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Freitag, 17. November 2023

Die Völker Sibiriens - Der Nebel über ihrer Herkunft lichtet sich

Die Urheimat der Jenissei-Sprachen: Sie lag westlich des Baikalsee's
- Die Urheimat der finno-ugrischen Sprachfamilie: Sie lag östlich des Baikalsees und in Nordost-Sibirien

Die Abfolge der Völkerwelt in Sibirien - in den letzten 40.000 Jahren war sie kaum weniger komplex, in ihr fanden kaum weniger Bevölkerungsumwälzungen (genetische "Austausch"-Vorgänge) statt als in Europa während des gleichen Zeitraumes. 

Abb. 1: Eine Frau der Keten am Jenissei - In ihrem Zelt während sie Fische auf Stöcken brät - Aufgenommen von Fritjof Nansen bei Turuchansk (Wiki) - Die Keten sind das letzte Volk der Jenissei-Sprachen, das als solches bis heute in genetischer und sprachlicher Kontinuität fortbesteht

Überraschenderweise sind die Völker, die vor der Bronzezeit in Sibirien lebten, heute genetisch so gut wie ausgestorben - genau so wie in Europa. Das gilt für die Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler (der hälftigen Vorfahren der Indogermanen) ebenso wie für die Völkergruppe der westsibirischen Jäger und Sammler.

Jene Völker, die in den letzten Jahrhunderten und Jahrtausenden in Sibirien leben, lebten und leben zwar von ihrer Lebensweise her oft recht ähnlich den Fischern, Jägern und Sammler vor der Bronzezeit und während des Mesolithikums. Denn das Klima ist ja der Landwirtschaft bekanntermaßen nicht besonders günstig. Trotzdem sind die heutigen Völker Sibiriens sprachlich und genetisch in der Regel erst vergleichsweise spät entstanden und haben sich erst seit der Bronzezeit in Sibirien und Nordosteuropa ausgebreitet. Dabei haben sie die Völker der zuvor genannten Völkergruppen verdrängt und ersetzt.

Das geschah womöglich deshalb, weil Sibirien entlang seiner gesamten Süd- und Westgrenze an Völker grenzte, in denen Ackerbau betrieben wurde und wird. 

Die "Urheimat" jener Völker- und Sprachfamilien, die es heute in Sibirien und Nordosteuropa noch gibt, lag nun zumeist ganz im Osten von Sibirien. Und zwar einerseits in der Region rund um den Baikal-See und andererseits in Nordost-Sibirien. Die erstere Urheimat war die der Jenissei-Sprachfamilie (einer "paläosibirischen" Sprachfamilie), die zweitgenannte Urheimat war die der finno-ugrischen Sprachfamilie.     

Abb. 2: Die Paläosibirier 16.000 bis 8.000 v. Ztr. (aus 1)

Am Ende der Eiszeit lebten in Sibirien Völker, die von den Genetikern "Ancient Eurasian" genannt werden, erforscht anhand von Menschenfunden am Jenissei bei Afontova Gora, datiert auf 16.000 v. Ztr.. Dort trat auch zum ersten mal in der Menschheitsgeschichte die blonde Haarfarbe auf (siehe frühere Blogartikel hier auf dem Blog).

In Nordostsibirien lebte dann eine Population, die von den Genetikern "Ancient Paleosiberians" genannt wird. Von diesen "Ancient Paleosiberians" stammen auch die Ureinwohner Nordamerikas ab. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckte sich im Süden bis an die Ufer des Baikal-Sees (Abb. 2). 

Am Amur-Fluß schließlich lebte eine Population, die den größten Teil der Herkunft bildet, die noch die heutigen Mongolen in sich tragen, und die auch zur Ethnogenese der Koreaner und anderer Völker beigetragen hat. Das dortige kleine Volk der Ultschen hat sich bis heute als eines der wenigen sibirischen Völker eine ursprüngliche mesolithische Genetik unvermischt bewahrt. 

3.400 v. Ztr. - Urheimat der Jenissei-Völker westlich des Baikal-See

Ab 3.400 v. Ztr. entstand dann am Westufer des Baikalsee's das Urvolk der Völker der Jenissei-Sprachen (Wiki). Aber erst ab 1100 v. Ztr. breiteten sich die Völker dieser Sprachgruppe bis zum Oberen Jenissei aus. Auch die meisten der Jenissei-Sprachen sind heute ausgestorben - bis auf die Sprache der Keten (Wiki, engl) (Abb. 1). 

Wenn wir es recht verstehen,  gehörten aus genetischer Sicht auch die Vorfahren der heutigen Jakuten in Nordost-Sibirien, die erst vor 400 Jahren eine Turksprache angenommen haben, ursprünglich zu den Jenissei-Völkern. Erst in den letzten 400 Jahren gaben sie ihre Sprache zugunsten von Jakutisch auf. Genetisch gehören sie aber - soweit wir das verstehen - zu den Jenissei-Völkern.

Der Begriff "paläosibirisch" wird von Genetikern und Sprachforschern unterschiedlich verwendet. Da die Genetiker zeitlich viel weiter zurück blicken können als die Sprachforscher, und da sie mehr "Umbrüche" feststellen als die Sprachforscher, gehören für sie "paläosibirische" Völker einer deutlich früheren Zeitepoche an als bei den Sprachforschern. Die eben genannten Jenissei-Sprachen, die sich vermutlich vom Westufer des Baikalsees aus ausgebreitet haben, werden von den Sprachforschern zu den "paläosibirischen Sprachen" gerechnet. Diese dürfen aber nicht mit den "Palaeosiberians" der Genetiker verwechselt werden. Über die "paläosibirischen Sprachen" - die nach dem neuesten Kenntnisstand eher zeitlich jung anmuten, da das Urvolk derselben "erst" ab 3.400 v. Ztr., alsoim Spätneolithikum westlich des Baikalsees lebte - lesen wir (Wiki):

Sie sind die Reste mehrerer alteingesessener Sprachfamilien, die bereits vor der Einwanderung der turkischen, tungusischen und uralisch-samojedischen Ethnien nach Nord- und Ostsibirien dort ansässig waren. (...) Innerhalb der letzten 400 Jahre nahmen Gruppen von Sprechern paläosibirischer Sprachen allmählich das Jakutische oder andere turkische und tungusische Sprachen an. Die zur uralischen Sprachfamilie gehörenden samojedischen Sprachen haben die Sprachen heute ausgestorbener jenisseischer Stämme absorbiert.

Mit "uralisch-samojedische Ethnien" sind hier im übrigen Völker der finno-ugrischen Sprachfamilie angesprochen. Die hier genannten Umstände machen also darauf aufmerksam, daß sich in der Genetik der heutigen Jakuten die Genetik von Menschen findet, die vormals Jenissei-Sprachen gesprochen haben. 

2.500 v. Ztr. - Die Urheimat der finno-ugrischen Sprachgruppe liegt in Nordostsibirien

In Nordost-Sibirien hingegen, wo heute die Jakuten leben, entstand ab 2.500 v. Ztr. das Urvolk der uralischen Völker mit der "Nganasan-Herkunft" ("Yakutia_LNBA") (1). Diese Herkunft findet sich heute in Nordost-Sibirien gar nicht mehr - sondern hier finden  sich heute - wie gesagt - Jakuten, die  vormals Sprecher von Jenissei-Sprachen waren und auch deren Genetik in sich tragen. Die Nganasan-Herkunft ("Yakutia_LNBA") findet sich dafür aber heute noch in  Mittelsibirien bei den Nganasanen und weiter westlich überall in der uralischen und finno-ugrischen Völkerfamilie. Denn mit ihr hat sich die uralische und die finno-ugrische Sprachgruppe nach Westen ausgebreitet. Ab 2.200 v. Ztr. findet sich diese am Oberen Jenissei (also bevor sich dort die Jenissei-Sprachen vom Westufer des Baikalsees ab 1100 v. Ztr. ausbreiteten). In einer neuen archäogenetischen Studie heißt es dazu (1):

Bis zur Mitte des Holozäns entstanden in Ostsibirien durch die Vermischung dieser frühen nordostsibirischen Population mit Populationen aus dem Landesinneren Ostasiens und aus dem Einzugsgebiet des Amur zwei unterschiedliche Populationen, die eine wichtige Rolle spielten bei der Entstehung späterer Völker. Die Herkunft der ersten Population, Cis-Baikal-Spätneolithikum-Bronzezeit (Cisbaikal_LNBA), findet sich im Wesentlichen nur bei Jenissei-sprachigen Völkern und solchen, von denen bekannt ist, daß sie sich mit diesen vermischt haben.
Die Herkunft aus der zweiten, benannt "Jakutien im Spätneolithikum-Bronzezeit" (Yakutia_LNBA) ist eng mit den heutigen Uralisch-sprachigen Völkern verbunden. Wir zeigen, wie sich die Yakutia_LNBA-Abstammung von einem ostsibirischen Ursprung vor ca. 4.500 Jahren, zusammen mit Unterklassen der Y-Chromosomen-Haplogruppe N, die bei heutigen Uralsprechern häufig vorkommen, nach West- und Zentralsibirien in Gemeinschaften ausbreitete, die mit der Seima-Turbino-Metallurgie in Verbindung stehen: mehrere fortschrittliche Bronzegußtechniken, die sich explosionsartig über ein riesiges Gebiet Nord-Eurasiens vor ca. 4.000 Jahren ausbreiteten. Allerdings war die Herkunftzusammensetzung der 16 Individuen aus der Seima-Turbino-Zeit - der frühesten, die von Fundorten mit dieser Metallurgie untersucht wurden - ansonsten sehr vielfältig. Sie bestand teilweise aus der Herkunft indoiranischsprachiger Herdenhalter und mehrerer Jäger-Sammler-Populationen aus weit voneinander entfernten Regionen Eurasiens. Unsere Ergebnisse stützen Theorien, die darauf hindeuten, daß frühe Uralisch-Sprecher zu Beginn ihrer Ausbreitung nach Westen an der Ausbreitung der metallurgischen Traditionen der Seima-Turbino beteiligt waren, und legen nahe, daß sowohl kulturelle Übernahme als auch demographische Ausbreitung bei der Verbreitung der materiellen Kultur der Seima-Turbino eine Rolle spielten.

So heißt es in der Zusammenfassung (im "Abstract"). Hier wird ein unglaublich spannender Befund dargestellt, für den sich unter anderem auch der Filmemacher und Staatspräsident Lennart Meri sehr interessieren würde, wenn er denn heute noch leben würde. Er hat mehrere spannende Dokumentationen über die Geschichte der finno-ugrischen Völkergruppe erstellt (s. Stgen2022). Daß diese ursprünglich aus Nordost-Sibirien stammt, war - soweit man sehen kann - bislang noch nicht im Horizont der Sprachforscher und Völkerkundler (siehe "Proto-Uralic homeland" [Wiki]).

Hier auf dem Blog waren wir ja schon mehrmals auf die Archäogenetik der Völker der uralischen Sprachgruppe gestoßen (Stgen2018Stgen2019Stgen2022). Aber erst scheint die Forschung zu einer Klärung ihrer Urheimat zu kommen.

Bevor die Indogermanen nach Sibirien kamen

Aber gehen wir noch einmal einen Schritt zurück. In der Erläuterung zur Abb. 3 heißt es (1):

Tafel B zeigt die Herausformung des (genetischen) FSHG-Gradienten vor ca. 10.000 Jahren und die Bildung der Population an ihrem östlichen Ende (Transbaikal_EMN) durch Vermischung von Vorfahren des Amur-Flusses und ostasiatischer Binnenvorfahren. 

Die "ostasiatischen Binnenvorfahren" werden den  Vorfahren der Han-Chinesen nahegestanden haben. Dazu wäre weiter zu erläutern: In Sibirien besaßen die Menschen früher Keramik als in Europa. Sie besaßen schon Keramik, obwohl sie ansonsten noch weitgehend als Fischer, Jäger und Sammler lebten. Denn die früheste Keramik breitete sich von Japan aus nach Westen bis zur Ostsee aus, schon in der Zeit, bevor sich Keramik mit der anatolisch-neolithischen Völkergruppe von Anatolien aus nach Europa ausbreitete. 

Abb. 3: Die osteuropäischen und westsibirischen Fischer, Jäger und Sammler vor 4.000 v. Ztr. ("FSHG-Cline") (aus: 1)

Die Menschen in Sibirien und Nordosteuropa lebten trotzdem - wie schon einleitend gesagt - viel länger als Fischer, Jäger und Sammler als die Menschen in Europa. Auch die mesolithischen Ursprungsvölker hielten sich hier länger.

