Donnerstag, 15. März 2007

Nichts Alltägliches - nur der Tod

Die Erinnerungs-Literatur und die wissenschaftliche Literatur zum Zweiten Weltkrieg ist unübersehbar geworden. Roman, Film und Fernsehn, große nationale und internationale Ausstellungen und Gedenkstätten haben sich des Themas angenommen. Natürlich auch immer wieder große Prozesse und Schauprozesse. Ganze "Industrien" bearbeiten Erinnerung (nach dem bekannten Buchtitel von Norman Finkelstein).

Was wird von all dem bleiben? Was davon ist "Bombast", was davon ist - wenn es die Zeiten überdauert hat - "zeitlos" gültig als Ausdruck dessen, was der Zweite Weltkrieg "eigentlich" gewesen ist?

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde in Deutschland eine Sammlung "Kriegsbriefe gefallener Studenten" herausgegeben und erzielte hohe Auflagen. Diese Briefe wurden von vielen Menschen damals in eine Reihe gestellt mit den Klassikern der Weltliteratur.

Auch manche Gedichte und Erzählungen der "Kriegsdichter" wurden als repräsentativer Ausdruck des Geistes der damaligen Zeit empfunden. Fast jede Ortschaft, jede Gemeinde in Deutschland errichtete damals ihren Gefallenen Denkmäler oder hängte Gedenktafeln auf.

Man hat das Gefühl, daß wir zu einer "selbstverständlicheren" Erinnerung bezüglich des Zweiten Weltkrieges noch nicht wieder hin- (oder zurück-)gefunden haben. Was von all den Bemühungen wird bleiben?

Wer Mitglied des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge wird, erhält als Begrüßungsgeschenk ein von dieser Vereinigung herausgegebenes Buch. "Menschen wie wir ..." heißt es und im Untertitel "Erinnerungen an geliebte Menschen", herausgegeben im Jahr 2000 (Teil 2 im Jahr 2002).


Auch wenn man schon wirklich viel über den Zweiten Weltkrieg gelesen hat - auch viele Zeitzeugnisse, Erinnerungen oder Kriegsbriefe - kann man sich nicht erinnern, jemals das, was dieser Krieg war, bedeutete, so komprimiert, so dicht, so "in nuce" und auf den Punkt gebracht zwischen zwei Buchdeckeln gelesen zu haben.

Heute lebende Menschen erzählen jeweils kurz auf ein, zwei Seiten - oft mit der Wiedergabe von Fotos, auch vereinzelt Briefen - von Familienangehörigen, die während oder nach dem Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen sind.

In anderen Brief- oder Erinnerungs-Sammlungen hat man immer nur einzelne Aspekte. Auch viel Alltäglichkeit mischt sich - zwangsläufig - immer wieder mit hinein. Hier, in diesem Buch, steht immer der Tod selbst im Vordergrund. Jeder Bericht versucht kurz anzudeuten, was der jeweilige Mensch dem Erinnernden bedeutete (und oft war es viel, denn er war der Bruder, Vater, Ehemann, Verlobte, Freund, Onkel). Und dann eben ist er plötzlich tot. Ein "Mensch wie wir", ein Fleischer, ein LKW-Fahrer, viele einfache, oft sehr einfache Leute, auch Beamte, natürlich fast alles Väter kleiner Kinder. - - - Und dann bleibt den Angehörigen plötzlich nur noch - oft Jahrzehnte lang - zu suchen, zu forschen und zu fragen, was mit ihm passiert ist, in welchen Weiten des europäischen Krieges sich seine Spur verlor, wie er die letzten Stunden und Minuten erlebte.

Da der Tod etwas Endgültiges ist, etwas Endgültigeres als alles sonst im Leben, kreist jeder dieser vielen ganz unterschiedlichen Berichte je nach der Persönlichkeit des Verfassers und desjenigen, über den berichtet wird, um den wesentlichsten Aspekt dessen, was bleibt: den Tod und die Erinnerung und um jenen Ort, wo eigentlich die "sterblichen Überreste" eines Menschen zu finden sind.

Gegliedert sind die Berichte in: Erinnerungen an den Bruder - von Brüdern, Erinnerungen an den Bruder - von Schwestern, Erinnerungen an den Onkel, Erinnerungen an den Vater, Erinnerungen an den Ehemann, den Verlobten, den Freund, Erinnerungen an liebe Menschen, Erinnerungen an die Familie.

Erinnerungen an den Sohn fehlen, da diese Generation im Jahr 2000 nicht mehr lebte. Es scheint überhaupt, als ob es der Elterngeneration der Gefallenen des Zweiten Weltkrieges am schwersten gefallen ist, Erinnerungen Ausdruck zu geben. Wahrscheinlich war die Wucht zu groß. Von meiner Großtante meine ich mich zu erinnern, daß ihr nur die Tränen in den Augen standen, wenn von ihrem gefallenen Sohn gesprochen wurde, selbst sprach sie darüber nicht, so lebendig, mitteilsam und rührig sie sonst in allem war.

Nun fehlt natürlich vieles: Das ganze Thema Flucht, Vertreibung, Verschleppung klingt nur in einzelnen Berichten an, wenn davon die jeweilige Familie auch betroffen war. Ebenso Bombenkriegs-Opfer. Warum ist die Erinnerung an die noch einmal so ganz anders ums Leben Gekommenen, unter denen sich Frauen, Männer, Kinder befanden, noch einmal ganz anders und würde nicht in diesen Rahmen passen?

