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Samstag, 9. Mai 2026

Eleonore von Bulgarien

Krankenschwester und Königin

"Helden des Willens" heißt ein Buch, auf das man in einer Bücher-Telefonzelle stoßen kann und das man ja einmal mitnehmen kann (1). Erschienen in erster Auflage 1928, in zweiter Auflage 1933. Vorsatz-Bild der zweiten Auflage: "Reichskanzler Adolf Hitler". Eine recht willkürlich anmutende Zusammenstellung von Lebensbildern. Das erste Kapitel über den deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte liest sich gar nicht so ungut. Also kann man ja mal ein bisschen weiter stöbern in diesem Buch.

Abb. 1: Eleonore von Bulgarien (1860-1917)

Und man könnte sich festlesen in einer Lebensbeschreibung der Königin Eleonore von Bulgarien (1860-1917) (Wiki), einer geborenen Prinzessin von Reuß aus Niederösterreich. Diese Prinzessin war doch in Weltgegenden unterwegs, auf die wir hier auf dem Blog eigentlich erst seit der Beschäftigung mit der Archäogenetik aufmerksam geworden sind, nämlich einmal in der Mandschurei zwischen Sibirien, Korea und China und zum anderen am Rhodopen-Gebirge zwischen Bulgarien im Norden und Nordmazedonien im Süden.

Viele Details aus dieser Lebensbeschreibung finden sich so auch noch gar nicht auf Wikipedia. Die Lebensinhalte der Eleonore von Reuß ergaben sich vor allem durch ihre verwandtschaftliche Nähe zur Zarenfamilie in Rußland. 

1908 heiratete Eleonore mit 47 Jahren (!) den Fürsten Ferdinand I., den nachmaligen König von Bulgarien (1861-1948) (Wiki). Auf dem bulgarischen Wikipedia ist darüber verzeichnet (Wiki):

1907 wandte sich Ferdinand I. an Großfürstin Maria Pawlowna mit der Bitte, ihm eine neue Gemahlin vorzuschlagen, die wenig Aufmerksamkeit erwarte und sich wohltätigen Zwecken widme. Die Großfürstin schlug ihre Cousine ersten Grades, Eleonora Reuß-Köstritz, vor. (...) Die Ehe zwischen Eleonore und Ferdinand war rein formaler Natur und Ferdinand hegte keinerlei Gefühle für seine neue Gemahlin. Bezeichnenderweise bestand Ferdinand selbst darauf, daß die beiden während ihres Besuchs bei König Carol I. von Rumänien, der während ihrer Flitterwochen stattfand, getrennte Schlafzimmer erhielten.

Wie Eleonore selbst über eine so wundervolle Ehe dachte, ist vorderhand nicht bekannt. Wenn wir unserem Buch folgen, hat sich Eleonore womöglich bemüht, den positiven Seiten ihres neuen Ehegatten Beachtung zu schenken. 

Abb. 2: Eleonore von Bulgarien (1860-1917)

Diese werden sogar ein wenig übertrieben dargestellt (1, S. 167):

König Ferdinand, den man den bedeutendsten Geist unter den europäischen Herrschern seiner Zeit genannt hat, zeichnet sich durch eine außergewöhnliche wissenschaftliche Bildung und einen geläuterten ästhetischen Geschmack aus.

Wenn dieser König schon der bedeutendste Geist gewesen wäre, dann würde das womöglich doch mehr über die anderen europäischen Herrscher aussagen als über ihn. Wie auch immer. Die Frauenzeitschrift "Die Bunte" wußte 2016 folgendes über diese Ehe (Bunte2016):

Wenn man Ferdinand und Eleonora einmal zusammen sehen könnte, seien Spannungen zwischen ihnen nicht zu ignorieren gewesen. Während er sich seiner Frau abweisend gegenüber zeigte, habe sie es mit stoischer Ruhe ertragen.

Insgesamt hat man den Eindruck, daß diese Ehe auch für Eleonore eher eine "Zweckehe" gewesen sein könnte, bekam sie doch durch diese einen Wirkungskreis, wie sie ihn sich zuvor immer ersehnt hatte.

Man sieht Eleonore ja schon auf dem Verlobungsbild nicht lächeln (Abb. 13). Womöglich hat das damals von einer 47-Jährigen auch niemand mehr erwartet. Damalige Frauen des Hochadels haben in Bezug auf Ehen manches mitmachen müssen. 

Abb. 3: Eleonore von Bulgarien (1860-1917)

Immerhin (Wiki) ...

... gewann Eleonore schnell die Zuneigung von Ferdinands Stiefkindern und des gesamten bulgarischen Volkes.

Unsere Buchautorin Clara Ebert-Stockinger schreibt über die drei Stiefkinder von Eleonore (1):

Diese hingen denn auch bald mit schwärmerischer Liebe an ihrer zweiten Mutter.

In unserem Buch heißt es über Eleonore (1):

Sie nahm die Werbung an und sprach mit großer Freude von den ernsten Aufgaben, die sie den verwaisten Kindern des Fürsten gegenüber und als Mutter eines ganzen Volkes zu erfüllen haben würde. 

Auch aus diesen Worten geht keine große Erwartung gegenüber der geschlossenen Ehe hervor. Eleonore reizte offenbar insbesondere der große Wirkungskreis in Bulgarien, der sich ihr durch diese Heirat eröffnete.

Leitung des russischen Lazarett-Wesens in der Mandschurei (1904)

Denn sie war - wie womöglich unsere Buchautorin - gelernte Krankenschwester. Sie hatte 1904 im Russisch-japanischen Krieg die Leitung des Lazarett-Wesens auf dem asiatischen Kriegsschauplatz inne gehabt und hatte in der Zeit danach an ihre Freundin geschrieben (zit. n. 1):

Ich sehne mich nach meiner Arbeit zurück. Ich vermag es nicht mehr, hier in der Stille meine Tage zu verbringen. Ich muß in großem Stile arbeiten und schaffen können und helfen, das Elend zu lindern. Hier kommt mir alles so klein und eng vor nach der unbegrenzten Größe Sibiriens und nach den Mitteln, mit welchen ich meine Ziele erreichen konnte.

Was uns an dem Leben von Eleonore von Reuß interessiert, ist, wie schon gesagt, daß sie sich in abgelegenen Gegenden bewegte, auf die wir schon verschiedentlich hier auf dem Blog zu sprechen gekommen waren. So heißt es über den von ihr geleitete Lazarettzug im Jahr 1904 (1, S. 165):

Sie führte den Zug wiederholt vom Baikalsee durch die Mandschurei nach Charbin.

Siehe dazu die Karte in Abbildung 4. Harbin (Wiki) (Charbin) ist eine der größten Städte der Mandschurei. Von den sechs Millionen Einwohnern sind heute 93 Prozent Chinesen und 4,6 Prozent Mandschu. Die genannte Strecke gehört zum östlichen Teil der Transsibirischen Eisenbahn (Wiki), bzw. zu einer Nebenstrecke derselben. 

Abb. 4: Die Bahnstrecke vom Baikalsee nach Charbin / Harbin in der Mandschurei (Wiki)

Kurz einiges zu diesem Krieg: Rußland hatte Port Arthur 1897 für 25 Jahre gepachtet als Hafen. Gleichzeitig verstärkte es seinen Einfluß in Korea, das sich diesem Einfluß auch öffnete, und zwar als Gegengewicht gegen Japan (Wiki):

Am 13. Januar 1904 forderte der japanische Botschafter in St. Petersburg die Anerkennung der japanischen Vorherrschaft in Korea im Gegenzug für die Erklärung Japans, daß die Mandschurei außerhalb ihres Einflußbereichs liege. Die russische Regierung rechnete nicht mit einem Krieg und ordnete das Verhalten der japanischen Diplomatie als Bluff ein.

Am 9. Februar 1904 griff Japan Port Arthur mit Kriegsschiffen an. Anhand der folgenden Karte kann der Ablauf des Krieges in groben Zügen nachvollzogen werden.

Abb.: 5 Der japanisch-russische Krieg im Jahr 1904

Der Hauptteil der Russischen Pazifikflotte war in Port Arthur versammelt. In mehreren japanischen Angriffen konnte diese Pazifikflotte ausgeschaltet werden, zuletzt als die Reste dieser Flotte nach Wladiwostok ausbrechen wollten.

Die Russen hatten nun viel zu wenige Landstreitkräfte in Ostasien stationiert. Ein Nachziehen von Truppen über die Transsibirische Eisenbahn in nachhaltiger Stärke würde sechs Monate dauern. Diesen Umstand nutzten die japanischen Landstreitkräfte aus, die bei Inchon im heutigen Korea (heutiger Flughafen) gelandet wurden und dann über Seoul nach Norden vorstießen.

Abb. 6: Japanische Batterie auf den Höhen von Chusanp, 1904

Der Fluß Yalu war von russischen Truppen nur unzureichend mit Streitkräften besetzt. In einer Durchbruchschlacht wurden die Russen besiegt und die Japaner stießen von dort einerseits nach Süden, nach Port Arthur durch, um diesen Hafen zu belagern und drangen andererseits nach Norden vor bis Wladiwostok, das von den Japanern von der Seeseite her belagert wurde.

Schließlich kam es zum Friedensschluß. Korea blieb Japan als Einflußsphäre zugesprochen. Japan erhielt außerdem die Südhälfte der Halbinsel Sacchalin.

Abb. 7: Blick über ein Feldlager japanischer Truppen in der Mandschurei, 1904

Aufgrund der Niederlage Rußlands bracht 1905 in Moskau und entlang der Transsibirischen Eisenbahn die Revolution aus. Vermutlich eine "Probemobilmachung" der Arbeiterklasse für die vorgesehene künftige Revolution, in der dann endgültig die Macht übernommen werden sollte.

Im Frühjahr 1906 kehrte Eleonore von Reuß aus diesen Revolutionswirren in ihre Heimat nach Niederösterreich zurück. Sie schrieb am 9. April 1906 an ihren vormaligen Mitarbeiter Dr. Colmers (1, S. 165):

Jetzt habe ich Heimweh da hinaus, denn wenn es auch wohtuend für mich ist, zu Hause zu sein, so sehne ich mich doch nach meiner Arbeit, meinen Kranken, dem Lärm, dem Sturm, dem Sonnenschein der Mandschurei. Mit dem Friedensschluß fing übrigens unsere Mühsal erst recht an, mit den Bahn- und Poststreiks usw. Sieben Wochen währte unsere letzte Reise von Bangupocinokre, und erst in den letzten Tagen des Januar kamen wir mit unseren Kranken in Petersburg an. Fast in ganz Sibirien der Aufstand, in Kpnenopekr, Ruma, Irkutsk, überall Brand, Mord und Totschlag, das damals im Sommer so berühmte Bjogubemokr ein rauchender Trümmerhaufen.

Das sind alles Lebensinhalte dieser Eleonore, die in den nachmaligen Stürmen des Ersten Weltkrieges völlig in Vergessenheit gerieten.

Abb. 8: Russische Artilleriestellung am Dolinskypas, 1904

Aufgrund dieser doch nicht uninteressant zu lesenden Darstellung fragen wir nach der Autorin, nach Clara Ebert-Stockinger (1863-1949) (Wiki). Sie hat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Bücher über Kinderpflege, Kindererziehung, Hauswirtschaft und fleischlose Ernährung veröffentlicht. Aber sie strebte über diesen Lebenskreis hinaus. 1928 veröffentlichte sie dann als 65-Jährige unser Buch, das gewiß eine ungewöhnliche Zusammenstellung von Biographien darstellt, an deren Ende dann auch noch ausgerechnet diejenige Adolf Hitlers gestellt ist. 