Wir sehen dann in der Zeit vor 4.000 v. Ztr. Populationen westlich des Baikal-See's ("Cis-Baikal") und östlich des Baikal-See's ("Transbaikal"), wir sehen Populationen in der Mongolei, in Nordchina, am Amur-Fluß und in Nordost-Sibirien (s. Abb. 3). Und wir sehen, wie Nordchina und die Transbaikal-Population genetisch Einfluß nehmen auf die Population in der Mongolei. 

Und wir sehen wie die Transbaikal-Population genetisch Einfluß nimmt auf die Population in Nordostsibirien, um die Nganasan-Herkunft der finno-ugrischen Völkergruppe, die Herkunftsgruppe "Yakutia_LNBA" zu bilden. Wobei die Bezeichnung "Yakutia" hier nur als geographischer Begriff zu verstehen ist. Die Jakuten, die heute in Nordost-Sibirien leben, haben ja bis vor 400 Jahren Jenissei-Sprachen gesprochen. Es wäre unseres Erachtens vielleicht besser gewesen, wenn die Forscher ihre Herkunftsgruppe "Nordost-Sibirien_LNBA" genannt hätten. Denn "Jakutien" weckt in diesem Zusammenhang ja eigentlich falsche Assoziationen. 

2.500 v. Ztr. - Die Indogermanen kommen nach Sibirien

Die ersten Indogermanen der Afanasiewo-Kultur kamen schon um 4000 v. Ztr. nach Sibirien und an die Nordgrenze Chinas (Shirenzigou, Dsungarei). Das war die erste Welle der indogermanischen Ostausbreitung.

Ab 2.500 v. Ztr. und später kommen neue indogermanische Völker nicht nur nach Armenien und Griechenland, nicht nur auf die britischen Inseln und nach Finnland, sondern auch nach Nordosteuropa, nach Westsibirien und in das Altai-Gebirge (s. Abb. 4: Europa_LNBA/Steppe_LNBA). Das war die zweite Welle der indogermanischen Ostausbreitung, mit der auch die "Arier" nach Nordindien kamen (s. Stgen2020). Man darf annehmen, daß die Indogermanen dort mit einem ähnlichen kriegerischen, herrschaftlichen Gestus auftraten wie zeitgleich in Armenien und in Griechenland. Genauer gesagt: Man darf annehmen, daß sie dort ähnlich als erbarmungslose "Kopfjäger" unterwegs waren wie um dieselbe Zeit in Armenien und wie noch später bei den Kelten (Stgen2023).

Die Indogermanen vermischten sich mit den einheimischen Fischer-, Jäger- und Sammler-Völkern. Daraus entstand um 2.000 v. Ztr. nicht nur das Seima-Turbino-Phänomen, das schon angesprochen worden ist und das uns noch beschäftigen wird. Daraus entstanden unter anderem um 1.400 v. Ztr. auch die Vorfahren der heutigen Chanten und Mansen, sowie die Vorfahren des Landnahme-Volkes der Ungarn (Stgen2022), sowie - aus genetischer Sicht - die Vorfahren der Baschkiren.

Da die Chanten und Mansen eine finno-ugrische Sprache sprechen, muß davon ausgegangen werden, daß sich die finno-ugrisch-sprachigen Vorfahren der Chanten, Mansen und Landnahme-Ungarn bis 1.400 v. Ztr. schon bis in die Region südlich des Ural ausgebreitet hatten, das nämlich ist die Region der Ethnogenese der Vorfahren der Chanten, Mansen und Landnahme-Ungarn. Was für ein tiefer Blick in die bisherige Dunkelheit der sehr differenzierten Völkergeschichte Sibiriens. Über die Chanten und Mansen und ihre genetischen Verwandten, die Nganasanen hatten wir schon letztes Jahr geschrieben (Stgen2022):

Es handelt sich bei den Nganasanen um eine andere Herkunftsgruppe als jene, von denen die Mongolen abstammen. Die ursprüngliche Herkunftsgruppe der Mongolen wird am ehesten durch das Volk der Ultschen am Amur-Fluß repräsentiert. Dem äußeren Erscheinungsbild nach finden sich aber sowohl bei Nganasanen wie bei Ultschen "mongolische" (sprich "asiatische") Gesichtszüge. Ob es also zwischen beiden Herkunftsgruppen trotz der vermutlich langen Isolation voneinander in Mesolithikum dennoch auch deutlichere genetische Gemeinsamkeiten gibt, wäre noch einmal gesondert zu klären. Die Genetiker scheinen jedenfalls diese beiden Herkunftsgruppen aufgrund Jahrtausende langer Isolation voneinander in Eiszeit, Mesolithikum und Neolithikum gut unterscheiden zu können.

Die hier umrätselten Zusammenhänge werden durch die neue archäogenetische Studie nun genauer aufgeklärt (1). Die Nganasanen-Herkunftsgruppe stammte ursprünglich aus der Region östlich des Baikal und war damit den Vorfahren der Mongolen am Amur-Fluß eng benachbart.

In der Erläuterung zu Abb. 4 heißt es nun (1):

Tafel C zeigt die Entstehung von Cisbaikal_LNBA und Yakutia_LNBA in genetischen Austauschvorgänge in den Regionen Cis-Baikal und Nordostsibirien im mittleren Holozän, sowie die genetische Vielfalt von Individuen aus der Seima-Turbino-Zeit ∼4,0 kya. 

Die finno-ugrischen Völker vermischten sich also mit den Indogermanen und dienten sich diesen auch sehr bald als Mischbevölkerungen an, die sich auf Bronzeverarbeitung spezialisiert hatten. Die Archäologen sprechen vom "Seima-Turbino-Phänomen" (2.300 bis 1.700 v. Ztr.) (Wiki). Mit diesen Bronze-Handwerkern könnte sich die uralische (bzw. finno-ugrische) Sprachgruppe über die nunmehr indogermanisch geprägte Völkerwelt hinweg bis an die Ostsee ausgebreitet haben, wobei kulturelle Weitergabe dieser besonderen Techniken ebenso infrage kommt wie Weitergabe vom Vater auf den Sohn, also gemeinsam mit genetischer Herkunft. 

Abb. 4: Die Indogermanen kommen nach Nordosteuropa und Sibirien - Die Bronzegießer der Seima-Turbino-Kultur bilden eine finno-ugrische Gruppe multiethnischer Herkunft

Dieses Geschehen, sowie weitere Fragestellungen werden in einer neuen archäogenetischen Studie aus dem Labor von David Reich untersucht anhand der Genetik von vorgeschichtlichen  Skeletten aus einer Region zwischen Baikalsee und Ural, darunter auch solche, die in Zusammenhang stehen mit dem "Seima-Turbino-Phänomen" (2.300 bis 1.700 v. Ztr.), das für die Mittlere Bronzezeit zu finden ist zwischen dem Tarim-Becken im Osten und der Ostsee im Westen. Dabei fällt neues Licht auf die Geschichte der "paläosibirischen" Jenissei-Völker vom oberen und mittleren Jenissei. Außerdem wird eine Ursprungsregion der uralischen (finno-ugrischen) Sprach- und Völker-Familie aufgedeckt, der - soweit uns übersehbar - bislang von kaum einem Forscher angenommen worden war (s. Wiki). Beider Urheimat lag in der Region des Baikal-See's. Es heißt dazu im Diskussionsteil der Studie (1):

Jakutien_LNBA-Abstammung könnte sich in Epochen menschlicher Mobilität ausgebreitet haben, die mit der prähistorischen Verbreitung der uralischen Sprachen in Zusammenhang standen in gleicher Weise wie das Auftreten der Jamnaja/Steppen_EMBA-Herkunft korreliert ist mit (demographischen) Ausbreitungsbewegungen, die für die Ausbreitung der indogermanischen Sprachen verantwortlich waren (...). Ebenso könnte die Cisbaikal_LNBA-Herkunft mit der Verbreitung von Jenissei-Sprachen in Zusammenhang stehen.
Yakutia_LNBA ancestry may have spread in episodes of human mobility that were associated with the prehistoric dispersal of Uralic languages, in the same way that the appearance of Yamnaya/Steppe_EMBA ancestry may be correlated with migrations responsible for the expansion of the Indo-European languages (a “tracer-dye”). Likewise, Cisbaikal_LNBA ancestry may be connected to the spread of Yeniseian languages.

Und (1):

Die aktive Teilhabe mehrerer sozialer Gruppen, die genetisch und kulturell unterschiedlich waren, bildete einen wesentlichen Teil des ST-Phänomens - eine Schlußfolgerung, die mit dem übrigen Inventar in ST-Gräberfeldern übereinstimmt, wie etwa Keramik (die Ähnlichkeiten aufweist mit derjenigen, die von westsibirischen Sammlern hergestellt wurden, sowie derjenigen der Waldsteppen rund um den Tatarka-Hügel), Artefakte aus Feuerstein, Knochen oder Jade (die Ähnlichkeiten aufweisen mit denen, die von Kulturen im äußersten Nordosten Sibiriens und vom Baikalsee hergestellt wurden) und Metallgegenstände aus Nicht-ST-Traditionen (die möglicherweise in der Sintashta-Kultur und insbesondere in den eng verwandten Abashevo-Kulturen entstanden sind). Diese drei Quellen materieller Kultur entsprechen sehr genau jenen drei bedeutendsten genetischen Herkunftsgruppen in unserem Datensatz.
Active participation of multiple social groups that were genetically and culturally distinct was an essential part of the ST phenomenon itself—a conclusion consistent with the rest of the inventory found in ST necropolises, such as pottery (which displays similarities to that produced by West Siberian foragers 61,62,69,78 and that of the forest-steppes around Tatarka Hill 56), artifacts of flint, bone, or jade (which displays similarities to those produced by cultures of far Northeast Siberia and Lake Baikal), and metal items from non-ST traditions (which may have been produced in the Sintashta and especially the closely-related Abashevo cultures) 61,62,69,78. These three sources of material culture closely parallel the three major genetic ancestries in our sample.

Womöglich waren die einheimischen Völker, die schon zwei Jahrtausende früher erstmals mit kulturellen Auswirkungen etwa der Oasen-Kultur an den Nordhängen des Tianshan in Berührung gekommen waren oder mit Indogermanen der Ost-Ausbreitungsbewegung, besonders fasziniert von besonderen Bronzeguß-Techniken und entwickelten sie nach und nach weiter und entwickelten so ein "Alleinstellungsmerkmal", ein "Spezialistentum", das sie für die damaligen indogermanischen Gesellschaften quasi unentbehrlich machte. 

Abb. 5: Eine Gruppe von Keten am Jenissei, aufgenommen von Fritjof Nansen 1913 (Wiki)

Und dabei kam es zur Vermischung der drei genannten Herkunftsgruppen, der finno-ugrischen Nganasan-Herkunft, der westsibirischen Jäger-Sammler-Herkunft und der indogermanischen Herkunft der Abashevo-Kultur. Ein aufregendes Geschehen.

In einer Filmdokumentation des Jahres 2010 wird dargestellt wie beispielsweise noch heute die besonderen Fertigkeiten der Keten im Kanu-Bau von zugezogenen russischen Fischern, Jägern und Fallenstellern gerne genutzt werden (2). Wir lesen außerdem (1):

Bei dem ST-Phänomen haben wir es zu tun mit dem plötzlichen Auftreten sehr ähnlicher Bronze-Gegenstände, die mit fortschrittlichen Techniken hergestellt worden sind, und die sich sehr schnell (etwa innerhalb eines Jahrhunderts oder so) in viele Kulturen hinein verbreitet haben, die über eine weite Spanne von Nordeurasien verbreitet waren, nämlich von China bis zur Ostsee.
The ST phenomenon refers to the sudden appearance of a very similar suite of bronze artifacts manufactured with advanced casting techniques that spread rapidly (in a century or so) into many cultures spanning a vast region of Northern Eurasia, from China to the Baltic Sea. Archaeologists credit this trans-cultural phenomenon for the introduction of metallurgy into Eastern Eurasia and the dissemination of advanced casting methods for tin bronze into Europe.

Aber gehen wir noch einmal erneut zeitlich einen größeren Schritt zurück: Keramik hat sich - wie oben schon erwähnt - erstmals von Ostasien aus über ganz Osteuropa bis an die Ostsee ausgebreitet. 

