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Montag, 5. Januar 2026

Unterschiede - Iranisch- und anatolisch-neolithische Völkergruppe

Gerade stelle ich fest, daß ich eine Frage, die ich mir lange nicht sicher beantworten konnte, über ChatGPT ganz gut klären kann. Noch mal zur Vorerinnerung: Die anatolisch-neolithische Herkunftsgruppe hat Ackerbau, Viehzucht und Seßhaftigkeit von Westanatolien aus über ganz Europa verbreitet zwischen 6.500 und 3.500 v. Ztr.. Die iranisch-neolithische Herkunftsgruppe hat Ackerbau, Viehzucht und Seßhaftigkeit vom iranischen Zagros-Gebirge bis nach Indien (Indus-Kultur) und bis an die Seidenstraße (Oasen-Kultur) ausgebreitet, ebenso bis an die Mittlere Wolga. Und all das etwa im gleichen Zeitraum zwischen 6.500 und 3.500 v. Ztr..   

Abb. 1: Vertreterin der iranisch-neolithischen Völkergruppe - Die pakistanische Politikerin Bilquis Nasrum Minallah (1936-2012) (Wiki)

Sie legten damit die Grundlage für alle weitere Zivilisation. Und auch noch die heutigen Menschen zwischen Europa und Mittelasien tragen diese Herkünfte in sich in unterschiedlichen Anteilen. Und sie breiteten sich auf unterschiedlichen Wegen aus (siehe viele andere Beiträge hier auf dem Blog). Die größten Herkunftsanteile der ersteren tragen heute noch in sich die Menschen auf Sardinien, die größten Herkunftsanteile der letzteren tragen heute noch in sich vor allem Menschen in Pakistan. 

Meine Frage lautet nun:

Was unterscheidet die anatolisch-neolithischen Bauern um 6000 v. Ztr. von den iranisch-neolithischen Bauern hinsichtlich ihrer Körpermerkmale?

Die Antwort von ChatGPT kann ich weitgehend ungekürzt einstellen:

Kurz gesagt: anatolisch-neolithische Bauern (ANF) und iranisch-neolithische Bauern (INF) waren genetisch klar voneinander getrennte Populationen – und das sieht man auch an rekonstruierten Körper- und Gesichtsmerkmalen.

Hier die wichtigsten Unterschiede, wie sie aus alter DNA (aDNA) und Skelettfunden abgeleitet werden:

1. Haut-, Haar- und Augenfarbe

Merkmal       Anatolisch-neolithisch (ANF)               Iranisch-neolithisch (INF)

Hautfarbe:     überwiegend hell bis mittel                   eher mittel bis dunkler

Haarfarbe:   meist dunkelbraun, teils hellbraun     fast immer sehr dunkel / schwarz

Augenfarbe:  häufiger hell (grau, blau, grün)             überwiegend dunkelbraun

Grund:

ANF trugen bereits relativ häufig die europäischen „Aufhellungs-Allele“ (SLC24A5, SLC45A2). Diese waren bei INF fast vollständig abwesend.

Irgendwie sehr spannend. Weiter in der Antwort:

2. Gesichtsform und Schädelproportionen

Merkmal   ANF                                                                INF                                 

Schädel:   eher kurz- bis mittelköpfig, runder         eher langköpfig (dolichocephal)

Gesicht:   breiter, kürzer                                               schmaler, länglicher

Nase:       eher schmal / hoch                                       breiter Nasenansatz, längere Nase

Jochbeine: moderat ausgeprägt                                  häufig stärker ausgeprägt

Damit wäre also klar, woher die "Langköpfigkeit" der Indogermanen stammt: Von der iranisch-neolithische Herkunftsgruppe, die sich an der Mittleren Wolga hälftig mit osteuropäischen Jägern und Sammlern gemischt hat und dabei das Frühe Urvolk der Indogermanen, die Chwalynsk-Kultur gebildet hat. Für die osteuropäischen Jäger und Sammler gibt ChatGPT - neben hellen Körperpigmentierungen - als Schädelform an: "sehr robust, lang bis mittellang". Damit hätten die Frühen Indogermanen ihre Langköpfigkeit von beiden Vorfahrengruppen her geerbt. / Einfügung 12.2.26: Daß die ANF kurzköpfig gewesen wären, ist eine falsche Angabe.*) / Weiter erfahren wir:  

3. Körperbau

Merkmal        ANF                                                           INF                                          

Statur            eher kompakt, kürzere Gliedmaßen    schlanker, längere Gliedmaßen

Körpergröße  ca. 1,65–1,70 m (♂)                               teils etwas größer, 1,68–1,73 m

Proportionen  an kühleres Klima angepaßt              an wärmeres, trockeneres Klima angepaßt

Für die osteuropäischen Jäger und Sammler wird zur Statur angeführt: "sehr kräftig, breite Schultern", Größe "1,70 bis 1,80 m, teils größer"

4. Genetische Abstammung & heutige Entsprechungen

Population | Hauptverwandtschaft                                                                                          

ANF: Vorfahren der frühen Europäer (LBK, Cardial), genetisch näher an heutigen Südeuropäern / Balkanbewohnern

INF: Vorfahren der kaukasisch-iranischen Gruppen, näher an heutigen Iranern, Kurden, Kaukasiern, Belutschen. 

Sie trennten sich vermutlich schon vor ~45.000–50.000 Jahren – lange vor der Landwirtschaft.

5. Gesamtbild

Ein typischer Vergleich in moderner Sprache:

Ein anatolischer Bauer um 6000 v. Ztr.

→ hellere Haut, teils helle Augen, runderes Gesicht, kompakter Körper.

Ein iranischer Bauer derselben Zeit

→ dunklere Haut, dunkle Augen, längliches Gesicht, schlanke, hochgewachsene Statur.

Fazit:

Obwohl beide Gruppen „neolithische Bauern“ waren, sahen sie sich biologisch deutlich verschieden – sie waren keine regionale Variante, sondern zwei tief getrennte Menschengruppen, die erst viel später im eurasischen Raum wieder massiv miteinander verschmolzen.

Soweit ChatGPT. Bei dieser Antwort bleibt kein Auge trocken. Sie ist umfassender und erschöpfender als erwartet.

Die Frage ist ja - unter anderem - deshalb so bedeutsam, weil - wie oben schon erwähnt - die iranisch-neolithische Herkunftsgruppe die Hälfte der Herkunft des Frühen Urvolks der Indogermanen, nämlich der Chwalynsk-Kultur an der Mittleren Wolga ab 4.500 v. Ztr., beigetragen hat. 

____________

*) Ergänzung 12.2.26: Von dem Physischen Anthropologen Andreas Vonderach erfahren wir auf Nachfrage: "Die Kurzköpfigkeit ist eine ziemlich späte Erscheinung. Im Neolithikum gab es erst kleine Kurzköpfigkeitszentren, vorher gar keine. Die Kurzköpfe sind aus langköpfigen Bevölkerungen evoluiert. Die Alpinen sind “verrundete” Mediterrane (Bandkeramiker). Den größten Brachycephalistionsschub gab es erst im Mittelalter. Seit  Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es eine bestimmt genauso starke Debrachycephalisation. Der Grund ist das Aufbrechen der Isolate – Endogamie führt zu kleinerer Körperhöhe, größerer Kurzköpfigkeit und niedrigerer Intelligenz – und die säkulare Akzelerisation – die Kopfform ist allometrisch (wachstumsdynamisch) mit großer Körperhöhe verbunden."
Auf Nachfrage rudert nun auch ChatGPT zurück:
>>Die Aussage „kurz- bis mittelköpfig“ ist zu pauschal formuliert gewesen. Hier ist die sauber belegbare Lage: Was zeigen die tatsächlichen Schädelmessungen? Für anatolisch-neolithische Populationen (z. B. Çatalhöyük, Boncuklu, Aşıklı Höyük, Barcın) zeigen publizierte kraniometrische Analysen: überwiegend mesocephale bis dolichocephale Werte, also mittellang bis langköpfig, keine dominante Brachycephalie. Typische geschätzte Cephalic Indices: meist im Bereich von ca. 72–78. Das entspricht: 75 = mesocephal, <75 = dolichocephal. Sie waren also **nicht klassisch rund- oder kurzköpfig. Wichtige Studien / Datenquellen, die Aussagen beruhen u. a. auf:

  • Larsen et al. (2009) – Bioarchäologie Çatalhöyük
  • Angel (1972, 1986) – Frühneolithikum Anatoliens
  • Meiklejohn et al. – comparative cranial metrics
  • Lazaridis et al. (2016, 2022) – genetische Einordnung mit Referenzkranien
  • Pinhasi & Stock (2011) – postcraniale Morphologie Neolithikum

Die Kraniometrie zeigt: ANF unterscheiden sich klar von robusten WHG/EHG, aber sie sind nicht brachycephal im modernen Sinn. Woher kommt die Verwirrung? Zwei Gründe: A) Spätere anatolische und kaukasische Populationen: In Bronze- und Eisenzeit treten in Westanatolien und im Kaukasus zunehmend brachycephale Formen auf. Das betrifft aber nicht das Frühneolithikum. B) Verwechslung mit europäischen Neolithikern. Einige frühe Bauern Mitteleuropas (LBK) zeigten relativ höhere Cephalic Indices – teils durch: * Ernährungseinfluß, * Entwicklungsfaktoren, * lokale Mischung. Das wird manchmal rückprojiziert. Vergleich korrekt formuliert - Sauberer Vergleich wäre:

| Population             | Schädeltyp (Tendenz)         |

| ---------------------- | ---------------------------- |

| Anatolisch-neolithisch | mesocephal bis dolichocephal |

| Iranisch-neolithisch   | eher dolichocephal           |

| EHG                    | dolichocephal, sehr robust   |

Der Unterschied liegt also mehr in Robustizität und Gesichtsbreite als im Cephalic Index.

Donnerstag, 20. Januar 2022

Der Kaukasus als Völkerscheide

Woher stammt die iranische genetische Komponente im Urvolk der Indogermanen?
- Neue Studien zur Archäogenetik der Jahre 2019 bis 2021
2. Teil der Blogartikel-Serie "Völker zwischen Kaukasus und Levante im Neolithikum und in der Bronzezeit"

Im ersten Teil dieser Blogartikel-Serie (St gen 1/2021) haben wir wenige, grundlegendere Einblicke in den Kenntnisstand der Archäologie über die Völkergeschichte zwischen Kaukasus, Zagros-Gebirge und Levante-Raum zwischen dem 10. und dem 6. Jahrtausend v. Ztr. gegeben. Ausgangspunkt war eine jüngst erschienen Studie von Svend Hansen und Mitarbeitern zu einem so entlegenen Thema wie dem Fischkonsum der frühsten Bauern südlich des Kaukasus.

Das Grundmuster der genetischen Geschichte der ersten bäuerlichen Kulturen und Völker zwischen Kaukasus und Levanteraum hatten wir hier auf dem Blog bis heute für uns noch nicht abschließend klären können. Spätestens seit - so überraschend - iranisch-neolithische Genetik in der bronzezeitlichen minoischen Kultur auf Kreta gefunden worden war und in weiten Teilen des Mittelmeerraumes, waren hier Fragen aufgeworfen. Wie konnte diese iranisch-neolithische Genetik in den Westen kommen? Außerdem ist sehr bald auch anatolisch-neolithische Genetik vergleichsweise früh und weit im Osten, z.B. südlich des Kaukasus und weit darüber hinaus gefunden worden. Wie konnte diese so früh so weit nach Osten kommen? Und bei Beschäftigung mit diesen Fragen taucht dann die weitere Frage am Horizont auf: Woher stammt die iranische genetische Komponente im Urvolk der Indogermanen? Vom Zagros-Gebirge? Vom Südufer des Kaspischen Meeres? Aus Nord-Anatolien? Oder doch aus dem Kaukasus?  

Abb. 1: Verbreitung der Halaf-Kultur und der Shulaveri-Kultur ab 6.500 v. Ztr. (aus 1)

Dieser Frage, so führten wir aus, gehen die Archäogenetiker im "Jamnaja-Herkunfts-Projekt" des Labors von David Reich gegenwärtig nach.

Wer wissen will, ob jener iranisch/kaukasische genetische Herkunftsanteil, der zur einen Hälfte das Urvolk der Indogermanen an der Mittleren und Unteren Wolga bildete, aus (vorkeramischen?) Jäger-Sammler-/Bauernkulturen des südwestlichen (?) Kaukasus stammte oder aus einer Region am Südufer des Kaspischen Meeres oder aus dem Zagros-Gebirge, der kann die Lösung dieser Frage besser eingrenzen, wenn er danach fragt, woher denn jene ersten Bauernkulturen südlich vom Kaukasus eigentlich stammten und in welchen Jahrtausende langen Beziehungen sie zu Völkern in der Steppe nördlich des Kaukasus standen. Zu dieser Frage sind aus den archäogenetischen Forschungsgruppen rund um Johannes Krause, David Reich und Wolfgang Haack schon in den Jahren 2019 und 2020 drei wichtige Studien erschienen. Auf diese und ihre Bedeutung werden wir hier auf dem Blog aber erst jetzt wirklich voll aufmerksam (1-3).

Wir haben es - wie im ersten Teil angedeutet - südlich des Kaukasus mit der Shulaveri-Shomu-Kultur (Wiki) zu tun, die es dort vom 6. bis 4. Jahrtausend v. Ztr. insbesondere im heutigen Georgien gegeben hat. Sie bewohnte dort Siedlungen mit eng nebeneinander gebauten runden Lehmhäusern und war die erste Kultur der Weltgeschichte (oder eine der ersten), die Wein anbaute und diesen in großen, eindrucksvollen Bottichen verarbeitete (für das Zagros-Gebirge ist Weinanbau zeitgleich oder wenig später nachgewiesen).

Alle archäologischen - und nun auch erste archäogenetische Daten (1) - deuten darauf hin, daß diese Shulaveri-Shomu-Kultur genetisch und kulturell in Zusammenhang steht mit der Halaf-Kultur (6.100-5.100 v. Ztr.) (Wiki), die sich vom heutigen nördlichen Syrien, dem heutigen nördlichen Irak und von der heutigen Südtürkei aus ausgebreitet hat (Abb. 1). Und wenn wir so weit sind, stellt sich natürlich die Frage, wie denn die diese Halaf-Kultur entstanden ist.

Exkurs: Natufium, PPNA, PPNB

Zum besseren Verständnis soll zunächst ein wenig weiter ausgeholt werden: Ackerbau, Seßhaftigkeit, domestizierte Pflanzen- und Tierarten stammen zu großen Teilen aus dem Fruchtbaren Halbmond und aus den dortigen akeramischen Kulturen der Zeit zwischen 12.000 bis 7.500 v. Ztr.. Wissenschaftlich werden diese Kulturen Kabarien - Natufien - PPNA und PPNB genannt (Abb. 2). Im Zagros-Gebirge, das den östlichen Teil des Fruchtbaren Halbmonds dominiert, heißen die entsprechenden archäologischen Kulturen: Zarzian (18.00 bis 8.000 v. Ztr.) (parallel zu Kabrien und Natufien) und M’lefatien (parallel zu PPNB). (Allerdings fehlen zu letzteren beiden Kulturen noch Wikipedia-Artikel.) Der Kernraum des Fruchtbaren Halbmonds befindet sich an den Oberläufen von Euphrat und Tigris in der heutigen Südtürkei. Die Menschen lebten dort anfangs (im Natufium) in einer Art Halbseßhaftigkeit vom Sammeln wilden Getreides und von der Massenjagd auf wilde Gazellenherden während ihrer jährlichen Nord-Süd-Wanderungen. Ein bekannter Fundort ist natürlich auch das berühmte Bergheiligtum vom Göbekli Tepe. Aber es gibt zahllose weitere, eindrucksvolle Fundorte, etwa am Flußlauf des Euphrat (z.B. Abu Hureyra).

Abb. 2: Der Fruchtbare Halbmond (Wiki)

Während des Natufiums und des PPNA baute man in diesen Kulturen runde Lehmhäuser, im PPNB breitete sich zumindest im westlichen Teil des Fruchtbaren Halbmonds eine neue Kultur aufwendig errichteter rechteckiger Häuser aus, die Terrazzo-Fußböden aufwiesen und die zu Städten anwuchsen, die zehntausend Einwohner haben konnten. Diese Städte wurden von Stadtdespoten regiert, deren Gesichter sich in Form der "plastered skulls" erhalten haben. Zur Haltung von domestizierten Schafen und Ziegen ging man aber erst während des Untergangs der Kultur des PPNB über, als man die Gazellen offenbar überjagt hatte und die zahlreiche Bevölkerung nicht mehr mit diesen Massenjagden - und der nachfolgenden Trocknung des Fleisches - ernähren konnte. 

Wir wir schon im 1. Teil ausführten, könnten die domestizierten Schafe und Ziegen vom Zagros-Gebirge stammen, während das domestizierte Getreide aus dem Karacadağ-Gebirge (Wiki) im zentralen Teil des Fruchtbaren Halbmonds stammt.

Auch noch eine so berühmte und auch religiös eindruchsvolle Siedlung wie Çatalhöyük (7.500 bis 5.700 v. Ztr.) (Wiki) in Westanatolien ist offenbar dem Kulturraum und der Völkergruppe des PPNB zuzuordnen (Abb. 2). Wobei die Besiedlung womöglich auch hier schon um 7.000 v. Ztr. beendet worden sein könnte, es eine Siedlungslücke gegeben haben könnte und eine neue Besiedlung ab 6.000 v. Ztr. eingesetzt haben könnte, diesmal - gegebenenfalls - von neuen Menschen und neuen Kulturgruppen getragen.

Jedenfalls gehörten die Menschen, die diese frühen, stadtartigen Kulturen des Natufium, des PPNA und des PPNB getragen haben, aus genetischer Sicht im wesentlichen der "Natufium / levantinischen" Herkunftgruppe an. Und diese Kultur ist nach 7.000 v. Ztr. untergegangen. "Aufstieg und Fall der Stadt Ain Ghazal" hieß einmal in den 1990er Jahren ein eindrucksvoller Bericht über eine solche Stadt in der Zeitschrift "Bild der Wissenschaft" (4/1994) verfaßt von dem Archäologen-Ehepaar Rollefson, die dort ausgegraben haben. (Dieser Aufsatz war einstmals der erste Zugang des Autors dieser Zeilen zu dieser ganzen Thematik.)

