Samstag, 7. November 2026

Ein romanokeltischer Fischer an der Nordsee - Um 410 n. Ztr.

Einiges Neue über die Germanen

Um 400 n. Ztr. gelangte ein romanisierter Kelte - oder auch: ein Römer keltischer Abstammung - nämlich Individuum "G265" - vielleicht von der Donau, vielleicht um seiner besonderen Kenntnisse auf dem Gebiet des Fischfangs, vielleicht als Sklave, vielleicht auch in einer Gruppe anderer beruflicher Spezialisten seines Dorfes - bis in eine angelsächsische Wurtensiedlung an der Nordseeküste zwischen Elbe und Weser.

Diese Wurt wird heute "Fallward" genannt (1). Und an dieser archäologischen Forschungsstätte werden ähnlich aufsehenerregende Funde zu den Germanen der ersten Jahrhunderte nach der Zeitrechnung gemacht wie an der berühmten Wurtensiedlung Feddernsen-Wierde (2).

Abb. 1: Germanische Kunst um 400 n. Ztr. - Unterseite eines Fußschemels, der zu Füßen des romano-keltischen Fischers bestattet wurde - Ein Hirsch, der von einem Wolf gerissen wird 

In Fallward gelangte dieser Keltoromane - offensichtlich aufgrund seiner Kenntnisse - zu Wohlstand und gesellschaftlichem Ansehen. Er wurde ehrenvoll in einem vier Meter langen Eichenboot mit zahlreichen Grabbeigaben bestattet. Hatten die Germanen an der Nordsee-Küste sich von ihm in neuen Fischfang-Methoden schulen lassen? Er war außerdem von einem Lepra-Erreger infiziert. Davon haben aber womöglich weder er selbst noch seine Mitmenschen etwas geahnt (1): 

G265 zeichnete sich durch die Besonderheit seiner Grabbeigaben aus. Der Mann wurde in einem über vier Meter langen Eichenboot (Quercus) bestattet, das sorgfältig mit einer dachartigen Konstruktion verschlossen war. Das Boot läßt vermuten, daß er zu Lebzeiten eine enge Verbindung zu den nahegelegenen Flüssen oder der maritimen Umgebung hatte. Diese Annahme wird durch die Schilfmatte, auf der der Leichnam lag, die im Boot gefundenen Fischgräten und eine kleine, wasservogelförmige Schachtel gestützt. Osteologische Analysen zeigen zudem, daß der Mann besonders gut entwickelte Oberarmmuskeln besaß. Zusammengenommen deuten diese Hinweise auf eine häufige Tätigkeit als Bootsmann oder Fischer hin. Außerhalb des Bootes befand sich ein Blockstuhl aus Erlenholz (Alnus), verziert mit Kerben und vermutlich bemalt. Der Stuhl, oft als „Thron“ interpretiert, gilt als klares Symbol für Autorität oder Macht. Zu Füßen des Verstorbenen befand sich ein Ahornhocker (Acer) mit einer Jagdszene und einer Runeninschrift. Das Grab enthielt außerdem unter anderem einen Spieltisch, ein Bronzebecken und ein Keramikgefäß. Die Objekte weisen deutliche Gebrauchs- und Reparaturspuren auf, was darauf hindeutet, daß keines von ihnen eigens für die Bestattung angefertigt wurde. Vielmehr gehörten sie wahrscheinlich dem Mann selbst oder stammten aus seinem unmittelbaren persönlichen oder familiären Umfeld und geben wertvolle Einblicke in sein Leben und seinen Tagesablauf.
Die Anzahl und Qualität der Objekte spiegeln den privilegierten Status und den materiellen Wohlstand des Verstorbenen innerhalb der lokalen Gemeinschaft wider. Obwohl die archäobotanische Analyse nahelegt, daß ausschließlich Holz aus der Region verwendet wurde, zeugt die vielfältige und kunstvolle Verzierung der Objekte deutlich vom Einfluß spätantiker Kunst und Handwerkskunst. Diese Verbindung zum Römischen Reich wird durch den Fund eines römischen Militärgürtels im Grab weiter unterstrichen, was die Annahme bestärkt, daß der Verstorbene oder seine Vorfahren aus einer Region unter römischem Einfluß stammten. Hypothetisch könnte er ein Foederatus gewesen sein – ein Söldner, der in der römischen Armee diente und später im Nordwesten des Kontinents eine neue Heimat suchte. Der Gürtel selbst impliziert jedoch nicht zwangsläufig einen römischen Militärdienst, da solche Objekte auch durch Handel, Erbschaft oder Kriegsbeute erworben worden sein könnten.

