Freitag, 30. März 2007

Krippen- und Kindergartenkinder - bisher umfassendste Studie veröffentlicht

In der heutigen "Welt" berichtet Brigitta vom Lehn über eine neue wichtige Studie und interviet dazu den leitenden Forscher. Wenn man manchmal mitbekommt, wie naiv (wenn nicht schlimmer) heute von dem "durchschnittlichen Bürger auf der Straße" Krippenbetreuung beurteilt wird, dann wird man sagen können, daß auch auf diesem Gebiet der "gesunde Menschenverstand" und das sogenannte "gesunde Volksempfinden" längst abhanden gekommen sind. Da wird die These vertreten, es wäre gut, wenn Kinder so früh wie möglich lernen würden, sich unter Alterskameraden durchzusetzen und vieles andere mehr. - "Zurück zur Natur" oder zu einigermaßen humanen Einstellungen kommt man auch hier wieder nur - - - durch die Wissenschaft (die "atheistische", "naturalistische" ...).

... Für weiteren Zündstoff in der Kita-Debatte dürfte das Ergebnis einer neuen amerikanischen Langzeitstudie zur Kinderbetreuung sorgen. Die zwei Millionen Dollar teure Untersuchung trägt den Titel „Are There Long-Term Effects of Early Child Care?” und gilt als die größte, umfassendste und am längsten angelegte Untersuchung zur Kinderbetreuung in den USA. Finanziert hat sie das staatliche National Institute of Child Health and Human Development, veröffentlicht hat sie das Fachblatt „Child Development“ in seiner aktuellen Ausgabe. Das Pikante an der Sache: An der Studie sind Forscher der so genannten NICHD-Studie (National Investigation on Child Development) beteiligt, die der Kita-Betreuung bislang weitgehende Unbedenklichkeit bescheinigt hatte. Krippenbefürworter hatten sich in jüngster Vergangenheit immer wieder auf die NICHD-Studie berufen. Ihnen liefert die neue Studie nun kein Futter mehr, Krippengegner dürften dagegen Aufwind verspüren.

Denn der neuen Untersuchung zufolge entwickeln sich Kinder, die schon früh in Kindertagesstätten aufwachsen, später in der Schule eher zu Störenfrieden und Unruhestiftern als Kinder, die daheim von Eltern, Tagesmüttern oder Kinderfrauen betreut werden. Und zwar unabhängig von der Qualität der Kita.

Das britisch-amerikanische Forscherteam unter Federführung des Londoner Psychologieprofessors Jay Belsky startete mit seiner Studie im Jahr 1991 und untersuchte insgesamt 1364 amerikanische Kinder aus Familien unterschiedlicher sozialer Herkunft von Geburt an. Die Wissenschaftler befragten in regelmäßigen Abständen nach der Betreuung und Versorgung der Kinder und baten später auch Lehrer um deren Beurteilung. Dabei hielten sie sich an Checklisten mit 100 unterschiedlichen problematischen Verhaltensweisen, zum Beispiel: „verlangt eine große Menge Aufmerksamkeit; streitet sich viel; Aufschneiden und Prahlen; zerstört Sachen, die anderen gehören; Grausamkeit, Schikanieren von anderen, Gemeinheiten gegenüber anderen; ungehorsam in der Schule; wird in viele Kämpfe hineingezogen; Lügen und Betrügen; schreit oft“.

Bei Kindern, die längere Zeit in der Kita verbrachten, wurden später vor allem aggressiveres Verhalten, Probleme mit Ungehorsam und die Verstrickung in Kämpfe und Streitigkeiten beobachtet. Allerdings, so betonen die Forscher, liegen diese Probleme durchaus im normalen Bereich und könnten nicht als „klinisch“ klassifiziert werden.

