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Freitag, 19. Juni 2026

50 % Jamnaja-Herkunft in Mesopotamien

Um 2.000 v. Ztr. 
Die anatolischen indogermanischen Sprachen haben sich ab 4.300 v. Ztr. als Kura-Araxes-Kultur vom südlichen Kaukasus aus über Anatolien ausgebreitet
- Die indogermanischen Vorfahren der späteren Armenier kamen ab 2.400 v. Ztr. über den Kaukasus, die indogermanischen Vorfahren der späteren Perser kamen zeitgleich nach Persien
- Um 2.000 v. Ztr. findet sich ein Mensch mit 50 % Jamnaja-Herkunft im südlichen Kurdistan, bzw. in Mesopotamien (Bakr Awa) 

Wenn man den Indogermanen auf ihren Ausbreitungen folgt bis nach Mesopotamien, taucht man in eine einem Europäer völlig fremde Welt ein, in die Welt des gnadenlosen orientalischen Despotismus, etwa eines akkadischen Königs vom Schlage Sargon von Akkad.

Abb. 1: Gefangener, gefesselt an einen Nasenring, vielleicht Angehöriger eines Nomadenstammes im Zagros-Gebirge (Gutäer oder Lulubi) - Aus der Zeit des Akkadischen Reiches - Die Gutäer sollten das von Sargon von Akkad begründete Reich ab 2.150 v. Ztr. vernichten und für 75 Jahre fortsetzen - Fragment einer Vase, möglicherweise aus Uruk (2350–2000 v. Ztr.), heute Louvre, Paris (Wiki)

Aber jene Indogermanen der Jamnaja- und Trialeti-Kultur, die ab 2.400 v. Ztr. Armenien eroberten, ebenso wie sie zeitgleich Griechenland oder Persien eroberten, waren selbst sehr gnadenlos im Umgang mit ihren Feinden. Zeitgleich eroberten die Glockenbecher-Leute England, was zu einem Aussterben der dortigen einheimischen Bevölkerung führte. Vielleicht ist der in Abbildung 1 dargestellte Gefangene eines akkadischen Königs schon ein Angehöriger jener indogermanischen Stämme, die etwa um 2.000 v. Ztr. im Zagros-Gebirge und im heutigen südlichen Kurdistan festgestellt werden. 

Denn eine neue archäogenetische Studie weist auf die erste Ankunft von Indogermanen in Mesopotamien ab etwa 2.000 v. Ztr. hin (1) (s.a. Eupedia).

Um die folgenden Ausführungen zu verstehen, macht es Sinn, noch einmal nachzuvollziehen, was über die Ankunft der Jamnaja, über die zweite Welle der indogermanischen Ausbreitung südlich des Kaukasus und in Armenien seit 2022 (Stg2022) und 2023 bekannt ist. Im Jahr 2023 hatten wir dazu ursprünglich zusammenfassend festgehalten (Stg2023):

2.300 v. Ztr. - 28 % Steppengenetik kommt (erneut) in den Südkaukasus und sinkt bis in die Eisenzeit auf die Hälfte ab.

Auch damals schon war die Steppengenetik anhand des Anteils der osteuropäischen Jäger-Sammler-Herkunft festgestellt worden - so wie auch in der vorliegenden neuen Studie (siehe unten) (1). 

Abb. 2: Die umrandeten Individuen sind die neu sequenzierten aus Bakr Awa (Mesopotamien) - Der linke hellblaue Herkunftsanteil ist der osteuropäische Jäger-Sammler-Anteil - Dieser beträgt beim obersten Individuum offenbar etwa 18 %, hoch gerechnet ergäbe das - wenn wir es recht verstehen - grob 50 % Jamnaja-Genetik in diesem Individuum (aus 1) (Hellbraun=Levante-, grau=Anatolische, orange=Zagros-, grün=Kaukasus-Herkunft)

Allerdings sind inzwischen wesentliche Neuerkenntnisse hinzu gekommen: Der Herkunftsanteil der osteuropäischen Jäger und Sammler macht zwar beim frühen Urvolk der Indogermanen um 4.500 v. Ztr., bei der Chwalynsk-Kultur, etwa 50% aus, bei dem späten Urvolk der Indogermanen ab 3.300 v. Ztr., bei der Jamnaja-Kultur, macht er allerdings nur noch etwa 35 % aus (Stg2024). Wenn man also in irgendeiner Region und Zeitepoche der Weltgeschichte den Anteil an Jamnaja-Herkunft innerhalb eines Individuums hochrechnen will ausgehend von dem osteuropäischen Jäger-Sammler-Anteil, dann muß man den osteuropäischen Jäger-Sammler-Anteil nicht mit 2 multiplizieren (wie bei den Nachkommen der Chwalynsk-Kultur), sondern mit 2,857 (100% geteilt durch 35%). Den oben aus unserem Beitrag von 2023 entnommenen Satz haben wir im Zuge der Erarbeitung des vorliegenden Beitrages inzwischen korrigiert, denn 14 % muß nicht mal 2, sondern mal 2,857 genommen werden. Und dann lautet das Ergebnis:

2.300 v. Ztr. - 40 % Steppengenetik kommen (erneut) in den Südkaukasus und sinken bis in die Eisenzeit auf 20 % ab.

In Mesopotamien werden aber in der neuen Studie in einem Individuum aus der Zeit um 2000 v. Ztr. sogar 18 % osteuropäische Jäger-Sammler-Genetik festgestellt (s. Abb. 2) (1). Wenn diese 18% x 2,857 genommen werden, erhalten wir 51,4 %, also grob um die 50 % Jamnaja-Herkunft. Und daraus leiten wir den Titel des vorliegenden Beitrages ab!

Nebenbemerkung: Wir werden aufgrund dieser Neueinschätzung des osteuropäischen Jäger-Sammler-Anteils als Teil der Jamnaja-Herkunft viele Beiträge hier auf dem Blog umschreiben müssen, in vielen wird sich dadurch der Steppengenetik-Anteil erhöhen, etwa auch der der antiken Griechen von acht auf etwa zwölf Prozent.  

Abb. 3: 900 Kilometer von Jerewan in Armenien nach Bakr Awa (GMaps),

Die genannte 50 % Jamnaja-Herkunft in Mesopotamien kommt also dadurch zustande, daß zu den 18 % hellblaue osteuropäische Jäger-Sammler-Herkunft in Abbildung 2 noch so viel Kaukasus- (grüne) und anatolische (graue) Herkunfts-Anteile hinzu gerechnet werden müssen, daß man mit ihnen auf etwa 50 % kommt.

Die anderen 50 % bestehen aus denselben Kaukasus- (grün) und anatolischen (grau) Herkunftsanteilen, allerdings findet sich in dieser zweiten Hälfte auch noch Levante- und Zagros-Herkunft (orange und hellbraun). Diese zweite Hälfte ist grob die Herkunftszusammensetzung der Menschen, die vor der Ankunft der Indogermanen südlich des Kaukasus gelebt haben.

Damit ist das wichtigste Ergebnis der neuen Studie (1) schon bennannt. Nun noch weitere Erläuterungen und Hintergründe zu dieser Studie.

Tell-Hügel Bakr Awa

Es sind 17 Menschenfunde aus dem Tell-Hügel Bakr Awa (Wiki) im südlichen Kurdistan untersucht worden.

Bakr Awa liegt im mittleren Mesopotamien, im heutigen östlichsten Irak, 327 Kilometer nördlich von Bagdad (GMaps) und 900 Kilometer südlich von Jerewan (GMaps), der heutigen Hauptstadt von Armenien, jener Region, aus der die Indogermanen gekommen sein können. (Sie können aber auch aus dem Zagros-Gebirge gekommen sein, siehe unten.) Bakr Awa liegt außerdem 1400 Kilometer südlich von Wladikawkas am nördlichen Fuß des Kaukasus (GMaps) (Abb. 4), wo ungefähr der Ausgangspunkt der Ausbreitungsbewegung der Indogermanen mit ihren neuartigen Streitwagen und domestizierten Pferde vermutet werden kann.

Der Tell-Hügel Bakr Awa wird schon seit vielen Jahrzehnten erforscht. Zuletzt hatten viele unwissenschaftliche Plünderungen stattgefunden. 2010 wurde deshalb von Archäologen der Universität Heidelberg eine weitere Grabung vorgenommen. Die dabei gemachten Menschenfunde sind nun in einem australischen archäogenetischen Labor ausgewertet worden. Wir lesen in der Studie (1):

Osteuropäische Jäger und Sammler (EEHG) - eine mesolithische Jäger-und-Sammler-Metapopulation aus dem heutigen Westrußland, die als genetischer Referenzpunkt für spätere, mit der pontisch-kaspischen Steppe assoziierte Abstammungskomponenten dient [38, 49, 50] (siehe Zusatzdatei 2: Daten S6 für die einbezogenen Individuen) – sowie Abstammungskomponenten, die mit Jägern und Sammlern der südlichen Levante (sLevant_HG) in Verbindung stehen, erwiesen sich als wesentliche Faktoren für die genetische Struktur der Individuen von Bakr Awa. Die höchsten EEHG-Anteile finden sich bei den Individuen A22037 und A22039 aus der frühen bis mittleren Bronzezeit (EMBA); in der Hauptkomponentenanalyse (PCA) bilden sie ein Cluster mit Populationen aus dem Südkaukasus. Demgegenüber weisen A22038 (EMBA) und A22040 (mittlere Bronzezeit, archäologisch uneindeutige Datierung) einen etwas geringeren EEHG-Anteil auf und gruppieren sich mit Individuen aus der nordwestlichen Zagros-Region. Das Individuum A22052 aus der mittleren Bronzezeit, das in der PCA mit Populationen der südlichen Levante gruppiert, weist einen der höchsten geschätzten Anteile an sLevant_HG-assoziierter Abstammung auf - selbst im Vergleich zu bronzezeitlichen Individuen aus der südlichen Levante.
Eastern European Hunter-Gatherer (EEHG) – a Mesolithic hunter-gatherer meta-population from present-day western Russia who serve as an ancestral proxy for later Pontic-Caspian Steppe￾related ancestry [38,49,50] (see Additional file 2: Data S6 for included individuals) – and southern Levantine  Hunter-Gatherer (sLevant_HG)-related ancestries emerged as primary drivers of genetic structure among Bakr  Awa individuals. The highest EEHG proportions occur in Early to Middle Bronze Age (EMBA) individuals  A22037 and A22039, who cluster with southern Caucasus populations in PCA, while A22038 (EMBA) and  A22040 (Middle Bronze Age, archaeologically ambiguous dating) show slightly lower EEHG ancestry and  cluster with individuals from the northwestern Zagros mountains region. The Middle Bronze Age individual  A22052, clustering with southern Levantine populations in PCA, possesses one of the largest estimates of  sLevant_HG-related ancestry, even among southern Levantine Bronze Age individuals.

Die Akkader und andere semitischen Stämme bringen also Levante-Herkunft nach Bakr Awa. Das könnten - unter anderem - die semitischen Akkader gewesen sein. Zuvor aber lebten hier schon Nachkommen der Jamnaja-Leute.

