Sonntag, 1. April 2007

Säugetier-Evolution - Berichterstattung erweckt falschen Eindruck

In den Wissenschafts-Meldungen der letzten Woche machte die Evolution der Säugetiere Schlagzeilen aufgrund einer neuen Studie deutscher Forscher in "Nature" (Olaf Bininda-Emonds von der Universität Jena). Die Berichterstattung erweckte aber einen ganz falschen Eindruck.

In Australien besetzen heute noch viele Beutel- (und einige Kloaken-)Tiere Lebensräume ("ökologischen Nischen"), aus denen Beutel- und Kloakentiere auf anderen Kontinenten längst vor vielen zehn Millionen Jahren durch Plazentatiere verdrängt worden sind (sie starben in Europa, Asien und Afrika also schlicht aus). Lange zuvor in der Evolution waren beispielsweise schon "säugetierähnliche Reptilien", die überhaupt keine Nachkommen auf der Erde hinterlassen haben, von weniger säugetier-ähnlichen Reptilien, also Dinosauriern, ersetzt worden. (Das ist einer der Schwerpunkte von Richard Dawkins' hervorragendem Buch "Ancestor's Tale".) Natürlich hinterließ also auch das Aussterben der Dinosaurier wiederum freie Lebensräume, die von neuen Säugetier-Arten besetzt werden konnten und wurden. Es handelte sich nur auch hier wiederum nicht um Säugetier-Arten, die heute noch Nachkommen auf der Erde hinterlassen hätten. Sondern auch diese sind wiederum fast gänzlich ausgestorben. Es handelte sich laut "Nature"-Studie um "Gruppen wie Multituberculaten, Plesiadaptiformen und um archaische Ungulaten".

Wenn die neue Studie davon spricht, daß das Aussterben der Dinosaurier keinen Impuls setzte für die Neubildung von Säugetier-Arten, dann bezieht sich das nur auf solche Plazenta-, Beutel- und Kloakentier-Arten, die heute noch lebende Nachkommen auf der Erde hinterlassen haben. Offenbar haben die Vorfahren der heute noch lebenden Säugetier-Arten über viele Jahrmillionen vor und nach dem Aussterben der Dinosaurier und auch getrennt voneinander aber tatsächlich mit viel geringerer Arten-Vielfalt (weiter-)bestanden und sich erst sehr spät - vor 50 Millionen Jahren - in neue Arten aufgefächert. Entsprechend heißt der Titel der Studie auch "The delayed rise of PRESENT-day mammals". Dieses "present-day" ist von der Berichterstattung fast ganz unberücksichtigt geblieben. Dabei ist im ganzen Text der Nature-Studie korrekt immer von "present-day mammals" die Rede. Doch werden die oben genannten Umstände auch in der Studie nur am Rande erwähnt und scheinen von den Forschern selbst nicht genügend beachtet zu sein bei der Bewertung der Vorgänge. Dadurch gaben sie wohl selbst den ersten Anlaß zu den Fehlinterpretationen ihrer Arbeit.

Am "großen" Bild des Ablaufs der Evolution ändert sich also durch diese Studie wohl viel weniger als die Forscher selbst (ohne Nennung falscher Tatsachen) herausstellen und wie allerseits dann (allerdings unter Nennung falscher Tatsachen) unterstellt wird. Die Arbeit selbst sagt es ausdrücklich: "The pulse of mammalian diversification immediately after the K/T event was mainly or wholly in groups that declined subsequently or died out, without contributing markedly to those lineages with extant descendants, for which the diversification rate remained flat across the boundary."

Also ist der Titel von "Spiegel-Online" falsch: "Säugetiere profitierten nicht vom Sauriersterben". Und wenn die "Süddeutsche Zeitung" im Untertitel schreibt: "Ihre große Stunde" (das heißt die große Stunde der Säuger) "kam offenbar doch nicht mit dem Ende der Dinosaurier", so muß man ja doch fragen, wessen "große Stunde" wohl dann damals gekommen sein soll. Aussagen wie die folgende (Berliner Zeitung) sind ebenso falsch oder unbegründet: "Das Aussterben der Dinosaurier war offenbar nicht die Voraussetzung für den Siegeszug der Säugetiere auf der Erde." Dieser Satz wird auch dadurch nicht richtiger, daß man an späterer Stelle nun die entgegenstehenden Tatsachen nennt: "In dem Stammbaum ist bei manchen Tiergruppen tatsächlich ein Artenboom unmittelbar nach dem Verschwinden der Dinosaurier zu erkennen. Allerdings sind die Arten, die sich zu jener Zeit entwickelt hatten, inzwischen ausgestorben." - Aber für diese Arten war doch wohl ganz offensichtlich das Aussterben der Dinosaurier Voraussetzung zu ihrem Siegeszug.

Auch dieser Satz der FAZ ist falsch: "Es gebe zwei Entwicklungsphasen der Säuger, eine lange vor und eine weitere lange nach der Zeit der Dinosaurier." - Nein, es gibt genauso eine dritte direkt nach dem Aussterben der Dinosaurier. Diese Aussage ist also genauso falsch wie dieser Satz: "Doch der vermutete Einschlag eines Asteroiden, der die Ära der Dinosaurier am Ende der Kreidezeit jäh beendete, habe den anderen Säugern keinesfalls genützt." Das hat die Studie immer nur für die Vorfahren der gegenwärtig noch lebenden Säugetiere behauptet, nicht für Säugetiere überhaupt.

Und wenn dann die FAZ "Ross MacPhee vom Amerikanischen Museum für Naturgeschichte" fragen läßt: "Die große Frage bleibt jetzt, warum die Vorfahren der modernen Säugetiere so lange brauchten, um sich zu diversifizieren", dann läßt man sich wohl auch hier sehr leicht irreführen: Natürlich bedurfte es wiederum des Aussterbens jener anderen Säugetier-Gruppen, damit es zur Arten-Auffächerung der heutigen Säugetierarten kommen konnte.

Diese Worte von "Scienceticker" sind dagegen richtig, lehrreich und geben einige Ausblicke: "Das Resultat (der Studie): Vor etwa 167 Millionen Jahren trennte sich die Gruppe der Kloakentiere (heute vertreten durch Schnabeltier und Ameisenigel) von den Vorläufern von Beuteltieren und Plazentatieren. Letztere trennten sich vor knapp 148 Millionen Jahren. Es folgte eine Pause von etwa 50 Millionen Jahren. Dann entstanden in extrem rascher Folge alle vier Überordnungen der Plazentatiere und vor 75 Millionen Jahren waren auch alle heutigen Ordnungen vorhanden. Möglicherweise steht diese frühe Explosion der Säugervielfalt in Verbindung mit der Entfaltung der Blütenpflanzen" (!) "oder einem Rückgang der Temperaturen, schreiben die Forscher."

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