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Donnerstag, 14. Mai 2026

Gopal Norbert Klein - - - und das von der Aufmerksamkeit völlig Unbelichtete

Gopal Norbert Klein: Was wir von ihm lernen und was uns bei ihm (noch) fehlt

Ein wilder, zugewachsener Garten, davor eine verschlossene Tür.

Abb. 1: Ein verwilderter Garten - hinter verschlossener Tür (Wiki)

Das ist das Bild, das sich uns inzwischen aufdrängt, nachdem wir uns zwei Jahre lang mit Gopal Norbert Klein (Yt2026) beschäftigt haben. Und dieses Bild erscheint uns hilfreich, weiter führend. Für Betroffene ebenso wie für Angehörige und jeden Menschen sonst.

Der Traumatherapeut Gopal Norbert Klein verströmt erstaunlich viel Zuversicht. Er tut es wie kaum ein anderer, der in seinem Themenbereich tätig ist und der zumindest uns bekannt ist. Freilich, zuversichtlich kann jeder sein. Aber selten möchte man Menschen bei so schwierigen Themen wie sie Gopal behandelt, auch ebenso viel Recht zusprechen zu Zuversicht. Gegenüber Gopal sind wie dazu gerne bereit.

Kritisieren kann jeder. Aber wer kann es besser machen? Wer bringt es treffender auf den Punkt?

Gopal Norbert Klein sagt mit großer Zuversicht: Kindheits-, bzw. Entwicklungstraumata können geheilt werden. Es tut immer wieder so gut, ihn mit so großer Zuversicht und so viel Sachkenntnis und aus der Sache selbst geborener Energie sprechen zu hören. Zumal für Betroffene, zumal für Angehörige von Betroffenen. Seit zwei Jahren wird er diesbezüglich für uns hier auf dem Blog immer wieder als sehr hilfreich erlebt.

Seine Zuversicht scheint uns deshalb so berechtigt, weil die Wege, die er zur Heilung aufzeigt, treffsicher, gültig und richtig erscheinen. Und weil sie sich auch wiederholt als solche erweisen. Oft mag man das als Angehöriger noch früher und deutlicher sehen denn als Betroffener selbst.

Und die neueste Erkenntnis für uns ist: Nicht nur als Betroffener, mehr vielleicht noch als Angehöriger kann man für sich selbst erstaunlich viel lernen.

Das letzte, was uns von Gopal besonders beeindruckt hat, ist das von ihm entworfene "Projektions-Schema" (s. Abb. 2). Dieses erläutert er in zwei Video's. Das erste erschien am 16. Januar 2026 (Yt2026), das zweite am 15. Februar diesen Jahres (Yt2026). Wer nach der in diesen Videos gegebenen Anleitung in Gesprächen, Zwiegesprächen vorgeht, könnte schnell feststellen, wie direkt man mit dieser Vorgehensweise auf den Punkt kommt oder kommen kann.

Abb. 2: Projektionsschema nach Gopal Norbert Klein, Januar 2026 (Yt2026)

Was man dann aber auch feststellen könnte, ist, daß das "Auf den Punkt"-Kommen noch gar nicht der letzte Schritt ist, noch gar nicht zwangsläufig eine Lösung darstellen muß. Dieses "Auf den Punkt"-Kommen kann nämlich von dem Traumatisierten fast regelmäßig und fast reflexhaft als Grenzüberschreitung erlebt werden - mit den entsprechenden, damit einhergehenden - gerne auch außerordentlich heftigen - emotionalen Reaktionen. Dies liegt auch daran, daß man als Nichttraumatisierter in der Beziehung zunächst sich selbst, dann aber auch dem Traumatisierten "erklären" will, "wie alles ist", was "los ist" (vor allem beim Betroffenen). Und genau dieses "Erklären" kann dann ebenso wiederum leicht als Grenzüberschreitung erlebt werden: Der Gottesstolz des Menschen, vor allem des europäischen oder nordeuropäischen Menschen wünscht, alles aus eigener Kraft zu erkennen und finden zu wollen. Er nimmt so außerordentlich ungern Rat von anderen, von außen an.

Auch das ist nachvollziehbar, auch diesem Geschehen kann man Verständnis entgegen bringen. Aber als Nichttraumatisierter hat man eben auch genau all diese Fragen und sehnt sich nach einer Klärung. Und man möchte eine solche Klärung durch Gespräch herbei führen. Und dabei kann man auch nicht ständig um den "heißen Brei" herum reden.

Welche Ressourcen gibt es denn?

Nun aber unsere einigermaßen neueste Erkenntnis: Dieses vernunftmäßige "Auf den Punkt"-Kommen scheint - erfahrungsgemäß - noch keineswegs die Lösung selbst zu sein. Und zwar insbesondere dann nicht, wenn auf den ersten Blick gar keine "Ressourcen" erkennbar sind, um diesen Schritt nun nicht nur vernunftmäßig gelassen, sondern auch emotional gelassen und entspannt sehen und gehen zu können. Das heißt: Wenn der traumatisierte Mensch "mit dem Rücken an der Wand" steht - auch und vielleicht sogar gerade durch diese Vorgehensweise und wenn er auch dann noch - wie reflexhaft - mit Streßsystem-Reaktionen reagiert - wie soll das dann Heilung bewirken? Der Betroffene ist es doch gar nicht anders gewohnt. Und es ist doch - womöglich - überhaupt keine "Ressource" erkennbar, auf die er zurück greifen könnte, um - sozusagen - "von einer anderen Ebene aus" auf das Geschehen zu blicken, um - sozusagen - innerlich zu sich selbst auf Abstand gehen zu können. Und auch um auf Abstand gehen zu können gegenüber dem eigenen "Streß-Geschehen" in der eigenen Seele. Und ebenso im eigenen Körper, der ja ein Leben lang - womöglich von Geburt an - an dieses Geschehen gewohnt ist.

Auf welche "Instanz" (im seelischen Geschehen) könnte denn da dann noch Bezug genommen werden? Das Ich steckt mitten in dem Streßsystem drin und reguliert sich allein damit. Und es scheint in der Seele gar nichts anderes zu geben als das.*)

Eine innere Bühne ...

Gopal hatte schon vorher in einem Video vom 10. Januar 2026 schön dargestellt, wie man als Betroffener die Reaktionen des Streßsystems - "bei schwierigen Entscheidungen und inneren Konflikten" - wie vor einer "inneren Bühne" vor sich ablaufen lassen könne, ganz ohne selbst "einzugreifen", ganz ohne sich zu "engagieren", ganz ohne "Partei" zu ergreifen (Yt2026). Auch das ist, wie wir meinen, ein außerordentlich treffendes Bild.

Und man glaubt sofort, daß es doch heilsam sein muß, dieses Bild in sich nachwirken zu lassen. Auch noch in allgemeineren Fällen als in diesem Video behandelt. Wir jedenfalls ordnen für uns dieses Video noch allgemeiner ein als nur bezogen auf "schwierige Entscheidungen und innere Konflikte".

Aber auch dieses Hinblicken auf das Geschehen wie auf einer inneren Bühne setzt ja voraus, daß ich in der Lage bin, innerlich auf Abstand zu mir selbst und meinen Streß-Reaktionen gehen zu können. Aufgrund welcher "Ressource" soll ich dazu aber nun in der Lage sein? Wo ist der Ort in meiner Seele, von dem aus gesehen ich Abstand gewinne zu dem Geschehen, das meine Seele von A bis Z erfüllt?

Diese Frage war für den Verfasser dieser Zeilen bislang nicht wirklich ausreichend geklärt.

Was und wie auch Angehörige aus Traumatherapie - für sich selbst - lernen können 

Aber in Auseinandersetzung mit dem vorstehend Geschilderten sind dem Verfasser dieser Zeilen nach und nach Erkenntnisse zugewachsen, die aktuell auch recht deutlich sein eigenes Leben verändern. Es ist womöglich so, daß "Nicht-Traumatisierte" genau an einem solchen Punkt auch besonders viel über sich selbst lernen können. Denn das Geschehen wirft auf sie selbst die Frage zurück: Hast du denn eigentlich selbst wenigstens jene Ressourcen, die dem anderen hilfreich sein könnten? Bewegst du dich eigentlich selbst in einem Bereich, aus dem heraus dieses unentwegte Aktiviert-Sein des Streß-Systems wie von einer inneren Bühne mit Ruhe und Gelassenheit angeschaut werden kann? Und in dem man sich - geradezu mit Abscheu - von diesem "Plastik-(Streß-)Geschehen" abwendet? Weil es die Aufmerksamkeit völlig von dem eigentlich wesentlichen Geschehen der Seele ablenkt?

Noch im Sommer letzten Jahres war der Verfasser dieser Zeilen mit völligem Unverständnis vor genau dieser Frage gestanden: Ja, wenn das Streßsystem so unentwegt aktiviert ist, daß daraus chronische Erschöpfung entstehen kann: Woran erkenne ich das eigentlich im Alltag, daß es aktiviert ist? Er konnte es nicht "sehen". Er war wie "blind", er war wie vor den Kopf geschlagen. Obwohl er unbewußt, halb bewußt oder gar bewußt mit einigem Nachdruck danach suchte. Es mußte ja schließlich irgendwo sein und sich äußern. Und nicht nur in den eher seltenen Momenten, wo in einer Beziehung plötzlich alles kippt, wo mit einem mal und plötzlich große Uneinigkeit und Streit entsteht, der dann für den gegebenen Moment nur noch schwer scheint, wieder geglättet werden zu können.

Insbesondere in Urlaubszeiten ist es gut möglich, seine Aufmerksamkeit in Richtung dieser Frage zu lenken. Weil man hier für längere Zeit nicht abgelenkt ist und weil man über längere Zeit ununterbrochen zu zweit ist und deshalb besonders gut dieser Frage hinterher horchen kann. Und so war auch der Stand des Verfassers dieser Zeilen im letzten Sommer. Er "sah" nichts (außer in selteneren Streitfällen).

Eine wesentliche Einsicht bahnt sich an ...

Aber jetzt im Januar, Februar und März diesen Jahres bahnte sich - in Auseinandersetzung mit den genannten Videos von Gopal und in Auseinandersetzungen innerhalb der Beziehung (also "im Kontakt") - für den Verfasser dieser Zeilen eine Lösung an. Er nahm plötzlich zum ersten mal wahr, wie geradezu "unentwegt" dieses Streßsystem beim Betroffenen aktiviert ist. Wie es gar nicht anders kann als aktiviert zu sein. Und zwar von der ersten wachen Minute des Tages an bis zum Einschlafen am Ende des Tages. (Wobei auch das Einschlafen selbst - aufgrund der ständigen Aktivierung des Streß-Systems - sehr schwer sein kann.) Er nahm wahr, wie es in der Seele gar nichts anderes gibt als dieses Streßsystem.

Eine krasse Erkenntnis. Er konnte dies wahrnehmen, denn er hatte nun eine innere Bühne, von der aus ihm das wahrnehmbar geworden war.

Das war eine ungeheuerlich anmutende Erkenntnis. Diese Erkenntnis wirft einen aber nach und nach auch unglaublich stark auf einen selbst zurück (obwohl man nur Angehöriger eines Betroffenen ist). Insbesondere nachdem sichtbar geworden war, daß all das "Erklären", das man dem anderen offenbar geradezu "aufnötigen" wollte, das dieser jedenfalls als "Aufnötigung" erlebte, sich immer nur kontraproduktiv auswirkte, sprich, die Beziehung untergrub und zerstörte.