Abb. 4: 1400 Kilometer von Wladikawkas bis nach Bakr Awa in Kurdistan (GMaps)

Aus den weiteren Ausführungen im Text und im Anhang wird deutlich, daß die Zeitangabe "Früh- und Mittebronzezeit" sich auf die Zeit nach 2.000 v. Ztr. bezieht, also auf die Zeit, in der Armenien und der südlichen Kaukasus von den Jamanja-Leuten in Form der Trialeti-Kultur grausam erobert worden ist ebenso wie das zeitgleiche Griechenland und das zeitgleiche Persien. In der Studie wird in folgendem Zitat ein noch etwas weiterer Bogen gespannt (1):

Während die mit EEHG assoziierte Komponente der kaukasischen Abstammung erstmals Mitte bis Ende des 5. Jahrtausends v. Ztr. (6.450–5.951 ka BP) in Areni-1 auftrat [47], verschwand sie in der frühen südkaukasischen Kura-Araxes-Kultur, um Mitte des 3. Jahrtausends v. Ztr. mit der Ausbreitung von Jamnaja-Individuen aus den eurasischen Steppen erneut aufzutreten [20,38,53]. Zudem wurde die Y-Chromosomen-Haplogruppe R-Z2103 (R1b) als genetischer Marker identifiziert, der Populationen mit Bezug zu Jamnaja in Armenien mit solchen im nordwestlichen Zagros-Gebirge - einschließlich Hasanlu - verbindet [20,38,52]. Im Einklang mit diesem Muster zeigte unsere qpAdm-Analyse, daß der Anteil der Jamnaja-Cluster-Abstammung bei Individuen aus der Zeit nach der Kura-Araxes-Kultur (Bronzezeit im Südkaukasus sowie Bronze- und Eisenzeit im nordwestlichen Zagros) am höchsten war (Zusatzdatei 1: Abb. S5). Bemerkenswert ist, daß von den beiden Ausreißern in der Kaukasus-PCA-Analyse aus Bakr Awa das Individuum A22037 einen Jamnaja-Cluster-Abstammungsanteil am oberen Ende des für den Südkaukasus typischen Bereichs aufweist, während A22039 im mittleren Bereich liegt. Darüber hinaus trägt A22037 - der einzige männliche Vertreter unter diesen Ausreißern aus der frühen bis mittleren Bronzezeit (EMBA), datiert auf ca. 2112–1800 v. Ztr. - ebenfalls die Y-Chromosomen-Haplogruppe R-Z2103 (R1b) (Zusatzdatei 2: Daten S1), was einen weiteren Beleg für seine Verbindung zur kaukasischen Abstammung mit Jamnaja-Bezug liefert.
Initially appearing in Areni1 in the mid-late 5th millennium BCE (6.450–5.951 ka BP) [47], the EEHG-related component of Caucasus ancestry disappeared in the early southern Caucasian Kura-Araxes culture, only to reappear in the mid-third millennium BCE with the expansion of Yamnaya-related individuals from the Eurasian steppes [20,38,53]. In addition, the Y-chromosome R-Z2103 (R1b) haplogroup has been identified as a genetic marker linking Yamnaya-related populations in Armenia to those in the northwestern Zagros, including Hasanlu [20,38,52]. Consistent with this pattern, our qpAdm analysis showed YamnayaCluster ancestry was highest among post-Kura-Araxes southern Caucasus Bronze Age and northwestern Zagros Bronze and Iron Age individuals (Additional file 1: Fig. S5). Notably, of the two Bakr Awa Caucasus-PCA outliers, A22037 possesses YamnayaCluster ancestry at the upper end of the southern Caucasus range, while A22039 falls in the middle. Moreover, A22037 – the only male among the EMBA outliers, dating to c. 2112-1800 BCE – also carries the R-Z2103 (R1b) Y-chromosome haplogroup (Additional file 2: Data S1), providing additional evidence for his connection to Yamnaya-related Caucasus ancestry.

Aus dem hohen Jamnaja-Herkunftsanteil bei A22037 könnte geschlußfolgert werden, daß sich die Indogermanen, die sich vom Südkaukasus aus nach Süden bis Bakr Awa ausgebreitet haben, sozusagen "ohne Zwischenstationen" bis dorthin ausgebreitet haben. Ab jener Zeit treten in Nordmesopotamien und im Zagros-Gebirge viele Stammes- und Völkernamen auf, denen gegenüber zumindest zum Teil indogermanische Herkunftsbezüge erörtert werden. Am klarsten sind diese Bezüge bei den Hethitern (wohl hervor gegangen aus der Kura-Araxes-Kultur), sowie bei den Mittanni und bei den Kassiten. Bei den letzteren beiden könnte es sich - grundsätzlich - auch um Nachkommen der Trialeti-Kultur handeln so wie - offenbar - das früheste indogermanische Individuum in Bakr Awa.   

Die Vorfahren der nachmaligen Meder und Perser im Zagros-Gebirge scheinen ebenfalls etwa ab 2.400 v. Ztr. nach Persien vorgedrungen zu sein - so wie die Vorfahren der Armenier (als Trialeti-Kultur) nach Armenien. Und auch vom Zagros-Gebirge aus hat es offenbar eine indogermanische Ausbreitung nach Nordwesten bis nach Bakr Awa gegeben. 

Die Stontium-Isotopen-Analyse des Zahnschmelzes des Individuums A22037 ergab, daß dieses - entgegen der archäogenetischen Analyse - im Zagros-Gebirge aufgewachsen ist. Es ist also auch denkbar, daß sich die indogermanischen Vorfahren der heutigen Armenier bis in das Zagros-Gebirge ausgebreitet haben und von dort dann nach Bakr Awa gekommen sind. Im Diskussionsteil heißt es (1):

Das Auftreten von mit der Jamnaja-Kultur assoziierten Abstammungskomponenten aus dem Südkaukasus bei zwei Individuen (A22037, A22039) aus der Zeit um 2000 v. Ztr. - sowie in geringerem Maße bei A22038 und A22040 - fällt zeitlich mit dem wachsenden Einfluß der Hurriter nach dem Sturz des Akkadischen Reiches durch die Gutäer (ca. 2150 v. Ztr.) zusammen. Eines dieser Individuen - der männliche Jugendliche A22037 - weist zudem die mit der Jamnaja-Kultur assoziierte Y-Chromosomen-Haplogruppe R-Z2103 (R1b) auf (A22039 ist weiblich); diese Haplogruppe tritt mit hoher Frequenz bei Männern der eisenzeitlichen Fundstätte Hasanlu im nordwestlichen Zagros-Gebirge auf [52, 62] (10 der 14 Männer, denen eine Y-Chromosomen-Haplogruppe zugeordnet werden konnte, gehören zur Gruppe R1b).
Frühere Untersuchungen haben Mobilitätsverbindungen zwischen Hasanlu und dem Südkaukasus aufgezeigt, belegt durch gemeinsame Abstammungsanteile von europäischen Jägern und Sammlern (EHG) sowie eine hohe Frequenz der Y-Chromosomen-Haplogruppe R1b [52]. 
The appearance of Yamnaya-related southern Caucasus ancestry in two individuals (A22037, A22039) dating to approximately 2000 BCE - and to a lesser degree A22038 and A22040 - coincides with expanding Hurrian influence after the Gutian overthrow of the Akkadian empire (ca. 2150 BCE). One of those individuals - the adolescent male A22037 - also carries the Yamnaya associated R-Z2103 (R1b) Y-chromosome haplogroup (A22039 is female), which is at high frequency in males from the northwestern Zagros Iron Age site of Hasanlu [52,62] (10 of the 14 males for which a Y chromosome haplogroup can be assigned are R1b).
Previous research has identified mobility connections between Hasanlu and the southern Caucasus, evidenced by shared European hunter-gatherer (EHG) ancestry and a high frequency of the R1b Y-chromosome haplogroup [52].

Das bezieht sich auf jene Studie, die wir hier auf dem Blog ebenfalls schon ausgewertet hatten (Stg2022). Auch der hier erwähnte Fundort Hasanlu im Nordwest-Iran war von uns erwähnt worden und die dazu gehörige Einordnung der damaligen Forscher, die die Ansicht vertraten, daß die Perser und Meder erst im ersten Jahrtausend v. Ztr. in den Iran zugewandert wären. Weiter lesen wir (1):

Mittels eines konservativen Ansatzes, der auf zwei stabilen Isotopensystemen basiert, konnten wir als wahrscheinlichsten Herkunftsort für A22037 ein Gebiet östlich von Bakr Awa im Zagros-Gebirge identifizieren. Allerdings ist diese Zuordnung aufgrund der relativ einheitlichen Verteilung bioverfügbarer Strontium-Isotopenverhältnisse in Südwestasien sowie des Einflusses des Trinkwassers auf die δ18O-Werte mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Da es sich zudem um eine Einzelbeobachtung handelt, deutet sie nicht auf eine großflächige Migration zwischen dem Zagros-Gebirge und dem Gebiet jenseits des Tigris (Transtigris) hin; sie liefert jedoch Hinweise auf eine bislang unbekannte Verbindung zwischen diesen Regionen, was möglicherweise die genetischen Gemeinsamkeiten zwischen dem Südkaukasus und Bakr Awa erklären könnte.
Trotz der begrenzten Datenlage deuten frühere Studien darauf hin, daß eisenzeitlichen Individuen aus den Kerngebieten des Urartäer-Reiches nahe dem Vansee Abstammungsanteile von osteuropäischen Jägern und Sammlern (EHG) fehlten [52]; allerdings weicht ein bemerkenswertes weibliches Individuum aus Çavuştepe (761-479 cal v. Ztr.) von diesem Muster ab, da es einen hohen Anteil an mit der Jamnaja-Kultur assoziierter Abstammung aufweist (siehe auch Zusatzdatei 1: Abb. S5). Vielmehr legen die Autoren nahe, daß Individuen innerhalb der hurro-urartäischen Sprachfamilie tatsächlich mit einem stärkeren Anteil an Abstammung aus der Levante in Verbindung gebracht werden könnten [52]. Während unsere multidisziplinären Ergebnisse (genetische, isotopische, archäologische und textliche Daten) zusätzliche Erkenntnisse zur Frage der Art und Weise der hurritischen Expansion nach Ostmesopotamien liefern, ist das zugrundeliegende demografische Modell, das den Südkaukasus, Ostanatolien und das Zagros-Gebirge mit Mesopotamien verknüpft, zweifellos komplex. Um dieses Modell vollständig zu klären und in den breiteren archäologischen und historischen Kontext einzuordnen, sind für künftige Forschungsarbeiten umfangreiche Probenahmen an Populationen der Bronze- und Eisenzeit in Mesopotamien, Ostanatolien und dem Zagros-Gebirge erforderlich.
Notably, when utilizing a conservative dual-stable-isotope approach, we identified the most parsimonious recent origin of A22037 as east of Bakr Awa in the Zagros mountains. However, the relatively uniform distribution of bioavailable strontium isotope ratios across Southwest Asia and the influence of drinking water on δ18O values assign some degree of uncertainty to this assignment. Moreover, as this is a single observation, it does not indicate large-scale migration between the Zagros and Transtigirs; however, it offers some evidence of an unknown degree of Zagros-Transtigris connectivity, potentially explaining the ancestry links between the southern Caucasus and Bakr Awa.
Despite limited data, previous research indicates that Iron Age individuals from the Urartian Kingdom's core regions near Lake Van lacked Eastern European hunter-gatherer (EHG) ancestry [52]; though, a notable female outlier from Çavuştepe (761–479 calBCE) deviates from this pattern by possessing a large fraction of Yamnaya-related ancestry (also see Additional file 1: Fig. S5). Rather, the authors propose that individuals within the Hurro-Urartian language family may actually be associated with greater Levantine-related ancestry [52]. While our multidisciplinary results (genetic, isotopic, archaeological, and textual) provide additional data surrounding the question of the nature of the Hurrian expansion into eastern Mesopotamia, the underlying demographic model connecting the southern Caucasus, eastern Anatolia, and the Zagros with Mesopotamia is undoubtedly complex. To fully elucidate this model and integrate it within the broader archaeological and historical context, future research will require extensive sampling across Bronze and Iron Age populations in Mesopotamia, eastern Anatolia, and the Zagros mountains.

Ein komplexes Geschehen, wobei unter anderem nicht klar ist, welcher Sprach- und Herkunftsgruppe die Gutäer, die die Akkader für 75 Jahre unterworfen haben, eigentlich zuzuordnen sein sollen (Wiki). Da werden weitere Forschungen abgewartet werden müssen.

Wie wir finden, wird auf der Plattform X zur Einordnung dieser Studie ganz richtig ausgeführt (Kvali,14.6.26):

Neue DNA-Analysen aus Bakr Awa deuten darauf hin, daß die indogermanische Präsenz in der Bronzezeit weiter südlich reichte als bisher angenommen. Die jüngsten Proben aus Bakr Awa belegen eine starke genetische Verbindung zur Trialeti-Kultur im südöstlichen Kaukasus. Die Trialeti-Bevölkerung sprach zumindest teilweise Indogermanisch – vermutlich auch frühe proto-armenische Gruppen. Besonders interessant ist, daß alte DNA bereits gezeigt hat, daß diese Bevölkerungsgruppen eine größere genetische und möglicherweise auch sprachliche Reichweite hatten, als ihre archäologischen Funde vermuten ließen. Eine Probe aus dem späten 3. Jahrtausend v. Ztr. in der Nähe des Urmia-Sees wies dasselbe genetische Profil auf wie die Bewohner des Kerngebiets der Trialeti-Kultur. Die neuen Daten aus Bakr Awa legen nun nahe, daß diese Gruppen noch weiter nach Süden zogen. Das Zagrosgebirge könnte für sie attraktiv gewesen sein und ihnen geeignete Bedingungen für eine nomadische Lebensweise geboten haben. Dies trägt zu dem wachsenden Bild bei, daß indogermanisch verwandte Bevölkerungsgruppen im bronzezeitlichen Nahen Osten mobiler waren und ein größeres Verbreitungsgebiet erreichten, als bisher angenommen.