Eine neue Kultur ab 6.500 v. Ztr.

Doch nun weiter: Ab 6.500 v. Ztr. breitet sich eine ganz neue Kultur aus. Es war dies die oben schon genannte Halaf-Kultur (6.100-5.100 v. Ztr.) (Wiki). Sie ist benannt nach dem Siedlungshügel Tell Halaf (Wiki) im Nordosten Syriens, etwa auf halbem Weg zwischen den Oberläufen von Euphrat und Tigris. Sie ist zwischen 1899 bis 1927 von dem Kölner Bankierssohn Max von Oppenheim (1860-1946) (Wiki) ergegraben worden. (von Oppenheim war väterlicherseits jüdischer Herkunft, stammte mütterlicherseits aus einer Kölner Bankiersfamilie und war katholisch getauft.) Der Ursprungsraum der Halaf-Kultur liegt in genau derselben Region wie die Ursprungsräume der vorkeramischen Kulturen, nämlich im Kernraum des Fruchtbaren Halbmonds. Es ist dies die Zeit, in der sich zeitgleich Bauernkulturen über ganz Anatolien, auf dem Balkan und rund um das gesamte Mittelmeer ausgebreitet haben. Es ist dies eEin Zeitraum, in dem gleichzeitig sehr viel passiert ist, was womöglich in seinen regionalen Details noch längst nicht vollständig überblickt werden kann und verstanden worden ist. 

Die Formierung völlig neuer Völker und Völkergruppen, die dann Jahrtausende lang die Weltgeschichte bestimmen sollten - bis hoch nach Skandinavien und Schottland, bis an die Westhänge des Tianshan in Zentralasien, bis nach Indien, vollzog sich im Umfeld des Fruchtbaren Halbmonds in genau jenem, noch nicht besonders gut verstanden 7. Jahrtausend vor der Zeitrechnung

Archäogenetisch gibt es seit kurzem Hinweise darauf, daß sich die Balkan- und Donau-neolithische Völkergruppe vom südwestanatolischen/nördlichen Levanteraum aus zum Balkan hin ausgebreitet hat, und daß die dieser Völkergruppe eng verwandte mediterran-neolithische Völkergruppe (Cardial-Kultur) von Nordwest-Anatolien ihren Ausgang genommen hat und sich rund um das nördliche Mittelmeer ausgebreitet hat (4, 5). Dies gilt zumindest für die jeweiligen Y-Chromosomen. Und nun gibt es den weiteren Hinweis, daß sich die charakteristische Mischbevölkerung der Halaf-Kultur vom nördlichen Syrien aus wohl nur wenig später mit unterschiedlichen Anteilen von iranisch-neolithischer Genetik bis an die Südhänge des Kaukasus und in genetischen Spuren bis hin nach Indien und in den Levanteraum ausgebreitet hat. 

Aufgrund der wenigen Menschenfunde, die aus diesen Jahrtausenden und dieser Region bislang archäogenetisch hatten sequenziert werden können, wird das Bild auch weiterhin vergleichsweise unscharf bleiben. Dennoch wollen wir uns über den gegenwärtigen Forschungsstand orientieren. Über das nördliche Syrien in dieser Zeit lesen wir (Wiki):

Das Kerngebiet der Halaf-Kultur befindet sich im Quellgebiet von Euphrat und Tigris. Es erstreckt sich jedoch weiter nach Süden bis in den Norden Syriens und des Iraks.  Die Halaf-Kultur hat sich relativ gleichzeitig im gesamten Verbreitungsgebiet aus lokalen neolithischen Kulturen entwickelt.

Womöglich ist das ein wichtiger Satz: Die Halaf-Kultur hat sich relativ gleichzeitig im gesamten Verbreitungsgebeit aus lokalen neolithischen Kulturen entwickelt. Zwar ist das auf den ersten Blick ein ungewöhnliches Geschehen. Denn die meisten großen Kulturen und Völker dieser Zeit sind klar durch demographische Ausbreitung aus kleinen Kernräumen heraus entstanden (Bandkeramiker, Urindogermanen, mittelneolithische Kulturen in Europa ...).

Wie wir unten anhand der archäogenetischen Daten der genannten Studie der Forschungsgruppe um Johannes Krause (1) sehen werden, ist die kulturelle Vereinheitlichung durch die Halaf-Kultur über eine weitere Region hinweg zugleich einher gegangen mit Vermischungsprozessen, in denen die genetische "Naturium/levantinische" Herkunft nicht mehr die Hauptrolle spielte, sondern in unterschiedlichen Anteilen einerseits die anatolisch-neolithische Herkunft, die sich vom nördlichen Anatolien aus bis in die Kernregion des Fruchtbaren Halbmonds ausgebreitet hatte, wie auch - und womöglich noch mehr - die iranisch-neolithische Herkunftgruppe, die ebenfalls die entleerten Siedlungsräume übernommen haben könnte, die die untergegangenen Kulturen des PPNB und PPNC zurück gelassen hatten, und wo es zu Vermischungen aller drei Herkunftsgruppen innerhalb der entstehenden Halaf-Kultur gekommen ist, wobei der genetische Transfer parallel gegangen sein mag zu dem im 1. Teil behandelten Kulturtransfer "Tausche Schafe und Wein vom Zagros-Gebirge gegen Einkorn-Weizen vom Karacadağ-Gebirge".

[Einfügung 19.11.23:] Im heutigen Nordsyrien liegt der Ausgrabungsort Tell Sabi Abyad (Wiki). Die Archäologen stellen fest, daß hier ein Dorf um 5.200 v. Ztr. (oder um 6.000 v. Ztr.) in einem heftigen Feuer verbrannt ist (Wiki):

Im „verbrannten Dorf“ wurde reichlich Keramik aufgefunden, die mit eigenartigen schwarzen Strichen verziert war. Diese Dekoration bestand aus Bitumen, das direkt nach dem Brennen auf die Keramik aufgetragen wurde. Chemisch-analytische Untersuchungen und Vergleiche mit Bitumen aus den nächstliegenden Vorkommen ergaben, daß dieses Rohmaterial aus Zakho oder Kirkuk im heutigen Irak stammte. Die neolithischen Bewohner des Tell Sabi Abyad unterhielten also Handelsbeziehungen über zumindest 500 Kilometer nach Osten.

Auf dem englischen Wikipedia wird diese Schicht auf 6.000 v. Ztr. datiert (Wiki). Über der Schicht des "verbrannten Dorfes" findet sich dann die chronologisch erste Schicht der Halaf-Kultur vor Ort. In beiden Schichten gab es schon Tonsiegel mit Stempelabdrücken und Zählsteine, die auf ein Registrierungs- und Verwaltungssystem hinwiesen, bzw. auf Buchhaltung. Die frühesten solchen Zählsteine hat man schon im PPNA in Mureybet gefunden. Auf dem niederländischen Wikipedia finden sich die wohl genaueren chronologischen Angaben (Wiki):

Pre-Halaf - - - - - - - - -  6.300 v. Ztr.
Proto-Halaf - - - - - - - - 6.100 v. Ztr.
Früh Halaf - - - - - - - -  5.950 v. Ztr.
Früh Halaf (bisher) - -  5.850 v. Ztr.

[Ende der Einfügung]

Nur in den Levanteraum an der Mittelmeerküste hinein scheint sich die Halaf-Kultur nicht ausgebreitet zu haben, ein Umstand, der sich ebenfalls in der Archäogenetik widerspiegelt (1) (siehe unten). Denn im Levanteraum hat sich die vorhergehende Natufium-/levantinische Genetik in größeren Anteilen gehalten als in anderen Regionen (aber auch im Levanteraum nur zu etwa einem Drittel, zu etwa 36 %). Die Halaf-Kultur scheint also sowohl genetisch wie kulturell aus der vorhergehenden PPNB/PPNC-Kultur hervorgegangen zu sein, aber durch Vermischung sowohl mit vormaligen anatolischen Jägern und Sammlern wie mit vormaligen iranischen Jägern und Sammlern aus dem Zagros-Gebirge. Den Forschungsstand aus Sicht der Archäologie zur Entstehung der Halaf-Kultur hatten wir schon im ersten Teil zitiert (Wiki). Es war da bezüglich des Tell Sabi Abyad von einer langen, weitgehend kontinuierlichen kulturellen Entwicklung durch fast alle archäologischen Schichten hindurch die Rede aber bemerkenswerterweise doch auch von einer einzelnen Siedlungsunterbrechung und zwar ganz zu Anfang zwischen den beiden untersten Schichten, nämlich zwischen 11 und 10.

Die genannte Siedlungsunterbrechung zwischen den Schichten 11 und 10 könnte durchaus auch ein Hinweis darauf sein, daß es hier zu jenen ethnischen Neuformierungs-Prozessen gekommen ist, die aus Sicht der neuen archäogenetischen Daten vorauszusetzen sein müßten, wobei vom nordöstlichen Anatolien und dem Iran aus vermehrt auch jene vormalige iranische Jäger-Sammler-Genetik in den Kernraum des Fruchtbaren Halbmonds gelangt sein sollte, wo sie ja zuvor nicht anzutreffen gewesen war (zumindest soweit wir das bislang übersehen können). (Daß es zuvor schon mit der PPNB-Ausbreitung von Norden nach Süden zu einer Vermischung zwischen iranischer und anatolischer Genetik gekommen ist, scheint ja nach den bisherigen Daten eher unwahrscheinlich.)

Bevor wir uns den Einzelheiten der genannten Studie zuwenden, sei zunächst noch einmal an den bisherigen Forschungsstand mit Hilfe der folgenden Grafik erinnert, um das folgende besser verstehen und einordnen zu können (Abb. 3), nämlich aus der Forschungsgruppe um Chris Tyler-Smith (6) (Almarri et. al. 2021).

Abb. 3: Herkunftsanteile der heutigen Völker des Vorderen Orients (aus: 6)*)

In ihr kommt zur Darstellung, daß die Vorfahren der heutigen Völker des  Vorderen Orients anhand des archäogenetischen Datenmaterials modelliert werden können als abstammend von drei ursprünglicheren Herkunftsgruppen:

  1. der Herkunftsgruppe des (halbseßhaften) Natufium (die erstmals im mittleren und westlichen Teil des Fruchtbaren Halbmonds Getreide domestiziert hat) (hellblau), 
  2. der Herkunftsgruppe anatolisch-neolithische Bauern (lila), die im nordwestlichen Anatolien im 7. Jahrtausend v. Ztr. vom Jäger-Sammler-Dasein zum Ackerbau übergegangen sind und
  3. die iranisch-neolithische Herkunftsgruppe (orange/hellbraun), die - womöglich - parallel zum Natufium im Westen seßhaft geworden ist und sich während des 7. Jahrtausends vom Zagros-Gebirge ausgehend in alle Richtungen ausgebreitet hat.

Die heutigen Völker des Vorderen Orients setzen sich zu jeweils unterschiedlichen Anteilen, die der Grafik entnommen werden können (Abb. 3), aus diesen drei Herkunftsgruppen zusammen. Der - sehr kleine - sehr dunkellila Anteil in der Grafik ist der Anteil "Steppen-Genetik" der Indogermanen, der spätestens ab dem Seevölkersturm in diesen Raum gekommen ist. Aus dieser Grafik kann womöglich mehr heraus gelesen werden als man auf den ersten Blick denkt. Die natufische/levantinische Genetik (hellblau) hat sich am unvermischtesten bei den Völkern auf der arabischen Halbinsel gehalten. In der bronzezeitlichen Handelsstadt Sidon ist dieser Anteil aber auch noch höher gewesen, er findet sich auch bei Palästinensern und Libanesen und - auffallenderweise - bei den südlicher lebenden Irakern und Assyrern mehr als bei den nördlicher lebenden Kurden. Der anatolische Anteil (lila) war im Neolithikum der Levante nur gering vorhanden, war im bronzezeitlichen Sidon angestiegen und ist heute bei Palästinensern, Libanesen, Drusen, Jordaniern, Kurden und einigen Beduinen-Stämmen deutlich ausgeprägt. Er war im bronzezeitlichen Sidon etwa so hoch wie heute in Ägypten. Der iranisch-neolithische Anteil (orange-hellbraun) ist am höchsten bei Kurden und Irakern, also jenen Völkern die noch heute in der größten Nähe zum Zagros-Gebirge leben. Um so weiter im Westen die Völker leben, um so geringer ist noch heute ihr iranisch-neolithischer Herkunftsanteil. Im bronzezeitlichen Sidon war er etwa so hoch wie heute in Ägypten und auf der arabischen Halbinsel.

Nach der Bronzezeit haben sich sowohl anatolische wie iranische Genetik im Levanteraum (Sidon) noch leicht erhöht - sicherlich durch Zufluß von Norden, während scheinbar einige Beduinen-Stämme grob die bronzezeitliche Genetik dieses Raumes beibehalten haben bis heute.

Schon die Völker des vorkeramischen Neolithikums im Fruchtbaren Halbmond (benannt "Levant_N") haben also in kleinen Anteilen (Nordwest-)anatolische Genetik in sich getragen. Es ist naheliegend, daß diese sich mit der PPNB-Kultur vom südlichen Anatolien aus nach Süden in den Levanteraum ausgebreitet hat. (Denn die nachherige Halaf-Kultur hat diesen Raum ja nicht erreicht.) Und man könnte annehmen, daß es ähnliche Vorgänge während des PPNB parallel mit der iranischen Genetik auch schon im östlichen Teil des Fruchtbaren Halbmonds gegeben hat. Aber das ist zum jetzigen Stand reine Spekulation. In welchem Umfang die Kultur des PPNB im östlichen Teil des Fruchtbaren Halbmonds iranisch-neolithische Genetik in sich trug, ist - zumindest uns - einstweilen gar nicht bekannt. Das mag womöglich noch offen sein aufgrund der Spärlichkeit der bislang sequenzierten Funde dieser Region. 

Wang et al. 2019

Erst über die Umwege der vorliegenden Blogartikel-Serie kommen wir dazu, uns die archäogenetischen Studien der letzten Jahre zum Kaukasus, zu Anatolien und zum Levante-Raum anzuschauen. Hier ist schon viel mehr bekannt als uns bislang bewußt war. Und wir hätten das schon längst aufgreifen können. Schon 2019 ist der Forschungsstand zu diesem geographischen Raum von der Forschungsgruppe um Wolfgang Haack (unter Einschluß von David Reich, Johannes Krause und dem deutschen Archäologen Svend Hansen) so festgestellt worden wie wir es im folgenden darstellen wollen. Zunächst wird über den Nahe Osten und Anatolien referiert, was wir schon anhand Abbildung 3 zu verdeutlichen versuchten (3) (Wang et. al. 2019):

Im Mesolithikum und im Frühneolithikum lebten hier drei unterschiedliche Ausgangspopulationen, die anatolische und Levante-Herkunft im Westen und eine Gruppe mit davon unterschiedener Herkunft im Osten. Die letztere wurde erstmals beschrieben in Individuen des Oberen Paläolithikums aus Georgien (Kaukasus-Jäger-Sammler; CHG) und dann in mesolithischen und neolithischen Individuen aus dem Iran. In den folgenden Jahrtausenden vom Neolithikum bis zur Bronzezeit kam es zur Vermischung zwischen diesen Herkunftsgruppen, was zu einer genetischen Homogenisierung der Ursprungsbevölkerungen führte.
The near East and Anatolia (...). In the Mesolithic and Early Neolithic, these regions harboured three divergent populations, with Anatolian and Levantine ancestry in the west, and a group with a distinct ancestry in the east. The latter was first described in Upper Pleistocene individuals from Georgia (Caucasus hunter-gatherers; CHG) and then in Mesolithic and Neolithic individuals from Iran. The following millennia, spanning the Neolithic to BA, saw admixture between these ancestral groups, leading to a pattern of genetic homogenization of the source populations.

Diese Ausführungen über die "Homogenisierung" bekommen in weiteren Studien aus dem Jahr 2020 ihre zusätzlichen Unterstreichungen und Bestätigungen (1, 2). Und die neueren und diese ältere Studie erläutern sich auch gegenseitig, insbesondere da die 2020er Studien stillschweigend den Kenntnisstand dieser älteren Studie voraussetzen. Man muß also die Wang 2019-Studie (3) zum Verständnis - zumal als Fachfremder - notwendigerweise parallel studieren.

In dieser Wang et. al.-Studie wird dann weiter das Urvolk der Indogermanen erörtert, das sich von der Samara-Region an der Mittleren Wolga bis zum Fuße des Kaukasus (aber nicht bis in das Gebirge hinein und nicht bis zu seinem Gebirgskamm!) (also auch nicht in die Region des höchsten Berges des Kaukasus, des Elbrus) ausgebreitet hat (3) (Wang et. al. 2019):

Im Norden des Kaukasus tragen eneolthische und bronzezeitliche Individuen der Samara-Region (5.200 bis 4.000 v. Ztr.) in gleichen Anteilen osteuropäische Jäger-Sammler-Herkunft und "Kaukasus-iranische" Herkunft in sich, (zusammen) die sogenannten "Steppen-Herkunft", die sich schließlich weiter nach Westen ausbreitete, wo sie beträchtlich zu den heutigen Europäern beigetragen hat, und nach Osten in die Altai-Region - ebenso wie nach Südasien.
North of the Caucasus, Eneolithic and BA individuals from the Samara region (5200-4000 BCE) carry an equal mixture of EHG- and CHG/Iranian ancestry, so-called ‘steppe ancestry’ that eventually spread further west, where it contributed substantially to present-day Europeans, and east to the Altai region as well as to South Asia.

So weit so bekannt hier auf dem Blog. Zumindest vom Prinzip her. Aber die im folgenden zu erörternde scharfe genetische Grenze am Fuße der Berge des nördlichen Kaukasus (Abb. 4) und am Übergang zur Steppe ist eindeutig eine neue Erkenntnis, der ab jetzt viel Bedeutung wird beigemessen werden müssen, wenn nach der Herkunft der iranischen genetischen Komponente im Urvolk der Indogermanen gefragt wird. 