Die Geschichte dieses Keltoromanen an der Nordseeküste um 400 n. Ztr. ist ganz von der Art, daß sie hervorragend hinein passen würde in das neue Buch des Archäologen Karl Banghard aus dem letzten Jahr über die Germanen (2).

Wild wie die Germanen - Das Buch von Karl Banghard über sie

- Vieles begeistert, manches läßt einen sprachlos zurück

In diesem Germanen-Buch kann man viele Dinge über unsere Vorfahren lernen, die auch ein belesenerer Mensch nicht unbedingt gleich so genau vorher schon gewußt haben muß. Zum Beispiel (2, S. 188):

Unser Bild von versteckten germanischen Kultorten kommt von den römischen Erzählungen. Etwa aus der Erzählung von Veledas Turm, in dem sie zurück gezogen in Klausur lebte. Kontakt mit ihrer Umwelt hielt sie nur über Verwandte, die Anfragen aufnahmen und Antworten zurück gaben. Die hochgewachsene Seherin hatte den Sieg in einem germanischen Aufstand im März 70 nach Christus voraus gesagt. (...) In den Friedensverhandlungen hatte Veleda die Funktion einer Chefdiplomatin. Tacitus hat Veleda anscheinend später in Rom persönlich gesehen. Sie muß reichsweit bekannt gewesen sein: Eine in Ardea bei Rom entdeckte griechische Inschrift aus dem zweiten Jahrhundert spricht von ihr als "lange Jungfrau", die von den "Rheinwassertrinkern" verehrt wird. In dieser Zeit lebten mehrere germanische Seherinnen im Imperium: eine Semnonin am Hof Kaiser Domitian und eine Chattin am Hof Kaisers Vitellius. Selbst im ägyptischen Elephantine erwähnt eine Inschrift des zweiten Jahrhunderts eine semnonische Seherin namens Walburg.

Das sind in nur wenigen Sätzen eine ganze Fülle von Neuerkenntnissen für den Verfasser dieser Zeilen.

Als neue Erkenntnisse aus einem Interview mit Karl Banghard (3) hatte der Verfasser dieser Zeilen schon am 28. Februar 2026 stichwortartig für sich festgehalten: Der einheitliche Bau der Langhäuser über den ganzen nordeuropäischen Raum hinweg, die hohe Bevölkerungsdichte (viele Häuser aufgereiht entlang der Bäche), die wenig arbeitsintensive Wirtschaftsweise, das Nichtvorhandensein von Obst- und Gemüsegärten.

Karl Banghard war Mitarbeiter beim Pfahlbaumuseum Unteruhldingen bei Gunter Schöbel, also bei jenem Museum, das einstmals von Hans Reinerth gegründet und bis an sein Lebensende geleitet worden war. Er ist seit 2002 Leiter des Freilichtmuseums Oerlinghausen, eines weiteren archäologischen Museums, das einstmals von der Kossinna-Schule innerhalb der deutschen Archäologie begründet worden war. Karl Banghard bewegt sich damit also beruflich und der Sache nach in den Spuren dieser Kossinna-Schule, aus der beide Museen hervor gegangen sind.

