Die Ethnogenese der Völkergruppe der Germanen in den Ostseeländern, der Prozeß ihrer Entstehung in Form der Vermischung von zuwandernden Schnurkeramikern mit dort einheimischen Trichterbecher-Leuten, wird von der Archäologie nach und nach genauer beschrieben (1).
![]() |
| Abb. 1: Tataren in der Steppe - "Ein wanderndes Dorflager - Aul der Kundorofskischen Tataren in der Nogayischen Steppe", Kupferstich von Christian G. H. Geißler, 1793, koloriert erschienen 1812 (Stckh) (aus Abschluß-Folie in: Yt) - Ähnlich wurde Europa von den Schnurkeramikern besiedelt bis nach Skandinavien hinauf |
Daß sich die indogermanische Genetik in Nordeuropa stärker durchgesetzt hat als in Mittel- und Südeuropa wird auf den unterschiedlichen Siedlungsdichten der Vorgänger-Bevölkerungen beruht haben - so vermuten wir seit Jahren (denn irgendeine Erklärung muß es ja dafür geben.
Die Trichterbecher-Kultur in Skandinavien wird eben doch nicht eine so hohe Siedlungsdichte gehabt haben wie die mittelneolithischen Kulturen in Mitteleuropa. Dazu kommt, daß es ab 3.100 v. Ztr. innerhalb der Trichterbecher-Kultur einen starken Bevölkerungsrückgang gegeben hat, dessen Gründe noch nicht vollständig aufgeklärt sind (1). Aufgrund dieses Bevölkerungsrückganges wurden aber vormals besiedelte und landwirtschaftlich genutzte Höhenlagen auf der Jütländischen Halbinsel aufgegeben. Diesen Umstand macht sich eine neue archäologische Studie zunutze (1).
Schon 2019 war zur Zuwanderung der Indogermanen nach Jütland eine wichtige Studie erschienen, die wir hier auf dem Blog ausgewertet hatten (Stg21). Nach ihr trat die Schnurkeramik-Kultur - etwa - zeitgleich auf mit der Kugelamphoren-Kultur in Jütland ab 3.100 v. Ztr. - zusammen mit den ersten Rinderwagen. Es mutet gleichsam so an, als ob die Schnurkeramiker eine wesentliche militärische "Säule" gebildet hätten in einem gegebenenfalls anzunehmenden großen Heeresverband des Großreiches der Kugelamphorenkultur, als dieses Nordjütland eroberte. Vielleicht vergleichbar der Eroberung der Cucuteni-Tripolje-Kultur durch die Maikop-Kultur vierhundert Jahre zuvor (Stg22).
![]() |
| Abb. 2: Trichterbecherfunde zwischen 3.100 und 2.900 v. Ztr. - Das rot umrandete Untersuchungsgebiet war in dieser Zeit unbesiedelt (aus 1) |
Nun stellen die Forscher in einer neuen Studie fest, daß der höchst gelegene Teil der Halbinsel Jütland, der Jütländische Höhenrücken (Wiki) zwar zwischen 4.000 und 3.100 v. Ztr. - wie gesagt - von der Trichterbecherkultur so wie die übrigen Landesteile besiedelt gewesen war, daß er aber zwischen 3.100 und 2.800 v. Ztr. von dieser aufgegeben worden war.
