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Dienstag, 19. November 2024

Die Tscherkessen - Sie lebten in einer Urheimat der Indogermanen

Einige Einblicke in die Heimat, Geschichte, Kultur und Wirkungsgeschichte der Tscherkessen

Wer sollte mehr Anteilnahme und Mitgefühl haben für das Schicksal der Tscherkessen als die Deutschen seit 1945. 15 Millionen Deutsche sind 1945 bis 1948 aus ihrer Heimat östlich der Oder und östlich des Bayerischen Waldes vertrieben worden, aus einem Drittel des Vorkriegsterritoriums des Deutschen Reiches. 90 Jahre zuvor war das zahlenmäßig viel kleinere, aber tapfere und stolze Bergvolk der Tscherkessen (Wiki) aus seiner Heimat im Nordwestkaukasus vertrieben worden.  

Abb. 1: Vor dem höchsten Berg des Kaukasus, dem Elbrus: tscherkessische und kabardinische Pferdeweide, 1957

An den Tscherkessen war 1864 im Kaukasus-Krieg unter anderem durch den unverhohlen bestialisch vorgehenden deutschbaltisch-russischen General Georg von Saß (Wiki), sowie durch andere russische Generäle Völkermord begangen worden (Wiki). Die Tscherkessen sind damals aus ihrer Heimat vertrieben worden. Es handelt sich um einen Völkermord wie er im aufgeklärten und humanen 19. Jahrhundert innerhalb von Europa ansonsten eher selten zu beobachten war. Er erinnert viel eher an das Vorgehen der USA gegen die Indianerstämme Nordamerikas. Es war das weder der erste noch der letzte Völkermord in der Weltgeschichte.

Die russischen Militärs waren damals der Meinung, daß die Tscherkessen, wenn sie in der großen Masse in ihrer Heimat bleiben würden, immer weiter Widerstand leisten würden gegen die russische Fremdherrschaft. Und das Beispiel des Brudervolkes der Tscherkessen, der Tschetschenen, zeigt, daß sich die russischen Militärs diesbezüglich vermutlich in keiner Weise geirrt haben. Diese Bergvölker des Kaukasus leben entweder im Kampf um die Freiheit ihrer Heimat oder sie leben nicht in ihrer Heimat. Was für ein knorriger, zäher Widerstand - noch am Beginn des 21. Jahrhunderts. Als die Tschetschenen erneut zwei blutige, grausame Freiheitskriege gegen Rußland führten (1995 bis 2009), eilten ihnen die Nachkommen jener Tscherkessen, die 1856 von den Russen in die Türkei vertriebenen worden waren, zu Hilfe. Das Schweizer Fernsehen berichtete am 25. Januar 1995 (SRF): 

Türkische Tscherkessen (Kaukasier) helfen den "Verwandten" in Tschetschenien aktiv im Kampf gegen die russischen Truppen in Grosny.

Durch die neuesten Ergebnisse der Archäogenetik wird klar, daß letztlich alle Europäer genetisch auf Vorfahren zurück geführt werden können, die um 4000 v. Ztr. in der Heimat der späteren Tscherkessen, also in Tscherkessien lebten (Stgen2024). 

Abb. 2: Tscherkessische und kabardinische Pferdehirten, im Hintergrund der Elbrus, 1957

Die Menschen glichen um 4.000 v. Ztr. in Tscherkessien genetisch noch mehr den heutigen Georgiern auf der Südseite des Kaukasus. Denn die Bergvölker des nördlichen Kaukasus sind ab 2.400 v. Ztr. zumindest genetisch "indogermanisiert" worden. In sie haben sich 10 bis 20 % Steppengenetik eingemischt. Und diese Genetik hat sich bis heute bei den Bergvölkern des Nordkaukasus gehalten (Stgen2024). 

Das Tscherkessien der Zeit um 4.000 v. Ztr. war jedenfalls die Urheimat einer Herkunftsgruppe des Volkes der Späten Urindogermanen, dessen Nachkommen sich von 3.300 v. Ztr. ab nach und nach über ganz Europa ausgebreitet haben. Die Vorfahren dieser Späten Urindogermanen vom Unteren Dnjepr stammten zu 20 % von am Dnjepr einheimischen Menschen der Dnjepr-Donez-Kultur. Außerdem stammten sie zu 40 bis 50 % ab von dem Volk der Frühen Urindogermanen an der Mittleren Wolga - und zum Dritten stammten sie zu 30 bis 40 % ab von den damaligen Menschen in Tscherkessien im Nordwestkaukasus  (s. Stg2024 und Stgen2024). Aufgrund der Sprachkontinuität wird man vermutlich schon die Menschen der Zeit um 4.000 v. Ztr. in Tscherkessien "Tscherkessen" nennen dürfen. Denn ähnlich wie die Basken sprachlich ein "Urvolk" Europas sind, sind die Tscherkessen ein "Urvolk" des Kaukasus. Besser nennt man sie nach ihrer Eigenbezeichnung "Adygen" (Wiki).

Nicht nur in der Zeit ab 2.400 v. Ztr. kam Steppengenetik in den nördlichen Kaukasus, auch später noch kam eine solche dazu. Etwa mit dem indogermanischen Volksstamm der Alanen, einer Untergruppe der Sarmaten während der Eisenzeit. Humangenetiker hatten schon 2019 geäußert (zit. n. Stgen2022):

Irgendwann nach der Bronzezeit müssen die heutigen Völker des Nordkaukasus noch zusätzlichen Genzufluß von Steppenpopulationen erhalten haben, der sie nun von den Völkern südlich des Kaukasus unterscheidet, die im wesentlichen ihr bronzezeitliches genetisches Herkunftsprofil behalten haben. 

Diese Annahme ist 2024 auch schon in einer weiteren archäogenetischen Studie bestätigt worden (EJHG2024).

Abb. 3: Ein Tscherkesse hält sein Pferd am Zaum - Gemälde von Eugene Delacroix aus dem Jahr 1858 (heute: Tokyo)

Über Angehörige der nordkaukasischen Koban-Kultur (1300 bis 700 v. Ztr.) (Wiki) heißt es darin (EUSP2024):

Die Studie zeigte eine große genetische Nähe zwischen den Angehörigen der Koban-Kultur und denen der Kura-Araxes- und Maikop-Kulturen (kaukasische Bronzezeit) einerseits, sowie den Alanen (Eisenzeit) andererseits. Es wurde auch ein bedeutender genetischer Beitrag von Vertretern der Steppennomadenvölker, vor allem der europäischen Skythen, entdeckt.
The study showed a close genetic link between the Kobans and the Kura-Araxes and Maikop cultures (Caucasian Bronze Age) on the one hand, and the Alanian culture (Iron Age) on the other. A significant genetic contribution of representatives of steppe nomadic peoples, primarily European Scythians, was also discovered.

Durch diese zusätzliche Einmischung von Steppengenetik während der Eisenzeit sind die nordkaukasischen Völker den heutigen Europäern also genetisch ähnlicher geworden als sie es vor 2.400 v. Ztr. waren. 

Grund genug in jedem Fall, daß wir indogermanischen Europäer uns tatsächlich "Kaukasier" nennen können (womit die Göttinger Schule der Anthropologie Anfang des 19. Jahrhunderts begonnen hatte). Die Bezeichnung "Kaukasier" war in der Zwischenzeit längst als überholt und unwissenschaftlich abgetan worden. Und jetzt, im Jahr 2024 zeigt sich, daß es eine Berechtigung gibt, die Europäer "Kaukasier" zu nennen. Aber ebenso könnte man sie Wolga-Leute nennen oder Dnjepr-Leute. Auf jeden Fall gibt es gute Gründe für uns indogermanische Europäer, die Tscherkessen und Tschetschenen ferne Brüder zu nennen (Wiki), auch wenn sie uns sprachlich und religiös ferner stehen. 

Aber es wird schon auch gesagt werden können, daß in uns indogermanischen Europäern das Blut von Freiheitskämpfern fließt - so wie in den stolzen Völkern der Tscherkessen und Tschetschenen.

Abb. 4: Das Arkhyz-Tal in Karatschai-Tscherkessien (Wiki)

Wer wird den Tscherkessen (den Adygen) und den Tschetschenen auch ihre Heimatliebe verdenken wollen, wenn er die berauschenden Landschaftsbilder ihrer Heimat sieht (s. Abb. 1, 2, 4 usw.). Von dieser Herkunft her könnte auch verständlich werden, warum die indogermanischen Europäer nicht selten eine Sehnsucht nach dem Hochgebirge in sich tragen und warum sich auch in den Alpen wurzelstarke indogermanische Bergvölker angesiedelt haben: Schweizer, Tiroler, Steiermärker, Ladiner, sowie zuvor auch zahlreiche keltische Stämme. Auch dieser Umstand gibt Mitteleuropäern Anlaß, mit Sympathie und Mitgefühl nach Tscherkessien und Tschetschenien zu blicken. 

Tscherkessen und ihre Untergruppe, die Kabardiner, waren Jahrhunderte lang Pferde- und Schafszüchter. Welch stolze Bilder - ihre sommerlichen Hirtenlager vor dem Hintergrund des Elbrus (Abb. 1 und 2). Es gilt aber zu beachten, daß es um 4.000 v. Ztr. als die Vorfahren der Indogermanen im Kaukasus lebten, noch keine domestizierten Pferde gab, bestenfalls Wildpferde, also Przewalski-Pferde. Diesen Wildpferden war allerdings schon von den Frühen Urindogermanen mit ihren Pferdekopf-Zeptern eine sehr große Bedeutung zugesprochen worden.

Der Name der Tscherkessen ist bis in das 19. Jahrhundert hinein in ganz Europa und in der ganzen islamischen Welt mit Respekt und Bewunderung genannt worden. Bis Ende des 19. Jahrhunderts wußte jeder gebildete Mensch in Europa, wer Tscherkessen sind. Auch nach Völkermord und Vertreibung, die sie 1864 erlitten, wirkte dieser Ruf in der Kulturgeschichte nach. "Tscherkessen" waren noch 1880 ein beliebtes Motiv in der europäischen Kunst. Kaukasus- und Orientmaler der 1880er Jahre malten im Kaukasus "Tscherkessen", obwohl diese dort in großer Mehrheit längst vertrieben waren, und obwohl die Künstler vor Ort Tschetschenen malten. Die Jahrhunderte lange sagenumwobene "Romantik" rund um die Tscherkessen wirkte nach.

Und noch als die deutschen Soldaten im Spätsommer 1942 in den Nordkaukasus kamen, waren sie beeindruckt von den hageren, hochgewachsenen Gestalten der Bergvölker, die von ihren Bergen herunter kamen, um sich die Panzer und LKW fahrenden Ankömmlinge aus Mitteleuropa anzusehen, bzw. sie als Befreier von der Sowjetherrschaft zu begrüßen. 

Abb. 5: Ein tscherkessischer Fürst macht seinen Hengst fertig - Berühmtes Gemälde des schottischen Malers Sir William Allan aus dem Jahr 1843

Auf der Facebook-Seite "Circassian Culture and Folklore" (Fb) kann man sich bezüglich dieses Jahrhunderte langen Kunstmotivs einen Eindruck verschaffen. Aber wie war das sehr "romantische" - und sicherlich oft auch sehr phantasievolle, unrealistische - Bild von den Tscherkessen und von ihrer Schönheit und "Erotik" entstanden? 

Erst im 17. Jahrhundert sind die Tscherkessen islamisiert worden. Deshalb haben sich bei ihnen in den nachfolgenden Jahrhunderten noch viele vorislamische, heidnische Traditionen und Denkweisen erhalten. Es ist von einem "tscherkessischen Heidentum" (Wiki) die Rede und von einer damit verbundenen heidnischen tscherkessischen Tradition (Wiki), der "Adyge Chabse", der "adygischen Tradition" (Wiki). Gemäß der letzteren war schon Gesichtsverlust für sich genommen eine der schlimmsten Strafen im Volk. Weitere, äußere Strafen waren deshalb ursprünglich in diesem Volk gar nicht mehr in dem Umfang notwendig wie in anderen Völkern. 

Die Ehre spielte eine große Rolle. Ebenso spielte eine große Rolle die Hochachtung vor den Frauen (Wiki):

In Gegenwart von Älteren und Frauen sind respektvolle Gespräche und ein respektvolles Verhalten unerläßlich. Frauen werden besonders respektiert, und Streitigkeiten werden in Gegenwart von Frauen beendet, um sie nicht zu stören. Eine Frau kann von streitenden Familien oder Personen verlangen, sich zu versöhnen, und diese müssen ihrer Aufforderung Folge leisten.

Wie bei vielen Bergvölkern des Kaukasus bilden auch bei den Tscherkessen die "Narten-Sagen" (Wiki) einen Teil der überlieferten Tradition. Diese könnten von den indogermanischen Alanen und Sarmaten aus Asien mit in den Kaukasus gebracht worden sein. Damit in Zusammenhang wird auch die Vermutung gebracht, daß der germanische Gott Odin aus Asien nach Germanien gekommen sein könnte.

Abb. 6: Tscherkessische heidnische und zugleich christliche Opferrituale in einem heiligen Hain, Natukhaia, Tscherkessien, 1818 (Fb) 

Worin sich die Völker des Kaukasus nördlich und südlich des Hauptkammes von den Volksstämmen der Alpen unterscheiden, ist sicherlich die viel größere Bedeutung der Pferdezucht und die Bedeutung des Reiterkriegers auch noch im 19. Jahrhundert während des Freiheitskampfes gegen die Russen. Dieser Unterschied mag darin begründet liegen, daß die gesellschaftliche Entwicklung im Kaukasus im 19. Jahrhundert noch deutlich mehr mittelalterliche Züge aufwies als die zeitgleiche gesellschaftliche Entwicklung in Mitteleuropa.

