Sonntag, 4. März 2007

In wie weit beeinflußte bei den Jägern und Sammlern Religiosität Ehestabilität und Fruchtbarkeit?

Unser Wissen schreitet derzeit ungeheuer schnell voran. Noch vor einem Jahr hätte ich der These, daß die Religiosität auch bei Jäger-Sammler-Kulturen ähnlich eng wie in modernen komplexen Gesellschaften mit Fruchtbarkeit korreliert, uneingeschränkt zugestimmt. Es spielt ja hier auch die berühmte These von Owen Lovejoy (1981) mit hinein, nach der die Paarbindung zwischen Mann und Frau unentbehrlich gewesen sei zur Menschwerdung - und schon bei Australopithecus oder Homo erectus über selektive Vorgänge Gehirnvergrößerung ermöglicht haben soll.

Heute aber, nachdem wir wissen, daß Humanevolution bis in unsere Zeit oft recht rapide weiter gegangen ist in allen menschlichen Verhaltensbereichen, glaube ich nicht mehr, daß alles so einfach ist wie (etwa) von Lovejoy vermutet. Gerade bei den Buschleuten in Südafrika herrscht doch nur eine sehr, sehr lockere Paarbindung vor, die Frauen wechseln oft die Partner, mit denen sie zusammen leben. Und das Aufziehen von Kindern wird doch von ihnen gar nicht als so eine große "Last" empfunden wie von uns (und wohl auch von Lovejoy). Das gleiche kann man wohl sowohl bei den Schwarzen in Afrika wie in Nordamerika beobachten. Hier sind es - trotz Ackerbau! (oder wegen???) - doch im wesentlichen Frauen, die nicht nur den größten Teil der Feldarbeit machen, sondern außerdem auch noch die Kinder so ziemlich allein großziehen.

Eigentliche Paarbindung, wie wir sie (in Europa und Ostasien) kennen und verstehen, tritt - so denke ich mir heute - wahrscheinlich als festere Sozialnorm (als "Gretchenfrage"!) erst auf, nachdem Homo sapiens sapiens den afrikanischen Kontinent verlassen hat (oder im Verlauf des "Verlassens"). (Ich habe keinen Überblick in Erinnerung, wie es diesbezüglich bei den australischen Ureinwohnern oder etwa auf Papua Neuguinea aussieht. Aber nach allen episodischen Einblicken, an die ich mich erinnere, sind auch hier überall die Paarbindungen sehr viel flexibler oder KÖNNEN flexibler sein als bei uns, ohne daß das sozial allzu sehr geächtet würde.) Man hat ja bei Prärie- und Bergwühlmäusen in den USA in einer berühmten Studie "Treue-Gene" gefunden, die die Paarbindung fördern oder nicht. Und Hinweise darauf, daß es ähnliche Gene auch beim Menschen gibt, liegen ebenfalls schon vor.

Deshalb würde ich dann für den weiteren Verlauf der Humanevolution (u.a.) den von mir neu entdeckten Guy E. Swanson (The Birth of the Gods - The Origin of Primitive Beliefs - 1960) ins Spiel bringen, nach dem nämlich bei den einfachsten Sozialstrukturen (der Jäger und Sammler) auch noch gar keine konkreten, fest umrissenen Götter- und Schöpfervorstellungen (monotheistisch oder polytheistisch) vorliegen, und daß die dort vorliegenden religiösen Vorstellungen auch keine so konkreten und direkten Auswirkungen auf das Moralleben der Menschen haben wie wir das kennen und wie uns das bewußt ist.

Womit ich zu dem Ergebnis käme: Diese STARKE "stabilisierende" Funktion von Religiosität in Bezug auf Sozialbeziehungen und Paarbindung wie wir sie kennen setzt erst im späteren Verlauf der Humanevolution ein, denkbarerweise erst beim Übergang zum Ackerbau. Figurinen wie die "Venus von Willendorf" müssen ja auch nicht unbedingt als fest umrissene Göttinnen-Darstellungen interpretiert werden, zu denen man betet und die Fruchtbarkeit bringen sollen (was ja eine direkte Beeinflussung der menschlichen Moral durch "Götter" wäre). Die Künstler haben halt einfach das dargestellt, was ihre Sinne am meisten beeindruckte und beeinflußte.

Würde meine These so im Groben stimmen, dann wäre unsere heutige Art der Religiosität ein Produkt der Humanevolution der wenigen letzten tausend Jahre - ebenso wie unsere Fähigkeit zur Rohmilchverdauung (und sicherlich vieles andere)!

Es wäre noch interessant zu fragen, ob Paarbindung auf der eurasischen Nordhalbkugel etwas mit der dortigen IQ-Evolution zu tun hatte. So etwas ähnliches behauptet ja Geoffrey Miller mit seiner These zur IQ-Evolution durch sexuelle Selektion. Und dann hätten eben auch die dort ausgebildeten religiösen Bewußtseinsstrukturen (z.B. fest umrissene personale Gottheiten, die im Bezug stehen zu menschlicher Moral) EBENFALLS etwas mit jener IQ-Evolution zu tun, für die wir ja doch immer wieder die aschkenasischen Juden als bestes Beispiel haben.

Zu dieser These sind mir aber inzwischen auch schon einige Gegenargumente genannt worden, denen ich noch weiter nachgehen will. Das kann man möglicherweise tun mit "The Cambridge Encyclopedia of Hunters and Gatherers", Cambridge 2004, herausgegeben von R. Lee und R. Daly.

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