Abb. 2: Ein gotisches Langhaus, rekonstruiert aufgebaut entsprechend archäologischer Erkenntnisse im gotischen Dorf in Masłomęcz (Wiki), zehn Kilometer westlich des Flusses Bug (GMaps), 133 Kilometer nördlich von Lemberg

Nun gut, wir besorgten uns sein Buch und hielten am 10.6.2026 nach der Lektüre der ersten Kapitel desselben fest: Es ergibt sich von selbst aus seiner Funktion als Leiter eines einstmaligen archäologischen Museums der Kossinna-Schule, daß er ständig mit der Abgrenzung zum "völkischen Germanenbild" beschäftigt sein muß. Davon ist auch dieses Buch durchgängig geprägt. Das Buch ist dennoch viel, viel besser, als man es von dem Interview her erwartet hatte.

Der Mann schreibt noch viel besser als er in dem Interview redet. Man hat schon lange kein Buch mehr gelesen, das einen auf jeder Seite so packt. Und in dem man auch zugleich auf fast jeder Seite Neues lernt über ein Thema, von dem man nie erwartet hätte, daß man in einem Buch noch so viel Neues lernen könnte. Mithin möchte man eine voll überzeugte Kaufempfehlung aussprechen.

"Helvetier-Einöde"

Jenes Kapitel, das am meisten begeistert, bleibt weiterhin das erste Kapitel über die Helvetier- und Boier-Einöde in Süddeutschland um die Zeitenwende herum. Erläuternd schreibt er dazu im Kapitel "Dank" (2, S. 252):

Prof. Sabine Rieckhoff (Universität Leipzig) danke ich nicht nur für Hintergrundinformationen zu ihrem großen Forschungsprojekt zur Helvetiereinöde, sondern auch für ihre unerschütterliche Bereitschaft, sich wenn nötig gegen den akademischen Mainstream zu stellen. Dadurch wurde sie zum Vorbild für eine ganze Generation unseres Faches.

Solche Worte liest man selten. Und man liest sie auch sonst so deutlich von Seiten von Karl Banghard nicht. Sie machen mehr als neugierig, auch auf Sabine Rieckhoff (geb. 1944) (Wiki).

Banghard stellt also gleich im ersten Kapitel seines Germanen-Buches die Thesen der Archäologin Sabine Rieckhoff heraus, wonach die keltischen Stämme am Beginn des 1. Jahrhunderts v. Ztr. - aus noch unbekannten Gründen - Süddeutschland gänzlich verlassen hätten und dort siedlungsleere Räume zurück gelassen hätten ("Einöden") (4).

Diese Ausführungen muten als so "klare" und "eindeutige" Antworten auf die wirklich verzwickten Fragen zur Ethnogenese der Süddeutschen an, daß auch für uns im ersten Augenblick während der Lektüre ganz in den Hintergrund tritt die folgende Überlegung: Wenn denn die Kelten aus Süddeutschland alle abgewandert waren, warum tragen dann die heutigen Süddeutschen 55 % keltische Herkunft in sich (Stg2024)? Paßt das zusammen? Birkenpollen mögen die Geschichte eines siedlungsleeren (oder siedlungsarmen) Süddeutschland erzählen. Die menschlichen Genome erzählen doch offenbar eine ganz andere Geschichte.   

Kalkriese

Nun, ab der Lektüre des Kalkriese-Kapitels mischt sich auch immer wieder Skepsis mit hinein in die Lektüre dieses Buches. In dem Kalkriese-Kapitel kann ein kundiger Leser wenig lernen, was er nicht schon vorher gewußt hätte. Es entsteht der Eindruck, daß es nur aus "heißer Luft" und "Rhetorik" besteht.

Das völkische Germanenbild war falsch - Aber Banghard wußte noch gar nicht, warum

Und nun noch zu den letzten Seiten dieses Buches: "Das völkische Germanenbild" hat sich im 19. Jahrhundert schlicht aus der Lektüre des Tacitus und anderer römischer Autoren ergeben, aus der Lektüre der Edda und der Islandsagas. Es hat sich auch ergeben daraus, daß das vorherrschende Christentum nicht mehr überzeugen wollte und als ganz und gar ungermanisch empfunden wurde, und daß man deshalb zwangsläufig nach "Alternativen" suchte. Diese Alternativen waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das antiken Griechenland und ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das heidnische Germanien.