Abb. 4: Die Nordgrenze des Ausbreitungsgebietes des Kaukasus-Clusters liegt nördlich des Hauptkamms des Kaukasus-Gebirges, nämlich am Fuße desselben, dort wo die Steppe beginnt (aus: Wang/Haack 2019) - Die gestrichelte Linie zeigt die Grenze zum "Steppen-Cluster" im Norden an, eingezeichnet sind die Fundorte der sequenzierten Menschenfunde

Denn es ist unbedingt notwendig, sich diese in der Bronzezeit bestehende so klare genetische Trennung der Populationen nördlich des Kaukasus und der Populationen südlich davon vor Augen zu führen. Die Bedeutung dieser klaren genetischen Trennung tritt aber auch erst voll hervor, wenn man sich mit der genetischen Geschichte zwischen Kaukasus und Levanteraum insgesamt beschäftigt hat wie das in der Studie von 2020 geschehen ist (1). Und dann stellt sich die weitere Frage: Wie kann es denn zu einer so frühen und so klaren Trennung gekommen sein, wenn von der Bevölkerung südlich des Kaukasus aus die Ethnogenese der Indogermanen in Gang gesetzt worden sein soll? Diese Frage scheint uns doch eine ganz entscheidende zu sein. Denn das in ihr Implizierte scheint doch unter diesem neuen Kenntnisstand mehr als unwahrscheinlich. Dann wäre es wahrlich schwierig, zugleich eine so scharfe genetische Grenze zwischen zwei großen Völkergruppen zu erklären, die nachmals sogar noch bis zum Ende der Bronzezeit fortbestanden hat. In der Tat gibt es Anlaß, sich zu wundern, daß wir hier auf dem Blog diesen wichtigen Umstand erst jetzt voll auf uns wirken lassen. Wir lesen (3) (Wang et. al. 2019):

Die beiden unterschiedlichen Cluster sind schon in den ältesten Individuen unseres zeitlichen Querschnitts sichtbar, die auf das Spätneolithikum datiert werden (4.300 bis 4.100 v. Ztr.). Drei Individuen von den Fundorten Progress 2 und Vonyuchka 1 in der am Fuße des Kaukasus angrenzenden Steppe ("Eneolithic steppe"), die osteuropäische und kaukasische Jäger/Sammler-Genetik aufweisen, sind genetisch sehr ähnlich zu eneolithischen Individuen von Chwalynsk II und der Samara-Region.
The two distinct clusters are already visible in the oldest individuals of our temporal transect, dated to the Eneolithic period (~6300–6100 yBP/4300–4100 calBCE). Three individuals from the sites of Progress 2 and Vonyuchka 1 in the North Caucasus piedmont steppe (‘Eneolithic steppe’), which harbour EHG and CHG related ancestry, are genetically very similar to Eneolithic individuals from Khvalynsk II and the Samara region.

Das ist also das Urvolk der Indogermanen, das sich zu diesem Zeitpunkt schon bis an den Fuß des Kaukasus ausgebreitet hat - aber nicht weiter. Genau dieses Urvolk war ja auch 2019 erst auch anderwärts für die Forschung sichtbar geworden - für uns insbesondere durch eine Veröffentlichung des Archäologen David Anthony (St gen 2019). Aufgrund dieses Umstandes hatten wir genug zu tun, diese neue Erkenntnis auszuwerten, so daß wir erst jetzt dazu kommen, uns die parallelen Entwicklungen innerhalb des Kauskaus und südlich davon bis hinunter in den Levanteraum anzuschauen und zu fragen, was sie zur Beleuchtung der Gesamtthematik beizutragen haben. Und das ist eine ganze Menge. Die Forscher schrieben 2019 weiter (3) (Wang et al 2019):

Im Gegensatz dazu (zu den Steppenbewohnern) zeigen die ältesten Individuen in den nördlichen Höhenlagen des Kaukasus (...) gemischte Herkunft, die vornehmlich abgeleitet ist aus Ausgangspopulationen, die in Verbindung stehen mit dem anatolischen Neolithikum (orange) und den Kaukasus-Jäger-Sammlern, bzw. dem iranischen Neolithikum (grün). 
In contrast, the oldest individuals from the northern mountain flank itself, which are three first-degree-related individuals from the Unakozovskaya cave associated with the Darkveti-Meshoko Eneolithic culture (analysis label ‘Eneolithic Caucasus’) show mixed ancestry mostly derived from sources related to the Anatolian Neolithic (orange) and CHG/Iran Neolithic (green) in the ADMIXTURE plot (Fig. 2c).

Achtung, nicht verwirren lassen. Hier sind die Herkunftsgruppen anderen Farben zugeordnet als oben in Abbildung 3, die einer anderen Studie entnommen worden war. Aber die oben genannte "Homogeneisierung" zwischen den beiden großen genetischen Herkunftsgruppen ist schon zu diesem Zeitpunkt im Kaukasus voll ausgebildet sichtbar, war also schon sehr weitgehend abgeschlossen (!) zu jenem frühen Zeitpunkt.

Das ist ein mehr als bemerkenswerter Umstand. Das heißt: Zu Beginn des Keramikums bildet sich am Westrand des Zagros-Gebirges und hinüber bis nach Nordmesopotamien einerseits und hinauf bis in den Kaukaus andererseits eine genetisch und kulturell ganz neue Völkergruppe (Halaf-Kultur), die genetisch fast unverändert bis zum Ende der Bronzezeit fortbesteht, ja, in groben Zügen sogar bis heute (s. Abb. 3). 

Um den Unterschied zur genetischen Geschichte Europas noch einmal heraus zu stellen: Zu jenem Zeitpunkt bildete sich das Volk der Bandkeramik im Wiener Becken gerade erst heraus, ein Volk, das heute in Europa so gut wie ausgestorben ist. Erst fünfhundert Jahre später bildete sich das Urvolk der Indogermanen an der Mittleren Wolga, zeitgleich zu mittelneolithischen Völkern in Mitteleuropa, deren Genetik sich auch nur in kleineren Anteilen in den heutigen Europäern wieder findet. Von diesem Zeitpunkt an sehen wir also in Europa noch sehr viel umfangreichere genetische Umbrüche, während wir für Anatolien ab diesem Zeitpunkt solche nur noch in weitaus geringerem Ausmaß feststellen, weil hier das Bild genetischer Kontinuität der im 7. Jahrtausend begründete Völkergruppe bis heute vorherrscht, einer Völkergruppe, die - gemessen an damaligen Maßstäben - eine höhere Siedlungsdichte aufwies als die Völker in Europa, weshalb genetische Umbrüche durch jeweilige erobernde Neuzwanderer viel weniger umfangreich zustande kommen konnten. Weiter (3) (Wang et. al.):

Nachdem für anatolische und armenische kupferzeitliche und bronzezeitliche Individuen ähnliche Herkunftsprofile berichtet worden sind, legt dieses Ergebnis die Anwesenheit dieser gemischten Herkunft nördlich des Kamms des Kaukasus schon um die Zeit um 4.500 v. Ztr. nahe.
While similar ancestry profiles have been reported for Anatolian and Armenian Chalcolithic and BA individuals, this result suggests the presence of this mixed ancestry north of the Caucasus as early as ~6500 years ago.

Und das war ja auch das wesentliche Argument der David Anthony-Ausführungen von 2019, daß sich die anatolische Genetik, die sich südlich des Kaukasus findet, im Urvolk der Indogermanen nicht findet, weshalb es 

  • erstens nicht aus Anatolien stammen konnte (im Gegensatz zu der Lehre von Colin Renfrew und anderen), und weshalb 
  • zweitens die Kaukasus-Jäger-Sammler- bzw. iranische Herkunftskomponente in dieses schon vor der Zeit um 4.500 v. Ztr. gekommen sein mußte. 

Und - offenbar - auch auf anderem Wege als ausgerechnet über den Hauptkamm des Kaukasus hinweg. Der Kaukasus grenzt im Osten an das Kaspischen Meer und im Westen an das Schwarze Meer, zwei Verbindungswege für Menschen iranischer Genetik, um in den Norden des Kaukasus, etwa an den Unteren Don und/oder an die Untere Wolga zu gelangen. Und rund um das Kaspische Meer und im Zagros-Gebirge gab es noch viel Platz, gibt es noch viele vorgeschichtliche Populationen, die archäogenetisch bislang kaum oder gar erfaßt sind, und von wo herauf die hälftig "iranischen" Vorfahren der Indogermanen gekommen sein können, von wo aus man per Schiff die Wolga ja bestens gut erreichen konnte, bzw. über das Schwarze Meer den Don.

Und der Archäologe Svend Hansen weist dann im Supplement auch gleich auf eine archäologische Studie, die glaubt, im 9. Jahrtausend v. Ztr., PPNB-Kulturelemente aus dem Zagros-Gebirge am Unteren Don erkennen zu können (siehe voriger Beitrag). Es wird dafür der Weg über die Ostküste des Schwarzen Meeres zur Ausbreitung vorgeschlagen, da es an diesen Küsten ebenfalls Hinweise für solche PPNB-Kulturelemente gibt. Aber behalten wir im Hinterkopf: Der Don ist nicht die Wolga. Die Wolga ist vom Kaspischen Meer aus deutlich leichter zu erreichen.

Abb. 5: Das Kaukasus-Cluster unten, das Steppen-Cluster oben, beide deutlich voneinander zu unterscheiden. Ebenso sind Vermischungen zwischen beiden in der Späten Majkop-Kultur zu erkennen (Wang 2019) - Herkunftsanteile: Anatolien: orange, Iran: grün, Osteuropa: blau - Es wird vor allem die Jahrtausende lange räumliche genetische Kontinuität beider Cluster deutlich

Erst wenn man sich mit Hilfe der neueren Studien das größere Bild klar macht, das sich für den Raum zwischen Kaukasus und Levante herausbildet, wird einem die Bedeutung dieser scharfen genetischen Grenze bewußt, die da um 4.500 v. Ztr. am Fuße des Nordhanges des Kaukasus anzutreffen ist (Abb. 5). Sie läßt die Möglichkeit, daß die iranische Ausgangsbevölkerung des Urvolks der Indogermanen vom Kaspischen Meer stammt, mehr als wahrscheinlich erscheinen. Man fühlt sich bei diesem Anlaß also daran erinnert, daß der David Reich-Mitarbeiter Nick Patterson derzeit die Ausgangspopulation für die Ethnogenese der Indogermanen an den Ufern des Kaspischen Meeres annimmt (St. gen. 2021). 

Im weiteren gilt es, sich den Umstand klar zu machen, daß die anatolisch-neolithische Komponente in der frühbronzezeitlichen Majkop-Kultur (3.800-3.000 v. Ztr.) der Steppe (!) (dort gab es diese nämlich auch) auf eine "Rückausbreitung" von Nachkommen vormaliger Urindogermanen zurückgeführt werden muß, die sich irgendwann zwischen 4.500 und 3.800 v. Ztr. entweder mit Menschen der großen Cucuteni-Tripolje-Kultur oder mit Menschen der Kugelamphoren-Kultur vermischt hatten. (Erg. 8.5.24: Die weiteren Ausführungen zu diesem speziellen Thema dürften durch eine neue Studie aus dem Jahr 2024 korrigiert worden sein. Die anatolisch-neolithische Herkunftskomponente war ebenso wie die westeuropäische Jäger-Sammler-Komponente schon im Spätmesolithikum in die Region gelangt.) In beiden gab es auch eine kleinere Herkunftskomponente westeuropäischer Jäger/Sammler, die diese "zweite Welle der Indogermanen" nun ebenfalls in sich trägt. In der Wang et. al. -Studie von 2019 heißt es dazu (3):

Unsere Ergebnisse zeigen einen Zufluß von sowohl anatolisch-neolithischer Genetik wie auch von westeuropäischer Jäger-Sammler-Genetik, die wahrscheinlich hereinkamen durch mittel- und spätneolithische Bauern-Gruppen im angrenzenden Westen. (...) Die paßgenaueste Ausgangspopulation dieses Genzuflusses kann gegenwärtig aufgrund der Begrenzungen der Auflösung noch nicht identifiziert werden. Allerdings gehören die geographisch nahegelegenen und zeitgleichen Gruppen wie die Kugelamphoren-Kultur und eneolithische Gruppen am Schwarzen Meer (Ukraine und Bulgarien) (...) zu den besten Kandidaten.
Our results show a subtle contribution of both AF ancestry and WHG-related ancestry (Fig. 4; Supplementary Tables 13 and 14), likely brought in through MN/LN farming groups from adjacent regions in the West. (...) At present, due to the limits of our resolution, we cannot identify a single best source population. However, geographically proximal and contemporaneous groups such as Globular Amphora and Eneolithic groups from the Black Sea area (Ukraine and Bulgaria), representing all four distal sources (CHG, EHG, WHG, and Anatolian_Neolithic), are among the best supported candidates (Fig. 4; Supplementary Table 16).

Mit eneolithischen Gruppen am Schwarzen Meer ist zunächst einmal vor allem die Cucuteni-Triploje-Kultur gemeint (die allerdings die Küste des Schwarzen Meeres fast nie erreicht hat), ebenso die Kultur der Königsgräber von Warna in Bulgarien. Sehr viel Aufwand betreiben die Forscher, um die Quellen für die Herkunftszusammensetzung für "Steppe_Maykop_outlier" festzustellen. Soweit wir es verstehen, können sie nicht definitiv entscheiden, ob die in ihnen feststellbare anatolische Bauern-Komponente aus Vermischungen mit Völkern im Norden der Steppe oder vom Süden des Kaukasus stammt. Aber diese Frage ist für uns - zumindest an dieser Stelle - nicht so entscheidend. (Für die innere Geschichte der Maykop-Kultur und der vielen Völker, die aus ihr scheinen hervorgegangen zu sein, hat diese allerdings durchaus Bedeutung. Und deshalb werden wir zu späterer Zeit sicher auch noch einmal darauf zurückkommen müssen.)

Nun aber zum Kaukasus-Cluster (Wang 2019) (3):

Die Majkop-Epoche, repräsentiert durch 12 Individuen von acht Maykop-Fundorten (....) am Fuße der Nordseite des Kaukasus erscheint homogen. Diese Individuen ähneln sehr den vorhergehenden eneolithischen Kaukasus-Individuen und repräsentieren eine Fortsetzung ihres lokalen genetischen Profils. Diese Herkunft setzt sich in den folgenden Jahrhunderten fort zumindest bis 1.100 v. Ztr., was sich auch zeigt in Individuen der Kura-Araxes-Kultur sowohl vom nordöstlichen wie südlichen Kaukasus, ebenso in mittel- und spätbronzezeitlichen Individuen von der Nordseite des Kaukasus. Insgesamt fällt das Kaukasus-Herkunfts-Profil zwischen die "armenischen und iranischen kupferzeitlichen" Individuen und ist ununterscheidbar von anderen Kura-Araxes-Individuen, was einen zwiefachen Ursprung nahelegt, ausgehend von anatolisch-levantinischer und Kaukasus-iranischer Genetik und mit nur minimalen europäischem Jäger-Sammler-Anteil, womöglich als Teil der anatolischen Bauern-Herkunft.
The Maykop period, represented by 12 individuals from eight Maykop sites (Maykop, n = 2; a cultural variant ‘Novosvobodnaya’ from the site Klady, n = 4; and Late Maykop, n = 6) in the northern foothills appears homogeneous. These individuals closely resemble the preceding Eneolithic Caucasus individuals and present a continuation of the local genetic profile. This ancestry persists in the following centuries at least until ~3100 yBP (1100 calBCE), as revealed by individuals from Kura-Araxes from both the northeast (Velikent, Dagestan) and the South Caucasus (Kaps, Armenia), as well as MBA/LBA individuals (e.g. Kudachurt, Marchenkova Gora) from the north. Overall, this Caucasus ancestry profile falls among the ‘Armenian and Iranian Chalcolithic’ individuals and is indistinguishable from other Kura-Araxes individuals (Armenian EBA) on the PCA plot (Fig. 2), suggesting a dual origin involving Anatolian/Levantine and Iran Neolithic/CHG ancestry, with only minimal EHG/WHG contribution possibly as part of the AF ancestry.

Wir sehen also hier, daß die Majkop-Kultur genetische Kontinuität aufweist gegenüber der Shulaveri-Shomu rückwärts in die Vergangenheit gesehen und genetische Kontiunität aufweist mit der ihr nachfolgenden Kura-Araxes-Kultur, aus der - vermutlich - berühmte bronzezeitliche Völker in Anatolien hervorgegangen sind, die das domestizierte Pferd und indogermanische Namen, Begriffe, Kulturelemente, ja ganze Sprachen nach Anatolien brachten wie: Mittanni, Hurriter, Hethiter, Lyder und Lyker. Die Forscher modellierten ...

alle sechs Gruppen des Kaukausus-Clusters (eneolithischer Kaukadus, Maykop und Spätes Maykop, Maykop-Novosvobodnaya, Kura-Araxes und spätbronzezeitliche Dolmen-Kultur) mit Vermischungsanteilen auf einem genetischen Gradienten von 40 bis 72 % anatolisch-chalkolitisch und 28 bis 60 % Kaukasische Jäger-Sammler-Herkunft.
all six groups of the Caucasus cluster (Eneolithic Caucasus, Maykop and Late Makyop, Maykop-Novosvobodnaya, Kura-Araxes, and Dolmen LBA), with admixture proportions on a genetic cline of 40–72% Anatolian Chalcolithic related and 28–60% CHG related. 

Der anatolisch-neolithische Anteil wäre also bei ihnen grob um 10 % höher als der iranische-neolithische genetische Anteil. Wie hoch der Natufium-levantinische Anteil ist, wird nicht gesagt. Aber grob wird man sich vielleicht an den Kurden in Abbildung 3 orientieren können, wenn es um die Genetik dieses Kaukasus-Clusters geht.*)

Festzuhalten bleibt, daß vom Grundsätzlichen her schon um diese Zeit südlich des Kaukasus und in Anatolien ähnliche Herkunftsmischungs-Verhältnisse herrschten wie sie dort noch heute herrschen (s. Abb. 3).