Und wir fragen abschließend noch einmal die KI "Welches war das erste indogermanische Volk in Mesopotamien?" und erhalten die folgende Antwort:

Das erste historisch faßbare indogermanische (indoeuropäische) Volk mit direktem Einfluß in Mesopotamien waren die Hethiter. Die indoarische Oberschicht des Mitanni-Reiches in Nordmesopotamien und die mutmaßlich indogermanisch beeinflußte Führungsschicht der Kassiten in Babylonien folgten kurz darauf.
Die Besiedlung und der Einfluß im Detail:
Die Hethiter (ab ca. 1650 v. Chr.): Ihr Kerngebiet lag im heutigen Anatolien, doch unter König Muršili I. unternahmen sie spektakuläre Feldzüge nach Mesopotamien und zerstörten um 1595 v. Chr. die Stadt Babylon. Ihre Sprache (das Hethitische) ist der älteste belegte Zweig der indogermanischen Sprachfamilie.
Das Volk der Mitanni (ca. 1500-1300 v. Chr.): Im Norden Mesopotamiens und in Syrien etablierte sich dieses Reich. Die breite Bevölkerung sprach Hurritisch, aber die herrschende Oberschicht (die Maryannu) war indogermanischer/indoarischer Herkunft. Sie führten die Streitwagen-Kriegskunst ein und verehrten Götter wie Mitra und Indra (bekannt aus dem indischen Sanskrit).
Die Kassiten (ca. 1531-1155 v. Chr.): Sie eroberten nach dem hethitischen Überfall Babylon und herrschten dort über 300 Jahre. Ihre eigentliche Sprache war zwar nicht indogermanisch, jedoch trugen viele ihrer Könige und der Adel nachweislich indogermanische/indoarische Namen.
Wichtiger historischer Kontext:
Die allerersten Hochkulturen Mesopotamiens wie die Sumerer oder Akkader waren keine Indogermanen. Erstere sprachen eine isolierte Sprache, letztere gehörten zu den semitischen Völkern. Die Indogermanen wanderten erst später als Eroberer, Eliten und Einwanderer aus den eurasischen Steppen in den Nahen Osten ein.

Viele Fragen müssen einstweilen noch offen bleiben. 

Anhang: Was steht im Supplement der Studie?

Im Anhang wird noch über die Geschichte von Bakr Awa ausgeführt (1, Suppl.):

Der östliche Teil der Unterstadt wurde erst in der Frühbronzezeit besiedelt; dort stieß man in mehreren tiefen Sondagen unmittelbar unter Schichten aus dem frühen 3. Jahrtausend v. Ztr. auf den gewachsenen Boden. Die Keramik aus diesen Schichten umfaßte Fragmente der sogenannten „Scarlet Ware“, einer für die Frühdynastische Zeit in der Diyala-Region und dem benachbarten Luristan charakteristischen Ware (1).
Die Schichten des späten 3. Jahrtausends sind durch Architektur mit Steinfundamenten gekennzeichnet. Die Keramik weist Ähnlichkeiten hinsichtlich Form und Verzierung zur akkadischen Zeit auf, doch wurden auch Fragmente der lokalen „Bakr Awa Painted Ware“ (BAPW) in Kontexten des 22. bis 19. Jahrhunderts v. Ztr. gefunden.
Während der späten Früh- und der Mittelbronzezeit entwickelte sich der Ort zu einer wohlhabenden Stadt, die fest in die überregionalen Austauschnetzwerke der Ur-III-, Isin-Larsa- und frühen altbabylonischen Zeit eingebunden war.
The eastern part of the lower town had not been settled until the Early Bronze Age, where in several deep soundings, virgin soil was reached directly below layers of the early 3rd millennium BC. The pottery from these layers included fragments of Scarlet Ware, a characteristic of the Early Dynastic period in the Diyala Region and neighboring Luristan (1).
Layers of the late 3rd millennium are characterized by architecture with stone foundations. Pottery has analogies to shapes and decorations of the Akkadian period, but fragments of the local Bakr Awa Painted Ware (BAPW) were found in contexts of the 22nd to 19th century BC as well. During the late Early and Middle Bronze Age, the site became a prosperous city, well embedded within trans-regional exchange networks of the Ur III, Isin-Larsa, and early Old Babylonian periods. 

Die beiden frühesten Menschenfunde mit indogermanischer Genetik werden auf 2.000 v. Ztr. datiert (1, Suppl):

Übergangsphase von der späten Frühbronzezeit zur frühen Mittelbronzezeit (EMBA) [um 2000 v. Ztr.]
Bestattung BA1314
Erdgrab
• A22037 (BA1314/001):
Das Grab enthielt die Überreste eines Jugendlichen (14-15 Jahre alt). Der Erhaltungszustand war gut; vorhanden waren der Schädel, der Brustkorb sowie die oberen und unteren Extremitäten. Lineare Schmelzhypoplasien deuten auf Streßphasen während der Kindheit hin. Gleiches gilt für die Arthrose am zweiten Halswirbel.
Bestattung BA1348/1387
Sekundärbestattung, Entsorgung?
• A22038 (BA1348/001A):
• A22039 (BA1348/001B):
Die Grube enthielt eine vermischte Ansammlung menschlicher Überreste. Das Fundensemble umfaßte Elemente des Schädel- und des postkranialen Skeletts, darunter Knochen des Brustkorbs sowie der oberen und unteren Extremitäten. Ausgewählte Schädel stammen von zwei erwachsenen Individuen, deren Überreste in der Ansammlung nachgewiesen wurden. Aufgrund der Vermischung der Funde lassen sich die pathologischen Veränderungen am postkranialen Skelett nicht eindeutig einem der beiden Individuen zuordnen. Bei beiden Individuen wurde Karies an den Prämolaren festgestellt. Zu den postkranialen Befunden zählen arthrotische Veränderungen an der rechten Hüftpfanne (Acetabulum).
Transitional late Early Bronze Age - early Middle Bronze Age (EMBA) [around 2000 BC] (...)
Burial BA1314
Earth grave
• A22037 (BA1314/001):
The grave contained the remains of an adolescent (14–15 years old). The preservation was good, with the skull, thorax, and both upper and lower limbs present. Linear enamel hypoplasia indicates stress episodes during childhood. Similarly, the osteoarthritis of the second cervical vertebra.
Burial BA1348/1387
Secondary burial, disposal?
• A22038 (BA1348/001A):
• A22039 (BA1348/001B):
The pit contained a commingled assemblage of human remains. The assemblage contained elements of cranial and post-cranial skeleton, with bones of the thorax, upper and lower limbs present. Selected skulls represent two adult individuals whose remains were found in the assemblage. Due to the commingled nature of the assemblage, the pathological changes of the post-cranial skeleton cannot be ascribed to one or other individual. Evidence of caries was found on the premolars of both individuals. Post-cranial lesions include osteoarthritic changes of the right acetabulum.

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  1. Williams, M.P., Fetner, R., Souilmi, Y. et al. Mesopotamian ancient DNA reveals Iron Age integration of heterogeneous Bronze Age genetic ancestries following resettlement. Genome Biol (2026). https://doi.org/10.1186/s13059-026-04145-4, Published 12 June 2026 (GenomeBio2026)

Montag, 18. November 2024

Der Nordwestkaukasus - Die dritte Urheimat der Indogermanen

Völkergeschichte im Kaukasus vor und nach 2.400 v. Ztr.
- Vielfältige, reiche Völker entstehen und vergehen im Kaukasus 6000 bis 1000 v. Ztr.
- Der Nordwestkaukasus und die Kalmücken-Steppe waren die "dritte" Urheimat der Indogermanen

Einige Erkenntnisse einer neuen, soeben erschienenen archäogenetischen Studie (1): 
  • Tscherkessien war die Heimat von zwei Fünfteln der Vorfahren der Späten Urindogermanen
  • Das heißt, die Europäer sind tatsächlich genau auch das: "Kaukasier" 
  • Und das heißt auch: die Tscherkessen könnten als entfernte Brüder aller heutigen Europäer angesprochen werden
  • Unter dem Dach des Großreiches der Maikop-Kultur hat es vielfältige Ethnogenesen gegeben 
  • Nach 2.400 v. Ztr. kam indogermanische Steppengenetik erstmals umfangreicher in den Nordkaukasus, seitdem hat sich die Herkunftszusammensetzung dort nicht mehr wesentlich verändert
  • Vermutlich hat der Lebensraum Steppe jene Veränderungsbereitschaft mit sich gebracht, von der die Menschheitsgeschichte seit dem Spätneolithikum durch die Indogermanen geprägt ist

Die Urheimat des Volkes der Späten Urindogermanen, deren Nachkommen sich von 3.300 v. Ztr. ab über ganz Europa ausgebreitet haben, war der Untere Dnjepr. Die Vorfahren dieser Späten Urindogermanen stammten zu 20 % von den Menschen der Dnjepr-Donez-Kultur der Ukraine ab. Außerdem stammten sie zu 30 bis 40 % aus Tscherkessien im Nordkaukasus ab, sowie zu 40 bis 50 % von der Mittleren Wolga (s. Stg2024 und das folgende).*) Die genannten 30 bis 40 % Herkunft aus Tscherkessien können auf die damalige Darkveti-Meshoko-Kultur (4.500 bis 3.800 v. Ztr.) (Wiki) in dieser Region zurück geführt werden. Da Tscherkessisch aller Wahrscheinlichkeit nach eine "Ursprache" des Kaukasus ist (vergleichbar dem Baskischen in Nordspanien), ist es nicht unwahrscheinlich, daß noch die heutigen Tscherkessen - ihrer Sprache und Genetik nach - die unmittelbaren Nachfahren der Darkveti-Meshoko-Kultur sind.

Abb. 1: Die Nordgrenze des Ausbreitungsgebietes des "Kaukasus-Clusters" liegt nördlich des Hauptkamms des Kaukasus-Gebirges, nämlich am Fuße desselben, dort wo die Steppe beginnt (aus: Wang/Haack 2019) - Die gestrichelte Linie zeigt die Grenze zum "Steppen-Cluster" im Norden an, eingezeichnet sind die Fundorte von bis 2019 sequenzierten Menschenfunden

Wenn im späten 19. Jahrhundert von den Europäern die Rede war, daß sie einer sogenannten "kaukasischen Rasse" angehören würden (Wiki), so lag man damit damals also - vor dem Hintergrund der heutigen Erkenntnisse aus der Archäogenetik - gar nicht so falsch. Allerdings könnte man die Europäer mit gleichem Recht "Wolga-Leute" oder "Dnjepr-Leute" nennen.

Die Bauernvölker des Kaukasus, die iranisch-anatolisch-neolithischer Herkunft waren, haben Jahrtausendelang beharrlich unter sich geheiratet und eine kulturelle Heiratsgrenze am nördlichen Fuß des Kaukasus ("Piemont") aufrecht erhalten (s. Abb 1). Das war schon 2019 in einer archäogenetischen Studie festgestellt worden (s. Abb 1) (Stgen2022). Die Ausbreitung der indogermanischen Steppengenetik in Richtung Kaukasus zwischen dem 6. und 3. Jahrtausend v. Ztr. endete an dieser Grenze. 

Das heißt, die indogermanische Steppengenetik hat sich - im Wesentlichen - bis in die Spätbronzezeit, bis 2.400 v. Ztr. nicht in den Kaukasus ausgebreitet, also auch nicht bis zum Hauptkamm des Kaukasus. Dies ist ein wesentlicher Umstand, den es für alle folgenden Ausführungen im Hinterkopf zu behalten gilt.

Das ist auch der Grund, weshalb man bislang - zum Beispiel - beim klar indogermanischen Volk der Hethiter in Anatolien keine indogermanische Steppengenetik gefunden hat. Es muß allerdings mindestens ein Volk als sprachlich und kulturell indogermanisiert angenommen werden für die Zeit der Maikop-Kultur. Denn daß die anatolischen indogermanischen Sprachen (Wiki) aus einer anderen Region als aus dem Kaukasus stammen, ist mehr als unwahrscheinlich. Vielleicht wird man vermuten können, daß eine Form des Frühen Urindogermanisch eine Art Verkehrssprache ("lingua franca") innerhalb der Maikop-Kultur dargestellt hat. Denn auch die kulturelle Einheitlichkeit der Maikop-Kultur über die genannte genetische Grenze am Fuße des Kaukasus hinweg weit in die Steppe hinein macht diesen Umstand wahrscheinlich. Allerdings kann auch diese Frage aktuell nicht als definitiv geklärt gelten.

Angesichts der heutigen sprachlichen Vielfalt im Kaukasus muß im übrigen auch nicht zwangsläufig angenommen werden, daß es eine solche Vielfalt nicht auch schon unter dem Dach des Großreichs der Maikop-Kultur gegeben hätte.