Die Trichterbecherkultur hatte sich in diesem Zeitraum auf alle übrigen Regionen Jütlands beschränkt, so daß dieser Teil, so die Studie, eine Wiederbewaldung erfuhr. Dieser höchst gelegene Teil Jütlands - in Abbildung 1 das rot umrandete Untersuchungsgebiet - wurde dann ab 2.800 v. Ztr wieder besiedelt, und zwar nun von nomadisch lebenden, vornehmlich Weidewirtschaft betreibenden Schnurkeramikern, wie sie auch sonst in Jütland siedelten (1):
Frühe Schnurkeramik-Gruppen waren während des größten Teils dieser Periode nördlich, westlich und südlich des Untersuchungsgebiets präsent (Hübner, 2005 , S. 655–56), und wir haben derzeit keinen Anlaß für die Annahme, daß die Grenzen des Untersuchungsgebiets mit einer bestimmten Diskontinuität in den Beziehungen dieser Gruppen und derjenigen im Untersuchungsgebiet (sozial, genetisch oder anderweitig) übereinstimmen. Im Gegensatz dazu kann die östliche Begrenzung des Untersuchungsgebiets in erheblichem Maße als Annäherung an eine territoriale Grenze angesehen werden, wie weiter unten (Abschnitt 6) noch erläutert wird.
Im östlichen Teil Jütlands traten die Schnurkeramiker auch ab 2.800 v. Ztr. also zunächst nicht auf. Hier scheint die Trichterbecher-Kultur am längsten ihre kulturelle und genetische Kontinuität bewahrt zu haben. Hier scheinen also die "letzten" Trichterbecher-Leute gelebt zu haben. Im Grunde ein bewegender Umstand.
Um einen Landschaftseindruck vom Jütländischen Höhenrücken zu geben: Als höchste Erhebung Dänemarks gilt der Møllehøj (Wiki) mit 170 Metern über dem Meeresspiegel (Abb. 3). Zwei andere Erhebungen sind ähnlich hoch. Auf einem der beiden anderen befindet sich ein bronzezeitliches Hügelgrab.
![]() |
| Abb. 3: Blick vom Aussichtsturm des 170 Meter hohen Møllehøj, der höchsten Erhebung Dänemarks - Blickrichtung Westen (Wiki) (GMaps) |
Der auf dem Jütländischen Höhenrücken ab 3.100 v. Ztr. in zwei oder drei Jahrhunderten entstandene Hochwald wurde nun von den Schnurkeramikern ab 2.800 v. Ztr. in vergleichsweise kurzer Zeit in Weideland umgewandelt. Dabei könnte auch Brandrodung eine Rolle gespielt haben. Die ersten Schnurkeramiker waren in dieser Region - ähnlich wie in anderen Regionen Europas, etwa den Niederlanden oder der Weichselregion - nicht seßhaft. Das zeigt sich in dieser neuen Studie und dieser Umstand ist doch immer wieder ein erstaunlicher Befund (1):
Aus dieser Zeit (ca. 2850–2600 v. Ztr.) gibt es keine Hinweise auf längerfristige oder semipermanente Siedlungen in Form größerer Ansammlungen von Hausmüll und/oder Häusern, wie sie aus früheren und späteren Abschnitten des Neolithikums in der Region bekannt sind (Madsen, 2024 ; Sparrevohn et al., 2019). Die wenigen vorhandenen Hinweise auf Siedlungen oder Siedlungsspuren bestehen ausschließlich aus kleineren Funden von Feuersteinfragmenten und in wenigen Fällen aus Keramikscherben, die im Ackerboden, in Grabhügelfüllungen oder, seltener, in Gruben gefunden wurden (ebenfalls Madsen, 2020). Dieses Muster, das bereits seit Langem auf einer deutlich kleineren empirischen Grundlage bekannt ist (Glob, 1945), trifft auf alle Gebiete der Jütländischen Halbinsel zu, die in dieser Zeit von frühen Schnurkeramik-Gruppen besiedelt worden sind (vgl. Haughton und Løvschal, 2023 ; Hübner, 2005 , S. 704–707; Johannsen, 2017), einschließlich des