Ihre Schrift "Die Mutterschaft" erschien in erster Auflage vor 1917. Denn das Vorwort zu ihr war von Anna Fischer-Dückelmann (1856-1917) (Wiki) verfaßt worden (Eb), die schon 1890 bis 1896 als eine der ersten Frauen in der Schweiz Medizin studiert hatte, und die 1901 ihr Buch heraus gegeben hatte "Das Geschlechtsleben des Weibes", das 1902 in siebter und 1910 in zehnter Auflage erschienen ist. Wir erfahren über Fischer-Dückelmann (Wiki):

1900 und 1901 veröffentlichte sie ihre Bestseller "Das Geschlechtsleben des Weibes" und "Die Frau als Hausärztin", für die Fischer-Dückelmann auch kritisiert wurde - vor allem wegen ihrer liberalen Einstellung zu Sexualität und Verhütung. Sie schrieb zum Beispiel: „Die Frau ist keine willenslose Geburtenmaschine mehr.“ Und auch: „Ebenbürtigkeit des Weibes ist der Schlüssel zu einem neuen Liebeshimmel!“ 

In der Tradition dieser Fischer-Dückelmann stand dann etwa auch eine Mathilde Ludendorff, vorherige von Kemnitz, als sie vor dem Ersten Weltkrieg Medizin studierte und als sie 1919 ihr Buch heraus brachte "Das Weib und seine Bestimmung".

Abb. 9: Lazarettzug Anfang des 20. Jahrhunderts (Geo2026)

Und in der Tradition dieser Fischer-Dünckelmann scheint nun auch Clara Ebert-Stockinger gestanden zu sein. Ihre Schrift "Die Mutterschaft" ist 1929 in siebter Auflage erschienen und war dann "ärztlich bearbeitet" worden von ihrer Tochter Dr. med. Anna Ebert, einer Fachärztin für Kinderheilkunde. Und 1928 folgte dann das Buch "Helden des Willens".

Abb. 10: Der Beginn der Russischen Revolution im Jahr 1905 - Die Schüsse auf dem Palastplatz am 22. Januar - Gemälde von Ivan Alexeyevich Vladimirov (Kd)

Zurück zu Eleonore, inzwischen Königin von Bulgarien. Bulgarien war dann Teilnehmer an den Balkankriegen 1912/13, erst Bündnispartner gegen das Osmanische Reich, dann Kriegsgegner seiner vorherigen Bündnispartner.

Der beiden Balkankriege 1912/13

Diese Balkankriege haben viel von jenen Massakern an der Zivilbevölkerung vorweg genommen, die dann bei Kriegsende 1945 vor allem die deutsche Zivilbevölkerung in ganz Ost- und Ostmitteleuropa erleiden mußte. Vor dem Hintergrund der Kriegsgreuel der Balkankriege nehmen sich die Greuel an den Deutschen im Jahr 1945 nicht mehr als ganz so "außergewöhnlich" aus (5).

Sind solche Kriegsgreuel hervor gerufen durch "slawische Mentalität", so fragt man sich unwillkürlich. Oder handelt es sich um ein allgemein menschliches, bzw. unmenschliches Phänomen?

Abb. 11: Die Barrikaden von Presnya, einem Stadtteil von Moskau im Dezember 1905 - Gemälde von Ivan Vladimirov (Wiki)

Clara Ebert-Stockinger gibt eine eindrucksvolle Darstellung der Ereignisse (1, S. 170f):

Der zweite Balkankrieg wurde gegen Bulgarien entschieden und ihre Stammesgenossen in Mazedonien und Thrazien bekamen die furchtbare Hand der erbarmungslosen Sieger zu fühlen. Was nicht massakriert wurde und nur irgenwie konnte, ließ Hof und Heimat im Stich und flüchtete nach Bulgarien. Sofia war das Ziel und die Hoffnung all dieser unglücklichen Flüchtlinge, deren Zahl mehr als 130.000 betrug. Auf drei Wegen strömten sie der Hauptstadt zu, über Palanka-Küstendiel und über Dumaja und Dunica. Der dritte Strom kam aus Thrazien. Besonders dieser Zug der Flüchtlinge war ein wahrer Zug des Grauens. Hinter sich hatten sie die Feinde, vor sich die Mauer des Rhodope-Gebirges, durch das nur ein einziges Tor, das Kresnadefilee, nach Bulgarien führte. (...) Im Kresnatal stand die bulgarische Armee, um dieses Einbruchstor gegen die anstürmenden Griechen zu verteidigen. (...) Das Kresnatal ist ein großes Kindergrab.

Clara Ebert-Stockinger schreibt fast so, als wäre sie selbst dabei gewesen (1, S. 172):

Wenn möglich noch schlimmer war die Not der Flüchtlinge aus der Türkei und aus Gallipoli, wo die dort ansässigen Bulgaren nach Abzug der bulgarischen Armee der Rachsucht der Baschi-Boschuks ausgeliefert waren. Halb nackt kamen sie in Varna an, mit blutenden Füßen, die Cholera und die schwarzen Blattern im Gefolge. Über siebentausend kranke, halb verhungerte Menschen mußte das kleine Varna aufnehmen. Auf den Straßen lagen die Kinder und starben zu Dutzenden.

Königin Eleonore hatte erneut das Lazarett-Wesen unter sich, war überall vor Ort und kümmerte sich um alles.

Abb. 12: Die Riviera von Genua - Es wird vermutet, daß dieses Gemälde von Eleonore von Reuß stammt, denn auf der Rückseite des Rahmens heißt es: "Peint par S. A. La Princesse Reuß Koostritz" (Kastern2025)

In ihrer Jugend könnte sie auch gemalt haben. Jedenfalls wird ihr ein Gemälde im Kunsthandel zugesprochen (Abb. 12).

Abb. 13: Eleonore von Bulgarien (1860-1917) als Verlobte im Jahr 1908

Königin Eleonore starb 1918, ihr Ehemann mußte wenig später abdanken und verbrachte seine letzten drei Lebensjahrzehnte in Coburg. Dort starb er 1948.

_____

  1. Clara Ebert-Stockinger: Königin Eleonore. In: Helden des Willens. Lebenswerke aus neuerer Zeit. Verlag von Strecker und Schröder, Stuttgart, 2. Auflage 1933 (EA 1928), S. 162-177
  2. Fischer-Dückelmann, Anna: Das Geschlechtsleben des Weibes – Eine physiologisch-soziale Studie mit ärztlichen Ratschlägen. Berlin 1900. (19. Auflage. 1919) (Archiv)
  3. Fischer-Dückelmann, Anna: Der Geburtenrückgang - Ursachen und Bekämpfung vom Standpunkt des Weibes. Stuttgart 1914
  4. Manuel Opitz: Hospital auf Schienen - Wie ein Medizinerehepaar mit Lazarettzügen an die Front fuhr. 14. April 2026 (Geo2026)
  5. Katrin Boeckh: Die Balkankriege 1912/13 - Kriegsführung, Kriegsgräuel, Kriegsopfer (Osmikon)

Mittwoch, 15. April 2026

Die Piasten stammten in männlicher Linie von den Wikingern ab

Die Y-chromosomale Linie der Piasten findet sich im Frühmittelalter in England

Der erste polnische König Mieszko I. (945-992) (Wiki) begründete das polnische Herrscherhaus der Piasten (Wiki).

Abb. 1: Mittelalterliche Halskette, ausgestellt im Piasten-Museum von Ostrów Lednicki (Wiki) zwischen Posen und Gnesen, der Ort, der als Keimzelle des polnischen Staates gilt (Yt2022)*)

Seit vielen Jahrzehnten gibt es in der Geschichtswissenschaft eine Erörterung darüber, ob das Piastenhaus von Wikingern begründet wurde oder welcher Herkunft dieses Herrscherhaus sonst wäre. Der Verfasser dieser Zeilen saß 1988 an der Universität Mainz bei Professor Gotthold Rhode im Hauptseminar für polnische Geschichte und erinnert sich noch gut, mit welcher "Behutsamkeit" Professor Rhode dieses Thema angesprochen hat. Es bestand ohne Frage große Sorge, polnische Nationalgefühle zu verletzen. Und Professor Rhode wollte wirklich nur das referieren, was wissenschaftlich gesichert oder wenigstens plausibel war. Eine besonders große Sicherheit gab es zu dieser Zeit zu dieser Frage nicht.

Im Zusammenhang mit der Erörterung der spannenden Wikinger-Studie aus der Forschungsgruppe um Eske Willerslev waren wir hier auf dem Blog schon einmal auf diese Thematik zu sprechen gekommen (Stg19). Da sich nach dieser Studie Wikinger-Genetik die Weichsel aufwärts ausgebreitet hat ebenso wie in anderen Teilen Osteuropas, war es immer nahe liegender geworden, daß sich die Wikinger-Herkunft des Piastenhauses bestätigen würde. Nun ist eine neue polnische archäogenetische Studie erschienen, in der mit allen Mitteln und in umfangreichen Untersuchungen versucht worden ist, diese Frage zu klären - anhand gesicherter Menschenreste der Piasten aus Polen selbst (1):

Unsere aDNA-Befunde ermöglichten es uns zusammen mit historischen Daten, die Skelettreste von mindestens zehn Piasten zu identifizieren. Die von uns durchgeführten Genomanalysen deuten darauf hin, daß die Piasten höchstwahrscheinlich nicht aus Polen stammten. Durch die Verfolgung der mütterlichen und väterlichen Abstammungslinien der Piasten bestätigten wir historisch belegte Verbindungen zwischen den Häusern der Piasten und den ungarischen Árpád.

Gemeint sind spätere Heiratsverbindungen, durch die die archäogenetische Rekonstruktion des Stammbaumes der Piasten in Polen bestätigt und abgesichert werden kann. Und weiter (1): 

Basierend auf unseren Ergebnissen, gestützt durch genealogische Daten, ordneten wir die mitochondrialen und/oder Y-chromosomalen Haplogruppen von über zweihundert bekannten historischen Persönlichkeiten aus europäischen Dynastien und Adelsfamilien zu, darunter 18 Könige. Das so erstellte genetische Profil des Hauses der Piasten vor dem Hintergrund anderer mittelalterlicher Königsdynastien bildet die Grundlage für weitere Studien zu den Prozessen, die im 10. Jahrhundert zur Bildung neuer politischer Gebilde auf der Grundlage von Monarchie und autarker Wirtschaft führten.
Our aDNA findings, together with historical data, allowed us to identify the skeletal remains of at least 10 Piasts. The genome-wide analyses we performed indicate that the Piasts most likely came from outside of Poland. By tracing both maternal and paternal Piast lineages, we confirmed historically-documented links between the Houses of Piast and Hungarian Árpád. Based on our results, supported by genealogical data, we assigned the mitochondrial and/or Y-chromosomal haplogroups of over two hundred known historical figures from European dynasties and noble families, including 18 kings. The created genetic portrait of the House of Piast against the background of other medieval royal dynasties forms the basis for further studies of the processes that led to the formation of new political entities based on monarchy and self-sufficient economies in the tenth century.

