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Sonntag, 13. März 2022

Die stolzen Altai-Skythen

Einige Eindrücke zu ihrer Kultur
- Insbesondere zu den Goldapliken auf ihren Königsgewändern

Anfang der 1960er Jahre wurde in der antiken Stadt Chaltschajan (Wiki), 400 Kilometer südlich von Samarkand im heutigen Usbekistan (nahe der heutigen Stadt Denov), die Skulptur eines Saken gefunden (Abb. 1, 2). Sie fand sich in der Empfangshalle des Palastes der Stadt, vormals angebracht in 3 Meter Höhe. Heute ist sie im Archäologischen Museum in Termez in Usbekistan ausgestellt.

Abb. 1: Skulptur eines Saken aus der antiken Stadt Chaltschajan (Wiki), heute Usbekistan, 1. Jhdt. n. Ztr.

Bei ihrem Anblick kommt einem der Gedanke, daß sie - vom Gesichtsausdruck her gesehen - genauso gut auch mitten in Deutschland hätte geschaffen, bzw. gefunden worden sein können. Sie mag beispielsweise in entfernerer Weise erinnern an den berühmten Mainzer "Kopf mit der Binde", der im Dommuseum in Mainz ausgestellt ist und um 1240 n. Ztr. vom Naumburger Meister geschaffen wurde. 

Abb. 2: Skulptur eines Saken aus der antiken Stadt Chaltschajan (Wiki), 1. Jhdt. n. Ztr.

Beide Kunstwerke wurden räumlich 5.500 Kilometer voneinander entfernt (G-Maps) und zeitlich tausend Jahre von einander entfernt geschaffen.

Räumlich mußt du quer durch Usbekistan reisen, durch Kasachstan, bis nach Astrachan an der Wolga. Heute gehört es zu Rußland. Dann mußt du quer durch die Ukraine reisen, über Kiew, Lublin, Breslau, Dresden und Frankfurt, um schließlich nach Mainz zu gelangen, also vom Amudarja zum Rhein.

Für die Sarmaten des ersten Jahrhunderts n. Ztr. übrigens, die aus der Region südlich des Ural stammten, war das keine Entfernung, die zu überwinden für sie unüberwindlich gewesen wäre. Im Gegenteil: Sie waren in den nachchristlichen Jahrhunderten in beiden Regionen zu Hause, in China und in Asien ebenso wie an der Donau, am Rhein und im römisch regierten England.

Abb. 3: Der Mainzer "Kopf mit der Binde", geschaffen vom Naumburger Meister (Wiki), 1240 n. Ztr. (Rev)

Zeitlich freilich mußt du über die Christianisierung der germanischen Völker hinweg springen, mußt du den Untergang der skythischen Völker in Asien im Hunnensturm an deinem Auge vorbei ziehen lassen, sowie ihre weiteren Schicksale im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Turkvölker in Asien, um zu verstehen, daß ein solcher dargesteller Gesichtsausdruck heute nicht mehr der typische ist, den du in Usbekistan antreffen kannst.

Der Issyk-Kurgan

In den letzten Monaten sind zwei neue Studien erschienen über die serienmäßig hergestellten Goldapliken an den Königsgewändern der Altai-Skythen, die sich in ähnlicher Form auch im China der Jahrhunderte vor und nach der Zeitenwende finden lassen und auf die kulturellen Kontakte zwischen beiden Regionen verweisen (1, 2) (Abb. 4, 5).

Abb. 4: Der Skythen-König vom Issyk-Kurgan (Wiki) in Kasachstan, ein etwa 18-jähriger Prinz (4./3. Jhdt. v. Ztr.)

Ein solches Königsgewand fand sich etwa im Issyk-Kurgan des "Sonnenkönigs" der Saka-Skythen (Wiki) aus dem 4. oder 3. Jahrhundert v. Ztr., das sich 50 Kilometer östlich des heutigen Alma-Ata ("Almaty"), der Hauptstadt des heutigen Kasachstan befindet. Dieser Kurgan war umgeben von 45 weiteren königlichen Hügelgräbern. Das Gewand dieses Skythen ist heute fest in der Staats-Ikonographie Kasachstans verankert.