Bis heute spielen Pferde und Pferdezucht eine große Rolle im nördlichen und auch im südlichen Kaukasus. Daneben spielt traditionell die Schafszucht eine große Rolle, außerdem im Waldkaukasus mit seinen Schwarzerde-Böden auch der Ackerbau.

Abb. 7: Karatschaier im Dorf Uchkulan (Karatschai-Tscherkessien), 1929 (X.com) - Die Karatschaier sprechen eine Turksprache

Reiseberichte über die heidnischen Traditionen bei den Tscherkessen sind, soweit wir das übersehen, bislang nur auf Französisch erschienen (Fb) :

Der französische Aristokrat und Reisende (Jacques Victor) Edouard Taitbout de Marigny (1793-1853) besuchte 1818 die Küste Tscherkessiens und veröffentlichte 1821 in Brüssel einen Reisebericht. Durch ihn erhalten wir unschätzbare Einblicke in das Tscherkessien vor zwei Jahrhunderten.

Seit dem Spätmittelalter waren innerhalb des nördlichen Kaukasus unterschiedliche Gesellschaftsformen ausgebildet worden. 

Die Kabardiner im Osten hatten ein aristokratisches Staatswesen ausgebildet (Wiki):

Stämme im südwestlichen Hochgebirge - Ubychen, Abadzechen, Natkhuajer und Schapsugen - hatten diese soziale Staffelung nicht und wurden in russischen Quellen auch als „freie Tscherkessen“ oder „demokratische Tscherkessen“ bezeichnet, im Gegensatz zu den „aristokratischen Tscherkessen“.

Wenn man zurück blickt auf die anzunehmende starke soziale Schichtung innerhalb der Maikop-Kultur und ihres womöglich sehr großräumig ausgebildeten Staatswesens, muten die Gesellschaftsformen, die im Nordkaukasus seit dem Spätmittelalter ausgebildet auftreten, als Rückentwicklung an. Sie könnten am ehesten mit demokratischen Gemeinschaftsformen verglichen werden wie sie in der Wikingerzeit in Island ausgebildet waren.

Abb. 8: Tuapse am Schwarzen Meer - Heimat der Tscherkessen

Das aristokratische Tscherkessien hatte sich bei den Kabardinern im 15. Jahrhundert in Abwehr der Eroberungsbestrebungen des Krimkhanats heraus gebildet. 

Der tscherkessische Fürst Temrjuk der Große (gest. um 1571) spielte bei der Ausbildung des aristokratischen Tscherkessien eine große Rolle (Wiki):

Die Kabarda wurde ein entwickeltes Staatswesen und beherrschte politisch, wirtschaftlich und kulturell Teile Nordkaukasiens. Gegen den Druck des Krimkhanats suchte Temrjuk Bündnisse zum Zarentum Rußland, das sich seit Iwan IV. dem Schrecklichen nach der Eroberung der Khanate von Kasan und Astrachan als neue Macht im Vorland des Kaukasus etablierte. Seine Tochter Maria Temrjukowna (tscherkessischer Name eigentlich Kutschenej) war eine der Ehefrauen Iwans IV. und mehrere von Temrjuks Söhnen stellten sich mit ihrem Anhang in die Dienste Rußlands und begründeten das russische Fürstenhaus Tscherkasski, dem sich bis ins 19. Jahrhundert weitere Nachkommen der Fürsten der Kabarda anschlossen. Während die Tscherkasski und Bekowitsch-Tscherkasski zu den Fürstenfamilien, damit zum Hochadel Rußlands gehörten, existieren auch im niederen Adel des Fürstentums Moldau und seit 1562 auch im zahlreichen polnischen Adel einzelne Familien mit tscherkessischen Ursprüngen. Obwohl sich (heutige) tscherkessische Verbände gern auf sie berufen, existieren heute praktisch keine Verbindungen nach Tscherkessien, wie schon bei einigen historischen Persönlichkeiten zu deren Lebzeiten, z. B. die tscherkessische Fürstentochter und Gesellschaftsdame Charlotte Aïssé, die als Kleinkind verkauft wurde, oder Carlo de' Medici (1430-1492), unehelicher Sohn Cosimo de’ Medicis und einer tscherkessischen Sklavin.

Der hier erwähnte Handel mit tscherkessischen Sklaven innerhalb des Osmanischen Reiches, durch den bis ins 20. Jahrhundert hinein Tscherkessinnen als besonders schöne Frauen sowohl in den Harem des Sultans von Konstantinopel, als auch beispielsweise in das Bürgertum Ägyptens (5) gelangten, ja, in wenigen Ausnahmen sogar bis nach Italien, Frankreich und Deutschland (Wiki) hinein, war zu nicht geringen Teilen getragen von dem Ruf von der "Schönen Tscherkessin". Viele Volkslieder im islamischen Ländern und im Balkan handeln bis heute von "der schönen Tscherkessin". Aus dem islamischen Bereich heraus wurde "Die schöne Tscherkessin" auch zu einem gern gewählten Motiv der europäischen Kunstgeschichte.

Abb. 9: In der Nähe von Tuapse am Schwarzen Meer

Auf den ersten Blick möchte man allerdings meinen, daß Gemälde wie jenes in Abbildung 14 reine westliche Männerphantasien gewesen seien. Dem war aber beileibe nicht so. Denn noch im Jahr 1912 konnte aus Ägypten berichtet werden, was zum Verständnis dieser Motivwahl nicht unwichtig ist (5, S. 20),

daß man nur höchst selten Familien antrifft, deren Kinder von einer Mutter stammen. Sehr beliebt ist es, als erste Frau eine Ägypterin zu nehmen und nachher eine Berberinerin oder Sudanesin. Tscherkessinnen sind noch immer sehr geschätzt aber sie sind sehr anspruchsvoll und stehen hoch im Preise. Ein Mann, der sich sein Leben lang mit einer einzigen Frau begnügt, kommt leicht in den Verdacht, ein Sonderling oder ein Geizkragen zu sein.

Oder (5):

Viele Männer die durch ihren Beruf genötigt sind öfter und auf längere Zeit an einem fremden Orte zu verweilen, halten sich an diesem gern eine zweite Frau. Ich kenne einen ägyptischen Kaufmann, der in seiner Vaterstadt mit einer Einheimischen verheiratet ist und zu Tanta in einem gemieteten Hause eine Tscherkessin als zweite Frau sitzen hat. Daraus wird aber so wenig Hehl gemacht, daß alle Verwandten des Mannes und seine Angestellten, wenn sie in Tanta zu tun haben, in diesem Hause absteigen. Ich selbst habe dort mehrere Tage zugebracht.

Dieser Bericht handelt von dem Bürgertum in den Städten Ägyptens. Im Gegensatz dazu würden die Fellachen und Beduinen in abgelegenen Gebieten nur unter sich heiraten.

Abb. 9a: Johann Heinrich Ramberg (1763-1840) - Verkauf von Tscherkessischer Ware (Sklavinnenmarkt), 1798

Beim Lesen des hier zitierten Berichtes fragt man sich dann allerdings auch, wie die "tscherkessische Tradition" zu leben zusammen paßte mit der hier geschilderten ägyptischen Lebensart. Wenn die Tscherkessinnen hier bestenfalls als "sehr anspruchsvoll" gekennzeichnet werden, wird in dem Bericht weiterhin erwähnt, daß Ehen von Europäerinnen mit Ägyptern - aufgrund der Freiheitsliebe der Europäerinnen - in der Regel nicht lange halten würden. 

"Die schöne Tscherkessin" - Ein beliebtes Bildmotiv in der europäischen Kunstgeschichte

Der Mythos von der "schönen Tscherkessin" ist also einer, der vor allem aus dem islamischen Bereich stammt. Er wirkte aber in Europa fort. Im folgenden einen kleine Auswahl aus der europäischen Kunstgeschichte zum Bildmotiv "Die schöne Tscherkessin". 

Abb. 10: Die Tscherkessin beim Bade - Stahlstich nach einem Gemälde von Merry-Joseph Blondel aus dem Jahr 1814 (Wikifeeltheart) - Das Original des Gemäldes ging 1912 auf der Titanic unter

Der Gegensatz zwischen der europäischen und der islamischen Welt wurde ja bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein noch als viel größer erlebt als er heute erlebt wird. 

Für die eigentliche Anthropologie und Völkerkunde Tscherkessiens werden die künstlerischen Darstellungen aus dieser Zeit wenig bis gar keine Aussagekraft haben. Sie machen nur deutlich, wie weit verbreitet das Wissen um das Volk der Tscherkessen in früheren Jahrhunderten in Europa war. Merkwürdig genug spricht aus diesen Bildern fast nur die eher schwülstige Atmosphäre des "Orients", wie sie sicherlich in einem eher deutlichen Gegensatz gestanden haben wird zu dem ansonsten eher kargen Leben der Tscherkessen im Nordkaukasus. 

Abb. 11: Tscherkessisches Mädchen - Um 1820 (?) - unbekannter Maler (Alm)

Wir lesen (Wiki):

Eine recht umfangreiche Literaturgeschichte legt nahe, daß tscherkessische Frauen als ungewöhnlich schön und attraktiv, temperamentvoll, klug und elegant gegolten haben. Daher galten sie als geistig und körperlich begehrenswert für Männer, obwohl die meisten Tscherkessen sich traditionell weigerten, Nicht-Tscherkessen zu heiraten, gemäß den traditionellen Werten der Tscherkessen ("Adyghe Xabze"). (...)
Im gesamten Nahen Osten und auf dem Balkan gibt es Volkslieder in verschiedensten Sprachen, die die ungewöhnliche Schönheit der tscherkessischen Frauen beschreiben. (...) Der Ruf der tscherkessischen Frauen reicht bis ins Spätmittelalter zurück, als die tscherkessische Küste häufig von italienischen Händlern aus Genua besucht wurde. Dieser Ruf wurde noch weiter verstärkt, als der italienische Bankier und Politiker Cosimo de’ Medici (Begründer der Medici-Dynastie in der Republik Florenz) mit seiner in Venedig lebenden tscherkessischen Sklavin Maddalena einen unehelichen Sohn zeugte. Darüber hinaus galten die tscherkessischen Frauen, die als Sklavinnen in den Harems der Osmanen, Safawiden und Kadscharen lebten, als überaus schön, was dann in der gesamten westlichen Welt zu einem gängigem Orientalismus-Motiv wurde.
Aufgrund dieses Rufs wurden Tscherkessen in Europa und Nordamerika in Dichtung und Kunst oft als Ideale weiblicher Schönheit dargestellt. (...) Viele Gemahlinnen und Mütter der osmanischen Sultane waren ethnische Tscherkessen.

Gerade auch die letztere Angabe wäre es wert, daß man ihr weiter nachginge. Heißt das nicht eigentlich, daß das Herrscherhaus der Osmanen von einer anderen Genetik bestimmt gewesen sein könnte als die übrige Durchschnittsbevölkerung im Osmanischen Reich?

Abb. 12: "Odalisque" - Vermutlich intendiert als Tscherkessin (weil blond und hellhäutig) - Gemalt von Jean-Auguste-Dominique Ingres, 1842 (Walters Art Mus)

Auf jeden Fall hat der Topos von der Schönheit der tscherkessischen Frauen (und auch Männer), der in Zusammenhang gebracht wurde mit ihren nordeuropäischen, körperlichen Merkmalen (helle Haut, blaue Augen, blonde Haare, hoher Wuchs), mit dazu beigetragen, daß man seit Anfang des 19. Jahrhunderts begann, die Europäer "Kaukasier" zu nennen und von einer "kaukasischen Rasse" zu sprechen. 

Abb. 13: Tscherkessisches Mädchen, gemalt von Miner Kilbourne Kellogg (1814-1889) (Bridgeman)

Dieser Begriff geht zurück auf den Göttinger Zoologen und Anthropologen Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840). Die Verwendung des Begriffes ist recht deutlich von der Romantik seines Zeitalters beeinflußt (Wiki):

Unter europäischen Gelehrten des 18. Jahrhunderts herrschte die Meinung vor, die Menschheit hätte ihren Ursprung in der Region des Kaukasusgebirges. Diese Ansicht basierte darauf, daß der Kaukasus der Ort war, an dem angeblich die Arche Noah gelandet war - von der die Menschheit der Bibel zufolge abstammt - und der Ort des Leidens von Prometheus, der in Hesiods Mythos die Menschheit aus Lehm geformt hatte.
Darüber hinaus galten in den Augen der Europäer die stereotypen „tscherkessischen Schönheiten“ und das georgische Volk als die schönsten Menschen; sowohl Georgien als auch Tscherkessien liegen in der Kaukasusregion. Das Stereotyp der „tscherkessischen Schönheit“ hatte seine Wurzeln im Mittelalter, während der Ruf der Attraktivität des georgischen Volkes von frühneuzeitlichen Reisenden in die Region wie Jean Chardin geprägt wurde.
In the eighteenth century, the prevalent view among European scholars was that the human species had its origin in the region of the Caucasus Mountains.[22] This view was based upon the Caucasus being the location for the purported landing point of Noah's Ark – from whom the Bible states that humanity is descended – and the location for the suffering of Prometheus, who in Hesiod's myth had crafted humankind from clay.
In addition, the most beautiful humans were reputed by Europeans to be the stereotypical "Circassian beauties" and the Georgian people; both Georgia and Circassia are in the Caucasus region. The "Circassian beauty" stereotype had its roots in the Middle Ages, while the reputation for the attractiveness of the Georgian people was developed by early modern travellers to the region such as Jean Chardin.