hier untersuchten Gebiets. Es deutet klar auf eine sozioökonomische Strategie hin, die mit einer recht ausgeprägten Wohnortmobilität einherging und wahrscheinlich auch Elemente einer relativ kurzen Transhumanz über verschiedene Landschaftszonen hinweg umfaßte (Johannsen et al., 2016, S. 45-48). In weiten Teilen der Halbinsel, auf den sandigen Böden nördlich und westlich des Untersuchungsgebiets, entstand diese Form der Hirtenkultur bereits vor der Ankunft der frühen Schnurkeramik-Migranten in der Region, genauer gesagt bei den späten TRB-Gruppen, die mit dem sogenannten Netzwerk der Kugelamphoren in Verbindung stehen (Johannsen, 2023a ; Johannsen et al., 2016 ; Nielsen, 2024). Sie behielt in diesen Gebieten auch in der späteren Vorgeschichte eine zentrale kulturelle Bedeutung (Holst und Rasmussen, 2013 ). In unserem Untersuchungsgebiet hingegen war diese Lebensweise etwas völlig Neues, als sie um 2800 v. Ztr. von Migrantengruppen eingeführt wurde. Für dieses Gebiet belegen die oben diskutierten paläoökologischen Belege zur Entwicklung der Vegetation und Landnutzung sowie die archäologischen Funde zu Siedlungs- und Mobilitätsmustern eindeutig eine sozioökonomische Strategie, die auf der Viehhaltung, vermutlich insbesondere von Rindern und Schafen, basierte. Wie weiter unten (Abschnitt 6) erläutert wird, dürften Haustierherden einen zentralen Bestandteil der Lebensweise der frühen Schnurkeramikgruppen in diesem Gebiet dargestellt haben - nicht nur in Bezug auf ihre wirtschaftliche Grundlage, sondern auch hinsichtlich ihrer Wahrnehmung von Reichtum und sozialem Status.
Damit erhält unser letzter Beitrag "Unser stolzes Nomadenleben" eine noch umfassendere Bedeutung als wir das ursprünglich beabsichtigt hatten (s. Stg2026) (Abb. 1). Man muß sich aus Abbildungen von Steppen-Nomaden der letzten Jahrhunderte nur die domestizierten Pferde wegdenken. Sie werden von den Schnurkeramikern bestenfalls in halbwilden Herden gehalten worden sein, werden aber noch nicht als voll domestizierte Zug- oder gar Reittiere gehalten worden sein. Dominierende Tiere sind bei den frühen Schnurkeramikern Schafe und Rinder, die von ihnen genutzten Jurten werden auf Rinderwagen transportiert worden sein.
Entlang der Kammlage des Jütländischen Höhenrückens ist über Jahrtausende hinweg in Nord-Süd-Richtung der sogenannte "Ochsenweg" (auch "Heerweg") genutzt worden. Er wird schon zur Zeit der frühen Schnurkeramiker eine Rolle gespielt haben, denn entlang desselben haben Sie Gräber aufgereiht (1). Auch ... (1)
... in den Niederlanden zeigen Pollendaten eine zunehmende Öffnung der Landschaft und stärkere Hinweise auf Weidewirtschaft im Landesinneren während der frühen Schnurkeramikzeit (Bakker, 2003; Doorenbosch, 2013), ähnlich wie in Mitteljütland. Im Gegensatz dazu deuten jüngste Isotopenanalysen aus der Binnenregion Kujawien im nördlichen Zentralpolen darauf hin, daß die frühen Schnurkeramik-Gruppen dieser Region bevorzugt feuchte, teils bewaldete Flußtäler nutzten, vermutlich sowohl für die Viehhaltung als auch für den Ackerbau (Pospieszny et al., 2026). Zusammen mit den oben präsentierten Daten verdeutlichen diese Beispiele aus anderen Regionen Nordeuropas die Anpassungsfähigkeit der frühen Schnurkeramik-Subsistenzstrategien, aber auch die Uneinheitlichkeit der verfügbaren Daten.