Die osteuropäischen und die westsibirischen Jäger und Sammler - Ausgestorben

Diese ältesten Keramik-Kulturen der Waldsteppe gehörten der Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler an. Im Text der Studie finden wir noch folgende Erläuterung der Abbildung 4 des vorliegenden Beitrages (1):

Wenn wir vom westlichen Ende des Gradienten der Jäger und Sammler der Waldsteppe ausgehen, finden wir zunächst Jäger und Sammler zwischen der Ostsee und dem Ural. Im Westen werden sie der frühneolithischen Elshanka-Kultur zugerechnet. Es folgen die spätneolithische Kammkeramik-/Ljalowo-Kultur und die äneolithischen Volosovo-Kulturen (im Osten) bis hin zu den Kulturen des Samara-Äneolithikums, des Kama-Mündungs-Äneolithikums und des äneolithischen Urals. Diese alle weisen überwiegend osteuropäische Jäger-Sammler-Herkunft (EHG) auf zusammen mit geringen Anteilen an WHG-Herkunft. Das steht in Übereinstimmung mit Erkenntnissen früherer Studien. 
Starting from the western end of the e Forest-Steppe Hunter-Gatherer (FSHG) cline, hunter gatherers from the Baltic to the Urals, attributed to (in the west) the Early Neolithic Elshanka, Late Neolithic Pit-Comb Ware/Lyalovo, and Eneolithic Volosovo cultures, and (in the east) to the Samara Eneolithic, Kama Estuary Eneolithic and Eneolithic Ural cultures, have mostly EHG-related ancestry, with low levels of WHG-related ancestry, in line with previous findings. 

Hier auf dem Blog haben wir der Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler schon einen ausführlichen und umfangreichen Blogartikel gewidmet, in den auch viele neuere archäologische Erkenntnisse eingeflossen sind (Stgen2021). Ein ähnlicher Beitrag über die Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler scheitert vermutlich zunächst einmal an fehlenden russischen Sprachkenntnissen, obwohl sie einen ähnlich umfangreichen Beitrag verdient hätte. Denn diese Völkergruppe stellte die eine Hälfte der Vorfahren des Urvolkes der Indogermanen. Mit der hier behandelten Studie haben wir jedenfalls ein weiteres Puzzle-Teil für einen solchen Beitrag.

Ergänzung (2.12.23): 6000 v. Ztr. gab es östlich des Ural, also im damaligen Gebiet der osteuropäischen Jäger und Sammler, schon komplexe Gesellschaften, die ihre Siedlungen mit Wällen und Palisaden umgaben (Antiquity2023, ScMag2023). Dieser Umstand läßt ggfs. auch einen Blick werfen auf den Ursprung der Indogermanen an der Mittleren Wolga.

Abb.: Von Palisaden umgebene, feste Siedlungen um 6.000 v. Ztr. östlich des Ural (aus:(Antiquity2023)  

Östlich des Ural finden wir dann schon erste ausgeprägtere Mischbevölkerungen zwischen a) der Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler, b) der Völkergruppe der westsibirischen Jäger und Sammler, bzw. des Tarim-Beckens und c) derjenigen des Baikalsees (1):

In Populationen östlich des Ural, die dem Tobol- und Mittelirtysch-Frühneolithikum zugehören und dem nachfolgenden Kreis der äneolithischen westsibirischen Kulturen, die Kammkeramik benutzen, mischte sich EHG-Abstammung mit Ancient North Eurasian-(ANE-)Herkunft, sowie mit geringen Mengen ostasiatischer Herkunft. Diese Populationen gleichen genetisch Individuen, die der benachbarten Botai-Kultur aus Nordkasachstan zugeschrieben werden (~5,4–5,1 kya).
Eastwards across the Urals, in populations of the Tobol and Middle Irtysh Early Neolithic and of the succeeding circle of Eneolithic West Siberian cultures using Comb-Pit Ware pottery, EHG ancestry admixed with ANE ancestry and low levels of East Asian ancestry. These populations are genetically similar to adjacent Botai-attributed individuals from northern Kazakhstan (~5.4-5.1 kya).

Wie dann weiter ausgeführt wird, ist die hier genannte, sehr alte ANE-Herkunft mit großer Wahrscheinlichkeit über die Zwischenstufe der Tarim-Herkunftsgruppe in die hier erörterten Populationen hinein gekommen, so wie wir das auch selbst schon in einem früheren Blogbeitrag angesprochen hatten.

Abb. 6: Ultschen - Fotografiert von Fritjof Nansen im Jahr 1913 - Die Ultschen leben in genetischer und kultureller Kontinuität seit dem Mesolithikum in der Gegend des Amur-Flusses - ein genetischer Ausnahmefall - Sie repräsentieren eine wichtige Ausgangspopulation bei der Ethnogenese sibirischer Völker

Dann heißt es weiter (1):

Individuen weiter östlich, vom Fuße des Altai und vom Oberen Ob, aus der Kuznetsk-Altai-Kultur, die das Frühe Neolithikum und das Eneolithikum überspannt (von Grabungsorten wie Firsovo-11, Tuzovskie-Bugry-1 and Ust’-Isha), können modelliert werden als eine Zwei-Wege-Vermischung von ANE und ostasiatischer Genetik. Dies setzt sich fort mit Individuen von neolithischen Siedlungen am Oberen Jenissei und aus dem Tal des Kan-Flusses (Siedlungen ohne klare kulturelle Zuschreibung), in denen die ANE-Herkunft zurück geht und die ostasiatische Herkunft zunimmt. Der Gradient erstreckt sich weiter bis zur Kitoi-Kultur der Baikal-Region durch die zuvor erörterte Cisbaikal_EN-Population hindurch, um auszulaufen in der Transbaikal_EMN-Population, die fast vollständig ostasiatische Herkunft aufweist.
Further east, individuals from the Altai foothills and the upper Ob, from the Kuznetsk-Altai culture spanning the Early Neolithic and Eneolithic (from sites such as Firsovo-11, Tuzovskie-Bugry-1 and Ust’-Isha), can be modeled as two-way admixtures of ANE and East Asian ancestry. This continues into individuals from Neolithic sites of the Upper Yenisei and Kan River Basin from sites without clear cultural attribution, where ANE ancestry declines and East Asian ancestry increases. The gradient extends into the Kitoi culture of the Baikal region, through the previously discussed Cisbaikal_EN population, to terminate in the Transbaikal_EMN population that is almost completely East Asian in ancestry.

Aber die ANE-Abstammung ist definiert durch ein sehr altes Individuum vom Unteren Jenissei (16.000 v. Ztr.), so daß sich die Forscher fragen, ob die hier behandelte, in viel späterer Zeit erneut vorgefundene Herkunft nicht aus anderer Quelle stammen könnte. Sie schreiben (1):

Es ist vorgeschlagen worden, daß Populationen, die genetisch mit Tarim_EMBA verwandt sind, in Zentralasien vor dem Aufkommen der Herdenhaltung während der Bronzezeit lebten; die Abstammung aus dieser Quelle könnte zu FSHG-Populationen in Westsibirien beigetragen haben, was unsere Ergebnisse erklären könnte, ein Szenario, das durch die kürzliche Entdeckung eines Individuums mit diesem hypothetischen Profil aus dem mesolithischen Tadschikistan noch plausibler wird. Daher könnten sich zwei Quellen in die ANE-reichen Populationen im Zentrum der FSHG-Kline eingemischt haben: eine Tarim_EMBA-ähnliche Population aus Zentralasien und eine Population wie die des späteren Kusnezk-Altai-Neolithikums der Altai-Region.
It has been suggested that populations genetically related to Tarim_EMBA lived in Central Asia before the arrival of pastoralism during the Bronze Age; ancestry from this source may have contributed to FSHG populations in West Siberia, explaining our results, a scenario made even more plaubsible by the recent discovery of an individual with this hypothesized profile from Mesolithic Tajikistan. Therefore, two sources may have admixed into the ANE-rich populations in the center of the FSHG cline: a Tarim_EMBA-like population from Central Asia, and a population like that of the later Kuznetsk-Altai Neolithic of the Altai region.

So die Studie.

Abb. 7: Die finno-ugrische Sprachfamilie vor der Ausbreitung der Russen im Mittelalter und in der Neuzeit

Als Erläuterung heißt es zur Abb. (1):

Tafel D zeigt den genetischen Gradienten zwischen westeurasischer Abstammung und Jakutien_LNBA, der von heutigen Ural-Populationen gebildet wird, zusammen mit allen Standorten, an denen heutige Populationen mit Cisbaikal_LNBA-Abstammung zu finden sind (graue Punkte mit schwarzem Ring), zusammen mit den geografischen Standorten von zwei Individuen aus der späten Bronzezeit/frühen Eisenzeit (graue Punkte mit gelben Ringen) mit >90 % Cisbaikal_LNBA-Abstammung.

Die Keten (auch "Ostjaken" genannt) lebten ursprünglich vor allem am Mittel- und Oberlauf des Jenissei. Sie lebten im Wesentlichen von dem Fischfang im Jenissei und von der Jagd an Land. Interessanterweise gab es bei den Keten einen ähnlichen Bärenkultur wie bei den Chanten und Mansen. Wir lesen (Wiki):

Wie bei anderen Völkern im Norden von Eurasien gehört zur Tradition der Keten ein Bärenkult. Ein Bär gilt als Ahn, weil in ihm die Seele eines verstorbenen Menschen steckt. Bei einem getöteten Bären wird nach bestimmten körperlichen Merkmalen gesucht, um herauszufinden, wessen Seele er beherbergte. Außerdem existiert die Vorstellung, der Bär habe hellseherische Fähigkeiten, er könne die menschliche Sprache verstehen und sogar Gedanken erraten. Deswegen wandten laut dem Bericht einer 1905 bis 1908 durchgeführten Forschungsexpedition die Keten eine Beschwichtigungsformel an, wenn sie einen Bären bei der Jagd umstellt hatten: „‚Sei nicht böse, Großvater! Komm zu uns als Gast.‘ Erst dann schlägt man ihn tot.“ Weitere Rituale waren beim Zerlegen des Bärenfleisches zu beachten, so durfte etwa kein Blut auf die Erde tropfen. Für den Schädel eines getöteten Bären wurde ein eigenes Bretterhäuschen errichtet. Der finnische Sprachwissenschaftler Kai Donner beschreibt ein Bärenfest, an dem er 1912 teilnahm, bei dem eine mit feuchter Holzkohle auf Birkenrinde gemalte Bärenfigur im Mittelpunkt stand.

Schon letztes Jahr hatten wir in einem Blogartikel-Entwurf Ausführungen festgehalten, die wir hier noch als Anhang bringen wollen.

Mittwoch, 9. März 2022

Sie leben wie die europäischen Mesolithiker

Im Land der Chanten und Mansen - In Westsibirien
- Die Totenwache im Bärenhaus
- Gibt es mesolithische Ursprünge des Weihnachtsfestes?
- So lebten die Mesolithiker - wohl - überall in Europa, also die ost- und die westeuropäischen Jäger und Sammler
- Im Land am Ob östlich des Ural 

"Jugra" (Wiki) ist das Land der Chanten (Wiki) und der Mansen östlich des Ural am Fluß Ob und seinen Seitenflüssen, insbesondere des Irtytsch. Das Land deckt sich zum Teil mit dem heutigen "Autonomen Kreis der Chanten und Mansen/Jugra" (Wiki). Es wird traditionellerweise auch "Jugorien" (Wiki) genannt oder Englisch "Yugra" (Wiki)*).

Abb. 1: Eine Frau der Chanten (aus: "Die Söhne von Toorum", 1990) (aus: 2)

Laut Volkszählung haben sich sowohl die Chanten wie die Mansen des Autonomen Kreises der Chanten und Mansen innerhalb der letzten siebzig Jahre fast verdoppelt, von 12.000 Menschen auf 19.000, bzw. von 6.000 auf 11.000. Nur ein geringer Bruchteil von ihnen lebt in Städten.

In zwei Filmen hat sich der estnische Filmemacher Lennart Meri (1929-2006) (Wiki, engl), der nachmalige Staatspräsident der Republik Estland, mit den Chanten beschäftigt, einer ist 1970, der zweite, wichtigere 1990 erschienen (1, 2). Diese Filme wecken auch sonst Interesse für diese Völker. Beide ursprünglich hier beheimateten Völker, die Chanten wie die Mansen, sprechen eine ugrische Sprache und sind auch genetisch mindestens zur Hälfte ugrisch-sibirischer Abstammung.

Nach den neuesten Erkenntnissen der Archäogenetik handelt es sich um Völker, die während der Bronzezeit hervorgegangen sind aus einer Vermischung von Menschen sibirischer Abstammung mit Menschen indogermanischer Abstammung (3). Und zwar habe diese stattgefunden innerhalb einer Region bis zu hundert Kilometer südlich des heutigen Jekaterinburg (Sverdloswsk), und zwar in der dortigen bronzezeitlichen, schnurkeramischen Cherkaskul-Kultur (Wiki), die in den Bereich der Andronowo-Kultur gehörte, und in der auf sie folgenden spätbronzezeitlichen, schnurkeramischen Mezhovskaya-Kultur (Wiki), die ebenso in den Bereich der Andronowo-Kultur gehörte (Abb. 2). Diese Region liegt - klimatisch gesehen - in der eurasischen Steppe (8, S. 4). Um von dieser Region in die heutige, tausend Kilometer weiter nördlich gelegenene, Wasser- und Sümpfe-reiche westsibirische Heimat der Chanten und Mansen zu gelangen, mußten diese

  • an den 400 Kilomter östlich gelegenen Fluß Tura gelangen (bei der heutigen Stadt Tjumen) (auch in der Steppe), um über diesen flußabwärts 
  • an den Fluß Tobol zu gelangen, um über diesen flußabwärts die Steppe zu verlassen, um
  • an den Irtytsch zu gelangen und um über diesen wiederum flußabwärts 
  • an den Fluß Ob zu gelangen.