Abb. 6: Das Kaukasus-Cluster gleicht dem zeitgleichen Armenischen Cluster, das schon zuvor publiziert worden war (aus: Wang et al 2019) - Außerdem zu sehen: Die anatolisch-neolithische Völkergruppe in Europa (einschließlich "Bulgaria_Varna_Eneolithic"), sowie darunter die mit ihr vermischten Indogermanen des 5. bis 3. Jahrtausends (Schnurkeramiker / Corded Ware), sowie darunter das Urvolk der Indogermanen (Yamnaya und Chwalynsk)(zur besseren Ansicht bitte drauf klicken und vergrößern!)

Dieses Kaukasus-Cluster breitet sich dann aber sogar noch weiter nach Norden aus, bezeugt durch ein Individuum, das der spätbronzezeitlichen Dolmen-Kultur (1400 bis 1200 v. Ztr.) südlich des Asowschen Meeres am Nordrand des dortigen Schwarzen Meeres und nordwestlich des Kaukasus zugesprochen wird. Diese Dolmen-Kultur hatte zwischen 3000 und 2000 v. Ztr. (Wiki) bestanden und scheint - nach diesem Individuum - auch noch bis 1200 v. Ztr. genetische Kontinuität in diesem Raum bewahrt zu haben. Wir sehen hier also aus genetischer Sicht sehr konstante Zustände. Völlig gegensätzlich etwa gegenüber den beiden fast vollständigen Bevölkerungsaustauschen am Anfang und am Ende des Neolithikums auf den britischen Inseln (um nur einen der krasseren Fälle für die genetische Geschichte Nordeuropas heraus zu greifen).

In Anatolien und im Kaukasus ist auch keine der ursprünglichen Jäger-Sammler-Völker in einem solchen Umfang ausgestorben wie das zumindest für die Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler gesagt werden muß. Die Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler besteht ja vor allem in der Völkergruppe der Indogermanen fort.

War die Majkop-Kultur ein multikulturelles Königreich?

In einem der Supplements der Wang et. al.-Studie wird - vermutlich von Svend Hansen oder aus seinem Umfeld heraus - über die Majkop-Kultur das folgende ausgeführt (Wang et. al., Supplement) (3):

Von den Inventaren her beurteilt gab es in der frühen Phase dieser Kultur eine enge Verbindung nach Nordmesopotamien.
Judging by the artefact spectrum, the early phase of this phenomenon appears closely linked to northern Mesopotamia.

Es wird ausgeführt, daß Steppen-Majkop-Kultur (mit Indogermanen-Genetik) und Kaukasus-Majkop-Kultur (mit Südkaukasus-Genetik) sich scheinbar vollständig parallel zueinander entwickelten. Es könne nicht gesagt werden, daß eine von beiden Kulturäume der anderen zeitlich voraus gegangen sei. Daraus könnte die Schlußfolgerung gezogen werden, daß man es womöglich mit einem multikulturellen Königreich zu tun hat, das im Süden "Kaukasus-Cluster"-Menschen und im Norden "Steppen-Cluster"-Menschen unter einem kulturellen Dach vereinigt hat.

Die Bergvölker des Kaukasus haben noch im 19. Jahrhundert das nördliche Vorland des Kaukasus als Sommerweide für ihre Weidetiere genutzt (etwa die Tscherkessen). Als es dabei zu Konflikten kam mit den sich nach Süden expandierendem Russischen Reich war der erste Anlaß für die blutigen Kaukasus-Kriege der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegeben, über die russische Schriftsteller wie Tolstoi und andere so berühmte Literatur verfaßt haben, und in der der Imam Schamil als Anführer der Tschetschenen eine so große Rolle spielte. Ob sich aus diesem Umstand Schlußfolgerungen ableiten lassen für das multikulturelle Zusammenleben von Menschen zweier großer Völkergruppen am Übergang zwischen Bergregion und Steppe während der Bronzezeit - und wie dieses zustande gekommen sein könnte - das bleibe an dieser Stelle dahin gestellt.**)

Für das Bestehen solcher multikulturellen Königreiche findet man ja immer mehr Hinweise auch aus vielen Teilen Europas insbesondere für die Zeit um 3.000 v. Ztr. (enges zeitlich paralleles Nebeneinanderher-Leben von Glockenbecher-, Schnurkeramik- und Kugelamphoren-Kultur, z.B. in Kujawien im Weichselraum oder in Dänemark oder auch in der Schweiz). Im Haupttext weisen die Forscher hin auf ... (Wang 2019) (3) ...

... das häufige Auftreten von "Sachgütern im Majkop-Stil" in Gräbern, die eneolithische Steppen-Traditionen aufzeigen, und die genetisch zum Steppen-Cluster gehören. Die unterschiedlichen "Steppen-Majkop"-Gruppen repräsentieren die gegenseitige Einflußnahme von Steppen- und Kaukasus-Gruppen und ihre kulturellen Zugehörigkeiten in dieser Sphäre des gegenseitigen Austausches.
... the regular presence of ‘Maykop-style artefacts’ in burials that share Steppe Eneolithic traditions and are genetically assigned to the Steppe group. Hence the diverse ‘Steppe Maykop’ group indeed represents the mutual entanglement of Steppe and Caucasus groups and their cultural affiliations in this interaction sphere.

Allerdings legen eben die Daten so ungeheuer spannend dar, daß es über Jahrhunderte hinweg unglaublich intensiven kulturellen Austausch gegeben zu haben scheint aber so gut wie gar keinen genetischen. Ein außerordenlich spannendes Geschehen, das sich da am Fuße des Kaukausus an der Grenze zur Steppe vollzieht mit dieser scharfen genetischen Grenze, die zugleich kulturell ständig überschritten wird. Verhältnisse vergleichbar zu Europa - aber auch nur zum Teil.

Kurgane als Grablegen von Beamten

Die genetische Untersuchungen legen außerdem nahe, daß die Nutzung von Kurganen der Majkop-Kultur durch Inhaber einer gesellschaflichen Institution erfolgte, daß sie auf jeden Fall nicht als Grablegen von durch genetische Verwandtschaft verbundenen Familien und Clans gedeutet werden können. Das legen PCA-Analysen von jeweils fünf bestatteten Individuen in zwei Kurganen nahe (3) (Supplement 1, Fig. 7):

Hier heben wir hervor die genetische Heterogenität von mehreren Individuen desselben Kurgans, nämlich Marinskaya 5 und Sharakhalsun 6.
Here we highlight the genetic heterogeneity of multiple individuals from the same kurgan sites: Marinskaya 5 (upper panel) and Sharakhalsun 6 (lower panel).

Die genetische Heterogenität der jeweils fünf Bestattungen eines Kurgans weist darauf hin, daß Kurgane zur Bestattung örtlich verstorbener "Beamter" genutzt wurden. So jedenfalls möchten wir das hier auf den ersten Blick deuten. Nämlich von Beamten, die - vielleicht nur für einen bestimmten Zeitraum - zu diesen Beamten ernannt worden waren (etwa von einem Großkönig als "Provinz-Gouverneure"). Jedenfalls scheinen die Grabhügel nicht mehr Familien- oder Clan-bezogen gewesen zu sein. Man könnte etwa an die römischen Provinzbeamten denken, die ebenfalls nur für einen bestimmten Zeitraum als Beamte eingesetzt worden sind von Seiten einer Zentralgewalt.

Der moderne Recurve-Bogen

Und schließlich wird aus dem Kreis um Svend Hansen herum auf die innovative Bewaffnung der Zeit um 3.200 v. Ztr. hingewiesen, eine Zeit, in der ja auch die Schriftkultur in Mesopotamien und Ägypten begonnen hat (3) (Fig. 8 in Supplement 1):

Ähnlichkeiten der Bewaffnung und der Grabsitten. Abbildungen in einer Grabkammer der Novosvobodnaya Klady-Gruppe (Kurgan 28, grave 1) nahe Maykop und des mittelneolithischen Bernburger Kultur-Fundortes in Göhlitzsch in Deutschland. Beide datieren in das späte 4. Jahrtausend v. Ztr. und zeigen Recurvebogen und Köcher als Beispiele innovativer Bewaffnung.
Similarities in weaponry and burial rites. Depictions in a grave chamber of the Novosvobodnaya Klady group (Kurgan 28, grave 1) near Maykop (panel above; from reference1) and the Middle Neolithic Bernburg culture site Göhlitzsch in Germany (panel below; from reference2, no rights reserved). Both date to the late 4th millennium BCE and display a recurve bow and quiver sets as examples of innovative weaponry.

Recurvebogen (Wiki, engl) werden bis heute im Bogensport benutzt. So modern sind diese noch heute. Mit dieser innovativen Bewaffnung haben die Glockenbecher-Leute ganz Europa bis hinauf nach Schottland und bis hinunter nach Sardinien, womöglich sogar bis nach Nordafrika hinein erobert, die Schnurkeramiker bis hinauf nach Esland. Dieser Bogen wurde wohl von da an von fast allen indogermanischen Völkern genutzt, auch von den Turkvölkern, von ostasiatischen Völkern, von den Römern und so weiter.

Nach allem, was wir wissen, hat die Kura-Araxes-Kultur, die aus der Majkop-Kultur hervor ging, keine indogermanische Sprache gesprochen, bestenfalls Personennamen und einzelne Worte aus dem Indogermanischen übernommen. Dem Thema Kura-Araxes-Kultur als Wiege neuer Kaukasus-Völker müssen wir künftig noch genauer nachgehen hier auf dem Blog.

Alles zusammengenommen können die Vorgänge rund um den Kaukasus womöglich so gedeutet werden, daß die Südkaukasus-Völker sich im äußeren Habitus der Steppen-Kultur angeglichen haben, sie quasi angenommen haben (z.B. die Kurgane), dabei aber genetische Kontinuität bewahrt haben. Ob das geschehen sein kann, ohne zumindest zeitweise kriegerische Dominanz der Indogermanen von der Steppe aus, bleibe dahingestellt. 

Auf eine solche Weise mögen jedenfalls die nachmals in Anatolien herrschenden, vergleichsweise kriegerischen Völker entstanden sein: die Mitanni, die Hurri, bzw. Hurriter, die Hethiter, die Lyder, die Lyker und so weiter. Wobei es dabei dann noch Völker gegeben hat, die ihre vormalige Kaukasus-Sprache beibehalten haben (Hurriter und Mitanni) ebenso wie Völker, die mit mancherlei kriegerischen Mentalitäten auch eine indogermanische Sprache angenommen haben, ohne aber wiederum Steppen-Genetik in sich aufzunehmen. Denn alle genannten Völker haben nach allem, was wir bisher wissen, ihre vormalige Südkaukasus-Genetik bewahrt. Letzteres ist wahrscheinlich unter anderem der viel höheren Bevölkerungsdichte der Südkaukasus-Kulturen zu verdanken, die ja spätestens in der Bronzezeit von fast städtischer Lebensweise geprägt war. (Also womöglich eine noch dichtere Besiedlung aufweis als die Cucuteni-Tripolje-Kultur mit ihren "Megasites".)

Wie entstanden die heutigen kriegerischen Bergvölker des Nordkaukasus?

Sehr spannend ist dann auch noch die weitere Geschichte des Kaukasus nach der Bronzezeit. Während die ausgeprägte genetische Grenze zwischen dem "Kaukasus-Cluster" und dem "Steppen-Cluster" entlang des Fußes der Nordseite des Kaukasus und entlang der Grenze zur Steppe vom Neolithikum bis in die Bronzezeit erhalten blieb (bis 1200 v. Ztr.), hat es in den Völker nördlich des Hauptkammes des Kaukasus-Gebirges danach und bis heute noch einen zusätzlichen Zufluß an Steppengenetik gegeben (Wang et al 2019) (3):

Irgendwann nach der Bronzezeit müssen die heutigen Völker des Nordkaukasus noch zusätzlichen Genzufluß von Steppenpopulationen erhalten haben, der sie nun von den Völkern südlich des Kaukasus unterscheidet, die im wesentlichen ihr bronzezeitliches genetisches Herkunftsprofil behalten haben.
Sometime after the BA present-day North Caucasian populations must have received additional gene-flow from steppe populations that now separates them from southern Caucasians, who largely retained the BA ancestry profile.

Im Nordkaukasus gibt es heute Völker indogermanischer Sprache und es gibt Bergvölker, die sich bis heute ein sehr ausgeprägtes Krieger-Ethos bewahrt haben wie beispielsweise die Tschetschenen (die aber keine indogermanische Sprache sprechen). 

Freiheits- und Überlebenskampf der Tschetschenen

Die Tschetschenen sind um ihrer stolzen und furchtlosen Haltung in den Kriegen gegen Rußland und im Archipel Gulag noch von Tolstoi und Alexander Solscheniztin bewundert worden, um ihres ungebrochenen Überlebenswillens sind sie von Stalin als ganzes Volk während des Zweiten Weltkrieges umgesiedelt worden (so wie die Rußlanddeutschen). Und sie haben trotz aller Versuche, ihre kriegerische Mentalität zu brechen, diesselbe in den beiden Tschetschenienkriegen nach 1990 erneut mit unbändigem Freiheitswillen und unbändiger kriegerischer Haltung unter Beweis gestellt (während zeitgleich am Volk der Donkosaken etwa erkennbar war, daß seine große Zeit lange dahin war und nicht in dem Umfang hat erneuert werden können). 

Erst nachdem Tschetschenien und seine Hauptstadt Grozny zu einem ausgebomten Friedhof gemacht worden waren, bei dem selbst "Dresden 1945" noch in den Schatten gestellt worden war, erst nachdem sein Staatspräsident Dudajew während Friedensverhandlungen mit einer ferngesteuerten Rakete von Rußland völkerrechtswidrig ermordet worden war und praktisch jeder tschetschenische Widerstandskämpfer in Folterlagern ermordet oder schwerst traumatisiert worden war, ist der Widerstand der Tschetschenen mit brutalsten Gewaltmitteln und den ungeheuren militärischen Ressourcen Rußlands gebrochen worden. Die Militärmacht Rußland mußte immense Ressourcen an miliätrischem Material und an Truppen nach Tschetschenien senden, um gegen dieses kleine Bergvolk des Kaukasus zum Erfolg zu kommen. Es mußte ein Gebirgsdorf nach dem anderen buchstäblich "ausgeräuchert" werden. Und der Westen mußte so ignorant und zutiefst beschämend stillschweigend daneben stehen, wie er es eben getan hat, damit Rußland - unbeschadet von der Weltöffentlichkeit - gegenüber Tschetschnien tun konnte, was es wollte, so als würden wir nicht am Ende des 20. Jahrhundertes leben sondern zu Zeiten Iwans des Schrecklichen oder Stalins. So als hätte es nice Kriegsverbrecher-Prozesse in Nürnberg 1946 gegeben. Brutalster Völkermord. Auch die russische Organisation der "Soldatenmütter" (Wiki) konnte diesen Ausrottungskrieg nicht abwenden, aus dem auch zehn- und hundertausende von russischen Soldaten schwerst traumatisiert in ihre Familien zurück gekommen sind. In Tschetschenien herrscht noch heute die Stille des Friedhofs. Noch heute (2021/22) werden freiheitsliebende Tschetschenen von bedungenen Mördern Moskaus mitten im Tierpark Berlins ermordet und die deutsche Regierung tut so als habe sie es mit einer "normalen" Regierung in Moskau zu tun und nicht mit einem Verbrecher-Regime.

Man wird nicht fehlgehen, wenn man diese Mentalität der Tschetschenen auch mit dem genannten Zufluß an Steppengenetik nach der Bronzezeit erklärt. An dem Beispiel Tschetschenen kann man sich klar machen, daß eine irgendwie spürbare "indogermanische" Mentalität aber nicht notwendigerweise auch mit einer indogermanischen Sprache einher gehen muß.

Und im umgekehrten Fall zeigen Hurri, Mitanni, Hethiter, Lyder, Lyker und andere antike, vom Kaukasus nach Anatolien zugewanderte Völker, daß man auch ohne Steppen-Genetik, sowie mit - wie ohne - indogermanische Sprache eine irgendwie spürbare kriegerische, "indogermanische" Mentalität leben konnte. - - - Die Forscher schreiben (Wang et al 2019) (3):

Aus Archäologie und Geschichtsschreibung sind zahllose Zuwanderungen (in den Kauskasus) während der nachfolgenden Eisenzeit und dem Mittelalter bezeugt. Aber wird benötigen noch archäogenetisch aufbereitete DNA aus diesen Epochen, um dies unmittelbar überprüfen zu können.
The archaeological and historic records suggest numerous incursions during the subsequent Iron Age and Medieval times, but ancient DNA from these time periods will be needed to test this directly.

Zu den Zuwanderern in den Kaukasus gehört ja auch das indogermanische Volk der sarmatischen Alanen, die lange Jahrhunderte südlich des Kaukasus und im Norden der Skythen gelebt hatten und den skythischen Machtbereich übernahmen, nachdem die Skythen untergegangen waren. Sie standen auch im Bündnis mit vielen ostgermanischen Völkern wie etwa den Goten. Darauf kann zurückgeführt werden, daß ihre Nachfahren im Kaukasus Sagenbestandteile erhalten haben, die in manchem Parallelen aufweisen zur heidnischen Götterwelt des mittelalterlichen Skandinavien (z.B. die Figur des "Loki") wie andernorts hier auf dem Blog schon erörtert.

Völkerschicksale im Kaukasus über viele Jahrtausende hinweg und bis heute aufwühlend.

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*) Aber (Wang 2019) (3):

wir beobachteten, daß die Kura-Araxes- und Majkop-Novosvobodnaya-Individuen wahrscheinlich einen zusätzlichen Iran-Chalkolitischen Herkunftsanteil hinzubekamen (24,9, bzw. 37,4 %).
we observed that Kura-Araxes and Maykop-Novosvobodnaya individuals had likely received additional Iran Chalcolithic-related ancestry (24.9% and 37.4%, respectively).
Was immer damit genau gesagt sein soll. (Wir können nicht alles verstehen.) 
**) Auf jeden Fall haben die Indogermanen der Steppen-Majkop-Kultur im 4. Jahrtausend vor der Zeitreichnung und später offenbar keine so umfangreichen Umsiedlungen und Ausrottungen innerhalb des Kaukasus bewirkt wie das die Russen gegenüber den Tscherkessen schon im 19. Jahrhundert und gegenüber den Tschetschenen im 20. und 21. Jahrhundert bewirkten, gegenwärtig noch weiter betreibend vor den Augen der Weltöffentlichkeit, die in zwei ekelhaft genozidalen, kriegsverbrecherischen Tschetschenien-Kriegen sich nicht überzeugend und mit Nachdruck für die Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht und den Erhalt tapferer, selbstständiger Völker eingesetzt hat.