Aber es keimte nun der Verdacht auf und wurde nach und nach zum ersten mal völlig sichtbar, daß man in einer Beziehung acht Jahre lang fast ausschließlich mit "Streßsystem" zu tun gehabt haben könnte. Daß man Jahre lang (ohne daß man sich dessen auch nur ansatzweise bewußt gewesen war) auf dieses Streßsystem starrte. Wie die Maus auf die Katze. Und daß man gar nichts anders "sah" - weder in sich noch im anderen. Wie hypnotisiert. Die eigene Seele hatte einen "Schlafsack" über sich gezogen, sie war ein plappernder Toter geworden, es gab gar kein echtes seelisches Erleben in ihr mehr. Sondern bestenfalls "Scheinerleben". All das wurde einem - zum Teil nach und nach, zum Teil plötzlich - klar.

Das aktivierte Streßsystem des anderen war einem Jahrelang unbewußt sehr willkommen gewesen. Denn es stellte keine "Gefahr" für den eigenen Zustand dar. Es war vielmehr geradezu eine "Hilfe" dabei, den eigenen Zustand weiter aufrecht zu erhalten, weiter in der eigenen "Schläfrigkeit", seelischen Apathie, Anteilnahmslosigkeit, seelischen Unaktiviertheit zu bleiben und dahin zu leben (wofür der Verfasser dieser Zeilen sich wohl seit der Mitte seines vierten Lebensjahrzehnts allzu ausschließlich entschieden hatte).

Das von der Aufmerksamkeit völlig Unbelichtete ...

So entstand in einem das innere Bild, daß sich da in einer Beziehung zwei auf der Ebene von Streßreaktionen aneinander abarbeiten und nur auf dieser Ebene überhaupt unterwegs sind - viele Jahre lang - und daß es da ganz verborgen und im Hintergrund irgendeine Tür gäbe, einen Ausgang gäbe in einen Garten. Die Jahre oder Jahrzehnte lang völlig außerhalb des Lichtkegels der Aufmerksamkeit lagen. Und daß dieser Garten hinter dieser Tür vollkommen verwildert wäre, vollkommen verwuchert, vereinsamt, verlassen wäre. Weil niemand diese Tür überhaupt sah, geschweige denn sie öffnete. Weil die Tür selbst ganz verstaubt war und voller Spinnweben. Denn niemand hatte sie seit Jahren benutzt.

Es war - und ist - das im ersten Moment ein ungeheures Geschehen. Als der "Nichttraumatisierte" in seiner Beziehung nahm man zum ersten mal wahr, in welcher Weise man selbst zur Stabilisierung des Geschehens und des Systems beitrug. Man nahm wahr, wie man es sich selbst allzu willig gefallen ließ, daß in ständiger Auseinandersetzung mit diesem Streßsystem diese Tür dort hinten in den Garten hinaus gar nicht in den Blick kommen konnte, gar nicht sichtbar wurde. Daß man sich durch dieses Starren auf das Streßsystem allzu willig davon ablenken ließ.

Und es war ein höchst sonderbares Geschehen: Genau in dem Augenblick, in dem man - aufgrund all dieser Ahnungen und Erkenntnisse - die eheliche Gemeinschaft mit dem geliebten Menschen aufgab, genau in diesem Augenblick spielte der eigene Körper völlig verrückt. Mehrere Wochen lang reagierte er mit ganz ekelhaften, außerordentlich lästigen, riesigen Nasenpolypen (wie man sie schon seit mehr als zehn Jahre nicht mehr kannte). Und er hatte ständiges Hautjucken am ganzen Körper. Es war, als wollte der Körper sagen: Ich will in dem Zustand bleiben, an den ich mich in den letzten zwanzig Jahren gewöhnt habe. Es war, als wolle der Körper sich gegen seelische Veränderungen "aufbäumen".

Nutzlos, lieber Körper. Du mußt.

All das begann etwa ein oder zwei Wochen vor Ostern (Ende März) und hat sich etwa einen Monat lang hin gezogen (bis Ende April). Eine verdammt schlimme Zeit.

Einsamkeit ist möglich

Man hatte gemerkt: Man braucht "Abstand" zu dem geliebten Menschen. Man mußte allein sein. Während man sich in den vielen Jahren zuvor, ja, über zwei Lebensjahrzehnte hinweg immer und immer wieder wunderte, warum man gar nicht allein sein konnte (was man als Jugendlicher und junger Erwachsener bis etwa zum 35. Lebensjahr sehr gut konnte), entstand nun zum ersten mal - nach Jahrzehnten - in einem eine Sehnsucht nach Einsamkeit, eine Sehnsucht danach, auf sich selbst zu hören, nur noch auf sich selbst zu hören, in sich hinein zu hören, eine Sehnsucht, nur mit sich selbst im Einklang zu sein, nur seinen eigenen Empfindungen, Befindlichkeiten gegenüber aufmerksam zu sein. Sich selbst der beste Freund zu sein. Und nicht ständig mit der Aufmerksamkeit bei jemand anderen zu sein.

Es entstand eine Sehnsucht, die verstaubte Tür zu dem Garten dahinter zu öffnen und zunächst, ja: den Verwesung-Gestank abziehen zu lassen, der mit dem Öffnen dieser Tür plötzlich wahrnehmbar war. Lagen doch Tote hier im Keller: Man selbst. Und all die eigenen, vergeudeten Lebensjahre. 

Man merkte plötzlich, daß man all die Jahre über - zwei Jahrzehnte über - völlig "im außen" war. Man hatte seiner Seele einen Schlafsack über gezogen, eine "Schutzhülle". Die eigene Seele hatte sich wie in einen Kokon zurück gezogen. Und der eigene Körper und die eigene Vernunft waren nur noch im außen - sozusagen "materialistisch" - sichtbar. Für einen selbst und für andere. Man selbst - das eigene Ich - "lebte" gar nicht mehr. Man selbst, das eigene Ich hatten eine Tür zugestoßen und hatten die eigene Seele als einen absolut haltlos verwilderten Garten ganz weit hinten, fast unsichtbar für die eigene Seele hinter sich gelassen.

All das kam der eigene Seele sehr gelegen, denn nun mußte sie nicht mehr den ständigen tiefen Zwiespalt erleben gegenüber einer abgestumpften, unlebendig gewordenen menschlichen Mitwelt, die heute so allgemein vorherrschend geworden ist.

Aber genau dieser "Garten" nun erscheint uns als die Ressource, um die es geht, um die es allein gehen kann.

Schon als Nichttraumatisierter zu diesem Garten hinzufinden in einer Zeit, in der alle Menschen abgestumpft und seelenlos dahin vegetieren, scheint schwer genug zu sein. Aber wie erst soll ein Traumatisierter zu diesem Garten hinfinden, wenn er in seinem Leben nur auf abgestumpfte, seelenlos dahin lebende Menschen stößt? Und mögen sie noch so sehr in Biomärkten einkaufen, naturgewaschene Baumwoll-Kleidung tragen und - angeblich - auch sonst ihre Seele pflegen. Wo täten sie das denn? Sähe die Welt nicht anders aus, wenn sie es wirklich täten? - ???

Aber das sollen an dieser Stelle nur Randfragen sein. An dieser Stelle geht es um etwas anderes.

Eine gotterfüllte Kindheit

Wir fragen uns nun: Kinder werden gotterfüllt geboren. Ihre Seele ist - unbewußt - vom Göttlichen durchflutet. Jeder, der Kinder mit wachen Augen ansieht, sieht das. Sie sind voller Güte, voller Aufgeschlossenheit für das Leben, voller Neugier, voller Anteilnahme. Sie sind völlig bei sich. Von ihnen geht so viel Gutes aus. Man möchte diese trippelnden, kleinen Kameraden ein Leben lang bei sich behalten, ruht ihr Dasein und ihr Seelenfrieden doch wie ein Segen auf dem eigenen erwachsenen Leben. Vorfeierzeit des Lebens nannte das eine frühe deutsche Traumatherapeutin und Evolutionäre Psychologin (1).

(Die Menschen wissen gar nicht, was sie sich selbst nehmen, wenn sie Kinder in Krippen und Kindergärten "abschieben" während der schönsten Lebenszeit, die sie mit Kindern haben können. Und damit ist noch nichts darüber gesagt, daß sich Krippen und Kindergärten, Fremdbetreuung nicht nur schlecht für sie selbst, sondern mehr noch für die Kinder auswirkt. So ziehen eben seelisch abgestumpfte Menschen neue seelisch abgestumpfte Menschen heran. So ist es offenbar gewollt und alle machen mit.)

Aber wie ist es mit Kindern, die ein Entwicklungstrauma, ein Kindheitstrauma erleben? Sind sie auch so gotterfüllt? Wir glauben ja. Auch durch sie hat sich in ihrer Kindheit - unbewußt - Gott offenbart. Auch sie waren - in ihrer Kindheit - von Gott erfüllt. Auch ihre Seele kannte diesen blühenden, schwingenden, lebensvollen, lebendigen Raum und Garten des Lebens. Dieser Garten war immer da. Aber es war zugleich - von Anfang an - diese Streßaktivierung da. Wie mag sich das auswirken bis heute?

Die genannte Evolutionäre Psychologin geht von einer naturgewollten Einsargung der Menschenseele, einem naturgewollten seelischen Abstieg der Menschenseele während des Heranwachsens aus (1). Dies ist durch die Wissenschaft bestätigt worden: Während Kinder mit drei Jahren nicht lügen "können", lernen sie es bis zum sechsten Lebensjahr "natürlicherweise" (2). Sie lernen damit auch, daß andere lügen können. Sie lassen sich auf das gesellschaftliche Spiel unseres Lebens ein. Genau das heißt Erwachsenwerden: Seelischer Abstieg. Eine Tür nach der anderen in den Garten des lebendigsten Lebens wird verschlossen. Die Pubertät ist der Höhepunkt dieses "Verschließens" gegenüber dem Göttlichen - wenn anfangs auch noch sehr oft jugendliche Lebendigkeit und Begeisterungsfähigkeit dieses Verschließen sozusagen verhüllen. Aber diese jugendliche Lebendigkeit und Begeisterungsfähigkeit verfliegen in der Regel nach und nach im Laufe des Lebens, spätestens zur Zeit des Berufseintritts, spätestens zur Zeit der Familiengründung.

Und dann zeigt sich, wie es um die Menschen wirklich bestellt ist: Die Gesichter verhärten sich, die Seelen verschließen sich. Lügen und Lügen Durchschauen. Täuschen und Täuschen Durchschauen stehen im Vordergrund. Häme macht sich breit, Zynismus, ätzende Säure, Verbitterung, Hohn. Und bei Menschen, die irgendwann einmal mehr wahrgenommen hatten, aber im Angesicht dieses gesellschaftlichen Spieles nicht die Kraft zur Selbstbewahrung aufrecht erhalten haben, mögen sich allzu schlaffe Gesichtszüge einstellen.

Nur wenige erhalten sich ihre seelische Lebendigkeit oder gewinnen sie nach und nach - auf mitunter holprigen, schwer zu gehenden Wegen - zurück.

Und die Traumatsierten? Wo knüpfen diese an? An ihre gotterfüllte - aber völlig einsame - Kindheit? Diese Frage ist für uns noch nicht völlig geklärt. Aber an dieser Stelle steht nun unser Nachdenken.

Es scheint uns folgendermaßen zu sein: Um so mehr traumatisierte Menschen auf seelisch lebendige, wache Menschen treffen, um so leichter sollte ihnen wahrnehmbar sein, daß sich ihrem seelischen Erleben da ständig das aktivierte Streßsystem wie eine "Kühlerhaube" vor die Nase setzt, ständig. Wenn sie in die Wahrnehmung dieses Geschehens kommen, werden sie nach und nach mehr nach dem fragen, was dahinter liegen könnte. 