Es mag auch auffallend erscheinen, daß der Kaukasus schon in der antik-griechischen Mythologie und in der vorderorientalischen Mythologie eine besondere Rolle spielte.

Abb. 14: "Verkauf einer tscherkessischen Sklavin" - gemalt von dem amerikanischen Maler Frederick Vezin (Chromolithograph) um 1900 (Dumoart

Es sei noch der Hinweis gegeben, daß auch der Vater beispielsweise von Cem Özdemir (Wiki) Tscherkesse war.

Krieg und Völkermord im Kaukasus seit 1817

Im Kaukasuskrieg der Jahre 1817 bis 1864 (Wiki) standen dann etwa 200.000 Tschetschenen des östlichen Kaukasus und 600.000 Tscherkessen des nordwestlichen Kaukasus im Jahrzehnte langen Widerstand gegen den Imperialismus des Russischen Kaiserreichs.

Die Tschetschenen führten den Krieg mit einer religiösen und radikalen Minderheit, den Muriden. 1859 ergab sich ihr bis heute legendärer Führer Schamil. Damit konnte das russische Kaiserreich die ganze Wucht seines Heeres ausschließlich auf den nordwestlichen Kaukasus werfen. 

Abb. 15: Haslan Gheray führt die schöne Tscherkessin Alkazia, die Tochter von Mouradin Bey, über den Kuban, gemalt von dem schottischen Maler Sir William Allan 1816 (Ausschnitt; Museum von Dagestan)

Hier kämpften die Tscherkessen über fünf Jahre hinweg ihren letzten Kampf. Ab 1860 wurde ihnen von der russischen Armee die Wahl gelassen: Deportation in das Osmanische Reich oder Vernichtung. Über diese letzte Phase des Kaukasuskrieges lesen wir (Wiki):

Ab 1860 verfolgte die russische Armee einen Deportationsplan über das Schwarze Meer ins Osmanische Reich, um den Widerstand der Tscherkessen zu brechen, die ihre lockeren Streusiedlungen traditionell oft nicht verteidigten, sondern sich mit dem Vieh in die Wildnis dichter Wälder, Schluchten und zur Pferdehaltung genutzter weitläufiger Almen zurückzogen und die Wohnsitze zur erstbesten Gelegenheit zurückeroberten, auch Unterwerfungen schnell rückgängig machten. Endgültig ab 1862 schleifte die russische Armee alle tscherkessischen Siedlungen restlos bis auf die Grundmauern und zwang die Bewohner in die Deportation an die Küste und über das Meer. Bei dieser Deportation von ca. 500.000 bis über eine Million Einheimischen kamen wohl mehrere zehntausend bis zu 100.000 Menschen um. Besonders für Alte, Kranke oder Kinder sind Deportationen immer in der Geschichte lebensgefährlich, außerdem verkauften die Deportierten ihr Vieh an Kosaken zur Nahrungsbeschaffung, was zu einem Preisverfall für Vieh und einer Preisexplosion für Nahrung führte und trotz Versorgungsversuchen der russischen Deportationskommissionen zu Hunger und Seuchen führte. Während ältere Historiker die Opfer der Deportation als Folge einer gescheiterten Deportation einordneten, kämpften tscherkessische Verbände besonders seit den 1990er Jahren um die Anerkennung dieser Ereignisse als Völkermord. Die meisten Fachhistoriker, befürworten inzwischen diese Einordnung, weil Quellenauswertungen ergaben, daß ein Teil der russischen Militäroberbefehlshaber im Kaukasus den Tod eines Teils der Tscherkessen sogar als notwendig und wünschenswert (wie der Entwerfer des Deportationsplanes Dmitri Miljutin in einem Memorandum) oder als unumgänglich (wie Jewdokimow in seinen Memoiren) bezeichneten. Außerdem wurde bisher zu wenig beachtet, was mit der unbekannten Zahl Tscherkessen geschah, die sich der Deportation durch Flucht in die Wildnis entzogen. Die russische Armee setzte damals Greiftrupps ein, die die Flüchtigen nicht selten töteten.

Man fragt sich, warum hier Deportation nicht selbst schon als Völkermord bewertet und eingeordnet wird. 

Abb. 16: Kampf zwischen Kosaken und Tscherkessen - Gemälde des deutschen Malers Heinrich Ambrose Eckert aus dem Jahr 1838 

Da der Kaukasus mancherlei Ähnlichkeiten aufweist mit den mitteleuropäischen Alpen, mag man sich von fern auch erinnert fühlen an den Widerstand der Tiroler unter Andreas Hofer gegen Napoleon und an den Befreiungskampf der Südtiroler gegen Italien seit 1919 (Wiki). Auch die Südtiroler sollten Anfang der 1940er Jahre umgesiedelt werden. Wir erfahren (Wiki):

Der letzte noch zu unterwerfende Stamm der Tscherkessen waren ab Ende 1862 die Ubychen und einige westliche Abaza (bzw. Sads-Abchasen/Sads-Abasinen/Sadsen) rund um das heutige Sotschi und Umgebung, die unter dem Kommando ihres letzten gewählten Fürsten Kirantuch Bersek standen.

 Das Ende des Krieges markierten Kämpfe (Wiki...

... im Mai/Juni 1864, als sich die Bewohner der Dörfer in vier Flußtälern vollständig bewaffneten - Männer, Frauen, Kinder und Alte - mit der Absicht, sich nicht zu ergeben, sondern bis zum Tod zu kämpfen, was den russischen Sieg um die Schlacht von Kbaade zu einem Massaker machte.

Über diese letzte "Schlacht" heißt es, daß sich wenige hundert Stammeskämpfer, die der Deportation Widerstand entgegen setzten, sich in einer Ebene versammelt hätten. 

Abb. 17: "Überquerung der Furt" - gemalt von dem deutschen Maler Rudolf Otto Ritter von Ottenfeld im Jahr 1890 (Wiki) - Erinnerung an die Vertreibung der Tscherkessen aus dem Kaukasus

Ihre Munition sei gleich am Beginn der "Schlacht" gegen die 20.000 russische Soldaten verbraucht worden. Ein großer Teil von ihnen kam dann sehr schnell im Gewehrfeuer der russischen Infanterie ums Leben. Der Rest wurde im Nahkampf niedergemacht (Wiki):

Auf sadsisch-tscherkessischer Seite wurden die meisten Beteiligten getötet oder verwundet. Der Achtschipsou-Stammesverband hörte faktisch auf, zu existieren.

Die Russen hatten in dieser "Schlacht", bzw. in diesem Massaker nur minimale Verluste.  

Abb. 18: Um 1900 begann man auch mit Fotografien zu "malen": Zwei Kabardiner-Ritter mit einem Kabardiner-Pferd in traditioneller Ausrüstung - Historisierende Fotografie (Wiki)

Man fühlt sich an die Indianerkriege der USA etwa zu gleicher Zeit erinnert (siehe den Bericht "Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses").

Der Kaukasuskrieg Rußlands gegen die Bergvölker des Kaukasus war dann selbst ein beliebtes Motiv der Historienmaler des 19. Jahrhunderts. Das Bürgertum des westlichen Europa ließ sich offenbar gern Schauder über den Rücken jagen angesichts dieser "fremden, wilden" Welt im Kaukasus. 

Abb. 19: Kabardinisches Ehepaar im Dorf Bezengi auf 1475 Meter, Khulam-Cherek-Tal, 1932, fotografiert von Walter Saalfeld (während der "Ersten Deutschen Arbeiter-Bergsteiger-Kaukasus-Expedition")

Es ist zu lesen (Wiki):

Im Zuge der großen Deportationen und Emigrationen des Kaukasuskrieges mußten besonders etwa 1858-64 nach verbreiteten Schätzungen über 90 % der Westkaukasier (westliche Tscherkessen mit Ubychen, Sads-Abchasen und Abasinen) die Heimat verlassen, darunter alle Ubychen und Sads-Abchasen. Etwa 10 % kamen dabei um, nur unter 10 % blieben im Kaukasus zurück und wurden mit Ausnahme der wenigen Dörfer bei Tuapse alle in das Hügelland am Kuban umgesiedelt, um weitere Guerilla-Widerstände zu vereiteln.

Die Tschetschenen haben den blutigen, grausamen Abwehrkampf gegen Rußland dann wieder aufgenommen und bis 2009 fortgeführt, zuletzt in den beiden Tschetschenien-Kriegen von 1994 bis 1996 (Wiki) und von 1999 bis 2009 (Wiki). Insbesondere der letztere Krieg ist von Seiten Rußlands mit allen Kennzeichen eines brutalen Völkermordes geführt worden.  

Abb. 20: Kabardiner, 1932, fotografiert von Rudolf Landgraf (während der "Ersten Deutschen Arbeiter-Bergsteiger-Kaukasus-Expedition")

Heute herrscht in Tschetschienen die "Ruhe des Friedhofs". In Tschetschenien herrscht der von Moskau eingesetzte Operetten-Diktator Ramsan Kadyrow.

Abb. 21: Kubantal mit Elbrus, Aquarell, 1942, unbekannter Maler (wohl deutscher Soldat)

Angesichts dieses Geschehens wäre es absurd zu sagen, daß sich Weltgeschichte "wiederholen" würde. Nein, sie steigert sich in immer fanatischeren Vernichtungswillen gegenüber freiheitsliebenden und nach Wahrheit suchenden Völkern hinein. 

Abb. 22: Karatschaier (turksprachig) aus dem Nordkaukasus zu Pferde in traditioneller Tracht mit Burka, Tscherkeska und Filzhut, Oktober 1942 (Top)

Die Vernichtungspolitik "Migration als Waffe" gegen alle freiheitliebenden und um Wahrheit ringenden Völker der Nordhalbkugel, getarnt unter dem Schleier christlicher Nächstenliebe und Humanität, ist auf dieser Linie in letzter Instanz auch nichts anderes als Völkermord.

Abschließend sei noch erläutert, wie die Fotografien in den Abbildungen 19 und 20 entstanden sind. Sie sind Ergebnis der "Ersten Deutschen Arbeiter-Bergsteiger-Kaukasus-Expedition" (4). An dieser nahmen auch Mitglieder der "Naturfreunde Sachsen" in Dresden teil (Stadt-Wiki):

1932 hatte die Organisation für proletarische Touristik und Exkursion Moskau ein Dutzend der besten sächsischen Alpinisten zur „I. Deutschen Arbeiter-Bergsteiger-Kaukasus-Expedition“ eingeladen. Rudolf Landgraf von den NaturFreunden gehörte dem Dutzend an, das im wild-romantischen Kaukasus rund 40 Gipfelbesteigungen, darunter 16 Erstbegehungen, in den Bergfahrtenbüchern eintragen konnte.

Die Teilnehmer dieser Expedition standen der deutschen KPD nahe und kamen nach ihrer Rückkehr nach Deutschland zumeist in Konzentrationslager.

___________

  1. Tscherkessen - Portraits. Auf den Tscherkessischen Kulturtagen, Münster 2012 (Yt)
  2. Die Geschichte der Tscherkessen. Eine Film-Dokumentation in Kabardinischer Sprache von Askarbi Naghaplev Aminat, Maykop 2007; Teil 7: nachgestellte Szenen der Vertreibung (Yt); Teil 5: eindrucksvolle Bilder der Landschaft und eindrucksvolle Szenen aus dem Freiheitskampf (wohl auch aus russischen Historienfilmen) (Yt); alle Teile: Yt.
  3. Tscherkessen - Vom Kaukasus in alle Welt verweht. Ein legendäres Volk neu entdecken. Ausstellung im Hamburger Museum für Völkerkunde, 2014 (Zenith2014)
  4. Brunner, Ursula; Ledig, Georg; Kühn, Michael: Kaukasus. Die Geschichte der ersten Deutschen Arbeiter-Kaukasus-Expedition 1932. Münchner und Dresdner Arbeiter-Bergsteiger in der Sowjetunion. Buchendorfer Verlag, München 2002
  5. Friedrich Schwally (Gießen): Beiträge zur Kenntnis des Lebens der mohammedanischen Städter, Fellachen und Beduinen im heutigen Ägypten. Eingegangen am 29. November 1912. In: Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch historische Klasse (pdf)

Montag, 18. November 2024

Der Nordwestkaukasus - Die dritte Urheimat der Indogermanen

Völkergeschichte im Kaukasus vor und nach 2.400 v. Ztr.
- Vielfältige, reiche Völker entstehen und vergehen im Kaukasus 6000 bis 1000 v. Ztr.
- Der Nordwestkaukasus und die Kalmücken-Steppe waren die "dritte" Urheimat der Indogermanen

Einige Erkenntnisse einer neuen, soeben erschienenen archäogenetischen Studie (1): 
  • Tscherkessien war die Heimat von zwei Fünfteln der Vorfahren der Späten Urindogermanen
  • Das heißt, die Europäer sind tatsächlich genau auch das: "Kaukasier" 
  • Und das heißt auch: die Tscherkessen könnten als entfernte Brüder aller heutigen Europäer angesprochen werden
  • Unter dem Dach des Großreiches der Maikop-Kultur hat es vielfältige Ethnogenesen gegeben 
  • Nach 2.400 v. Ztr. kam indogermanische Steppengenetik erstmals umfangreicher in den Nordkaukasus, seitdem hat sich die Herkunftszusammensetzung dort nicht mehr wesentlich verändert
  • Vermutlich hat der Lebensraum Steppe jene Veränderungsbereitschaft mit sich gebracht, von der die Menschheitsgeschichte seit dem Spätneolithikum durch die Indogermanen geprägt ist

Die Urheimat des Volkes der Späten Urindogermanen, deren Nachkommen sich von 3.300 v. Ztr. ab über ganz Europa ausgebreitet haben, war der Untere Dnjepr. Die Vorfahren dieser Späten Urindogermanen stammten zu 20 % von den Menschen der Dnjepr-Donez-Kultur der Ukraine ab. Außerdem stammten sie zu 30 bis 40 % aus Tscherkessien im Nordkaukasus ab, sowie zu 40 bis 50 % von der Mittleren Wolga (s. Stg2024 und das folgende).*) Die genannten 30 bis 40 % Herkunft aus Tscherkessien können auf die damalige Darkveti-Meshoko-Kultur (4.500 bis 3.800 v. Ztr.) (Wiki) in dieser Region zurück geführt werden. Da Tscherkessisch aller Wahrscheinlichkeit nach eine "Ursprache" des Kaukasus ist (vergleichbar dem Baskischen in Nordspanien), ist es nicht unwahrscheinlich, daß noch die heutigen Tscherkessen - ihrer Sprache und Genetik nach - die unmittelbaren Nachfahren der Darkveti-Meshoko-Kultur sind.