Nur in selteneren Ausnahmefällen kam indogermanische (Steppen-)Genetik in größeren Anteilen auch schon vor 2.400 v. Ztr. in den Kaukasus und nach Anatolien. Diese ist für 4.100 v. Ztr.  in Menschenfunden der Areni-Höhle in Armenien festgestellt worden (s. Stgen2022). Während sich die frühen anatolisch-indogermanischen Sprachen mit der Kura-Araxes-Kultur über Anatolien ausgebreitet haben können, wobei nur ein dünner Schleier von mitgenommener "Steppen"-Genetik auf die eigentlichen sprachlichen Ursprünge zurück weist, kommt Steppen-Genetik dann besonders ausgeprägt erst mit der Trialeti-Kirovakan-Kultur (Wikieng) des Südkaukausus ab 2.200 v. Ztr. nach Armenien. Im Rahmen dieser Kultur ist ein berühmter Silberbecher gefunden worden, der eine wesentliche Geschichtsquelle für diese Ausbreitungsbewegung darstellt (Stgen2023). Mit dieser Kultur kam höchstwahrscheinlich das Armenische nach Anatolien. Beim Armenischen handelt es sich aber nicht um eine frühe Abzweigung jener frühen urindogermanischen Sprache, sondern um eine Abzweigung von der späten urindogermanischen Sprache der Jamnaja- und Katakombengrab-Kultur. Das Armenische kam zur selben Zeit nach Armenien wie das Griechische nach Griechenland kam - und offenbar unter vergleichbaren Umständen (archäologischer Zerstörungshorizont).   

Abb. 2: Tscherkessien im Nordwestkaukasus um 1830 (aus: GfbV) - Es deckt sich geographisch recht gut mit der Verbreitung der Darkveti-Meshoko-Kultur im 5. Jahrtausend v. Ztr. in derselben Region

Abgesehen von diesem genannten Grundzug der Völkergeschichte rund um den Kaukasus sind sowohl südlich wie nördlich des "Piedmont", des nördlichen Fußes des Kaukasus, im Laufe der Jahrtausende viele Völker entstanden und auch wieder vergangen. Im Wesentlichen wurde dabei aber die genannte Heiratsgrenze bis 2.400 v. Ztr. innegehalten.

Mesolithische Völker im Kaukasus

In abgelegenen Tälern des Kaukasus haben anfangs (siehe unten) noch mesolithische Restbevölkerungen gelebt, und zwar gab es dort einerseits Menschen mit reiner osteuropäischen Jäger-Sammler-Herkunft und andererseits - wichtiger noch - Menschen mit rein kaukasisch-neolithischer Jäger-Sammler-Herkunft. Solche Restbevölkerungen in Rückzugsräumen sind auch im ganzen übrigen Europa konstitutiv für die Ethnogenesen des Mittel- und Spätneolithikums. Und das ist auch im Kaukasus so. 

Der Wildreichtum, den unter anderem die Saiga-Antilope am Fuße des Kaukasus und die Wisente im Kaukasus darstellen, hat zur Lebensgrundlage dieser Jäger und Sammler gehört, die in dieser großartigen Berglandschaft lebten (2). 

Während die osteuropäischen Jäger und Sammler an der Mittleren Wolga konstitutiv sind für die Ethnogenese des Urvolkes der Frühen Indogermanen, der Chwalynsk-Kultur, sind die kaukasischen Jäger und Sammler konstitutiv für das Entstehen der Darkveti-Meshoko-Kultur im Nordwestkaukasus und den aus ihr hervorgehenden Folgekulturen bis hin zu den Tscherkessen.

Als vorläufig noch isoliert für sich stehende Erkenntnis muß benannt werden, daß die Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler um 6.100 v. Ztr. über die genannte genetische "Grenze" am nördlichen Fuß des Kaukasus hinweg bis in den nördlichen Kaukasus hinein verbreitet war. Dort ist sie danach dann aber offenbar abgelöst worden von Menschen vor allem kaukasisch-iranischer Herkunft (1). Inmitten des nachmaligen Verbreitungsgebietes der recht bedeutenden Nowoswobodnaja-(Maikop-)Kultur mit ihren berühmten Dolmen (Wiki), einer Untergruppierung der Maikop-Kultur, in der dortigen Satanaj-Höhle im historischen Siedlungsgebiet der Tscherkessen (Wiki) 70 Kilometer südöstlich der Stadt Maikop im Gubs-Tal (WikiaGMaps) - dem vormaligen Siedlungsgebiet des stolzen Tscherkessen-Stammes der Beslenejer (Wiki) (Abb 2) - sind 1963 und 1975 die Überreste osteuropäischer Jäger/Sammler gefunden worden. Als solche sind sie soeben in einer neu veröffentlichten archäogenetischen Studie identifiziert worden (1).

Da durch diese neue Studie die Heimat und das Volk der Tscherkessen im Nordwestkaukasus bedeutsam wird, erarbeiten wir parallel zwei weitere Beiträge: In einem tragen wir erste Eindrücke über die Herkunft, Kultur und Geschichte der Tscherkessen zusammen (Stg2024). In einem weiteren erste Eindrücke über die Erfahrungen der Soldaten jener etwa 30 deutschen, rumänischen und slowakischen Divisionen, die zwischen Sommer 1942 und Januar 1943 in der Kalmückensteppe nördlich des Kaukasus, am Terek-Fluß am Fuße des Kaukasus, im Hochgebirge des nördlichen Kaukasus, sowie im vorgelagerten Waldkaukasus den Zweiten Weltkrieg erlebten (Wiki) (s. Stg2024). 

Osteuropäische und kaukasische Jäger und Sammler trafen Jahrtausende lang im Kaukasus aufeinander, ohne daß dabei neue Völker entstanden

Wie wir unten noch sehen werden, ging aus der Nowoswobodnaja-(Maikop-)Kultur (Wiki) im nachmaligen Tscherkessien die bedeutende bronzezeitliche Kura-Araxes-Kultur Anatoliens hervor (deren Angehörige - zumindest in Teilen - Hurritisch und Hattisch gesprochen haben können). 

Abb. 3: Die Ethnogenese der Vor-Maikop-Kultur nördlich des Kaukasus 4.500 bis 4.000 v. Ztr. (aus 1)

Doch zurück ins 7. und 6. Jahrtausend v. Ztr., in jene Zeit des europäischen Frühneolithikums, in der sich rund um die Mittelmeer-Küsten der Ackerbau ausbreitete, und in der im Wiener Becken die Bandkeramik entstand. In derselben Zeit stießen im Kaukasus bäuerliche Kulturen aus dem Süden auf dort einheimische Jäger und Sammler (1):

Die ältesten Individuen in dieser Studie stammen aus der Satanaj-Höhle in Rußland (SJG001, 6221-6082 v. Ztr.) und von der frühneolithischen Stätte Arukhlo in Georgien (5885-5476 v. Ztr., n=4). SJG001 datiert vor der Ankunft des Vorderasiatischen Neolithikums im Kaukasus und überschneidet sich im PC-Raum mit osteuropäischen Jägern und Sammlern (EHGs), obwohl es geografisch nahe (ca. 50 km) an Stätten kaukasischer Jäger und Sammler (CHG) im Südkaukasus liegt, deren Individuen ein anderes genetisches Abstammungsprofil aufweisen.
The oldest individuals in this study are from Satanaj cave in Russia (SJG001, 6221–6082 cal bc), and from the early Neolithic site of Arukhlo in Georgia (5885–5476 cal bc, n = 4; Fig. 1). SJG001 predates the arrival of the Near Eastern Neolithic into the Caucasus and overlaps with Eastern European hunter-gatherers (EHGs) in PC space, despite being geographically close (about 50 km) to Caucasus hunter-gatherer (CHG) sites in the South Caucasus, whose individuals carry a different genetic ancestry profile (Fig. 2a).

Zu dieser neuen Erkenntnislage heißt es im Diskussionsteil (1):

SJG001 hat eine enge genetische Verwandtschaft mit Jäger-Sammler-Gruppen aus Karelien und der Samara-Region, im Gegensatz zu den geographisch näher gelegenen mesolithischen und neolithischen Individuen in der Ukraine, womit ein lange fortbestehendes Erbe der EHG-Abstammung in einem großen Gebiet Osteuropas bezeugt wird.
SJG001 shares a close genetic affinity to hunter-gatherer groups from Karelia and the Samara region, as opposed to the geographically closer Ukraine_Mesolithic and Neolithic individuals, attesting to a lasting legacy of EHG ancestry across a large area of eastern Europe. 

Das heißt: Jene Einmischung westeuropäischer Jäger und Sammler, die später bei den osteuropäischen Jägern und Sammlern der Ukraine, der Dnjepr-Donez-Kultur, zu beobachten ist, hatte sich um 6.100 v. Ztr. noch nicht bis in den Nordwestkaukasus hinein ausgebreitet. 

Diese Erkenntnis enthält nun vielerlei, keineswegs unbedeutende Schlußfolgerungen. Zunächst: Wer hätte gedacht, daß die Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler, die bis hinauf nach Karelien und bis herunter in die Ukraine verbreitet war, sogar im nördlichen Teil des Kaukasus lebte? Der hier genannte Menschenfund um 6.100 v. Ztr. liegt zeitlich noch einige Jahrhunderte vor der Ausbreitung von Hirten- und Bauernkulturen von Anatolien und vom Iran her in den Kaukasus hinein.

a) Bauern im Südost-Kaukasus

Menschen der bäuerlichen Shulaveri-Shomu-Kultur im heutigen Georgien, die zur Hälfte iranisch- und zur Hälfte anatolisch-neolithische Genetik in sich trugen (in Abb. 3 "Georgia_Neolithic"), wurden dann - mit einer Zeitstellung um 5.500 v. Ztr. gefunden. Und zwar in einer Höhle bei Arukhlo (WikiGMaps) in Georgien inmitten des Kaukasus - südlich von Tiflis und südlich des Hauptkammes des Kaukasus. Es handelt sich um die bis jetzt nördlichst-gelegene bekannte Siedlung dieser reichen, bäuerlichen Shulaveri-Shomu-Kultur. Diese Kultur hat schon in großen Bottichen Wein verarbeitet.**) Die Ausgrabungen dort hatten schon 1966 und 1978 bis 1985 stattgefunden (1, Anhang, S. 11f). Die Menschenfunde dieses Ortes trugen den höchsten Anteil von kaukasisch-iranischer Genetik innerhalb der Shulaveri-Shomu-Kultur (s. Abb. 3: "Georgia_Neolithic"). An der Ausbreitungsgrenze ("Frontier") haben sich diese Bauern also offenbar noch einmal erneut mit einheimischen kaukasischen Jägern und Sammlern vermischt. 

b) Bauern im Nordwest-Kaukasus 

Zu schlußfolgern ist aufgrund dessen weiterhin: Im Nordwest-Kaukasus müssen zeitgleich auch noch unvermischte Angehörige der kaukasischen Jäger und Sammler (bzw. der iranisch-neolithischen Völkergruppe gelebt haben - beide zeitlich aufeinanderfolgenden Völkergruppen sind ja genetisch fast identisch). Und diese hinwiederum haben offenbar in bedeutender Weise auf nachfolgende Ethnogenesen genetisch Einfluß genommen. Und von diesen stammen deshalb noch heute alle genetisch indogermanisierten Europäer - zumindest in kleinen Anteilen  - ab. Denn die dortige bäuerliche Darkveti-Meshoko-Kultur entstand offenbar dadurch, daß sich Menschen der Shulaveri-Shomu-Kultur im Nordwestkaukasus um 5.000 v. Ztr. noch einmal erneut zur Hälfte mit unvermischten Angehörigen der Kaukasus-iranischen Völkergruppe vermischt haben (in Abb. 3 "Caucasus_Eneolithic").

Daraus hinwiederum darf man schlußfolgern, daß Menschen der Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler und Menschen der Kaukasus-iranischen Völkergruppe am Hauptkamm des Kaukasus mehrere Jahrtausende lang aufeinander getroffen waren, ohne daß beide Völkergruppen schon zu diesem frühen Zeitpunkt sich in einem bleibenden Ethnogenese-Prozeß miteinander vermischt hatten. (Zumindest soweit bislang bekannt.)

c) Menschen an der Straße von Kertsch

Allerdings vermischten sich um 4.500 v. Ztr. nahe der Straße von Kertsch am Südende des Asowschen Meeres, ganz im Westen der Kalmücken-Steppe noch einmal unvermischte Angehörige der Kaukasus-iranischen Völkergruppe mit noch mesolithisch lebenden Menschen der Dnejpr-Donez-Kultur (Abb. 3: "Steppe_Eneolithic_outlier_West", Individuum "KHB003"). Die ersteren könnten entweder von der Wolga her nach Westen gekommen sein, bevor es zur Ausbreitung der Chwalynsk-Kultur von der Mittleren Wolga aus ab 4.500 v. Ztr. kam. Oder sie könnten über den Nordwestkaukasus hinweg bis zur Straße von Kertsch gekommen sein (oder gar direkt vom Zagros-Gebirge schon während der PPNB-Zeit). Dann müßten sie aber nördlich des Kaukasus die osteuropäischen Jäger und Sammler verdrängt und ersetzt oder zumindest umgangen haben. Dieses Vermischungsereignis nahe der Straße von Kertsch - in Abb. 3 benannt "Steppe_Eneolithic_outlier_West" - ähnelt genetisch ein wenig dem zeitgleichen Vermischungsereignis, aus dem das Volk der Frühen Urindogermanen an der Mittleren Wolga, die Chwalynsk-Kultur, hervor gegangen ist. In der Studie heißt es über die Menschenfunde nahe der Straße von Kertsch (1):

KHB003 (4318-4057 v. Ztr.) vom am weitesten im Westen gelegenen Fundort weist eine höhere genetische Nähe zu westeuropäischen Jägern und Sammlern (WHG) und zu anatolisch-neolithischer Herkunft auf (|Z| > 3). Es kann modelliert werden als eine Zwei-Wege-Mischung zwischen CHG und Ukraine-Neolithikum.
KHB003 (4318-4057 cal bc) from the western-most site has a higher genetic affinity to Western hunter-gatherer (WHG) and Anatolia Neolithic-like ancestry (|Z| > 3), and can be modelled as a two-way mixture between CHG and Ukraine_Neolithic.

