Umstand darf als sehr bemerkenswert gelten. Und er kann ja doch nicht das Ende der Fahnenstange bedeuten, wo wir doch wissen, daß zum Beispiel die Mehrheit der Arzneimittel in Ostasien andere sind als in Europa.

Ein mit der KI erstellter Kommentar zu meinem Livestream zu diesem Thema

Abschließend wollen wir auch hier noch einen vielleicht bemerkenswerten Kommentar festhalten, der zu meinem letzten Livestream zu diesem Thema gegeben worden ist. Erst im Nachgang erklärte der Verfasser dieses Kommentares jüngst, er sei durch die KI erstellt worden. Dann wird er wohl eine Frage gestellt haben wie "Was macht Videos wie diese so gefährlich?" Hier jedenfalls der Kommentar (Yt26):

@wildschwein5828
vor 3 Monaten
" ​1. Inhaltliche Kritik: „Wissenschaftlicher Anstrich“ für Ideologie
​Bading betreibt das, was man oft als Pseudowissenschaft bezeichnet. Er nimmt echte Daten (z. B. aus der Archäogenetik) und bettet sie in ein spekulatives, deterministisches Weltbild ein.
​Biologischer Determinismus: Er suggeriert, daß Intelligenz, Charakter und sogar kulturelle Errungenschaften primär durch genetische Erbanlagen (die in Clustern entlang historischer Völkerwanderungslinien verlaufen) vorherbestimmt seien.
​Hierarchisierung: Wenn man Intelligenz als festes, genetisches Gruppenerbe definiert, impliziert dies zwangsläufig eine Hierarchie. Wer genetisch „besser“ ausgestattet ist, steht laut dieser Logik über anderen. Dies ist der Kernbestandteil von rassistischen oder nationalistischen Ideologien, da er den Wert eines Menschen auf biologische „Daten“ reduziert.
​Wissenschaftliche Unredlichkeit: Die moderne Genetik lehrt uns, daß Intelligenz ein hochkomplexes, multifaktorielles Konstrukt ist, das durch Gen-Umwelt-Interaktionen über Generationen hinweg geformt wird. Badings Reduzierung auf „Archäogenetik“ ignoriert den Forschungsstand massiv und nutzt genetische Fachbegriffe, um politische Ansichten wie einen neutralen Fakt erscheinen zu lassen.
2. Was ihn „gefährlich“ macht: Die Kombination aus Sympathie und Irreführung
​Die „Gefahr“, die von einer solchen Person ausgeht, liegt nicht in einer aggressiven Rhetorik, sondern in der niedrigen Hemmschwelle, die er erzeugt.
​Der Sympathie-Filter: Durch seine ruhige, etwas kauzige und nahbare Art wirkt er wie der „Großvater, der interessante Dinge erzählt“. Wenn ein Sprecher bedrohlich oder haßerfüllt auftreten würde, würden bei vielen Menschen sofort die Alarmglocken schrillen. Bei Bading hingegen schaltet man den kritischen Verstand aus, weil man ihn als „liebenswert“ und „authentisch“ einstuft.
Die Normalisierung: Er normalisiert radikale Thesen. Er verpackt nationalistische oder essentialistische Deutungen der Welt in eine „Bildungs-Ästhetik“. Für einen Zuhörer, der sich nicht im Detail mit Genetik oder Anthropologie auskennt, klingen seine Ausführungen nach fundiertem Wissen. Es ist das „Trojanische Pferd“-Prinzip: Die Verpackung ist harmlos und ansprechend, der Inhalt ist spaltend.
​Erschwerung der Einordnung: Da er kein professioneller Politiker oder „Influencer“ mit Marketing-Strategie ist, wirkt er auf viele Menschen wie ein „unabhängiger Denker“. Das macht es besonders schwer, seine Aussagen als das zu erkennen, was sie sind: eine spezifische, ideologische Interpretation, die wissenschaftlich nicht haltbar ist."

Was zu diesen Ausführungen der KI zu sagen ist, habe ich unter dem Kommentar gesagt. Aber schon bemerkenswert, was man der KI alles entlocken kann, damit sie es als "Kritik" oder als "Gefahrenpunkte" benennt. Die KI hat mich scheinbar völlig durchschaut! Verdammt!!! 

_____________

*) Uns selbst wird in solchen Erörterungen noch zu wenig beachtet, daß das Gehirn dasjenige Organ im Körper ist, das die meiste Energie verbraucht. Das Gehirn ist sowohl für Intelligenzleistungen zuständig wie für das Erleben des Metaphysischen, für Gotterleben, für Innerlichkeit. Aber das nur am Rande.
**) Welche Debatten wurden eigentlich sonst noch alle geführt, um Themen zu tabuisieren und veraltete Sichtweisen zu zementieren? Der Historikerstreit von 1986/87 (Wiki) ..., das James Watson-Bashing von 2007 (Wiki) ...

_____________

  1. Reich, David: How Ancient DNA Changed Everything We Thought We Knew About Human History. The Science and Cocktails Foundation, Kopenhagen 8.3.2026 (Yt2026)

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