Aber zuvor gilt es auch, mühsam über die Leichen im Keller zu stolpern - und allerhand ungute Gefühle auszuhalten, die da aus dem Körper heraus hervorquellen. All das Leichengift ... 

/ So weit schrieben wir bis 27.4.26. / 

Da bleibt ja "nichts" übrig ...

Nun noch eine kleine Ergänzung (14.5.2026) - Was man sich immer wieder viel zu wenig klar macht und worauf man nach und nach immer besser hinhören könnte: Für die meisten sogenannten "Probleme" gibt es gar keine realen Gründe. Es gibt gar keine realen Probleme. Insofern gibt es auch keine realen Lösungen.

Es gilt deshalb: All die "Probleme" mit sich selbst und mit anderen einfach nur ausklingen lassen, sie nicht "lösen" wollen, nicht nach "Antwort" suchen, sich nicht in irgendeiner Weise "engagieren" wollen, nicht für irgendeine Seite "Partei ergreifen" wollen, nicht nach "Schuld" fragen, nicht "anklagen", nicht "entschuldigen". Diesem ganzen "Bohai" größtmögliche Gleichgültigkeit entgegen bringen.

Natürlich bleibt dann vermeintlich nicht mehr viel übrig. Aber das darf eben infrage gestellt werden, ob da nicht viel übrig bleibt. Das, was dann "übrig" bleibt und wie "Nichts" aussieht, das könnte ja dann - plötzlich - doch eine ganze Menge sein. Wer weiß das schon? Es sieht halt vielleicht nur sehr leichenblaß - und deshalb völlig unscheinbar - aus, dieses "Nichts".

Aber es könnte ja das sein, was von Seiten des Streßsystems so sehr ins Dunkle gedrängt worden ist, daß es sich noch nie hatte entwickeln können. Und dennoch wäre es eben doch dasjenige, was nicht halluziniert, nicht projiziert. Aber weil es wie "Nichts" aussieht (für das so außerordentlich vielfältig projizierende und sich dabei sehr "lebendig" fühlende Ich), wird es null Komma null überhaupt wahrgenommen.

Das ist im Grunde sehr schade.

Deshalb: Dieses Pflänzchen, das "Nichts" möge aufkeimen. Es möge Licht da ran kommen, es möge frische Luft da rankommen, es möge in den Lichtkegel der Aufmerksamkeit hinein kommen. Es möge darin stärker werden, erstarken. Denn es liegt wie scheintot in uns, unlebendig - - - wie Nichts. Wie eine Leiche im Keller.

Zwei "Systeme" in der menschlichen Seele

Noch eine Ergänzung (30.5.2026): Soweit wir das überblicken, scheint es zwei "Systeme" in der menschlichen Seele zu geben. Ein System, das wir einmal "Streß- und Bedürftigkeits-System" nennen möchten. Dieses kann bei Traumatisierten ebenso wie bei Nichttraumatisierten in der einen oder anderen Form über Jahre und Jahrzehnte hinweg im Vordergrund stehen, weitgehend allein "aktiv" sein und das Leben bestimmen. Wenn dieses System aktiviert ist und weitgehend allein vorherrschend ist in der Seele, stehen diverse Bedürfnisse im Vordergrund, man kann das System auch nennen eine Art "Suchtverhalten", es gibt Sucht nach Bedürfnisbefriedigung und - oft - (gerade auch bei Traumatisierten) "Sucht nach Streß". Weil dieser Streß oft als Normalzustand erlebt wird, als seelische Heimat, die aus Gewohnheit immer wieder aufgesucht wird und weil etwas anderes auch gar nicht bekannt ist oder oft auch nicht einmal ansatzweise in das Gesichtsfeld jemals trat oder tritt. Wenn dieses System aktiviert ist, ist man in einer Art "Traumwelt", ist im Außen, ist mit seiner Aufmerksamkeit ständig bei anderen, ist gar nicht richtig bei sich selbst und gar nicht richtig "vor Ort" und auch - sozusagen - gar nicht in der "Jetztzeit".

Und dann könnte es noch ein zweites System in der menschlichen Seele geben. Dieses System würde heißen: "Bei sich selbst ankommen", "sich selbst wahrnehmen", "sich selbst der beste Freund sein", den Antrieben zur Bedürfnisbefriedigung mit Ruhe und Gelassenheit gegenüber stehen, ihnen jeweils im einzelnen in Ruhe sagen: ja, du darfst sein, nein, du bist jetzt nicht das, von dem ich möchte, daß es im Vordergrund meines seelischen Geschehens steht. In Ruhe wägen und auswählen, was ich möchte, was da ist und was nicht. Insbesondere in Bezug auf "Bedürfnisse" und "Bedürftigkeiten". Dadurch wird das "Getriebensein", das "Reflexhafte", das "Getriggerte" mit einem mal ausgehebelt und an seinen Ort zurück gestellt, an den es gehört. Nämlich: in die zweite Reihe. Erst dann, wenn ich bei mir selbst bin, darf auch dieses Getriebensein - und zwar dann, wenn ich es will und in dem Ausmaß, in dem ich es will - in den Vordergrund treten. Vorher nicht. Nicht das Getriebensein soll mich beherrschen, sondern ich beherrsche das Getriebensein.

Die erste Voraussetzung dazu ist eine große Ruhe und Gelassenheit. Die erste Voraussetzung dazu ist ein "Bei-sich-selbst-Ankommen". Die erste Voraussetzung dafür ist das Gefühl der tiefen Befriedigung, sich selbst der beste Freund zu sein, mit sich selbst in bester Freundschaft zu stehen.

/ Letzte Änderungen: 19. und 30.5.26 /

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*) Es ist vielleicht von Interesse, daß die Evolutionäre Psychologin Mathilde Ludendorff das seelische Geschehen im Menschen bestimmt sieht von einem "Widerspiel" zwischen dem "gottahnenden Ich" in der Menschenseele einerseits und dem "gottverlassenen Selbsterhaltungswillen" in derselben andererseits. Und es wird ja sofort erkennbar, daß elementare Streßreaktionen aller Art Ausdruck des Selbsterhaltungswillens der Menschenseele sind. Mit dem Begriff "gottverlassener Selbsterhaltungswille" wird im Grunde sehr gut gekennzeichnet, daß solche Streßreaktionen in keinerlei Bezug mehr stehen brauchen zum Gotterleben der Menschenseele, und daß das Ich der Menschenseele im Grunde nur noch Zuschauer und Befehlsempfänger des Streßgeschehens in der eigenen Seele ist, daß dieses Ich "verklavt" ist an dasselbe. Wobei es aber zugleich der Illusion erliegt, daß das alles doch sehr, sehr "lebendig" wäre.

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  1. Ludendorff, Mathilde: Des Kindes Seele und der Eltern Amt. Eine Philosophie der Erziehung. Verlag Hohe Warte, Pähl 1954 (EA 1930) (Archiv)
  2. Meinecke, Erich: Der Wille zur Wahrheit im Kind. In: Mensch&Maß, Jg. 2000

Montag, 21. Juli 2025

Vom Stolz der Menschenseele

Und was dieser mit Traumaheilung zu tun hat

Adler - Ausdruck von Stolz

Die Herangehensweise des Traumatherapeuten Gopal Norbert Klein im Zusammenhang mit der Heilung von Kindheitstraumata ist schon seit mehr als einem Jahr Thema hier auf dem Blog (s. z.B. Stg24). Gopal stammt aus Wiesbaden und Gießen. Er hat selbst ein Kindheitstrauma erlebt. Er hat sich in Auseinandersetzung mit diesem zum Traumatherapeuten entwickelt. Er scheint uns wesentliche Antworten auf all die ungelösten Fragen zu geben, die der Hirnforscher Gerhard Roth in seinem Vortrag "Wie das Gehirn die Seele macht" von 2013 noch als weitgehend ungeklärt dargestellt hatte.

Nämlich: Kann man Kindheitstraumata überhaupt heilen. Gopal sagt: Ja. Und zwar: "Durch Kontakt". Das ist die wesentliche Botschaft. Durch Kontakt, durch "ehrliches Mitteilen" und durch Hören auf das, was gesagt wird und wie sich mitgeteilt wird. Wenn man sich auf diesen Weg begibt, kann man immer wieder neue Entdeckungen machen. 

"Wie du jede Psychotherapie scheitern läßt - Kontextwechsel, Kulissenschieben, Reframing"

Immer einmal wieder sehen wir deshalb in die Video's oder Interviews mit Gopal Norbert Klein hinein. Das hier eingestellte Video (1) habe ich mir vor einigen Wochen - zunächst ein wenig gleichgültig - angesehen. An der Stelle, wo ich es einsetzen lasse (bei Minute 6), habe ich schon damals ein bisschen mehr aufgehorcht. Ich habe mir gedacht: Wow, mit was für krassen Fällen Therapeuten beschäftigt sein können. 

Aber so wirklich auf eigene Erfahrungen habe ich das damals nicht beziehen können oder höchstens - wie ich mir damals dachte - "in groben Zügen".

Zum Beispiel hatte ich bis dahin nie so recht für mich verstanden, wie ich mir die Strategie "Manipulation" in Aktion und Reaktion eigentlich konkret vorstellen sollte. So dachte ich damals. Traumatherapeuten sprechen ja von drei bis vier verschiedenen, tief in der tierlichen Evolution und damit im Stamm- und Zwischenhirn angelegten, körperlichen und seelischen Strategien, mit "Todesgefahr" umzugehen: Angriff, Verteidigung und Totstellen (Erstarrung), sowie - mitunter als vierte Strategie genannt: Manipulieren, Tricksen. Die drei erstgenannten kann man sich ja ohne Schwierigkeiten vorstellen. Aber was soll "Manipulieren", Tricksen in Todesgefahr bedeuten? Hier war nun einmal ein sehr konkreter Ausschnitt von "Manipulationsmöglichkeiten" sehr anschaulich beschrieben: Den Gegner oder das projizierte "gefährliche" Gegenüber in die Irre führen, Tarnen und Täuschen, Antäuschen, Ausweichen, Angriffe ins Leere laufen lassen, Tricksen. Und zwar kann das alles für alle Beteiligten völlig unbewußt stattfinden. Es wird aber schon deutlich, daß die Überlebensstrategie Manipulation schon etwas mehr benötigt als nur Stamm- und Zwischenhirn, um ausgeführt zu werden. Da kommen offenbar auch höhere Gehirnregionen mit ins Spiel, die verdammt schnell reagieren können.

Vor einigen Tagen jedenfalls kam mir genau dieses Video wieder in den Sinn. Es hatte einige Enttäuschungen in meinem Leben gegeben. Alte Strategien (Handlungsstrategien) "fruchteten" nicht mehr. Tagelang fühlte ich mich deshalb wie ohnmächtig, funktionierte nur noch wie eine Maschine, wollte über nichts mehr nachdenken. Bis allmählich so der eine oder andere neue, weiterführende Gedanke "wie von selbst" in die Wahrnehmung kam.

Und in diesem Zusammenhang fiel mir dann auch dieses Video wieder ein. Und plötzlich machte alles so viel mehr Sinn. Das, wovon in diesem Video die Rede ist, war - und ist - meine Jahre lange Erfahrung gewesen. Nein, meine Jahrzehnte lange Erfahrung gewesen mit nahen Angehörigen.

Ich habe jetzt lange auf Youtube gesucht, um dieses Video wieder zu finden.

Ich finde: In diesem Video kommt der Gopal auf Themen zu sprechen, von denen er sonst relativ selten - zumindest so direkt und anschaulich - spricht. Aber für mich sind diese Dinge ein wichtiger Schlüssel.