Anhand der Gräber der frühen Schnurkeramiker können große Wohlstandsunterschiede festgestellt werden. Es gab sehr reiche Anführer ("Fürsten") (mit viel Viehbesitz) und es gab Anführer mit deutlich weniger Reichtum. Frauengräber finden sich viel seltener als Männergräber, aber auch sehr wohlhabende sind vorhanden (1):
Die drei als Frauenbestattungen identifizierten Gräber erlauben selbstverständlich keine statistisch gesicherten Schlußfolgerungen; es ist jedoch bemerkenswert, daß ihre Verteilung im Vergleich zu den Männerbestattungen nicht signifikant unterschiedlich zu sein scheint. Zwei Frauenbestattungen befinden sich im mittleren Bereich des Spektrums der Bestattungsaufwendungen, während die dritte, die in Frydensbjerg gefunden wurde, eine der höchsten Bestattungsaufwendungen aller Gräber aufweist (Abb. 6). Die in dieses besondere Grab getätigte Investition, auf die wir später zurückkommen werden, wird durch die Tatsache unterstrichen, daß die Grabbeigaben zwei Halsketten mit insgesamt 581 Bernsteinperlen umfassten (diese zählen nur als eine Kategorie von Grabbeigaben in einem von vier Parametern zur Berechnung des Investitionsindex des Grabes) - die größte Anzahl solcher Perlen, die jemals in einem Grab der gesamten Schnurkeramik-Periode auf der Jütländischen Halbinsel gefunden wurde (Hübner, 2005, 181; Mahler, 1986, 101). So begrenzt diese wenigen Datenpunkte auch als Grundlage für Verallgemeinerungen sein mögen, scheint die Verteilung der Frauenbestattungen im Investitionsspektrum unseres Untersuchungsgebiets das Bild einer eindeutig patriarchalischen Kultur, das oft als zentrales Element der Schnurkeramik-Kultur postuliert wurde, nicht unmittelbar zu bestätigen. Zugegeben, der deutlich höhere Anteil an Bestattungen, die vermutlich Männer enthielten, könnte an sich auf ein höheres Maß an Investitionen in die Bestattung von Männern im Vergleich zu Frauen hindeuten - doch wie bereits erwähnt, könnte dieses scheinbare Muster zum Teil auf eine verzerrte Darstellung der Erhaltung zurückzuführen sein. Sicher ist jedoch, daß Frauen mit besonders hohem Aufwand bestattet werden konnten, also mit deutlich sichtbarem materiellem Reichtum, was plausibel darauf hindeutet, daß manche Frauen, ähnlich wie manche Männer, einen höheren sozialen Status als andere besaßen.
Das Verhältnis der Frauen zu den Männern könnte sich also womöglich gleich geblieben sein von der Landnahmezeit um 2.600 v. Ztr. an bis in die Wikingerzeit hinein (aus der ja ein ähnliches Verhältnis bekannt ist). Im Diskussionsteil der Studie heißt es (1):
Während wir bereits festgestellt haben, daß es in diesem Zeitraum nördlich, südlich und westlich unseres Untersuchungsgebiets frühe Schnurkeramikgruppen gab (Abschnitt 2), traf dies im Osten nicht zu. Hier, an der Ostküste der Halbinsel, hielten sich späte TRB-Gruppen bis zu zwei Jahrhunderte lang und führten ihre Lebensweise fort, nachdem die von uns untersuchten Migrantengruppen im Hinterland eingetroffen waren (Madsen, 2024). Diese Situation weist interessante Ähnlichkeiten zu den kürzlich für denselben Zeitraum in Teilen der Niederlande berichteten Befunden auf, wo späte TRB- und frühe Schnurkeramikgemeinschaften ebenfalls über viele Jahrzehnte koexistierten ( Bourgeois et al., 2025 ; Kroon, 2026 ; Olalde et al., 2026 ). Besonders bemerkenswert im Fall von Mittel- und Ostjütland ist, in welchem Maße diese beiden Populationen einander mieden. Obwohl ein völliger Kontaktverlust schwer vorstellbar ist, deutet die archäologische Forschung auf ein regelrechtes Niemandsland zwischen den jeweiligen Siedlungsgebieten hin (Madsen, 2020; Nielsen, 2024). In den Skelettfunden von Stenderup Hage in diesem relativ schmalen, östlichen Küstenstreifen der Jütland-Halbinsel, die auf etwa 2650 v. Chr. datiert werden, wurde in einer aktuellen Genomstudie, die das Neolithikum und frühere Epochen im heutigen Dänemark umfaßt, das jüngste Individuum ohne Steppenabstammung identifiziert (Allentoft et al., 2024b , S. 335). Zusammengenommen legen die archäologischen Befunde und die Genomdaten nahe, daß diese beiden Populationen einander sowohl kulturell als auch in Bezug auf die biologische Fortpflanzung weitgehend mieden.