Dieses Grab befand sich im östlichen Skythien, unmittelbar nördlich der Sogdiana und deren Hauptstadt Samarkand. 

Eine Inschrift auf einem Silberbecher, der diesem Grab beigegeben worden ist, scheint in der Saka-Sprache der Kushan (Wiki) verfaßt worden zu sein, einem Stamm der Saka-Skythen ("Yuezhi"), der - verdrängt von den Hunnen - zwischen 100 und 250 n. Ztr. Nordindien beherrschte.

Abb. 5: Ähnliche serienmäßig hergestellte Gold-Artefakte in der Steppe und in China (aus: 1)

Ein stolzes, indogermanisches Volk waren sie, die Saken, bzw. Altai-Skythen (Wiki). Nach und nach wollen wir uns hier auf dem Blog noch mehr mit ihrer Kultur und Geschichte beschäftigen. Vor eineinhalb Jahren hatten wir damit schon in einem ersten Artikel begonnen (3).

Eine ihrer Städte war die eingangs schon erwähnte antike Stadt Chaltschajan (Wiki), 400 Kilometer südlich von Samarkand, gelegen im heutigen Usbekistan nahe der heutigen Stadt Denov (G-Maps). Sie lag am Fluß Surxondaryo, eines nördlichen Nebenflusses des Amudarya (Oxus). Sie existierte im 1. Jhdt. n. Ztr. zur Zeit des Reiches von Kushan. Sie befand sich in einer Region, die 329 v. Ztr. von Alexander dem Großen erobert worden war, der die Prinzessin von Samarkand heiratete. 

In der Stadt Chaltschajan mischten sich skythische, griechische und indische kulturelle Elemente - es kam offenbar bald auch zu genetischer Vermischung der hier aufeinander treffenenden genetischen Herkunftsgruppen.

Abb. 6: Gewand einer Saken-Fürstin mit Gold-Aplikationen (Taksai, Kasachstan) (aus: 1)

Seid gegrüßt, ferne Verwandte am Amudarja, über zwei Jahrtausende von uns getrennt, über 6000 Kilometer von uns entfernt - und doch uns in vielen Grundzügen so nah. Ob uns euer Schicksal etwas zu sagen hat?

So wie Lennart Meri (1929-2006) (Wiki, engl), der estnische Filmemacher und frühere Staatspräsident der Republik Estland, in seinen bewegenden Filmdokumentationen der 1970er bis 1990er Jahre (4-9) der Verwandtschaft der Völker finno-ugrischer Sprache nachgespürt hat, so spüren wir hier auf dem Blog mit besonderem Schwerpunkt der Verwandtschaft der Völker indogermanischer Sprache nach. Dabei fühlen wir uns dem Geist Lennart Meri's eng verbunden. Er hat Pionierarbeit geleistet.

Für ihn war geistiges Schaffen jene Höhle der Freiheit, die noch blieb in der Ära, in der der Menschentyp des "Sowjetmenschen" vorzuherrschen begann. In den Fußstapfen von Lennart Meri wollen wir weiter gehen. Und auch über die wenig beachtete finno-ugrische Völkergruppe sollen hier auf dem Blog - in Ergänzung zu den bisherigen (10) - noch weitere Blogartikel erscheinen.