Abb. 1: Die Nordgrenze des Ausbreitungsgebietes des "Kaukasus-Clusters" liegt nördlich des Hauptkamms des Kaukasus-Gebirges, nämlich am Fuße desselben, dort wo die Steppe beginnt (aus: Wang/Haack 2019) - Die gestrichelte Linie zeigt die Grenze zum "Steppen-Cluster" im Norden an, eingezeichnet sind die Fundorte von bis 2019 sequenzierten Menschenfunden

Wenn im späten 19. Jahrhundert von den Europäern die Rede war, daß sie einer sogenannten "kaukasischen Rasse" angehören würden (Wiki), so lag man damit damals also - vor dem Hintergrund der heutigen Erkenntnisse aus der Archäogenetik - gar nicht so falsch. Allerdings könnte man die Europäer mit gleichem Recht "Wolga-Leute" oder "Dnjepr-Leute" nennen.

Die Bauernvölker des Kaukasus, die iranisch-anatolisch-neolithischer Herkunft waren, haben Jahrtausendelang beharrlich unter sich geheiratet und eine kulturelle Heiratsgrenze am nördlichen Fuß des Kaukasus ("Piemont") aufrecht erhalten (s. Abb 1). Das war schon 2019 in einer archäogenetischen Studie festgestellt worden (s. Abb 1) (Stgen2022). Die Ausbreitung der indogermanischen Steppengenetik in Richtung Kaukasus zwischen dem 6. und 3. Jahrtausend v. Ztr. endete an dieser Grenze. 

Das heißt, die indogermanische Steppengenetik hat sich - im Wesentlichen - bis in die Spätbronzezeit, bis 2.400 v. Ztr. nicht in den Kaukasus ausgebreitet, also auch nicht bis zum Hauptkamm des Kaukasus. Dies ist ein wesentlicher Umstand, den es für alle folgenden Ausführungen im Hinterkopf zu behalten gilt.

Das ist auch der Grund, weshalb man bislang - zum Beispiel - beim klar indogermanischen Volk der Hethiter in Anatolien keine indogermanische Steppengenetik gefunden hat. Es muß allerdings mindestens ein Volk als sprachlich und kulturell indogermanisiert angenommen werden für die Zeit der Maikop-Kultur. Denn daß die anatolischen indogermanischen Sprachen (Wiki) aus einer anderen Region als aus dem Kaukasus stammen, ist mehr als unwahrscheinlich. Vielleicht wird man vermuten können, daß eine Form des Frühen Urindogermanisch eine Art Verkehrssprache ("lingua franca") innerhalb der Maikop-Kultur dargestellt hat. Denn auch die kulturelle Einheitlichkeit der Maikop-Kultur über die genannte genetische Grenze am Fuße des Kaukasus hinweg weit in die Steppe hinein macht diesen Umstand wahrscheinlich. Allerdings kann auch diese Frage aktuell nicht als definitiv geklärt gelten.

Angesichts der heutigen sprachlichen Vielfalt im Kaukasus muß im übrigen auch nicht zwangsläufig angenommen werden, daß es eine solche Vielfalt nicht auch schon unter dem Dach des Großreichs der Maikop-Kultur gegeben hätte.

Nur in selteneren Ausnahmefällen kam indogermanische (Steppen-)Genetik in größeren Anteilen auch schon vor 2.400 v. Ztr. in den Kaukasus und nach Anatolien. Diese ist für 4.100 v. Ztr.  in Menschenfunden der Areni-Höhle in Armenien festgestellt worden (s. Stgen2022). Während sich die frühen anatolisch-indogermanischen Sprachen mit der Kura-Araxes-Kultur über Anatolien ausgebreitet haben können, wobei nur ein dünner Schleier von mitgenommener "Steppen"-Genetik auf die eigentlichen sprachlichen Ursprünge zurück weist, kommt Steppen-Genetik dann besonders ausgeprägt erst mit der Trialeti-Kirovakan-Kultur (Wikieng) des Südkaukausus ab 2.200 v. Ztr. nach Armenien. Im Rahmen dieser Kultur ist ein berühmter Silberbecher gefunden worden, der eine wesentliche Geschichtsquelle für diese Ausbreitungsbewegung darstellt (Stgen2023). Mit dieser Kultur kam höchstwahrscheinlich das Armenische nach Anatolien. Beim Armenischen handelt es sich aber nicht um eine frühe Abzweigung jener frühen urindogermanischen Sprache, sondern um eine Abzweigung von der späten urindogermanischen Sprache der Jamnaja- und Katakombengrab-Kultur. Das Armenische kam zur selben Zeit nach Armenien wie das Griechische nach Griechenland kam - und offenbar unter vergleichbaren Umständen (archäologischer Zerstörungshorizont).   

Abb. 2: Tscherkessien im Nordwestkaukasus um 1830 (aus: GfbV) - Es deckt sich geographisch recht gut mit der Verbreitung der Darkveti-Meshoko-Kultur im 5. Jahrtausend v. Ztr. in derselben Region

Abgesehen von diesem genannten Grundzug der Völkergeschichte rund um den Kaukasus sind sowohl südlich wie nördlich des "Piedmont", des nördlichen Fußes des Kaukasus, im Laufe der Jahrtausende viele Völker entstanden und auch wieder vergangen. Im Wesentlichen wurde dabei aber die genannte Heiratsgrenze bis 2.400 v. Ztr. innegehalten.

Mesolithische Völker im Kaukasus

In abgelegenen Tälern des Kaukasus haben anfangs (siehe unten) noch mesolithische Restbevölkerungen gelebt, und zwar gab es dort einerseits Menschen mit reiner osteuropäischen Jäger-Sammler-Herkunft und andererseits - wichtiger noch - Menschen mit rein kaukasisch-neolithischer Jäger-Sammler-Herkunft. Solche Restbevölkerungen in Rückzugsräumen sind auch im ganzen übrigen Europa konstitutiv für die Ethnogenesen des Mittel- und Spätneolithikums. Und das ist auch im Kaukasus so. 

Der Wildreichtum, den unter anderem die Saiga-Antilope am Fuße des Kaukasus und die Wisente im Kaukasus darstellen, hat zur Lebensgrundlage dieser Jäger und Sammler gehört, die in dieser großartigen Berglandschaft lebten (2). 

Während die osteuropäischen Jäger und Sammler an der Mittleren Wolga konstitutiv sind für die Ethnogenese des Urvolkes der Frühen Indogermanen, der Chwalynsk-Kultur, sind die kaukasischen Jäger und Sammler konstitutiv für das Entstehen der Darkveti-Meshoko-Kultur im Nordwestkaukasus und den aus ihr hervorgehenden Folgekulturen bis hin zu den Tscherkessen.

Als vorläufig noch isoliert für sich stehende Erkenntnis muß benannt werden, daß die Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler um 6.100 v. Ztr. über die genannte genetische "Grenze" am nördlichen Fuß des Kaukasus hinweg bis in den nördlichen Kaukasus hinein verbreitet war. Dort ist sie danach dann aber offenbar abgelöst worden von Menschen vor allem kaukasisch-iranischer Herkunft (1). Inmitten des nachmaligen Verbreitungsgebietes der recht bedeutenden Nowoswobodnaja-(Maikop-)Kultur mit ihren berühmten Dolmen (Wiki), einer Untergruppierung der Maikop-Kultur, in der dortigen Satanaj-Höhle im historischen Siedlungsgebiet der Tscherkessen (Wiki) 70 Kilometer südöstlich der Stadt Maikop im Gubs-Tal (WikiaGMaps) - dem vormaligen Siedlungsgebiet des stolzen Tscherkessen-Stammes der Beslenejer (Wiki) (Abb 2) - sind 1963 und 1975 die Überreste osteuropäischer Jäger/Sammler gefunden worden. Als solche sind sie soeben in einer neu veröffentlichten archäogenetischen Studie identifiziert worden (1).

Da durch diese neue Studie die Heimat und das Volk der Tscherkessen im Nordwestkaukasus bedeutsam wird, erarbeiten wir parallel zwei weitere Beiträge: In einem tragen wir erste Eindrücke über die Herkunft, Kultur und Geschichte der Tscherkessen zusammen (Stg2024). In einem weiteren erste Eindrücke über die Erfahrungen der Soldaten jener etwa 30 deutschen, rumänischen und slowakischen Divisionen, die zwischen Sommer 1942 und Januar 1943 in der Kalmückensteppe nördlich des Kaukasus, am Terek-Fluß am Fuße des Kaukasus, im Hochgebirge des nördlichen Kaukasus, sowie im vorgelagerten Waldkaukasus den Zweiten Weltkrieg erlebten (Wiki) (s. Stg2024). 

Osteuropäische und kaukasische Jäger und Sammler trafen Jahrtausende lang im Kaukasus aufeinander, ohne daß dabei neue Völker entstanden

Wie wir unten noch sehen werden, ging aus der Nowoswobodnaja-(Maikop-)Kultur (Wiki) im nachmaligen Tscherkessien die bedeutende bronzezeitliche Kura-Araxes-Kultur Anatoliens hervor (deren Angehörige - zumindest in Teilen - Hurritisch und Hattisch gesprochen haben können). 

Abb. 3: Die Ethnogenese der Vor-Maikop-Kultur nördlich des Kaukasus 4.500 bis 4.000 v. Ztr. (aus 1)

Doch zurück ins 7. und 6. Jahrtausend v. Ztr., in jene Zeit des europäischen Frühneolithikums, in der sich rund um die Mittelmeer-Küsten der Ackerbau ausbreitete, und in der im Wiener Becken die Bandkeramik entstand. In derselben Zeit stießen im Kaukasus bäuerliche Kulturen aus dem Süden auf dort einheimische Jäger und Sammler (1):

Die ältesten Individuen in dieser Studie stammen aus der Satanaj-Höhle in Rußland (SJG001, 6221-6082 v. Ztr.) und von der frühneolithischen Stätte Arukhlo in Georgien (5885-5476 v. Ztr., n=4). SJG001 datiert vor der Ankunft des Vorderasiatischen Neolithikums im Kaukasus und überschneidet sich im PC-Raum mit osteuropäischen Jägern und Sammlern (EHGs), obwohl es geografisch nahe (ca. 50 km) an Stätten kaukasischer Jäger und Sammler (CHG) im Südkaukasus liegt, deren Individuen ein anderes genetisches Abstammungsprofil aufweisen.
The oldest individuals in this study are from Satanaj cave in Russia (SJG001, 6221–6082 cal bc), and from the early Neolithic site of Arukhlo in Georgia (5885–5476 cal bc, n = 4; Fig. 1). SJG001 predates the arrival of the Near Eastern Neolithic into the Caucasus and overlaps with Eastern European hunter-gatherers (EHGs) in PC space, despite being geographically close (about 50 km) to Caucasus hunter-gatherer (CHG) sites in the South Caucasus, whose individuals carry a different genetic ancestry profile (Fig. 2a).

Zu dieser neuen Erkenntnislage heißt es im Diskussionsteil (1):

SJG001 hat eine enge genetische Verwandtschaft mit Jäger-Sammler-Gruppen aus Karelien und der Samara-Region, im Gegensatz zu den geographisch näher gelegenen mesolithischen und neolithischen Individuen in der Ukraine, womit ein lange fortbestehendes Erbe der EHG-Abstammung in einem großen Gebiet Osteuropas bezeugt wird.
SJG001 shares a close genetic affinity to hunter-gatherer groups from Karelia and the Samara region, as opposed to the geographically closer Ukraine_Mesolithic and Neolithic individuals, attesting to a lasting legacy of EHG ancestry across a large area of eastern Europe. 

Das heißt: Jene Einmischung westeuropäischer Jäger und Sammler, die später bei den osteuropäischen Jägern und Sammlern der Ukraine, der Dnjepr-Donez-Kultur, zu beobachten ist, hatte sich um 6.100 v. Ztr. noch nicht bis in den Nordwestkaukasus hinein ausgebreitet. 