___________

  1. Eirini Skourtanioti, ... Wolfgang Haack, Johannes Krause: Genomic history of neolithic to bronze age Anatolia, Northern Levant, and Southern Caucasus. Cell 181(5), Mai 2020, 1158-1175. https://doi.org/10.1016/j.cell.2020.04.044.
  2. Agranat-Tamir et al. (David Reich), The Genomic History of the Bronze Age Southern Levant, 2020, Cell 181, 1146–1157, May 28, 2020, https://doi.org/10.1016/j.cell.2020.04.024, https://www.cell.com/cell/pdf/S0092-8674(20)30487-6.pdf.
  3. Wang, CC., Reinhold, S., Kalmykov, A. et al. Ancient human genome-wide data from a 3000-year interval in the Caucasus corresponds with eco-geographic regions. Nat Commun 10, 590 (2019), online 4.2.2019  ( Nat Commun )
  4. Bading, I.: Stammen die ersten Donau-neolithischen Bauernvölker aus der Levante? 7/2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/07/korrektur-notwendig-die-ersten.html
  5. Rohrlach, A.B., Papac, L., Childebayeva, A. et al. Using Y-chromosome capture enrichment to resolve haplogroup H2 shows new evidence for a two-path Neolithic expansion to Western Europe. Sci Rep 11, 15005 (2021). 22.7.2021, https://doi.org/10.1038/s41598-021-94491-z 
  6. The Genomic History of the Middle East. Mohamed A. Almarri, Marc Haber, Reem A. Lootah, Pille Hallast, Saeed Al Turki, Hilary C. Martin, Yali Xue, Chris Tyler-Smith. Als Preprint: bioRxiv, 18.10.2020, https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2020.10.18.342816v1; endgültige Fassung online 4.8.2021 in: Cell, Volume 184, Issue 18, 2 September 2021, Pages 4612-4625.e14, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0092867421008394
  7. Bading, I.: 2.200 v. Ztr. - Kriegerische Glockenbecherleute im westlichen Mittelmeer-Raum, kriegerische Hethiter in Anatolien, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/04/2200-v-ztr-kriegerische.html
  8. https://www.shh.mpg.de/1708395/anatolian-dna 
  9. https://news.harvard.edu/gazette/story/2020/05/genetic-research-offers-insight-into-rise-of-first-cities/
  10. Bading, I.: Indogermanische Steppengenetik im Vorderen Orient, 10/2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/10/indogermanische-steppengenetik-im.html  

Mittwoch, 19. Januar 2022

Das Zagros-Gebirge in der Völkergeschichte (9.000 bis 5.000 v. Ztr.)

PPNB auf dem Zagros und am Don (!), Shulaveri-Shomu- und Halaf-Kultur am Kaukasus und am Euphrat

Ein neuer Artikel über den Fisch-Konsum im südlichen Kaukasus in der dortigen ersten Bauernkultur (1, 2) weckte unsere Aufmerksamkeit (Abb. 2). Eine darin enthaltene Abbildung zeigte eng aneinander gebaute Lehm-Rundhäuser in den Siedlungen dieser Kultur. Das wirkte nach. Waren denn Lehm-Rundhäuser nicht schon mit der Verbreitung des PPNB im Levante-Raum im Westen außer Gebrauch gekommen? Wenn es diese südlich des Kaukasus noch lange später gab, wie wäre dieser Umstand denn in die Kulturgeschichte des Vorderen Orients - bzw. genauer: "Südwestasiens" - einzuorden? 

Könnte man sagen, daß runde Lehmhäuser ein unterscheidendes Merkmal der iranisch-neolithischen Völkergruppe waren gegenüber der anatolisch-neolithischen Völkergruppe? So unser erster Gedanke. Und in der weiteren Recherche stellt sich heraus, daß schon in einer Doktorarbeit des Jahres 2000 von einem "Rundhaus-Horizont entlang des Tauros-Zagros-Gebirges" die Rede war (Brian L. Paesnall 2000).

Abb. 1: Die Ausbreitung des Ackerbaus rund um das Schwarze und das Kaspische Meer (Ausschnitt einer Karte von Detlev Gronenborn und Barbara Horejs) (23)

Sortiert sich von einer solchen Erkenntnis her die Kulturgeschichte des heutigen Irans, des Irak, Syriens, der Türkei, Georgiens für uns neu? Und enthält dieses Neusortieren auch Teile der Antwort zu der Frage nach der Herkunft des iranischen genetischen Anteils im Urvolk der Indogermanen, das 4.700 v. Ztr. an der Mittleren Wolga entstanden ist?

Nach der Bearbeitung eines unendlich langen Rattenschwanzes von Folgefragen, die noch längst nicht fertig bearbeitet sind, soll zumindest einmal der erste Teil einer auf drei Teile angelegten Blogartikel-Serie vorgelegt werden über "Das Zagros-Gebirge in der Völkergeschichte (9000 bis 5000 v. Ztr.)". Die Serie war ursprünglich angelegt unter dem Überthema "Völker zwischen Kaukasus und Levante (7000 bis 2000 v. Ztr.)". Erst ganz gegen Ende kam das Zagros-Gebirge in den Fokus.

Es handelt sich hier übrigens sehr oft um Länder, die sich in ihrer Mitte rund um "Kurdistan" gruppieren, gelegen im großen Zagros-Gebirge. (Das Zagros-Gebirge hat übrigens eine Länge, die mit derjenigen der Alpen vergleichbar ist, und von dem wir noch viel zu wenig wissen.) Jedenfalls: Dieses "Kurdistan", heute traditionellerweise bewohnt von einem Volk indogermanischer (iranischer) Sprache, von einem Volk zudem, das von allen Völkern muslimischen Glaubens noch heute den höchsten Anteil indogermanischer (Steppen-)Genetik in sich trägt, ist womöglich keinesfalls die unwichtigste Region, wenn es um die Ethnogenese der Urindogermanen an der Mittleren Wolga geht. Die Gründe für diese auf den ersten Blick ungewöhnliche These werden sich nach und nach in der vorliegenden dreiteiligen Blogartikel-Serie herausschälen.

1. Rundhäuser - Die ältesten Häuser der Menschheitsgeschichte

Völker und Kulturen kennzeichnen und unterscheiden sich sehr deutlich darin, wie sie Häuser bauen (Wiki, engl). So ist etwa die große Kultur der Bandkeramik, die erste Bauernkultur Mitteleuropas, durch einzeln stehende oder weilerartig angeordnete bis zu 30 Meter lange, im Grundriß rechteckige Langhäuser gekennzeichnet. Die ersten bäuerlichen Balkan-Kulturen jedoch, aus denen die Bandkeramik im Wiener Becken hervorgegangen ist, lebten in sogenannten Tell-Siedlungen, das heißt, in Wand an Wand gebauten rechteckigen Häusern, die immer wieder erneut über die früheren Häuser gebaut worden sind, so daß ein Siedlungshügel entstand. Und in dieser Art von Siedlungshügeln bauten fast alle Kulturen im Vorderen Orients ihre Siedlungen, noch bis hin zu Troja und ähnlichen berühmten antiken Städten.

Die ersten gemauerten Häuser der Menschheit waren aber Rundhäuser (Wiki). Diesen Umstand haben wir hier auf dem Blog noch nie behandelt. Auf ihn muß endlich einmal etwas genauer eingegangen werden. Der Grund dafür ist leicht nachvollziehbar. Hatte der Mensch doch bis dahin weltweit - soweit wir sehen - immer nur in runden Behausungen gelebt. Gut erforscht ist dazu etwa eine solche in Northumberland im nördlichen England aus der Zeit um 7.800 v. Ztr., die sogenannte "Steinzeithütte von Howick" (Wiki). Diese sei hier nur als Beispiel angeführt. Aber mindestens bis zu Anfang des 20. Jahrhunderts haben die Menschen fast überall in Afrika südlich und westlich der Sahara in runden Hütten gelebt, etwa 

  • in dem aus Stroh und Zweigen kunstvoll errichteten "Tikkit" in Mauretanien in Westafrika (Wiki) oder
  • in dem aus Lehm errichteten "Pontok" der Buschleute in Südwestafrika oder 
  • in vergleichbaren Häusern in Mosambique (Wiki). 

Rundhütten oder - häuser waren in vielen Teilen Afrikas durch einen Kraal (Wiki) umschlossen, etwa bei den Zulu. Das Gegenstück zu solchen Hütten in Leichtbauweise in Afrika in nördlicheren Breitengraden ist natürlich die Jurte (Wiki). Soviel uns bekannt, sind Überreste von Behausungen des Urvolks der Indogermanen, der Chwalynsk-Kultur noch nicht erforscht worden. Auf jeden Fall haben viele indogermanische Völker über Jahrtausende hinweg Jurten bewohnt, womöglich sogar noch die halbseßhafte schnurkeramische Kultur in Mitteleuropa oder auch die zeitgleiche Glockenbecher-Kultur. Und womöglich war es deshalb für die Glockenbecher-Kultur auf den britischen Inseln so leicht, die dort vorherrschende Hausbau-Weise von Rundhäusern zu übernehmen (siehe gleich).

Solche Hütten in Leichtbauweise jedenfalls wurden nun allmählich in festere Hütten umgewandelt im Zuge der dauerhafteren Seßhaftigkeit und "Neolithisierung". Am Anfang - nämlich im sogenannten "Natufium" und im sogenannten "PPNA" - waren das dementsprechend im Fruchtbaren Halbmond immer Rundhäuser (Wiki):

Rundhäuser finden sich vor allem im Präkeramischen Neolithikum Stufe A der Levante und Zyperns, aber auch im Neolithikum der West-Türkei, außerdem im Mittelneolithikum Großbritanniens in Verbindung mit der Grooved Ware (Skara Brae, Gwithian, Durrington Walls), wo sie sich jeweils unabhängig entwickelten. (...) Ihre Verbreitung ist im Neolithikum vom Alpenrand bis in die Mongolei nachgewiesen.

Das ist eine unerwartet weite Verbreitung von Rundhäusern.

2. Rundhaus-Horizont entlang des Tauros-Zagros-Gebirges

Die Rundbauten des südanatolischen Bergheiligtums Göbekli Tepe werden die bekanntesten dieser Art sein. Neuerdings ist am Fundort Tappeh Asiab im Zagros-Gebirge im westlichen Iran von Peder Mortensen und anderen ein Rundhaus aus der Zeit um 9.500 v. Ztr. (erneut) ausgegraben worden (Antiq 2018, Mort 2019). In ihm fanden sich die Knochen von 19 Wildschweinen, sowie Überreste eines Rothirschs und eines Braunbären. Größere Wildschwein-Zähne waren sauber aus dem Gebiß entfernt. Sie wurden sicherlich für Schmuck benutzt. Die Archäologen nehmen an, daß es sich hier um die Überreste eines rituellen Festmahles handelt. Es wird ausgeführt:

Der Fundort scheint einige Ähnlichkeit mit etwa zeitgleichen Fundorten im östlichen Fruchtbaren Halbmond aufzuweisen wie etwa Hallan Çemi. Peasnall gruppierte diese Fundorte unter die Kultur-Bezeichnung "Rundhaus-Horizont" ein mit einer geographischen Verbreitung entlang  des Taurus-Zagros-Gebirges. In Bezug auf die Typologie der Steinwerkzeuge kann dieser Fundort eingeordnet werden in die Vor- oder frühe M'lefaatische Werkzeug-Industrie des zehnten und des mittleren neunten Jahrtausends v. Ztr..
The site appears to share some similarities with broadly contemporary sites in the eastern Fertile Crescent, such as Hallan Çemi (Rosenberg & Davis 1992; Rosenberg et al. 1995; Rosenberg, Nesbitt, Redding and Peasnall 1998). Peasnall (Peasnall 2000) grouped these sites under the cultural label ‘Round House Horizon’ with a geographical range along the Taurus-Zagros Arc. Going on lithic typology, the site can be grouped under the Pre- or Early M'lefaatian lithic industry of the tenth and mid ninth millennium bc (Darabi Reference Darabi2015; Kozlowski Kozlowski1999; Nishiaki & Darabi Nishiaki and Darabi2018). 

Der hier angeführte US-amerikanische Archäologe Brian L. Paesnall schreibt in der Zusammenfassung seiner Doktorarbeit aus dem Jahr 2000 (Resg):

Daß der östliche Teil von Südwest-Asien ein unabhängiges Zentrum der Entwicklung darstellte, hat sich nun geklärt. In dieser Region entsteht eine eigene, einzigartige kulturelle Entität, die in den lokalen späten epipaläolithischen Kulturen wurzelt. Die wichtigste derselben ist die (Jäger-Sammler-Kultur des) Zarzian. Es wird damit klar, daß das Ernten von dicht stehendem, wilden Getreide (wie im mittel- und westanatolischen Teil des Fruchtbaren Halbmonds) keine notwendige Voraussetzung für die Entwicklung der Seßhaftigkeit war. ... Der Anbau von Getreide war für zweitausend Jahre nur eine der weniger bedeutsamen Komponenten des Substistenz-Systems. Es scheint als hätte es mehrere Strategien zu geben, um mit den Risiken geringerer Mobilität umzugehen.
It is now clear that the eastern part of southwest Asia was an independent center of development. This region constitutes a unique cultural entity rooted in local late Upper Paleolithic/Epipaleolithic cultures, the most notable of which is the Zarzian. These data also challenge several long held assumptions concerning the nature of this economic shift and the development of sedentary society. It is now evident that the exploitation of dense stands of wild cereal grasses was not a necessary precondition for the development of sedentism. Additionally, although food production had a tremendous impact on later social and cultural developments, the shift to food production was not at all dramatic. For more than two millennia, food production constituted only a minor component of the larger subsistence system. It appears to have been one of several strategies used to mitigate risks incurred by decreased mobility. Thus, these recent excavations force us to rethink the questions we have been asking as well as our explanations for the changes which took place at the end of the Pleistocene and the beginning of the Holocene.

Im westanatolischen Teil des Fruchtbaren Halbmonds und im Levante-Raum spielte die Massenjagd auf jährlich wandernde, wilde Gazellenherden mittels großer angelegter Steppenkrale eine große Rolle (neben dem Sammeln/Anbauen von wildem Getreide). Dieser Umstand ist gut erforscht (Überblick: Bading 1995). Daß es im östlichen Teil des Fruchtbaren Halbmonds ganz andere Tierarten waren, die diesbezüglich eine Rolle spielten - vor allem wilde Schafe, Ziegen und Schweine - hat sich erst in den letzten beiden Jahrzehnten nach und nach in der Forschung herausgeschält und erhärtet. Die hier zitierte Doktorarbeit umfaßt 600 Seiten und ist frei zugänglich (Uni Bamberg).

Abb. 2: Rundhäuser in Archuchlo, Georgien, südlicher Kaukasus, 5. Jhtsd. v. Ztr. (aus: 1)

Wir wollen in diesem Blogartikel nur erste Eindrücke vom Thema "Zagros-Gebirge in der Völkergeschichte" und der diesbezüglichen Literatur geben, es soll keine umfassende Sichtung erfolgen. Denn es sind zunächst noch zahlreiche andere, daran anknüpfende Fragen zu behandeln. Deshalb zunächst nur die folgenden Schlaglichter:

Zu den hier genannten Erkenntnissen trug nicht zum wenigsten die Ausgrabung des erwähnten Hallan Çemi (um 9.700 bis 9.300 v. Ztr) (Wiki, engl) bei, einem Dorf in der Südost-Türkei, das in Vorbereitung auf die Flutung der Batman-Talsperre ergraben wurde, und dessen akeramische Lebensweise mit dem Natufium weiter westlich zwar in Parallele gesetzt werden kann. Es fanden sich Rundhäuser gruppiert rund um einen zentralen Platz, in dessen Mitte sich eine große Grube befand, in der sich viele Tierknochen fanden. In Hallan Çemi spielte das Schwein eine wesentliche Rolle. Bei den Häusern scheint es sich - womöglich vergleichbar mit dem 270 Kilometer entfernten Nevali Cori - weniger um private Häuser gehandelt zu haben als um sozusagen öffentliche, die für kultische Zwecke genutzt wurden.

Überhaupt gibt es wohl allen Grund, daß solche Ausgrabungsorte wie Hallan Çemi ähnlich ins kulturelle Gedächtnis eingeschrieben würden, wie das für Nevali Cori gilt, das ja in den letzten Jahrzehnten mit Recht viel öffentliche Aufmerksamkeit erhielt.

Die zwei Tonnen Tierknochen dieses Ausgrabungsortes Hallan Çemi ergeben für die dort geschlachteten/geopferten Tiere folgende Zusammensetzung 36% Wildschafe, 7% Wildziegen, zusammen 43%, außerdem 27% Rothirsche, 13% Hunde, Füchse und Schakale, 12% Schweine, 3% Grizzly-Bär, 2% Hasen. Außerdem zahlreiche andere Tiere (Fische, Vögel, Eidechsen ...). Auch viele Frischwasser-Muscheln wurden gesammelt, wobei die erkennbaren Sammlungszeiten über den Jahresverlauf hinweg deutlich machen, daß dabei "Managment" betrieben wurde, das auf Bestandserhaltung der Muscheln ausgerichtet war bei gleichzeitig größtmöglichem Ertrag. Auch Linsen, Erbsen, Nüsse und ähnliches wurden gegessen.

Von den Wildschafen und -ziegen sind vor allem die männliche Tiere gejagt, bzw. geschlachtet worden. Vermutlich auch hier, um die Populationsgröße zu erhalten. Nur die Schweineknochen weisen Anzeichen von Domestikation auf. Es wird angenommen, daß sie gehalten wurden wie die Schweine bei den Eingeborenen auf Neuguinea. Dort läßt man die gehaltenen Schweine sich mit wilden Schweinen paaren, die männlichen Schweine unter den Nachkommen werden in einem bestimmten Alter geschlachtet, die weiblichen werden gefüttert. 