Es ist der Menschenstolz der Menschenseele

Und indem ich die Inhalte dieses Videos weiter dachte, schrieb ich mir vor zwei Tagen (am 19. Juli 2025) auf:

Jemand müßte dem Gopal Norbert Klein einmal sagen, daß es der Menschenstolz der Menschenseele ist, der sich in der Nähe des Erlebensbereiches der Menschenwürde bewegt (von der schon im Artikel 1 des Grundgesetzes die Rede ist), und die zum Beispiel von der Psychiaterin Mathilde Ludendorff oder von dem Philosophen Peter  Sloterdijk als so wesentlich angesehen werden (von Mathilde Ludendorff "Gottesstolz" genannt, Sloterdijk spricht von "thymotischen Energien"), daß diese Erlebensbereiche von Stolz und Würde sehr oft Heilungsvorgänge verhindern, weil sie alle die manipulativen Vorgänge, die Heilungen verhindern, befördern, daß sie aber auch, wenn es in glücklicher Zeit zu ehrlicher Mitteilung dieser Erlebensbereiche kommt, erste authentische, ehrliche Mitteilungen in die Kommunikation einfließen läßt. Oft zunächst als Empörung. Was dann wiederum heilsam sein könnte. Der Gottesstolz möchte immer Herr der Situation bleiben*), sehr, sehr gerne auch einmal auf Kosten ehrlicher Mitteilung und auf Kosten der Wahrheit und damit - unbewußt - auf Kosten körperlicher und seelischer Gesundheit. Nämlich indem er sich selbst und andere "manipuliert".

Wie kann ich reagieren? - Im Innern Abstand schaffen zwischen mir selbst und der Situation

 14./28.2.26 / Es sollen noch weitere Ausführungen, bzw. Einsichten zu dem Thema hier festgehalten werden. In Anwendung der Erläuterungen eines neuen Videos von Gopal (Yt2026) (5) kann einem bewußt werden: Die (projizierte) Wahrnehmung von "Angriff" (auf das eigene Selbst) muß sich nicht nur auf körperlich-physische Angriffe beziehen, sondern kann auch als "Angriff" auf den Gottesstolz, auf das Selbstwertgefühl, auf die Erfahrung, "Herr der eigenen Situation" zu sein und zu bleiben, wahrgenommen werden (hier vor allem vorwiegend als Vorstellung, als Projektion gemeint). Falls ein solcher projizierter Angriff als solcher wahrgenommen wird, reagiert das halbautonome Streßprogramm fast automatisch mit "Gegenangriff". Dieser besteht dann "ebenfalls" in "Herabwertung". Im Miteinander kann das dann leicht zum Aufschaukeln von Wut- und Streßprogrammen führen.

Was wäre die Lösung? Wird eine Situation als "Angriff" wahrgenommen, kann das eigene Ich innerlich auf Abstand zunächst zur eigenen unmittelbaren Reaktion, zum eigenen unmittelbaren "Reflex" gehen ebenso wie es innerlich auf Abstand gehen kann zur Situation selbst. Es kann zunächst einmal genau beobachten: Was genau geschieht? Was passiert wirklich? Wer sagt genau was? Was ist damit gemeint? Und nachdem es auf diese Weise ruhig und gelassen zu einer Einschätzung der Situation insgesamt gekommen ist, kann das eigene Ich zu sich selbst sagen: "Ich" "bin" nicht diese Situation. Ich bin etwas anderes. Ich gehöre nicht - zwangsläufig - zur Situation. Das was in dieser Situation an "Nichtrespektieren meiner Person" zu geschehen scheint, muß gar nichts mit mir zu tun haben. Es hat auch gar nichts mit mir zu tun. Ich gebe mir selbst meinen Wert oder Unwert. Ich selbst lasse nicht zu, daß diese Zuschreibungen durch andere geschehen. Ich habe das letzte Wort über mich selbst. Ich sage vielmehr mit Theodor Fontane zu mir selbst:

Es kann die Ehre dieser Welt
Dir keine Ehre geben.
Was dich in Wahrheit hebt und hält,
Muß in dir selber leben. 

Und wenn es so durch ruhige Beobachtung der eigenen Situation und der Wahrnehmung des eigenen Ichs und des eigenen Wertes zu einer ruhige Einschätzung der Gesamtsituation gekommen ist, kann das eigene Ich sich auch von dieser Gesamtsituation insgesamt ruhig abgrenzen, absetzen, entfernen. 

Und zwar eben dann nicht durch reflexhaftes "Zurück-Schlagen", sondern indem es einfach - zum Beispiel - einfach ruhig mitteilt: "Ich fühle Wut." Dann ist das eigene Selbstwertgefühl in Schutz genommen, dann ist der eigene Stolz in Schutz genommen, ohne daß deshalb Mitmenschen blindwütig angegriffen werden müssen. Und die Mitmenschen freuen sich - in der Regel - über diese ruhige Wut. Sie freuen sich, von Emotionen zu hören, sie freuen sich, daß sie ein Gegenüber haben, mit dem sie kommunizieren können, und das sie an sich selbst teilhaben läßt. (Letzteres ist alles bei reflexhaften Streßreaktionen vollkommen ausgeschlossen.) Und so kommt dann ein gedeihliches Miteinander zustande, in dem das Selbstwertgefühl des einen frei und selbstbewußt neben dem Selbstwertgefühl des anderen bestehen kann, ohne daß es zu Streßreaktionen kommen braucht.

Wenn der Gottesstolz sich aber mittels einer reflexiven Streßreaktion nicht ruhig abgrenzt, sondern nervös, hektisch und aufgeregt "wehrt", wird sehr viel Unruhe auch in das Leben des anderen hinein getragen. Es kann vorkommen, daß das Gegenüber nun auch seinerseits viel stärker im "Kern" von dessen eigener Persönlichkeit getroffen fühlt als das in anderen Fällen von alltäglichem Abgrenzen und ruhigem Zurückweisen von Zuschreibungen der Fall ist. Das nicht-traumatisierte Gegenüber mag sich dann darüber wundern, daß es sich nun seinerseits in einem solch starken Umfang verletzt und erregt fühlt. Ein solches Aufschaukeln von Wut- und Steß-Programmen kann ein gedeihliches Miteinander von Menschen bis in den Grund hinein zerstören.

Gerade auch deshalb ist die Methode des ehrlichen Mitteilens nach Gopal Norbert Klein so wesentlich. Weil diese implizit dazu angetan ist, "Gegenangriffen" zu vermeiden. Es muß aber die Erkenntnis hinzutreten, daß das traumatisierte Ich sich nicht nur körperlich-physisch angegriffen fühlen muß, sondern daß es eben auch einen sehr empfindsamen Stolz geben kann, der Angriffe wahrnimmt, auf die er wie in Lebensgefahr reagiert.

Übrigens dürfte es sinnvoll sein, in solchen Fällen alles langwierige "Rechtfertigen" und "Erklären" zu unterlassen. Denn klar ist: Unter Menschen, die sich untereinander gut voneinander abgrenzen können (die also nicht traumatisiert sind), muß man sich gegenseitig nicht "wie ein rohes Ei" behandeln und kann dann auch gut und gerne von einer "Grenzüberschreitung" zur nächsten weiter gehen, ohne daß sich jemand verletzt fühlen muß. Das kann in Übermut, "Tollheit" und "Dreistigkeit" oft unter Menschen statthaben, die einander vertraut sind und sich deshalb auch voll gegenseitig vertrauen. Weil sie einerseits wissen, "daß es nicht so gemeint ist", und weil sie andererseits lässig ihnen unzulässige Zuschreibungen von sich auf Abstand halten können.

Übrigens kann das zugleich auch als ein Zeichen von tiefgegründetem Urvertrauen schon im Mitteinander mit Babies und Kleinkindern gelten: Wie "toll" und "dreist" können gegenseitig "Grenzen" übertreten werden, ohne daß der Spaß und die Freude am Miteinander dabei verloren gehen.

Anhang

Noch einiges zu den beiden erwähnten Philosophen.

Peter Sloterdijk

Wir haben mindestens zwei Beiträge veröffentlicht zu seiner Sicht auf "thymotische Energien". Wir haben dabei hervorgehoben, daß Sloterdijk seine Sicht prägnanter in einem Cicero-Interview geäußert hat als in seinem ganzen Buch "Zorn und Zeit" (Stg07aStg07a). Sloterdijk sagt zum Beispiel die schönen Worte:

Der Stolz kommt allem Nötighaben zuvor, er ist die im Sein selbst gesetzte Tendenz, geltend zu machen, was man will und was man kann. Und wenn das zu sehr deformiert, entstehen ressentimenthafte Ausbildungen des Stolzes.

Schon die Psychiaterin und frühe Evolutionäre Psychologin Mathilde Ludendorff (1872-1966) hat diesem, von ihr "Gottesstolz" genannten Phänomen viel Bedeutung zugesprochen für das Schicksal jeder einzelnen Menschenseele (2) (Archiv).

Mathilde Ludendorff

Sie war selbst während des Ersten Weltkrieges als Psychiaterin sehr intensiv mit Kriegstraumata beschäftigt und führt unter anderem auch deshalb aus, daß der Gottestolz in physischer Todesnot oder in sonstigen traumatischen Zusammenhängen "Boten" an das Unbewußtsein senden kann, die dann "lebenslang" Traumafolgen bewirken können auf körperlicher und/oder seelischer Ebene (heute würde man sagen: "Programmierungen", "Reflexe"). Und auf diesen Ebenen können sie dann oft Jahrzehnte lang völlig unverändert in immer derselben Weise fortwirken und ausgelöst werden. Weil ein bestimmtes Erleben oder Verhalten ins Unterbewußtsein "verdrängt" worden ist und dort doppelt weiter wirkt, anstatt daß es zurück ins Bewußtsein geholt wird und neuen Bewertungen unterzogen wird, so daß neue "Programmierungen" alte überlagern können. 

"Ich fühle mich unsicher, ich habe Angst, ich erlebe Todesgefahr. Ich erlebe keine Sicherheit," sagt - unbewußt - der Gottesstolz. "Ich bin nicht Herr der Situation. Ich muß Herr der Situation bleiben und darf niemanden heran lassen." "Ich muß tricksen, ich muß täuschen, sonst gerate ich in Gefahr."

Der Gottesstolz ist vermutlich - zumindest bei manchen Menschen  etwas sehr besonderes. Und jeder, der diesem Gottesstolz zuhört, ihm hinterher lauscht, ihn im Wesenskern zu verstehen sucht, mag als heilig erachtet werden. Jeder, der ihm zuhört sowohl dann, wenn dieser Stolz auf dem manipulativem und zerstörerischen Wege unterwegs ist oder aber auch dann, wenn er sich von äußeren Zuschreibungen, auf die er reflexhaft reagiert, frei macht und dadurch - sich selbst und andere Mitmenschen - im wahrsten Sinne des Wortes "befreit": Befreit zu Würde und Anstand - anstatt zum Kriechen im Taumel der eigenen Unwürdigkeit.

Fast "ohne Rücksicht auf Verluste" zerstört ansonsten dieser Gottestolz, weil er glaubt, er müsse Herr der Situation bleiben und das ginge nur durch Streßreaktion und gebahnte Reflexe. Ihm ist es in solchen Situationen "unerträglich", sich "unterwürfig", ohnmächtig zu zeigen, sich der Situation nicht gewachsen zu zeigen.

Der Gottesstolz mag als ein Recke aus uralten Zeiten gekennzeichnet werden. Denn schon aus jeder uralten Isländer-Saga mag er geradezu kraftvoll und unbeugsam hervor leuchten.

Abb. 2: Gorch Fock (1880-1916)

So schrieb der Verfasser dieser Zeilen in groben Zügen vor zwei Tagen (heute und am 18.10.25 und am 28.2.2926 noch einmal etwas überarbeitet, weil einem immer wieder einmal dazu neue Gedanken kommen).