Warum sollte darin eigentlich ein Problem bestehen?

Banghard findet es nun bedauerlich, daß es bis heute in den Köpfen keine "Gegenbilder" zu dem Germanenbild des 19. Jahrhunderts und zu dem Germanenbild gibt, wie es sich bis 1945 entwickelt hat. - - - Das ist ja auch nur schlecht möglich. Die Schriftquellen werden immer wieder gegen ein wie auch immer formuliertes "anderes" "Germanenbild" sprechen. Die Archäologie kann das Bild, das sich durch die Schriftquellen ergibt, im Grunde nur ergänzen. Soweit das übersehbar ist, wird das Germanenbild der Schriftquellen fast nie durch die Archäologie falsifiziert. Genau diesen Umstand macht auch das Buch von Banghard einmal erneut - ungewollt - deutlich.

Banghard konnte noch nicht wissen, daß ausgerechnet zum Zeitpunkt des Erscheinens seines Buches eine wesentliche Säule des bisherigen Germanenbildes zusammen gebrochen ist, nämlich der Gedanke, daß die Germanen über Jahrtausende hinweg imperialistisch gewesen wären, daß über die Jahrtausende hinweg immer wieder erneut "Welle auf Welle" neue germanische Völkerwanderungen nach Süden aufgebrochen seien. Wir wissen aber seit 2025, daß das nicht der Fall war, sondern daß sie einfach nur in ihrer Heimat gelebt haben, siehe unseren Blogartikel "Bollwerk Germanien" (Stg25). Das, was das bisherige Germanenbild den Germanen zugeschrieben hatte, das stimmt für die Chwalynsk-Kultur an der Wolga, das stimmt für die Jamnaja-Kultur in der Ukraine, das stimmt für die Ost-Ausbreitung der Schnurkeramik-Kultur (bis Indien und China), es stimmt für die Skythen und es stimmt dann vor allem auch für die Italo-Keltische Völkergruppe ab 2.300 v. Ztr. - aber es stimmt nicht für die Germanen Skandinaviens. Und zwar über eindrucksvolle dreitausend Jahre hinweg! Gustaf Kossinna, geh nach Hause mit deinen Annahmen. Du bist auf mehreren Ebenen widerlegt. Und auch Karl Banghard braucht keine Angst mehr haben, daß Du noch einmal aus deinem Grabe wieder auferstehst.

Schlußresümee: Vom Sachgehalt her ist das Banghard-Buch eine sehr anregende Lektüre. Aber ansonsten braucht man die "Seelenqualen" des Autors und seine gewollten und mühsamen Versuche, "das Germanenbild" gegen den Strich zu bürsten, nicht wirklich wichtig zu nehmen. Was soll der Bohai?

Aber, klar: Der "Zeitgeist" - oder der "Zeitungsgeist" - sagen Banghard, daß "Volk" nicht wichtig wäre ... Religion schon einmal gar nicht. . . . Und wenn das so in allen Zeitungen steht, dann wird das ja wohl keine Sowjetpropaganda sein, nicht wahr? Denn Kapitalisten werden ja wohl keine Sowjetpropaganda finanzieren. Beileibe nicht! Sie sind ja nur an Wahrheit interessiert.

Die gemischten Gefühle nehmen zu ...

Wir hatten das letzte Kapitel vorweg genommen. Aber es blieben noch andere Kapitel übrig. Nunja, (neue) Sachinformationen enthalten (fast) alle Kapitel und diese nimmt man gerne zur Kenntnis, sehr, sehr gerne. Und auch bei einer gesunden Skepsis gegenüber einem überkommenem (völkischen) Germanenbild geht man ja gerne noch mit. Das macht das Buch streckenweise sogar frisch und sorgt dafür, daß man die Sachinformationen nicht allzu einfach gestrickt wieder in überkommene Schubladen einsortiert.

Aber in der Dichte und "Gewolltheit", in der diese ständige Skepsis gegenüber dem überkommenen Germanenbild über das ganze Buch verteilt ist, ist einem das auf die Dauer einfach viel zu viel, viel zu laut und viel zu aufdringlich.