Eine ähnliche Form des Managements scheint sich ja auch bei Schafen und Ziegen anzudeuten. Hiermit wird natürlich der allmähliche und schrittweise Übergang zur Domestikation dieser Tierarten wesentlich besser greifbar als das bislang der Fall war.

Man könnte sich übrigens denken, daß man das Verhalten gegenüber Wildpferden ähnlich deuten könnte - etwa in den indogermanischen Kulturen vor Einführung des domestizierten Streitwagen-ziehenden Pferdes, von dem heute alle Pferde abstammen, während die vormaligen Wildpferde ausgestorben sind. Denn eine "heraushobene" Stellung von Wildpferden deutet sich schon bei der Chwalynsk-Kultur an und auch später bei den Schnurkeramikern (weshalb man bislang immer davon ausgegangen war, daß sie domestizierte Pferde besessen hätten, was aber inzwischen sehr in Zweifel zu stellen ist).

3. "Getreide gegen Schafe" - Großräumiger Kulturtausch im 7. Jahrtausend v. Ztr.?

Die Herdenhaltung von Schafen und Ziegen hat nach der Überjagung der Gazellen im Levanteraum die Gazelle als wesentliche Subsistenzgrundlage im 7. Jahrtausend v. Ztr. abgelöst (PPNC, Keramikum). Zugleich sehen wir eine gegenseitige Durchdringung von menschlicher iranischer und anatolischer Genetik in diesem Raum. Es würde sich damit ein Szenario andeuten, daß herdenhaltende iranische frühe Bauernkulturen sich samt ihrer Herden nach Westen ausgebreitet haben, sich mit den Einheimischen dort vermischt haben und daß aus diesen Prozessen die nachfolgende Halaf-Kultur entstanden ist mit einem West-Ost-Gradienten des Vermischungsgrades, der in der Archäogenetik festgestellt worden ist (siehe weitere Artikel dieser Blogartikel-Serie). Umgekehrt konnten Menschen mit anatolischer Genetik die im westlichen Teil domestizierten Getreidesorten Richtung Osten ausbreiten, wodurch sich deren Genetik in Anteilen bis hin zum Tianshan-Gebirge ausbreiten konnte in Form der dortigen, nachmaligen Marghiana-Kultur.

[Einfügung 19.11.23:] Im heutigen Nordsyrien liegt der Ausgrabungsort Tell Sabi Abyad (Wiki). Die Archäologen stellen fest, daß hier ein Dorf um 5.200 v. Ztr. in einem heftigen Feuer verbrannt ist (Wiki):

Im „verbrannten Dorf“ wurde reichlich Keramik aufgefunden, die mit eigenartigen schwarzen Strichen verziert war. Diese Dekoration bestand aus Bitumen, das direkt nach dem Brennen auf die Keramik aufgetragen wurde. Chemisch-analytische Untersuchungen und Vergleiche mit Bitumen aus den nächstliegenden Vorkommen ergaben, daß dieses Rohmaterial aus Zakho oder Kirkuk im heutigen Irak stammte. Die neolithischen Bewohner des Tell Sabi Abyad unterhielten also Handelsbeziehungen über zumindest 500 Kilometer nach Osten.

[Ende Einfügung] Jedenfalls findet sich das genannte "Schweine-Management" auch noch in dem neolithischen Siedlungsort Jarmo im Nordirak in der Zeit um 6.800 v. Ztr. und auch noch als dort schon Keramik genutzt wurde (Price/Arbuckle 2013; pdf):

Wir zeigen, daß die Schweine von Jarmo Anzeichen von Größenreduktion aufweisen wie sie zustande kommen durch intensives Management. Sie hatten aber noch nicht jene Größenreduktion (...) erreicht wie sie in späteren neolithischen, domestizierten Schweinepopulationen erreicht worden ist. (...) Es gibt Hinweise darauf, daß es domestizierte Schweine in Jarmo seit dem späten 8. Jahrtausend v. Ztr. gegeben hat. (...) Wir diskutieren auch die Mechanismen, über die sich neolithische Technologien, einschließlich domestizierter Tiere in neue Regionen hinein ausgebreitet haben.
We show that the Jarmo pigs exhibit evidence for size decrease associated with intensive management, but had not yet achieved the degree of dental or post-cranial size reduction seen in later Neolithic domestic populations. Although samples from the earliest (Pre-Pottery) occupation of the site are small, there is some evidence to suggest that domestic pigs were present at Jarmo as early as the late 8th millennium cal. BC. In either case, Jarmo likely represents the earliest appearance of pig husbandry along the Zagros flanks, and we discuss the mechanisms by which Neolithic technologies, including domesticated animals, spread to new regions.

Gerade der letzte Satz gibt Anlaß, sich diese Studie künftig noch genauer anzuschauen. Vielleicht wird dadurch die Entstehung des anatolisch-iranischen Vollneolithikums des 7. Jahrtausends v. Ztr. schon wieder etwas besser verständlich.

Die genannte halbseßhafte Jäger-Samler-Kultur im Zagros-Gebirge existierte zwar parallel zum Natufium weiter westlich, scheint aber eigene, örtliche kulturelle (und sicherlich auch genetische) Wurzeln in der genannten Kultur des iranischen "Zarzian" gehabt zu haben. Alles deutet darauf hin, daß wir es im Zagros-Gebirge mit der genetisch erkennbar gewordenen iranisch-neolithischen Völkergruppe zu tun haben, wahrscheinlich bevor sich diese ab dem 7. Jahrtausend v. Ztr. mit anatolisch-neolithischer Genetik vermischt hat. Diese archäologischen Daten würden jedenfalls sehr gut zu den neuen Daten der Archäogenetik passen, die im nächsten Teil dieser Blogartikel-Serie behandelt werden sollen.

Die Entfernung zwischen Hallan Çemi und dem Bergheiligtum Nevali Cori beträgt im Grunde "nur" 270 Kilometer. Die Entfernung von Hallan Çemi weiter nach Osten bis zur Shanidar-Höhle im Zagros-Gebirge beträgt 450 Kilometer (G-Maps). Vermutlich muß zwischen diesen beiden Ausgrabungsorten - Nevali Cori einerseits und Hallan Çemi andererseits - die ursprüngliche Verbreitungsgrenze zwischen der iranisch-neolithischen Völkergruppe und der westlichen Völkergruppe des Natufium ("levantinische Genetik") gesucht werden.

Die im Zagros-Gebirge auf Natufium und PPNA folgende Kulturstufe des PPNB wird als "Kultur des M’lefatien" benannt. Über sie gibt es unglüclicherweise noch keine Wikipedia-Artikel. Auf Wikipedia ist bislang nur erwähnt, daß sie aus der dort seit 18.000 oder 15.000 v. Ztr. bestehenden, schon erwähnten Kultur des Zarzien (Wiki) hervorgegangen ist, die bis etwa 8.000 v. Ztr. bestand (Wiki):

Damit bestand die Kultur gleichzeitig mit dem Kebarien und dem Natufien in Syrien und Palästina, steht allerdings erheblich weniger im Fokus der Forschung. Ihren Namen erhielt die Kultur nach der Fundstätte Zarzi im irakischen Teil Kurdistans. 

Die Fundstätte Zarzi ist eine Höhle ähnlich der berühmteren Shanidar-Höhle im nordirakischen Teil des Zagros-Gebirges, also in einem Teil Kurdistans. Sogar heute noch wird die Shanidar-Höhle von kurdischen Nomaden bewohnt (Wiki). Die Shanidar-Höhle ist vor allem bekannt wegen ihrer reichen Neandertaler-Funde. Daß sich über diesen Neandertaler-Funden archäologische Schichten fanden der ersten neolithischen Kultur des Iran, ist weniger bekannt (Wiki):

In der Höhle fanden sich auch zwei Gräberfelder, die auf die Zeit um 8.600 v. Ztr. datieren, und die 35 Individuen enthielten. Von Seiten des Ausgräbers Solecki wird angenommen, daß sie zur Kultur des Natufien gehörten.
The cave also contains two later proto-Neolithic cemeteries, one of which dates back about 10,600 years and contains 35 individuals, and is considered by Solecki to belong to the Natufian culture.

Die Shanidar-Höhle liegt 200 Kilometer nördlich der Zarzi-Höhle (G-Maps).

Wir werden im weiteren noch erfahren, daß der Südkaukaus als bislang älteste Region des Weinanbaus gilt. Aber im Zagros-Gebirge ist ebenfalls sehr früh Wein angebaut worden (Wiki):

Die Plätze Hadschi Firuz Tepe und Godin Tepe zeigen, daß in der Zeit zwischen 5400 und 3500 v. Chr. im Zagros Weinbau betrieben wurde.

Genauer wird über Hadschi Firuz Tepe ausgeführt (Wiki):

Der Zāgros, der die Staaten Armenien, Türkei und Irak vom Iran trennt, ist das Verbreitungsgebiet vieler wilder Arten der Weinrebe. Die getrenntgeschlechtige Pflanze bot den antiken Einwohnern die Möglichkeit an Trauben zu gelangen. Mehrere andere Fundstätten aus der Umgebung des Zāgros zeigen ähnliche Funde wie Hadschi Firuz Tepe. Weiter südlich, in Godin Tepe, das 3500-3000 v. Chr. bewohnt war, fand man eingegrabene Krüge mit einem Fassungsvermögen von 30 oder sogar 60 Litern. Sowohl diese Krüge als auch Becken, die wohl zum Pressen der Trauben dienten, zeigten Spuren von Weinrückständen.

Um 3.500 v. Ztr. hatte sich der Weinbau aber schon bis nach Sizilien und auf den Balkan ausgebreitet. Es ist noch nicht abschließend geklärt, ob sich der Ursprung des Weinanbaus auf eine kleinere Region zwischen dem heutigen Georgien, Armenien und dem Iran wird eingrenzen lassen oder ob es unabhängige Orte der Domestikation gegeben hat. Womöglich gehörte also auch domestizierter Wein zu den "Tauschgütern", die die iranisch-genetische Völkergruppe in den "Tausch" mit der anatolisch-neolithischen Völkergruppe einbrachte.

Womöglich liegt das hier erwähnte Godin Tepe übrigens außerhalb der Kernregion des ursprünglichen Weinanbaus. Es ist womöglich erst in der Späten Halaf-Zeit begründet worden (Wiki). Es liegt in der Nähe der Stadt Kangavar (G-Maps). Zwischen Hadschi Firuz Tepe (Wiki) und Godin Tepe liegen 500 Kilometer. Von Zari bis Godin Tepe sind es 300 Kilometer. (Von Hadschi Firuz Tepe bis Zarzi sind es ebenfalls 300 Kilometer.)

All diese Vorgänge im Zagros-Gebirge sind aber nun - unter anderem! - auch deshalb so spannend, weil Archäologen Kulturelemente des PPNB sogar - - - sogar: am Unterlauf des Don gefunden haben, also nördlich des Kaukasus und nördlich des Schwarzen Meeres. Sie glauben, Ähnlichkeiten mit der "Kultur des M’lefatien" im Zagros-Gebirge erkennen zu können (siehe unten). 

Auch weitere Erkenntnisse rund um die Geschichte der frühen Bauernvölker des Süd- und Nordkaukaus lassen inzwischen eher den Schluß zu, daß die iranische genetische Komponente im Urvolk der Indogermanen sich nicht direkt über den Kaukasus hinweg bis an die Mittlere Wolga ausbreitet haben wird, so daß stattdessen der Weg über die Küsten des Schwarzen Meeres oder des Kaspischen Meeres als näherliegend in Betracht kommen. Daß es Fernhandelsverbindungen von Jäger-Sammler-Völkern über viele Jahrhunderte hinweg über Wasserwege gegeben hat, wird heute noch immer viel zu selten in Betracht gezogen. Auf jeden Fall macht es auch aus diesem Grund Sinn, sich mit den frühen Bauernkulturen des Zagros-Gebirges noch sehr viel gründlicher zu beschäftigen als das an dieser Stelle geschehen kann, um hier zu besseren Einordnungen kommen zu können.

Abb. 3: Rundhäuser auf Chirokitia auf Zypern, 7. bis 4. Jtsd. v. Ztr. (Wiki)

Nun sei aber erst einmal das Zagros-Gebirge verlassen und sei auf weitere Aspekte der Geschichte des Rundhauses in der Menschheitsgeschichte hingewiesen. Ganz oben ist diesbezüglich im Zitat schon Zypern genannt worden. In Zypern wurde eine Siedlung bei Chirokitia mit 60 Rundhäusern ausgegraben (Wiki). Diese Siedlung bestand vom 7. bis 4. Jahrtausend v. Ztr. (Abb. 3), also weit über das erwähnte PPNA hinaus (das ja sowohl im Osten wie im Westen des Fruchtbaren Halbmonds von Rundhäusern geprägt gewesen war). 

Rundhäuser ähnlicher Zeitstellung wie auf Zypern finden sich ja auch in Georgien südlich des Kaukasus, etwa am Ausgrabungsort Aruchlo (1, 2, 7) (Abb. 2) wie wir einleitend sagten. Dieser Umstand war ja der Ausgangspunkt für die Erarbeitung dieser ganzen dreiteiligen Blogartikel-Serie.

4. Rundhäuser auf den britischen Inseln - Ein Exkurs

Interessanterweise haben Rundhäuser aber auch auf den britischen Inseln zwei fast vollständige genetische Bevölkerungsaustausch-Vorgänge überstanden, nämlich jenen am Anfang und jenen am Ende des dortigen Neolithikums. Und das obwohl auf dem europäischen Festland - soweit wir sehen - überall schon rechteckige Hausbau-Formen genutzt worden waren. Von dort aber waren ja die jeweils neuen Bevölkerungen gekommen, die die britischen Inseln besiedelten. Die runde Hausbauform hat auf den britischen Inseln sogar noch fortbestanden bis in die Römische Kaiserzeit (Wiki):

Rundhäuser waren die Standardform der Häuser, die in Britannien über die Bronze- und Eisenzeit hinweg gebaut wurden, in einigen Gegenden sogar bis in die römische Zeit hinein. (...) Das Atlantische Rundhaus, Broch, wurde in Schottland genutzt. Die Überreste vieler bronzezeitlicher Rundhäuser können noch heute verstreut in offenen Heidelandschaften gefunden werden.
Roundhouses were the standard form of housing built in Britain from the Bronze Age throughout the Iron Age, and in some areas well into the Sub Roman period. (...) The Atlantic roundhouse, Broch, and Wheelhouse styles were used in Scotland. The remains of many Bronze Age roundhouses can still be found scattered across open heathland, such as Dartmoor, as stone 'hut circles'.

So wie in Schottland (Wiki) fanden sich Rundhäuser auch auf den Orkaden (Wiki) oder in Wales (Abb. 4). Überall ein ähnliches Bild.

"Unabhängig" (siehe Zitat ganz oben) hatten sich die Rundhäuser in Britannien deshalb entwickelt, weil die dort einwandernden Bauern vom Festland zuvor eigentlich schon rechteckige Hausbauformen genutzt hatten. Sie scheinen sich aber trotz des sehr weitgehenden Bevölkerungsaustausches im Zusammenhang mit der Einführung der bäuerlichen Lebensweise in Britannien mit dieser Bauweise nicht durchgesetzt zu haben, sondern einheimische mesolithische Traditionen übernommen zu haben.

Daß auf den britischen Inseln Rundhäuser dann aber auch noch nach dem fast vollständigen Bevölkerungsaustausch durch die indogermanische Glockenbecher-Kultur weiter genutzt wurden, ist womöglich noch bemerkenswerter. Dieser Umstand zeigt, daß sogar die Glockenbecher-Leute dort die einheimische Hausbau-Art weiter geführt haben. Vielleicht weil sie es als anfangs halbseßhafte Herdenhalter-Kultur sowieso gewohnt waren, sich mit einfachen Hausbau-Arten zu begnügen. Auch das jedenfalls zu einer Zeit, in der auf dem europäischen Festland schon - seit dem Frühneolithikum - rechteckige Häuser in Gebrauch waren und blieben.

Abb. 4: Wales - Eisenzeitliche Rundhäuser (Rekonstruktion) (Wiki) (Fotograf: Ethan Doyle White)

Man darf sich aber gerne bei all dem bewußt bleiben, daß runde Hausbauweise, ja, sogar Halbseßhaftigkeit keinerlei Hinweis auf sonstige materielle oder kulturelle "Rückständigkeit" ist. Im Südkaukasus ist in riesigen Bottichen der früheste Wein verarbeitet worden. Irland ist das Land, aus dem aus der Bronzezeit die meisten Goldfunde überliefert sind. Reiche Bronzefunde gibt aus allen Gegenden der britischen Inseln (St. gen. 12/2021). Kulturell waren die Bauern und Glockenbecher-Leute Britanniens und Irlands gegenüber dem europäischen Festland keinesfalls rückständig. Auch dort gab es schon im Mittelneolithikum Königreiche mit einem Hochadel, mit Administration und Verwaltung.

Womöglich ist rechteckige Bauweise während der Eisenzeit auf den britischen Inseln übrigens ein weiterer untrüglicher Hinweis - neben den schon behandelten genetischen Hinweisen (St. gen. 12/2021) - auf Zuwanderungen vom Festland hinüber zu ihnen während der Eisenzeit.

Übrigens sei noch festgehalten daß in vielen Völkern der Bau und die Instandhaltung der Häuser mehr Angelegenheit der Frauen war als der Männer, zumindest in südlicheren Gegenden und insbesondere auch der Lehmhäuser, für deren Verputz-Erneuerung oft Frauen zuständig waren. (Auch bezüglich der Frage, ob eher Männer oder eher Frauen für die Instandhaltung von Behausungen verantwortlich waren, wäre noch einmal ein völkerkundlicher Überblick von Nutzen.)