Gorch Fock

Und heute kommt uns auch noch in den Sinn: Vielleicht hatte der Hamburger Schriftsteller Gorch Fock (1880-1916) eine Ahnung von der großen Bedeutung dieses Stolzes - sowohl im "freien" Zustand wie im "gefangenen, unfreien" Zustand - als er irgendwann als Eintrag in sein Tagebuch schrieb:

"Mein Herz, sei streng und halt dich frei von Dünkel und von falschem Stolz! Sei gütig, mein Herz, und beschenke dich immer mehr mit echtem, freiem Stolz."

Dieses Zitat hat sich der Verfasser dieser Zeilen schon in seiner Jugend mit 17 oder 18 Jahren als bedenkenswert aufgeschrieben.

Noch einige Zitate, aus denen hervor geht, wie Mathilde Ludendorff das Wesen des Gottesstolzes sieht. In ihrem Buch "Des Menschen Seele" schreibt in der grundlegenden Charakterisierung der menschlichen Bewußtseinskräfte mit Bezug zu dem vorausgegangenen Buch "Schöpfungsgeschichte" (2, S. 80):

Zu dem Ich hin führt, wie uns die "Schöpfungsgeschichte" lehrte, ein "Strahl aus dem Äther", ein Erleben göttlicher Würde und Erhabenheit, den wir den "Gottesstolz" nannten und der weder mit der Leistung des Menschen, noch mit der Anerkennung, die er findet, irgendeinen Zusammenhang hat.

Sie schreibt auch (2, S. 133f):

Zorn ist die Vernunfterkenntnis einer feindlichen Tat des Mitmenschen, der sich das Erlebnis des Gottesstolzes und die Empfindung der Unlust gesellt. Überwiegt die Unlust und gesellt sich ein starkes Gefühl des Hasses, ist endlich der Gottesstolz im Menschen verzerrt, so wird aus Zorn die Wut. Die Willensrichtung, die sich hiermit verbindet, ist meist der Wille zur Abwehr eines Feindes. Eine derartige Zergliederung aller Eigenschaften fördert sehr die seelische Erkenntnis.

Der Gottesstolz tritt - nach diesem von Mathilde Ludendorff gegebenen Seelenbild - als gleichwertig neben das Erleben der Eltern- und der Mutterliebe. Das Wesen des Gottesstolzes ist nach dieser Seelenlehre etwa auch erkennbar anhand der Umwertung des von den germanischen Nordeuropäern erlebten und gelebten Gottesstolzes in christlicher Zeit, als sie religiös und moralisch entwurzelt wurden, eine "Umerziehung", eine "Umwertung aller Werte" erfuhren. Es würde dann nämlich ein bestimmtes seelisches Gesetz wirksam (2, S. 138f):

Ich nenne es das Gesetz der Kontrastwertung (gegensätzlichen Wertung). Das Erbgut im Unterbewußtsein kann nämlich nicht machtlos werden. Es übt seinen Einfluß auf das Handeln und Werten des Menschen. (...) Gegenüber dem aus dem Erleben der Gottgemeinschaft geborenen starken Gottesstolz unserer Ahnen, den er in seinem Unterbewußtsein als Erbgut trägt, schützt er (der Christ) sich durch fortwährende Beteuerung der "Demut vor Gott", des "Unwürdigseins der Gnade", des "Allzumal-Sünder-Seins". Dem aus diesem Gottesstolz und der Gottgemeinschaft geborenen Vertrauen auf die eigene Kraft zur Vollkommenheit gegenüber beteuert er seine "Ohnmacht", fleht auf den Knien um "Erbarmen und Gnade". Dem aus dem Gottesstolz geborenen Erbgut des heldischen Wollens, sich in kraftvollster Abwehr der feindlichen Mächte sein Schicksal zu gestalten, sucht er sich zu entziehen durch fortwährendes Beteuern, man müsse das "vom Herrn gesandte Schicksal geduldig und demütig hinnehmen". (...) So stellt also ein solcher Mensch mit der Treue einer Lichtbildplatte das Gegenteil („Negativ"), das Kontrastbild des Erbgutes in seinen Wertungen dar.

Womöglich könnte es Sinn machen, noch weitere solche Zitate zu bringen, die das vielfältige Wirken des Gottesstolzes in der Menschenseele aus Sicht dieser Seelenlehre verständlich machen können. Aber als eine erste Annäherung sollen die gebrachten Zitate einmal reichen. 

_______

  1. Gopal Norbert Klein: Wie du jede Psychotherapie scheitern läßt: Kontextwechsel, Kulissenschieben, Reframing. Traumaheilung & Medialität, 12.02.2024 (Yt2024)
  2. Ludendorff, Mathilde: Des Menschen Seele. Ersterscheinen 1925 (Archive)
  3. Bading, Ingo: Peter Sloterdijk und sein Buch Zorn und Zeit. (Stg07aStg07a)
  4. Gorch Fock - Sterne überm Meer. Tagebuchblätter und Gedichte. Aus dem Nachlaß herausgegeben von Aline Bussmann. Glogau 1918 (GB)
  5. Klein, Gopal Norbert: Traumatherapie: Arbeiten wie Gopal, ohne Fortbildung. Traumaheilung & Medialität: Gopal Norbert Klein, 92.700 Abonnenten, 10.096 Aufrufe, 16.01.2026 [Stand 14.2.2026] (Yt2026)

Freitag, 19. April 2024

Zuhören ist Heilig

Traumaheilung, gesellschaftliche Heilung durch - Zuhören 
- Das zieht sich durch die Völkergeschichte bis heute
- Vermutlich war das auch die Bedeutung der "großen Ohren" bei den Kelten

Weltgeschichte ist vor allem eines: Traumatisieren und Heilen. Warum das so ist, soll an dieser Stelle nicht geklärt werden. Was man aber inzwischen - als Historiker und Forscher - verstanden haben kann, ist schlicht die Tatsache, daß Weltgeschichte das schon immer war: Traumatisieren und Heilen. Die Rinderzüchter der Turkana in Ostafrika machen seit Jahrhunderten, nein, sicher seit Jahrtausenden nichts anderes: Traumatisieren und Heilen (8). Aber eines wird man bei ihnen nicht finden: Null-Bock-Stimmung und Ohne-mich-Haltung. Wo letztere Haltungen zur Mehrheitshaltung werden, steht eine Gesellschaft am Abgrund und vor dem unmittelbaren Ende.

Abb. 1: Orpheus unter den Thrakern, Mitte 5. Jhdt. v. Ztr., Athen - Rotfigurige Vasenmalerei - Orpheus mit siebensaitiger Lyra dargestellt

Wir Deutschen konnten nach der Traumatisierungen des Dreißigjährigen Krieges wieder heilen. Können wir das auch heute - nach den Traumatisierungen des 20. Jahrhunderts? 

Aus Zusammenhängen rund um die Heilung von Entwicklungs- und Bindungstraumata heraus wird neuerdings auf die heilsame Bedeutung des Zuhörens hingewiesen: "Zuhören ist Heilig" (1).

Dieser Umstand gibt einem schon 2021 hier auf dem Blog erschienenen Artikel (Stgen2021) eine ganz neue, erweiterte Bedeutung, bzw. "Rahmung" und Kontextualisierung. 

Anstatt also einen von den etwa zehn Artikelentwürfen zum Thema Traumaheilung endlich veröffentlichensreif zu machen, die in den letzten Jahren hier für diesen Blog erarbeitet worden sind, stellen wir zunächst einmal den Blogartikel von 2021 mit dieser neuen thematischen Rahmung erneut ein.

[Einfügung 3.5.24] ... Und zwei Wochen nach der Neuveröffentlichung dieses Artikels kommt uns schon wieder ein neuer Gedanke: Müssen wir Deutschen, um zu heilen, zunächst einmal nur erst wieder "Das Heilige" finden? Denn "das Heilige" "heilt" - wie die beiden Worte, die aus einem Wortstamm stammen, ja schon sagen. Hören wir doch nur unserer eigenen Muttersprache hinterher: "Das Heilige" "heilt". .... Das wäre ein weiterer Gedankengang, in dessen Rahmung die folgenden Ausführungen gestellt werden könnten. [Ende Einfügung]

Schon 2003 sind Bücher erschienen wie "Odysseus in America - Combat Trauma and the Trials of Homecoming", zu Deutsch also: "Odysseus in Deutschland - Kriegstraumata und die Versuche des Nachhausekommens". Es stammt von dem US-amerikanischen Traumatherapeuten Jonathan Shay (geb. 1947) (Wiki). Schon letztes Jahr hatten wir in diesem Zusammenhang das Zitat gebracht (zit. n. Stgen2023):

Stellen Sie sich einen von der normalen Gesellschaft isolierten Ort vor, dessen Bewohner einen erschöpften, mittellosen Veteranen aufnehmen, ihm Kleidung geben, ihm zu Essen geben und baden, ihre ganze Aufmerksamkeit seiner Anwesenheit widmen, für Geschenke, Unterhaltung und sportliche Erholung sorgen und zusehen, wie er in Tränen ausbricht, wenn er an seine Vergangenheit erinnert wird, die sich seine persönliche Geschichte aufmerksam anhören, die ihn sogar nach weiteren Einzelheiten fragen und die ihn weiter reisen lassen mit einem Vorrat an Reichtümern versehen, die er bei seiner Rückkehr nach Hause verwenden kann. Wie könnte man einen solchen Ort nennen? Ein Sanatorium? Eine Reha-Einrichtung?

So entnommen dem Aufsatz "Phäaken-Therapie in der Odyssee des Homer" von 2014 (9). Das Wesentliche in diesem Prozeß ist das Mitteilen und das Zuhören. Wenn in unserer Familie vom Krieg erzählt wurde, dann wurden alle ganz still. Alle waren beim Erzählenden, beim Erzählten. Es war viel Schreckliches passiert.

Aber es gab und gibt Familien, in denen über Generationen hinweg über Krieg nicht gesprochen wurde. Entweder wurde gar nichts mitgeteilt oder die Art der Mitteilung hat jene, die hören sollten, überfordert, was erneut zu Schweigen führt. Die Frage, wie wir miteinander ins Sprechen kommen, ins "Ehrliche Mitteilen" ist eine ganz entscheidende Frage für jede Gesellschaft, die leben, überleben will und nicht zugrunde gehen will. 

Über die Vorgeschichte der Völker lernen wir gerade, daß sie voller Grausamkeit war. Daß immer wieder ganze Völker sprichwörtlich ausgerottet wurden oder - aufgrund irgendwelcher Umstände - ausgestorben sind. Und angesichts all dieses Schrecklichen fragt man sich: Wie sind die Menschen damals eigentlich alle mit den vielen Traumen umgegangen? Wie konnten sie diese heilen, um wieder lebensfähig zu sein? Es ist vielleicht sehr spannend, daß es gerade der keltische Kulturbereich zu sein scheint, in dem dem Hören, dem Zuhören offenbar ein größerer Wert zugemessen worden ist. Die Kelten waren Indogermanen, sie waren - wie andere Völker weltweit - Kopfjäger, sie kannten Gefangenenmorde, Menschenopfer. Sie haben in Kriegen untereinander viel Traumata angerichtet - und ebenso auch gegenüber anderen Völkern und Kulturbereichen. Wie konnten sie all die Traumata verarbeiten? Und ebenso so viele andere Völker?   