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  1. Liu, Y., Tan, P., Yang, J., & Ma, J. (2022). Social agency and prestige technology: serial production of gold appliqués in the early Iron Age north-west China and the Eurasian steppes. World Archaeology, 1-21 (Academia)
  2. Liu, Y., Li, R., Yang, J., Liu, R., Zhao, G., & Tan, P. (2021). China and the steppe: technological study of precious metalwork from Xigoupan Tomb 2 (4th–3rd c. BCE) in the Ordos region, Inner Mongolia. Heritage Science, 9(1), 1-16. 
  3. Bading, I.: Die Altai-Skythen - Und ihre Vorgänger-Kulturen, 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/11/die-altai-skythen-und-ihre-vorganger.html
  4. Lennart Meri: Völker im Zeichen des Wasservogels, 1970; Englisch "The people of the water bird": https://youtu.be/hYzYe3jAOyQ; Russisch (Yt), Original Estnisch "Veelinnurahvas" (Yt) [Encyclopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum, Teil 1]
  5. Lennart Meri: Die Winde der Milchstraße, 1977; Englisch "The Winds of the milky weay", https://youtu.be/Vgc1Nu3oSVs; Original Estnisch "Linnutee tuuled" (Yt) ["Encycolopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum" - Teil 2]
  6. Lennart Meri: Die Stimmen von Kaleva, 1986; Englisch "Sounds of Kaleva", (Ausschnitt: Yt, Yt); Russisch (Yt); Original Estnisch "Kaleva hääled", https://jupiter.err.ee/1073584/kaleva-haaled  ["Encycolopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum" - Teil 3]
  7. Lennart Meri: Die Söhne von Toorum, 1990; Englisch "The Sons of Toorum": https://youtu.be/iX7nHETRNow; Russisch: "Сыновья Тоорума" (Yt) Original Estnisch "Toorumi pojad" ["Encycolopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum" - Teil 4] [Über die Chanten, sowie ihren Bärenkult]
  8. Lennart Meri. Der Schamane, 1997, https://youtu.be/1LgY3vFpMxI , Russisch (Yt) ["Encycolopaedia Cinematographica Gentium Fenno-Ugricarum" - Teil 5] [aufgenommen 1977]
  9. Jaak Lõhmus: Tänze auf der Milchstraße, 2011; Original Estnisch "Tantsud Linnuteele", https://youtu.be/9MSdTqN2mjw [(L Meri's Filmschaffen] 
  10. Bading, I.: Im Land der Chanten und Mansen, 2022, https://studgendeutsch.blogspot.com/2022/03/im-land-der-chanten-und-mansen-in.html

Freitag, 13. November 2020

Die Altai-Skythen - Und ihre Vorgänger-Kulturen

Zunächst einiges zur Pasyryk-Kultur (500 v. Ztr.)

Ein langhaariger, blonder, bärtiger Mann reitet auf prächtig geschmücktem Hengst, einem Schimmel dahin. Er reitet in der Reihe vieler anderer blonder, langhaariger bärtiger Männer, die ebenfalls auf Hengst-Schimmeln reiten.

Abb. 1: Pasyryk-Teppich - Blonder Reiter, hinter seinem Pferd gehend mit bunten Hosen

Es sind Männer des stolzen Volkes der Altai-Skythen. Dieses Volk lebt - wie der Name schon sagt - im Altai-Gebirge, 500 v. Ztr.. Als der König dieses Volkes stirbt, wird ihm ein Teppich mit ins Grab gegeben, der älteste, erhaltene Teppich der Welt, ein typischer "Orientteppich". Er wurde 1947 entdeckt. Auf ihm ist dieser blonde, bärtiger Reiter dargestellt mit 27 weiteren Angehörigen - vermutlich - sozusagen der "Königsgarde" (Wiki).

Und auf einem inneren Fries auf diesem Teppich traben dann in entgegengesetzter Richtung Tiere jener Art, die einen zweiten Reichtum dieses Volkes darstellten: Vierundzwanzig Elche, ihr Jagdwild, mit rötlichem Fell dargestellt (Abb. 3, 4). Auf dem Teppich sind sogar recht genau die inneren Organe der Elche dargestellt. Diesen waren den Altai-Skythen offenbar wichtig (Abb. 4). So wie es ihnen offenbar auch wichtig war, zur Darstellung zu bringen, daß es sich bei den Pferden um Hengste und um Schimmel handelte. Noch die Wikinger auf Island ließen sich - tausendfünfhundert Jahre später - regelmäßig zusammen mit Hengsten begraben.

Abb. 2: Pasyryk-Teppich - Blonder Reiter mit schwarzer langer Hose und Umhang

Die Skythen reiten noch weder auf Sätteln, noch mit Steigbügeln. Das sind erst Erfindungen der Chinesen aus einer späteren Zeitepoche. Aber sie sitzen auf farbenprächtigen "Satteldecken", solchen mit vorwiegend rotem oder auf solchen mit vorwiegend gelbem Muster. Sie tragen außerdem lange Hosen. Der Pasyryk-Teppich wurde in einem Fürstengrabhügel im Pasyryk-Hochtal im Altai-Gebirge gefunden, zusammen mit dem mumifizierten, bestatteten Fürsten selbst und mit geopferten Pferden. Der Teppich zeigt auf, daß es schon damals eine uralte Teppich-Knüpftradition gab (Wiki):

An ihm erkennt man bereits alle Merkmale des Orientteppichs.