5. Die Shulaveri-Shomu-Kultur im südlichen Kaukasus

Nachdem wir uns einige Grundzüge der Geschichte und Verbreitung von Rundhäusern und rechteckigen Häusern in der Menschheitsgeschichte vergegenwärtig haben, sei noch einmal wiederholt: Im westlichen Teil des Fruchtbaren Halbmonds ist man (abgesehen von Randlagen wie Zypern) schon im PPNB zu dem Bau von im Grundriß rechteckigen Häusern übergegangen. Diese kulturelle Tradition haben dann auch Bauern in vielen anderen Teilen Anatoliens und im Levanteraum übernommen. Auch wenn die runde Hausbauweise am Anfang eine Zeit lang in Nordwest-Anatolien genutzt worden ist (ein interessanter Umstand!), war es schließlich die rechteckige Hausbauweise, die bis ins Mittelneolithikum in dieser anatolisch-neolithischen Völkergruppe beibehalten worden ist, die sich bis auf die britischen Inseln (dort wieder mit runder Hausbauweise!) und bis nach Skandinavien ausgebreitet hat. 

Die iranisch-neolithische Völkergruppe hingegen, die sich aus dem östlichen Teil des Fruchtbaren Halbmonds aus bis in den Süden des Kaukasus, bis an die westlichen Hänge des Tianshan (als Marghiana-Kultur) und bis nach Indien ausgebreitet hat, hat über weite Räume und Zeiten hinweg zwar auch rechteckige Hausgrundrisse genutzt, aber die Form der Rundhäuser offenbar viel länger beibehalten. Nicht selten werden in diesen Räumen auch beide Hausbau-Formen miteinander kombiniert (pdf). 

Wir haben es im Georgien im südlichen Kaukasus mit der Shulaveri-Shomu-Kultur (Wiki) zu tun (3). Und dieser Blogartikel entstand, weil unsere Aufmerksamkeit von dem Umstand gefesselt wurde, daß es in dieser Kultur im südlichen Kaukasus noch Rundlehmbauten gegeben hat.

Jene Halaf-Kultur (6.100 - 5.100 v. Ztr.) (Wiki) nun, die die Archäologen als nächste Verwandte der Shulaveri-Shomu-Kultur ansprechen, ist allerdings keineswegs im östlichen, iranischen Teil des Fruchtbaren Halbmonds entstanden, sondern in ihrem Kernbereich, nämlich zwischen den Oberläufen von Euphrat und Tigris. Und diese liegen in Nordsyrien. Von hier aus scheint sie sich in den Nordirak (z.B. rund um Mosul) und von dort in die heutige Südosttürkei ausgebreitet zu haben. Wie wir noch sehen werden, scheint es aber schon in dieser Halaf-Kultur zu vergleichweise umfangreicher Vermischung zwischen iranisch-neolithischer und anatolisch-neolithischer Herkunft gekommen zu sein (5) und das in den Abläufen genauer zu erklären, wird noch eine spannende Aufgabe der Archäologen und Archäogenetiker sein.

Vom nördlichen Irak (z.B. von Mosul) bis nach Georgien sind es etwa tausend Kilometer (G-Maps). Das entspricht der Entfernung vom nördlichen Levanteraum (z.B. İskenderun, Hatay, Türkei), aus dem die Donau-neolithischen Bauernkulturen zu stammen zu scheinen (4), bis nach Istanbul. Aber es wird vermutet werden müssen, daß die Ausbreitung entlang der Mittelmeer-Küsten und entlang der Donau eine Rolle gespielt hat. Bis ins Wiener Becken sind vom nördlichen Levanteraum aus immerhin 2.500 Kilometer zu überbrücken (G-Maps).

Auf der Strecke Nordirak bis Georgien liegt außer dem Van-See ansonsten nur Festland. Aber es handelt sich um uralten Kulturboden, um uralte Handelswege, die es hier zwischen dem Kaukasus und Mesopotamien gegeben hat.

6. PPNB-Kulturelemente am Unteren Don ab 7.200 v. Ztr.?

Vom Zagros-Gebirge aus scheint es überraschenderweise eine Verbreitung von kulturellen PPNB-Elementen sogar bis in den Bereich des Unteren Don gegeben zu haben. Darauf wird in der archäogenetischen Wang et. al.-Studie von 2019 von Seiten des deutschen Archäologen Sven Hansen hingewiesen. Damit würden für die räumlichen Dimensionen, wie sie für die Levante-Mittelmeer- und Donau-Route gelten auch für die Route Zagros-Gebirge Schwarzes Meer und/oder Kaspisches Meer gelten was die Ausbreitung von neolithischer Lebensweise betrifft.

Über den Neolithisierungsprozeß am Unteren Don ist in einer Studie aus dem Jahr 2014 das Folgende festgestellt worden (Gorelik et. al. 2014):

Die Untersuchungen ... zeigten, daß die hier lebende Population seit dem Ende des 8. Jahrtausends v. Ztr. wirtschaftlich an die jahreszeitliche Nutzung der reichen Flußressourcen gebunden waren, vielleicht von Fischen (sturgeon, Zander) ... ebenso an die Jagd. Seit der zweiten Hälfte des 7. Jahrtausends v. Ztr. (seit 6.500 v. Ztr.) wurde die Jäger-Sammler-Subsistenz ergänzt durch die Nutzung von domestizierten Tieren: Rinder, Schafe und Ziegen, ebenso Schweine.  Die Autoren legen ihr Augenmerk auf viele Parallelen zum Neolithikum des Mittleren Ostens, und zwar betreffend der Nutzung von Lehm (zunächst als Baumaterial, ebenso für die Produktion unterschiedlicher Gegenstände und Figurinen und - seit der zweiten Hälfte des 7. Jahrtausends v. Ztr. - für die Herstellung von Keramik), ... Diese Tatsachen könnten Kontakte zur Kultur des PPNB nahelegen, wahrscheinlich über den Seeweg zwischen Populationen des Mittleren Ostens, insbesondere in der Region des Zagros-Gebirges und dem Unteren Don als einen wichtigen Faktor für die Neolithisierung dieser Region.
The investigations of some early Neolithic sites in the basin of the Lower Don, first of all the settlements near Matveev Kurgan and Razdorskaya 2 in the Rostov region (Russia), have showed that since the end of the 8th Millennium cal. B.C. the population living there was oriented economically on seasonal exploitation of the rich resources of the river, perhaps fish (sturgeon, zander), running to spawn from the Azov sea, as well as hunting. Since the second half of the 7th Millennium cal. B.C. the hunting and gathering subsistence was supported by the use of some domestic animals: cattle, sheep and goats, as well as pigs. The authors pay attention to many parallels to the Middle East Neolithic, concerning the use of clay (first as a raw materials for living constructions, as well as for the production of different tokens and figurines and only since the second half of the 7th Millennium cal. B.C. for the manufacturing of pottery), then the use of ground stones as a raw material, the manufacturing of grooved stones, stone vessels, medallions, pendants with double drill openings, etc. These facts could implythe reiterated contacts, probably also by sea in the PPNB, between the population of the Middle East, especilly in the region of the Zagros mountains and the Lower Don, as an important factor in the Neolithisation of the latter region.

Die Daten dieser Studie könnten auch darauf hinaus zu laufen, daß der Übergang vom Akeramikum zum Keramikum im Fruchtbaren Halbmond, im Zagros-Gebirge und am Unteren Don parallel erfolgte, denn der "vorkeramische" Umgang mit Lehm am Unteren Don gleicht dem vorkeramischen Umgang mit Lehm im PPNB im Zagros-Gebirge. Die Forscher schreiben über vorkeramische Tonobjekte (Gorlik 2014):

Nach Meinung von St. Kozlowski und O. Aurenche, die die Verbreitung dieser Objekte in den verschiedenen Phasen des Neolithikums untersucht haben, ist eine Konzentration anthropomorpher, zoomorpher und geometrischer Plastiken im Zagrosgebirge zu beobachten. Wir teilen die Bewertung von L. J. Kriz˘evskaja, die eine Parallele zwischen der Tonnutzung in den Matveev-Kurgan-Siedlungen und der Anfangsphase der Tonnutzung im gesamten Nahen Osten nach der bekannten Periodisierung von D. Schmand-Besser, gesehen hatte. Die neuen Erkenntnisse von Razdors-kaja 2  bestätigen die Bedeutung dieser Parallele.

Leider wird in den Anmerkungen fast nur auf russischsprachige Forschungsliteratur Bezug genommen. Es scheint hier in russischer Sprache viel archäologisches Wissen vorzuliegen über die Neolithisierungsprozesse nördlich des östlichen Fruchtbaren Halbmonds bis hinauf zum Don, die in der westlichen Forschung noch kaum aufgegriffen, rezipiert worden sind. In der Schlußbetrachtung schreiben die Forscher (Gorlik 2014):

Unsere Vergleichsanalyse hat gezeigt, daß mindestens zwei Regionen starke Verbindungen zum Neolithikum des Unteren Dons zeigen. Es handelt sich um das nördliche Zagros-Gebirge und die Region um die Schwarzmeerküste des Kaukasus. In der Kulturgruppe M’lefatien im Nord-Zentral Zagros können wir wirklich mehrere kulturelle Gemeinsamkeiten mit dem Neolithikum des Unteren Dons beobachten. Im 10-8. Jt. cal. B.C. entwickelten sich hier im Rahmen eines Jäger-Sammler-Wirtschaftsmodells viele neolithische Errungenschaften wie Teil-Seßhaftigkeit, "wattle and daub"-Architektur und vielfältige anthropomorphe sowie zoomorphe Ton- und Steinplastiken. Zudem findet eine breitere Verwendung von Weichgestein (Tongesteine) für die Produktion unterschiedlicher Geräte, wie geschliffene Beile, Meißel, Steinglätter, Gefäße, Medaillons und Schmuck. (...)
Seit dem  7. Jt. cal. B.C. beginnt die Töpferei. In vielerlei Hinsicht kann man das gleiche Entwicklungsmuster an der kaukasischen Schwarzmeerküste verfolgen, für dessen Neolithikum jedoch leider keine 14C-Datierungen vorliegen. Hier kommen die gleichen M’lefatien-Kulturelemente wie Steinkügelchen und in den späteren Phasen flachbodige Keramik ohne oder mit geringen Verzierungen vor. Möglicherweise tauchen am Unteren Don sowie in der Westkaukasischen Kultur unter dem Einfluß des nordkaukasischen Mesolithikums Segmente sowie Trapeze mit Heluan-Retusche auf. Im gebündelten Erscheinen neuer Kulturelemente im Zagros, an der Schwarzmeerküste Kaukasiens und am Unteren Don wurden schon seit Danilenko Argumente für Migrationsprozesse gesehen. 
Es gibt viele Gründe, eher Wanderungen von Menschen als Ideentransfer anzunehmen. Erstens: es ist kaum vorstellbar, daß die neue Symbolik des Neolithikums, im Sinne von J. Cauvin, ohne entsprechende Symbol-Träger, die in dieser Kultur aufgewachsen sind, in ferne Gegenden gebracht werden konnte. Unter diesen Symbolen verstehen wir als männliches den Büffel (als ein Beispiel des Büffelkultes kann man die oben beschriebene Schädelbestattung eines Wisents mit einem großen Beil in der Siedlung Matveev Kurgan2 nennen) und als weibliche die entsprechenden Tonstatuetten. Zweitens: worauf C. Perles mit Recht hingewiesen hatte, ist eine Übertragung der domestizierten Pflanzen und Tiere sowie des Wissens um ihre Behandlung ohne den Transfer von Menschen unmöglich. Drittens: die Vielfalt kultureller Elemente, die von den neolithischen Bewohnern des Unteren Dons in Vorderasien übernommen wurden, impliziert ebenfalls diesen Transfer von Menschen. Unseres Erachtens ist die PPNB-Periode (8.500-7.000 cal. B.C.) als zeitlicher Rahmen für diese möglichen, wahrscheinlich mehrmaligen Migrationsereignisse angebracht. Die PPNB-Zeit ist für ihre Wanderungen bekannt.

Eine Fülle von Fragen tun sich auf, wenn man von diesen ungewöhnlichen Dingen liest. Ganz unmöglich, diesen allen in einem Blogartikel nachzugehen. Erwähnt sei hier zunächst einmal nur, daß die hier erwähnte "Heluan-Retusche" aufhorchen lassen könnte. Handelt es sich bei ihr um ein definierendes Objekt des Frühen Natufium, das mehrere tausend Jahre vor dem PPNB liegt (hmongwiki)? Oder um solche wie sie erstmals 1952 beschrieben worden sind, als sie im Bereich des Roten Meeres gefunden wurde (GB: Schyle/Urpmann 1996)?

Abb. 5: Der Fruchtbare Halbmond zur Zeit des PPNB (aus Crassard 2013)

Oder handelt es sich dabei um die in der englischsprachigen Literatur als "Helwan-Pfeilspitzen" ("Helwan point") benannten Objekte, die einen sehr wesentlichen Hinweis innerhalb des Fruchtbaren Halbmonds darstellen, daß sich dort das PPNB (mit seinen rechteckigen Häusern und deren Terrazzofußböden) in kriegerischer und erobernder Form gegenüber den PPNA-Kulturen durchgesetzt hatte, und zwar in einer Bewegung von Norden nach Süden, vom Siedlungsort Mureybet am Oberen Euphrat (Wiki) über die Levante hinweg bis an den Rand der Negev-Wüste im Süden (Gopher 1989, Bading 1995, S. 17-19), ja, bis nach Ägypten und bis in die Südspitze des Sinai (Crassard 2013).

Der Ort, nach dem beide benannt sind, Helwan (auch Heluan oder Helouna) (Wiki), ist ein Ausgrabungsort in Ägypten, 25 Kilometer südlich von Kairo.

Wenn es die letzteren Pfeilspitzen nun - ausgerechnet! - auch am Unteren Don gegeben haben sollte, dann wäre das ein mehr als bemerkenswerter Umstand. Der bisherige Kenntnisstand einer weiträumigeren Bewegung von der nördlichen Levante nach Süden wäre ja dann noch um eine weitaus weiträumigere parallele Bewegung vom Zagros-Gebirge aus nach Norden zu ergänzen.

Aber wird man dann nicht auch annehmen können, daß es bei dieser Ausbreitung von PPNB-Populationen zu jenen Mischungen aus anatolischer und iranischer Genetik gekommen ist, die dann bis heute die Genetik dieses Großraumes geprägt hat? Das würde die ab 6.500 v. Ztr. festgestellten, im Folgeartikel zu behandelnden Mischungsverhältnisse bei den Völkern der Halaf-Kultur und der Shulaveri-Shomu-Kultur womöglich deutlich passender erklären als das bislang von archäologischer Seite geschehen ist. Fragen über Fragen!

Aus diesen Zusammenhängen heraus wäre dann auch die Herkunft der "rein iranischen" Herkunftskomponente des Urvolks der Indogermanen an der Mittleren Wolga zu erklären. Jene PPNB-Kultur im Zagros-Gebirge könnte sie - beispielsweise! - in sich getragen haben. Aber für deren Herkunft kommen womöglich noch zahlreiche weitere Populationen im Umfeld des Kaspischen Meeres infrage. Im "Jamnaja-Herkunfts-Projekt" des Archäogenetik-Labors von David Reich, an dem der Archäologe David Anthony mitarbeitet, und von dem er in Interviews (u. a. mit Razib Khan) im letzten Jahr erzählt hat, geht man gegenwärtig all diesen Fragen nach.

Da aber im Levanteraum noch lange später eine genetische, auf das "Natufium" zurückgehende "levantinische" Herkunftskomponente aufzufinden ist, muß diese Ausbreitungsbewegung dort von dieser mitgetragen gewesen sein. (Und diese findet sich ja anderwärts nicht.) (Es will viel an Überlegungen berücksichtigt sein, wenn man zu einem stimmigen, widerspruchslosen Bild kommen möchte.) 

Auf jeden Fall flossen diese archäologischen Forschungen auch ein in Ausführungen im Supplement zu der archäogenetischen Wang et. al. Studie von 2019, die vermutlich von Svend Hansen oder in seinem Umfeld verfaßt worden sind. Dort heißt es (22):

… Andere neolithische Gemeinschaften in den Ebenen westlich des Kaukasus und an der Küste des Schwarzen Meeres oder in den zentralen Bergtälern blieben undeutlich und mögen lokale Populationen widerspiegeln, die teilweise Elemente des neolithischen Pakets übernommen hatten. Neolithische Elemente am Unteren Don, die auf das späte 7. Jahrtausend datieren, sind umstritten, könnten aber Licht werfen auf eine südliche Komponente in der Entwicklung kultureller Formierungen vor der tatsächlichen Ankunft des Neolithikums im Norden des Kaukasus während der Mitte des 5. Jahrtausends v. Ztr.. 
Early Neolithic communities established a sedentary lifestyle with a Near Eastern set of domesticates in the South Caucasus by 6000 calBCE. They developed a sophisticated set of settlements but kept to the floodplains of the major river drainages. Other Neolithic communities in the West Caucasian lowlands and at the Black Sea coast or in the central mountain valleys remained vague and might reflect local populations that selectively adopted elements of the Neolithic package. Neolithic elements in the Lower Don area north of the Caucasus and dating to the late 7th millennium BCE are disputed but might shed light on a southern component in the development of cultural formations before the actual advent of the Neolithic in the North Caucasus during the mid-5th millennium BCE.

Diese Forschungen am Unteren Don finden also Erwähnung, aber eine noch sehr zurückhaltende, zudem eine irreführende. Denn gute Datierungen gibt es ja für die PPNB-Elemente am Unteren Don nicht. PPNB würde aber eher ins 9. und 8. Jahrtausend passen und weniger ins 7., in dem es sich ja schon in seinem Endstadium befand.

Von Zarzi im Zagros-Gebirge bis in die Gegend von Rostow am Unteren Don sind es jedenfalls etwa 2000 Kilometer (G-Maps), wobei eine Fahrt entlang der Küsten des Schwarzen Meeres einzuberechnen ist.  

Man darf gespannt sein, wie sich die Erkenntnisse bezüglich all dieser Dinge weiter entwickeln werden. Die wenigen, weit verstreuten Puzzel-Stücke der Archäogenetik ergeben bislang ein schemenhaftes Bild, aber sie verstärken sehr deutlich die Dringlichkeit der Klärung vieler Fragen.