"Er tat seinen Mund auf und sprach," lautet eine Formulierung, die sich schon in den Dichtungen Babyloniens findet (7, S. 215)

Sprechen und Zuhören waren in vielen Völkern der Vorgeschichte heilige Akte. Das "Höret, was ich euch zu sagen habe" mag auch eine Formulierung gewesen sein, mit der in der Völkergeschichte Jahrtausende lang das Reden von Mensch zu Mensch eingeleitet worden ist. 

Für den vorgeschichtlichen Menschen war also - weitaus mehr als für den heutigen - sowohl das Sprechen wie das Hören ein bedeutungsvolles Ereignis. Alles kulturelle Wissen wurde - so war dem Menschen der Vorzeit bewußt - über das Hören weiter gegeben an die nächste Generation. Auch die Gesänge etwa des Orpheus oder des Homer waren ja für die Ohren von Hörenden bestimmt, nicht für die Augen von Lesenden. Nicht zuletzt deshalb sicherlich auch ihr "hoher Ton". Diese Gesänge wurden deklamiert, sie wurden vorgetragen, sie versetzten in eine andere, "gehobene" Erlebens-Sphäre. Und sie sollten dies. Sie sollten "wieder klingen" bei den Menschen, in die Stille, in den Raum hinein, den diese Menschen ihnen gaben - durch Zuhören.

Die Kelten kannten einen Gott der Beredsamkeit, Ogmios. Dieser wurde zwar als sehr alt dargestellt. Aber er verfügte dennoch über die Kraft, die Menschen über "Ketten" von seinem Mund bis zu ihren Ohren hinter sich her zu ziehen.**)

Die Macht des Gesanges - Orpheus

Nicht die Macht der Beredsamkeit, aber die Macht des Gesanges ist ja der Kerninhalt der Orpheus-Verehrung in der Antike. Auf einer der ältesten Darstellungen, die uns von Orpheus aus der Antike überliefert sind, sind alle Dargestellten als Hörende dargestellt (Abb. 3). Die Verehrung von Orpheus hat in der Antike eine ebenso große Rolle gespielt wie die Verehrung des Homer. Davon war in der Antike sogar eine ganze religionsgeschichtliche Bewegung getragen gewesen, auf die dann - deshalb - auch noch die Juden und Christen in aneignender oder polemischer Weise Bezug genommen haben (Stgen2022). Wenn Orpheus seine "Stimme erhob", lauschten nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere, die Pflanzen, selbst die Steine bekamen Ohren.

Man erinnere sich auch an die getragenen, inhaltsschweren Worte (antik-)griechischer Tragödien. Das Sagen und das Hören - sie hatten Gewicht, sie waren voller Inhalt.

Das Hören fand auch nicht nur von Mensch zu Mensch statt. Die Stimme der Götter wurde über das Hören vernehmlich. In der Ilias hören die Helden die Stimmen von Göttinen und Göttern. In der Bibel sprechen Gott, Engel und Teufel mit dem handelnden Personal. Sie raten ihnen zu, sie raten ihnen ab, sie drohen, sie verheißen, sie verdammen, sie belohnen. Etwas milder als in der Bibel findet das Gespräch zwischen Menschen und Göttern in der Edda statt. Auch in deutschen Heldensagen findet sich Vergleichbares: Held Siegfried "hört" die Stimmen der Vögel, nachdem er im Drachenblut gebadet hat. Dieser enge Austausch von Menschen und Göttern ist übrigens auch schon für Sargon von Akkad (2356 bis 2300 v. Ztr.) bezeugt (Wiki):

Die Sumerische Sargonlegende handelt davon, daß die Göttin Inanna beschlossen hat, daß Sargon König werden soll. So treten Vorzeichen dafür auf, daß der Mundschenk den regierenden Herrscher ablösen wird. Alle Gegenmaßnahmen, die Ur-Zababa ergreift, werden von der Göttin vereitelt. 

Eine Göttin greift hier ebenso selbstverständlich in die Handlungen der Menschen ein - und ebenso entscheidend - wie noch über tausend Jahre später in der "Ilias", bzw. wie zweittausend Jahre später in der Bibel.

Auch daß man sich im Zweifelsfall gegenüber verführerischen Gesängen, Reden und Ratschlägen schützen muß, die "Ohren verstopfen" muß, wußten schon die Menschen der Vorzeit und der Antike. Odysseus verstopfte sich die Ohren vor den Gesängen der Sirenen (GAj2021). Unter den germanischen Göttern war Loki derjenige, der "das meiste Übel rät".

Die großen Ohren des Keltenfürsten vom Glauberg - entdeckt 1994

Warum sollte es es angesichts dieser Bedeutung des Hörens für den vorgeschichtlichen Menschen eigentlich verwundern, daß ein solches Hören auch einmal in vergleichsweise frühen Phasen der Kunst zur Darstellung gekommen ist (Beispiele: Abb. 1, 2)?

Abb. 2: Die Sandsteinfigur des Fürsten vom Glauberg in Mittelhessen, 500 v. Ztr. (Wiki)

Die "großen Ohren" der 1994 entdeckten Steinfigur des Keltenfürsten vom Glauberg in Mittelhessen aus der Zeit um 500 v. Ztr. (Wiki): Könnte es - endlich - eine etwas befriedigendere Erklärung geben für die wunderlich "großen Ohren" dieser Steinfigur? Womöglich sogar eine sehr gute, sehr befriedigende, einleuchtende, nun, auch naheliegende Erklärung?

Dem Wikipedia-Artikel zur sogenannten "Keltischen Blattkrone" (Wiki), mit dem diese Steinfigur - wie andere solche Steinfiguren ähnlicher Zeit - geschmückt zu sein scheint, ist nämlich zu entnehmen, daß eine besonders plausible Erklärung für diese Kopfbedeckung zwar noch keineswegs gefunden worden ist. Das war uns ja auch bekannt. Neuerdings finden wir aber auf dem Wikipedia-Artikel auch den - für uns neuen - Hinweis auf das "Reinheimer Pferdchen", das sich auf dem Deckel der "Reinheimer Kanne" findet, enthalten in einem keltischen Fürstinnengrab bei Reinheim im Saarland aus der Zeit um 370 v. Ztr. (Wiki). Und dieses Pferdchen nun - - - weist ebenfalls "große Ohren" auf (Wiki) (Abb. 1).

Dieser Befund ist eindrucksvoll.

Als wenn dieses Pferdchen nicht geradezu als ein Sinnbild für das Hören in der Vorgeschichte gelten könnte. Unser Gedanke: Vielleicht sind "große Ohren" einfach ein Zeichen dafür, daß eine mächtige Gottheit, mit der der Fürst in Verbindung steht, "alles hört" und deshalb - wie das Dichterpferd Pegasus - "inspiriert" ist, möglicherweise vor allem vom Rauschen der Blätter der Bäume Heiliger Haine.

Denn: Es werden ja auch Blätter in Zusammenhang mit diesem Kopfschmuck angedeutet und der Baumkult der Kelten ist ja auch sonst gut bekannt (4). Erst vor vier Wochen beschäftigten wir uns hier auf dem Blog mit den keltoromanischen Jupiter-Giganten-Säulen, in denen die Erinnerung an die vormalige, gut bezeugte Verehrung Heiliger Bäume durch die Kelten nachklingt (4).  

Ein Zeichen für "der Seherin Gesicht" .... ?

Weiterer Gedanke: Womöglich sind die großen Ohren ein Zeichen für der "Seherin Gesicht" (Wiki), die ja auch einen - - - Eschenbaum (Wiki) kennt. Und wie wunderbar, jetzt schon auf Wikipedia sehr schnell den Text der Edda-Übersetzung von Simrock aus dem Jahr 1876 zugänglich zu haben. Wir HÖREN (!!!) ihrer "Schau" (zit. n. Wiki) .....

Allen Edeln   gebiet ich Andacht,  
Hohen und Niedern   von Heimdalls Geschlecht;
Ich will Walvaters   Wirken künden,
Die ältesten Sagen,   der ich mich entsinne.

(...)
Eine Esche weiß ich,   heißt Yggdrasil,
Den hohen Baum netzt   weißer Nebel; 
Daher kommt der Tau,   der in die Täler fällt.
Immergrün steht er   am Brunnen der Urd.
 
Daher kommen Frauen,   vielwissende, 
Drei aus dem See   dort unterm Wipfel.
Urd heißt die eine,   die andre Werdandi: 
Sie schnitten Stäbe;   Skuld hieß die dritte.
Sie legten Lose,   das Leben bestimmten sie
Den Geschlechtern der Menschen,   das Schicksal verkündend.
 
Allein saß sie außen,   da der Alte kam,
Der grübelnde Ase,   und ihr ins Auge sah.
Warum fragt ihr mich?   was erforscht ihr mich?
 
Alles weiß ich, Odin,   wo du dein Auge bargst:
In der vielbekannten   Quelle Mimirs.
Met trinkt Mimir   allmorgentlich
Aus Walvaters Pfand!   wißt ihr was das bedeutet?

Ihr gab Heervater   Halsband und Ringe
Für goldene Sprüche   und spähenden Sinn.
Denn weit und breit sah sie   über die Welten all.

An anderer Stelle in den Edda-Überlieferungen werden die Inhalte dieser Schau noch einmal in Prosa-Form erläutert (Wiki): 

... Da fragte Gangleri: Wo ist der Götter vornehmster und heiligster Aufenthalt? Har antwortete: Das ist bei der Esche Yggdrasils: da sollen die Götter täglich Gericht halten. Da fragte Gangleri: Was ist von diesem Ort zu berichten? Da antwortete Jafnhar: Diese Esche ist der größte und beste von allen Bäumen: seine Zweige breiten sich über die ganze Welt und reichen hinauf über den Himmel. Drei Wurzeln halten den Baum aufrecht, die sich weit ausdehnen: die eine zu den Asen, die andere zu den Hrimthursen, wo vormals Ginnungagap war; die dritte steht über Niflheim, und unter dieser Wurzel ist Hwergelmir und Nidhöggr nagt von unten auf an ihr. Bei der andern Wurzel hingegen, welche sich zu den Hrimthursen erstreckt, ist Mimirs Brunnen, worin Weisheit und Verstand verborgen sind. Der Eigner des Brunnens heißt Mimir, und ist voller Weisheit, weil er täglich von dem Brunnen aus dem Giallarhorn trinkt. Einst kam Allvater dahin und verlangte einen Trunk aus dem Brunnen, erhielt ihn aber nicht eher bis er sein Auge zum Pfand setzte. So heißt es in der Wöluspa:
Alles weiß ich, Odin,   wo dein Auge blieb: 
In der vielbekannten   Quelle Mimirs. 
Met trinkt Mimir   jeden Morgen 
Aus Walvaters Pfand:   wißt ihr was das bedeutet?  
Unter der dritten Wurzel der Esche, die zum Himmel geht, ist ein Brunnen, der sehr heilig ist, Urds Brunnen genannt: da haben die Götter ihre Gerichtsstätte. (...) Dies Wasser ist so heilig, daß alles, was in den Brunnen kommt, so weiß wird wie die Haut, die inwendig in der Eierschale liegt.

Wir sehen hier, daß im germanischen Mythos der Gott Odin ein Auge lassen mußte, um "sehend" zu werden, um Weisheit zu erlangen. Wenn hier dem Auge eine solch große Bedeutung zugemessen worden ist, um allwissend zu werden - warum sollte dann nicht - in verwandten indogermanischen, kulturellen Zusammenhängen - auch dem Ohr eine große Rolle zugemessen worden sein beim Erlangen von Weisheit? Nebenbei sei erwähnt, daß dieser Welteneschen-Mythos auch in der Philosophie des 20. Jahrhunderts Deutung gefunden hat (6).