Diese Erkenntnis enthält nun vielerlei, keineswegs unbedeutende Schlußfolgerungen. Zunächst: Wer hätte gedacht, daß die Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler, die bis hinauf nach Karelien und bis herunter in die Ukraine verbreitet war, sogar im nördlichen Teil des Kaukasus lebte? Der hier genannte Menschenfund um 6.100 v. Ztr. liegt zeitlich noch einige Jahrhunderte vor der Ausbreitung von Hirten- und Bauernkulturen von Anatolien und vom Iran her in den Kaukasus hinein.

a) Bauern im Südost-Kaukasus

Menschen der bäuerlichen Shulaveri-Shomu-Kultur im heutigen Georgien, die zur Hälfte iranisch- und zur Hälfte anatolisch-neolithische Genetik in sich trugen (in Abb. 3 "Georgia_Neolithic"), wurden dann - mit einer Zeitstellung um 5.500 v. Ztr. gefunden. Und zwar in einer Höhle bei Arukhlo (WikiGMaps) in Georgien inmitten des Kaukasus - südlich von Tiflis und südlich des Hauptkammes des Kaukasus. Es handelt sich um die bis jetzt nördlichst-gelegene bekannte Siedlung dieser reichen, bäuerlichen Shulaveri-Shomu-Kultur. Diese Kultur hat schon in großen Bottichen Wein verarbeitet.**) Die Ausgrabungen dort hatten schon 1966 und 1978 bis 1985 stattgefunden (1, Anhang, S. 11f). Die Menschenfunde dieses Ortes trugen den höchsten Anteil von kaukasisch-iranischer Genetik innerhalb der Shulaveri-Shomu-Kultur (s. Abb. 3: "Georgia_Neolithic"). An der Ausbreitungsgrenze ("Frontier") haben sich diese Bauern also offenbar noch einmal erneut mit einheimischen kaukasischen Jägern und Sammlern vermischt. 

b) Bauern im Nordwest-Kaukasus 

Zu schlußfolgern ist aufgrund dessen weiterhin: Im Nordwest-Kaukasus müssen zeitgleich auch noch unvermischte Angehörige der kaukasischen Jäger und Sammler (bzw. der iranisch-neolithischen Völkergruppe gelebt haben - beide zeitlich aufeinanderfolgenden Völkergruppen sind ja genetisch fast identisch). Und diese hinwiederum haben offenbar in bedeutender Weise auf nachfolgende Ethnogenesen genetisch Einfluß genommen. Und von diesen stammen deshalb noch heute alle genetisch indogermanisierten Europäer - zumindest in kleinen Anteilen  - ab. Denn die dortige bäuerliche Darkveti-Meshoko-Kultur entstand offenbar dadurch, daß sich Menschen der Shulaveri-Shomu-Kultur im Nordwestkaukasus um 5.000 v. Ztr. noch einmal erneut zur Hälfte mit unvermischten Angehörigen der Kaukasus-iranischen Völkergruppe vermischt haben (in Abb. 3 "Caucasus_Eneolithic").

Daraus hinwiederum darf man schlußfolgern, daß Menschen der Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler und Menschen der Kaukasus-iranischen Völkergruppe am Hauptkamm des Kaukasus mehrere Jahrtausende lang aufeinander getroffen waren, ohne daß beide Völkergruppen schon zu diesem frühen Zeitpunkt sich in einem bleibenden Ethnogenese-Prozeß miteinander vermischt hatten. (Zumindest soweit bislang bekannt.)

c) Menschen an der Straße von Kertsch

Allerdings vermischten sich um 4.500 v. Ztr. nahe der Straße von Kertsch am Südende des Asowschen Meeres, ganz im Westen der Kalmücken-Steppe noch einmal unvermischte Angehörige der Kaukasus-iranischen Völkergruppe mit noch mesolithisch lebenden Menschen der Dnejpr-Donez-Kultur (Abb. 3: "Steppe_Eneolithic_outlier_West", Individuum "KHB003"). Die ersteren könnten entweder von der Wolga her nach Westen gekommen sein, bevor es zur Ausbreitung der Chwalynsk-Kultur von der Mittleren Wolga aus ab 4.500 v. Ztr. kam. Oder sie könnten über den Nordwestkaukasus hinweg bis zur Straße von Kertsch gekommen sein (oder gar direkt vom Zagros-Gebirge schon während der PPNB-Zeit). Dann müßten sie aber nördlich des Kaukasus die osteuropäischen Jäger und Sammler verdrängt und ersetzt oder zumindest umgangen haben. Dieses Vermischungsereignis nahe der Straße von Kertsch - in Abb. 3 benannt "Steppe_Eneolithic_outlier_West" - ähnelt genetisch ein wenig dem zeitgleichen Vermischungsereignis, aus dem das Volk der Frühen Urindogermanen an der Mittleren Wolga, die Chwalynsk-Kultur, hervor gegangen ist. In der Studie heißt es über die Menschenfunde nahe der Straße von Kertsch (1):

KHB003 (4318-4057 v. Ztr.) vom am weitesten im Westen gelegenen Fundort weist eine höhere genetische Nähe zu westeuropäischen Jägern und Sammlern (WHG) und zu anatolisch-neolithischer Herkunft auf (|Z| > 3). Es kann modelliert werden als eine Zwei-Wege-Mischung zwischen CHG und Ukraine-Neolithikum.
KHB003 (4318-4057 cal bc) from the western-most site has a higher genetic affinity to Western hunter-gatherer (WHG) and Anatolia Neolithic-like ancestry (|Z| > 3), and can be modelled as a two-way mixture between CHG and Ukraine_Neolithic.

Wie wir schon von der vorherigen Studie aus dem Frühjahr 2024 wissen, hatten sich in der Ukraine die osteuropäischen Jäger und Sammler mit hereinkommenden westeuropäischen Jägern und Sammlern vermischt, daher die hier genannte letztere Komponente. Wie hier sich allerdings die anatolisch-neolithische Herkunft mit einer Zwei-Wege-Mischung vereinbaren läßt, verstehen wir noch nicht. Das scheint uns widersprüchlich formuliert. Oder sie stammt von Menschen der Darkveti-Meshoko-Kultur, bei denen es ja einen anatolisch-neolithischen Herkunftsanteil gab.

d) Ethnogenese an der Mittleren Wolga

Zeitgleich geschah um 4.500 v. Ztr. an der Mittleren Wolga dann jedenfalls das oben genannte Einzigartige, daß sich an der Ostseite des Kaspischen Meeres und entlang des Unterlaufes der Wolga noch unvermischte Schafs- und Rinderhirten der iranisch-neolithischen Völkergruppe nach Norden ausbreiteten (in Abb. 3: CHG) und dort - einmal erneut - auf unvermischte Angehörige der osteuropäischen Jäger und Sammler trafen. Und hier ergab sich dann erst jener Ethnogenese-Prozeß, der zum Volk der Frühen Urindogermanen führte, zur Chwalynsk-Kultur mit ihrer sehr einzigartigen, exzentrischen Ausbreitungstendenz und dieser ganz neuen, exzentrischen Hirten-Kultur des Volkes der Frühen Urindogermanen.

Gelegenheit zu vergleichbaren Ethnogenese-Prozessen wie jenem an der Mittleren Wolga könnte es aber - wie schon an mehreren Stellen deutlich wurde - durchaus auch schon in anderen Regionen und auch in früheren Jahrtausenden gegeben haben, zum Beispiel in der Nähe des Hauptkammes des Kaukasus oder an der Straße von Kertsch. Dieser Umstand könnte noch einmal deutlich machen, daß die weltgeschichtlich so bedeutsame und folgenreiche Ethnogenese der Frühen Urindogermanen an der Mittleren Wolga an ganz bestimmte räumliche Bedingungen gebunden gewesen sein muß und auch an Bedingungen genau dieses Zeitalters.

Man möchte fast vermuten, daß es der zeitlichen Bedingungen des Mittel- und Spätneolithikums bedurfte und auch genau dieser Region an der Mittleren Wolga, damit ein solcher Ethnogenese-Prozeß solche weltgeschichtlich nachhaltigen Folgen mit sich bringen konnte. Erst zu diesem Zeitpunkt mögen sich die noch mesolithisch lebenden Völker am Nordrand der Ausbreitung der bäuerlichen Kulturen wieder verstärkt auf sich selbst besonnen haben, selbstbewußter geworden sein im Angesicht der Bauern-und Hirten-Kulturen aus dem Süden. Und dadurch mögen sie sowohl kulturell wie auch demographisch anteilsmäßig - ausgesprochener als zuvor - auf Ethnogenese-Prozesse dieser Zeit Einfluß genommen haben. Und dabei müssen die klimatisch sehr schwankenden Lebensbedingungen der Steppe Einfluß genommen haben, darauf, daß in dieser nur sehr veränderungsbereite, wandlungsfreudige Menschen überleben konnten (mehr dazu weiter unten).

Andererseits war ein solcher nachhaltiger Ethnogenese-Prozeß um so leichter, als bäuerliche Kulturen in der Steppe zwischen Dnjepr und Wolga zwar gegenüber mesolithischen Völkern schon deutlich erhöhte Siedlungsdichten aufgewiesen haben werden, aber keineswegs so hohen Siedlungsdichten wie die von der vollbäuerlichen, aus der mitteleuropäischen Bandkeramik hervorgegangene Cucuteni-Tripolje-Kultur westlich des Dnjepr und die bäuerlichen Kulturen südlich des nördlichen Fußes des Kaukasus ausgebildet hatten. Die nicht oder nur wenig Ackerbau-mäßig bearbeitete Steppe bildete kulturgeschichtlich somit einen völlig neuen Lebens- und Wirtschaftsraum, der Jahrtausende lang Einflüsse nehmen sollte auf die Weltgeschichte. Solche hier ausgebildeten "mittleren" Steppen-Siedlungsdichten könnten Jahrtausende-lang der Hauptfaktor gewesen sein dafür, daß jeweils hälftige Herkunfts-Anteile Anteil an Ethnogenese-Prozessen nehmen konnten. Herkunftsanteile, die sonst in Europa von vollneolithischen Herkunftsanteilen demographisch "erdrückt" wurden.

Ethnogenesen nach 4.500 v. Ztr.

a) Von der Chwalsynsk- zur Steppen-Maikop-Kultur

Ab 4.500 v. Ztr. beginnt also die demographische Ausbreitung der Frühen Urindogermanen von der Mittleren Wolga aus Richtung Süden, und zwar anfangs, was es zu beachten gilt, schwerpunktmäßig östlich der Wolga, später dann auch westlich der Wolga (s. Abb. 5). In Abbildung 4 ist die Ethnogenese der indogermanischen Vor-Maikop-Kultur nördlich des Kaukasus zwischen 4.500 und 4.000 v. Ztr. grafisch dargestellt als "Steppe Eneolithic" (1):

f4-Statistiken zeigen, daß Steppen_Äneolithikum-Individuen aus dem Nordkaukasus eine größere Nähe zu CHG haben als Individuen aus Chwalynsk (...) und daß sie modelliert werden können mit 55 % CHG-ähnlicher und 45 % EHG-ähnlicher Abstammung.
f4-statistics show that Steppe_Eneolithic individuals from the North Caucasus have a higher affinity to CHG than individuals from Khvalynsk (Extended Data Figs. 4 and 6 and Supplementary Table 9), and can be modelled as 55% CHG-like and 45% EHG-like ancestry.

Dieses Geschehen wird ja hier auf dem Blog schon seit 2019 eingeordnet. Innerhalb der Menschen mit Steppengenetik in der Steppe gab es nach dieser Studie dann ab 4.000 v. Ztr. noch leichtere Verschiebungen in den Herkunftsanteilen, und zwar in Richtung auf osteuropäische Jäger-Sammler, deren Herkunftsanteil nun 52 % ausmachte (in Abb. 4: "Steppe_Eneolithic" und "Late_Steppe_Eneolithic").

Am Fuße des Kaukasus und am Rande der Steppe rund um Nalchik ist es zur Vermischung von Menschen mit Steppengenetik und Menschen der Shulaveri-Shomu-Kultur gekommen. Jahrtausende lang hatten ja die Hirten des Kaukasus ihre Winterviehweiden in der Steppe, ihre Sommerviehweiden im Gebirge. Nachkommen der Chwalynsk-Kultur mit hälftigen Anteilen EHG/CHG-Herkunft vermischten sich mit Menschen der Shulaveri-Shomu-Kultur, wobei letztere 55 % der Herkunft beitrugen. Oder, im Originalton der Studie (1):

Die Individuen ZO1002 und ZO1004 (3953-3713 cal v. Ztr.) sind in PCA und ADMIXTURE in Richtung des Kaukasus-Clusters verschoben (...) und weisen im Vergleich zu den Late_Steppe_Eneolithic-Individuen weniger EHG-bezogene Abstammung auf und werden daher als Late_Steppe_Eneolithic_outlier bezeichnet. Unter Verwendung proximaler Quellen konnten wir beide als eine Zwei-Wege-Mischung aus Caucasus_Eneolithic (55 % ± 6,4) und Steppe_Eneolithic (45 % ± 6,4)-Abstammung modellieren (...). Zusammen mit den Individuen Nalchik und Steppe_Maykop_outlier1 spiegelt dies den Genfluß zwischen eneolithischen Gruppen wider, die in der Steppe und in den Ausläufern des Kaukasus leben.
The individuals ZO1002 and ZO1004 (3953–3713 cal bc) are shifted towards the Caucasus cluster in PCA and ADMIXTURE (Fig. 2b and Extended Data Fig. 2), and carry less EHG-related ancestry compared to the Late_Steppe_Eneolithic individuals, and are thus labelled Late_Steppe_Eneolithic_outlier. Using proximal sources, we could model both as a two-way mixture of Caucasus_Eneolithic (55% ± 6.4) and Steppe_Eneolithic (45% ± 6.4) ancestries (Fig. 2d and Supplementary Table 13). Together with the Nalchik and Steppe_Maykop_outlier1 individuals, this reflects gene flow between Eneolithic groups living in the steppe and the Caucasus foothills.