Die Frage stellt sich auch: In welchem Zusammenhang stehen Neolithisierung südlich des Kaukasus durch die Shulaveri-Shomu-Kultur und die Neolithisierung am Unteren Don? Wo sich doch die Wege zu beider Ausgangspunkte "überkreuzen": Der Ausgangspunkt des PPNB am Unterer Don scheint das Zagros-Gebirge zu sein, der Ausgangspunkt von Shulaveri-Schomu-Kultur im südlichen Kaukasus scheint das nördliche Syrien zu sein. 

An die Arbeit, Archäologen. Nur nicht ermüden. Zu tun gibt es wahrlich genug.

7. Die Shulaveri-Sholu-Kultur stammt von der Halaf-Kultur im nördlichen Syrien

Die Halaf-Kultur (6.100-5.100 v. Ztr.) (Wiki), auf die wir von Seiten der Archäologie ebenso wie von Seiten der Archäogenetik verwiesen werden, wenn wir nach der Herkunft der Ausbreitung der bäuerlichen Lebensweise nach Georgien fragen, ist benannt nach dem Siedlungshügel Tell Halaf (Wiki), der im Nordosten Syriens, etwa auf halbem Weg zwischen dem Oberlauf von Euphrat und Tigris liegt. Dieser wurde 1899 bis 1927 von dem  Kölner Bankierssohn Max von Oppenheim (1860-1946) (Wiki) ausgegraben (Wiki):

Das Kerngebiet der Halaf-Kultur befindet sich im Quellgebiet von Euphrat und Tigris. Es erstreckt sich jedoch weiter nach Süden bis in den Norden Syriens und des Iraks.  Die Halaf-Kultur hat sich relativ gleichzeitig im gesamten Verbreitungsgebiet aus lokalen neolithischen Kulturen entwickelt.

Eine bemerkenswerte Aussage. Nur in den Levanteraum an der Mittelmeerküste hinein scheint sich die Halaf-Kultur nicht ausgebreitet zu haben. Vielleicht paßt dazu die sich andeutende Erkenntnis aus der Archäogenetik, daß die Bandkeramik genetisch aus einem Bereich der nördlichen Levante stammen könnte, obwohl sie keine Natufium-Genetik in sich trägt. Womöglich haben sich also Bauern mit anatolischer Genetik, aus denen zuvor die Balkan-Donau-neolithische Völkergruppe hervorgegangen war, nach der Abwanderung der letzteren mit Menschen im nördlichen Levanteraum vermischt, weshalb sich dort in der Bronzezeit eine seltene Y-Chromosom-Haplogruppe von Bandkeramikern wieder findet, die es sonst nirgendwo gibt bislang. Diesen Umstand haben wir hier auf dem Blog schon behandelt.

Im Supplement 1 der diesbezüglichen archäogenetischen Studie von 2021 (6) werden in der dortigen Excel-Tabelle ganz oben in den ersten vier Reihen die Ausgrabungsorte angegeben, an denen man die Skelette der vier hier relevanten Männer gefunden hat, die als Y-Chromosom die seltene Haplogruppe H2d aufweisen (8, Suppl. 1), die - nach Ansicht dieser Studie - den Ursprungsraum der Balkan-Donau-neolithischen Bauern-Völkergruppe eingrenzen könnten. Es sind das die Ausgrabungsorte Alalach (Wiki) und Arslantepe (Wiki). Beide liegen in der heutigen mittleren, südlichen Türkei, also im nördlichen Levanteraum und sind 400 Kilometer voneinander entfernt (G-Maps). Als Zeitstellung werden für diese vier Menschenfunde die Bronzezeit angegeben. (Und weiterhin wird ein Fund von Aruchlo in Georgien im Südkaukasus gekennzeichnet mit der Haplogruppe H2*. Er war neu für diese Studie sequenziert worden.)

Die Halaf-Kultur jedenfalls scheint aus der vorhergehenden PPNB-Kultur hervorgegangen zu sein (Wiki):

Ein zuvor unbekanntes Übergangsstadium zwischen der Vor-Halaf-Epoche und der Epoche der Halaf-Kultur ist im Balikh-Tal am Tell Sabi Abyad (dem Berg des Weißen Jungen) entdeckt worden. Zur Zeit sind elf archäologische Schichten in Sabi Abyad aufgedeckt worden. Die archäologischen Schichten 11 bis 7 werden als Vor-Halaf-Schichten angesprochen; die Schichten 6 bis 4 als Übergangskultur und die Schichten 3 bis 1 als Frühe Halaf-Kultur. Es ist keine Siedlungsunterbrechung beobachtet worden, außer zwischen den Schichten 11 und 10. Die neue Archäologie zeigte auf, daß die Halaf-Kultur nicht plötzlich aufgetreten ist und daß sie nicht die Hervorbringung von auswärtigen Menschen war, sondern daß sie einen kontinuierlichen Prozeß einheimischer kultureller Veränderungen im nördlichen Syrien repräsentiert, der sich nach anderen Regionen hin ausbreitete.
A formerly unknown transitional culture between the pre-Halaf Neolithic's era and Halaf's era was uncovered in the Balikh valley, at Tell Sabi Abyad (the Mound of the White Boy).  Currently, eleven occupational layers have been unearthed in Sabi Abyad. Levels from 11 to 7 are considered pre-Halaf; from 6 to 4, transitional; and from 3 to 1, early Halaf. No hiatus in occupation is observed except between levels 11 and 10. The new archaeology demonstrated that Halaf culture was not sudden and was not the result of foreign people, but rather a continuous process of indigenous cultural changes in northern Syria, that spread to the other regions.

Es darf voraus gesetzt werden, daß die Halaf-Kultur entstand in dem oben angedeuteten kulturellen Tausch-Vorgängen "Schafe gegen Getreide", die mit menschlichen genetischen Austausch-Vorgängen iranisch gegen anatolisch parallel gegangen sein könnten. Über die Geschichte Georgiens lesen wir (Wiki):

Im Neolithikum vom 8. bis 5. Jahrtausend v. Chr. entwickelte sich in Georgien wie in den südlich angrenzenden Gebieten Ackerbau und Viehzucht sowie die Keramikherstellung. (...) Die ersten Siedlungen bestanden vermutlich aus Holzhäusern, die Fundorte liegen vor allem in Westgeorgien. Aruchlo stellt eine der bisher ältesten bekannten neolithischen Siedlungen dar.

Und in Aruchlo ist im letzten Jahrzehnt erneut gegraben worden unter Mitbeteiligung deutscher Archäologen rund um Svend Hansen (1, 2, 7). Auf dem englischen Wikipedia lesen wir (Wiki):

Die sogenannten frühneolithischen Siedlungsorte finden sich vornehmlich im westlichen Georgien. Es sind dies Khutsubani, Anaseuli, Kistriki, Kobuleti, Tetramitsa, Apiancha, Makhvilauri, Kotias Klde, Paluri und andere. (...) Siedlungen wie Tsopi, Aruchlo und Sadakhlo entlang des Kura-Tales im östlichen Georgien unterscheiden sich durch eine langewährende kulturelle Tradition, unterschiedliche Architektur und beträchtliche Fähigkeiten in der Steinbearbeitung. Die meisten dieser Siedlungen stehen in Beziehung zu der aufblühenden spätneolithischen Schulaveri-Shomu-Kultur. Radiokarbon-Daten legen nahe, daß die frühesten Siedlungen in das späte 6. und frühe 5. Jahrtausend v. Ztr. fallen.
The so-called early Neolithic sites are chiefly found in western Georgia. These are Khutsubani, Anaseuli, Kistriki, Kobuleti, Tetramitsa, Apiancha, Makhvilauri, Kotias Klde, Paluri and others. In the 5th millennium BC, the Kura (Mtkvari) basin also became stably populated, and settlements such as those at Tsopi, Aruchlo, and Sadakhlo along the Kura in eastern Georgia are distinguished by a long lasting cultural tradition, distinctive architecture, and considerable skill in stoneworking. Most of these sites relate to the flourishing late Neolithic/Eneolithic archaeological complex known as the Shulaveri-Shomu culture. Radiocarbon dating at Shulaveri sites indicates that the earliest settlements there date from the late sixth - early fifth millennium BC.

Das hieße, daß sie etwa ab 6.300 v. Ztr. begonnen hätte. Schon 2017 hatten wir hier auf dem Blog uns ein wenig mit dieser Kultur beschäftigt (3) (St.gen. 2017).  Wir hatten ausgeführt: Seit 6.000 v. Ztr. wird im südlichen Georgien Wein angebaut (10) (s. Patrick O'Gavern 2017). Die Shulaveri-Kultur war von der berühmten Hassuna- und Halaf-Kultur beeinflußt ist, bzw. stammt von diesen ab, die sich zuvor im Zagros-Gebirge über weite Gebiete des heutigen Iran ausgebreitet hatte. Die Hassuna-Kultur ist unter anderem berühmt wegen ihrer eindrucksvollen Keramik (Kaukasus-Wiki):

Um 6.000 bis 4.200 v. Ztr. benutzten die Shulaveri-Shomu-Kultur und andere neolithische/kupferzeitliche Kulturen des Südlichen Kaukasus örtlichen Obsidian für Werkzeuge, sie hielten Tiere wie Rinder und Schweine, bauten Getreide und Wein an. Von vielen Charakteristika der Shulaverischen materiellen Kultur (Rundlehm-Architektur, Keramik dekoriert durch plastisches Design, anthropomorphe weibliche Figurinen, Obsidian-Industrie mit einer Betonung auf der Produktion lange prismatischer Klingen) wird angenommen, daß sie ihren Ursprung im Nahen Osten haben (Hassuna, Halaf).
In around ca. 6000-4200 B.C the Shulaveri-Shomu and other Neolithic/Chalcolithic cultures of the Southern Caucasus use local obsidian for tools, raise animals such as cattle and pigs, and grow crops, including grapes. Many of the characteristic traits of the Shulaverian material culture (circular mudbrick architecture, pottery decorated by plastic design, anthropomorphic female figurines, obsidian industry with an emphasys on production of long prismatic blades) are believed to have their origin in the Near Eatern Neolithic (Hassuna, Halaf).

Indem wir aber nun zunächst rein archäologisch nach der Herkunft dieser Kultur fragten, stießen wir auf jene neuen archäogenetische Studien, die im Folgebeitrag behandelt werden. Mit ihnen rollt sich jener für uns ganz neue Fragenkreis rund um die Archäologie zwischen Kaukaus, Zagros und Levanteraum im Neolithikum und in der Bronzezeit auf, von dem wir aus diesem Anlaß erst merken, daß wir uns mit ihm schon längst hätten beschäftigen können.

Denn der Forschungsstand ist, so sehen wir jetzt, schon seit 2020 ein anderer als zuvor. Und weil uns in einer 2020er-Studien einiges einfach nicht richtig klar wird, greifen wir noch einmal Parallel- und Vorgängerstudien aus den Jahren 2919 und 2020 auf. Und indem wir uns so tiefergehend in all diese archäogenetischen Studien einarbeiten, geht uns die Welt eines neuen Kenntnisstandes auf, die uns zuvor in dieser "Dichte" gar nicht bewußt gewesen war (obwohl ja die dafür wichtigen archäogenetischen Studien - wie gesagt - schon 2019 und 2020 erschienen waren). Wir waren auf diese Studien entweder gar nicht aufmerksam geworden, bzw. verstehen die große Bedeutung der 2019-Studie erst vor dem Hintergrund der - zunächst schwer verständlichen - 2020er-Studie. Auf diese Weise erschließt sich uns nun der Forschungsstand zu diesem riesen großen Thema zum ersten mal einigermaßen übersichtlich, insbesondere auch zu der Frage der Art und Zeitstellung der so überraschenden Ausbreitung der iranischen Genetik bis in den westlichen Mittelmeer-Raum. In den beiden Folgeartikeln ist der Versuch gemacht worden, all dies auch so übersichtlich wie möglich darzustellen.

/ Ergänzt um [24] - 24.5.2022 /

___________

  1. Ritchie, K.; Wouters, W.; Mirtskhulava, G.; Jokhadze, S.; Zhvania, D.; Abuladze, J. & Hansen, S. (2021). Neolithic fishing in the South Caucasus as seen from Aruchlo I, Georgia. Archaeological Research in Asia, 25 (Researchgate)
  2. Hansen, Svend: Fischknochen aus Aruchlo (Georgien), 18.6.2021, https://www.dainst.blog/archaeology-in-eurasia/fischknochen-aus-aruchlo-georgien-homeoffice/
  3. Bading, I: Neue Forschungen zur Entstehung der Indogermanen, 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/07/neue-forschungen-zur-entstehung-der.html
  4. Bading, I.: Stammen die ersten Donau-neolithischen Bauernvölker aus der Levante? 7/2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/07/korrektur-notwendig-die-ersten.html
  5. Eirini Skourtanioti, ... Wolfgang Haack, Johannes Krause: Genomic history of neolithic to bronze age Anatolia, Northern Levant, and Southern Caucasus. Cell 181(5), Mai 2020, 1158-1175. https://doi.org/10.1016/j.cell.2020.04.044
  6. Rohrlach, A.B., Papac, L., Childebayeva, A. et al. Using Y-chromosome capture enrichment to resolve haplogroup H2 shows new evidence for a two-path Neolithic expansion to Western Europe. Sci Rep 11, 15005 (2021). 22.7.2021, https://doi.org/10.1038/s41598-021-94491-z 
  7. Katrin Bastert-Lamprichs, Svend Hansen, Guram  Mirtskhulava, Andrea Ricci und Michael Ullrich: Archuchlo, Georgien - Neolithische Siedlung im Südkaukasus. Die Arbeiten der Jahre 2012 bis 2014, Forschungsberichte des DAI, 2016, https://publications.dainst.org/journals/efb/article/view/1596/4504 (ohne Zahlschranke) 
  8. Lyonnet, Bertille et al: Mentesh Tepe, an early settlement of the Shomu-Shulaveri Culture in Azerbaijan. In: Quaternary International Volume 395, 22 February 2016, Pages 170-183, http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1040618215001457
  9. Kushnareva, K. Kh.: The Southern Caucasus in Prehistory. Stages of Cultural and Social Development from the Eighth to the Second Millenium B.C.. University of Pennsylvenia, Philadelphia 1997 (GB)
  10. McGovern, Patrick et. al.: Early Neolithic wine of Georgia in the South Caucasus. PNAS, Oktober 2017, http://www.pnas.org/content/114/48/E10309.abstract.html
  11. Archaeologies of the Near East. Joukowsky Institute for Archaeology and the Ancient World, Spring 2008 (pdf)
  12. Darabi, H., Richter, T., & Mortensen, P. (2018). New excavations at Tappeh Asiab, Kermanshah Province, Iran. Antiquity, 92(361), E2. doi:10.15184/aqy.2018.3
  13. Bangsgaard, P., Yeomans, L., Darabi, H., Gregersen, K., Olsen, J., Richter, T., & Mortensen, P. (2019). Feasting on Wild Boar in the Early Neolithic. Evidence from an 11,400-year-old Placed Deposit at Tappeh Asiab, Central Zagros. Cambridge Archaeological Journal, 29(3), 443-463. doi:10.1017/S095977431900009X
  14. Peasnall, Brian L. The round house horizon along the Taurus-Zagros arc: a synthesis of recent excavations of Late Epipaleolithic and Early Aceramic sites in Southeastern Anatolia and Northern Iraq. University of Pennsylvania, 2000 (Uni Bamberg)
  15. Price, M. D., and B. S. Arbuckle. "Early pig management in the Zagros flanks: reanalysis of the fauna from Neolithic Jarmo, Northern Iraq." International Journal of Osteoarchaeology 25.4 (2015): 441-453 (pdf
  16. Gorelik, Alexander F., Andrej Cybrij, and Viktor Cybrij: "Zu kaukasischen und vorderasiatischen Einflüssen bei der Neolithisierung im unteren Donbecken." In: Eurasia antiqua: Zeitschrift für Archäologie Eurasiens 20 (2014): 143-170 (Academia)
  17. Gorelik, Alexander F., Andrej Cybrij, and Viktor Cybrij: Siedlungslandschaften, Subsistenzweisen, Kommunikationsnetze und soziale Beziehungen im Subneolithikum am unteren Don. In: Varia neolithica XI. Beiträge zur Ur-und Frühgeschichte Mitteleuropas 97, 2021 (als Beitrag zu einer Tagung in Halle im Jahr 2018) (Academia)
  18. Gopher, Avi: Neolithic Arrowheads of the Levant - Results and Implications of a Seriation Analysis. Paléorient 15(1) January 1989 (Researchgate)
  19. Bading, Ingo: Die Neolithische Revolution im Vorderen Orient (12.000 - 6.000 v. Ztr.). Seminararbeit am Anthropologischen Seminar der Universität Mainz, 1995 (Academia) [eigentlicher Titel: "Populationsstrukturen und Transitionsvorgänge im Levanteraum vom Epi-Paläolithikum zum PPNB]
  20. Crassard R, Petraglia MD, Parker AG, Parton A, Roberts RG, Jacobs Z, et al. (2013) Beyond the Levant: First Evidence of a Pre-Pottery Neolithic Incursion into the Nefud Desert, Saudi Arabia. PLoS ONE 8(7): e68061. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0068061
  21. Deborah I. Olszewski: The Lithic Transition to the Early Neolithic in the Zagros Region: Zarzian and M'lefatian Industries, in: S. K. Kozłowski, H. G. K. Gebel (Hrsg.): Neolithic Chipped Stone Industries of the Fertile Crescent and their Contemporaries in Adjacent Regions, ex Oriente, Berlin 1996, 261-270
  22. Wang, CC., Reinhold, S., Kalmykov, A. et al. Ancient human genome-wide data from a 3000-year interval in the Caucasus corresponds with eco-geographic regions. Nat Commun 10, 590 (2019), online 4.2.2019, https://www.nature.com/articles/s41467-018-08220-8
  23. Gronenborn, Detlef, & Horejs, Barbara. (2021). Expansion of farming in western Eurasia, 9600 - 4000 cal BC (update vers. 2021.2) (2021.2). Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.5903165
  24. Gorelik, Alexander Felix, Andrej Tsybrij, and Viktor Tsybrij. "‘Neolithisation’in the NE Sea of Azov region: one step forward, two steps back?." Documenta praehistorica 43 (2016): 139 (pdf). 
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