Die meisten archäogenetischen Daten der Studie stammen aus der Grablege der Piasten in Plock (Wiki) an der Weichsel. Plock liegt 110 Kilometer südwestlich von Hohensalza in Kujawien und 100 Kilometer nordwestlich von Warschau.

Abb. 2: Schloß Zakrzewo (Wiki) des Grafen Belina-Wesierski (1812-1875), gelegen 16 Kilometer westlich von Posen - Er gilt als Förderer der Archäologie im Landkreis Gnesen als der Urzelle des polnischen Staates

Der rekonstruierte Y-chromosomale Haplotyp, der über die Jahrhunderte hinweg bei allen gesicherten männlichen Mitgliedern der Piasten vorliegt, findet weder heute noch in früheren Jahrtausenden bislang eine Entsprechung in Polen oder in Osteuropa. Aktuell findet sich dieser Y-chromosomale Haplotyp auch nicht in Skandinavien, weder heute noch in früheren Jahrtausenden. Aber er findet sich - entsprechend dieser Studie - überraschenderweise in Nordwesteuropa (1):

Unter den DNA-Proben, die in die Zeit vor der Entstehung des Piastenstaates datiert wurden, wurde dieselbe (Y-chromosomale) Abstammungslinie in drei derselben gefunden: CGG_023713 (datiert auf 770–540 v. Ztr.) aus dem heutigen Frankreich, CGG_107766 (datiert auf 20–200 n. Ztr.) aus den heutigen Niederlanden und VK177 (datiert auf 880-1000 n. Ztr.) aus dem heutigen England. Unsere Daten zeigen somit, daß die Piasten der Abstammungslinie R1b-BY3549 angehörten, was darauf hindeutet, daß sie Migranten nicht-slawischer Herkunft waren.
Among the samples dated to the period before the Piast state formation, the same lineage was found in three ancient samples: CGG_023713 (dated to 770–540 BCE) from present-day France42, CGG_107766 (dated to 20–200 CE) from present-day Netherlands, and VK177 (dated to 880–1000 CE) from present-day England. Thus, our data revealed that the Piasts belonged to the R1b-BY3549 lineage, suggesting that they were migrants of non-Slavic origin.

Das "VK177" genannte Indiviuum aus England ist nun ein Individuum, das in der Wikinger-Studie von Eske Willerslev im Preprint im Jahr 2019 veröffentlicht worden war (Stg19). Die anderen beiden Individuen wurden ebenfalls von der Forschungsgruppe um Eske Willerslev sequenziert und sind 2024 im Preprint in ihrer Germanen-Studie veröffentlicht worden (Stg24). Im Diskussionsteil wird zu diesen nordwesteuropäischen Entsprechungen ergänzt (1):

Nach archäologischen Analysen repräsentierte das erste Individuum (aus der Zeit um 650 v. Ztr.) die westliche Hallstattkultur, das zweite Individuum (aus der Zeit um 115 n. Ztr.) wurde in einem römischen Friedhof bestattet, und das dritte Individuum (aus der Zeit um 940 n. Ztr.) war höchstwahrscheinlich ein Wikinger.
According to archaeological analyses, the first individual (from c.a. 650 BCE) represented the Western Hallstatt Culture, the second individual (from c.a. 115 CE) was buried in a Roman cemetery, and the third individual (from c.a. 940 CE) was most likely Viking.

Aufgrund der zeitlichen Nähe des Wikingers "VK177" in England und von Miesko I. in Polen könnten man ja fast der Frage nachgehen, ob es sich bei beiden nicht sogar um familiär Verwandte handelte. Aber soweit sind die Forscher bislang noch nicht gegangen. Sie schreiben immerhin einleitend in ihrer Studie (1):

Mieszkos Tochter, bekannt als Sigrid die Stolze oder Gunhild von Wenden, war Königin von Schweden, Dänemark, Norwegen und England und die Mutter mehrerer Könige: Olof Skötkonung, Harald II. Svensson und Knut des Großen. Innerhalb weniger Jahrzehnte stiegen die Piasten zu einer der größten europäischen Dynastien auf. Die Piastenmonarchie endete 1370 n. Ztr. mit dem Tod von König Kasimir III. dem Großen. Andere Zweige der Piasten herrschten jedoch weiterhin über Herzogtümer wie Masowien und Schlesien, bis der letzte männliche Piastenvertreter 1675 n. Ztr. starb.
Mieszko’s daughter, known as Sigrid the Haughty or Gunhild of Wenden, was the Queen of Sweden, Denmark, Norway, and England and the mother of several kings: Olof Skötkonung, Harald II Svensson, and Cnut the Great18. Within a matter of decades, the Piasts grew to become one of the largest European dynasties. The Piast monarchy ended in AD 1370 with the death of King Kazimierz III Wielki (Casimir III the Great). However, other Piast branches continued to control duchies, such as Masovia and Silesia, until the last male Piast representative died in AD 1675.

Und sie führen im Diskussionsteil aus (1):

Die nicht-polnische Herkunft der Piasten sollte Forscher auch dazu veranlassen, die Beziehungen der ersten polnischen Dynastie zu den Wikingern neu zu überdenken. Dieses Thema wird seit vielen Jahren intensiv diskutiert.
The non-local origin of the Piasts should also prompt researchers to reconsider the relations of the first Polish dynasty with the Vikings. This issue has been widely discussed for many years now.

Die Studie hat aber Bedeutung für die Erforschung des europäischen Hochadels insgesamt.

Abb. 3: Heiratsverbindungen von Piastentöchtern mit anderen europäischen Königshäusern und Hochadelsfamilien - Unterste Reihe (dunkelbraun): Hohenzollern (aus 1, Suppl. Fig. 11)

Aufgrund der Heiratsverbindungen innerhalb des europäischen Hochadels führen die Autoren aus (1):

Viele Töchter der Piasten und viele Frauen, die in die Familie der Piasten einheirateten, wurden bzw. waren ebenfalls Angehörige bekannter europäischer Dynastien. Daher ermöglichen die von uns erhobenen genetischen Daten der Piasten, die mitochondrialen Haplogruppen von über 200 bekannten historischen Persönlichkeiten vorherzusagen. Zu dieser Gruppe gehören 108 Piasten, 32 Rurikiden, 12 Giediminiden, 23 Árpáden, 15 Přemysliden, 13 Hohenzollern, 10 Habsburger, 8 Wettiner, 5 Anjou und 4 Wittelsbacher (Einzelheiten siehe  Supplementary Fig. 11 und Supplementary Data 3).
Many of Piast’s daughters and the women who married into the Piast family were also representatives of famous European dynasties; hence, the genetic data we collected for the Piast dynasty members allow us to predict mt-hgs for over 200 well-known historical figures. Within this group, there are 108 Piasts, 32 Rurikids, 12 Giediminids, 23 Árpáds, 15 Přemyslids, 13 Hohenzollerns, 10 Habsburgs, 8 Wettins, 5 Angevins, and 4 Wittelsbachs (for details, see Supplementary Fig. 11 and Supplementary Data 3).

Nach der genannten "Supplementary Fig. 11" (s. Abb. 3) ergibt sich die hier genannte Verbindung zu den Hohenzollern dadurch, daß der Habsburger Ernst der Eiserne (1377-1427) (Wiki) 1412 in zweiter Ehe die Piasten-Prinzessin Cimburgis von Masowien (1394-1429) (Wiki) heiratete. Deren Enkeltochter war dann Anna von Sachsen (1437–1512) (Wiki) aus dem Hause Wettin. Und diese war nun mit Albrecht Achilles (1414-1486) (Wiki) verheiratet, der ab 1470 Kurfürst von Brandenburg war. 

Abb. 4: "Schwere märkische Reiter", 15. Jahrhundert (Pintr)

Anna und Albrecht Achilles hatten nun 13 Kinder und die Töchter unter diesen vererbten somit die mitochondrialen Piasten-Haplotypen der Piasten-Prinzessin Cimburgis von Masowien weiter. Diese 13 bilden die unterste (braun gefärbte) Hohenzollern-Reihe in Abb. 3. Wir lesen (Wiki):

Die Historiographen des preußischen Königshauses charakterisierten Albrecht als „eine von Lebenslust strotzende Kraftnatur, der Körper mit Narben bedeckt, ein Meister der Heerfahrt, glänzender Redner und gewiegter Diplomat, impulsiv, gewaltsam und herrisch, trinkfest und prachtliebend, aber auch sparsam als guter Haushalter, Freund und nimmermüder Parteigänger seiner Fürstengenossen, geschworener Feind der verhassten Städte.

Nun, 15. Jahrhundert halt. Über den Sohn dieses Albrecht Achilles, über Johann Cicero (Wiki), der auch noch Piasten-Mitochondrien-DNA in sich trug, hat der deutsche Dichter Börries von Münchhausen eine immer wieder gern gelesene Ballade gedichtet, die wir hier an das Ende unserer Ausführungen stellen wollen.

Die Wunderwirkung der Latinität

(Börries Freiherr von Münchhausen, 1907)

Ihr lieben Jungens in Stadt und Land,
ich weiß euch eine Geschichte!
Ich kenn euch, ihr hört so trefflich zu
mit sehr ernsthaftem Gesichte,
doch in den Winkeln am Auge blitzt's,
wie von ganz anderen Sachen,
und eure Lippen beben dabei, -
das ist verhaltenes Lachen,
ihr seid nämlich eine ganz dolle Schwefelbande!

Der Kurfürst Johann von Brandenburg,
der war gelehrt wie sonst keiner,
er sprach das flüssigste, klarste Latein
noch besser als selbst die Lateiner,
Da nannten sie ihn den 'Cicero'
er fand das übel geraten,
viel besser hätte ihm 'Cäsar' gepaßt,
so liebte er die Soldaten -
vor allem seine sechstausend schweren märkischen Reiter!

Nun hatten einst einen großen Streit
die Könige von Ungarn und Polen,
da ließ der Kaiser, den das verdroß,
den Johann Cicero holen:
Herr Kurfürst, Ihr sprecht das berühmte Latein,
so bitt' ich Euch, habt die Gnade
und zieht gen Warschau und söhnt sie aus
mit Eurer lateinischen Suade,
vielleicht nehmt Ihr auch ein paar Soldaten mit?

Herr Kaiser, der Auftrag paßt mir gut!
sprach Johann mit tiefem Verneigen,
Die klassische Kunst der Rhetorik wird
sich stark an Barbaren erzeigen,
Die Ungarn und Polen versöhne ich
ganz ohne Schwertstreich und Wunde,
so wirkt der Wohllaut der Latinität
in meinem beredsamen Munde
und außerdem nehme ich meine sechstausend schweren Reiter mit!

Vor Warschau, auf dem weiten Plan,
da standen Ungarn und Polen,
die beiden Könige rechts und links,
die saßen wie auf Kohlen,
denn Johann Cicero sprach und sprach,
wie troff die Rede von Milde,
und wenn er von christlichen Gründen sprach,
so waren doch alle im Bilde.
hinter ihm standen Sechstausend aufgesessen und Lanzen eingelegt!

Was Johann Cicero dort gesagt,
es ist der Nachwelt verloren,
den feindlichen Königen klangen nur
so einzelne Worte in Ohren:
"Totschlago vos fortissime,
nisi vos benehmitis bene!!"
Da söhnten die Gegner gerührt sich aus,
und Johann vergoß eine Träne,
und seine sechstausend Kerle brüllten: Hurra, vivat Cicero!