Das sind - wie gesagt - ungefähr tausend Kilometer, also so weit wie einmal quer von Süden nach Norden durch Deutschland hindurch (G-Maps) (Abb. 2). Es scheint das alles noch heute sehr dünn besiedeltes Gebiet zu sein (wenige Städte). 

Und man könnte sich auch vorstellen, daß die Chanten und Mansen in ihrer heutigen Heimat Menschen verdrängt haben, die noch ursprünglichere Ngananasanen- oder Nenzen-Herkunft und Kultur aufwiesen, und die heute nur noch weiter nördlich zu finden sind.

Abb. 2: Die Chanten und die Mansen in der Bronzezeit und danach - Über die Flüsse Tura, Tobel und Irtytsch bis zum Ob

Diese weite Entfernung muß auch nicht gar zu ungewöhnlich erscheinen, denn andere Nachfahren dieses Volkes, die Wolga-Tataren und Baschkiren, gelangten ja in den Jahrhunderten nach der Bronezeit tausend Kilometer weiter nach Westen an die Wolga (G-Maps) (Abb. 3) (und von dort ja noch weiter nach Westen bis nach Ungarn) (3).

Auf dem Wikipedia-Artikel über den Steppen-Oblast Tscheljabinsk im Süden des Ural ist über diese genannte bronzezeitliche Urheimat der Chanten und Mansen zu lesen (Wiki):

Es finden sich zahlreiche Siedlungen der Frühen Bronzezeit in dem Gebiet, die der Andronowo-Kultur zugeordnet werden. Darunter die Siedlungen Arkaim und Sintaschta aus den 2. Jahrtausend v. Chr.. Bislang wurden 22 Siedlungsorte entdeckt. 
Es wird davon ausgegangen, daß Sarmaten in dieser Zeit (nach der Bronzezeit) die Region besiedelten.
Die Region wurde ursprünglich (im Mittelalter) von den Baschkiren besiedelt. Diese lebten jahrhundertelang unter mongolischer Herrschaft. Nominell gehörte das Gebiet aber seit dem 16. Jahrhundert zum Zarentum Rußland.

Die Nennung der Sintashta-Kultur macht darauf aufmerksam, daß man davon wird ausgehen dürfen, daß hier im Süden des Ural auch das Ausgangsgebiet der Südwanderung der sogenannten "Arier" bis nach Nordindien lag, bzw. noch weiter nach Osten bis in die Mongolei.

Über die Bronzezeit und über das Mittelalter hinweg haben sich die Chanten und Mansen jedoch - im auffälligen Gegensatz zu der vielfältigen Geschichte, die sich im Süden von ihnen abspielte - ihre mesolithische Lebensweise als Fischer und Jäger des Waldes in Westsibirien erhalten. Und so leben sie zum Teil noch bis heute. 

Teile dieses Volkes haben schon in der Bronzezeit auch Rinder gehalten und die Lebensweise von Bauern oder Pferdezüchtern angenommen, sie haben sich - am Oberlauf des Irtytsch und anderwärts - mit Sarmaten, Hunnen, Mongolen und Awaren vermischt, woraus dann die Wolga-Tataren, Baschkiren und die Vorfahren der frühmittelalterlichen Ungarn entstanden sind, welche sich dann - als diese Ungarn - bis nach Ungarn ausgebreitet haben, wo sich ihre Sprache bis heute erhalten hat (3).

Das, was wir hier ausführen, sind sicher nur bruchstückhafte Ausschnitte aus einer vermutlich sehr viel reicheren Geschichte dieses Volkes, zu der noch einmal wesentlich dichter Fakten zusammenzutragen wären.

Abb. 3: Die Baschkiren und Wolga-Tataren breiten sich von der Urheimat der Chanten und Mansen (südlich des Ural und südlich von Jekaterinenburg) nach Westen bis zur Wolga (bei Kasan) aus

Die Bezeichnung "Ugor" für die Länder östlich des Ural am Mittellauf des Flusses Ob (und seinem Zusammenfluß mit dem Irtytsch) stammt aus dem den Chanten westlich benachbarten Volk der Komi. Sie ist - vermutlich - zugleich die Wurzel für die Bezeichnung "Ugrier", die für die gesamte ugrische Sprach- und Völkergruppe benutzt wird. 

Jugorien/Jugra am Mittellauf des Ob wurde im Mittelalter auch mehrere Jahrhunderte lang von Handelsleuten aus der nordrussischen Handelsstadt Nowgorod am Wolchowsee besucht und war dieser Stadt auch tributpflichtig, allerdings im Wechsel mit der Goldenen Horde der Mongolen, denen sie ebenfalls Kriegsdienste leisteten (Wiki) (auch noch 1582 gegen die Kosaken unter Jermak).

Die Chanten und Mansen haben unter Befehl ihrer Prinzen und Herzöge Krieg geführt. Sie waren als solche zeitweise Vasallen der Mongolen, zeitweise Vasallen der Handelsstadt Nowgorod am Wolochowsee. 

Die Chanten und Mansen verteidigen ihre überlieferte, heidnische Religion

Nach russischen Quellen seit dem 14. Jahrhundert ist in Jugra/Jugorien das Idol einer "Goldenen Frau" (Wiki) verehrt worden in einem Schrein gemeinsam mit dem Idol einer kupfernen Gans, dem Gott der Wasservögel. Der Schrein habe sich bei dem Dorf Belogorje befunden in der zentralen Belogorje-Region, also am Ob in der Nähe des Zusammenflusses mit dem Irtytsch, vielleicht in der Nähe der heutigen Provinzhauptstadt Khanty-Mansiysk. 

Der Thron der Göttin, der in einem Schrein aufgestellt war, sei gebaut gewesen wie ein Nest und mit unterschiedlichen Walkstoffen ausgeschmückt gewesen, mit Leintüchern und Fellen. Menschen aus entlegenen Regionen wären hierher kommen, um vor dem Thron der Göttin Rinder und Pferde zu opfern. Die Gottheit würde den Reichtum der Wasservögel behüten (Wiki).

In der Ortschaft Samarovo am Zusammenfluß von Ob und Irtytsch sei auch der Gott des Flusses Ob verehrt worden, der zugleich als der Gott der Fische (Wiki) galt. Er sei - aus christlicher Sicht - "unverschämt" dargestellt gewesen, nämlich als ein Holzbrett mit einer Nase aus metallenem Rohr, mit Augen aus Glas, mit kleinen Hörnern auf dem Kopf, mit Stoffteilen behängt, bekleidet mit einem purpurnen Mantel über einer vergoldeten Brust. Waffen - Bogen, Pfeile, Speere, Rüstung - wären neben ihm gelegen. 

Über die Waffen wäre gesagt worden, daß der Gott des Flusses Ob oft im Wasser zu kämpfen habe, um andere Vasallen zu unterwerfen. (Was er wohl über die Ölpest von heute sagt, mit der er seit Jahrzehnten konfrontiert wird - siehe unten?)


Die goldenen Frau findet sich dargestellt auch auf mehreren europäischen Karten des 16. Jahrhunderts. Als die Kosaken unter Jermak Jugra/Jugorien und damit den Westteil Sibiriens 1582 eroberten (festgehalten in einem berühmten, dramatischen russischen Gemälde aus der Zeit um 1900), verteidigten die Ob-Ugrier diese ihre heiligsten Gottheiten.

Es wird berichtet, daß die Götterstatue des Flusses Ob nach Konda (also Richtung Westen) gerettet worden sei, daß aber die - - - "Götzenverehrung" auch dort dann irgendwann ausgerottet worden sei von christlichen Pfaffen. 1714/15 kamen die christlichen Missionare nämlich zu den Mansi in Konda. Ein Dorfältester und Pfleger eines Heiligtums - ein Mann namens Nahratch Yeplayev - sagte zu ihnen laut ihrer Berichte (Wiki): 

"Wir wissen alle, warum ihr hergekommen seid. Ihr wollt uns mit eurer sanftzüngigen Schmeichelei von unserem alten Glauben abbringen. Und ihr wollt unseren verehrten Helfer schädigen und zerstören. Aber es ist alles vergeblich, denn: Schlagt ruhig unsere Köpfe ab. Wir werden euch das nicht erlauben."

Doch schließlich einigte man sich auf einen Kompromiß, den der Dorfälteste dann folgendermaßen zusammen faßte (Wiki):

"Wir werden die Vorschriften und Ukase des Herrschers befolgen. Eure Lehren werden wir deshalb nicht verwerfen. Wir bitten euch nur, die Gottheit, die unsere Väter und Großväter verehrt haben, nicht abzuweisen. Und wenn ihr uns taufen wollt, dann ehrt unsere Gottheit ebenso, tauft sie in einer ehrenvolleren Weise - mit einem goldenen Kreuz. Dann werden wir eine Kirche bauen und schmücken mit all den Bildwerken, die dazu gehören und wir werden die unseren dazwischen setzen."

Eine großzügige, schöne, tolerante Haltung, allerdings auch nur eingenommen unter äußerem politischen und militärischem Druck. Natürlich konnte sich diese Haltung auf Dauer nich halten. Natürlich. Die Mansen hatten es schließlich mit - - - "Christen" zu tun, mit: "Christen". Noch heute erleben sie die Abwertung der Natur und ihres Flußgottes durch dieses "Christen" in ihrem Land wie sie sich in den katastrophalen Begleiterscheinungen der Ölförderung kundtut (siehe unten).

Die heidnischen Gottheiten sind von christlichen Eiferern später verbrannt worden. Viele heilige Bildnisse und Gegenstände sind von den Mansen aber auch versteckt worden. Und ihre Verstecke sind über Generationen hinweg geheim gehalten worden. Diese Geheimhaltung gelang selbst noch während eines Aufstandes der Mansen und seiner Niederschlagung in den 1930er Jahren unter Stalin. Wobei es zu vielen Toten und Erschießungen kam. Einige dieser heiligen Gegenstände existieren noch heute (Wiki).

Noch im 20. Jahrhundert lebten die Chanten so wie die Menschen im Mesolithikum und bis zur Einführung des Ackerbaus überall in Europa gelebt haben: als Fischer und als Jäger. Lennart Meri hat sich erstmals mit den Chanten beschäftigt in seinem Film "Völker im Zeichen des Wasservogels" (1). Dieser Film gab einen ersten Überblick über die vielen, damals noch existierenden Völker der finno-ugrischen Sprachgemeinschaft.

Ab Minute 9 dieses Filmes wurden von Meri die Chanten behandelt. Diese leben in Wäldern östlich des Ural und bis hinüber zum Jenissei und noch weiter (1). Es werden Fischer an abgelegenen Flüssen dargestellt. Es werden ihre ursprünglichen Fischfangtechniken dargestellt, insbesondere ihre selbstgebauten Reusen. Es wird darauf hingewiesen, daß es Elemente in ihrem Kulturleben gibt, die es sonst in Sibirien nicht gibt, und die auf südliche Einflüsse aus der Steppe zurückzuführen sind. 

Daß sich die Vorfahren der Chanten schon in der Bronzezeit mit indogermanischen Schnurkeramikern vermischt haben, sieht man den Menschen in der Filmdokumentation auch an. Sie sehen zum Teil europäischer aus als die Nenzen und Ngananasanen im Norden (in der Tundra an der Küste des Eismeeres). Es werden in dem Film auch Tanz und Gesänge rund um die Totenwache bei einem erlegten Bären gezeigt, die in diesem Volk bedeutsam sind. 

Die Verehrung des Bären erinnert an die oben geschilderte Verehrung der Wasservögel und der Fische. Die Verehrung des Bären mutet auf den ersten Blick sehr urtümlich - und auch fremdartig - an. Das alles läßt sich - bei der Kürze der Behandlung in diesem Film - noch nicht sehr gut verstehen und einordnen. 

Die Totenwache im Haus des Bären

Erst in seinem zweiten Film zu den Chanten, "Die Söhne von Toorum - Eine Totenwache der Chanten beim erlegten Bären", aus dem Jahr 1990 (2) bekommt man einen eingehenden und umfassenderen Blick in die Art dieser Menschen, in ihr Alltagsleben und in ihr religiöses Leben und Erleben. Dieser Film ist deshalb auch so aufwühlend und erlaubt so viele Rückschlüsse auf die mesolithische Vergangenheit Europas überhaupt. Man erhält - womöglich - einen Blick in das Leben ursprünglicher, mesolithischer Völker Nordeuropas und Nordasiens, wie man ihn so - und authentischer - sonst wohl nur noch selten erhalten kann (2) (1'30):

"Sogar heute noch sind sie Jäger und Fischer des Waldes. Sie fertigen alles aus Holz, einschließlich ihrer Öfen, um nichts zu sagen von Grabstätten für Bären, Opferstangen und schönen Schlitten. Die Chanten haben zwei Heimstätten. Im Frühling, nach der Jagd-Saison, ziehen sie von den Winterhütten zum Flußufer. Dort hat jede Familie ihre eigenen Fischplätze und Fischhütten, Sommerhütten und Sandstrände. Die Flüsse sind Nahrungsquelle und gleichzeitig die Verkehrsader."

Die hier gezeigten Chanten leben östlich des Ural am Mittellauf des Ob und des Agan, eines Zuflusses des Ob. Hier leben - laut Filmsprecher - 20.000 Menschen auf einem Gebiet von der Größe Westeuropas. 200 Menschen leben auf einem Gebiet von der Größe Belgiens. Sie haben die älteste Jäger-Sammler-Kultur in Eurasien bewahrt, so der Filmtext.  

Das Leben in der Familie und in Einehe scheint schon in solchen Kulturen in Europa eine große Rolle gespielt zu haben. Es gibt in der Evolutionären Anthropologie gegenwärtig eine populäre Forschungsmeinung, nach der die Monogamie erst mit der christlichen Kirche in europäischen Völkern durchgesetzt worden wäre. Die Chanten und Mansen wären da sicherlich eines von vielen Gegenargumenten (die Berichte des Tacitus über die Germanen wären ein anderes).

In der kleinen Gemeinschaft ist die Welt der Männer und der Frauen scheinbar immer ein wenig getrennt. Die verheirateten Frauen verbergen sogar - im Film von Anfang an - ihre Gesichter vor anderen verheirateten Männern der Gemeinschaft, offenbar um sie nicht in Versuchung zu führen (so der Sprecher des Filmes). Natürlich kann das alles auch beeinflußt sein von christlichen Missionaren. Das müßte man noch gründlicher untersuchen, um hier zu einem abschließenden Urteil zu kommen. Während der ernsten und lustigen Darbietungen während der Totenwache beim erlegten Bären gibt es auch harmlose und zugleich derbere erotische Anspielungen.

Aber welche Rolle spielt der erlegte Bär? Er wird wie ein Verwandter besucht und behandelt. Sehr ehrenvoll. Er erhält ein eigenes Haus, eine eigene Schlafstätte, eigene Bekleidung, Essen. Alle küssen den von den Jägern erlegten toten Bären, als er ins Dorf gebracht wird. Eine alte Frau sagt dabei:

"Komm mir nicht zu nahe, erschrecke mich nicht, wenn ich im Frühling oder im Herbst Beeren im Wald sammele, wenn ich Vogelbeeren sammle oder wenn ich Preiselbeeren sammle."

Der erlegte Bär ist also für die Menschen die Verkörperung aller Bären, die im Wald leben. Und diese Worte machen deutlich, daß der Bär Jahrtausende lang eine reale Bedrohung darstellte für die Menschen, die in den riesigen europäischen Urwäldern lebten. Der Wald war ja zu jener Zeit noch nicht gerodet und die Menschen lebten vornehmlich an den Ufern von Gewässern. 

Die Landschaft, in der die Chanten leben, gleich sogar auffallend der Landschaft, in der die Menschen heute zum Beispiel in Brandenburg leben: Kiefernwälder und Gewässer.

Die zitierten Worte der Frau machen auch geradezu die "Notwendigkeit" deutlich, daß die Menschen mit dem Fell und mit dem Kopf des erlegten Bären tagelang Umgang pflegen, ihn als Sohn ihres Gottes Toorum verehren, dessen Söhne auch sie selbst sind, ihn also als "Bruder" verehren und sich viele Geschichten erzählen darüber, wie er hier auf Erden gekommen ist und was er hier alles erlebt hat, gemeinsam mit seinen "Brüdern", den Menschen, die vom selben Gott abstammen.

Sie beziehen ihn als ihren Bruder in ihr alltägliches Leben ein, sie kleiden ihn, legen ihn schlafen, geben ihm zu essen. In seiner Gegenwart "singen und sagen" sie all die Geschichten und Sagen, die ihnen - vielleicht schon seit Jahrtausenden - wichtig und heilig sind. Wenn man dieses tagelange Feiern gemeinsam mit dem Schädel und dem Fell des erlegten Bären gesehen hat, versteht man besser, daß wilde Tiere überhaupt eine so große Rolle spielen im Übergang vom Mesolithikum zum Neolithikum. Etwa auch wilde Stiere, die im Frühneolithikum der Türkei verehrt wurden. Sie stellen eine reale Bedrohung dar. Aber der Mensch macht sich auch viele Gedanken über ihr Leben, er vermenschlicht sie, er unterstellt ihnen "Schicksale", er bezieht sie in seine religiösen Praktiken und in seine Feiern mit ein. Er nimmt sie mit in seine Häuser. (Das alles ist sehr gut sichbar auch in den Tierdarstellungen auf dem Göbekli Tepe.)

Während der Feierlichkeiten rund um den erlegten Bären wird erstaunlicherweise auch ein "Gesangs-Stab" geschnitzt (2) (46'30). Auf ihm wird mit Zeichen symbolisch eingetragen, was während der Feierlichkeiten geschah. Als das Filmteam schon einmal einige Jahre zuvor bei den Chanten weilte, wurde auch dieser Umstand auf dem damaligen Gesangsstab festgehalten. Diese Gesangsstäbe stellen damit eine Art "Chronik" der Chanten-Gemeinschaft dar, eine Vorstufe der Schrift.

Beim Ansehen und Erleben all dieser Feierleichkeiten rund um einen erlegten Bären, neben dem im Haus unter anderem das kleine Pflänzchen einer sibirischen Kiefer gestellt wird, das mit einem Glöckchen behängt wird, könnte man auch auf den Gedanken kommen, daß in solchen Traditionen - letztlich - auch die Wurzeln des nordeuropäischen Weihnachtsfestes beruhen könnten. So auch der Filmtext (2) (19'30):

"Die sibirische Kiefer, ein entfernter Vorläufer des christlichen Weihnachtsbaumes der baltischen Finnen, ist die lebendige Verbindung zwischen dem Haus des Bären und ihrem Gott."

Wenn man die Feierlichkeiten rund um den erlegten Bären erlebt, könnte man annehmen, daß es vormals ähnliche Feierlichkeiten auch gab rund um gefangene Fische (siehe oben der genannte Fisch- und Flußgott) oder um erlegte Wasservögel (siehe oben die "kupferne Gans"), gegebenenfalls ebenfalls in ihnen gewidmeten Häusern oder Schreinen. Menschenfunde westeuropäischer Jäger und Sammler aus dem Mesolithikum hat man übrigens ebenfalls oft in Zusammenhang mit der Niederlegung von Bärenschädeln gefunden (Stgen2020), was aufzeigt, daß diese Verehrung des Bären etwas für Europa (und Asien) Uraltes ist.

Chanten - Fast 100 % sibirische Genetik

Die Chanten (Wiki) wurden früher - so auch auf den Fotografien von der Sibirien-Reise des Arktis-Forschers Fritjof Nansen (1861-1930) (Wiki, engl) im Jahr 1913 - "Ostjaken" genannt (Wiki):

Um 500 n. Chr. wanderten sie als pferdezüchtende Nomaden vom Oberlauf des Irtysch nach Norden, bis an den unteren Ob. Sie paßten sich dabei den lokalen Umweltbedingungen an und übernahmen die Rentierhaltung von den uralischen Völkern. Die ursprüngliche Pferdezucht lebt nur noch in den Mythen. Andererseits verbreiteten sie zentral- und südasiatische Kulturelemente nach Norden. Man nimmt an, daß sich Chanten und Mansen erst im 13. Jahrhundert getrennt haben, wobei die beiden frühen Phratrien (Clan-Verbände) darauf hindeuten, daß die frühen Neuankömmlinge ältere sibirische Völker assimilierten.   

Der Weg vom Oberlauf des Irtysch - etwa bei der Stadt Saissan (Wiki) und in der Gegend des Saissansees - bis hinab zu seiner Mündung in den Ob bei der heutigen Stadt Chanty-Mansijsk (Wiki) beträgt 2.300 Kilometer. Er führt über die Stadt Omsk (G-Maps). 500 n. Ztr., in der Zeit der beginnenden Awaren-Herrschaft, die nach ihrer Niederlage 552 n. Ztr. gegen die Türk gen Westen zogen, wichen die Chanten und Mansen entlang dieses langen Flußlaufes nach Norden aus und nahmen im Norden die Lebensweise der Rentier-Hirten, der Fischer und Jäger an. Da sich bäuerliche Traditionen bei ihnen gar nicht finden, könnte man annehmen, daß sie auch als Pferdezüchter eher eine halbnomadische Lebensweise beibehalten hatten.

Abb. 4: Chanten ("Ostjaken") am Jennisei, aufgenommen von Fritjof Nansen 1913 (Wiki) (4)

Die Chanten lebten zur Zeit von Fritjof Nansen's Sibirien-Reise im Jahr 1913 auf Hausbooten auf dem Jennisei - so wie auch die dortigen Keten. Insofern können die Chanten den Weg vom Irtytsch zum Ob ebenfalls auf Booten zurück gelegt haben. Über die Chanten ("Ostjaken") auf dem Unteren Jenissei schreibt Nansen (4):

Der Eindruck, den der erste Jenissei-Ostjake auf mich gemacht hat, blieb auch hier zum Teil bestehen: einige erinnerten mich an Zigeuner. Mehrere Gesichter von Männern und Weibern hätten recht gut Zigeunern angehören können; meist aber sahen sie etwas weniger europäisch aus. Überdies schienen mehrere mit russischem Blut gekreuzt zu sein. Am auffallendsten trat das bei einigen Männern hervor, die ganz braunes Haar hatten, zwei oder drei sogar auch einen blonden oder doch jedenfalls braunen Bart. Man kann freilich nicht genau wissen, ob dies an einer Kreuzung mit Russen liegt oder ursprünglich ist. Sollte dieses Volk anfänglich blond gewesen sein, so müßte man eher glauben, daß die vielen Dunkelköpfe unter ihnen der Vermischung mit anderen Eingeborenenstämmen, vielleicht hauptsächlich mit Tungusen und Samojeden, zu verdanken seien; aber das ist unsicher. Jedenfalls war die Zahl der Dunklen überwiegend. Der Bartwuchs war bei einigen etwas kräftiger, als man bei einem asiatischen Volk hätte erwarten sollen. Die Frauen hatten durchgehends ein asiatischeres Aussehen als die Männer, von ihnen schienen mehrere typische Kurzschädel zu sein, aber schrägliegende Augen hatten sie nicht.
Auch hier glaubte ich, mehrere Gesichtstypen unterscheiden zu können, besonders unter den Männern. Während einige Gesichter kurz und breit waren und eine verhältnismäßig platte, nach unten breite Nase hatten, gab es noch einen höheren, schmalern Typus, der dem eines Europäers glich. Wenn die Augenbrauen sich manchmal ein wenig nach außen in die Höhe zogen, sahen die Augen wohl etwas schräggestellt aus. Welcher von beiden Typen der echte und ursprüngliche der Jenissei-Ostjaken sein dürfte, ist schwer zu sagen.

Es wird hier gut erkennbar, aus welchen Erkenntnisinteressen die sogenannte "Rasseforschung" der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts heraus entstand. Die Fragen, die Fritjof Nansen umsonnen hat, werden erst jetzt - durch die Archäogenetik - einigermaßen abschließend geklärt. Und wir wissen heute, daß das mehr europäische Aussehen vieler Chanten und Mansen zurückgeht auf die Vermischung ihrer Vorfahren mit Schnurkeramikern der Andronowo-Kultur während der Bronzezeit (3).

Die Mansen

Die Trennung der Welt der Männer und der Frauen ist sehr ausgeprägt bei den sibirischen Völkern, offenbar auch die Unterordnung der Frauen unter die Männer. So führt es auch Fritjof Nansen aus. Aber auch er weist darauf hin, daß vieles daraufhin deutet, daß die Dinge dann doch komplexer sind als es auf den ersten Blick erscheint, daß die Frauen also in unterschiedlichen Situationen durchaus sehr selbstbewußt ihre Position innehaben und geachtet werden.

Abb. 5: Eine Frau der Mansen (aus dem Lennart Meri-Film "Die Winde der Milchstraße") (5)

Ab 22'00 werden die Mansen im Nordural behandelt (5):

"Wir haben uns vor 5000 Jahren getrennt. Wir sind die nächsten Verwandten der Chanten und Ungarn. Wir waren jene, die das Metall im nördlichen Sibirien eingeführt haben. Ebenso die schönsten Boote."

Die Erdöl-Katastrophe in Westsibirien

In dem Lennart Meri-Film von 1990 wird auch auf die Umweltzerstörung aufmerksam gemacht, die durch die Erdölförderung im Gebiet der Chanten verursacht worden ist. Ganze Flüsse waren Jahre lang mit einer Ölschicht bedeckt, Wälder wurden gerodet oder niedergebrannt. Um zu jagen, mußten die Jäger in weit entfernte Gebiete ziehen und ihre Familien mitnehmen. Ein Chante erzählt (2):

"Ich bin nicht faul wie der Chef der Erdölförderung sagt. Es gab Fische im Mai - aber nicht im Juni. Die Fische werden verkauft. Im Juni und Juli verdiene ich nur 30 Rubel. In der Vergangenheit gab es im Heiligen See immer Fisch. Aber der See wurde "auf den Kopf gestellt" und es gibt keine Fische mehr. 6 Tonnen Fische waren früher normal, heute sind 700 Pfund ein guter Fang. Fische gibt es nur noch in weit entfernten Seen. Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Die Russen haben uns all unser Land genommen. Wir können nicht mehr jagen. Was wir in unseren Vorrats-Stelzhäusern zurücklassen, wird gestohlen. Man muß seinen ganzen Besitz mit sich nehmen. Früher sind wir mit 70 Jahren gestorben, heute sterben wir mit 14, 20 oder 30 an Leberschaden. Die Chanten beginnen, Selbstmord zu begehen. So etwas gab es in der Vergangenheit nicht bei uns."

Auch die Waldbrandgefahr ist in diesen Wäldern sehr hoch. Während die Chanten es deshalb gewohnt sind, sehr sorgsam mit Feuer umzugehen, scheinen die Russen damit zeitweise sehr sorglos umgegangen zu sein.

Der Autonome Kreis der Chanten und Mansen/Jugra ist der größte Erdölproduzent Rußlands. 60 % des in Rußland geförderten Erdöls stammt von hier (6). Es soll hier ebenso umfangreiche Erdöl-Vorräte geben wie in Saudi-Arabien! Die hier zugewanderten Russen und Menschen vieler anderer Völker können deshalb gutes Geld in Westsibirien verdienen. Auch fast 7.000 Deutsche lebten 2010 in diesem Autonomen Kreis. 

Aber es gibt auf dem deutschen Wikipedia auch - dankenswerter Weise - einen eigenen Artikel zur "Erdölkatastrophe in Westsibirien". Dieser macht erst bewußt, mit was für einer Katastrophe man es hier zu tun hat (Wiki):

Allein über den Ob fließen jährlich mehr als 125.000 Tonnen Rohöl in das Nordpolarmeer. (...) Durch die laufende Kontamination mit Erdöl waren 1989 bereits 28 größere Flüsse und 100 kleinere Gewässer biologisch tot und der Fischfang auf dem Fluß Ob mußte eingestellt werden.

Dieser Beitrag kann nur einen ersten Einblick geben in das Leben dieser westsibirischen Völker. Über die Filme von Lennart Meri kann man sich einen Überblick verschaffen über das reiche kulturelle Leben und Erbe der finno-ugrischen Sprachfamilie. Dazu sollen noch weitere Beiträge hier auf dem Blog erscheinen.

Ergänzung 10.3.22: In der russischen völkerkundlichen Forschung wurde 2015 vor dem baldigen Aussterben der Lebensweise der Chanten und Mansen gewarnt. Es wird über die Religion dieser Völker ausgeführt (7):

... Eine Familie hatte ein Totem-Tier, etwa eine Gans, einen Bieber, einen Elch, einen Adler usw., von dem angenommen wurde, daß von ihm der Clan abstammte. ... Der Braunbär nahm eine besondere Position unter den Tieren ein, er war der "Herr des Waldes" und die Verkörperung der Gerechtigkeit auf Erden. Der Bär wurde als der jüngste Sohn des höchsten Gottheit Num Torum angesehen.
The tribal religion of the Khanty and Mansi resembled that of all the native peoples of northern Eurasia (Forsyth, 1994). They had a pantheon of nature Gods. Num Torem (Mikola Torum) was the chief God. All natural phenomena were alive for them. They believed that stones, rivers, plants, lightning, animals etc. had spirits and souls (Forsyth, 1994; Kulemzin & Lukina, 1992). The family had a totem animal, such as a goose, a beaver, an elk, an eagle, etc., from which the clan was supposed to be descended. Effigies of spirits were kept in sanctuaries in the forest (Forsyth, 1994). In these sacred places , the ritual ceremonies were performed from time to time, sacrificing animals. Sacrificed rites were also performed in the cemeteries, where the dead were laid in wooden boxes, along with their vessels, weapons, etc. for using in the other world (Forsyth, 1994). (...) A brown bear occupied a unique position among animals being ‘a master of the forest’ and the embodiment of justice on the earth. The bear was considered to be the youngest son of the principal deity Num Torum.

Und weiter (7):

... Num Torum hat seinen Sohn als einen Bären zur Erde geschickt und es wurde geglaubt, daß die Chanten die direkten Nachfahren des Sohns von Torum wären. Deshalb waren die Chanten das "Bären-Volk". ... Das Fleisch der Bären wurde als eine seltene Delikatesse angesehen. Um das Töten eines Bären zu rechtfertigen, wurde ein "Bären-Fest" abgehalten, um sicherzustellen, daß er keine Rache gegenüber seinem Jäger nehmen würde, und daß es immer mehr Bären geben würde. Der tote Bär wurde willkommen geheißen von den Bewohnern, die um ihn einen Tanz ausführten. ...
Unglücklicherweise besteht ein akutes Risiko, daß die Chanten und Mansen und andere eingeborene Völker aussterben.
Num Torum had had his son descend to the earth as a bear and it was believed that Khanty were direct descendants of the son of Torum. Therefore, the Khanty were the people of the bear (Kulemzin & Lukina 1992). Nevertheless, the indigenous peoples of Siberia killed bears for eating. Their flesh was considered a rare delicacy. In order to justify this, the “bear feast” was celebrated to ensure that it would not take vengeance on its killer and there would always be more bears. The dead bear was welcomed by settlers who performed a ritual dance around it. The bear skin with its head was placed in a successful hunter’s house. The bear head was decorated with a hat or a shawl and food and drinks were laid in front of it. The bear was the ‘guest’ of the feast and people danced, sang, swore and told tales. The Khanty and Mansi had a very rich tradition of oral poetry and stringed musical instruments. After several days of celebration, the bear flesh was cooked and eaten. The skull and sometimes skin of the bear were kept in special buildings (Forsyth, 1994; Kulemzin, 1972). 
Unfortunately, the traditional cultures of the Khanty, Mansi and other indigenous population are at an acute risk of extinction.

Interessanterweise dagegen hält ein zum Teil sehr populäres "Ethnoblogging", das als Videoblogging (oft auf Russisch) zum Teil vergleichsweise hohe Zugriffszahlen erreicht (9, 10), und das den Stolz der Ureinwohner Sibiriens auf ihre Lebensweise, Kultur und Sprache womöglich zu erhöhen in der Lage ist. Dieses Ethnoblogging ist auch ein wichtiger Teil der Widerstandes gegen die Umweltzerstörung und die ökologischen Katastrophen in Sibirien.

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*) Diese Länderbezeichnung findet sich in der Landeskunde Sibiriens des Schweden Philipp Johann von Strahlenberg aus dem Jahr 1730 als "Ugoria" (GB 1730), ebenso in einer völkerkundlichen Betrachtung zu den Chanten von Ferdinand Heinrich Müller aus dem Jahr 1837 (GB 1837).

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  1. Lennart Meri: Völker im Zeichen des Wasservogels, 1970; Englisch "The people of the water bird": https://youtu.be/hYzYe3jAOyQ; Russisch (Yt), Original Estnisch "Veelinnurahvas" (Yt) [Encyclopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum, Teil 1]
  2. Lennart Meri: Die Söhne von Toorum - Eine Bären-Totenwache der Chanten, 1990; Englisch "The Sons of Toorum - Khanty Bear Wake": https://youtu.be/iX7nHETRNow; Russisch: "Сыновья Тоорума" (Yt) Original Estnisch "Toorumi pojad" ["Encycolopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum" - Teil 4] [Aufnahmen aus September 1985 und August 1988 vom Leben der Chanten und über ihre viertägige Bären-Feier] 
  3. Bading, I.: Die Ungarn-Einfälle - Sie bewirkten die Gründung des Deutschen Reiches (919 n. Ztr.) Februar 2022, https://studgendeutsch.blogspot.com/2022/02/die-ungarn-einfalle-sie-bewirkten-die.html
  4. Fridtjof Nansen: Sibirien ein Zukunftsland. F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1914, http://runeberg.org/sibirzuk/ (Archive)
  5. Lennart Meri: Die Winde der Milchstraße, 1977; Englisch "The Winds of the milky weay", https://youtu.be/Vgc1Nu3oSVs; Original Estnisch "Linnutee tuuled" (Yt) ["Encycolopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum" - Teil 2]
  6. Yvonne Bangert, Sarah Reinke: Hoher Preis für Öl und Gas. Sibiriens Ureinwohner werden dem Energiehunger der Industriestaaten geopfert. Gesellschaft für bedrohte Völker, Göttingen, Genf 19. Juli 2005, https://www.gfbv.de/de/news/hoher-preis-fuer-oel-und-gas-511/
  7. Vorobeva, Victoria, Zoya Fedorinova, and Ekaterina Kolesnik. "Three crucial crises in the development of the Khanty and Mansi unique culture." Procedia-Social and Behavioral Sciences 206 (2015): 108-113 [XV International Conference "Linguistic and Cultural Studies: Traditions and Innovations”, LKTI 2015, 9-11 November 2015, Tomsk, Russia] (pdf
  8. Forsyth, James. A history of the peoples of Siberia: Russia's North Asian colony 1581-1990. Cambridge University Press, Cambridge 1992 (GB)  (mehrere Folgeauflagen bis 2000)
  9. Dudek, Stephan: Ethnoblogging - Synergien und Herausforderungen für indigenes Umweltwissen auf Social-Media-Plattformen. In: Kasten, Erich, ed. Mensch und Natur in Sibirien: Umweltwissen und nachhaltige Naturbeziehungen in Zeiten des Klimawandels. Kulturstiftung Sibirien GmbH, Fürstenberg/Havel; BoD–Books on Demand, 2021 (GB), S. 279ff
  10. Tagebuch eines Chanten - Youtube-Kanal, 47.000 Abonnenten, https://www.youtube.com/channel/UCBQvgau-K_EoSMxlaFxWwUw/
  11. Tschajkovsk, Michail: Die Abenteuer der Ausländer in Westsibirien. Nabokov Preis Bibliothek (GB)

Freitag, 11. Februar 2022

Die Ungarn-Einfälle - Sie bewirkten die Gründung des Deutschen Reiches (919 n. Ztr.)

Wer waren jene plündernden Ungarn, die die Gründung des Deutschen Reiches bewirkten?
Neue Erkenntnisse der Archäogenetik: 
  • Sie hatten deutlich mehr europäische Herkunft als die mongolischen Hunnen, Awaren und Mongolen
  • Sie glichen in ihrer vielschichtigen genetischen Herkunft den Tataren und Baschkiren
  • Sie haben in Ungarn kaum genetische Spuren hinterlassen
  • Nur ihre finno-ugrische Sprache, das Ungarisch, wird dort heute noch gesprochen

Die Urheimat der finno-ugrische Sprach- und Völkergruppe findet sich auf der Taimyr-Halbinsel im nördlichsten Norden Sibiriens. Darauf haben wir hier auf dem Blog schon 2018 hingewiesen (1).*) Schon Anfang des 2. Jahrtausends v. Ztr. breitete sich diese Völkergruppe bis in das heutige Finnland aus. Dort hat sich die Sprache und zum Teil auch die Genetik dieser Völkergruppe bis heute gehalten. 

Von der Taimyr-Halbinsel in den südlichen Ural - 2000 v. Ztr.

Das heutige südlichste Volk der finno-ugrischen Sprachgruppe, die Ungarn, sprechen eine Sprache, deren ursprüngliche Träger in Ungarn heute genetisch ausgestorben sind. Auch das haben wir schon letztes Jahr hier auf dem Blog behandelt (2). Die Genetik aller finno-ugrischen Völker weist eine sibirische ("Nganasanen"-)Herkunftskomponente auf, die es bei all diesen Völkern gibt - nur nicht mehr bei den Ungarn. Schon während der sogenannten Landnahme-Zeit der Ungarn im 10. Jahrhundert war diese Genetik bei diesem Reitervolk der Ungarn nur noch in Restbeständen vorhanden, nämlich zu etwa 13 % (siehe unten). 

Die von diesem Reitervolk getragenen Ungarn-Einfälle (Wiki), die bis nach Italien und Spanien reichten, haben im Frühmittelalter maßgeblich dazu beigetragen, daß sich die Deutschen als kulturelle und politische Einheit zu empfanden begannen und sich als solche auch zur Abwehr gegen die Ungarn ein starkes Königtum gaben, nämlich zunächst König Heinrich I., den "Vogler". Er wurde in Fritzlar in Nordhessen zum König gekrönt und wies die Salbung durch einen Bischof bestimmt zurück. Er bezeichnete sich ihrer als nicht würdig. Sein Sohn war dann Kaiser Otto I., der "Große", der dann wieder nach Rom zog, um sich die kirchliche Salbung durch den Papst geben zu lassen. Beide aber schlugen die Ungarn. Der letztere in der berühmten Schlacht auf dem Lechfeld.

Wer waren jene Gegner, die die Gründung des Deutschen Reiches bewirkten?

Aufgrund einer neuen Studie kann die Urheimat und die Ethnogenese der Landnahme-Ungarn seit kurzem sehr viel präziser eingeordnet werden als jemals zuvor. Und die genetische Geschichte dieses Volkes der Landnahme-Ungarn kann nun - endlich, erstmals - vollständig rekonstruiert werden (3). Das darf man als ein kleines Wunder bezeichnen. Hier taucht also sozusagen ein Volk aus dem "Dunkel der Geschichte" auf und kann in seinen Entstehungsprozessen und in seinem Werdegang verstanden werden. Auf Englisch werden die Ungarn der Landnahmezeit übrigens "conquering Hungerians" bezeichnet.

Wo nun waren sie her gekommen? In einer zusammenfassenden Grafik der neuen Studie sind die neuen Erkenntnisse dargestellt (Abb. 1). Sie sind möglich geworden durch den archäogenetischen Vergleich von Genomsequenzierungen entsprechender Menschenfunde in Ungarn und über die gesamte Steppe hinweg. Die Zahl derselben ist inzwischen so umfangreich geworden, daß diesbezüglich sichere Erkenntnisse möglich geworden sind. 

Die Ungarn der Landnahmezeit sind eine Hervorbringung der Jahrtausende langen Völkerbewegungen zwischen Europa und Asien. Diese seien hier nur in den gröbsten Zügen angedeutet: Zunächst erfolgte die Ausbreitung der anatolisch-neolithischen Völkergruppe im Frühneolithikum bis nach Osteuropa hiein, dann im Mittelneolithikum als Kugelamphorenkultur. Im Spätneolithikum breiteten sich die Indogermanen in einer ersten und einer zweiten Ostwanderung aus.**) Daraus gingen auch die Völkerschicksale zum Beispiel der Sarmaten und der Skythen hervor. Ab der Zeitenwende wanderten auch die Goten von der Danziger Bucht aus ostwärts. 375 n. Ztr. wurden sie von den Hunnen geschlagen und es begannen die Westwanderungen der Mongolen als Hunnen und Awaren.

Wir sehen in der genannten Grafik, daß sich das Urvolk der finno-ugrischen Völkergruppe, also Menschen, die die Genetik der heutigen "Nganasanen" in sich trugen, in der Bronzezeit nicht nur bis nach Finnland, sondern auch bis in die Region südlich des Ural und des westlichen Sibirien ausgebreitet hatte (oder womöglich auch schon immer dort gelebt hatten*)) (Abb. 1a).

Vermischung der "Nganasanen" mit den Nachkommen der Schnurkeramiker ("Arier") - 1.400 v. Ztr.

Bis hierhin hatten sich auch Nachkommen der schnurkeramischen Andronowo-Kultur ausgebreitet, also Menschen jener Völkergruppe, die in Nordindien als "Arier" bezeichnet wurden, und deren Nachkommen im südlichen Ural allerhand Jahrhunderte später als "Sarmaten" bekannt werden sollten. Auf die bronzezeitliche - schnurkeramische - Cherkaskul-Kultur (Wiki) folgte dort die spätbronzezeitliche - schnurkeramische - Mezhovskaya-Kultur (Wiki) - wie sie von den Archäologen benannt worden sind. 

Und in diesen beiden Kulturen kam es nun - so zeigt sich in der Archäogenetik - während der Bronzezeit zur Vermischung von Menschen indogermanischer (schnurkeramischer) Herkunft mit Menschen nordsibirischer Abstammung, also mit Menschen mit Nganasanen-Herkunft. Das waren Menschen, die sich zu jenem Zeitpunkt auch schon bis Finnland ausgebreitet hatten. Es darf vermutet werden, daß dieses Volk als Reitervolk gelebt hat. Denn Nachfahren dieses Volkes, die sich seit der Bronzezeit genetisch und sprachlich unvermischt erhalten haben, sind die Völker der Mansen (Wiki) und der Chanten (Wiki).

Obwohl sie um 500 n. Ztr. weit nach Norden gewandert sind und dort Rentier-Züchter geworden sind, lebt in ihren Sagen die Erinnerung daran fort, daß sie vormals Reitervölker waren. Vermutlich war es diese Nordwanderung, die dazu führte, daß dieses Volk seine ugrische Sprache beibehalten hat und keine indogermanische Sprache angenommen hat. Einen ähnlichen Prozeß hat es in der Bronzezeit bei den Basken in Nordspanien gegeben, die sich mit indogermanischen Glockenbecher-Leuten vermischt haben, ihre Sprache aber bis heute beibehalten haben.

Abb. 1: Die 3.000-jährige komplexe Herkunfts-Geschichte der Ungarn der Landnahme-Zeit ("Conq_Asia_Core") (1300 v. Ztr. bis 900 n. Ztr.) (aus 3)

Das so entstandene Volk hatte genetisch gesehen etwa 48 % indogermanische Schnurkeramiker-Genetik, 44 % sibirische Nganasanen-Genetik und 8 % Botai-Genetik. Über Menschen solcher Herkunft kann man sich ein Bild machen anhand der schon erwähnten Mansen und der Chanten von heute, die ihre bronzezeitliche Genetik bis heute bewahrt haben (4). Ihnen glichen also ursprünglich auch die Vorfahren der Ungarn der Landnahme-Zeit, in Abbildung 1a bezeichnet als "Proto-Ugors", in Abbildung 1b bezeichnet als "Conq_Asia_Core" (jeweils farblich grün gekennzeichnet). 

Die Nganasanen (Wiki, engl) sind das Volk, das innerhalb Europas am nördlichsten lebt, nämlich auf der Taimyrhalbinsel. Die Nganasanen sprechen zwar heute eine samojedische Sprache, will heißen eine finno-ugrische Sprache. Sie werden aber zu den paläo-sibirischen Völkern gezählt, die sprachlich "samojedisiert" wurden, als die Rentier züchtenden Samojeden von Süden in ihr Gebiet einwanderten. Sie lebten bis zum 19. Jahrhundert nur vom Fischen und Jagen, seither auch von der Rentierzucht. Dem Volk gehören heute noch etwa 900 Menschen an.

Ihre "paläosibirische Genetik" hat sich später bis auf die Kola-Halbinsel zu den Samen ausgebreitet, ebenso lebt sie in einigen Völkern der Waldtundra weiter, etwa bei den Besermenen und Udmurten und ebenso bei vielen stolzen Reitervölkern wie den Tataren, den Baschkiren, den Altaiern, den Tubalaren und den Kasachen. Und ursprünglich gehörten offenbar auch die Mansen und Chanten zu diesen stolzen Reitervölkern, bevor sie sich - ab 500 n. Ztr. - in weit entlegenere Gebiete zurück zogen und der Rentier-Zucht widmeten.

Abb. 2: Frauen der Mansen aus dem Nordural - 50 % indogermanische, 30 % sibirische Genetik (4)

Es handelt sich bei den Nganansanen um eine andere Herkunftsgruppe als jene, von denen die Mongolen abstammen. Die ursprüngliche Herkunftsgruppe der Mongolen wird am ehesten durch das Volk der Ultschen am Amur-Fluß repräsentiert. Dem äußeren Erscheinungsbild nach finden sich aber sowohl bei Nganasanen wie bei Ultschen "mongolische" (sprich "asiatische") Gesichtszüge. Ob es also zwischen beiden Herkunftsgruppen trotz der vermutlich langen Isolation voneinander in Mesolithikum dennoch auch deutlichere genetische Gemeinsamkeiten gibt, wäre noch einmal gesondert zu klären. Die Genetiker scheinen jedenfalls diese beiden Herkunftsgruppen aufgrund Jahrtausende langer Isolation voneinander in Eiszeit, Mesolithikum und Neolithikum gut unterscheiden zu können.

Wir hatten übrigens schon letztes Jahr auf folgende Anteile von Schnurkeramik-Genetik in den Völkern des heutigen Rußland und seiner Nachbarländer hingewiesen (2): 

  • Litauer 67 %
  • Udmurten 63 %
  • Russen 62 %
  • Finnen 57 %
  • Samen 51 %
  • Mansen 50 % (neben 30 % paläosibirischer Genetik)
  • Chanten 30 %

Abb. 3: Ein Manse aus dem Nordural - Etwa 50 % indogermanische und 30 % sibirische Genetik (4)

Wenn man das Leben der Mansen auf alten Bildern sieht (4) - in Wäldern, in Schnee, mit Rentieren, Rentierschlitten, Lederzelten, Holzhäusern, Holz-Skiern, Feuerstellen, der warmen, wattierten Kleidung - dann erhält man einen Eindruck von dem Jahrtausende langen entbehrungsreichen Leben dieser Menschen in den Weiten Sibiriens. Von Menschen dieser Art stammen die Samen also ebenso ab wie die Ungarn der Landnahme-Zeit. 

Vermischung mit indogermanischen Sarmaten und mongolischen Hunnen - 640 v. Ztr. bis 315 n. Ztr.

Die vielfältige Herkunft der Ungarn der Landnahme-Zeit wird nun in der Erläuterung zu Abbildung 1 folgendermaßen zusammen gefaßt (3):

a, Proto-Ugrische Stämme entstanden aus einer Vermischung von Mezhovskaya- und Nganasan-Populationen in der Späten Bronzezeit.
b,
  1. Während der Eisenzeit trennten sich die Mansen.
  2. Vorfahren der Landnahme-Ungarn vermischten sich zwischen 643 und 431 v. Ztr. mit Frühen Sarmaten und 
  3. 217 bis 315 n. Ztr. mit frühen Hunnen
a, Proto-Ugric peoples emerged from the admixture of Mezhovskaya and Nganasan populations in the late Bronze.
b, 1. During the Iron Age Mansis separated.
2. proto-Conquerors admixed with Early Sarmatians 643-431 BCE and 3. with early Huns 217- 315 CE.

Das wären also zwei weitere Vermischungs-Ereignisse, die die Mansen und die Chanten nicht mehr mitgemacht haben. Die Mansen und die Chanten repräsentieren heute also den ursprünglicheren Zustand der ugrischen Völker (3):

Die Mansen können modelliert werden als 48 % Mezhovskaya, 44 % Nganasan und 8 % Botai, während die Landnahme-Ungarn ("Conq_Asia_Core1") modelliert werden können als 52 % Mezhovskaya, 13 % Nganasan, 20 % Altai-Skythen und 15 % Mongolen, wobei deutlich wird, daß die Nganasanen-ähnliche Herkunft sehr weitgehend ersetzt wurde durch eine Skytho-sibirische Herkunft, einschließlich Marghiana-Kultur-Herkunft aus der Altai-Mongolischen Region.
From pre-Iron Age sources Mansis could be qpAdm modelled from 48% Mezhovskaya, 44% Nganasan and 8% Botai, while Conq_Asia_Core1 from 52% Mezhovskaya, 13% Nganasan, 20% Altai_MLBA_o and 15% Mongolia_LBA_CenterWest_4D (Supplementary Table 7a and 7b) confirming shared late Bronze Age ancestries of these groups, but also signifying that the Nganasan-like ancestry was largely replaced in Conq_Asia_Core by a Scytho-Siberian-like ancestry including BMAC derived from the Altai-Mongolia region.

Es bleibt auch hier wieder erstaunlich, wie sich bei den Landnahme-Ungarn die Sprache der Nganasanen-Herkunft erhielt, obwohl deren Genetik am Ende nur noch 13 % betrug. Auch während der nachfolgenden Vermischungen wurde die kulturelle Identität über die Sprache aufrechterhalten.

Die Vermischung mit indogermanischen Sarmaten, bzw. Altai-Skythen einerseits und mongolischen Hunnen andererseits ist in Abbildung 1b dargestellt. Die Vermischung mit den indogermanischen Sarmaten ist archäologisch und genetisch auf die Zeit 640 bis 430 v. Ztr. datiert. Sie wäre also geschehen schon mehrere Jahrhunderte, bevor die ostgermanischen Goten von Schweden aus weichselabwärts sich ausbreiteten und schließlich die Ukraine besiedelten. Die Vermischung mit den Hunnen ist archäologisch und genetisch auf 215 bis 314 n. Ztr. datiert. Sie wäre in der Zeit des Bestehens des ostgotischen Reiches in der Ukraine geschehen, und bevor die Goten schließlich von den Hunnen 375 geschlagen worden sind und vor den Hunnen nach Westen flüchteten oder im Gefolge der Hunnen nach Westen zogen. Die Hunnen selbst haben sich aber nicht nur mit den Landnahme-Ungarn vermischt, sondern auch mit verschiedenen Sarmaten-Stämmen, später auch mit Goten. Weiter heißt es (3):

c, Während des 5. Jahrhunderts eroberte das von den Xiongnu stammende Hunnen-Reich Osteuropa und vereinnahmte seine vormaligen Bewohner; das Rouran-Khaganat entstand auf dem früheren Xiongnu-Territorium.
d, Während der Mitte des 6. Jahrhunderts eroberte das Awaren-Khaganat das Territorium des früheren Hunnen-Reiches und vereinnahmte seine vormaligen Bewohner. 
c, By the 5th century the Xiongnu descent Hun Empire occupied Eastern Europe incorporating its population, and the Rouran Khaganate emerged on the former Xiongnu territory.
d, By the middle 6th century the Avar Khaganate occupied the territory of the former Hun Empire incorporating its populations. 4. By the 10th century Conquerors associated with the remnants of both empires during their migration and within the Carpathian Basin.

Wir lesen (3):

"Landnahme_Ungarn_Kernasien"-Genome wiesen die höchste genetische Ähnlichkeit auf mit modernen sibirischen Populationen, die uralische Sprachen sprechen; Nganasanen (Samojedisch), Mansen (Ugrisch), Selkup (Samojedisch) und Enets (Samojedisch).
Conq_Asia_Core1 shared highest drift with modern Siberian populations speaking Uralic languages; Nganasan (Samoyedic), Mansi (Ugric), Selkup (Samoyedic) and Enets (Samoyedic).

Die Ungarn der Landnahmezeit wiesen - im Gegensatz zur Genetik der Hunnen und Awaren - eine Genetik auf, die den asiatischen Altai-Skythen und auch den frühen Hunnen (Xiongnu) ähnelte, bevor bei diesen die Mongolen die genetische, politische und kulturelle Vorherrschaft gewonnen hatten. Sie glichen genetisch viel mehr den Menschen der Pazyryk-Kultur oder der frühen westlichen Hunnen vor ihrer Unterwerfung durch die östlichen, mongolischen Hunnen.

Weiter heißt es jedenfalls (3):

Die Landnahmezeit-Ungarn haben ugrische, sarmatische und Hunnen-Herkunft
(...) Sie korrespondieren damit mit den heutigen Baschkiren und Wolga-Tataren und sie stehen den östlichen Skythen, westlichen Xiongnu und den TianShan-Hunnen nahe.
The Conquerors have Ugric, Sarmatian and Hun ancestry
(...) The PCA position of Conq_Asia_Core corresponds to modern Bashkirs and Volga Tatars (Fig. 2a) and they cluster together with a wide range of eastern Scythians, western Xiongnus and Tian Shan Huns.

Um sich also ein Bild von dem Reitervolk der Ungarn der Landnahme-Zeit zu machen, wird es Sinn machen, sich Menschen der heutigen Baschkiren und Wolga-Tataren anzusehen, die eine ähnliche Herkunft haben, aber keine finno-ugrische Sprache sprechen (Abb. 4 bis 6).

Abb. 4: Die Baschkiren und Wolga-Tataren ähneln noch heute genetisch den Ungarn der Landnahmezeit - Hier eine Volksmusik-Gruppe der Baschkiren (Wiki)

Wie die genetische Geschichte der Baschkiren und Wolga-Tataren zu beschreiben ist, wäre noch einmal gesondert zu betrachten.

Abb. 5: Die Baschkiren und Wolga-Tataren ähneln noch heute genetisch den Ungarn der Landnahme-Zeit - Hier ein Festumzug um der Baschkiren (Wiki)

Auf Fotos auf Wikipedia sieht man, daß es bei den Baschkiren sowohl Menschen mehr asiatisch-sibirischer Herkunft gibt wie auch Menschen eher europäischer Herkunft.

Abb. 6: So in etwa sagen die Landnahme-Ungarn aus - Wie junge Baschkiren heute (Wiki)

Ähnliches gilt für die Wolga-Tataren, wobei es bei diesen vielleicht noch mehr Menschen gibt, die eher europäisches Aussehen haben.

Mit Menschen dieses Schlages also schlugen sich unsere Vorfahren im 10. Jahrhundert herum, als sie - zum Schutz vor ihren Raub- und Plünderungs-Zügen - die Ungarnwälle (Wiki) errichteten und sich auf Berge und in Wälder zurück zogen. 

Abb. 7: Einzige zeitgenössische Abbildung von König Heinrich I. (Wiki) als siegreichem Heerführer: Mit schmalem Diadem, die Fahnenlanze geschultert, den Schild erhoben

Über die Landnahme-Zeit und die Ungarn-Einfälle lesen wir (Wiki):

Die Magyaren wanderten, angeführt von dem Großfürsten Árpád, Ende des 9. Jahrhunderts, angeblich im Jahr 896 in das Karpatenbecken ein und führten Raubzüge durch ganz Europa. Diese wurden auch von Árpáds Nachfolgern erfolgreich weitergeführt, bis 955 Otto I. die Angriffe der Ungarn durch einen vernichtenden Sieg auf dem Lechfeld zurückschlagen konnte. Das Königreich Ungarn wurde am 20. August 1000 von Stephan I. gegründet, der das Land gegen den erbitterten Widerstand des alten Adels nach karolingischem Vorbild gestaltete (Begründung des bis heute bestehenden Komitatswesens).

Es gilt allerdings zu beachten, daß die Ungarn der Landnahme-Zeit sich schon in der ersten Generation mit den in Ungarn damals einheimischen Menschen vermischten. 

1235 reisten ungarische Dominikaner-Mönche in die Urheimat der Landnahme-Ungarn "Magna Hungaria". Sie reisten in die Hauptstadt der Wolgabulgaren und fanden zwei Tagreisen östlich von dort tatsächlich die Magna Hungaria. Allerdings war sie schon damals bedroht von den Mongolen, die es kurz nach ihrer Abreise vernichteten (Wiki).

Auch in Ungarn selbst wurde die Bevölkerung dann wenig später im Mongolensturm um die Hälfte dezimiert. Deshalb blieb schließlich von der Genetik der Ungarn der Landnahmezeit kaum noch etwas erhalten.

Ergänzung 13.2.22: Die folgende Überlegung schließt sich an: Wenn Wolga-Tataren und Baschkiren ein genetisches Profil aufweisen, das dem der Landnahme-Ungarn ähnelt, obwohl es zugleich so vielschichtig ist, wenn alle drei Volksgruppen aus derselben Region zwischen Wolga und Ural stammen, bzw. dort immer noch beheimatet sind, eine Region, in die die Ungarn noch um 1235 eine Delegation gesand haben, weil sie dort ihre Verwandten und ihre Urheimat vermuteten, dann ist es naheliegend, in den Vorfahren der Wolga-Tataren und Baschkiren ursprüngliche "Landnahme-Ungarn" zu sehen, die womöglich ursprünglich ebenfalls eine ugrische Sprache gesprochen haben. 

Sie könnten in ihrer Heimat - irgendwann ab 600 n. Ztr. oder auch erst mit dem Mongolen-Sturm ab den 13. Jahrhundert - entweder durch die Wolga-Bulgaren oder durch Turksprachen-Stämme im Gefolge der Mongolen - "türkisiert" worden sein, also entweder im prosperierenden Großbulgarische Reich (Wiki) oder später unter der Herrschaft der "Goldenen Horde" (6). Im Reich der Goldenen Horde war Mongolisch Staatssprache. Deshalb könnte die "Türkisierung" auch schon zuvor stattgehabt haben.

Wie es um die Verwandtschaft der (ausgestorbenen) Oghurischen Sprache der Wolgabulgaren (die auch die Hunnen und Awaren gesprochen haben könnten) (Wiki) und der Kiptschakischen Sprachen der Wolga-Tataren und Baschkiren bestellt ist, darüber findet sich gegenwärtig auf Wikipedia nur wenig, eigentlich nur die Bemerkung (Wiki):

Sowohl das Urum als auch das Krimtatarische sind genuin kiptschakische Sprachen, die jedoch oghusisch beeinflußt sind.

Eine solche Beeinflussung durch das Oghusische sollte dann ja auch für das Wolgatartarische und das Baschkirische festgestellt werden können. Aber vielleicht sind sie auch erst türkisiert worden, durch Turksprachen-Stämme, die mit den Mongolen der Goldenen Horde nach Westen gekommen sind.

Ergänzung 14.2.22: In geringen Prozentsätzen findet sich die sibirische Herkunftskomponente auch in der estnischen Bevölkerung. Estnische Genetiker ziehen aus dieser die folgenden Schlußfolgerungen bezüglich von Eigenschaften, die mit ihr verbunden sind (7):

Die sibirische Herkunftskomponente ist verbunden mit dunkler Haar-Pigmentierung, höherer Herzschlag-Rate, geringer Neigung zu Koffein-Konsum und - am hervorstechendsten - zu grüner Augenfarbe und zu niedrigen Menarche-Alter.
The Siberian ancestry is connected with dark hair pigmentation, higher heart rate, lower caffeine consumption, and most prominently, green eye color and lower age at menarche.

___________

*) Ergänzung 14.12.2025: Nein, die Urheimat der finno-ugrischen Sprachgruppe lag östlich des Baikalsees (Stg2023). 
**) Ergänzung 14.12.2025: Die erste dieser Ostwanderungen war getragen von der Jamnaja-Kultur vom Mittleren Dnjepr ab 3.300 v. Ztr. (Afanasjewo-Kultur), die zweite Ostwanderung war getragen von den Schnurkeramikern.
________________
  1. Bading, I.:  1900 v. Ztr. - Sibirische Jäger und Sammler wandern nach Ost-Skandinavien ein Forschungen zur Entstehung und Ausbreitung der finno-ugrischen Völkergruppe, 2018 (Stg2018)
  2. Bading, I.: Die mitgebrachte sibirische Genetik - Sie ging in Ungarn bis heute völlig verloren, 2021 (Stg2021)
  3. Whole genome analysis sheds light on the genetic origin of Huns, Avars and conquering Hungarians. Zoltan Maroti, Endre Neparaczki, Oszkar Schutz, Kitti Maar, Gergelyx I. B. Varga, (...) Szilard Sandor Gaal, Peter Tomka and Tibor Torok, bioRxiv. posted 20 January 2022, 10.1101/2022.01.19.476915 (BioRxiv2022) (pdf); inzwischen erschienen unter dem Titel "The genetic origin of Huns, Avars, and conquering Hungarians" in Current Biology, Volume 32, Issue 13, 2022, Pages 2858-2870.e7, https://doi.org/10.1016/j.cub.2022.04.093. (CurrBiol2022)
  4. Vladimir and Lidiya Androsov: "My friends  the Mansi". Sammlung von Fotografien, https://dyatlovpass.com/gallery-mansi
  5. Tracing genetic connections of ancient Hungarians to the 6-14th century populations of the Volga-Ural region. Bea Szeifert, Daniel Gerber, Veronika Csaky, Peter Lango, (....) Balazs Egyed, Balazs Gusztav Mende, Attila Turk, Anna Szecsenyi-Nagy bioRxiv 2022.02.04.478947; doi: https://doi.org/10.1101/2022.02.04.478947, 8.2.2022 (BioRxiv2022)
  6. Bading, I.: Die Wolgabulgaren, 2021 (Stg2021)
  7. Marnetto, D., Pankratov, V., Mondal, M., Montinaro, F., Pärna, K., Vallini, L., ... & Estonian Biobank Research Team. (2022). Ancestral genomic contributions to complex traits in contemporary Europeans. Current Biology (pdf)
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