Wie wir schon von der vorherigen Studie aus dem Frühjahr 2024 wissen, hatten sich in der Ukraine die osteuropäischen Jäger und Sammler mit hereinkommenden westeuropäischen Jägern und Sammlern vermischt, daher die hier genannte letztere Komponente. Wie hier sich allerdings die anatolisch-neolithische Herkunft mit einer Zwei-Wege-Mischung vereinbaren läßt, verstehen wir noch nicht. Das scheint uns widersprüchlich formuliert. Oder sie stammt von Menschen der Darkveti-Meshoko-Kultur, bei denen es ja einen anatolisch-neolithischen Herkunftsanteil gab.

d) Ethnogenese an der Mittleren Wolga

Zeitgleich geschah um 4.500 v. Ztr. an der Mittleren Wolga dann jedenfalls das oben genannte Einzigartige, daß sich an der Ostseite des Kaspischen Meeres und entlang des Unterlaufes der Wolga noch unvermischte Schafs- und Rinderhirten der iranisch-neolithischen Völkergruppe nach Norden ausbreiteten (in Abb. 3: CHG) und dort - einmal erneut - auf unvermischte Angehörige der osteuropäischen Jäger und Sammler trafen. Und hier ergab sich dann erst jener Ethnogenese-Prozeß, der zum Volk der Frühen Urindogermanen führte, zur Chwalynsk-Kultur mit ihrer sehr einzigartigen, exzentrischen Ausbreitungstendenz und dieser ganz neuen, exzentrischen Hirten-Kultur des Volkes der Frühen Urindogermanen.

Gelegenheit zu vergleichbaren Ethnogenese-Prozessen wie jenem an der Mittleren Wolga könnte es aber - wie schon an mehreren Stellen deutlich wurde - durchaus auch schon in anderen Regionen und auch in früheren Jahrtausenden gegeben haben, zum Beispiel in der Nähe des Hauptkammes des Kaukasus oder an der Straße von Kertsch. Dieser Umstand könnte noch einmal deutlich machen, daß die weltgeschichtlich so bedeutsame und folgenreiche Ethnogenese der Frühen Urindogermanen an der Mittleren Wolga an ganz bestimmte räumliche Bedingungen gebunden gewesen sein muß und auch an Bedingungen genau dieses Zeitalters.

Man möchte fast vermuten, daß es der zeitlichen Bedingungen des Mittel- und Spätneolithikums bedurfte und auch genau dieser Region an der Mittleren Wolga, damit ein solcher Ethnogenese-Prozeß solche weltgeschichtlich nachhaltigen Folgen mit sich bringen konnte. Erst zu diesem Zeitpunkt mögen sich die noch mesolithisch lebenden Völker am Nordrand der Ausbreitung der bäuerlichen Kulturen wieder verstärkt auf sich selbst besonnen haben, selbstbewußter geworden sein im Angesicht der Bauern-und Hirten-Kulturen aus dem Süden. Und dadurch mögen sie sowohl kulturell wie auch demographisch anteilsmäßig - ausgesprochener als zuvor - auf Ethnogenese-Prozesse dieser Zeit Einfluß genommen haben. Und dabei müssen die klimatisch sehr schwankenden Lebensbedingungen der Steppe Einfluß genommen haben, darauf, daß in dieser nur sehr veränderungsbereite, wandlungsfreudige Menschen überleben konnten (mehr dazu weiter unten).

Andererseits war ein solcher nachhaltiger Ethnogenese-Prozeß um so leichter, als bäuerliche Kulturen in der Steppe zwischen Dnjepr und Wolga zwar gegenüber mesolithischen Völkern schon deutlich erhöhte Siedlungsdichten aufgewiesen haben werden, aber keineswegs so hohen Siedlungsdichten wie die von der vollbäuerlichen, aus der mitteleuropäischen Bandkeramik hervorgegangene Cucuteni-Tripolje-Kultur westlich des Dnjepr und die bäuerlichen Kulturen südlich des nördlichen Fußes des Kaukasus ausgebildet hatten. Die nicht oder nur wenig Ackerbau-mäßig bearbeitete Steppe bildete kulturgeschichtlich somit einen völlig neuen Lebens- und Wirtschaftsraum, der Jahrtausende lang Einflüsse nehmen sollte auf die Weltgeschichte. Solche hier ausgebildeten "mittleren" Steppen-Siedlungsdichten könnten Jahrtausende-lang der Hauptfaktor gewesen sein dafür, daß jeweils hälftige Herkunfts-Anteile Anteil an Ethnogenese-Prozessen nehmen konnten. Herkunftsanteile, die sonst in Europa von vollneolithischen Herkunftsanteilen demographisch "erdrückt" wurden.

Ethnogenesen nach 4.500 v. Ztr.

a) Von der Chwalsynsk- zur Steppen-Maikop-Kultur

Ab 4.500 v. Ztr. beginnt also die demographische Ausbreitung der Frühen Urindogermanen von der Mittleren Wolga aus Richtung Süden, und zwar anfangs, was es zu beachten gilt, schwerpunktmäßig östlich der Wolga, später dann auch westlich der Wolga (s. Abb. 5). In Abbildung 4 ist die Ethnogenese der indogermanischen Vor-Maikop-Kultur nördlich des Kaukasus zwischen 4.500 und 4.000 v. Ztr. grafisch dargestellt als "Steppe Eneolithic" (1):

f4-Statistiken zeigen, daß Steppen_Äneolithikum-Individuen aus dem Nordkaukasus eine größere Nähe zu CHG haben als Individuen aus Chwalynsk (...) und daß sie modelliert werden können mit 55 % CHG-ähnlicher und 45 % EHG-ähnlicher Abstammung.
f4-statistics show that Steppe_Eneolithic individuals from the North Caucasus have a higher affinity to CHG than individuals from Khvalynsk (Extended Data Figs. 4 and 6 and Supplementary Table 9), and can be modelled as 55% CHG-like and 45% EHG-like ancestry.

Dieses Geschehen wird ja hier auf dem Blog schon seit 2019 eingeordnet. Innerhalb der Menschen mit Steppengenetik in der Steppe gab es nach dieser Studie dann ab 4.000 v. Ztr. noch leichtere Verschiebungen in den Herkunftsanteilen, und zwar in Richtung auf osteuropäische Jäger-Sammler, deren Herkunftsanteil nun 52 % ausmachte (in Abb. 4: "Steppe_Eneolithic" und "Late_Steppe_Eneolithic").

Am Fuße des Kaukasus und am Rande der Steppe rund um Nalchik ist es zur Vermischung von Menschen mit Steppengenetik und Menschen der Shulaveri-Shomu-Kultur gekommen. Jahrtausende lang hatten ja die Hirten des Kaukasus ihre Winterviehweiden in der Steppe, ihre Sommerviehweiden im Gebirge. Nachkommen der Chwalynsk-Kultur mit hälftigen Anteilen EHG/CHG-Herkunft vermischten sich mit Menschen der Shulaveri-Shomu-Kultur, wobei letztere 55 % der Herkunft beitrugen. Oder, im Originalton der Studie (1):

Die Individuen ZO1002 und ZO1004 (3953-3713 cal v. Ztr.) sind in PCA und ADMIXTURE in Richtung des Kaukasus-Clusters verschoben (...) und weisen im Vergleich zu den Late_Steppe_Eneolithic-Individuen weniger EHG-bezogene Abstammung auf und werden daher als Late_Steppe_Eneolithic_outlier bezeichnet. Unter Verwendung proximaler Quellen konnten wir beide als eine Zwei-Wege-Mischung aus Caucasus_Eneolithic (55 % ± 6,4) und Steppe_Eneolithic (45 % ± 6,4)-Abstammung modellieren (...). Zusammen mit den Individuen Nalchik und Steppe_Maykop_outlier1 spiegelt dies den Genfluß zwischen eneolithischen Gruppen wider, die in der Steppe und in den Ausläufern des Kaukasus leben.
The individuals ZO1002 and ZO1004 (3953–3713 cal bc) are shifted towards the Caucasus cluster in PCA and ADMIXTURE (Fig. 2b and Extended Data Fig. 2), and carry less EHG-related ancestry compared to the Late_Steppe_Eneolithic individuals, and are thus labelled Late_Steppe_Eneolithic_outlier. Using proximal sources, we could model both as a two-way mixture of Caucasus_Eneolithic (55% ± 6.4) and Steppe_Eneolithic (45% ± 6.4) ancestries (Fig. 2d and Supplementary Table 13). Together with the Nalchik and Steppe_Maykop_outlier1 individuals, this reflects gene flow between Eneolithic groups living in the steppe and the Caucasus foothills.

Für welchen Zeitraum sich diese Vermischung etablierte scheint einstweilen nicht klar zu sein. Ebenso wenig scheint klar zu sein, ob sie auf nachfolgende Ethnogenesen Einfluß genommen hat. Es steht zu vermuten, daß es sich um eine lokal und zeitlich begrenzte Vermischung handelte, die auf nachfolgende Ethnogenesen keinen Einfluß genommen hat. Aber immerhin könnte man es als naheliegend ansehen, daß sich in der Gegend von Nalchik das Herrschaftszentrum der weit ausgedehnten Maikop-Kultur befand.

b) Von der Chwalynsk- zur "Manych-Kultur"

Dann gab es eine Ethnogenese, die bis heute auf alle Europäer und auf alle Völker mit Steppengenetik-Anteilen nachwirkt: In der Kalmücken-Steppe nördlich des Kaukasus vermischen sich Menschen der Chwalynsk-Kultur mit Menschen der dortigen Darkveti-Meshoko-Kultur (Abb. 3: "Eneolithic Intermediate"). Beide Seiten steuerten jeweils zur Hälfte die Herkunft bei, so daß der von den Menschen der Chwalynsk-Kultur mitgebrachte Herkunftsanteil osteuropäischer Jäger und Sammler in der entstehenden Population 26 % betrug. (In der Studie vom Frühjahr 2024 waren hierfür 30 % osteuropäische Jäger-Sammler-Herkunft angeführt worden [s. Stg24].) Einen ähnlichen Anteil nahm die anatolisch-neolithische Herkunft hier ein, während die iranisch-neolithische Herkunft etwa die Hälfte betrug. Diese Herkunft etablierte sich in einer Region nördlich des nördlichen Fußes des Kaukasus.

Kulturell ist diese genetisch neue Population in der Kalmücken-Steppe von den Archäologen - soweit wir wissen - noch gar nicht als eigenständige Gruppe charakterisiert worden. Vom Blickwinkel der Genetik her hätte man womöglich Grund, sie "Manych-Kultur" zu nennen. (Entsprechend des in der Studie vom Frühjahr 2024 in den Mittelpunkt gestellten Fundortes Remontnoye könnte man auch von "Remontnoye-Kultur" sprechen [s. Stg24].) Aus sprachgeschichtlicher Sicht sollte sie eine mittelurindogermanische Sprache gesprochen haben. Denn sonst wäre nicht erklärbar, wie das Urindogermanische sich zum Unteren Dnjepr sollte ausgebreitet haben können.

Wie wir schon aus Blogbeiträgen von Anfang dieses Jahres wissen, hat diese Kultur offenbar gute demographische Ausbreitungsmöglichkeiten besessen und genutzt und sich aufgrund dessen entlang des Manych bis zum Don und von dort bis zum Unteren Dnjepr ausgebreitet. Diese Kultur dürfte also höhere Siedlungsdichten und fortschrittlichere Wirtschaftsweisen aufgewiesen haben als die mesolithische Dnjepr-Donez-Kultur dieses Raumes. Am Unteren Dnjepr bildete sich aus der Vermischung mit den dortigen Bewohnern die Sredni-Stog-Kultur und aus dieser dann ab 3.300 v. Ztr. das Volk der Späten Urindogermanen, das Volk der Jamnaja-Kultur. Das Volk der "Manych-Kultur", das diese Ethnogenese voran trieb, wurde damit zu einem der bedeutendsten Vorfahren-Völker aller heutigen Europäer. Zu einem nicht unbeträchtlichen Anteil stammen damit alle heutigen Europäer aus - Tscherkessien, bzw. aus dem Nordkaukasus.