Abb. 3: Ein Hörender - Das Reinheimer Pferdchen (Saarland) aus der Zeit um 370 v. Ztr. (Replikat) (Wiki)

Und sind dem Mythos in den weiteren Ausführungen nicht auch alle die Pferde - mit Namen - wichtig, auf denen die Götter zum Rat an der Weltenesche reiten? Nur Thor geht zu Fuß. Ach, und das "Reinheimer Pferdchen" ist ja auch ein Pferd (Abb. 1). Es lauscht mit dem Gesicht eines Menschen und den Ohren - womöglich - eines Gottes. Aber worauf? 

Wäre es nicht ein schöner Gedanke, mit den großen Ohren eines klugen Pferdes auf "der Seherin Gesicht" zu hören ....? In früheren Jahrtausenden fühlten sich die Menschen den Tieren womöglich noch mehr verbunden. Sie sprachen ihnen heilige Bedeutung zu, den Pferden, den Vögeln. Aber was erfahren wir noch, wenn mit "big ears prehistory" und ähnlichen Worten suchen? Ausgerechnet im 6. Jahrhundert v. Ztr. beginnen mehrere griechische Völkerkundler und Geographen, zuerst Sylax, von "Panoti", von "Ohrenmenschen" zu berichten (Wiki):

Skylax schreibt den Panoti schaufelgroße Ohren zu, laut Ktesias reichen deren Ohren um den Rücken und bis zum Ellenbogen. Nach Megastehenes schlafen diese Menschen auch auf ihren Ohren. Spätere klassische Autoren wiesen den Panoti als Heimat eine Insel im nördlichen Ozean zu oder ließen sie in Skytien leben. 

Auch Plinius der Ältere schreibt von ihnen (Wiki).

Und 1994 graben deutsche Archäologen - grob gesehen in jenem "Skythien" - einen solchen ersten "Ohrenmenschen" aus. Auf diese überraschende Übereinstimmung machte übrigens schon ein belgischer Arzt und Forschender 2005/2006 aufmerksam (5).

Ein Wikingerteppich aus dem Jahr 1270 n. Ztr.

Schauen wir uns noch ein wenig weiter um zu Darstellungen von inspirierten Menschen oder Göttern mit "großen Ohren", die - womöglich - in einen solchen Zusammenhang eingeordnet werden könnten. 1909 wurden fünf sehr alte Wandteppiche in einer schwedischen Kirche in Överhogdal gefunden (Wiki). Die Ortschaft liegt 430 Kilometer nördlich von Stockholm. Die Wandteppiche waren um das Jahr 1000 n. Ztr. herum entstanden, also in der Zeit der Christianisierung. Drei von ihnen scheinen in ihrer Mitte die Weltenesche darzustellen. Außerdem finden sich auf zwei dieser Wandteppiche Wikingerschiffe dargestellt und auf drei Wandteppichen unterschiedliche Gebäude: Kirchen, Versammlungsgebäude. Hirsche und Rentiere bilden die weiteren Inhalte der Darstellung (so wie auf berühmten skythischen Teppichen), vielleicht auch Fabelwesen (der achtbeinige Sleipnir?), sowie auch mehrere Reiter. Einer der Teppiche weist aber auch nur Muster auf.

1912 wurde dann aber in einer Kirche in Skog in Schweden, 230 Kilometer nördlich von Stockholm, ein Wandteppich aus der Zeit um 1270 n. Ztr. (Wiki) entdeckt, also aus dem Hochmittelalter und aus jener Zeit, in der christliche Gelehrte in Skandinavien die alten heidnischen Überlieferungen aufschrieben. Dieser Teppich ist vielleicht noch interessanter (Abb. 4).

Abb. 4: Möglicherweise Odin, Thor und Freya - Auf einem Wandteppich in Skog in Schweden, um 1270 n. Ztr.

In der Mitte dieses Wandteppichs scheinen zwei prächtigere Holzgebäude abgebildet zu sein, von denen das rechte einen Glockenturm darstellen dürfte (bekrönt von einem christlichen Kreuz, drei Figuren ziehen an den Glockenseilen). Im linken Gebäude stehen fünf Hauptfiguren, von denen zwei ebenfalls eine kleine Glocke mit einem Glockenseil läuten. Bei den Gebäuden könnte es sich um mittelalterliche skandinavische Stabkirchen handeln, um die sich die Gemeinden versammelt haben. Am Dach der Kirchen befinden sich Drachenköpfe. Die Gebäude scheinen umgeben zu sein von Hühnern. 

Links und rechts von diesem Mittelfeld scheinen größere Fabelwesen abgebildet zu sein, Löwen, Drachen oder Greifen, und zwar auf jeder Seite mindestens sieben, zwischen ihnen jeweils aber noch kleinere Fabelwesen mit denselben Umrissen. Zwischen den Fabelwesen stehen auch weitere menschliche Gestalten. Mit ihnen könnte man versucht haben, "Feinde" der Kirche darzustellen, die den Bestand der Kirche gefährden, vielleicht alte heidnische Kräfte (die ja damals im östlichen Bereich der Ostsee noch recht lebendig waren, übrigens).

Ganz links von den Fabelwesen stehen dann drei mythisch aussehende Gestalten, eine mit einem Beil, eine mit einer Streitaxt und eine dritte vielleicht  mit einer Spindel (?) (Abb. 1). Die Figur mit dem Beil hat nur ein Auge ... Zu ihren Füßen sind zwei Hunde abgebildet, im "Hintergrund" weitere kleinere Menschen und Tiere. Es gibt die Deutung, daß es sich um drei skandinavische Könige handeln könnte. Es gibt aber auch die Deutung, daß es sich um drei heidnische Götter - etwa: Odin, Thor und Freya (oder Freyr) - handeln könnte.

Was besonders auffällig erscheint: Bei allen dreien ist der Bereich der Ohren besonders hervorgehoben - durch irgend eine Art von Kopfschmuck, der nicht besonders leicht zu deuten und zu identifizieren ist. Etwa Hirschgeweihe wie sie - archäologisch vielfach bezeugt - von den mesolithischen Schamanen Nordeuropas und Osteuropas getragen worden sind?

Die Heilige Cäcilia

Wer sich über die Bedeutung des Hörens für die religiöse Haltung im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit interessiert, ist vermutlich immer gut beraten, sich bildenerische Darstellungen der Heiligen Cäcilia (Wiki) aus dieser Zeit durchzusehen.

Sie gilt in christlicher Zeit als die Schutzpatronin der Musik. Wir finden zahllose Gemälde der Kunstgeschichte, in der sie als ein andächtiger, auf die Musik hörender Mensch dargestellt ist. Der religiöse Mensch ist hier vor allem ein hörender Mensch. Das Hören wird als der "innigste" aller Sinne empfunden, die Musik geht von allen Künsten am direktesten zum Herzen. Religiöse Erhebung heißt "stille werden", nach innen hören, heißt aufnahmebereit werden, heißt, "große Ohren" bekommen.

Aber noch ein weiteres kann uns die Kunstgeschichte lehren: Der am innigsten mit Gott verbundene Mensch ist auch kein Hörender mehr. Diesen Umstand mag man sich - etwa - an Menschendarstellungen des Bildhauers und Bildschnitzers Tilman Riemenschneider vor Augen führen: Die Sinne sind hier nicht mehr der "Weg zu Gott". Der Mensch ist Gott, "bei" Gott.

Die Hongshan-Kultur (4.700-2.900 v. Ztr.) in der Mandschurei 

Es sei noch dargestellt, auf welch wunderlichen Wegen wir zu den Gedanken dieses Blogartikels überhaupt gekommen sind.  Wir haben uns mit der weltgeschichtlich womöglich nicht ganz unbedeutenden Hongshan-Kultur (4.700-2.900 v. Ztr.) (Wiki) des Mittelneolithikums in der Mandschurei beschäftigt (Stgen15.11.2021). Hier wird neuerdings der ethnische, genetische und sprachliche Ursprung nicht nur der Koreaner, Japaner, Mongolen und Tungusen vermutet, sondern auch derjenige der Turkvölker. (Übrigens wären das ja auch jene Völker, die ja nicht selten für die Ausbreitung des Odins-Glaubens bis hin zu den germanischen Stämmen im Westen verantwortlich gemacht werden, gemeinsam mit den Sarmaten und Alanen.)

Abb. 5: Tempel- und Grabanlage der Hongshan-Kultur bei Niuheliang (links), sowie zentrales Grab mit  geschnitztem Jadeschmuck von einer anderen Tempel- und Grabanlage (rechts) (Archäologisches Institut von Lianoning, Shenjang 2004) (aus: 2)

Dabei stoßen wir - eher nebenbei - auf eine Studie aus dem Jahr 2006, die auf die eindrucksvolle Tempel-, bzw. Grab-Anlage der Hongshan-Kultur bei Niuheliang (4700-2900 v. Ztr.) (Wiki) aufmerksam macht (2). Ein dort an zentraler Stelle begrabener König hat einen eindrucksvollen Jade-Kopfschmuck getragen (2) (s. Abb. 5).

Bei dem Anblick dieses Königs drängt es sich fast auf, diesen Kopfschmuck in Parallele zu setzen zu dem Kopfschmuck des Urvolkes der Indogermanen wie er sich in indogermanischen Kriegergräbern - wie in Warna in Rumänien oder Giurgiulești in Moldavien - um 4.500 v. Ztr. zeigt (3). Und bei solchen Parallelen möchte man dann gerne einmal einen Beitrag schreiben über solchen eindrucksvollen Kopfschmuck als Kennzeichen einer bestimmten, ursprünglicheren Phase der Kulturentwicklung der Menschheit, der Entwicklung gesellschaftlicher Komplexität in verschiedenen Teilen der Erde.

Und während wir nun noch darüber nachgesonnen haben, erinnerten wir uns an die "großen Ohren" der 1994 entdeckten Steinfigur des Keltenfürsten vom Glauberg in Mittelhessen aus der Zeit um 500 v. Ztr. (Wiki). War das ein Ohrenschmuck?

Zu dem Thema "Kopfschmuck in der Völkerkunde und Vorgeschichte" ganz allgemein wollen wir also bei Gelegenheit hier auf dem Blog auch noch Beiträge schreiben.

Das Hören bei den bronzezeitlichen Hurritern

Ergänzung 10.9.23: Im Königspalast von Urkesch (3.200 bis 1.500 v. Ztr.) (Wiki), einer Stadt in Nordsyrien, die vermutlich von den Hurritern gegründet worden ist, fand sich das folgende Siegel einer dortigen Königin (Abb. 6).

Abb. 6: Siegel aus der Stadt Urukesch, Nordsyrien, grob um 2000 v. Ztr. (?) (Urkesh

Wir lesen dazu  (Urkesh:

Ein Siegel der Königin Uqnitum gibt uns einen Einblick in eine musikalische Darbietung, wie sie im königlichen Palast von Urkesh stattgefunden haben wird. 

Der Akt des Hörens ist auch hier mit Betonung dargestellt. Er scheint für den bronzezeitlichen Menschen also noch etwas sehr Besonderes gewesen zu sein, und zwar womöglich in sehr vielen, sehr unterschiedlichen Kulturen.

