Mittwoch, 7. März 2007

Die Lust am Singen

( "unser fröhlicher gesell", Voggenreiter Verlag)

In "Geo" findet sich ein Artikel von Johanna Romberg, in dem gefragt wird, wann und warum die Deutschen die Lust am Singen verloren haben. Man möchte dazu zunächst bemerken, daß in der Anti-AKW-Bewegung der 1970er Jahre, die der Autor dieser Zeilen in seiner Jugend miterlebt hat, schon manchmal noch kräftig gesungen wurde und man "die Stimme erhob": "Albrecht von der Leine an die Leine in die Leine!" "Ne, ne, ne, kein AKW in Magdeburg, no, no, no - und auch nicht anderswo." Es wäre also zu dem folgenden Artikel noch mancherlei zu ergänzen. Zum Thema Singen gibt es auch einen Studium generale-Eintrag von vor drei Wochen.

Auch sollte darauf hingewiesen werden, daß der britische Anthropologe Robin Dunbar mit vielen anderen Forschern das gemeinsame Singen und Tanzen, die Musik als einen ganz wesentlichen Schritt in der Humanevolution betrachtet, möglicherweise als erste Formen von menschlicher Religiosität. In diesen Zusammenhang werden mancherorts auch die merkwürdigen "Regentänze" der Schimpansen eingeordnet.

Warum haben die Deutschen die Lust verloren, die Stimme zu erheben?

Wann und warum haben die Deutschen die Lust und den Mut verloren, die Stimme zu erheben? Diese Frage habe ich vielen gestellt: Gesangpädagogen, Chorleiterinnen, Vertretern des Deutschen Musikrats und des Deutschen Chorverbands, Mitarbeiterinnen des Deutschen Volksliedarchivs in Freiburg sowie alten Kommilitonen von der Kölner Musikhochschule. Keiner hatte eine wissenschaftlich abgesicherte Erklärung zu bieten, aber in einem Punkt waren sich fast alle einig: Es ist vor allem die historische Erfahrung, die viele Deutsche zu Singverweigerern gemacht hat. Das Nazi-Regime war vielleicht die musikalischste Diktatur, die es je gegeben hat; niemals zuvor wurden Musik und Gesang, vor allem Chorgesang, so systematisch als Propagandainstrument und Rauschmittel eingesetzt. Die Nazis zeigten, wie man mit Gesang Aggressionen schürt, das Gewissen betäubt und Masseneuphorie erzeugt. Und diese Erfahrung, sagten mir die Experten, habe bei vielen Deutschen eine unüberwindbare Abneigung gegen das Singen erzeugt. So einleuchtend das klingt - ich glaube, es ist nur die halbe Wahrheit.1965 war ich sieben Jahre alt, und ich erinnere mich, dass auch die alten, die "toten" Lieder damals noch sehr lebendig waren. "Im Frühtau zu Berge", "Kein schöner Land in dieser Zeit" - das und vieles andere haben wir damals zu allen Zeiten angestimmt. Damals war Singen noch eine verbreitete Kulturtechnik. Dass viele der alten Lieder von Nazi-Ideologen "totgeschrien" worden waren, wussten wir damals nicht, und diejenigen, die es wussten, erzählten es nicht. Heute weiß ich, warum. Für die Generation unserer Eltern und Lehrer klangen deutsche Volkslieder nicht in erster Linie nach Faschismus und Massenhysterie, sondern nach Heimat und Kindheit. Und später, im Krieg und in der Nachkriegszeit, wurde dieser Liedschatz für viele sogar zur Überlebenshilfe. So las ich es kürzlich in einer Studie über die Heilkraft des Singens. Meine Eltern, die Krieg, Gefangenschaft und Hungerjahre durchlebt haben, hätten mir sicher dazu einiges erzählen können. Aber das kam ihnen nicht in den Sinn. Singen war für sie kein Thema, sie taten es einfach. Sie sangen, weil es ihre Eltern, Großeltern und alle Generationen vor ihnen auch schon immer getan hatten, sie sangen, weil Singen für sie "keine ästhetische Zugabe zum Leben war, sondern Lebensvollzug – way of life".