Für welchen Zeitraum sich diese Vermischung etablierte scheint einstweilen nicht klar zu sein. Ebenso wenig scheint klar zu sein, ob sie auf nachfolgende Ethnogenesen Einfluß genommen hat. Es steht zu vermuten, daß es sich um eine lokal und zeitlich begrenzte Vermischung handelte, die auf nachfolgende Ethnogenesen keinen Einfluß genommen hat. Aber immerhin könnte man es als naheliegend ansehen, daß sich in der Gegend von Nalchik das Herrschaftszentrum der weit ausgedehnten Maikop-Kultur befand.

b) Von der Chwalynsk- zur "Manych-Kultur"

Dann gab es eine Ethnogenese, die bis heute auf alle Europäer und auf alle Völker mit Steppengenetik-Anteilen nachwirkt: In der Kalmücken-Steppe nördlich des Kaukasus vermischen sich Menschen der Chwalynsk-Kultur mit Menschen der dortigen Darkveti-Meshoko-Kultur (Abb. 3: "Eneolithic Intermediate"). Beide Seiten steuerten jeweils zur Hälfte die Herkunft bei, so daß der von den Menschen der Chwalynsk-Kultur mitgebrachte Herkunftsanteil osteuropäischer Jäger und Sammler in der entstehenden Population 26 % betrug. (In der Studie vom Frühjahr 2024 waren hierfür 30 % osteuropäische Jäger-Sammler-Herkunft angeführt worden [s. Stg24].) Einen ähnlichen Anteil nahm die anatolisch-neolithische Herkunft hier ein, während die iranisch-neolithische Herkunft etwa die Hälfte betrug. Diese Herkunft etablierte sich in einer Region nördlich des nördlichen Fußes des Kaukasus.

Kulturell ist diese genetisch neue Population in der Kalmücken-Steppe von den Archäologen - soweit wir wissen - noch gar nicht als eigenständige Gruppe charakterisiert worden. Vom Blickwinkel der Genetik her hätte man womöglich Grund, sie "Manych-Kultur" zu nennen. (Entsprechend des in der Studie vom Frühjahr 2024 in den Mittelpunkt gestellten Fundortes Remontnoye könnte man auch von "Remontnoye-Kultur" sprechen [s. Stg24].) Aus sprachgeschichtlicher Sicht sollte sie eine mittelurindogermanische Sprache gesprochen haben. Denn sonst wäre nicht erklärbar, wie das Urindogermanische sich zum Unteren Dnjepr sollte ausgebreitet haben können.

Wie wir schon aus Blogbeiträgen von Anfang dieses Jahres wissen, hat diese Kultur offenbar gute demographische Ausbreitungsmöglichkeiten besessen und genutzt und sich aufgrund dessen entlang des Manych bis zum Don und von dort bis zum Unteren Dnjepr ausgebreitet. Diese Kultur dürfte also höhere Siedlungsdichten und fortschrittlichere Wirtschaftsweisen aufgewiesen haben als die mesolithische Dnjepr-Donez-Kultur dieses Raumes. Am Unteren Dnjepr bildete sich aus der Vermischung mit den dortigen Bewohnern die Sredni-Stog-Kultur und aus dieser dann ab 3.300 v. Ztr. das Volk der Späten Urindogermanen, das Volk der Jamnaja-Kultur. Das Volk der "Manych-Kultur", das diese Ethnogenese voran trieb, wurde damit zu einem der bedeutendsten Vorfahren-Völker aller heutigen Europäer. Zu einem nicht unbeträchtlichen Anteil stammen damit alle heutigen Europäer aus - Tscherkessien, bzw. aus dem Nordkaukasus.

Die vormals in der Region des nördlichen Kaukasus lebenden osteuropäischen Jäger und Sammler haben offenbar auf die nachfolgenden Ethnogenesen in diesem Raum keinen genetischen Einfluß mehr genommen. Das kann nur heißen, daß sie in diesem Raum genetisch vollständig "ersetzt" worden sind, sprich, daß sie in diesem Raum ausgestorben sind.

Abb. 4: Die genetischen Verschiebungen innerhalb der Maikop-Kultur 4.500 bis 3.500 v. Ztr. (aus 1

Innerhalb des Großreiches der frühen Maikop-Kultur ist es dann - ähnlich wie innerhalb der zeitgleichen Sredni-Stog-Kultur am Unteren Dnjepr zu weiteren Verschiebungen in den Herkunftsanteilen in den vielen "Reichsteilen", bzw. in den vielen dort lebenden Stämmen, Völkern und Sprachgruppen gekommen.

c) Von der Darkveti-Meshoko- zur Nowoswobodnaja- und zur Kura-Araxes-Kultur

Dazu muß zunächst folgendes erläutert werden: Das in der Grafik von Abbildung 4 genannte Dorf Nowoswobodnaja (vormals "Tsarskoy") (Wiki, russ) liegt in dem schon genannten bergigen Waldgebiet von Tscherkessien, 50 Kilometer südöstlich der Stadt Maikop (GMaps). Es weist archäologisch und geschichtlich vielfältige Zeugnisse auf. 1861 traf sich hier der russische Kaiser Alexander II. mit einer Delegation von in der Heimat verbliebenen Tscherkessen zusammen. Zur Erinnerung daran wurde hier 1881 eine Kapelle errichtet. Diese ist heute verfallen.

Innerhalb der archäologischen Forschung hat es in der letzten 100 Jahre viele Erörterungen gegeben zur Datierung und zur geschichtlichen Herkunft und Einordnung der in der Umgebung dieses Dorfes vorgefundenen vielfältigen archäologischen Zeugnisse, sprich, der "Nowoswobodnaja-Kultur" (Wiki, engl). Diese weist nämlich deutliche Eigenständigkeit gegenüber der zeitgleichen Maikop-Kultur auf. Am ehesten dürfte sich der heutige Forschungsstand mit den folgenden Ausführungen decken (Wiki):

Einige Archäologen, darunter Sergei Korenevsky, bevorzugen die Hypothese der Existenz einer allgemeineren Maikop-Nowoswobodnaja-Kulturgemeinschaft, die viele lokale Varianten umfaßte, wie sie beispielsweise in der Siedlung Galjugajewskaja (Bezirk Kurski, Region Stawropol, Rußland) gefunden wurden.
Some archaeologists, including Sergei Korenevsky, prefer the hypothesis of the existence of a more general Maykop-Novosvobodnaya cultural community, that included many local variants such as found at the Galyugayevskaya settlement (Kursky District, Stavropol Krai, Russia).

Bei Nutzung einer allen verständlichen Verkehrssprache konnten ja einzelne Regionen der Maikop-Kultur ihre eigene Sprache und Kultur weiter führen. So könnte die staatliche Struktur der Maikop-Kultur modelliert werden. (Nach Wikipedia haben die Archäologen Trifonov und Shishlina erst jüngst wieder bei Nowoswobonaja gegraben. Man darf deshalb auf weitere Erkenntnisse gespannt sein.)

Nach der Genetik handelt es sich bei der Nowoswobodnaja-Kultur (Wiki), berühmt durch ihre vielen Dolmen, um Nachkommen der Darkveti-Meshoko-Kultur. Während es in der übrigen Maikop-Kultur südlich des nördlichen Fußes des Kaukasus während des 4. Jahrtausends noch einmal zur Erhöhung des Kaukasus-iranischen Herkunftsanteils um 28 % gekommen ist (!), hat sich dieser in der Nowoswobodnaja-Kultur sogar auf 42 % erhöht (Abb. 4 von unten: "Maykop" und "Maykop_Novovobodnaya"). Das heißt, daß es zu jenem Zeitpunkt immer noch unvermischte Kaukasus-Jäger-Sammler in abgelegenen Tälern des Kaukasus gegeben hatte, die nun "integriert" wurden, bzw. die womöglich sogar bedeutend zur Ausprägung einer neuen Kultur beigetragen haben. Außerdem nahmen Nachkommen von Menschen der Shulaveri-Shomu-Kultur genetisch Einfluß auf beide Kulturen mit 50 % und 17 % Herkunftsanteilen. Indogermanische Steppen-Genetik kommt in beiden Kulturen, gelegen nördlich des Hauptkammes des Kaukasus nicht vor. Das schließt aber - wie schon gesagt - nicht aus, daß kulturell oder sogar sprachlich indogermanische Einflüsse unterstellt werden müssen im Verlauf der hier stattfindenden Ethnogenesen. Schließlich hatte sich Steppen-Genetik ja zwischenzeitlich schon - vermutlich über den Gebirgspaß der nachmaligen "Georgischen Heerstraße" (Wiki) - bis in die Areni-Höhle im heutigen nördlichen Armenien ausgebreitet, weit südlich des Hauptkamms des Kaukasus. Und sie breitete sich dort in weiteren Jahrhunderten - mit der Kura-Araxes-Kultur bis ins Innere Anatoliens aus.

Da die Lebensweise der aus der Nowoswobodnaja-Kultur hervorgehenden Kura-Araxes-Kultur mit ihrer Halbseßhaftigkeit in abgelegeneren Siedlungsräumen zwischen den vollneolithischen Dörfern und Städten Anatoliens sehr derjenigen zeitgleicher indogermanischer Kulturen in Europa ähnelt, wird schon seit längerem vermutet, daß die Kura-Araxes-Kultur Anatoliens kulturell vom Volk der Frühen Urindogermanen beeinflußt gewesen ist. Gegebenenfalls hat sie sogar schon (Verkehrs-)Sprachen in Anatolien verbreitet, die von der Sprachforschung heute vom Frühen Urindogermanischen abgeleitet werden und die sich zumindest in nachfolgenden Jahrtausenden dann in Anatolien finden (Hethitisch, Lykisch, Lydisch usw., will heißen die anatolischen indogermanischen Sprachen) (Wiki). Wir lesen in einem späteren Abschnitt der Studie (1):

Individuen, die mit der Kura-Araxes-Kultur in Georgien (3600/3300–2400 cal v. Chr., n = 6) in Verbindung gebracht werden, stimmen in der PC- wie in der ADMIXTURE-Analyse mit schon bekannten Kura-Araxes-Individuen aus Armenien und Dagestan ebenso wie mit Maykop-Individuen überein (...), was auf eine Kontinuität des Kaukasus-Abstammungsprofils während der Mittleren Bronzezeit hindeutet, jedoch auch auf Heterogenität zwischen verschiedenen Kura-Araxes-Gruppen (Supplementary Table 14). Wenn Maykop-Gruppen als einzige Herkunfts-Quelle unterstellt werden, gelangt man zu gut passenden Herkunfts-Modellen (von P = 0,09 bis P = 0,7; Supplementary Table 15), wobei Maykop_Novosvobodnaya die beste Quelle für Kura-Araxes-Individuen aus Georgien und Armenien darstellt (Berkaber, Kalavan, Karnut und Shengavit) und Maykop als paßendste Herkunfts-Quelle für Talin (P = 0,2). Im Gegensatz dazu werden zur Herkunfts-Modellierung von Individuen aus Kaps in Armenien oder Velikent in Dagestan zusätzliche Herkunft aus Armenia_C oder Iran_C benötigt, bzw. aus beiden.
Individuals associated with the Kura–Araxes culture in Georgia (3600/3300–2400 cal bc, n = 6) fall close in PC space and ADMIXTURE with published Kura-Araxes individuals from Armenia and Dagestan, as well as Maykop individuals (Figs. 2b and 3a and Extended Data Fig. 2), suggesting continuity of the Caucasus ancestry profile during the MBA, but with heterogeneity20 among different Kura–Araxes groups (Supplementary Table 14). Using Maykop groups as a single source results in well-fitted models (from P = 0.09 to P = 0.7; Supplementary Table 15), with Maykop_Novosvobodnaya as the best source for Kura–Araxes individuals from Georgia and Armenia (Berkaber, Kalavan, Karnut and Shengavit), and Maykop as the best source for Talin (P = 0.2). By contrast, individuals from Kaps in Armenia or Velikent in Dagestan require additional ancestry from either Armenia_C or Iran_C, or both.

Talin (Wiki) ist eine Kleinstadt im Nordwesten Armeniens. Der Satz, daß "Maykop_Novosvobodnaya die beste Quelle für Kura-Araxes-Individuen aus Georgien und Armenien darstellt", dürfte für mancherlei Erkenntnisschübe im Verstehen der sprachgeschichtlichen Zusammenhänge beitragen. Aber auch hier wird noch einmal deutlich, mit was für komplexen Ethnogenese-Prozessen man es im Kaukasus zu tun hat. Daß hier die Nowoswobodnaja-Kultur als eine wesentliche Ursprungs-Kultur der Kura-Araxes-Kultur angesprochen wird, dürfte, soweit uns das erkennbar ist, gerade für eine "kleine" Sensation innerhalb der Archäologie und innerhalb der historischen Sprachwissenschaften sorgen. Denn wir finden bis dato Zusammenhänge zwischen der Nowoswobodnaja- und der Kura-Araxes-Kultur auf keinem Wikipedia-Artikel erwähnt (weder auf dem deutschen, englischen oder russischen). Das könnte bedeuten, daß man diese Zusammenhänge bisher von archäologischer Seite aus bislang so deutlich nicht gesehen hatte.

d) Westsibirische Herkunft - Sie kommt in die Steppen-Maikop-Kultur hinein und verliert sich dann wieder

Innerhalb der Steppe kommt es aber erstaunlicherweise noch zu bedeutenden genetischen Verschiebungen. Und zwar zu einer hälftigen Einmischung von Menschen westsibirischer, genetischer Herkunft. Dies ist auch der wichtigste Herkunftsanteil der frühen, recht europäisch aussehenden Wüstenmumien in der Taklamakan in Innerasien - wie wir erst seit zwei bis drei Jahren wissen (Stgen2022).