Diese Ausführungen sind erneut sehr spannend. Wie werden die Menschen wie jener von Stenderup Hage (GMaps), wie werden "die letzten Trichterbecher-Leute" im Ostseeraum auf das Geschehen rundum geschaut haben? Werden sie nicht auch gedacht haben, daß dieses Geschehen wie ein Werteverfall ohnegleichen anmutet?
Der "letzte" Trichterbecher-Mann: Rituelle Wasser-Bestattungen in der Trichterbecher-Kultur
Das hier erwähnte Individuum von Stenderup Hage trug 33 % westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft in sich und 67 % anatolisch-neolithische Herkunft (ExploreDNA). Es handelte sich also um ein typisches mittelneolithisches Individuum mit vergleichsweise hoher Jäger-Sammler-Herkunft. Lassen wir uns durch die KI über dasselbe noch das folgende berichten:
Das um 2650 v. Ztr. lebende Individuum aus der Trichterbecherkultur (bekannt unter der wissenschaftlichen Probenbezeichnung NEO943) wurde nicht in einem klassischen Erdgrab oder Megalithmonument an Land bestattet, sondern seine Skelettreste wurden auf dem Meeresboden bzw. im küstennahen Flachwasser des Kleinen Belts bei Stenderup Hage (Dänemark) entdeckt. Es handelt sich um ein sogenanntes „Sumpf- bzw. Meeresbodenskelett“ (sea-floor skeleton / bog skeleton). Ähnlich wie bei dänischen Moorleichen weisen diese Funde im Wasser oft keine Spuren tödlicher Gewalt auf, sondern hängen mit rituellen Deponierungen oder kollektiven Opferpraktiken der Trichterbecherkultur zusammen, bei denen Menschen im Wasser versenkt wurden.Genetische Besonderheit: Die DNA-Analyse von NEO943 zeigte, daß er das jüngste nachgewiesene Individuum in Dänemark ist, das ausschließlich die genetische Herkunft der frühen anatolischen Farmer (Trichterbecher-Herkunft) besaß, ohne jegliche osteuropäische Steppen-DNA. Er lebte somit zu einer Zeit, als die indoeuropäische Einzelgrabkultur bereits weite Teile Jütlands dominierte, was auf eine zeitweise strikte kulturelle und biologische Trennung der beiden Gemeinschaften hindeutet.
Von solchen "Opferbräuchen" schon in der Trichterbecher-Zeit war uns bisher gar nichts bekannt.