Abb. 3: Der Pasyryk-Teppich (Ausschnitt)

Aber natürlich gab es auch in anderen Kulturen - nicht nur in Nomaden-Kulturen - Teppiche (Wiki):

Griechische Quellen beschrieben häufiger die „weichen Teppiche“ der Babylonier und Perser.

Und (Wiki):

Man geht weiterhin davon aus, daß es eine Entwicklungszeit von mehreren hundert Jahren gegeben haben muß, um den hohen Standard des Pasyryk-Teppichs zu erreichen, was bedeuten würde, daß die Teppichknüpfkunst möglicherweise bis tief in die Bronzezeit zurückreicht.

Und (Wiki):

Nach Milhofer weist der Teppich in Stil, Format, Materialwahl, Technik sowie Struktur eine hohe Übereinstimmung mit neuzeitlichen Knüpfarbeiten der trans-kaspischen Turkmenen auf.

Solche und viele andere Hinterelassenschaften, die - zum Beispiel - in der Eremitage in Sankt Petersburg zu besichtigen sind (1), machen deutlich, daß es sich bei diesen "Nomaden-Völkern" um sehr stolze, wohlhabende Fürstentümer und Königreiche gehandelt hat (s.a.: 2).

Abb. 4: Elch vom Pasyryk-Teppich

Aus dieser Perspektive darf man gerne vermuten, daß dies schon für das Urvolk der Indogermanen, für die hier auf dem Blog schon mehrmals behandelte Chwalynsk-Kultur gegolten haben kann. Denn deren Grabfunde - Kurgane -  sind schon genauso eindrucksvoll wie später noch die Grabhügel der Könige, Fürsten und Hochadligen der Skythen (2).

Auf seiner äußersten Borte zeigt der Teppich also 28 langhaarige, blonde Männer, die im bunten Wechsel reiten oder ihr Pferd gehend führen in einer Prozession. Es handelt sich bei ihnen um solche typischen Skythen wie man sie auch in vielen Eigendarstellungen skythischer Kunst viel weiter im Westen gefunden hat in prächtigen Gegenständen aus Gold. Hier auf dem Teppich tragen die Männer lange Hosen, zum Teil sehr bunte. Der Skythe auf Abbildung 1 geht ja neben und hinter seinem Pferd. Er trägt eine bunt gepunktete Hose (Abb. 1).

Neue archäogenetische Erkenntnisse intensivieren Interesse

Im letzten  Beitrag war von der genetischen Zusammensetzung der skythischen Völker im Altai-Gebirge und in der heutigen Mongolei die Rede (3). All diese neuen Erkenntnisse lassen noch einmal verstärkt danach fragen, was über dieses Volk der Skythen eigentlich bekannt ist, selbst wenn man schon vor 25 Jahren die eindrucksvolle Ausstellung "Das Gold der Skythen" im Schloß Gottorf in Schleswig-Holstein besucht haben sollte (4). In der Eremitage in St. Petersburg sind heute viele der wertvollsten Hinterlassenschaften der Skythen ausgestellt, darunter auch dieser berühmte Pasyryk-Teppich (Wiki) (1). Es fand sich auch eine Harfe. Vieles erinnert an die Fürstengräber der zeitgleichen Kelten in Süddeutschland oder an die Fürstengräber der Alemannen des Frühmittelalters.

All diese Grabfunde stammen also - weltgeschichtlich gesehen - aus Zeiten, "kurz bevor" die Nachfahren dieser Menschen zum Christentum oder Islam übergetreten sind. Auch aus dieser Sicht wird noch einmal deutlich, was sich alles verändert hat mit der Ausbreitung der monotheistischen Religionen weltweit.