Zwei Mißverständnissen darf man in diesem Zusammenhang nicht verfallen. Erstens: Diese "westsibirische Herkunft" darf nicht mit der Naganasan-Herkunft verwechselt werden, die sich erst später in Westsibirien ausgebreitet hat, und die den Kern der finno-ugrischen Völkergruppe bildete und die mit einem deutlich asiatischeren Menschentypus einher geht. Zweitens: Die in der Studie diesbezüglich erwähnte Botai-Kultur trug selbst nur 25 % westsibirischer Herkunft in sich (und zu 75 % osteuropäische Jäger-Sammler-Herkunft), insofern dürfte explizit diese keineswegs als der eigentlich Ursprung dieser Beimischung infrage kommen. Es darf aber daran erinnert werden, daß die viel später lebenden Altai-Skythen, bzw. die Pazyryk-Kultur 20 bis 40% westsibirische Genetik aufweisen, und daß die vielleicht in der Pazyryk-Kultur wurzelnden Turkvölker bis heute - zumindest kulturell - als Repräsentanten dieser Herkunftsgruppe gelten können. Auch die germanische Gott-Vorstellung Odin und die ihnen ähnelnden Narten-Sagen des Kaukasus könnten ja von den Sarmaten und Alanen in der Eisenzeit von den Altai-Skythen übernommen und nach Westen in den Kaukasus und in den germanischen Bereich Europas übermittelt worden sein (siehe andere Beiträge hier auf dem Blog: Stgen2020, Stgen2024).

Von der fast vollneolithisch anmutenden Kelteminar-Kultur (Wiki) südöstlich des Kaspischen Meeres ist schon 2018 festgestellt worden, daß sie westsibirische Genetik in sich getragen hat (Stg2018). Von dieser her könnten sich Angehörige des Volkes der Frühen Urindogermanen mit Angehörigen der westsibirischen Herkunftsgruppe vermischt haben.  

Auf jeden Fall überraschend, daß es auch schon zu so früher Zeit zur Vermischung zwischen urindogermanischer und westsibirischer Herkunft gekommen ist, auch wenn sich die Nachkommen dieser Vermischung offenbar nicht nachhaltiger in der turbulenten Weltgeschichte nördlich des Kaukasus scheinen gehalten zu haben.

Abb. 5: Geographische Ausbreitung der urindogermanischen Wildpferdekopf-Zepter von Chwalynsk an der Mittleren ausgehend: Der Schwerpunkt der ersten Ausbreitungsphase liegt östlich der Wolga und des Kaspischen Meeres - Kreis="schematisches" Zepter, Quadrat="realistisches" Zepter (aus 3, S. 147)

Wie aber war es zu dieser westsibirischen Einmischung gekommen? Das Verbreitungsgebiet der westsibirischen Völkergruppe erstreckte sich zumindest bis in die Nähe des Ostufers des Kaspischen Meeres. Die Chwalynsk-Kultur hatte sich nicht nur westlich der Wolga, sondern insbesondere auch in der frühen Phase ihrer Ausbreitung am Ostufer der Wolga und des Kaspischen Meeres nach Süden ausgebreitet - wie man entsprechenden Verbreitungskarten entnehmen kann. Also ostwärts der nachmaligen Handelsstadt Astrachan an der Wolga (Abb. 5: 1a) und ostwärts des Nordostufers des Kaspischen Meeres (Abb 5: 1c). 

/ Ergänzung: Sie besiedelte insbesondere die Mangischlak-Halbinsel (Wiki) (4). Heute ist diese eine Halbwüste, sie wurde mehrere Jahrhunderte von den Kalmücken bewohnt, davor von anderen Völkern. /

Offenbar hat sich in diesem Bereich oder von diesem Bereich ausgehend eine neue Misch-Population gebildet, die sich dann hinwiederum über die Wolga hinweg nach Westen ausgebreitet hat und die dort vorherrschende Steppen-Maikop-Kultur mit reiner indogermanischer Steppen-Genetik zu größeren Teilen ersetzt hat. Vielleicht waren auch größere Teile der dortigen Bevölkerungen nach Westen oder nach Süden über den Kaukasus hinweg abgewandert. In der Studie heißt es zu dieser Verbindung mit westsibirischer Herkunft (1):

Diese Verbindung ist rätselhaft und steht bisher mit keinem bekannten archäologischen Phänomen in Zusammenhang.
This link is enigmatic and not yet related to any known archaeological phenomenon.

Diese hälftig westsibirische Steppen-Maikop-Kultur hat dann im Bereich Nowoswbodnaja 41 % der dortigen Herkunft neu eingebracht (Abb. 4: "Steppe_Maykop_oulier_1"), während Menschen der Nowoswobdnaja-Kultur 38 % Herkunft zu einer weiteren Unterpopulation der Steppen-Maikop-Kultur beigetragen haben (Abb. 4: "Steppe_Maykop_outlier_2"). Aber diese Unterpopulationen haben offenbar auf spätere Ethnogenesen keinen Einfluß mehr ausgeübt, sind also - nach derzeitigem Kenntnisstand - genetisch ausgestorben.

Es wird dennoch insgesamt deutlich, welch eine Dynamik es in den Völkerbewegungen insbesondere nördlich des Kaukasus vor, während und nach der der Maikop-Kultur gegeben hat. Unter dem Dach des anzunehmenden Großreiches der Maikop-Kultur haben sich über die Jahrhunderte immer wieder beträchtlich unterschiedliche Ethnogenese-Prozesse und Herkunftsverschiebungen ergeben, die insbesondere auch mit Halbseßhaftigkeit zu tun gehabt haben. Dieser Umstand ist jedenfalls in ein allgemeineres Bild der Geschichte der Maikop-Kultur einzufügen. Hierfür die angemessenen Interpretationen und Deutungen zu liefern, wird sicherlich die Aufgabe der diese Region bearbeitenden Archäologen der nächsten Jahre sein. 

Nach 3.300 v. Ztr. - Die Jamnaja-Kultur

Als nächstes tritt dann die Jamnaja-Kultur in der Steppe nördlich des Kaukasus auf. Sie weist ihre wiederum ganz eigene, spezifische Genetik auf, die unabhängig von westsibirischen genetischen Einflüssen entstanden ist, und deren Entstehungsprozeß schon im Frühjahr 2024 geklärt worden ist und in mehreren Blogartikeln hier auf dem Blog behandelt worden ist. Das westsibirisch-indogermanische Mischvolk der Steppen-Maikop-Kultur wird also wiederum genetisch vollständig von den Jamanja ersetzt. Vielleicht hat sich das westsibirisch-indogermanische Mischvolk der Steppen-Maikop-Kultur bei der Eroberung der Tripolje-Cucuteni-Kultur um 3.500 v. Ztr. "verbraucht" (?) (s. Stg2022). 

Die Jamnaja-Kultur findet sich in der Folge-Grafik (Abb. 6) als "Yamnaja_North_Caucasus" und "North_Caucasus (NCC)" dargestellt mit der Zeitstellung 2.500 v. Ztr.. Allerdings suggeriert die Grafik, daß die Einmischung von 15 % Ukrainisch-neolithischer Herkunft zeitgleich zur Einmischung von 15 % Nowoswobodnaja-Herkunft geschehen sei. Das ist natürlich nicht der Fall. Die erstere Einmischung hatte sich ab 3.300 v. Ztr. bei den Kern-Jamnaja am Unteren Dnjepr etabliert, die letztere Einmischung wird erst stattgefunden haben, nachdem die Jamnaja sich bis an den Fuß des Kaukasus und womöglich darüber hinaus ausgebreitet hatte. 

Es tritt also im Nord-Kaukasus noch ein 21%iger Herkunftsanteil der Nowoswobnaja-Kultur hinzu (wobei die westsibirische Herkunftskomponente wiederum keine Rolle gespielt hat, was zeigt, daß es unvermischte Nowoswobodnaja-Menschen weiterhin und parallel zu den Menschen mit westsibirischer Einmischung gegeben hatte). 

Abb. 6: Ethnogenesen rund um den Kaukasus um 3.000 v. Ztr.

Von der Jamanaja-Kultur zur Katakombengrab-Kultur hat es dann nördlich des Kaukasus offenbar 100%ige genetische Kontinuität gegeben (s. Abb. 6: "Catacomb"). Der Nowoswobnaja-Herkunftsanteil sinkt allerdings in dieser Zeit im Nordkaukasus von 21%  auf 15% (s. Abb. 6: "Catacomb"). 

Ab 2.400 v. Ztr.

Der Grund dafür, daß in Abbildung 6 "North_Caucasus" und "Yamnaja_North_Caucasus" unterschieden werden, obwohl die Unterschiede in den Herkunftsanteilen zwischen beiden nicht sehr groß sind, wird erst deutlich, wenn man sich Abbildung 7 ansieht. Auf dieser kann nämlich nachvollzogen werden, daß regionale Untergruppen der Kura-Araxes-Kultur ab 2.400 v. Ztr. durch unterschiedlichen Zustrom von Jamanaja-Genetik gekennzeichnet sind. 

Diese Veränderungen ab 2.400 v. Ztr. vollziehen sich zeitgleich und parallel zur Ankunft von Steppengenetik in Nordgriechenland und von dort aus dann im übrigen Griechenland.

Abb. 7: Ethnogenesen rund um den Kaukasus um 2.000 v. Ztr.

a) Jamnaja-Genetik kommt in den Kaukasus und nach Armenien und bleibt in den Kaukasus-Völkern bis heute erhalten

Ab 2.200 v. Ztr. mischte sich 36 % Jamnaja-Genetik bei den Kura-Araxes-Leuten der Region Berkaber (Wiki) in Nordarmenien ein (Abb. 7: "Caucasus_MBA"). Mit ihnen kam die Sprache des Armenischen nach Armenien.

Kurze Zeit später mischten sich ab 2.100 v. Ztr. zu 21 % Nachkommen von Kura-Araxes-Leuten aus der Region Berkaber in Nordarmenien bei Jamnaja-/Nach-Katakombengrab-Leuten in der Steppe nördlich des Kaukasus ein (Abb. 7: "Post_Catacomb"). Womöglich sind sie als Frauen in Nordarmenien geraubt worden oder sonst als Sklaven über den Kaukasus geholt worden? 

Ab 2000 v. Ztr. leben in Nordossetien in der Region des Berges Arkhon (4.100 m) und des von dort nach Norden abfließenden Flusses Arkhon und der dortigen heutigen Landschaftsschutzgebiete (unter anderem Arkhonskiy Pereval GMaps), etwa 63 Kilometer südwestlich von Wladikawkas, der heutigen Hauptstadt der Republik Nordossetien-Alanien, Menschen, die zur Hälfte Jamnaja- und zur anderen Hälfte Kura-Araxes-Genetik in sich trugen (Abb. 7: "Arkhon").

Im Osten des Kaukasus kommt es nur zu einem Zustrom von elf Prozent Jamnaja-Genetik (Abb. 7: "Highland_MBA_east"). Und diese Genetik hält sich dort bis 1500 v. Ztr. (Abb. 7: "Highland_LBA_east"). In der Studie heißt es dazu (1):

Individuen aus der letzten Phase der Mittleren Bronzezeit und der Späten Bronzezeit des Kaukasus-Clusters sind in der Hauptkomponentenanalyse deutlich nach oben in Richtung des Steppen-Clusters verschoben (...). Dies ist das erste Mal, daß sich vorgeschichtliche Individuen in der Hauptkomponentenanalyse mit heutigen Populationen decken.
The final MBA and LBA individuals from the Caucasus cluster are markedly shifted upwards on PC2 towards the Steppe cluster (Fig. 3b). This marks the first time in which ancient individuals fall within the same PC space as present-day populations.

Diese Ausführungen beziehen sich auf die Hauptkomponenten-Analyse in Abbildung 8. Das heißt, daß die heutigen Völker des Kaukasus im Groben seit der Späten Bronzezeit genetische Kontinuität aufweisen, daß sie auch heute zwischen elf und 36 % Jamnaja-Genetik aufweisen. Das gilt auch für die Herkunftszusammensetzung seither in Armenien.

b) Westsibirische Genetik kommt in die Steppe nördlich des Kaukasus

Zeitgleich kommt es ab etwa 2.200 v. Ztr. erneut zu einem Zustrom von westsibirischer Genetik aus der Gegend von Kumsay in Kasachstan ("ANE") in die Steppe nördlich des Kaukasus (Abb. 7: "Lola_1" und "Lola_2"). Wie wir in Abb. 8 sehen, steht diese "Kumsay-Genetik" der Genetik der Okunew-Kultur (Wiki, engl) sehr nahe, die eine sehr charakteristische Kulturgestaltung aufweist (vielleicht Ähnlichkeit aufweist mit der Kultur der Wüstenmumien der Taklamakan [?]). Aus dieser Kultur sind auch viele Rinderwagen-Darstellungen bekannt. In der Okunew-Kultur lag nun nicht nur westsibirische Herkunft vor, sondern auch Jamnaja- und Baikal-Genetik.

Womöglich ist diese Einmischung nun wiederum ermöglicht worden dadurch, daß zuvor in der Steppe ansässige Jamnaja-/Katakombengrab-Stämme nach Süden in den Kaukasus und nach Armenien abgewandert waren. In der Population "Lola_1" vermischen sich zwei Drittel Okunew-Genetik mit einem Drittel Jamnaja-Genetik. Damit wird die Jamnaja-Genetik insgesamt sicherlich mehr als die Hälfte betragen haben in der resultierenden Bevölkerung.