Die vormals in der Region des nördlichen Kaukasus lebenden osteuropäischen Jäger und Sammler haben offenbar auf die nachfolgenden Ethnogenesen in diesem Raum keinen genetischen Einfluß mehr genommen. Das kann nur heißen, daß sie in diesem Raum genetisch vollständig "ersetzt" worden sind, sprich, daß sie in diesem Raum ausgestorben sind.

Abb. 4: Die genetischen Verschiebungen innerhalb der Maikop-Kultur 4.500 bis 3.500 v. Ztr. (aus 1

Innerhalb des Großreiches der frühen Maikop-Kultur ist es dann - ähnlich wie innerhalb der zeitgleichen Sredni-Stog-Kultur am Unteren Dnjepr zu weiteren Verschiebungen in den Herkunftsanteilen in den vielen "Reichsteilen", bzw. in den vielen dort lebenden Stämmen, Völkern und Sprachgruppen gekommen.

c) Von der Darkveti-Meshoko- zur Nowoswobodnaja- und zur Kura-Araxes-Kultur

Dazu muß zunächst folgendes erläutert werden: Das in der Grafik von Abbildung 4 genannte Dorf Nowoswobodnaja (vormals "Tsarskoy") (Wiki, russ) liegt in dem schon genannten bergigen Waldgebiet von Tscherkessien, 50 Kilometer südöstlich der Stadt Maikop (GMaps). Es weist archäologisch und geschichtlich vielfältige Zeugnisse auf. 1861 traf sich hier der russische Kaiser Alexander II. mit einer Delegation von in der Heimat verbliebenen Tscherkessen zusammen. Zur Erinnerung daran wurde hier 1881 eine Kapelle errichtet. Diese ist heute verfallen.

Innerhalb der archäologischen Forschung hat es in der letzten 100 Jahre viele Erörterungen gegeben zur Datierung und zur geschichtlichen Herkunft und Einordnung der in der Umgebung dieses Dorfes vorgefundenen vielfältigen archäologischen Zeugnisse, sprich, der "Nowoswobodnaja-Kultur" (Wiki, engl). Diese weist nämlich deutliche Eigenständigkeit gegenüber der zeitgleichen Maikop-Kultur auf. Am ehesten dürfte sich der heutige Forschungsstand mit den folgenden Ausführungen decken (Wiki):

Einige Archäologen, darunter Sergei Korenevsky, bevorzugen die Hypothese der Existenz einer allgemeineren Maikop-Nowoswobodnaja-Kulturgemeinschaft, die viele lokale Varianten umfaßte, wie sie beispielsweise in der Siedlung Galjugajewskaja (Bezirk Kurski, Region Stawropol, Rußland) gefunden wurden.
Some archaeologists, including Sergei Korenevsky, prefer the hypothesis of the existence of a more general Maykop-Novosvobodnaya cultural community, that included many local variants such as found at the Galyugayevskaya settlement (Kursky District, Stavropol Krai, Russia).

Bei Nutzung einer allen verständlichen Verkehrssprache konnten ja einzelne Regionen der Maikop-Kultur ihre eigene Sprache und Kultur weiter führen. So könnte die staatliche Struktur der Maikop-Kultur modelliert werden. (Nach Wikipedia haben die Archäologen Trifonov und Shishlina erst jüngst wieder bei Nowoswobonaja gegraben. Man darf deshalb auf weitere Erkenntnisse gespannt sein.)

Nach der Genetik handelt es sich bei der Nowoswobodnaja-Kultur (Wiki), berühmt durch ihre vielen Dolmen, um Nachkommen der Darkveti-Meshoko-Kultur. Während es in der übrigen Maikop-Kultur südlich des nördlichen Fußes des Kaukasus während des 4. Jahrtausends noch einmal zur Erhöhung des Kaukasus-iranischen Herkunftsanteils um 28 % gekommen ist (!), hat sich dieser in der Nowoswobodnaja-Kultur sogar auf 42 % erhöht (Abb. 4 von unten: "Maykop" und "Maykop_Novovobodnaya"). Das heißt, daß es zu jenem Zeitpunkt immer noch unvermischte Kaukasus-Jäger-Sammler in abgelegenen Tälern des Kaukasus gegeben hatte, die nun "integriert" wurden, bzw. die womöglich sogar bedeutend zur Ausprägung einer neuen Kultur beigetragen haben. Außerdem nahmen Nachkommen von Menschen der Shulaveri-Shomu-Kultur genetisch Einfluß auf beide Kulturen mit 50 % und 17 % Herkunftsanteilen. Indogermanische Steppen-Genetik kommt in beiden Kulturen, gelegen nördlich des Hauptkammes des Kaukasus nicht vor. Das schließt aber - wie schon gesagt - nicht aus, daß kulturell oder sogar sprachlich indogermanische Einflüsse unterstellt werden müssen im Verlauf der hier stattfindenden Ethnogenesen. Schließlich hatte sich Steppen-Genetik ja zwischenzeitlich schon - vermutlich über den Gebirgspaß der nachmaligen "Georgischen Heerstraße" (Wiki) - bis in die Areni-Höhle im heutigen nördlichen Armenien ausgebreitet, weit südlich des Hauptkamms des Kaukasus. Und sie breitete sich dort in weiteren Jahrhunderten - mit der Kura-Araxes-Kultur bis ins Innere Anatoliens aus.

Da die Lebensweise der aus der Nowoswobodnaja-Kultur hervorgehenden Kura-Araxes-Kultur mit ihrer Halbseßhaftigkeit in abgelegeneren Siedlungsräumen zwischen den vollneolithischen Dörfern und Städten Anatoliens sehr derjenigen zeitgleicher indogermanischer Kulturen in Europa ähnelt, wird schon seit längerem vermutet, daß die Kura-Araxes-Kultur Anatoliens kulturell vom Volk der Frühen Urindogermanen beeinflußt gewesen ist. Gegebenenfalls hat sie sogar schon (Verkehrs-)Sprachen in Anatolien verbreitet, die von der Sprachforschung heute vom Frühen Urindogermanischen abgeleitet werden und die sich zumindest in nachfolgenden Jahrtausenden dann in Anatolien finden (Hethitisch, Lykisch, Lydisch usw., will heißen die anatolischen indogermanischen Sprachen) (Wiki). Wir lesen in einem späteren Abschnitt der Studie (1):

Individuen, die mit der Kura-Araxes-Kultur in Georgien (3600/3300–2400 cal v. Chr., n = 6) in Verbindung gebracht werden, stimmen in der PC- wie in der ADMIXTURE-Analyse mit schon bekannten Kura-Araxes-Individuen aus Armenien und Dagestan ebenso wie mit Maykop-Individuen überein (...), was auf eine Kontinuität des Kaukasus-Abstammungsprofils während der Mittleren Bronzezeit hindeutet, jedoch auch auf Heterogenität zwischen verschiedenen Kura-Araxes-Gruppen (Supplementary Table 14). Wenn Maykop-Gruppen als einzige Herkunfts-Quelle unterstellt werden, gelangt man zu gut passenden Herkunfts-Modellen (von P = 0,09 bis P = 0,7; Supplementary Table 15), wobei Maykop_Novosvobodnaya die beste Quelle für Kura-Araxes-Individuen aus Georgien und Armenien darstellt (Berkaber, Kalavan, Karnut und Shengavit) und Maykop als paßendste Herkunfts-Quelle für Talin (P = 0,2). Im Gegensatz dazu werden zur Herkunfts-Modellierung von Individuen aus Kaps in Armenien oder Velikent in Dagestan zusätzliche Herkunft aus Armenia_C oder Iran_C benötigt, bzw. aus beiden.
Individuals associated with the Kura–Araxes culture in Georgia (3600/3300–2400 cal bc, n = 6) fall close in PC space and ADMIXTURE with published Kura-Araxes individuals from Armenia and Dagestan, as well as Maykop individuals (Figs. 2b and 3a and Extended Data Fig. 2), suggesting continuity of the Caucasus ancestry profile during the MBA, but with heterogeneity20 among different Kura–Araxes groups (Supplementary Table 14). Using Maykop groups as a single source results in well-fitted models (from P = 0.09 to P = 0.7; Supplementary Table 15), with Maykop_Novosvobodnaya as the best source for Kura–Araxes individuals from Georgia and Armenia (Berkaber, Kalavan, Karnut and Shengavit), and Maykop as the best source for Talin (P = 0.2). By contrast, individuals from Kaps in Armenia or Velikent in Dagestan require additional ancestry from either Armenia_C or Iran_C, or both.

Talin (Wiki) ist eine Kleinstadt im Nordwesten Armeniens. Der Satz, daß "Maykop_Novosvobodnaya die beste Quelle für Kura-Araxes-Individuen aus Georgien und Armenien darstellt", dürfte für mancherlei Erkenntnisschübe im Verstehen der sprachgeschichtlichen Zusammenhänge beitragen. Aber auch hier wird noch einmal deutlich, mit was für komplexen Ethnogenese-Prozessen man es im Kaukasus zu tun hat. Daß hier die Nowoswobodnaja-Kultur als eine wesentliche Ursprungs-Kultur der Kura-Araxes-Kultur angesprochen wird, dürfte, soweit uns das erkennbar ist, gerade für eine "kleine" Sensation innerhalb der Archäologie und innerhalb der historischen Sprachwissenschaften sorgen. Denn wir finden bis dato Zusammenhänge zwischen der Nowoswobodnaja- und der Kura-Araxes-Kultur auf keinem Wikipedia-Artikel erwähnt (weder auf dem deutschen, englischen oder russischen). Das könnte bedeuten, daß man diese Zusammenhänge bisher von archäologischer Seite aus bislang so deutlich nicht gesehen hatte.

d) Westsibirische Herkunft - Sie kommt in die Steppen-Maikop-Kultur hinein und verliert sich dann wieder

Innerhalb der Steppe kommt es aber erstaunlicherweise noch zu bedeutenden genetischen Verschiebungen. Und zwar zu einer hälftigen Einmischung von Menschen westsibirischer, genetischer Herkunft. Dies ist auch der wichtigste Herkunftsanteil der frühen, recht europäisch aussehenden Wüstenmumien in der Taklamakan in Innerasien - wie wir erst seit zwei bis drei Jahren wissen (Stgen2022).

Zwei Mißverständnissen darf man in diesem Zusammenhang nicht verfallen. Erstens: Diese "westsibirische Herkunft" darf nicht mit der Naganasan-Herkunft verwechselt werden, die sich erst später in Westsibirien ausgebreitet hat, und die den Kern der finno-ugrischen Völkergruppe bildete und die mit einem deutlich asiatischeren Menschentypus einher geht. Zweitens: Die in der Studie diesbezüglich erwähnte Botai-Kultur trug selbst nur 25 % westsibirischer Herkunft in sich (und zu 75 % osteuropäische Jäger-Sammler-Herkunft), insofern dürfte explizit diese keineswegs als der eigentlich Ursprung dieser Beimischung infrage kommen. Es darf aber daran erinnert werden, daß die viel später lebenden Altai-Skythen, bzw. die Pazyryk-Kultur 20 bis 40% westsibirische Genetik aufweisen, und daß die vielleicht in der Pazyryk-Kultur wurzelnden Turkvölker bis heute - zumindest kulturell - als Repräsentanten dieser Herkunftsgruppe gelten können. Auch die germanische Gott-Vorstellung Odin und die ihnen ähnelnden Narten-Sagen des Kaukasus könnten ja von den Sarmaten und Alanen in der Eisenzeit von den Altai-Skythen übernommen und nach Westen in den Kaukasus und in den germanischen Bereich Europas übermittelt worden sein (siehe andere Beiträge hier auf dem Blog: Stgen2020, Stgen2024).

Von der fast vollneolithisch anmutenden Kelteminar-Kultur (Wiki) südöstlich des Kaspischen Meeres ist schon 2018 festgestellt worden, daß sie westsibirische Genetik in sich getragen hat (Stg2018). Von dieser her könnten sich Angehörige des Volkes der Frühen Urindogermanen mit Angehörigen der westsibirischen Herkunftsgruppe vermischt haben.  