Ihr lieben Jungens, euch ist ja gelehrt,
warum die Dichter was dichten,
ihr wißt, der Zweck ist stets die Moral
bei allen solchen Geschichten,
drum, wenn ein Klassenaufsatz es gibt
über Münchhausens letzte Ballade,
so schreibt: Ein tadelloses Latein
das ebnet im Leben die Pfade,
vorausgesetzt, daß einer eine gute Faust daneben haut!

_________

Abb. 5: Belina-Wesierski
*) Ostrów Lednicki gehört zur Gemeinde Lubowo und diese bis 1919 zum preußischen Landkreis Gnesen. Von den etwa 50.000 Einwohnern des Landkreises Gnesen waren 1905 67 % Polen und 33 % Deutsche (s. Wiki).
Der polnische Großgrundbesitzer Graf Albin Belina-Wesierski (1812-1875) (Wikigilt als Förderer der Archäologie im Landkreis Gnesen als der Urzelle des polnischen Staates. Er "unternahm ausgedehnte Reisen, auf denen er eine umfangreiche Sammlung archäologischer Funde zusammentrug. Das ererbte Gut baute er zu einem erfolgreichen landwirtschaftlichen Musterbetrieb aus. 1854 erhielt er mit königlichem Diplom die Bestätigung des preußischen Grafenstandes, wurde königlich-preußischer Kammerherr und Mitglied des preußischen Herrenhauses als Vertreter des Alten und Befestigten Grundbesitzes im Landschaftsbezirk Gnesen. In Zakrzewo ließ er ein repräsentatives Schloß im Stil des französischen Barock errichten, das von den Wirtschaftsgebäuden und einem Park umgeben war. 1856 kaufte Belina von der preußischen Regierung die Burg Ostrów Lednicki, um sie für die polnische Nation zu bewahren und vor Verfall zu schützen. Gelegen auf einer Insel im Lednica-See, ist sie eine Burg des ersten Piastenherrschers Mieszko I., der dort auch getauft wurde. Sie gilt damit als eine Wiege des polnischen Staates und darüber hinaus der Christianisierung Polens. Darüber hinaus engagierte Belina sich für die archäologische Erforschung dieser Burg und veröffentlichte einige Aufsätze darüber. Belina unterstützte auch die Posener Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften und die Krakauer Akademie der Gelehrsamkeit." Und (Wiki): "In seinem Schloß in Zakrzewo trug er eine Sammlung archäologischer Fundstücke zusammen, hauptsächlich aus Ostrów Lednicki und Umgebung, auf deren Grundlage er ein „Lednica-Museum“ errichten wollte. Zu seiner archäologischen Sammlung gehörten auch Münzen aus einem mittelalterlichen Schatzfund, der 1872 im Dorf Głębokie (heute Gemeinde Kiszkowo ) entdeckt wurde. Elf Brakteaten davon schenkte Węsierski dem British Museum in London." (Weiteres auch hier: Pojezierze2021)
**) Irgendwie erinnert insgesamt diese Herkunft der Piasten auch an den ersten Böhmen-König Samo (600-658 n. Ztr.) (Wiki), der womöglich ebenfalls aus der Gegend rund um das heutige Brüssel stammte - allerdings schon 300 Jahre früher lebte (Wiki):

Samo (* um 600; † um 658/659) war nach der Fredegarchronik, der einzig bekannten Quelle, ein aus dem Frankenreich stammender Kaufmann und der erste namentlich bekannte Herrscher eines slawischen Reiches. Um 623/624 gründete er das in Mitteleuropa gelegene Reich des Samo (lateinisch: regnum Samoni), welches Samo bis zu seinem Tod 35 Jahre lang als König (rex) regiert haben soll. (...) In der Fredegar-Chronik (IV, 48) wird ein "homo nomen Samo, natione Francos, de pago Senonago" genannt („Ein Mann namens Samo, fränkischer Herkunft, aus dem Gau von Senonago“). Dieser Satz kann jedoch unterschiedlich übersetzt und gedeutet werden. Teilweise wird heute davon ausgegangen, daß Senonago der heutigen französischen Stadt Sens südöstlich von Paris entspricht. Anderen Quellen zufolge handelt es sich beim Senonago allerdings um Soignies oder Sennegau. Mit "natione Francos" wurden in Quellen im 7. Jahrhundert allgemein die Bewohner des Frankenreichs bezeichnet.

Die Senne ist ein Fluß, der durch Soignies und Brüssel fließt. Soignes gehört zum Hennegau. Aber wie gesagt: Mieszko I. (Wiki) lebte 300 Jahre später. 

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  1. Zenczak, M., Handschuh, L., Marcinkowska-Swojak, M. et al. Genetic genealogy of the Piast dynasty and related European royal families. Nat Commun 17, 3224 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-71457-1, 6.4.2026 (Nat2026)

Freitag, 2. Januar 2026

Die Archäogenetik der Rus

Im Norden weisen die Russen finno-ugrische Beimischungen auf

Eine neue archäogenetische Studie zur frühmittelalterlichen Geschichte der Russen ist erschienen (1). Federführend scheint ein Archäogenetik-Labor der Universität Sotschi zu sein (früheres Tscherkessien im Kaukasus). Sie wartet aber - soweit wir das überblicken - mit nicht gar zu vielen, grundlegenden Neuerkenntnissen auf.

Abb. 1: Die Leibgarde (Drushina) des Prinzen Boris (gest. 1015) (Wiki) (Meisdr)

Jene Russen, die im Nordosten des Verbreitungsgebietes der mittelalterlichen Rus lebten, wiesen nach dieser Studie deutlich höhere finno-ugrische Nganasanen-Herkunft auf als die übrigen Russen (1). Sonst überlappt sich die Genetik der mittelalterlichen Rus - nach dieser Studie - sehr weitgehend mit der der übrigen osteuropäischen Slawen.

Der genetische Anteil der Wikinger im frühmittelalterlichen Rußland war schon in einer Eske Willerslev-Studie von 2019 Thema (Stg2019). Über die Erkenntnisse von 2019 führt der neue Artikel nicht weit hinaus. In ihm heißt es (1):  

Im PCA-Diagramm sind einige MA- und IA-Proben aus der skandinavischen Region sowie aus den MA-Bestattungen, die Sachsen, Wikingern und Slawen aus dem Gebiet des heutigen Deutschlands, Polens und Kroatiens zugeschrieben werden, und einige Individuen aus Bestattungen skandinavischen Typs aus dem Gebiet der alten Rus (19,26,28,29) ebenfalls neben Individuen des Subclusters Rus_SWest positioniert (Supplementary Fig. 30).
On the  PCA plot, some MA and IA samples originating from the Scandinavian region, as well as from the MA burials attributed to Saxons, Vikings, and Slavs from the territory of present day Germany, Poland, Croatia, and some individuals from Scandinavian-type burials from the ancient Rus' area (19,26,28,29) are also positioned alongside subjects of the Rus_SWest subcluster (Supplementary Fig. 30). 

Und (1):

Unsere Analyse ergab, daß nur wenige Individuen aus verschiedenen Regionen der alten Rus mögliche genetische Spuren skandinavischer Wikinger-Abstammung aufweisen. Insbesondere konnten keine genetischen Ähnlichkeiten zwischen den Genprofilen von Individuen aus den Grabhügeln der militärischen Elite (Druzhina-Krieger) in Gnezdilowo und Nikolskoe und denen skandinavischer Wikinger festgestellt werden (Fig. S34b, Fig. S35, siehe Supplementary Informations S2.2.1). Dieser Befund stützt nicht die Hypothese einer wahrscheinlichen skandinavischen Abstammung der in den beiden untersuchten Gräberstätten (Gnezdilowo und Nikolskoe) bestatteten Druzhina-Krieger.
Our analysis revealed that only a limited number of individuals from various regions of ancient Rus' exhibit possible genetic traces of Scandinavian Viking ancestry. Notably, no genetic similarities were identified between the genetic profiles of individuals from the barrows of the military elite (Druzhina warriors) in the Gnezdilovo and Nikolskoe mounds and those of Scandinavian Vikings (Supplementary Fig. 34b, Supplementary Fig. 35, see Supplementary Informations S2.2.1). This finding does not support the hypothesis of a likely Scandinavian ancestry for the Druzhina warriors buried in at least these two studied burial sites (Gnezdilovo and Nikolskoe). 

Merkwürdig ist, daß die neueste, im September 2025 veröffentlichte, recht grundlegende Studie zu den Slawen aus dem Archäogenetik-Labor von Johannes Krause in Leipzig in dieser Studie noch gar nicht berücksichtigt ist. Vermutlich hätte die Krause-Studie umgekehrt von dieser neuen Studie profiziert - aber umgekehrt scheint das nicht der Fall zu sein. Angesichts der differenzierten Überlegungen in der Krause-Studie zur Urheimat der Slawen mutet irgendwie verwirrend oder sogar irreführend die folgende Angabe in der neuen Studie an (1):

Trotz der geografischen Nähe der bronzezeitlichen Fatyanovo-Gruppe zum Gebiet der Rus wies sie keine signifikant höhere Anzahl gemeinsamer Allele mit irgendeinem der genetischen Subcluster der Alten Großrus auf (Supplementary Fig. 39, Supplementary Table 13).
Despite the geographic proximity of the BA Fatyanovo group to Rus' area, it did not exhibit a significantly higher number of shared alleles with any of  the Ancient Major Rus' genetic subclusters (Supplementary Fig. 39, Supplementary Table 13). 

Wäre das denn - nach der Krause-Studie - überhaupt zu erwarten? Die Fatjanowo-Kultur wird auf 2.500 v. Ztr. datiert. Aus ihr gingen die Sintashta-Kultur im Ural und die Andronowo-Kultur Sibiriens hervor, ebenso wie - vermutlich - die Kultur der "Arier" in Nordindien und wohl auch der Perser im Iran und schließlich der Skythen in der Steppe (Stg2020). Die Urslawen sind archäologisch und archäogenetisch nach der Krause-Studie östlich der Pripjetsümpfe erst in der Eisenzeit zu fassen, also zweitausend Jahre später.

Es handelt sich um ein Preprint. Vielleicht verlangen die Gutachter sinnvollerweise doch, daß die Erkenntnisse der Studie in Bezug gesetzt werden zu dem aktuellen Forschungsstand und nicht einem veralteten. 

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  1. Genetic history of Rus'. By Tatiana V. Andreeva, Svetlana S. Kunizheva, Malyarchuk B. Alexandra, Fedor E. Gusev, Tatiana V. Ustkachkintseva, Irina Yu. Adrianova, Gleb, S. Dotsenko, Anna Soshkina, Irina L. Kuznetsova, Natalia A. Dudko, Maria Yu Plotnikova, Elizaveta V. Rozhdestvenskikh, Andrey D. Manakhov, Asya V. Engovatova, Vladimir V. Sedov, Natalia A. Birkina, Olga V. Zelentsova, Ekaterina O. Chelogaeva, Anna M. Krasnikova, Igor Y Strikalov, Anna V. Rasskazova, Alexander S. Syrovatko, Pavel D. Manakhov, Maria V. Dobrovolskaya, Alexandra P. Buzhilova, Nikolay A. Makarov and Evgeny I. Rogaev. bioRxiv. posted 30 December 2025, 10.64898/2025.12.30.695215 (bioRxiv2025)

Mittwoch, 10. September 2025

Die Slawen - Entstehung und Ausbreitung im Frühmittelalter

Sie fand so statt, wie es die Wissenschaft seit dem 19. Jahrhundert annimmt

Wir Deutschen sind unserer Herkunft nach Germanen. So haben wir immer gedacht. Südlich des Mains aber stammen wir Deutschen etwa zur Hälfte von Kelten ab (Stg2024). Und östlich der Elbe - sowie auch in Ostbayern und in Österreich - stammen wir zu 10 bis 40 % von Slawen ab. Die Sorben im Spreewald und in der Lausitz stammen sogar zu 88 % von Slawen ab. So lautet das Ergebnis einer neuen archäogenetischen Studie von Seiten der Arbeitsgruppe rund um Johannes Krause in Leipzig (1) (IDW). 