Mit jedem Jahr, das ein Kind mindestens zehn Stunden pro Woche in einer Kita verbracht hat, steigt dessen Aufsässigkeit später in der Schule um rund ein Prozent. Auch besitzen Kinder, die eine längere Zeit in Kitas verbringen – zum Beispiel vom dritten Lebensmonat an bis zu viereinhalb Jahren – einen deutlich geringeren Wortschatz in der fünften Klasse als Nicht-Kita-Kinder. Dies überraschte die Autoren deshalb, weil ältere Analysen der NICHD-Studie aus den Jahren 2005 und 2006 diesen Effekt nicht gezeigt hatten. Andererseits entwickeln Kinder, die eine hochwertige Betreuung erfahren haben, ganz gleich ob zuhause bei Kinderfrauen, Tagesmüttern oder außerhäuslich in der Kita, mindestens bis zur fünften Klasse einen größeren Wortschatz. Ebenso sind sie anfangs im Lesen und Rechnen besser, allerdings nivelliert sich der Unterschied schon in der ersten Klasse und ist in der fünften kaum noch messbar.

Den größten Einfluss auf die kindliche Entwicklung, sowohl was kognitive wie soziale Fähigkeiten betrifft, hat jedoch der Studie zufolge die elterliche Erziehung – und zwar mehr noch als die außerhäusliche Qualität der Kindertagespflege. Hochwertige elterliche Erziehung wirke sich positiv aufs Lesen, Schreiben und Rechnen aus, führe zu weniger Lehrer-Schüler-Konflikten und erzeuge ein positives Sozial- und Arbeitsverhalten, schreiben die Wissenschaftler. Sie planen nun, die Schüler weiter zu beobachten, zum Teil bis über den Schulabschluss hinaus. Die Studie berichtet, dass im Jahr 1999 in den USA 9,8 Millionen Kinder unter fünf Jahren für 40 und mehr Stunden wöchentlich in der Kita betreut wurden, viele schon im ersten Lebensjahr. Entsprechend heiß wird auch in den Vereinigten Staaten seit den 80er Jahren die Debatte um die Kinderbetreuung geführt.

Link zur Studie: http://secc.rti.org/

Hier eine übersicht der an der Studie beteiligten Einrichtungen:


Und hier das kurze Interview:

WELT ONLINE: Herr Belsky, welche Konsequenzen ziehen Sie aus Ihren Forschungsergebnissen?

Jay Belsky: Für mich stellt sich die Hauptfrage, wie diese geringfügigen Unterschiede sich später in Klassenzimmern, in Nachbarschaften und in der Gesellschaft insgesamt auswirken, wenn immer mehr Kinder immer früher immer mehr Zeit in Kindertagesstätten und anderen Formen der Kinderbetreuung verbringen, vor allem wenn die Qualität dieser Einrichtungen auch noch begrenzt ist. Verbringen die Lehrer in der Schule dann mehr Zeit damit, die Klassen zu managen statt sie zu unterrichten? Wird das Niveau der Klassen dadurch heruntergezogen, dass jene Schüler eine besondere Zuwendung brauchen, die als Kleinkinder eine schlechte Betreuung erfahren haben?

WELT ONLINE: Bis zu welchem Alter sollten Eltern ihre Kinder denn selbst betreuen?

Belsky: Es ist nicht möglich, ein bestimmtes Alter zu benennen. Unsere Daten zeigen aber, dass je länger – bezogen auf Monate und Jahre – Kinder in Kindertagesstätten verbringen, desto aggressiver und aufsässiger werden sie.

WELT ONLINE: Was ist der Grund für die später auftretenden unterschiedlichen Verhaltensweisen von zuhause und fremd betreuten Kindern?

Belsky: Der positive Effekt der häuslichen Erziehung trat auch auf bei Kindern, die nicht von ihren Eltern betreut wurden. Wir vermuten daher, dass es etwas mit Prozessen zu tun hat, die beim Zusammensein mit Gleichaltrigen eine Rolle spielen. Bewiesen ist das noch nicht. Klar ist aber, dass es nicht – wie lange vermutet – allein an der minderen Qualität von Kinderbetreuungseinrichtungen liegt.

Im Interview betont Belsky also, daß all das auch nichts mit der Qualität der Krippen und Kindergärten zu tun hätte, über die derzeit gerade wieder viel palavert wird, um die Gewissen allseits zu beschwichtigen (es wird künftig "natürlich" immer nur die aller höchste Qualität sein - nur Betreuuerinnen und Betreuer mit Hochschulabschluß, Promotion und eingereichter Habilitation werden künftig noch auf die kleinen Kinder "losgelassen"!!!) ...

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