Auf jeden Fall überraschend, daß es auch schon zu so früher Zeit zur Vermischung zwischen urindogermanischer und westsibirischer Herkunft gekommen ist, auch wenn sich die Nachkommen dieser Vermischung offenbar nicht nachhaltiger in der turbulenten Weltgeschichte nördlich des Kaukasus scheinen gehalten zu haben.

Abb. 5: Geographische Ausbreitung der urindogermanischen Wildpferdekopf-Zepter von Chwalynsk an der Mittleren ausgehend: Der Schwerpunkt der ersten Ausbreitungsphase liegt östlich der Wolga und des Kaspischen Meeres - Kreis="schematisches" Zepter, Quadrat="realistisches" Zepter (aus 3, S. 147)

Wie aber war es zu dieser westsibirischen Einmischung gekommen? Das Verbreitungsgebiet der westsibirischen Völkergruppe erstreckte sich zumindest bis in die Nähe des Ostufers des Kaspischen Meeres. Die Chwalynsk-Kultur hatte sich nicht nur westlich der Wolga, sondern insbesondere auch in der frühen Phase ihrer Ausbreitung am Ostufer der Wolga und des Kaspischen Meeres nach Süden ausgebreitet - wie man entsprechenden Verbreitungskarten entnehmen kann. Also ostwärts der nachmaligen Handelsstadt Astrachan an der Wolga (Abb. 5: 1a) und ostwärts des Nordostufers des Kaspischen Meeres (Abb 5: 1c). 

/ Ergänzung: Sie besiedelte insbesondere die Mangischlak-Halbinsel (Wiki) (4). Heute ist diese eine Halbwüste, sie wurde mehrere Jahrhunderte von den Kalmücken bewohnt, davor von anderen Völkern. /

Offenbar hat sich in diesem Bereich oder von diesem Bereich ausgehend eine neue Misch-Population gebildet, die sich dann hinwiederum über die Wolga hinweg nach Westen ausgebreitet hat und die dort vorherrschende Steppen-Maikop-Kultur mit reiner indogermanischer Steppen-Genetik zu größeren Teilen ersetzt hat. Vielleicht waren auch größere Teile der dortigen Bevölkerungen nach Westen oder nach Süden über den Kaukasus hinweg abgewandert. In der Studie heißt es zu dieser Verbindung mit westsibirischer Herkunft (1):

Diese Verbindung ist rätselhaft und steht bisher mit keinem bekannten archäologischen Phänomen in Zusammenhang.
This link is enigmatic and not yet related to any known archaeological phenomenon.

Diese hälftig westsibirische Steppen-Maikop-Kultur hat dann im Bereich Nowoswbodnaja 41 % der dortigen Herkunft neu eingebracht (Abb. 4: "Steppe_Maykop_oulier_1"), während Menschen der Nowoswobdnaja-Kultur 38 % Herkunft zu einer weiteren Unterpopulation der Steppen-Maikop-Kultur beigetragen haben (Abb. 4: "Steppe_Maykop_outlier_2"). Aber diese Unterpopulationen haben offenbar auf spätere Ethnogenesen keinen Einfluß mehr ausgeübt, sind also - nach derzeitigem Kenntnisstand - genetisch ausgestorben.

Es wird dennoch insgesamt deutlich, welch eine Dynamik es in den Völkerbewegungen insbesondere nördlich des Kaukasus vor, während und nach der der Maikop-Kultur gegeben hat. Unter dem Dach des anzunehmenden Großreiches der Maikop-Kultur haben sich über die Jahrhunderte immer wieder beträchtlich unterschiedliche Ethnogenese-Prozesse und Herkunftsverschiebungen ergeben, die insbesondere auch mit Halbseßhaftigkeit zu tun gehabt haben. Dieser Umstand ist jedenfalls in ein allgemeineres Bild der Geschichte der Maikop-Kultur einzufügen. Hierfür die angemessenen Interpretationen und Deutungen zu liefern, wird sicherlich die Aufgabe der diese Region bearbeitenden Archäologen der nächsten Jahre sein. 

Nach 3.300 v. Ztr. - Die Jamnaja-Kultur

Als nächstes tritt dann die Jamnaja-Kultur in der Steppe nördlich des Kaukasus auf. Sie weist ihre wiederum ganz eigene, spezifische Genetik auf, die unabhängig von westsibirischen genetischen Einflüssen entstanden ist, und deren Entstehungsprozeß schon im Frühjahr 2024 geklärt worden ist und in mehreren Blogartikeln hier auf dem Blog behandelt worden ist. Das westsibirisch-indogermanische Mischvolk der Steppen-Maikop-Kultur wird also wiederum genetisch vollständig von den Jamanja ersetzt. Vielleicht hat sich das westsibirisch-indogermanische Mischvolk der Steppen-Maikop-Kultur bei der Eroberung der Tripolje-Cucuteni-Kultur um 3.500 v. Ztr. "verbraucht" (?) (s. Stg2022). 

Die Jamnaja-Kultur findet sich in der Folge-Grafik (Abb. 6) als "Yamnaja_North_Caucasus" und "North_Caucasus (NCC)" dargestellt mit der Zeitstellung 2.500 v. Ztr.. Allerdings suggeriert die Grafik, daß die Einmischung von 15 % Ukrainisch-neolithischer Herkunft zeitgleich zur Einmischung von 15 % Nowoswobodnaja-Herkunft geschehen sei. Das ist natürlich nicht der Fall. Die erstere Einmischung hatte sich ab 3.300 v. Ztr. bei den Kern-Jamnaja am Unteren Dnjepr etabliert, die letztere Einmischung wird erst stattgefunden haben, nachdem die Jamnaja sich bis an den Fuß des Kaukasus und womöglich darüber hinaus ausgebreitet hatte. 

Es tritt also im Nord-Kaukasus noch ein 21%iger Herkunftsanteil der Nowoswobnaja-Kultur hinzu (wobei die westsibirische Herkunftskomponente wiederum keine Rolle gespielt hat, was zeigt, daß es unvermischte Nowoswobodnaja-Menschen weiterhin und parallel zu den Menschen mit westsibirischer Einmischung gegeben hatte). 

Abb. 6: Ethnogenesen rund um den Kaukasus um 3.000 v. Ztr.

Von der Jamanaja-Kultur zur Katakombengrab-Kultur hat es dann nördlich des Kaukasus offenbar 100%ige genetische Kontinuität gegeben (s. Abb. 6: "Catacomb"). Der Nowoswobnaja-Herkunftsanteil sinkt allerdings in dieser Zeit im Nordkaukasus von 21%  auf 15% (s. Abb. 6: "Catacomb"). 

Ab 2.400 v. Ztr.

Der Grund dafür, daß in Abbildung 6 "North_Caucasus" und "Yamnaja_North_Caucasus" unterschieden werden, obwohl die Unterschiede in den Herkunftsanteilen zwischen beiden nicht sehr groß sind, wird erst deutlich, wenn man sich Abbildung 7 ansieht. Auf dieser kann nämlich nachvollzogen werden, daß regionale Untergruppen der Kura-Araxes-Kultur ab 2.400 v. Ztr. durch unterschiedlichen Zustrom von Jamanaja-Genetik gekennzeichnet sind. 

Diese Veränderungen ab 2.400 v. Ztr. vollziehen sich zeitgleich und parallel zur Ankunft von Steppengenetik in Nordgriechenland und von dort aus dann im übrigen Griechenland.

Abb. 7: Ethnogenesen rund um den Kaukasus um 2.000 v. Ztr.

a) Jamnaja-Genetik kommt in den Kaukasus und nach Armenien und bleibt in den Kaukasus-Völkern bis heute erhalten

Ab 2.200 v. Ztr. mischte sich 36 % Jamnaja-Genetik bei den Kura-Araxes-Leuten der Region Berkaber (Wiki) in Nordarmenien ein (Abb. 7: "Caucasus_MBA"). Mit ihnen kam die Sprache des Armenischen nach Armenien.

Kurze Zeit später mischten sich ab 2.100 v. Ztr. zu 21 % Nachkommen von Kura-Araxes-Leuten aus der Region Berkaber in Nordarmenien bei Jamnaja-/Nach-Katakombengrab-Leuten in der Steppe nördlich des Kaukasus ein (Abb. 7: "Post_Catacomb"). Womöglich sind sie als Frauen in Nordarmenien geraubt worden oder sonst als Sklaven über den Kaukasus geholt worden? 

Ab 2000 v. Ztr. leben in Nordossetien in der Region des Berges Arkhon (4.100 m) und des von dort nach Norden abfließenden Flusses Arkhon und der dortigen heutigen Landschaftsschutzgebiete (unter anderem Arkhonskiy Pereval GMaps), etwa 63 Kilometer südwestlich von Wladikawkas, der heutigen Hauptstadt der Republik Nordossetien-Alanien, Menschen, die zur Hälfte Jamnaja- und zur anderen Hälfte Kura-Araxes-Genetik in sich trugen (Abb. 7: "Arkhon").

Im Osten des Kaukasus kommt es nur zu einem Zustrom von elf Prozent Jamnaja-Genetik (Abb. 7: "Highland_MBA_east"). Und diese Genetik hält sich dort bis 1500 v. Ztr. (Abb. 7: "Highland_LBA_east"). In der Studie heißt es dazu (1):

Individuen aus der letzten Phase der Mittleren Bronzezeit und der Späten Bronzezeit des Kaukasus-Clusters sind in der Hauptkomponentenanalyse deutlich nach oben in Richtung des Steppen-Clusters verschoben (...). Dies ist das erste Mal, daß sich vorgeschichtliche Individuen in der Hauptkomponentenanalyse mit heutigen Populationen decken.
The final MBA and LBA individuals from the Caucasus cluster are markedly shifted upwards on PC2 towards the Steppe cluster (Fig. 3b). This marks the first time in which ancient individuals fall within the same PC space as present-day populations.

Diese Ausführungen beziehen sich auf die Hauptkomponenten-Analyse in Abbildung 8. Das heißt, daß die heutigen Völker des Kaukasus im Groben seit der Späten Bronzezeit genetische Kontinuität aufweisen, daß sie auch heute zwischen elf und 36 % Jamnaja-Genetik aufweisen. Das gilt auch für die Herkunftszusammensetzung seither in Armenien.

b) Westsibirische Genetik kommt in die Steppe nördlich des Kaukasus

Zeitgleich kommt es ab etwa 2.200 v. Ztr. erneut zu einem Zustrom von westsibirischer Genetik aus der Gegend von Kumsay in Kasachstan ("ANE") in die Steppe nördlich des Kaukasus (Abb. 7: "Lola_1" und "Lola_2"). Wie wir in Abb. 8 sehen, steht diese "Kumsay-Genetik" der Genetik der Okunew-Kultur (Wiki, engl) sehr nahe, die eine sehr charakteristische Kulturgestaltung aufweist (vielleicht Ähnlichkeit aufweist mit der Kultur der Wüstenmumien der Taklamakan [?]). Aus dieser Kultur sind auch viele Rinderwagen-Darstellungen bekannt. In der Okunew-Kultur lag nun nicht nur westsibirische Herkunft vor, sondern auch Jamnaja- und Baikal-Genetik.

Womöglich ist diese Einmischung nun wiederum ermöglicht worden dadurch, daß zuvor in der Steppe ansässige Jamnaja-/Katakombengrab-Stämme nach Süden in den Kaukasus und nach Armenien abgewandert waren. In der Population "Lola_1" vermischen sich zwei Drittel Okunew-Genetik mit einem Drittel Jamnaja-Genetik. Damit wird die Jamnaja-Genetik insgesamt sicherlich mehr als die Hälfte betragen haben in der resultierenden Bevölkerung.

Die Ortschaft Kumsay (GMaps) liegt etwa 20 Kilometer östlich der Ortschaft Bayganin (Wiki) und Bayganin hinwiederum liegt etwa 350 Kilometer nordöstlich des Wolgamündung (GMaps). Dies könnte durchaus auch die Region sein, aus der das erste mal (siehe oben) westsibirische Genetik in die Steppe nördlich des Kaukasus gekommen war. 

c) Schnurkeramik-Genetik kommt in die Nordschwarzmeer-Steppe - Die Ethnogenese der Skythen

Ab 1400 v. Ztr. vermischen sich Sintashta-Leute, also Nachkommen der ostmitteleuropäischen Schnurkeramik-Kultur, die tausend Jahre zuvor das erste Volk waren, das Streitwagen benutzte, und deren Nachkommen zeitgleich in Indien als "Arier" auftreten (s. Stg2020, Stg2021), irgendwo in der Nordschwarz-Meer-Steppe mit Jamnaja-Leuten hälftig zur Srubnaja-Kultur (Wiki, engl) und breiten sich als solche bis an den Fuß des Kaukasus aus (Abb. 7: "Srubnaya"). Hier kam also indogermanische Schnurkeramik-Genetik mit indogermanischer Jamnaja-Genetik zusammen.  