Abb. 1: Eine typische Halskette der Kiewer Kultur (2.-5. Jhdt. n. Ztr.), vermutlich des Urvolkes der Slawen - Gefunden im Wald bei dem Dorf Werchnja Syrowatka (Wiki) im ukrainischen Oblast Sumy, Nordostukraine  (Wiki)

Konsequenterweise sollte dasselbe, was für die Sorben gilt, dann auch etwa für die Kaschuben in Westpreußen gelten, für die "wasserpolnisch" sprechenden Oberschlesier, für die Slowenen in Kärnten oder für andere slawische "Reliktbevölkerungen" im deutschsprachigen Raum.

In welchem Umfang umgekehrt Polen, Tschechen, Slowaken und Slowenen von Germanen abstammen aus Regionen westlich der Elbe und westlich von Bamberg, Passau und Salzburg, wird sicherlich in künftigen Studien noch genauer heraus gearbeitet werden. Man wird annehmen können, vom Umfang her vielleicht ähnlich wie die Sorben.

Archäologisch scheint sich nach derzeitigem Stand die Ethnogenese der Slawen im Rahmen der Kiewer Kultur (2.-5. Jhdt. n. Ztr.) (Wiki) (WikiCom) vollzogen zu haben im Süden Weißrußlands und im Norden der Ukraine, zwischen den Pripjet-Sümpfen im Westen und dem Oberen Dnjepr im Osten - umgeben von den Goten im Westen, den Sarmaten im Osten und ab 375 n. Ztr. von den Hunnen im Süden (1).

Diese Studie dürfte den letzten Sargnagel darstellen für die Theorie von der vorgeblichen "Slawenlegende" (Wiki), nach der es eine frühmittelalterliche Ausbreitung von Slawen aus der Region östlich der Pripjet-Sümpfe gar nicht gegeben habe. Wir werden zu dieser Theorie von der "Slawenlegende", die immer nur von Randgruppen innerhalb der Wissenschaft vertreten wurde, am Ende dieses Beitrages noch einige Erläuterungen gegeben. 

Zunächst einmal aber die neue Studie selbst. In ihr wurden mehrere hundert Menschenreste aus der Zeit der Völkerwanderung und danach analysiert aus Sachsen-Anhalt und aus Thüringen, und zwar von Gräberfeldern aus der Nähe 

  • von Deersheim nördlich des Harzes,
  • von Brücken-Hackpfüffel südlich des Harzes,
  • von Steuden und Niederwünsch südwestlich von Halle, 
  • von Obermöllern westlich, sowie 
  • von Rathewitz östlich von Naumburg an der Saale.

Es handelt sich also um eine Region grob zwischen Braunschweig und Leipzig (s. GMaps) (Abb. 4).

Abb. 2: Der 2010 gefundene Brjansker Schatz (Wiki) aus der Kiewer Kultur (2.-5. Jhdt. n. Ztr.) (Historia

Diese Region wurde verglichen mit schon publizierten Archäogenomen aus den Regionen Polen-Nordwestukraine, sowie Nordwest-Balkan. Bevor von der Slawenzuwanderung berichtet wird, kommt die Studie zunächst noch auf folgendes, außerordentlich überraschendes Ergebnis über die Zeit davor, über die Völkerwanderungszeit zu sprechen. Und zwar ist die Rede von Menschenfunden von den Fundorten bei Brücken südlich des Harzes, sowie von Obermöllern und Rathewitz bei Naumburg an der Saale (1):

Überraschenderweise stellten wir eine hohe Anzahl von Individuen mit nicht-lokaler, südeuropäischer Abstammung in der Elbe-Saale-Region Ostdeutschlands während der Völkerwanderungszeit fest, obwohl diese Region nie Teil des Römischen Reiches war. (...) Wir ermitteln an allen vier untersuchten völkerwanderungszeitlichen Fundorten der Region einen durchschnittlichen Anteil südeuropäischer Abstammung zwischen etwa 15 % und 25 %. (...) Obwohl über die Gründe und Umstände ihrer Einwanderung in die Elbe-Saale-Region nur spekuliert werden kann, paßten sich diese Neuankömmlinge offenbar den Kleidungs-Gewohnheiten und Traditionen der einheimischen Bevölkerung an, was zu einer recht homogenen materiellen Kultur innerhalb einer Gruppe von Individuen mit unterschiedlichem genetischen Hintergrund führte.
Unexpectedly, we detect a high number of MP individuals with non-local, Southern European ancestry in the Elbe-Saale region of Eastern Germany, although this area was never part of the Roman Empire. Using qpAdm36,37, we measure on average between approximately 15% and 25% of Southern European ancestry in all 4 MP sites of the region. (...) Although the causes and circumstances of their movement to the Elbe-Saale region remain open for speculation, these newcomers apparently adapted the fashions and traditions of the local populations, resulting in a rather homogenous material culture within a group of individuals with diverse genetic backgrounds.

Das heißt, die bestatteten Individuen nordeuropäischer, südeuropäischer oder gemischter Abstammung unterschieden sich in den feststellbaren kulturellen Merkmalen - wie Grabart oder Grabausstattung - nicht voneinander.

Abb. 3: Die Westausbreitung der slowenischen Karantanen nach Kärnten, Oberösterreich und bis Osttirol ab 590 n. Ztr.

Brachten hier Krieger vom Stamm der Thüringer, die Militärdienst im römischen Reich geleistet hatten, "Kriegskameraden" aus dem Süden mit? Oder Ehefrauen? In der Studie wird diese Frage bewußt völlig offen gelassen. (Siehe dazu auch "Ergänzung 21.6.2026" ganz unten.)

Es heißt dann weiter (1):

Diese Vielfalt ist jedoch in der darauffolgenden slawischen Zeit verschwunden. Im Gegensatz zur vorhergehenden Völkerwanderungszeit hat sich das genetische Profil Ostdeutschlands während der slawischen Zeit erheblich verschoben und überschneidet sich nun fast ausschließlich mit dem von heutigen slawischsprachigen Bevölkerungsgruppen (z. B. von Polen und Weißrussen), was auf einen grundlegenden Austausch der genetischen Abstammung hindeutet (Abb. 2b,c). Ein ähnliches Muster ist auf dem Nordwestbalkan, in Polen und in der Nordwestukraine sowie in der Wolga-Oka-Region in Rußland zu beobachten. Dies verdeutlicht, daß dieser Zustrom neuer genetischer Herkunft nicht auf bestimmte Regionen beschränkt war, sondern weite Teile Mittel- und Osteuropas betraf. Das stimmt mit den eher einfachen, sehr ähnlichen archäologischen Horizonten überein, die während der slawischen Zeit zu beobachten sind.
However, this diversity had collapsed in the subsequent SP (Supplementary Note 6). In contrast to the preceding MP, the genetic profile of Eastern Germany during the SP has shifted considerably and clusters nearly exclusively with present-day Slavic-speaking populations (for example, Poles and Belarussians), indicative of a fundamental replacement of genetic ancestry (Fig. 2b,c). A similar pattern is seen in the Northwestern Balkans, Poland–Northwestern Ukraine as well as the Volga-Oka region in Russia28, illustrating that this influx of new genetic material was not limited to certain regions but affected wide areas of Central and Eastern Europe, consistent with the rather simple, very similar archaeological horizons observed during the SP.

Genau jene Sachverhalte, die hier benannt sind, sind der Sargnagel für jede andere Theorie zur Entstehung und Ausbreitung der Slawen.

Abb. 4: Archäogenetisch erforschte Fundorte zur Westausbreitung der Slawen - Zwischen Braunschweig und Leipzig ab 650 n. Ztr. (GMaps)

In der im Zitat erwähnten Abb. 2c - hier im Beitrag als Abb. 5 eingestellt - ist dieser Bevölkerungsaustausch auf einer Grafik zur Hauptkomponentenanalyse der genetischen Verwandtschaft aufgetragen und veranschaulicht. Wir sehen im Nordwestbalkan während der Völkerwanderungszeit mehrheitlich südeuropäische Herkunft - aber auch nordeuropäische Herkunft (hellgelbe Punkte). Die ersteren gehen auf die romanische Bevölkerung zurück, die letzteren auf die germanischen Zuwanderer (Goten, Langobarden und andere). Wir sehen, daß in Thüringen während der Völkerwanderung das genetische Spektrum sehr stark Richtung Germanen hin verschoben ist. Aber auch die überraschenden 15 bis 25 % südeuropäische Herkunft sind zu sehen (hellrote Punkte). Wir sehen in Polen und der Nordwest-Ukraine während der Völkerwanderung fast nur germanische Genetik (hellblaue Punkte). Das waren vor allem die Goten.

Dann verschwindet die vorhergehende Bevölkerung in allen drei Regionen völlig. Die südeuropäische Herkunft im Nordwest-Balkan verschwindet. Die vorwiegend nordeuropäische Herkunft in Thüringen verschwindet und die nordeuropäische Herkunft in Polen und in der West-Ukraine verschwindet. In allen drei Regionen taucht eine neue osteuropäische Genetik auf, die in allen drei Regionen einander sehr ähnelt (orangene, dunkelrote und dunkelblaue Punkte). Dabei weist die polnisch-westukrainische Raum noch die vergleichsweise größte genetische Vielfalt auf. Und man sieht, daß Teilpopulationen dieser Vielfaltsverteilung sich einerseits nach Thüringen und andererseits in den Nordwest-Balkan-Raum ausgebreitet haben. Im Nordwest-Balkan-Raum scheint dabei noch am ehesten eine gewisse Vermischung mit der vorhergehenden Bevölkerung vor Ort stattgefunden zu haben - in Thüringen und Polen-Westukraine deutlich weniger.

Abb. 5: Der Bevölkerungsaustausch beim Übergang von der Völkerwanderungszeit zur slawischen Zeit (aus 1)

Was für ein faszinierender Vorgang. Faszinierend wegen seiner Eindeutigkeit. Und was für ein sonderbares Geschehen zugleich: In weite Räume zwischen Elbe, Drau und Dnjepr, in denen kurz zuvor noch Germanen gesiedelt hatten, breiten sich nun Slawen aus. Wohin sind die Germanen verschwunden? Was geschah denn nun sogar mit den Thüringern?

Das Reich der Thüringer ist 531 von den Franken zerschlagen worden, möglicherweise in Zusammenarbeit mit den Sachsen. Wir lesen (Wiki):

Das Reich wurde zerschlagen und unter den Siegern aufgeteilt. Das Gebiet nördlich des Harzes ging vermutlich an die Sachsen, der Süden wohl an die Franken. Die Gebiete östlich der Saale konnten von den Franken nicht gehalten werden und wurden von Slawen besiedelt. Als Tribut wurde den südlichen Thüringern der sogenannte Schweinezins auferlegt, demzufolge sie dem fränkischen Königshof jährlich 500 Schweine liefern mußten. Das Iringlied erzählt eine von den Ereignissen inspirierte Geschichte vom Untergang des Reiches der Thüringer und dem Ende Herminafrieds. 