Abb. 5: Darstellung einer Siedlung der Tagar-Kultur im Felsbild (Wiki) //Aus: M. G. Moshkova (ed.), Stepnaya polosa Aziatskoy chasti SSSR v skifo-sarmatskoye vremya. Moskva 1992, p. 438 (Wiki)//

1993 wurde ein weiterer erhaltener Kurgan geöffnet. Unter ihm war eine 20-jährige Adlige des Volkes der Altai-Skythen (Pasyryk-Kultur) begraben, sie wird gelegentlich "Sibirische Eisprinzessin" (Wiki) genannt (5, 6). Wie fast alle Skythen war sie reich tätowiert. Sie ist vermutlich schon mit 20 Jahren an Brustkrebs gestorben. Um die Schmerzen vor ihrem Tod zu lindern, nahm sie Cannabis (Sensi Seeds 2020):

Ihre Kleider waren von hervorragender Qualität - eine Tunika aus gelber Wildseide, ein gestreifter Rock aus Wolle und lange, reich dekorierte Pelzstiefel. Man geht davon aus, daß Seide für die Pasyryk-Menschen aus jener Zeit seltener und vielleicht sogar wertvoller als Gold war, da man sie normalerweise nur in „königlichen“ Pasyryk-Gräbern finden kann. 
Sie lag in einem Baumsarg aus Lerchenholz. Diese Altai-Skythen waren Nachkommen der zweiten indogermanischen Ausbreitung im Zusammenhang mit der Andronowo-Kultur. Aber die Archäologie weiß noch über viele andere Kulturen im Umfeld des Altai- und des Tianshan-Gebirges zu berichten. Insbesondere ist zu beachten, daß sich mit den Skythen eine neue, eher nomadische Lebensweise ausbildete, während zuvor in diesen Regionen eher seßhafte Rinderzüchter gelebt hatten (Wiki):
Die kulturelle Kontinuität am Ob hielt im ersten Jahrtausend v. Chr., als in Sibirien die Eisenzeit anbrach, weiter an; es findet sich dort immer noch die heimische Keramik. Ein umso größerer Umbruch machte sich nun im zentralasiatischen Steppengürtel bemerkbar: Die seßhaften, vorwiegend viehzüchtenden Gesellschaften der späten Bronzezeit wurden abgelöst durch mobile Reiternomadenverbände, die bis in die Neuzeit Bestand haben sollten. Die Mobilität, die die neue Gesellschaftsform ermöglichte, entfesselte eine ungeheure Dynamik, mit der sich die Völker Mittelasiens fortan in der Steppe bewegen konnten. Davon waren nicht zuletzt auch die benachbarten Hochkulturen betroffen. Das alte China wurde von den Xiongnu und ihren Nachfolgern bedroht, die antiken Staaten des heutigen Iran hatten sich gegen die Massageten und Saken, und das Römische Reich, dessen Westteil wenig später unterging, schließlich gegen die Hunnen zu verteidigen. Die gesellschaftlichen Veränderungen schlugen sich auch im Fundgut deutlich nieder: Es finden sich keine Siedlungen mehr, Angehörige der neu gebildeten Oberschicht wurden in riesigen Kurganen reich ausgestattet begraben, und völlig neue Formen der Kunst bildeten sich heraus.

Es macht also womöglich wenig Sinn, sich die indogermanischen Völker vor der Eisenzeit vornehmlich als Völker vorzustellen, die wie die Skythen gelebt haben. Im folgenden noch einige Eindrücke von dem aktuellen Forschungsstand zum Spätneolithikum und zur Bronzezeit Mittelasiens (10-16).

4.000 v. Ztr. - Europäische Kulturen breiten sich bis zum Altai-Gebirge und zur Seidenstraße aus

Die spätneolithischen bis vormittelalterlichen Ausbreitungsbewegungen europäischer Völker und Kulturen bis an den Nord- und Westrand Chinas werden immer genauer nachvollziehbar (10-12). Wir stoßen auf eine Grafik, die gerade die früheste dieser Ausbreitungsbewegungen sehr gut zusammen zu faßt, nach derzeitigem Forschungsstand (Abb. 6) (10).

Abb. 6: Kulturen zwischen Pamir und Altai ab 4.000 v. Ztr. - Die iranisch-neolithische Oxus-Zivilisation (BMAC) und die indogermanische Afanassiewo-Kultur (aus: 10)

Dargestellt ist auf dieser, wie die iranisch-neolithische Marghiana-Kultur (hier benannt als "Oxus-Zivilisation") (Wiki)*). 