Germanische Geschlechtergerechtigkeit

Das bislang krasseste Beispiel dafür findet sich - wie man finden kann - auf Seite 144. Da führt Banghard ein archäologisches "Paradebeispiel für die viel zitierte germanische Geschlechtergerechtigkeit" an, nämlich einen germanischen Herrenhof oder Königshof in Dänemark, neben dem eine germanische Frau prächtig bestattet ist, ohne daß irgendwelche "männliche" Anwesenheit - archäologisch - feststellbar wäre. Gut. Banghard zerlegt diese Sichtweise von der "germanischen Geschlechtergerechtigkeit" allerdings gleich und geradezu reflexhaft wieder, und zwar - soweit uns übersehbar - fast ausschließlich rhetorisch. Warum hat er dieses Bedürfnis? Wozu mag das einen Sinn haben? Er schließt das Kapitel dann - immer mehr sich übersteigernd - ab mit den Worten: "Die Überbetonung der 'starken Stellung der germanischen Frau' hat dagegen ihre Wurzeln in der Germanenideologie des 19. Jahrhunderts." Und dann kann das allein deshalb schon - offenbar - nur schlecht sein, oder wie? Was soll der Quark?

Und dann weiter: "Der Bogen wird endgültig überspannt, wenn germanische Verhältnisse als Vorbild für heutige Modelle der Gleichstellung dienen." Ja gut, das hat ja mit der Erkenntnis der Germanen nun mal gar nichts mehr zu tun. Und jeder darf sich ja die Vorbilder heraus suchen, die er möchte, oder nicht? Und dazu muß die Archäologie wohl erst einen Kinderwagen finden, der von einem germanischen Krieger vor sich her geschoben wurde, damit das möglich würde ... Gut, gut. Aber ansonsten wird das ja wohl jeder für sich selbst entscheiden können, wie er mit den Erkenntnissen umgehen möchte. Warum ist Herr Banghard so besorgt darum, daß Menschen nicht selber denken und urteilen können?

Und dann steigert er sich zu einer abschließenden Aussage hinein wie dieser: "Die germanische Gesellschaft als emanzipiert zu feiern ist so feministisch wie ein Keuschheitsgürtel."

Wer soll verstehen, was dieser Satz überhaupt noch heißen soll? Gibt es etwa Hinweise auf Keuschheitsgürtel bei den Germanen? Nein. Blödsinn. Wenn es sie gäbe, hätte Banghard das sicherlich zelebriert. Also was soll der Satz? Als Leser versteht man ihn nicht. Manchmal ist Banghard in Formulierungen verliebt, in die offenbar nur er selbst verliebt sein kann. Ein wenig zu übersteigert ist das Ganze. In Bezug auf "Skepsis".

Allen, denen diese kruden Ausführungen nicht genug sind, und die sie im Grunde mehr als ärgerlich empfinden, könnte man eine kleine Schrift aus dem Jahr 1968 empfehlen, deren Lektüre in der Jugend einem ein Leben lang ins Herz geschrieben bleiben kann, weil sie das Verhältnis zu Frauen selbst mitbestimmen kann, nämlich die Hochachtung vor Frauen. Es handelt sich um eine Schrift von Fritz Köhncke mit dem Titel "Die Frau in der germanischen Welt - Ihr Beispiel ein Segen für die Völker Europas". So geht das also auch - oder etwa nicht, Herr Banghard? Ein bisschen mehr Respekt vor den eigenen Vorfahren könnte man doch eigentlich ganz normal finden. Wo ist eigentlich das Problem?