![]() |
| Abb. 4: Stenderup Hage am Kleinen Belt, Dänemark - An der Ostküste Jütlands |
Deshalb bitten wir die KI zunächst um weitere Beispiele, um diese Angaben besser einordnen zu können:
In der Trichterbecherkultur (TBK, ca. 4100–2800 v. Chr.) und allgemein im skandinavischen Neolithikum waren rituelle Deponierungen im Wasser weit verbreitet. Feuchtgebiete, Moore und küstennahe Flachwasserzonen galten als heilige Orte oder Übergangszonen zur Geister- und Götterwelt. Die Forschung unterscheidet heute oft zwischen den klassischen Moor-Mumien der späteren Eisenzeit (wie der Tollund-Mann) und den „Moorskeletten“ (bog skeletons) des Neolithikums. Letztere wurden meist in damals offenen Gewässern versenkt, weshalb die Weichteile verrotteten, während die Knochen im Schlamm erhalten blieben. Einige der bekanntesten und wissenschaftlich bedeutendsten Beispiele für solche Praktiken aus der Trichterbecherkultur sind:1. Der „Vittrup-Mann“ (Vittrup Manden, Dänemark)Dies ist eines der spektakulärsten und am besten untersuchten Beispiele für ein neolithisches Menschenopfer. Die Skelettreste eines Mannes wurden in einem Torfmoor im dänischen Nordjütland entdeckt. Er lebte zwischen 3300 und 3100 v. Ztr.. Sein Schädel wurde mit mindestens acht heftigen Schlägen durch eine Holzkeule zertrümmert. Neben ihm im Moor lag eine typische hölzerne Keule sowie ein Trichterbecher. Genetischer Hintergrund: DNA- und Isotopenanalysen zeigten ein faszinierendes Einzelschicksal. Er stammte ursprünglich nicht aus Dänemark, sondern war als Kind/Jugendlicher ein Wildbeuter (Jäger und Sammler) an der Küste Norwegens oder Schwedens. Er kam später nach Dänemark, integrierte sich in die bäuerliche Trichterbecherkultur, änderte seine Ernährung drastisch hin zu Agrarprodukten und wurde schließlich um das 30. Lebensjahr im Moor rituell erschlagen.2. Das Moor von Sigersdal (Sigersdal Mose, Dänemark)Im Moor von Sigersdal auf Seeland wurden die Überreste von zwei Individuen gefunden, die der Trichterbecherkultur zugerechnet werden (ca. 3500 v. Ztr.). Gefunden wurden die Skelette einer Frau und einer wahrscheinlich jugendlichen Person. Um den Hals des weiblichen Skeletts war eine Schnur aus Pflanzenfasern geschlungen, die mehrfach verknotet war. Dies gilt in der Archäologie als einer der ältesten direkten Nachweise für eine rituelle Strangulation oder Erhängung im skandinavischen Raum, bevor der Körper im Moor versenkt wurde.3. Das Phänomen der kollektiven Skelettdeponierungen in SüdschwedenIm südschwedischen Schonen (Scania) gibt es zahlreiche Fundplätze, an denen Skelettreste im Wasser deponiert wurden. In ehemaligen Seen und Mooren (wie Hindby Mosse oder Sälshög) wurden nicht nur ganze Körper, sondern auffallend oft einzelne, gezielt ausgewählte menschliche Knochen (oft Schädel oder Langknochen) zusammen mit zerscherbten Trichterbechern, Tierknochen (vor allem von geopferten Rindern) und Flintbeilen versenkt. Archäologen gehen davon aus, daß Knochen teilweise aus Megalithgräbern entnommen und in sekundären Ritualen im Wasser niedergelegt wurden. Wasseropfer und Ahnenkult waren also fließend miteinander verwoben.4. Die Erdwerke vom „Sarup-Typ“Obwohl es sich hierbei um monumentale Grabenanlagen an Land handelt, spiegeln sie dieselbe religiöse Logik wider. In den Gräben des berühmten Fundplatzes Sarup (Dänemark) wurden absichtlich Trichterbecher zertrümmert und menschliche Knochen (oft Fleischknochen und Schädelteile) zusammen mit organischen Opfergaben vergraben. Diese Gräben standen zeitweise unter Wasser oder fingen Regenwasser auf, was die symbolische Verbindung von Zerstörung, Transformation und Wasserelement verdeutlicht.Einordnung: Opferung oder Bestattung?Die moderne Archäologie sieht den Übergang zwischen einem „Menschenopfer“ (Tötung als Gabe an die Götter) und einer „Sonderbestattung“ (Versenken von Toten im Wasser statt im Großsteingrab) als fließend an. Klar ist, daß die Trichterbecherkultur das Wasser als ein Medium der Kommunikation mit dem Sakralen nutzte. Während der Großteil der Gemeinschaft in den monumentalen Megalithgräbern (Dolmen und Ganggräbern) bestattet wurde, blieben Wasser und Moore bestimmten Individuen oder rituellen Anlässen vorbehalten.
