Mittwoch, 31. Januar 2007

Schafft die Pille ein "Klima seelischer Verhütung"?

Das "Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung" hat sich eines brisanten Themas angenommen: "Leben in Deutschland – dessen Frauen wie in kaum einer zweiten Nation zur Kontrazeption die Pille favorisieren – Millionen von Paare zusammen, die auf einer elementaren biologischen Ebene nicht optimal aufeinander eingestellt sind?"

Diese Frage ergibt sich daraus, daß Frauen, die die Pille nehmen, sich hormonell und psychisch im Zustand einer (Schein-)Schwangerschaft befinden, und daß alle Säugetiere in der Schwangerschaft andere Menschen bevorzugen als in empfängnisbereiten Lebensphasen. Im folgenden nur die zweite Hälfte des Artikels:

... „Für wen wir dahinschmelzen, wird von einer ganzen Reihe Faktoren bestimmt, von denen uns einige bewusst sind, andere nicht“, sagt Haselton. Aber all diese Faktoren – das vergessen wir heute oft – stehen im Dienste eines evolutionären Zieles: Kinder zu kriegen. Was Menschen als Attraktivität erleben, ist in vieler Hinsicht, so zeigen Haseltons Untersuchungen, ein maskierter Kinderwunsch. Hier liegt der springende Punkt: Genau diese archaischen, aber sensiblen psychologischen Mechanismen setzt unsere Zivilisation häufig außer Kraft.

Dazu trägt besonders die Pille bei, die über 80 Prozent der deutschen Frauen zur Verhütung bevorzugen. Die Pille polt nachweislich die Geruchssignale möglicher Partner um – und bringt in einem verhängnisvollen coup de foudre immunologisch gesehen genau die Falschen zusammen, die sich ohne Hormontabletten kaum finden würden. „Frauen, die mit der Pille verhüten, riskieren es, einen Mann zu wählen, der genetisch nicht mit ihnen harmoniert“, sagt Haselton. Probleme tauchen möglicherweise dann auf, wenn sie das Verhütungsmittel absetzen und Nachkommen planen: Plötzlich fehlen die unbewussten Impulse zur Familienplanung. Wenn der Partner immunologisch nicht passt, bleibt der Kinderwunsch möglicherweise aus – trotz Ganztagsbetreuungsangebot und Elterngeld.

Leben in Deutschland – dessen Frauen wie in kaum einer zweiten Nation zur Kontrazeption die Pille favorisieren – Millionen von Paaren zusammen, die auf einer elementaren biologischen Ebene nicht optimal aufeinander eingestellt sind? Es ist jedenfalls denkbar – wenn auch experimentell und statistisch nicht belegt – dass die Konsequenzen der Anti-Baby-Pille über die reine Empfängnisverhütung hinausgehen. Sie könnten nicht nur die Biologie, sondern auch die Psychologie der Fruchtbarkeit verändern und so ein Klima der seelischen Verhütung schaffen, in dem viele Paare Kinder intuitiv nicht wollen – auch wenn sie sich selbst nicht erklären können, warum.

Haseltons Forschungen unterstreichen, wie komplex die Psychologie der menschlichen Fortpflanzung ist. Ihre Erkenntnisse machen deutlich, warum es so schwer sein kann, Unterschiede in der Fruchtbarkeitsrate einzelner Länder wie Deutschland und Frankreich zu erklären, die zwar alle einen ähnlichen Lebensstandard haben, aber doch alle auch unterschiedliche kulturelle Gepflogenheiten, Traditionen und Rollenbilder. Die Brisanz von Haseltons Ergebnissen und denen anderer Forscher zeigt: Unsere emotionale Seite wird von Sozialwissenschaftlern bis heute zu wenig in Rechnung gestellt.

Gerade hier schlummern aber möglicherweise Lösungen für hartnäckige Probleme. So ließe sich vermuten, dass die schwankende Präferenz für bestimmte Rollenbilder während des weiblichen Zyklus mit wichtigen Bedürfnissen und Selbstbildern einer modernen Frau kollidiert – und dass auch ein solches Dilemma den Kinderwunsch unbewusst einschränken könnte. Ungeahnte – und politisch nicht korrekte Zusammenhänge eröffnen sich: Selbst die in der deutschen Gesellschaft noch in Teilen übliche Abwertung von Frauen, die sich attraktiv kleiden, könnte Konsequenzen für die nationale Fertilität haben.

„Einen Partner zu wählen ist die folgenreichste Entscheidung unseres Lebens“, sagt Martie Haselton. „Und doch sind wir mit ihr oft unzufrieden“. Für die modernen westlichen Gesellschaften könnte sich nicht nur ein emotionales Dilemma dahinter verbergen – sondern auch ein demografisches.

Quellen:

Buss et al. (1998): Adaptations, Exaptations, and Spandrels. American Psychologist 53 (5): 533-548.

Haselton, M. G. (2006): Sexual attraction: the magic formula. Times Online, 28. Mai.

Haselton, M. G.; Miller, G. M. (2004): Fertility favors Creative intelligence. In preparation (online unter http://www.sscnet.ucla.edu/comm/haselton/webdocs/haseltonmiller.pdf).

Haselton, M.G.; Gangestad, S. W. (2006): Conditional expression of womens’s desires and men’s mate guarding across the ovulatory cycle. Hormones and Behavior 49: 509-518.

Haselton, M.G. et al. (2007): Ovulatory shifts in human female ornamentation: Near ovulation, women dress to impress. Hormones and Behavior 51(1): 40-45.

Pillsworth, E. G.; Haselton, M. G.; Buss, D. M. (2004): Ovulatory shifts in female sexual desire. J Sex Res 41(1): 55-65.

Für Nachfragen und Interviews steht Dr. Andreas Weber unter 0170-8118492 zur Verfügung.

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