Unter den Fotos der Gefallenen finden sich viele - sozusagen - "anständige" Menschen. Vielleicht wirken sie auch nur aus heutiger Sicht so? Oder deshalb, weil die sie begleitenden Erinnerungen nur das Erinnerungs-Würdige festhalten?

Ein Bild jedoch hat sich besonders festgesetzt beim Lesen: August Kunz, seine kleine, blonde Tochter neben sich an sein Bein gelehnt, seine Frau auf der anderen Seite eingehakt, und ihr an der Hand der Sohn: Eine Familie. Die Autorin des Berichtes schreibt: "Ich bin das kleine Mädchen links." Blick und Haltung dieses Mannes August Kunz lassen einen nicht los.

Das, was diese damalige Generation von unserer unterscheidet - besonders unterscheidet - das war, daß für sie noch die Heimatliebe und das mehr oder weniger bewußte "Deutsch-Sein" etwas sehr Selbstverständliches war. Auch etwas, von dem sie wußte, daß sie aus diesen Dingen Kraft zog für die eigene Lebensführung. Das klingt aus manchen Erinnerungen geradezu wie selbstverständlich heraus. Und es könnte genau dieser Umstand sein, durch den wir uns heute am Grundsätzlichsten von dieser Generation unterscheiden.

Wenn es irgendeine Form von "Anständigkeit" ist, die man immer wieder hindurchklingen hört durch die Schilderungen dieser Zeit und die man den Menschen auch glaubt, ansehen zu können auf den wenigen Fotos, dann ist die Kraft zur Aufrechterhaltung derselben eben auch aus dieser mehr oder weniger bewußten Liebe zur Heimat, zum "Deutschtum", zum Deutsch-Sein gezogen worden. Schon wenn man solche Dinge heute ruhig und nüchtern ausspricht, gerät man in das schiefe Licht von "Deutschtümelei" oder gar Schlimmerem.

Das ist doch aber Unsinn. Alles in einem empört sich dagegen, daß es einem verboten sein soll, "das Eigene" zu lieben, die eigene Art, das eigene Sein, die eigene selbstverständliche Art "zu sein". Über diesen August Kunz nun, der so - mehr oder weniger ergriffen vom Zusammensein mit seiner Familie - auf dem Foto "irgendwo" hinzublicken scheint, ein "irgendwo", das man kaum mehr zu kennen meint (da es sich mehr im Innern als außerhalb befindet) - über diesen August Kunz berichtet nun die Tochter Ingeborg nur weniges - aber lauter Wichtiges: "Das war einmal eine Familie, die der Krieg für immer zerstörte," beginnt ihr Bericht. - - Und solche Sätze liest man oft in diesem Buch: "Ich hab oft in meinem Leben gehört, wie ähnlich ich meinem Vater im Wesen bin, und ich kann sagen, ich hätte ihn sehr gerne gekannt!" Es sind wohl gerade solche Sätze und Äußerungen, die einen so stark Anteil nehmen lassen an all diesen Berichten.

Wenn man bedenkt, daß unsere heutige Generation bald zu vierzig Prozent aus Kinderlosen besteht, zu einem anderen, immer mehr wachsenden Teil aus Geschiedenen, von ihren Kindern getrennt lebenden Elternteilen. Mit was für einer gesteigerten Erschütterung liest man dann all diese Berichte von treuem Zusammenhalten der Familien, von Erinnerungen über den Tod hinaus. August Kunz war Verwaltungsbeamter: "Als Menschenfreund," so schreibt seine Tochter, "wie er geschildert wird, konnte er dort sicherlich einiges bewirken, obwohl es nicht der ideale Beruf für ihn war. Mein Vater war ein musischer Mensch mit wunderbaren Talenten und vor allen Dingen liebte er die Natur über alles. ... Aus seinen Briefen an unsere Mutter sehe ich, daß nur seine Liebe zur Natur und die Möglichkeit, diese Gefühle in Bildern und Versen auszudrücken, ihm geholfen haben, die Grausamkeiten des Krieges auszuhalten."

Die Tochter gibt abschließend zwei der von ihrem Vater gedichteten schlichten Gedichte wieder, die wohl - zusammen mit dem Foto - viel über seine Persönlichkeit sagen:
Arme kleine Tanne

Mit einem weißen Kleide
hat sich die Flur geschmückt,
und eine kleine Tanne
hat mich so sehr entzückt.

Beladen mit dem Leide,
sie stumm und reglos stand,
Wie eine kleine Heldin
so schaut sie über's Land.

Es trägt auch unter Menschen
gar mancher schweres Leid,
und trägt mit Stolz und Würde
dazu ein festlich Kleid.


Dein Vaterland

Was wär' des Lebens Freude,
Was wär' des Soldes Wert,
Was wär' des Sieges Beute,
Was wär' des Heimes Herd.
Was alles auf der Erde,
Was wär' das Stückes Pfand,
Wenn nicht die Liebe wäre
Und nicht Dein Vaterland?
"Mein Vater August Kunz war zuletzt in Pirmasens stationiert. Dort traf ihn ein Geschoß eines amerikanischen Tieffliegers in den Kopf und eines ins Herz, als er den Bunker im Kasernenhof nicht mehr erreichte. Im Waldfriedhof von Pirmasens hat er auf einem Ehrenfeld der Kriegsgräberfürsorge einen würdevollen Ruheplatz, wie er ihn sich sicher gewünscht hätte, denn er liebte den Pfälzer Wald."

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