Bissula

Banghard steigert sich immer einmal wieder hinein in merkwürdig übersteigerte Übersteigerungen, wobei dann jeder Bezug zum sachlich Behandelten völlig verloren geht oder doch zumindest verloren zu gehen scheint. So mutet es schon einigermaßen übertrieben und spekulativ "interpretiert" an, wenn im Jahr 2001 ein Literaturwissenschaftler aus Trier den sehr harmlosen Liebesgedichten des am Kaiserhof in Trier lebenden Ausonius an die Suebin Bissula (Wiki) einen Subtext unterstellt, aufgrund dessen sich gebildete römische Leser dieser Gedichte an vormalige römische Priapus-Dichtungen erinnert fühlen würden (5). Wer das so interpretieren will, kann das ja wirklich gerne machen. Wer die Gedichte so liest, wie sie da stehen, ahnt jedenfalls gar nichts von all dem "Subtext", der hier - reichlich hergeholt - unterstellt wird (s. Liebeslyrik) (5). 

Er ahnt gar nichts. Und wozu auch? Wenn ich als Römer "derbe" Literatur verfassen möchte, brauche ich doch keine "Subtexte"? Sollte ich das als ein Römer wirklich nötig haben? Wer das glaubt, hat sich noch nie mit den Überlassenschaften in Pompeji beschäftigt. "Subtexte" muß man da wirklich nicht suchen, liebe Freunde. Ist das "Subtexte-Schreiben" und "-Suchen" nicht sowieso eine verkorkste christliche Angewohnheit? Auf eine solche Wahrnehmungen kommt wohl sowieso nur ein sehr verkniffener Literaturwissenschaftler am Ende eines sehr merkwürdigen - und ebenfalls sehr verkniffenen - 20. Jahrhunderts (5).

Jetzt aber kommt der eigentlich Clou noch: Was macht Banghard mit dieser - nun für sich selbst reichlich krude klingenden und auch wahrlich ansonsten in keiner Weise "wichtig" anmutenden - These? (Denn was sagt sie uns denn eigentlich über das Thema "Germanen"? - Richtig: gar nichts. ... Außer daß hier ein Römer begeistert ist von der körperlichen Schönheit einer blonden, blauäugigen, hellhäutigen Germanin. Ich glaube, das kann heute kein Mensch mehr nachvollziehen! Nein, gar niemand mehr.) Banghard glaubt nun, alles noch einmal weitaus "deutlicher" "auf den Punkt" bringen zu müssen. Und dadurch wird freilich alles, was gesagt wird, vollends irreal und surreal. Er schreibt: "Heute würden wir so etwas als Kinderpornographie bezeichnen."

Gut. Ab diesem Zeitpunkt möchte man das Buch eigentlich nur noch zuschlagen und in die Ecke pfeffern. Was soll das? Was soll das? Nirgendwo ist - soweit wir das übersehen - die Rede vom Alter dieser Bissula. Nirgendwo (5). Und selbst Gedichte an den Priapus sind nicht per se Pornographie. In dem Aufsatz, auf den sich Banghard bezieht, finden wir davon jedenfalls nichts. - - - Und dann auch gleich noch "Kinderpornographie"? Und darunter geht es nun schon einmal gar nicht?

Das ist einfach nur völlig blöde und in einem Umfang daneben, daß man es gar nicht ausreichend kennzeichnen kann. Und das gehört zu jenen immer einmal wiederkehrenden, viel zu weit gehenden "Ausrutschern" des Autors Banghard, die man ihm auch als gutmütigster Leser in so gar keiner Weise mehr durchgehen lassen möchte. Was soll das? Mit Wissenschaft - und selbst mit billigster Populärwissenschaft - hat all das gar nichts mehr zu tun. Gar nichts.

Vorne auf dem Umschlag steht "Spiegel-Bestseller". Und bei solchen Dingen fühlt man sich an all die vielen ätzenden "Spiegel"-Artikel über neue Forschungen zu den Germanen in den 1980er und 1990er Jahren erinnert, in denen das abwertende Schreiben über die Germanen noch viel viel routinierter, viel eingefleischter und viel "selbstverständlicher", viel ätzender dem Leser um die Ohren geschlagen wurde. Genau das scheint Banghard in der heutigen Wissenschaftsberichterstattung zu vermissen. Er scheint es in seinem Buch - reichlich bemüht - wieder beleben zu wollen. Was für ein Bohai. Der Erdball hat sich längst weiter gedreht. Wenn sogar der "Spiegel" mit einem bestimmten Tonfall und einer bestimmten Art der Berichterstattung "aufhört", wenn es um die Germanen geht - und wenn dann jemand aus der Wissenschaft heraus kommt und das "wiederbeleben" will, was der "Spiegel" Jahrzehnte lang völlig unter aller Kanone betrieben hat. Na: Dann viel Spaß dabei. Viel - - - viel, viel Spaß dabei. 