Aber das Iringlied (Wiki) ist nicht erhalten. Sein Inhalt aber ähnlich erschütternd wie das Nibelungenlied. Den Zeitgenossen war das Erschütternde des Untergangs ganzer germanischer Königsreiche und Volksstämme durchaus bewußt und wurde dementsprechend auch in Liedern festgehalten. Er beruhte oft auf Mord innerhalb der eigenen Verwandtschaft.

Abb. 6: Die Westausbreitung der slawischen Stämme in siedlungsarme Räume 650/700 n. Ztr.

Jetzt zunächst, was in der Studie selbst dazu ausgeführt wird (1):

Die Thüringer blieben und gründeten ein Königreich, das die Elbe-Saale-Region umfaßte. Nachdem die Franken dieses Königreich in den 530er Jahren unterworfen hatten, ging die Bevölkerung zurück, einige Gräberfelder wurden jedoch weiter genutzt. Im 7. Jahrhundert werden Slawen erstmals östlich der Saale erwähnt, sie dehnten sich jedoch bald nach Westen aus und bildeten eine Kontaktzone zwischen slawisch- und germanischsprachigen Gruppen.
The Thuringians stayed and established a kingdom, which included the Elbe-Saale region13,14. After the Franks subdued this kingdom10,15 in the 530s, the population declined, while some cemeteries continued14,16. During the seventh century, Slavs are first mentioned east of the Saale, but they soon expanded westward17, forming a contact zone between Slavic- and Germanic-speaking groups.

Warum ging die Bevölkerung zurück? Warum ging die Bevölkerung östlich der Elbe zurück, während dasselbe doch westlich der Elbe gar nicht zu beobachten war? Fragen, zu denen es vermutlich noch wenig Antworten gibt.

Die Slawen in der "Gotengeschichte" des Jordanes

Die Slawen spielen schon in der Gotengeschichte des römisch-gotischen Geschichtsschreibers Jordanes (gest. nach 552), genannt der "Getica" (Wiki), eine Rolle. Diese ist übrigens auch sonst mehr als lesenswert (UniFreiburg). Denn in ihr findet sich sozusagen die "Eigensicht" der Goten auf ihre eigene Geschichte wieder, und zwar sozusagen auch aus ihrem eigenen "Gesichtskreis" in der Zeit um 550 n. Ztr. herum. Es findet sich in ihr also die Geschichte und die Völkerwelt ihrer Zeit aus ihrer eigenen Sicht, wobei Jordanes auch sonst griechische und römische Geschichtsschreiber heranzieht. Jordanes erwähnt schon bei der Beschreibung des geographischen Raumes, innerhalb der sich seine Gotengeschichte vollzieht, die Slawen (zit. n. Wiki):

Inmitten dieser Flüsse liegt Dakien, umgeben von den hohen Alpen [Karpaten] wie von einem Kranz. Nahe ihrem linken, nach Norden geneigten Gebirgskamm und beginnend an der Quelle der Weichsel lebt das bevölkerungsreiche Volk der Veneter, das ein weites Land bewohnt. Obwohl ihre Namen heute auf verschiedene Stämme und Orte verstreut sind, werden sie doch hauptsächlich Sklaveni und Antes genannt. Der Sitz der Sklaveni erstreckt sich von der Stadt Noviodunum [wohl am Donaudelta] und dem Mursianus genannten See [wohl an der Mündung der Drava in die Donau] bis zum Danaster [Dnister] und nordwärts bis zur Weichsel. Sie haben Sümpfe und Wälder als Städte. Die Antes, das tapferste dieser in der Biegung des Pontusmeeres [Schwarzes Meer] lebenden Völker, breiten sich vom Danaster bis zum Danaper [Dnjepr] aus, die viele Tagesreisen voneinander entfernt sind.

Schon im Zusammenhang mit der Behandlung der spätbronzezeitlichen Schwedenschanze bei Horst bei Pritzwalk in der Prignitz in Nordbrandenburg nahe dem Königsgrab von Seddin aus der Zeit um 800 v. Ztr. war uns bewußt geworden, daß dort - wie auch noch zu Cäsars Zeiten in Südengland -     Wallanlagen "Sümpfe und Wälder" als Schutz nutzten und deshalb inmitten derselben angelegt worden sind (Stgr2019). Das mögen auch die Slawen so gemacht haben.

Abb. 7: Der Svantevit-Stein, verbaut in der Kirche von Altenkirchen auf Rügen (Wiki) - Entweder der Grabstein eines Slawenfürsten oder die Darstellung eines Priesters des Gottes Svantevit aus der Zeit vor 1168

Das von Jordanes so umschriebene Gebiet deckt sich im Großen und Ganzen mit der archäologischen Prag-Koltschak-Kultur (Wiki). Jordanes beschreibt den Gotenkönig Ermanarich als einen der bedeutendsten Könige in der Geschichte der Goten. Erst der Tod des Ermanarich im hohen Alter habe den Hunnen die Möglichkeit gegeben, die Goten im Jahr 376 n. Ztr. zu besiegen (Jordanes):

Sein Tod gab den Hunnen die Übermacht über die Goten, die, wie erwähnt, im Osten saßen und Ostrogoten hießen.

Jordanes beschreibt die Hunnen als außerordentlich häßliche Menschen, die schon deshalb als Krieger Erfolg hatten, weil sie so häßlich aussahen und die gegnerischen Krieger so in Schrecken versetzten. Ermanarich hat nach Jordanes ein großes Reich mit vielen Völkern beherrscht, das vom Schwarzen Meer bis zur Ostsee gereicht habe. Er habe große Kriegserfolge gegen die Heruler errungen und sei dann gegen die Slawen in den Krieg gezogen (Jordanes):

Nach dem Sieg über die Heruler rückte der nämliche Hermanarich gegen die Veneter, die, wenngleich man sie als Krieger verachtete, doch - durch ihre Zahl stark - anfangs Widerstand zu leisten versuchten. Aber nichts vermag die Menge der Feigen, besonders wenn Gott es zugibt, und ein zahlreiches Heer gegen sie anrückt. Diese, die, wie wir am Anfang unserer Darstellung, das heißt im Völkerverzeichnis, auseinandergesetzt haben, von einem Stamm entsproßten, haben jetzt drei Namen: Veneter, Anten und Sklawenen. Sie wüten jetzt überall - wegen unserer Sünden; damals jedoch dienten sie alle dem Hermanarich. Ebenso unterwarf er auch das Volk der Ästen, die weithin die Küsten des germanischen Ozeans bewohnen; durch Klugheit und Tapferkeit, und herrschte über alle Völker Scythiens und Germaniens, wie über seine eigenen Untertanen.

Ab 540 n. Ztr. breiten sich diese Slawen-Stämme dann in die von den Goten verlassenen Gebiete nördlich der Unteren Donau aus und "wüten jetzt überall - wegen unserer Sünden". Damit ist gemeint: Sie überschreiten auch die Donau und unternehmen Plünderungszüge in die dortigen oströmischen Provinzen (Wiki). Mit den erwähnten Ästen werden die nachmaligen Esten an der Ostsee gemeint sein.

568 ziehen die Langobarden von der pannonischen Tiefebene ab nach Norditalien (Wiki), ihnen folgen unter der Herrschaft der Awaren die Slowenen. Ab 590 n. Ztr. stößt der Slowenen-Stamm der Karantani in den Alpenraum vor und besiedelt Kärnten (Wiki). Die Herrschaftseinsetzung des Fürsten von Karantanien erfolgte bis ins 15. Jahrhundert hinein auf Slowenisch an dem "Fürstenstein" (Wiki) nördlich des heutigen Klagenfurt von Seiten eines Freibauern.

In Böhmen war im Zuge der Westausbreitung der Slawen die Prag-Koltschak-Kultur (Wiki) entstanden, in Mecklenburg und Pommern entstand ab 590 v. Ztr. aus ihr die Sukow-Dziedzice-Gruppe (Wiki). Man nimmt an, daß sie aus Slawen von der oberen Oder entstand.

Wir lesen in der neuen Studie (1):

Wir kommen zu der Einschätzung, daß ungefähr 82 ± 1 %, 83 ± 6 %, 93 ± 3 % und 65 ± 4 % des lokalen Genpools im Nordwestbalkan, in Ostdeutschland, in Polen-Nordwestukraine und im Wolga-Oka-Tal während der slawischen Zeit durch Migranten aus Osteuropa ersetzt worden sind.
We calculate that approximately 82 ± 1%, 83 ± 6%, 93 ± 3% and 65 ± 4% of the local gene pool in the Northwestern Balkans, Eastern Germany, Poland–Northwestern Ukraine and the Volga-Oka valley, respectively, were replaced during the SP by migrants from Eastern Europe.

Das bedeutet also für das Elb-Saale-Gebiet 83 % neue genetische Herkunft. Von den vorher dort lebenden Germanen hätten sich dementsprechend 17 % der genetische Herkunft gehalten - als Herkunft der verbliebenen Restbevölkerung. 

Anhand dieser Daten wird auch ausdrücklich einer Studie von 2023 widersprochen, die von einer genetischen Kontinuität in der Provinz Posen zwischen Mittelbronzezeit und dem Mittelalter ausgegangen war, und die wir hier auf dem Blog auch behandelt hatten (s. Stg2023), und die mit der Theorie von der "Slawenlegende" noch zusammen gepaßt hätte. Auch unsere eigenen, diesbezüglichen Überlegungen (s. Stg2023) zu dieser angenommenen Kontinuität dürften sich damit weitgehend erledigt haben.

Abb. 8: Wenden auf dem Felde beim Vesper (1876 - ?) (Ak)

Weiter heißt es in der Studie über die Fortdauer der slawischen Genetik im heutigen Deutschland (1):

Wir stellen eine ausgeprägte Dualität im Westen, das heißt, in Ostdeutschland fest: Die heutige deutschsprachige Bevölkerung Sachsens weist einen slawischen, genetischen Herkunftsanteil von etwa 40 % auf, während die slawischsprachigen Sorben der Oberlausitz (Sachsen) einen slawischen, genetischen Herkunftsanteil von 88 % aufweisen (vergleichbar mit den heutigen Polen) (...). Dies steht im Einklang mit früheren Studien zur genetischen Abgeschlossenheit der Sorben und ist damit vereinbar, daß sie die Nachkommen dieser slawischen Gruppen darstellen, die ab dem 12. Jahrhundert nur minimal (oder zumindest weniger) in die reproduktiven Netzwerke der sich ausbreitenden deutschsprachigen Besiedlung östlich von Elbe und Saale integriert waren. Umgekehrt vermuten wir, daß die deutsche Ostsiedlung und die frühere fränkische Eroberung wahrscheinlich mit dem Rückgang der slawischen Abstammung in der deutschsprachigen Bevölkerung in Zusammenhang stehen.
We observe a profound duality to the west, in Eastern Germany, with the present-day German-speaking population from Saxony exhibiting around 40% SP ancestry and the Slavic-speaking Sorbs of Upper Lusatia (Saxony) exhibiting 88% SP ancestry (comparable to modern Poles) (Extended Data Fig. 7). This agrees with previous studies on the genetic isolation of the Sorbs33,48 and is consistent with them representing the descendants of these Slavic groups that were minimally (or at least less) integrated into the reproductive networks of the expanding German-speaking settlement east of Elbe and Saale from the twelfth century onwards49,50,51. Conversely, we suggest that the German eastward expansion and earlier Frankish conquest is probably associated with the reduction in SP ancestry observed in the German-speaking population.