Die Ortschaft Kumsay (GMaps) liegt etwa 20 Kilometer östlich der Ortschaft Bayganin (Wiki) und Bayganin hinwiederum liegt etwa 350 Kilometer nordöstlich des Wolgamündung (GMaps). Dies könnte durchaus auch die Region sein, aus der das erste mal (siehe oben) westsibirische Genetik in die Steppe nördlich des Kaukasus gekommen war. 

c) Schnurkeramik-Genetik kommt in die Nordschwarzmeer-Steppe - Die Ethnogenese der Skythen

Ab 1400 v. Ztr. vermischen sich Sintashta-Leute, also Nachkommen der ostmitteleuropäischen Schnurkeramik-Kultur, die tausend Jahre zuvor das erste Volk waren, das Streitwagen benutzte, und deren Nachkommen zeitgleich in Indien als "Arier" auftreten (s. Stg2020, Stg2021), irgendwo in der Nordschwarz-Meer-Steppe mit Jamnaja-Leuten hälftig zur Srubnaja-Kultur (Wiki, engl) und breiten sich als solche bis an den Fuß des Kaukasus aus (Abb. 7: "Srubnaya"). Hier kam also indogermanische Schnurkeramik-Genetik mit indogermanischer Jamnaja-Genetik zusammen.  

Im westlichen Kaukasus mischen sich dann 31 % Srubnaya-Leute mit dort noch unvermischt lebenden Nachkommen von Kura-Araxes-Leuten (Abb. 7: "Highland_LBA_west").

Ab 1100 v. Ztr. entstehen die Skythen der dortigen Steppe als Vermischung aus 33 % Srubnaja-Genetik mit 67 % Lola_1-Genetik (Abb. 7: "Steppe_Prescytian"). Da die Lola_1-Genetik zu mehr als der Hälfte aus Jamnaja-Genetik bestand, tragen die dabei entstehenden Skythen in sich - grob - 70 % Jamnaja-Genetik und 30 % westsibirische- und Baikal-Genetik (wobei die Schnurkeramik-Genetik innerhalb des Steppen-Genetik-Anteils auch Kugelamphoren-Genetik beinhaltete). 

Abb. 8: Vorgeschichtliche Populationen des Kaukasus (farbig) nähern sich bis 1200 v. Ztr. genetisch den heutigen Populationen des Kaukasus (grau hinterlegt) an (aus 1)

In Abb. 8 werden die neu sequenzierten vorgeschichtlichen Menschenfunde in der Hauptkomponentenanalyse dargestellt vor dem Hintergrund der grau dahinter gelegten heutigen Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den Völkern des Kaukasus (basierend auf 102 sequenzierten Individuen). Die schwarz umrandeten Zeichen sind Individuen, die für diese Studie neu sequenziert worden sind, die anderen Zeichen markieren Individuen, die schon in anderen Studien sequenziert worden waren. Links, a) die Individuen aus dem Zeitraum 3.900 bis 2.100 v. Ztr. (3. Jahrtausend v. Ztr.), rechts, b) die Individuen aus dem Zeitraum 1.900 bis 1.100 v. Ztr. (2. Jahrtausend v. Ztr.).

Wir sehen, daß links (a) Kaukasus- und Steppen-Cluster genetisch noch getrennt bleiben, während es rechts (b) zur umfangreicheren Vermischung zwischen beiden Clustern sowohl in der Steppe wie im Nordkaukasus und und Armenien kommt. 

Die gestrichelten Linien mit Pfeilen deuten die erst in letzterem Zeitraum geschichtlich breiter auftretenden Vermischungen zwischen den Nach-Jamnaja-Volksstämmen in der Steppe und den Nach-Kura-Araxes-Gruppen im Kaukasus an. Außerdem wird das Hereinkommen der Okunew-Genetik mit einem gestrichelten Pfeil angedeutet.

Als Ergebnis nähern sich die Menschenfunde des 2. Jahrtausends v. Ztr. der Herkunftszusammensetzung an, wie sie im Wesentlichen bis heute weiter besteht. Dabei bleibt die vormalige Kaukasus-Genetik auf der Südseite des Hauptkammes in weiteren Teilen erhalten, während die Völker auf der Nordseite des Kaukasus bis heute zwischen 10 und 30 % Steppengenetik in sich tragen. Dieser Umstand mag sich mit dem späteren Hereinkommen der Skythen und Sarmaten noch einmal leicht in Richtung westsibirischer Genetik verschoben haben.

Die Veränderungsbereitschaft und Wandelfreude in der Steppe

Die Studie geht davon aus, daß der verwandtschaftliche Zusammenhalt und die verwandtschaftliche Kontinuität der Bauernkulturen des Kaukasus rund um eine jeweilige Grabstätte deutlich höher war als in den Steppen-Kulturen nördlich des Fußes des Kaukasus. Es finden sich in den Kurganen der Steppe nur in Ausnahmefällen gleichzeitig lebende Verwandte miteinander bestattet. Noch weniger finden sich Menschen in Generationenabfolge innerhalb desselben Grabhügels bestattet. Dieser Umstand macht im ganz Besonderen deutlich, welche umfassenden Folgen die halbseßhafte Lebensweise in der Steppe mit sich gebracht hat. Selbst wenn eine Kultur und Herkunftsgruppe als solche längere genetische und kulturelle Kontinuität innerhalb eines bestimmten Gebietes aufweist, bringt es offenbar die Halbseßhaftigkeit mit sich, daß immer wieder andere Familien in einem jeweiligen Kurgan vor Ort ihre Toten bestattetet haben. Kurgane sind in keinem Fall "Familiengrablegen", sondern einfach nur Stätten, wo man Gestorbene begräbt - wenn man gerade in ihrer Nähe ist und einen Gestorbenen hat!

Der verwandtschaftliche Zusammenhalt in den Steppen-Kulturen muß deshalb nicht so wesentlich geringer gewesen sein. Aber es gab eben eine viel höhere Mobilität, Veränderungsbereitschaft und vermutlich deshalb auch Veränderungsnotwendigkeit in diesen Kulturen. Genau das spiegelt sich ja auch in den vielen Ethnogenesen in der Steppe und von der Steppe ausgehend über die Jahrhunderte hinweg wider. In Trockenjahren mußten weit entlegene Weidegründe aufgesucht werden. In guten Jahren kamen dann womöglich wieder ganz andere Gruppen vor Ort - womöglich auch genetisch inzwischen neu formierte. In der Studie heißt es über die diesbezüglichen Verhältnisse vor 2.400 v. Ztr. (1):

Alle mit dem Piedmont assoziierten Maikop-Individuen sind geprägt von kaukasischer Herkunft, die sie von südneolithischen und eneolithischen Gruppen geerbt haben. Diese Gruppen wurden wahrscheinlich durch die Aufrechterhaltung enger Verwandtschaftsbeziehungen in zusammenhängenden Gemeinschaften aufrechterhalten, was sich auch in gemeinsamen architektonischen Konstruktionsmerkmalen in einigen Maikop-Hügeln widerspiegelt. Im Gegensatz dazu deuten die genetische Variabilität und die Seltenheit enger biologischer Beziehungen in den vier Steppen-eneolithischen Gruppen auf unterschiedliche und flexiblere Verwandtschaftsstrukturen hin, die das Fortbestehen unterschiedlicher kultureller Praktiken widerspiegeln.
All piedmont-associated Maykop individuals carry Caucasus ancestry inherited from southern Neolithic and Eneolithic groups, which was probably maintained by keeping close kinship ties in cohesive communities, also reflected in shared architectural construction features in some Maykop mounds. By contrast, the genetic variability and scarcity of close biological relationships in the four Steppe Eneolithic groups suggest different and more flexible kin structures, which echo the persistence of varying cultural practices.

Das ist natürlich noch sehr zurückhaltend und abstrakt formuliert. 

Ein anderer Unterschied, der hier nicht thematisiert ist, auf den wir aber auch erst jüngst gestoßen waren (s. Stgen2024), ist ja auch der, daß den Gräbern in der Steppe ganze Rinderwagen mit ins Grab gegeben worden sind, während den Gräbern im Gebirge die ziehende Ochsen mit ins Grab gegeben worden sind. In der Tat weisen ja noch die Konstruktionsmerkmale der Kurgane der Jamnaja-Kultur vergleichsweise hohe Variabilität auf.

Womöglich wird man deshalb schlußfolgern können: Die Steppe selektierte Menschen in Richtung auf Veränderungsbereitschaft. Nur wer langfristiger veränderungsbereit war, war befähigt, als Familie und Kultur in einer nicht durch dichte bäuerlich Besiedlung erschlossenen Steppe zu überleben. Ist es dieser Umstand, der dem Naturraum Steppe als Ursprungsraum von neuen, viel veränderungsbereiteren Völkern eine so große Bedeutung für die Menschheitsgeschichte seither gab? Veränderungsfreudigere indogermanische Völker treffen seither rund um den Erdball auf beharrungsfreudigere Völker. Und indem es - immer wieder - zur Vermischung von beiden Völkereigenschaften kam, wurden die bisherigen beharrungsfreudigeren Völker zu größerer Veränderungsfreude hinüber gerissen. Zugleich wurde die Veränderungsfreude abgebremst und "gezügelt" durch die Beharrlichkeit und konservativere Lebenshaltung der Bauernvölker, mit denen sich die zuwandernden Indogermanen vermischten. 

Das würde heißen: Die Nordschwarzmeer-Steppe mit ihren Klimaschwankungen selektierte die Menschen in Richtung Veränderungsbereitschaft. "Konservative" Menschentypen konnten als Hirten in der Steppe nicht überleben. Nur wer bereit war, "alles hinter sich zu lassen", völlig neue Weidegründe aufzusuchen, nicht an alten Gewohnheiten zu kleben, überlebte auf Dauer in der Steppe.

Der soziale, demographische und gesellschaftliche Erfolg der seit 10.000 v. Ztr. evoluierten neolithischen Bauerngesellschaften, sowie ihre Evolutionsstabilität beruhten sozusagen genau auf dem Gegenteil. Sie beruhten darauf, daß in ihnen ein vorwiegend konservativer, beharrlicher Menschentyp selektiert worden war. Das ist sehr deutlich erkennbar zum Beispiel an der Bandkeramik: Über das weite Verbreitungsgebiet der Bandkeramik hinweg - von der Kanalküste bis östlich der Karpaten - gleichen die Siedlung nach vielen Merkmalen hin wie ein Ei dem anderen. Das heißt: Ein erfolgreiches gesellschaftliches Lebensmodell wurde beharrlich über die Generationen hinweg kopiert und noch einmal kopiert, in ganz neue Lebensräume getragen und auch dabei so gut wie gar nicht verändert.

Auf diese Weise mag die "weltgeschichtliche Bühne" vorbereitet worden sein, auf der dann die veränderungsbereiten Indogermanen ihr weltgeschichtliches Feuerwerk abbrennen konnten.

Dieser Blogbeitrag hat sich redlich bemüht, die genannte Studie (1) auszuwerten. Wie deutlich wird, werden durch diese Studie eine Fülle von Geschichtsepochen und damit verbundenen Völkerbewegungen abgedeckt. Deshalb kann natürlich weder garantiert werden, daß wirklich alle wesentlichen Erkenntnisse von uns schon heraus destilliert worden sind, noch auch, daß jede einzelne Erkenntnis von uns schon präzise richtig verstanden und eingeordnet worden ist. Solche Dinge können dann ggfs. künftig noch ergänzt und korrigiert werden.

__________

*) Ein Tagungsbeitrag auf einer Archäologen-Tagung in Budapest im April 2024 hatte uns im August 2024 sehr erwartungsvoll gestimmt gegenüber der baldigen Veröffentlichung einer neuen archäogenetischen Studie (Stgen2024). Diese Studie ist vor zwei Wochen in der Fachzeitschrift "Nature" erschienen (1). Die Archive jener Institute, die in den letzten Jahrzehnten mit der archäologischen Erforschung des Kaukasus und der Steppe nördlich davon befaßt gewesen sind, sind ein weiteres mal nach noch nicht sequenzierten Skelettresten durchkämmt worden, so daß mit dieser Studie die Archäogenetik-Daten für die Region rund um den Kaukasus grob verdoppelt wird mit neuen 102 Individuen von 38 archäologischen Fundorten für einen Zeitraum von 6.000 Jahren. Von diesen 102 Individuen stammen ...

  • 7 aus Mesolithikum und Neolithikum,
  • 11 aus dem 5. Jahrtausend v. Ztr., 
  • 30 aus dem 4. Jahrtausend v. Ztr., 
  • 51 aus dem 3. Jahrtausend v. Ztr. und 
  • 42 aus dem 2. Jahrtausend v. Ztr..
**) Im Rahmen dieser Kultur wurde offenbar um 6.000 v. Ztr. der Weichweizen (Triticum aestivum) domestiziert PNAS2026). 90 % von allem Weizen, der heute weltweit geerntet wird, ist Weichweizen. Der Welthandel mit Weizen übertrifft die Handelsmenge aller anderen Feldfrüchte zusammengenommen (Wiki).

________

  1. Ghalichi, A., Reinhold, S., Rohrlach, A.B. et al. The rise and transformation of Bronze Age pastoralists in the Caucasus. Nature (2024). https://doi.org/10.1038/s41586-024-08113-5 (Nature 30 October 2024)
  2. Henry M. Mix: Der Große Kaukasus - Rußlands Dach der Welt. Expeditionen ins Tierreich (NDR 05.01.2022)
  3. Dergachev, V. A.: О скипетрах, о лошадях, о войне: этюды в защиту миграционной концепции М.Гимбутас (On sceptres, on horses, on war: Studies in defence of M. Gimbutas’ migration concepts), 2007 (Scribd)
  4. Irina N. Vasilyeva, Natalya S. Doga: Chalcolithic Ceramic Complexes on Mangyshlak Peninsula. Ufa Archaeological Herald, 2025 vol. 25, no. 1, pp. 146-158. (In Russ.) DOI: https://doi.org/10.31833/ uav/2025.25.1.012 (Cyberleninka)

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