__________________

*) Traumatherapeuten weisen also immer häufiger auf den Umstand hin, daß in und mit der Odyssee des Homer Traumaverarbeitung, ja, geradezu Traumatherapie stattfindet (Wiki):

Shay argumentiert, daß PTBS keine Krankheit ist, sondern das Fortbestehen adaptiver Verhaltensweisen, die zum Überleben in einer stressigen Umgebung erforderlich sind. Beispielsweise ist eine emotionale Betäubung in einer Katastrophensituation nützlich und in einer familiären Umgebung ungeeignet, und Vertrauensverlust verbessert das Überleben in einem Gefängnis, nicht jedoch in einer Gemeinschaftsumgebung. Wie Derek Summerfield plädiert auch er gegen eine Etikettierung und bevormundende Behandlung. Shay empfiehlt, daß wir Trauma-Überlebende resozialisieren, um sozial akzeptable Verhaltensmuster zu fördern. Als mögliche Präzedenzfälle nennt er das klassische griechische Theater und die in der Ilias beschriebene kollektive Trauer. In "Odysseus in America" schreibt er über „den Kreis der Kommunalisierung von Traumata“: „Wenn Trauma-Überlebende hören, daß genug von der Wahrheit ihrer Erfahrung verstanden, erinnert und mit genügend Treue nacherzählt wird, um etwas von dieser Wahrheit mitzutragen ... dann wird der Kreis der Vergemeinschaftung geschlossen."
Shay argues that PTSD is not an illness but the persistence of adaptive behaviors needed to survive in a stressful environment. For example, emotional numbing is useful in a disaster situation and maladaptive in a family setting, and loss of trust enhances survival in a prison but not in a community setting. Like Derek Summerfield, he also argues against labeling and patronizing treatment. Shay recommends that we resocialize trauma survivors as a means of promoting socially acceptable behavior patterns.[16] He cites classical Greek theater[12] and the collective mourning described in the Iliad as possible precedents. In Odysseus in America he writes of "the circle of communalization of trauma": "When trauma survivors hear that enough of the truth of their experience has been understood, remembered and retold with enough fidelity to carry some of this truth ... then the circle of communalization is complete." 

**) [12.5.23, Ergänzung] Über den griechischen Satyriker Lukian von Samosata (120 bis 200 n. Ztr.) (Wiki) ist eine wertvolle Schilderung und Deutung des keltischen Gottes Ogmios überliefert, an der er sich selbst in höherem Alter in seiner Erzählung "Herkules" folgendermaßen aufrichtet (WikiSource): 

Die Gallier nennen den Herkules in ihrer Sprache Ogmius, und geben auf ihren Gemälden diesem Gotte ein höchst abenteuerliches Aussehen. Er erscheint hier als ein hochbetagter Greis mit einer tiefen Glatze und eisgrauen Haaren, so viel er deren noch übrig hat, und einem von Runzeln durchfurchten, und von der Sonne schwarz gebrannten Angesicht, gerade wie sonst alte Seeleute auszusehen pflegen; so daß man einen Charon, Iapetus, oder irgend einen andern Bewohner des Tartarus, kurz alles Andere eher, als einen Herkules in ihm vermuten sollte. Allein ungeachtet dieses Aussehens trägt er doch die ganze Ausrüstung eines Herkules. Er hat die Löwenhaut um, die Keule in der Rechten, den Köcher auf der Schulter, und hält in der Linken den gespannten Bogen – ist also in so weit ganz der echte Herkules.
Ich glaubte anfänglich, die Gallier hätten durch diese seltsame Gestalt die griechischen Götter lächerlich machen, und besonders durch ein solches Gemälde sich an Herkules rächen wollen, weil dieser einst, als er die Abendlande durchzog, um die Herden des Geryones zu suchen, auch ihr Land mit Plünderung heimgesucht hatte.
Doch das Sonderbarste an diesem Bilde kommt noch. Jener hochbetagte Herkules führt nämlich eine ungemein große Menge Menschen hinter sich her, die er sämtlich an den Ohren gebunden hält. Die Bande selbst aber sind ungemein fein gearbeitete Ketten aus Gold und Bernstein, und gleichen dem schönsten Halsgeschmeide. So schwach diese Fesseln sind, denkt doch keiner an Flucht, die doch so leicht wäre. Nicht einmal einiges Widerstreben, dem Zuge zu folgen, zeigen sie; sondern alle laufen munter und lustig hinterher, jauchzen ihrem Führer Beifall zu, und drängen sich sogar vorwärts, so daß die Ketten ganz schlaff an ihnen herabhängen, und es unverkennbar ist, wie leid es ihnen wäre, wenn er sie los ließe. Das Allerseltsamste aber ist, daß der Maler, der ihm die Enden der Ketten nicht in die Hände geben konnte, indem er schon in der einen die Keule, in der andern den Bogen hält, die Zungenspitze des Gottes durchlöchert und sie dort befestigt hat. So zieht nun dieser den ganzen Haufen mit sich, indem er den Kopf nach ihnen zurückdreht und ihnen freundlich zulächelt.
Voller Verwunderung stand ich einst lange vor diesem Gemälde, und fing an ungeduldig zu werden, weil ich es mir nicht zu deuten wußte. Da trat ein in einheimischer Weisheit vermutlich wohl unterrichteter Gallier zu mir, der, wie sich zeigte, auch in unserer Literatur nicht unbewandert war, und das Griechische sehr rein und geläufig sprach. "Ich will," hob er an, "dir das Räthsel dieses Bildes lösen, Fremdling, weil du ja doch, wie ich sehe, damit nicht zurecht kommen kannst. Wisse denn, daß bei uns Galliern nicht Merkur für den Gott der Beredtsamkeit gilt, wie bei euch Griechen, sondern Herkules, weil dieser ja weit stärker ist als jener. Daß er aber als Greis abgebildet ist, darf dich nicht befremden. Denn die Kraft zu reden ist es ja allein, die sich im höheren Alter in ihrer vollen Reife zeigt; wie denn auch eure Dichter sehr richtig sagen: 
"Stets ja flattert das Herz den Jünglingen - -" (Ilias III, 108.) 
Dagegen wird das Alter stets 
"Weit mehr, denn junge Leute, klugen Rat erseh’n".
Fließt ja doch honigsüß die Rede aus dem Mund eures Nestor, und die liebliche Rede der Trojischen Ältesten wird verglichen mit der Lilienblüte: Lilie aber heißt bei euch, wenn ich mich recht erinnere, eine Blumengattung.
Daß also dieser alte Herkules, d. h. die [personifizirte] Beredtsamkeit, die Menschen mittelst ihrer Ohren an seine Zunge gebunden hat und so nach sich zieht, ist, bei der nahen Verwandtschaft der Zunge und der Ohren, nicht zu verwundern. Es liegt durchaus kein Spott gegen ihn darin, daß jene durchlöchert dargestellt ist. Ich erinnere mich, die Verse eines eurer Komiker gelesen zu haben:
"– – – – denn die Zungenspitze ist
Den redesel’gen Leuten allen durchgebohrt."
Überhaupt sind, wir des Glauben, Herkules habe, als ein Mann von großer Weisheit, das meiste, was er getan, nicht sowohl durch Stärke, als durch des Wortes und der Überredung Gewalt ausgeführt. Seine Geschosse sind, dünkt mich, eindringliche, wohlgezielte, schnell treffende Worte, welche tief in den Gemütern der Hörenden haften; wie ihr denn selbst auch von geflügelten Worten sprechet.“ So weit mein Gallier.
Wie mir also neulich mein Entschluß, hier vor euch aufzutreten, das Bedenken erregte, ob es auch geraten sei, in meinen Jahren, und nachdem ich schon seit so langer Zeit meine öffentlichen Vorlesungen eingestellt hatte, mich abermals dem Urteile so vieler Richter auszusetzen, so kam mir recht zur guten Stunde die Erinnerung an jenes Gemälde in den Sinn. Denn ich war in der Tat sehr ängstlich gewesen, man möchte mein Vorhaben für ein jugendliches Wagestück ansehen, das meinem Alter sehr schlecht anstände; und irgend ein Homerischer Jüngling könnte mich mit den Worten schelten:
"Deine Kraft ist gelöst, und mühsames Alter beschwert dich;
Auch ist schwach dein Wagengefährt’ und müde die Rosse" (Ilias VIII, 103.),
einen spottenden Blick dabei auf meine Beine werfend. Aber jetzt brauche ich mich nur an jenen greisenhaften Herkules zu erinnern, um Mut zu Allem zu fühlen, und, als ein Altersgenosse jenes gemalten Gottes, vor einem solchen Wagestück mich nicht mehr zu erblöden.
So fahret denn wohl, Stärke, Schnelligkeit, Schönheit und alle ihr Vorzüge des Körpers: und auch dein Amor, Tejischer Sänger, schwinge immer sein Goldfieder bei’m Anblick meiner erbleichenden Haare, und flattre schneller als ein Adler davon: "was kümmert das den Hippoklides?" Für mich ist’s jetzt an der Zeit, in meinen Vorträgen mich wieder zu verjüngen, und hier eine Kraft zu zeigen, die jetzt erst in ihrer Blüte steht, indem ich so viele Ohren, als ich nur immer kann, an mich fessle, und reichliche Geschosse der Worte entsende, an welchen mein voller Köcher mich keinen Mangel befürchten läßt. - Du siehst, wie ich mich über mein hohes Alter zu trösten weiß. Aber diese Vorstellung gab mir Mut, mein längst angelegt gewesenes Schiffchen wieder flott zu machen, und nach bestem Vermögen ausgerüstet der hohen See abermals anzuvertrauen. Sendet guten Wind zur Fahrt, ihr Götter! Denn mehr als je bedarf ich des günstigen Hauches, der meine Segel schwelle; damit man auch mir einst, wenn ich’s je verdiene, jene Homerischen Worte zurufe:
"Welche stattliche Lende der Greis aus den Lumpen hervor streckt!"

Das sind schöne Worte und immer noch ganz im antik-griechischen Geist des 2. Jahrhunderts n. Ztr. geschrieben, obwohl dieser damals schon in der Ausbreitung von orientalischen Mysterienkulten zugrunde zu gehen begann (s. Wiki). So findet man es auch auf den Wikipedia-Einträgen zu Ogmios erwähnt (Wiki, engl). [Ende Ergänzung] 

__________________

  1. Klein, Gopal Norbert: Zuhören ist Heilig. Traumaheilung, 2018 (Yt)
  2. Patterned variation in prehistoric chiefdoms. Robert D. Drennan, Christian E. Peterson Proceedings of the National Academy of Sciences Mar 2006, 103 (11) 3960-3967; DOI: 10.1073/pnas.0510862103, https://www.pnas.org/content/103/11/3960.
  3. Bading, Ingo: Die Indogermanen des 5. Jahrtausends v. Ztr., 5/2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/05/die-indogermanen-des-5-jahrtausends-v.html
  4. Bading, Ingo:  Die Jupiter-Giganten-Säulen Ein eindrucksvolles Zeugnis der Religionspsychologie und Religionsgeschichte, 18/10/2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/10/die-jupiter-giganten-saulen.html
  5. Tainmont, T.: The Panoti and some other fantastic forms of macrotia. Presented at the meeting of the Royal Belgian Society of Ear, Nose, Throat, Head and Neck Surgery on 17 November 2005. In: B ENT, 2006 (pdf)
  6. Bading, Ingo: "Aus weiter Ferne komm ich her ...", Mai 2016, https://studiengruppe.blogspot.com/2016/05/aus-weiter-ferne-komm-ich-her.html
  7. Greßmann, Hugo (Hrsg.): Altorientalische Texte zum Alten Testament. 1909 (Archive); De Gruyter, Berlin 1926 (GB)
  8. An evolutionary theory of moral injury with insight from Turkana warriors. Matthew R. Zefferman, Sarah Mathew. In: Evolution and Human Behavior, Available online 16 July 2020 (Sciencedirect), https://doi.org/10.1016/j.evolhumbehav.2020.07.003, 
  9. William H. Race: Phaeacian Therapy in Homer’s Odyssey. In: Meineck, P., Konstan, D. (eds) Combat Trauma and the Ancient Greeks. The New Antiquity. Palgrave Macmillan, New York 2014, https://link.springer.com/book/10.1057/9781137398864, Pages 47-66
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