Welche Fülle von Schlußfolgerungen lassen sich aus diesen Angaben ziehen. In fast allen Regionen östlich der Elbe und östlich des Oberlaufes Drau sind aus der slawischen Zeit Volksstämme bekannt. Die Heveller etwa im Land Brandenburg, die Karantanen in Kärnten.

Die "Wenden" und die "Windischen"

Es ist ja auch bekannt, daß die deutschen Siedler des Hochmittelalters Dörfer anlegten neben den bis dahin bestehenden Fischerdörfern, den weiter bestehenden "Kiezen" (Wiki).

Abb. 9: Wenden-Hochzeit im Spreewald! - Ein wendischer Hochzeitszug mit dem Brautpaar an der Spitze, welcher heute noch nach alter Tradition ausgeübt wird, April 1931. Osterkirchgang. Fotograf: Georg Pahl (Wiki) (weitere Fotografien dazu: ab).

Der Autor dieser Zeilen selbst stammt zur Hälfte von Brandenburgern ab - und diese offensichtlich zu bis zu 40 % von den Hevellern oder auch den Wenden (Wiki). Zudem stammt er zu einem Achtel von Oberösterreichern ab, die auch einen slawischen Herkunftsanteil in sich tragen werden. Er ist also seiner Herkunft nach ein 20%- bis 30%iger Heveller - laut Ancient Origin-Analyse von MyHeritage (Stg2025), bzw. ein "Stodorane", so der Eigenname der Heveller (Wiki):

Das Siedlungsgebiet der Heveller erstreckte sich von Spandau entlang der Fluß- und Seeufer des Havelbogens über Brandenburg an der Havel bis hinter Rathenow. In dieses von der Geschichtswissenschaft erschlossene Siedlungsgebiet wanderten dem archäologischen Befund zufolge Anfang des 8. Jahrhunderts slawische Gruppen ein. Die ältesten slawischen Dendrodaten stammen aus dem Jahr 736. Hauptburg und Sitz des Herrschers war seit dem 10. Jahrhundert die Brandenburg. Diese ist dendrochronologisch auf das Jahr 906 datiert. Die übrigen Burgen der Heveller – der Bayerische Geograph berichtet von insgesamt 8 Burgen („civitates“) – entstanden bereits ab 870. Dazu gehörten Rathenow, Potsdam und Spandau.

Aus einigen Adelsgeschlechtern der Heveller gingen womöglich auch Teile des märkischen Uradels hervor, zum Beispiel die Familie Kahlbutz (Wiki) aus Kampehl bei Ruppin. Zu einem dieser märkischen Adelsgeschlechter hat auch meine Oma immer eine besondere Verbindung empfunden (in ihrem Fall zur Familie von Katte in Zolchow) (s. Prbl2017, a).

Wie spannend auch, daß wir Heveller, Sorben, Kaschuben, Oberschlesier, Slowenen und so weiter jetzt über Gentests nachweisen können, ob und in welchem Umfang wir solcher Herkunft sind, oder ob wir etwa eher Nachkommen "slawisierter" zugewanderter Deutscher sind.

Abb. 10: Kirchgang im Spreewald! - Alte Wendinnen aus Burg in der traditionellen Spreewaldtracht nach dem Kirchgang bei der Unterhaltung auf der Straße, März 1931 - Fotograf Georg Pahl (Wiki)

Ich habe auch die Vermutung, daß sich der slawischen Herkunftsanteil in bäuerlichen Unterschichten östlich der Elbe in größerem Umfang gehalten haben könnte (also in den "Kiezen") also unter den Fischern und sogenannten Halbbauern als unter den Vollbauern auf den Dörfern. Denn letztere haben in früheren Jahrhunderten immer unter sich geheiratet. Und unter diesen finde ich zumindest in meinem Stammbaum fast nur deutsche Familiennamen (Bading, Mohr, Meinecke und so weiter), während mir der Familienname meiner Halbbauern-Oma Bleis slawisch anmutet - so wie auch ihr Äußeres und das Äußere ihrer Familie (Preußenbl2017). Allerdings scheinen die Familiennamen auch in ihrem Stammbaum vorwiegend deutscher Herkunft zu sein (z.B. Eggert, Rahne, Wollbrügge). Wir lesen (Wiki):

Die Franken (im "Leben des Heiligen Martinus", der "Chronik von Fredegar" und bei Gregor von Tours), die Langobarden (Paulus Diakonus) und die Angelsachsen (Widsith) bezeichneten die Slawen im Elbe-Saale-Gebiet und in Pommern als „Wenden“ oder „Winden“ (siehe Wenden). Die Franken und die Bayern der Steiermark und Kärntens nannten ihre slawischen Nachbarn „Windische“, was sich noch heute in den Namen widerspiegelt, die deutschsprachigen slowenischen Städten und Dörfern gegeben werden. Beispiel: Slowenisch Slovenj Gradec heißt auf Deutsch: Windisch-Graetz.

Die Forscher der neuen Studie schlußfolgern aus ihren Daten, daß sich die Ethnogenese der Slawen um 1000 v. Ztr. vollzogen haben muß. 

Die Ethnogenese des Urvolks der Slawen - Östlich der Pripjet-Sümpfe

Um diese Zeit herum sollen sich die nachmaligen baltischen Völker (Prußen, Masuren, Litauer, Letten) (Wiki) von den nachmaligen slawischen Völkern getrennt haben. Die Slawen tragen zwei Drittel baltische Herkunft in sich und ein Drittel einer Herkunft - mit höherem anatolisch-neolitischen Bauern-Anteil - dessen Ursprung noch nicht genau lokalisiert werden kann.

Man möchte übrigens vermuten, daß es die räumliche Nähe zu den Hunnen und Awaren war, die die Slawen dazu brachte, sich nach Westen auszubreiten. Denn sonst hätten sich ja auch die baltischen Völker nach Westen ausbreiten können. In der Studie heißt es (1):

Wir schließen daraus, daß eine Region, die sich über den Süden von Weißrußland und den Norden der Ukraine erstreckt, der beste räumliche Annäherung für die Herkunft der slawisch-zeitlichen Individuen unserer drei Studien-Regionen ist.
We infer a region spanning the south of Belarus and north of Ukraine as the best spatial proxy for the origin of the SP individuals in our three study transect.

Im Anhang heißt es zu diesen Fragen (1, Anhang, S. 127):

Mit phylogenetischen linguistischen Methoden wurde der Zeitpunkt der Trennung der slawischen und baltischen Sprachen im Mittel auf 1660 v. Ztr. (95 % HPD 3040-530 v. Chr.) berechnet. Archäologisch gesehen folgte auf die Kulturen der Spätbronzezeit in den Gebieten, in denen dieser Vermischungsprozess stattgefunden zu haben scheint, die Milograd-Kultur (ca. 7. Jh. v. Chr. – 1. Jh. n. Chr.) in Weißrussland und der Nordukraine, die später allmählich von der Zarubintsy-Kultur (ca. 3. Jh. v. Chr. – 1. Jh. n. Chr.) abgelöst wurde. Aus der Zarubintsy-Kultur entwickelte sich im 2. Jahrhundert n. Chr. im selben Gebiet die sogenannte Kiewer Kultur (in ihrer Frühphase auch als Post-Sarubintsy-Kultur bekannt), die erste materielle Kultur, die Ähnlichkeiten mit jenen frühmittelalterlichen Kulturphänomenen aufweist, die sicher den frühen Slawen zugeordnet werden können.
Tatsächlich stimmt die geografische Ausdehnung der Milograd-, Zarubintsy- und Kiewer Kulturen in der Nordukraine, Weißrußland und Westrußland gut mit unseren aDNA-Berechnungen überein. Mithilfe von MOBEST schließen wir, daß eine Region, die sich über den Süden von Weißrußland und den Norden der Ukraine entlang des Flusses Dnjepr im heutigen Polesien erstreckt, der beste räumliche Indikator für den Ursprung der SP-Individuen in unseren drei Untersuchungstransekten ist. Ein solches Gebiet steht zudem im Einklang mit dem archäologischen Konsens, der die Entstehung der Slawen als ethnische Gruppe im südlichen Bereich der Waldzone, hauptsächlich im oberen Dnjepr-Becken, verortet.
With phylogenetic linguistic methods, the divergence time of the Slavic and Baltic languages was calculated at a median time of 1660 BCE (95% HPD 3040 – 530 BCE)146. Archaeologically, the Late Bronze Age cultures in the areas where this process of admixture seems to have taken place were followed by the Milograd Culture (c. 7th c. BCE-1st c. CE) in Belarus and Northern Ukraine, which was later gradually replaced by the Zarubintsy culture (c. 3rd c. BCE - 1st c. CE). From the Zarubintsy culture, the so-called Kyivan culture (also known as the post-Zarubintsy culture during its early phase) developed during the 2nd century CE in the same area, which is the first material culture featuring similarities with those early medieval cultural phenomena that can be surely associated with early Slavs. 
Indeed, the geographical extent of the Milograd, Zarubintsy  and Kyivan cultures in Northern Ukraine, Belarus and Western Russia agrees well with our aDNA evidence. Using MOBEST, we infer a region spanning the South of Belarus and North of Ukraine along the Dnjepr river in present-day Polesia as the best spatial proxy for the origin of the SP individuals in our three study transects. Such an area is further consistent with the archaeological consensus which locates the formation of the Slavs as an ethnic group in the southern area of the forest zone, mostly in the upper Dnjepr basin.

Die Kiewer Kultur (2.-5. Jhdt. n. Ztr.) (Wiki) (WikiCom) und ihre Vorgängerkulturen grenzten im Norden an baltische Volksstämme, im Westen an die Goten und im Osten und Süden an die Sarmaten. Die Hunnen stießen im Süden von ihnen durch das Siedlungsgebiet der Sarmaten hindurch nach Westen. Die Kiewer Kultur entstand aus der Sarubinzy-Kultur (3.-1. Jhdt. v. Ztr.) (Wiki). Deren Vorgänger-Kultur war die Milograd-Kultur (7.-1. Jhdt. v. Ztr.) (Wiki). 

Abb. 11: Sorbinnen an der Dreschmaschine, 1930er Jahre (Ausschnitt - Sorabicon)

Christliche Berichterstatter haben - wenn auch durch ihre christliche Brille hindurch - so doch manches Wertvolle über die heidnische Religion, sowie die heidnischen Sitten der Slawen berichtet. Sie berichten insbesondere von ihrer großen Gastfreundlichkeit, Herzlichkeit, Offenheit und ähnlichen Eigenschaften (2). 

Es gibt auch mancherlei Erkenntnisse zur slawischen Mythologie (Wiki). Auch in der slawischen Mythologie entsteht die Welt - wie in der urindogermanischen Mythologie und wie noch im Orpheus-Mythos - aus einem "Urei".

Zur vorgeblichen "Slawenlegende"

Während des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts wurde im Rahmen des sogenannten "Volkstumskampfes" zwischen Deutschen und Slawen von verschiedenen deutschen Wissenschaftlern infrage gestellt, daß die Slawen tatsächlich im Frühmittelalter von vormaligen Germanenstämmen verlassene Räume östlich der Elbe, des Bayerischen Waldes und bis Ostbayern und Kärnten hinein besiedelt hätten.