Im westlichen Kaukasus mischen sich dann 31 % Srubnaya-Leute mit dort noch unvermischt lebenden Nachkommen von Kura-Araxes-Leuten (Abb. 7: "Highland_LBA_west").

Ab 1100 v. Ztr. entstehen die Skythen der dortigen Steppe als Vermischung aus 33 % Srubnaja-Genetik mit 67 % Lola_1-Genetik (Abb. 7: "Steppe_Prescytian"). Da die Lola_1-Genetik zu mehr als der Hälfte aus Jamnaja-Genetik bestand, tragen die dabei entstehenden Skythen in sich - grob - 70 % Jamnaja-Genetik und 30 % westsibirische- und Baikal-Genetik (wobei die Schnurkeramik-Genetik innerhalb des Steppen-Genetik-Anteils auch Kugelamphoren-Genetik beinhaltete). 

Abb. 8: Vorgeschichtliche Populationen des Kaukasus (farbig) nähern sich bis 1200 v. Ztr. genetisch den heutigen Populationen des Kaukasus (grau hinterlegt) an (aus 1)

In Abb. 8 werden die neu sequenzierten vorgeschichtlichen Menschenfunde in der Hauptkomponentenanalyse dargestellt vor dem Hintergrund der grau dahinter gelegten heutigen Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den Völkern des Kaukasus (basierend auf 102 sequenzierten Individuen). Die schwarz umrandeten Zeichen sind Individuen, die für diese Studie neu sequenziert worden sind, die anderen Zeichen markieren Individuen, die schon in anderen Studien sequenziert worden waren. Links, a) die Individuen aus dem Zeitraum 3.900 bis 2.100 v. Ztr. (3. Jahrtausend v. Ztr.), rechts, b) die Individuen aus dem Zeitraum 1.900 bis 1.100 v. Ztr. (2. Jahrtausend v. Ztr.).

Wir sehen, daß links (a) Kaukasus- und Steppen-Cluster genetisch noch getrennt bleiben, während es rechts (b) zur umfangreicheren Vermischung zwischen beiden Clustern sowohl in der Steppe wie im Nordkaukasus und und Armenien kommt. 

Die gestrichelten Linien mit Pfeilen deuten die erst in letzterem Zeitraum geschichtlich breiter auftretenden Vermischungen zwischen den Nach-Jamnaja-Volksstämmen in der Steppe und den Nach-Kura-Araxes-Gruppen im Kaukasus an. Außerdem wird das Hereinkommen der Okunew-Genetik mit einem gestrichelten Pfeil angedeutet.

Als Ergebnis nähern sich die Menschenfunde des 2. Jahrtausends v. Ztr. der Herkunftszusammensetzung an, wie sie im Wesentlichen bis heute weiter besteht. Dabei bleibt die vormalige Kaukasus-Genetik auf der Südseite des Hauptkammes in weiteren Teilen erhalten, während die Völker auf der Nordseite des Kaukasus bis heute zwischen 10 und 30 % Steppengenetik in sich tragen. Dieser Umstand mag sich mit dem späteren Hereinkommen der Skythen und Sarmaten noch einmal leicht in Richtung westsibirischer Genetik verschoben haben.

Die Veränderungsbereitschaft und Wandelfreude in der Steppe

Die Studie geht davon aus, daß der verwandtschaftliche Zusammenhalt und die verwandtschaftliche Kontinuität der Bauernkulturen des Kaukasus rund um eine jeweilige Grabstätte deutlich höher war als in den Steppen-Kulturen nördlich des Fußes des Kaukasus. Es finden sich in den Kurganen der Steppe nur in Ausnahmefällen gleichzeitig lebende Verwandte miteinander bestattet. Noch weniger finden sich Menschen in Generationenabfolge innerhalb desselben Grabhügels bestattet. Dieser Umstand macht im ganz Besonderen deutlich, welche umfassenden Folgen die halbseßhafte Lebensweise in der Steppe mit sich gebracht hat. Selbst wenn eine Kultur und Herkunftsgruppe als solche längere genetische und kulturelle Kontinuität innerhalb eines bestimmten Gebietes aufweist, bringt es offenbar die Halbseßhaftigkeit mit sich, daß immer wieder andere Familien in einem jeweiligen Kurgan vor Ort ihre Toten bestattetet haben. Kurgane sind in keinem Fall "Familiengrablegen", sondern einfach nur Stätten, wo man Gestorbene begräbt - wenn man gerade in ihrer Nähe ist und einen Gestorbenen hat!

Der verwandtschaftliche Zusammenhalt in den Steppen-Kulturen muß deshalb nicht so wesentlich geringer gewesen sein. Aber es gab eben eine viel höhere Mobilität, Veränderungsbereitschaft und vermutlich deshalb auch Veränderungsnotwendigkeit in diesen Kulturen. Genau das spiegelt sich ja auch in den vielen Ethnogenesen in der Steppe und von der Steppe ausgehend über die Jahrhunderte hinweg wider. In Trockenjahren mußten weit entlegene Weidegründe aufgesucht werden. In guten Jahren kamen dann womöglich wieder ganz andere Gruppen vor Ort - womöglich auch genetisch inzwischen neu formierte. In der Studie heißt es über die diesbezüglichen Verhältnisse vor 2.400 v. Ztr. (1):

Alle mit dem Piedmont assoziierten Maikop-Individuen sind geprägt von kaukasischer Herkunft, die sie von südneolithischen und eneolithischen Gruppen geerbt haben. Diese Gruppen wurden wahrscheinlich durch die Aufrechterhaltung enger Verwandtschaftsbeziehungen in zusammenhängenden Gemeinschaften aufrechterhalten, was sich auch in gemeinsamen architektonischen Konstruktionsmerkmalen in einigen Maikop-Hügeln widerspiegelt. Im Gegensatz dazu deuten die genetische Variabilität und die Seltenheit enger biologischer Beziehungen in den vier Steppen-eneolithischen Gruppen auf unterschiedliche und flexiblere Verwandtschaftsstrukturen hin, die das Fortbestehen unterschiedlicher kultureller Praktiken widerspiegeln.
All piedmont-associated Maykop individuals carry Caucasus ancestry inherited from southern Neolithic and Eneolithic groups, which was probably maintained by keeping close kinship ties in cohesive communities, also reflected in shared architectural construction features in some Maykop mounds. By contrast, the genetic variability and scarcity of close biological relationships in the four Steppe Eneolithic groups suggest different and more flexible kin structures, which echo the persistence of varying cultural practices.

Das ist natürlich noch sehr zurückhaltend und abstrakt formuliert. 

Ein anderer Unterschied, der hier nicht thematisiert ist, auf den wir aber auch erst jüngst gestoßen waren (s. Stgen2024), ist ja auch der, daß den Gräbern in der Steppe ganze Rinderwagen mit ins Grab gegeben worden sind, während den Gräbern im Gebirge die ziehende Ochsen mit ins Grab gegeben worden sind. In der Tat weisen ja noch die Konstruktionsmerkmale der Kurgane der Jamnaja-Kultur vergleichsweise hohe Variabilität auf.

Womöglich wird man deshalb schlußfolgern können: Die Steppe selektierte Menschen in Richtung auf Veränderungsbereitschaft. Nur wer langfristiger veränderungsbereit war, war befähigt, als Familie und Kultur in einer nicht durch dichte bäuerlich Besiedlung erschlossenen Steppe zu überleben. Ist es dieser Umstand, der dem Naturraum Steppe als Ursprungsraum von neuen, viel veränderungsbereiteren Völkern eine so große Bedeutung für die Menschheitsgeschichte seither gab? Veränderungsfreudigere indogermanische Völker treffen seither rund um den Erdball auf beharrungsfreudigere Völker. Und indem es - immer wieder - zur Vermischung von beiden Völkereigenschaften kam, wurden die bisherigen beharrungsfreudigeren Völker zu größerer Veränderungsfreude hinüber gerissen. Zugleich wurde die Veränderungsfreude abgebremst und "gezügelt" durch die Beharrlichkeit und konservativere Lebenshaltung der Bauernvölker, mit denen sich die zuwandernden Indogermanen vermischten. 

Das würde heißen: Die Nordschwarzmeer-Steppe mit ihren Klimaschwankungen selektierte die Menschen in Richtung Veränderungsbereitschaft. "Konservative" Menschentypen konnten als Hirten in der Steppe nicht überleben. Nur wer bereit war, "alles hinter sich zu lassen", völlig neue Weidegründe aufzusuchen, nicht an alten Gewohnheiten zu kleben, überlebte auf Dauer in der Steppe.

Der soziale, demographische und gesellschaftliche Erfolg der seit 10.000 v. Ztr. evoluierten neolithischen Bauerngesellschaften, sowie ihre Evolutionsstabilität beruhten sozusagen genau auf dem Gegenteil. Sie beruhten darauf, daß in ihnen ein vorwiegend konservativer, beharrlicher Menschentyp selektiert worden war. Das ist sehr deutlich erkennbar zum Beispiel an der Bandkeramik: Über das weite Verbreitungsgebiet der Bandkeramik hinweg - von der Kanalküste bis östlich der Karpaten - gleichen die Siedlung nach vielen Merkmalen hin wie ein Ei dem anderen. Das heißt: Ein erfolgreiches gesellschaftliches Lebensmodell wurde beharrlich über die Generationen hinweg kopiert und noch einmal kopiert, in ganz neue Lebensräume getragen und auch dabei so gut wie gar nicht verändert.

Auf diese Weise mag die "weltgeschichtliche Bühne" vorbereitet worden sein, auf der dann die veränderungsbereiten Indogermanen ihr weltgeschichtliches Feuerwerk abbrennen konnten.

Dieser Blogbeitrag hat sich redlich bemüht, die genannte Studie (1) auszuwerten. Wie deutlich wird, werden durch diese Studie eine Fülle von Geschichtsepochen und damit verbundenen Völkerbewegungen abgedeckt. Deshalb kann natürlich weder garantiert werden, daß wirklich alle wesentlichen Erkenntnisse von uns schon heraus destilliert worden sind, noch auch, daß jede einzelne Erkenntnis von uns schon präzise richtig verstanden und eingeordnet worden ist. Solche Dinge können dann ggfs. künftig noch ergänzt und korrigiert werden.

__________

*) Ein Tagungsbeitrag auf einer Archäologen-Tagung in Budapest im April 2024 hatte uns im August 2024 sehr erwartungsvoll gestimmt gegenüber der baldigen Veröffentlichung einer neuen archäogenetischen Studie (Stgen2024). Diese Studie ist vor zwei Wochen in der Fachzeitschrift "Nature" erschienen (1). Die Archive jener Institute, die in den letzten Jahrzehnten mit der archäologischen Erforschung des Kaukasus und der Steppe nördlich davon befaßt gewesen sind, sind ein weiteres mal nach noch nicht sequenzierten Skelettresten durchkämmt worden, so daß mit dieser Studie die Archäogenetik-Daten für die Region rund um den Kaukasus grob verdoppelt wird mit neuen 102 Individuen von 38 archäologischen Fundorten für einen Zeitraum von 6.000 Jahren. Von diesen 102 Individuen stammen ...

  • 7 aus Mesolithikum und Neolithikum,
  • 11 aus dem 5. Jahrtausend v. Ztr., 
  • 30 aus dem 4. Jahrtausend v. Ztr., 
  • 51 aus dem 3. Jahrtausend v. Ztr. und 
  • 42 aus dem 2. Jahrtausend v. Ztr..
**) Im Rahmen dieser Kultur wurde offenbar um 6.000 v. Ztr. der Weichweizen (Triticum aestivum) domestiziert PNAS2026). 90 % von allem Weizen, der heute weltweit geerntet wird, ist Weichweizen. Der Welthandel mit Weizen übertrifft die Handelsmenge aller anderen Feldfrüchte zusammengenommen (Wiki).

________

  1. Ghalichi, A., Reinhold, S., Rohrlach, A.B. et al. The rise and transformation of Bronze Age pastoralists in the Caucasus. Nature (2024). https://doi.org/10.1038/s41586-024-08113-5 (Nature 30 October 2024)
  2. Henry M. Mix: Der Große Kaukasus - Rußlands Dach der Welt. Expeditionen ins Tierreich (NDR 05.01.2022)
  3. Dergachev, V. A.: О скипетрах, о лошадях, о войне: этюды в защиту миграционной концепции М.Гимбутас (On sceptres, on horses, on war: Studies in defence of M. Gimbutas’ migration concepts), 2007 (Scribd)
  4. Irina N. Vasilyeva, Natalya S. Doga: Chalcolithic Ceramic Complexes on Mangyshlak Peninsula. Ufa Archaeological Herald, 2025 vol. 25, no. 1, pp. 146-158. (In Russ.) DOI: https://doi.org/10.31833/ uav/2025.25.1.012 (Cyberleninka)

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