Das schreibt der Musikwissenschaftler und Volkskundler Ernst Klusen, einer der wenigen Forscher, die sich umfassend mit der Kulturgeschichte des Singens auseinandergesetzt haben. Dass es so wenige sind, ist erstaunlich, denn das Thema ist unerschöpflich. Alle Völker, alle Kulturen haben zu jeder Zeit ihren eigenen Fundus an Liebesliedern, Kampfliedern, Schlaf- und Tanzliedern, Arbeitsgesängen, Lobeshymnen und Totenklagen hervorgebracht. Wer singt, schreibt Ernst Klusen, wächst über sich hinaus, gerät "außer sich". Er verschafft sich Gehör, weit jenseits der Reichweite seiner normalen Sprechstimme. Aber auch der Gesang entwickelt seine Wirkung meist erst im Rahmen eines gemeinsam zelebrierten Rituals. Er beschwört nicht nur Götter und Geister, sondern vor allem den Zusammenhalt unter den Menschen. Singen schafft Ausgleich, fördert Übereinstimmung und Harmonie in der Gruppe. Auch das erfordert von den Mitsingenden eine Verwandlung: Wer mit anderen die Stimme erhebt, muss etwas von sich preisgeben, muss für kurze Zeit seinen Intellekt zum Schweigen bringen, "in gewissen Grenzen sogar seine Individualität aufgeben".

Die Deutschen sind ein Volk der Solisten

Vielleicht ist das der entscheidende Grund, warum die Menschen heute weniger singen als früher. Wir Deutschen sind längst zu einem Volk von Solisten geworden, in einer entzauberten, durchrationalisierten Arbeits- und Lebenswelt. Wo früher ein Dutzend Leute gemeinsam Garben aufluden – hejo, spann den Wagen an! –, lenkt heute der Bauer allein seinen Mähdrescher übers Feld. Ob am Montageband, auf der Baustelle oder im Großraumbüro - überall schraubt, sortiert, tippt und denkt jeder für sich allein. Welches Lied sollten die Angestellten eines Call-Centers bei der Arbeit anstimmen? Oder die Kassiererinnen im Supermarkt? Auch außerhalb der Berufswelt bilden sich kaum noch spontane Singgemeinschaften. In der Küche, wo früher Clans von Geschwistern, Tanten und Großmüttern gemeinsam werkelten, schwatzten, stritten und sangen, bedient heute eine einsame Hausfrau ihren Gerätepark. In den Kirchen versammeln sich die Gemeinden nur noch an hohen Festtagen in Chorstärke. Wer singt, gibt etwas von sich preis. Vor allem Kinder spüren das genau. Sie wachsen in einer Gesellschaft auf, die eher auf Kontrolle als auf Überschwang wert legt, und sie registrieren früh, dass man beim Singen Gefühle und eine Empfindsamkeit zeigt, die im Alltag gewöhnlich unter dem Deckel bleiben. Sie erleben, dass die Erwachsenen in ihrer Umgebung zwar viel vom Wert des Musizierens für die Allgemeinbildung reden, aber in verlegenes Kichern ausbrechen, wenn bei Schul- oder Kindergartenfesten zum Mitsingen aufgefordert wird. In den Medien hören und sehen sie Sänger fast nur als Solisten, die ihren Erfolg vor allem aufwendiger Technik und einer ausgefeilten Bühnenshow verdanken. Wer nicht perfekt ist, vermitteln die Medien, der entblößt und blamiert sich.

Und der Aufsatz endet mit den Worten:

Was wäre, wenn in Deutschland jeder überall den Mund aufmachen würde, wenn ihm gerade danach zumute ist?

Ja - was eigentlich?

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