Unter deutschen Vertriebenen werden diese Ansichten zum Teil noch heute vertreten - wie sich auch in verschiedenen Kommentaren hier auf dem Blog in den letzten Jahren gezeigt hat. Es wurde die Meinung vertreten, die ostgermanischen Stämme wären gar nicht vollständig abgewandert, sondern in Teilen in ihrer Heimat zurück geblieben und später "slawisiert" worden, und zwar durch das sogenannte "Kirchenslawische" (Wiki), das im Rahmen der Slawenmission durch Kyrill und Method eingeführt worden sei.

Vertreter solcher Sichtweisen waren vor allem der Breslauer und Kieler Germanist Professor Walther Steller (1895-1971) (Wiki) (Sühnekreuz), sowie in seiner Nachfolge der emeritierte Münchener Professor Helmut Schröcke (1922-2018) (Wiki). Sie sprachen in diesem Zusammenhang von einer sogenannten "Slawenlegende" (Wiki). Es würde sich dabei mehr oder weniger um eine bewußte Geschichtsfälschung der Kirche handeln (3). 2015 erschien ein Buch, dessen Titel diese Theorie gut auf den Punkt bringt: "Der Slawen-Mythos - Wie aus Ostgermanen ein Volk der 'Slawen' mit fremder Sprache und Mythologie wurde". Es stammt von einem - offenbar schwer okkultgläubigen - Berliner Autor namens Árpád von Nahodyl Neményi (geb. 1958) (Wiki).

Wir hatten schon in früheren Beiträgen hier auf dem Blog angedeutet, daß sich die Erkenntnisse der Archäogenetik in den letzten Jahren in eine andere Richtung bewegen als von dieser kleinen Minderheiten-Meinung innerhalb der Wissenschaft angenommen. 2022 hatten wir darauf hingewiesen, daß die Goten genetisch ausgestorben sind und durch Slawen ersetzt worden sind (Stg2022, s.a. Stg2022a). Und wir hatten im selben Jahr im Artikel über die Archäogenetik des antiken Griechenlands hervor gehoben, daß die antiken Griechen weniger Steppengenetik in sich trugen als die heutigen Griechen (Stg2022b), ...

... die noch einen weiteren Zufluß dieser indogermanischen "Steppen"-Herkunft durch die Slawen des Frühmittelalter erhalten haben.

Und 2023 hatten wir getitelt "An der mittleren Donau - Die Goten sterben aus, unter den Awaren kommt es zur Zuwanderung der Slawen" und hatten als Grundgedanken formuliert "Unter den Großreichen von Turk-Völkern organisiert sich die slawische Völkerwelt" (Stg2023):

Die slawische Völkerwelt formierte und organisierte sich somit im Rahmen der Großreiche von Turk-Völkern und bestand dann bis heute fort, während jene Turk-Völker, von denen diese Großreiche getragen und organisiert gewesen waren - die Hunnen, Bulgaren, Awaren und Landnahme-Ungarn - heute in den meisten Teilen genetisch, sprachlich und kulturell längst wieder untergegangen sind.

Vermutlich ist auch diese These mit der neuen Studie bestätigt. Wir hatten auch auf den sehr differenzierten Wikipedia-Artikel zur Ethnogenese der Kroaten (Wiki) hingewiesen und diesen zitiert.

Abb. 12: Zwei Sorbinnen aus Bautzen 1950 (Wiki)

2023 waren wir zwischenzeitlich auch Theorien nachgegangen, nach denen sich die Ethnogenese der Slawen im südlichen Ostpreußen während der Mittelbronzezeit vollzogen haben könnte (Stg2023), was die neue Studie so nicht findet. Außerdem fragten wir in dem damaligen Beitrag anhand einer weiteren Theorie (Stg2023):

Eine Studie stellt genetische Kontinuität in der Provinz Posen von der vorgotischen Bevölkerung bis ins Mittelalter fest. 

Auch das ist durch die neue Studie nicht bestätigt worden, wie oben schon erwähnt wurde. Letztes Jahr hatten wir dann auf die "slawischen" Herkunftsanteile in Ostbayern hingewiesen (Stg2024),  

Außerdem noch der Hinweis: In der traditionellen "Rasseforschung" der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde wie selbstverständlich ausgegangen von der Existenz einer sogenannten "ostischen Rasse". Schon 2019 hatten wir hier auf dem Blog hervor gehoben, wie wenig sich die slawischen und die germanischen Mitteleuropäer in ihrer groben Herkunftsgruppenzusammensetzung voneinander unterscheiden (Stg2019, s.a. Stg2022). Der kenntnisreiche "Nrken19" postet neuerdings dazu (X):

Proben aus der Zeit der slawischen Westausbreitung aus Polen weisen 45 % Steppengenetik, 16 % westeuropäische Jäger-Sammler-Genetik (WHG), 36 % anatolisch-neolithische Bauern (EEF) und 2 bis 3 % sibirische Genetik auf, während die deutschen Proben 49 % Steppe, 17 % WHG, 34 % EEF und 0 % sibirische Genetik aufweisen.
Slavic period samples from Poland score 45% steppe, 16% WHG, 36% EEF and 2 to 3% Siberian while the German ones score 49% steppe, 17% WHG, 34% EEF and 0% Siberian.

Auch vier Prozent Unterschied im Anteil der Steppengenetik mögen schon - wie wir inzwischen wissen - insgesamt einen Unterschied machen. Dennoch sind die Unterschiede insgesamt gesehen denkbar gering. Es könnte allerdings auch vermutet werden, daß sich diese genetisch ähnlichen Völkergruppen Jahrtausende lang getrennt voneinander weiter entwickelt haben und deshalb sich über Selektion die Unterschiede doch noch in einer Weise vergrößert worden sind, die sich allein anhand der Herkunftsgruppen-Zusammensetzung gar nicht erkennen läßt.

Abb. 13: Weibliche Figur mit Horn - Auf dem vierseitigen Götterstein von Sbrutsch, Ostgalizien, 1000 n. Ztr. (Wiki)

Ergänzt sei noch: Um 1000 n. Ztr. wurde 70 Kilometer südwestlich der heutigen Kreisstadt Tarnopol in Ostgalizien, bzw. in der Westukraine der "Götterstein von Sbrutsch" (Wiki) aufgestellt. 1848 wurde er wieder entdeckt. Heute ist das Original in Krakau aufgestellt  (Wiki):

Die Säule ist vertikal in drei Ebenen unterteilt, die offenbar die Unterwelt, die menschliche Welt und die himmlische Welt darstellen sollen. Im unteren Bereich ist von drei Seiten eine Figur dargestellt, die die darüberliegende Welt trägt. Der russische Historiker und Archäologe Boris Rybakow identifizierte die Figur daher als Veles, den Gott des Totenreichs. Auf der mittleren Ebene sieht man Menschen (zwei Frauen und zwei Männer), die sich an den Händen halten und eine Art Reigen (Chorowod) ausführen, vermutlich im Zuge eines religiösen Rituals. Auf der oberen Ebene sind zwei weibliche und zwei männliche Figuren dargestellt, die aufgrund ihrer Größe und dominanten Position als Gottheiten interpretiert werden. Die weibliche Figur mit dem Ring identifiziert Rybakow als Lada, die Göttin der Liebe, der Ehe und des Frühlings. Die weibliche Figur mit dem Horn gilt als Mokosch, die Göttin der Weiblichkeit und der Fruchtbarkeit. Die männliche Figur mit dem Schwert und dem Pferd wird mit Perun in Verbindung gebracht, dem Gott des Donners und des Krieges. Die männliche Figur, unter der das Sonnensymbol angebracht ist, wird mit Chors oder Daschbog assoziiert.

Wenn man einmal festen Boden unter den Füßen hat bezüglich der Entstehung und Ausbreitung der Slawen, kann man den damit verbundenen archäologischen, sprachwissenschaftlichen und historischen Fragen noch nach vielen Richtungen hin weiter nachgehen. 

Abb. 14: Eine wie wir finden recht gute Illustration zu der frühen slawischen Bilderwelt - Mit freundlicher Genehmigung von "The_Pen_And_The_Past"

Ergänzung 31.1.2026: Eine schöne Zeichnung zu den frühen Slawen findet sich von Seiten von "The_Pen_And_The_Past". Zu den "Bilderwelten", dem "Kunstverständnis" der frühen Slawen finden sich im Grunde, wenn man genauer recherchiert, auch noch sonst viele Hinweise (s. z.B. Wolgast1, 2) - vielleicht widmen wir diesem Thema hier auf dem Blog noch einmal einen eigenen Beitrag.

Sie sind unsere Vorfahren, die Slawen! Genauso wie die Kelten. Erstaunlich genug, wie wenig dieser Umstand bislang im deutschen Kultur- und Geschichtsbewußtsein verankert war. Die Archäogenetik wird hier nach und nach sicherlich das Umdenken befördern.

Ergänzung 1.2.26: Auf dem Internetblog "Nemets" von Peter Nimitz gibt es einen langen Blogartikel über die Urheimat der Slawen (Nemets2025).

Ergänzung 21.6.2026: Über das thüringische Dorf Haarhausen (Wiki) lesen wir (4, S. 182): 

Die thüringische Landesarchäologie konnte eine durch und durch römisch anmutende Töpfereianlage großflächig ausgraben: In Haarhausen bei Erfurt produzierte man im späten dritten Jahrhundert graue Keramik auf der schnell rotierenden Töpferscheibe. Sowohl bei den Gefäßformen als auch bei der Technik hatte man provinzialrömische Fertigungsweisen übernommen. Freigelegt wurden drei leistungsfähige Töpferöfen, aufbereitungsanlagen für den Ton und vielleicht eine Trockenhalle für die halbfertigen Produkte. Die drei Öfen hatten eine Kapazität für maximal 70.000 Gefäße im Jahr. (...) Haarhausen war nicht die einzige Manufaktur für Drehscheibenkeramik in Thüringen. Es gibt mindestens zwei weitere Produktionsstätten in anderen Gegenden dort, wie mineralogische Untersuchungen gezeigt haben.

In Verbindung mit den oben genannten archäogenetischen Erkenntnissen kann das kann ja nur heißen, daß der Adel der Thüringer einverstanden waren damit, daß römische Handwerker ins Land gezogen wurden, um den Bedarf an römischen Waren aus dem eigenen Land heraus decken zu können. 

_________________

  1. Joscha Gretzinger, Felix Biermann, Hellen Mager, (...) Harald Meller, Walter Pohl, Zuzana Hofmanová, Johannes Krause: Ancient DNA connects large-scale migration with the spread of Slavs. Nature (2025). https://doi.org/10.1038/s41586-025-09437-6. Published 03 September 2025 (Nature)
  2. Kurt von Zydowitz: Glaubensumbruch ein Verhängnis. 700 Jahre germanisch-deutsche Geschichte. Band 3: Geschichte der Deutschen im Osten. Verlag Mein Standpunkt, Westerstede 1984
  3. Wolff, Franz: Ostgermanien. Schwertine-Verlag 1965; ders.: Ostgermanien. Waren die Ostvölker Slawen? Widerlegung einer polnischen Legende. Grabert-Verlag, Tübingen 1977
  4. Banghard, Karl: Die wahre Geschichte der Germanen. Propyläen-Verlag, Berlin 2025

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