Diese Ausführungen lassen wir erst einmal unkommentiert so stehen. In Stenderup Hage erhielt also ein Mann mit "altüberkommener" genetischer Herkunft eine "altüberkommene" "Wasser-Bestattung", und das in einer Zeit, als rundum schon viele Menschen sich mit den Schnurkeramikern vermischten, vielleicht sogar eher erzwungenermaßen.
Zu diesem Umstand sind beim aktuellen Stand noch viele Interpretationen möglich. Greifen wir vielleicht eine der plausibleren heraus: Vielleicht dachten sich seine Mitmenschen: Du willst dich nicht an die "modernen Zeiten" gewöhnen? Stirb und sei bestattet wie es unter Menschen deines Schlages nicht selten üblich war. Das ist natürlich reine Spekulation!
Aber langsam schälen sich Muster heraus: "Lola" von Lolland war eine der "letzten ihres Schlages", nämlich der westeuropäischen Jäger und Sammler, sie lebte um 3.700 v. Ztr. auf der dänischen Insel Lolland und ihr Birkenpech-Kaugummi wurde am Meeresboden der Südküste der Insel gefunden, das heißt, sie lebte in einer Randregion, während das Inland von Lolland schon von Trichterbecher-Bauern besiedelt war (Stg2026). Der Ötzi war herkunfts-mäßig einer der "letzten seines Schlages", nämlich fast rein anatolischer Herkunft. Er starb um 3.300 v. Ztr. in den Alpen eines gewaltsamen Todes in einer sehr abgelegenen Höhenlage (Stg2023). Und hier nun starb auch der Mann von Stenderup Hage um 2.650 v. Ztr. als einer der letzten herkunfts-mäßigen Trichterbecher-Leute in einer Küstenzone und erhielt eine "Wasserbestattung" in Strandnähe.
Auch auf der Insel Gotland endet die Trichterbecherkultur um 2.700 v. Ztr.. Allerdings wurde die Trichterbecher-Kultur dort merkwürdigerweise von Menschen mit Herkunft westeuropäischer Jäger-Sammler ersetzt, die die zum Teil die Schnurkeramik-Kultur angenommen hatten (Stg26). Wir hatten gemutmaßt: Vielleicht waren diese Menschen als "Verbündete" des Königs oder Fürsten der Schnurkeramik-Kultur sehr bewußt von anderen Gegenden her um- und auf Gotland angesiedelt worden. Das würde mehr oder weniger darauf hin deuten, daß von Seiten der Schnurkeramiker die Absicht bestand, die letzten Reste der Trichterbecher-Kultur, die "Letzten ihres Stammes" geradezu "systematisch" zu vernichten. Vielleicht weil sie Jahrhunderte lang sehr energischen Widerstand geleistet hatten gegen die Neuankömmlinge - zumal im Osten Jütlands. Dies scheint ja auch das "Niemandsland" zu den weiter westlich lebenden Schnurkeramikern zu belegen.
Die Weltgeschichte läßt auf ihrem Gang in die Zukunft viele Völker, deren Angehörige edle Menschen waren, und die eine einzigartige Sprache und Kultur ausgebildet hatten, untergehen. Man denke nur an die Indianer Nordamerikas. Wir Nachgeborenen können uns nur mit großer Hochachtung an sie erinnern. Und die Frage bleibt jedes mal auf Neue: Soll uns dasselbe Schicksal widerfahren?
________________
- Land of opportunity? Settling and social organization of the early corded ware groups in Central Jutland, Denmark. By NN Johannsen, SK Nielsen, AB Nielsen, MF Mortensen… - Journal of Anthropological Archaeology, December 2026 (JoAA2026)




Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen