Samstag, 21. April 2007

Was sind Daseinskompetenzen? - Mein Eintrag bei Wikipedia

Fünfter Familienbericht, 1994
Gerade hat der Bloginhaber seinen ersten Wikipedia-Artikel geschrieben. Und zwar nachdem er festgestellt hatte, dass dieser Blog "Studium generale" als erster Treffer bei Google angezeigt wird, wenn man den Begriff "Daseinskompetenzen" eingibt. Und damit mag man natürlich als Bloginhaber eine gewisse Verantwortung verbinden, da dieser Begriff bisher offenbar noch nirgendwo im Internet ausführlicher erläutert worden ist. Dabei ist er schon über zehn Jahre alt. Der erstellte Eintrag zum Begriff "Daseinskompetenz" (Wikipedia) ist nur ein erster Entwurf. Er bedarf noch vieler Präzisierungen und Ergänzungen (Hervorhebungen im folgenden nicht im Original):
Daseinskompetenz ist ein Begriff, der von der Gießener Haushaltswissenschaftlerin Prof. Dr. Rosemarie von Schweitzer in die Diskussion eingebracht worden ist. Dies geschah vor allem in dem unter ihrer Federführung erstellten 5. Familienbericht der Bundesrepublik Deutschland von 1994 (fertiggestellt im Oktober 1993). Im gleichen Bericht wurde auch ein Schwerpunkt auf das Konzept "Humanvermögen" gelegt (Humankapital). Dafür ist ihr im Jahr 2003 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen worden. Größere Diskussionen scheint der Begriff Daseinskompetenz allerdings bisher nur in der Schweiz ausgelöst zu haben.
Der 5. Familienbericht kritisiert, dass im westlichen Bildungssystem nur Fachkompetenzen vermittelt werden für den jeweiligen beruflichen Lebensweg aber keine Daseinskompetenzen für den privaten und familiären zukünftigen Lebensweg des einzelnen jungen Menschen. Die Familienberichtskommission bezeichnet als Daseinskompetenzen die "Fähigkeit, sich selbst in komplexe Felder sozialer Beziehungen einzuordnen und mit diesen gestaltend umzugehen".
Der Familienbericht führt aus: Frauen und Männer "werden durch keinerlei kompetent und pflichtmässig angebotene Bildungsgüter auf die Gestaltung des Familienalltags vorbereitet. Gleichzeitig nehmen die Anforderungen an die Gestaltungsaufgaben rasant zu, bedingt durch die Pluralisierung der Lebensformen, der Erweiterung der Handlungs- und Entscheidungsspielräume und der hohen Glücks- und Zufriedenheitserwartungen an das Zusammenleben in Partnerschaft sowie mit Kindern. Probleme der Trennung und Scheidung, der Unterhalts- und Vermögenssicherung sowie der Begründung neuer Partner- und Elternschaften und neuer Lebenskonzeptionen werden durch Anwälte, Gerichtsentscheidungen, Sozialämter und Steuerberater begleitet. Eine Instanz zur Unterstützung der familialen Gestaltungskompetenz gibt es nicht. Hier muß jeder sehen, wie er zurecht kommt mit den Krisen und möglichen Katastrophen. Nicht unerhebliche Kranken- und soziale Kosten, Delinquenz, Drogen- und Medikamentenmißbrauch sowie gestörte Biographien dürften hier ihren Ursprung haben." (S. 115) "Fachkompetenzen sind für die Erfüllung bestimmter, in der Regel beruflicher Aufgaben erforderlich, Daseinskompetenzen dagegen betreffen die Lebensführung als Ganzes."
Im einzelnen werden genannt (S. 244):
  • "Die Kompetenz des Aktivierens der eigenen Kräfte und Anlagen, um den eigenen Lebensentwurf in jeder Lebensphase zu verwirklichen und dadurch den Trend selbst mitzubestimmen (partnerschaftliche eheliche Bindung, Weitergabe des Lebens).
  • Die Kompetenzen des Alleinlebens und des Zusammenlebens (Sozialkund schließt Gemeinschaftskunde und Alleinseinkunde ein).
  • Die Kompetenz, wegen der Unterschiedlichkeit der Entscheidungen und der Entwicklungsspielräume in sozialer Vielfalt zu leben (Pluralität der Lebensweisen in der eigenen - erweiterten - Familie und im Gemeinwesen).
  • Die Kompetenz der Unterscheidung zwischen Selbstverwirklichung zugunsten anderer oder auf Kosten anderer (Egoismus oder partnerschaftliche Solidarität? Dienen und Teilen als Schlüsselkompetenzen der Daseinsbewältigung).
  • Die Kompetenz des Denkens in Wirkungsketten, um die möglichen Folgen von Handlungen und Unterlassungen für sich selbst, für die Lebensgemeinschaft, für das Gemeinwesen abschätzen zu können (Folgen der Übernahme von Elternverantwortung oder von Kinderlosigkeit).
  • Die Kompetenz der Unterscheidung von Planbarem und Unplanbarem, da das menschliche Leben zwar unplanbar, die Rahmenbedingungen jedoch planbar sind (Stabilität der Ehe, Nutzungsmöglichkeiten der Wohnung im Familienzyklus, Alterssicherung).
  • Die Kompetenz der Integration von ökonomischem, ökologischem und anthropologischem Wissen, damit das Leben und die Lebensgrundlagen in ihrer Ganzheit gesehen, gepflegt und geschützt werden (Pflege der Gesundheit und der Netzwerke, Leben in ethnischer, religiöser und kultureller Vielfalt).
  • Die duale Kompetenz der Kritik- und Lobfähigkeit, um das gegenseitige Verdecken von Glück und Unglück zu vermeiden (alltäglicher Kritiküberschuß und alltägliches Lobdefizit).
  • Die Kompetenz, mit Krankheit, Schmerzen und Sterben, mit Gebrechen, chronischen Krankheiten und Behinderungen in Würde umzugehen (Gesundheitserziehung schließt Krankheitslehre ein, Gesundheit ist keine Bringschuld anderer Personen oder Institutionen).
  • Die Kompetenz der eigenverantwortlichen und partnerschaftlichen Lebensführung in den verschiedenen Lebensaltern des Jungseins, Älterwerdens und Altseins (Gemeinsames Altwerden, Integration von Neuwissen und Erfahrungswissen, Leistungsausgleich der Generationen).
  • Die Kompetenz, durch Veränderungsdenken dem Wandel die gewünschte Richtung und Prägung zu geben. Besitzstandsdenken dagegen blockiert die Gestaltung des Wandels. (Jede Familie, jedes Unternehmen, jeder Verband, jedes Gemeinwesen unterliegt Veränderungsdynamik.)
  • Die Kompetenz des Vereinbarens langfristigen Denkens zugunsten der Zukunft sowie langfristig bindender biographischer Entscheidungen mit kurzfristiger Optimierung der eigenen Lebensverhältnisse und des gemeinschaftlichen Lebens unter Unsicherheitskonstellationen (Ehe und Kinder, Lebensunterhalt und Alterssicherheit)."
Quellen:
Ergänzung 10.5.07: Puh, der Artikel wurde gleich zur Löschung vorgeschlagen. Na, wenigstens lernt man dadurch, dass es in diesem Bereich auch noch die Begriffe "Humankompetenz", "Alltagskompetenz" und "Sozialkompetenz" gibt. Alle noch wenig ausgearbeitet auf Wikipedia. Das sollte man sich alles einmal genauer vergleichend anschauen, wenn man Zeit dazu findet.

Ergänzung 15.5.07: Puh, er ist gelöscht. ... Aber womöglich hat die Sache doch insofern etwas gebracht, als sich Wikipedianerin "Carolin2006" auf unseren Einspruch hin noch einmal Arbeit damit gemacht hat und etwas zur Erkenntniserweiterung beiträgt. Sie schreibt im letzten Eintrag zur "Lösch-Diskussion":
Soweit ich es sehen kann, geht es gar nicht so sehr um diesen einen Artikel, sondern ums Gesamtprinzip: auch um zu vermeiden, dass Leute Wikipedia dazu missbrauchen, ihre persönlichen Meinungen und Wortschöpfungen an die Leute zu bringen, wird auf "Relevanz" gepocht. Bei "Daseinskompetenz" käme es m.E. auf historische_Relevanz und Statistische Relevanz bzw. öffentlicher Bekanntheitsgrad an. - Unter den ca. 300 Google-Einträgen habe ich jetzt mal gesucht und einen recht schönen gefunden, im Online-Familienhandbuch: http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Programme/a_Familienpolitik/s_266.html . In http://www.ph-heidelberg.de/wp/methfess/Soziooekonomie/HuG_script_11_04.pdf wird es offenbar auch gleichgesetzt mit "Vitalvermögen" (das hat aber erst recht wenig Google-Hits, nur 38). Auch "Vitalkompetenz" gibt's, hat aber offenbar mehr mit Rehabilitation zu tun. Als besten Artikel zu Daseinskompetenz, der nicht in ausschließlich in Bezug zum 5. Familienbericht steht, fand ich unter http://www.hss.de/downloads/argumente_materialien_30.pdf , eine Veröffentlichung der Hanns-Seidel-Stiftung von 2001. Einen Bezug zum Unterricht in der Schule stellt http://www.gymnasium-blomberg.de/wiki/FruehkindlicheEntwicklung/StartSeite dar; es stellt außerdem "Daseinskompetenz als Bildungsziel" und zitiert Krappmann (vermutlich ist Lothar Krappmann gemeint), dessen Dissertation wohl als soziologisches Standardwerk gilt. - "Daseinskompetenz" bezieht sich offenbar mehr auf die gesamte Lebensführung (über den gesamten Lebenslauf hinweg), und "Alltagskompetenz" wohl mehr auf unmittelbare, eben alltägliche, Situationen. - Aber jetzt viel mehr Zeit in einen Artikel zu stecken, der schon vom Löschungsantrag bedroht ist, lohnt ja auch nicht... nachdem ich das alles gesehen habe, ändere ich meine Meinung insofern, als dass ich mich enthalte. --Carolin2006 19:00, 10. Mai 2007 (CEST)
Carolin's Enthaltung hat offenbar nichts genutzt. Sicherlich ein neuerlicher Beleg für manchen, dass einen die Mitarbeit bei Wikipedia mitunter in zu kleinliche Diskussionen hineinziehen kann.*)