Menschen, denen die Germanen - unsere Vorfahren - ein ernsthaftes Anliegen sind, sind da doch längst schon völlig raus. Wir haben doch längst verstanden, daß die Germanen Kinder ihrer Zeit waren mit ihren Stärken und mit ihren Schwächen. Und daß wir uns über sie freuen können, wenn wir gute Dinge an ihnen bemerken, und daß wir ein wenig verhaltener reagieren, wenn wir nicht so gute Dinge an ihnen bemerken. Und fertig.

Oder etwa nicht? Genauso wie wir auch mit den Kelten umgehen. Oder mit den Indogermanen allgemein. Oder mit den Sumerern. Oder mit den antiken Griechen. Was soll der Bohai? Warum etwas gewaltsam schlecht reden, was niemand schlecht reden muß? 

Wir Deutschen jedenfalls, Herr Banghard, die wir noch Deutsche sein wollen, wir Deutschen lieben uns selbst. Und wir lieben deshalb auch unsere Vorfahren. Sie wollen nicht zu uns Deutschen dazu gehören, das haben wir schon verstanden, Herr Banghard. Aber dankbar sind wir Ihnen trotzdem, Herr Banghard, daß wir in Ihrem Buch einiges Neue über die Germanen gelernt haben.

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*) Außerdem ist zu erfahren (1):
"Zum Zeitpunkt seines Todes im zweiten Viertel des 5. Jahrhunderts n. Ztr. war G265 mit Mycobacterium leprae infiziert, obwohl seine Skelettreste keine lepraspezifischen Läsionen aufwiesen. Das rekonstruierte Bakteriengenom gehört zum Zweig 4, dessen frühester bekannter Vertreter aus Ägypten zwischen dem 4. und 2. Jahrhundert v. Ztr. stammt. (...) Lepra ist eine chronische Erkrankung, deren Entwicklung Jahre dauern kann. Das scheinbare Fehlen von Knochenpathologien könnte darauf hindeuten, daß G265 an einer asymptomatischen Form der Lepra litt. Alternativ ist es möglich, daß er Symptome im Weichgewebe ohne Entzündung des Skeletts aufwies. In jedem Fall starb er wahrscheinlich an einer anderen, nicht mit der Lepra zusammenhängenden Ursache."

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  1. Paleogenomics reveals leprosy at the late antique burial site of Fallward in northern Germany. By Daniel Anton Myburgh, Nicolas Antonio da Silva, Joanna H. Romeyer-Dherbey, Silke Grefen-Peters, Hauke Jöns, Christina Peek, Almut Nebel, Ben Krause-Kyora. (iScience, 20.11.2026)
  2. Banghard, Karl: Die wahre Geschichte der Germanen. Propyläen-Verlag, Berlin 2025
  3. Andrej Pfeiffer-Perkuhn: Die Germanen mit Karl Banghard. Geschichtsfenster 25.2.2026 (Yt2026)
  4. Sabine Rieckhoff: Ein keltischer Exodus? Archäologisch-botanische Überlegungen zum Übergang Eisenzeit -Römische Kaiserzeit in Südwestdeutschland. In: Interpretierte Eisenzeiten. Fallstudien, Methoden, Theorie. Tagungsbeiträge der 8. Linzer Gespräche zur interpretativen Eisenzeitarchäologie. Studien zur Kulturgeschichte von Oberösterreich 49, 2019 (Acad)
  5. Dräger, Paul (Trier): Bissula - Eliza - Lolita: Priap als Sprachlehrer. Göttinger Forum für Altertumswissenschaft (4) 2001, S. 187-219 (freies pdf)

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