Da Familienberichte breite gesellschaftliche Relevanz haben, von der deutschen Regierung quasi "autorisiert" sind und Gemeinschaftswerke von interdisziplinär zusammenarbeitenden Wissenschaftlern und Ministerialbeamten sind, hätte man meinen sollen, dass doch eigentlich schon von vornherein sichergestellt ist, dass es sich hier nicht um eine einzelne "persönliche Meinung" handelt.

Und ohne das jetzt weiter nachprüfen zu können, ist doch der Eindruck vorhanden, dass der von Rosemarie von Schweitzer in die Diskussion eingebrachte Begriff "Daseinskompetenz" der beste und am schärfsten umrissene Begriff für allgemeinere Diskussionen in diesem Bereich darstellt, worin wir ja auch von Carolin bestätigt wurden. Man sollte diesen Begriff kennen. Und deshalb hätte er - unsere Meinung - auf Wikipedia nicht gelöscht werden sollen. Aber Wikipedia, zumal das deutsche, hat so seine eigenen Gesetzmäßigkeiten.

Ergänzung (26.6.16): Der Hauptgrund für die Löschung des Artikels auf Wikipedia liegt darin, dass weder die Bundesregierung, noch die großen Parteien des Bundestages, noch die gesellschaftliche, noch die innerwissenschaftliche Debatte die sehr wegweisenden, zukunftsweisenden Gedanken des 5. Familienberichts auch nur in irgendeiner konkreteren Weise aufgenommen haben und weitergeführt haben. Das könnte höchstens von einer solchen Kleinpartei gesagt werden wie der Familienpartei Deutschlands. Warum ist das so? Natürlich liegt das vor allem daran, was die großen Medien in die Berichterstattung aufnehmen und was nicht. Bekanntlich sind die großen Medien mit anderen Themen beschäftigt und der Eindruck hat sich schon längst verflüchtigt, als ob es den großen Tonangebern in den Medien darum ginge, unsere Gesellschaft sozial nachhaltig gesund und zukunftsfähig zu machen. (Sie zu letzterer Thematik - kurz gesagt zur Thematik "Zombifizierung der Politik durch Okkultlogen" - inzwischen zahlreiche Artikel auf unserem Parallelblog "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!")

Wir für unseren Teil halten an der Meinung fest, dass der Begriff Daseinskompetenzen und mit ihm durch Rosemarie von Schweitzer verbundenen Inhalte einen wesentlichen Beitrag darstellen zur nachhaltigen Zukunftssicherung der fortgeschrittenen Gesellschaften auf der Nordhalbkugel.

/Letzte Überarbeitung und Ergänzung: 26.6.2016/

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*) Ursprünglich war hier weiter geschrieben worden, was aber nicht mehr Meinung des Bloginhabers ist: Das ist schade. Es müßte so sein, dass sich die Wikipedia-Einträge mehr von selbst "selektieren" und weniger durch eher willkürliche Einschätzungen von diversen Wikipedianern, die oft doch von der Materie selbst nicht den leisesten Schimmer haben - oder sich machen. (Womit natürlich nicht Carolin2006 angesprochen ist!!!) Sollte es so sein, dass ein akademischer Abschluß einem bei Wikipedia mehr Rechte einräumt als anderen? Ich habe zumindest das Gefühl, dass Wikipedianer ihn in ihr Profil reinschreiben sollten, und dass das in Diskussionen mehr berücksichtigt werden sollte. Werd ich gleich mal bei mir machen ...
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