Die Marghiana-Kultur hat sich vom östlichen Iran aus über das heutige Tadschikistan hinweg am Nordhang des Tianshan-Gebirges entlang bis in den Süden des Altai-Gebirges ausgebreitet. In ihren östlichen Teilen, insbesondere im Altai-Gebirge wird diese Kultur von den Archäologen "Chemurchek-Kultur" benannt. Ihre anthropomorphen Stelen gleichen sehr zeitgleichen anthropomorphen Stelen in Europa und Arabien (Abb. 7) (13). Diese Kultur ist gerade erst neu von den Archäogenetikern eingeordnet worden - wie wir im letzten Beitrag berichteten (3). Die Archäologen benennen als einen Ausgangsort dieser Kultur (12, S. 6) ...

... den Fundort Sarazm in Tadschikistan am Zarafshan-Fluß, flankiert von Bergen und unterhalb der Oase von Samarkand. In der Keramik findet man Einflüsse aus der südlichen zentralasiatischen Oasenkultur von Namazga II. In Sarazm finden sich Belege für Weizenanbau 3.905-3.645 v. Ztr..
... the site of Sarazm in Tajikistan, on the Zarafshan river, flanked by mountains and upstream from the oasis of Samarkand. (...) The ceramic forms (...) reflect influences from the south Central Asian oasis culture of Namazga II. Sarazm has evidence for wheat cultivation (T. aestivum/ durum) from the mid-4th millennium BCE (3905-3645 cal. BCE) (Isakov, 1996; Isakov et al., 1987; Spengler & Willcox, 2013).

Diese Hochkultur hat sich also von der Region Samarkand bis hin zum Altai-Gebirge ausgebreitet.

Abb. 7: Die anthropomorphen Stelen der Chermurchek-Kultur, die sowohl Männer wie Frauen darstellen (aus: 12) - Sie ähneln stark zeitgleichen aus ganz Europa (13)

Grob tausend Jahre später erfolgte dann die Ausbreitungsbewegung der ersten Welle der Indogermanen, der indogermanischen Afanassiewo-Kultur, ebenfalls bis zum Altai-Gebirge. 

Aus Sicht der Archäologie Xianjiang's wird referiert (12, S. 5):

Im Nordwesten hatte sich die Afanassiewo-Kultur ausgebreitet, deren Zentrum westlich des Altai und im Minusinsk-Tales lag. Sie repräsentiert den frühesten Beleg für spätneolithisch/bronzezeitliche Herdenhaltung in der östlichen Steppe und ist jüngst auf 3.300 bis 2.500 v. Ztr. datiert worden. Die wirtschaftliche Grundlage der Afanassiewo-Kultur beruhte zu bis zu 50 % auf der Jagd, außerdem auf der Haltung einer Mischung von domestizierten Herdentieren, wobei Schafe und Ziegen mit Rindern kombiniert wurden. Weizenkörner, die auf 3.000 v. Ztr. datiert werden, sind jüngst in Verbindung mit Afanassiewo-Keramik an dem Fundort Tongtiandong im westlichen Xinjiang am Südufer des Irtysch-Flusses gefunden worden.
Original: To the northwest was the Afanasievo, centred on the western Altai and Minusinsk basin. It represents the earliest evidence for Éneolithic/ Bronze Age herding in the eastern steppe region (Frachetti, 2008, 2012) and has been recently dated to 3300-2500 cal. BCE (Svyatko et al., 2009). The Afanasievo economy included up to 50% reliance on hunting, together with a mix of domestic herds combining sheep/goat and cattle. Wheat grains dating from c. 3000 BCE associated with Afanasievo pottery have recently been found at the site of Tongtiandong in western Xinjiang on the south bank of the Irtysh river (Yu & He, 2017).

Neben Jagd und Herdenhaltung ist von Seiten der Afanassiewo-Kultur also auch Ackerbau getrieben worden. Der Irtysch (Wiki) ist ein Fluß, der im Altai entspringt. Er fließt durch die weiten Steppen Kasachstans und erreicht über sie östlich des Urals das Westsibirische Tiefland. Er fließt insbesondere durch die Stadt Omsk und mündet schließlich in den Ob (Wiki), mit dem zusammen er den Arktischen Ozean erreicht. Der Irtytsch spielt auch für die Geschichte des ugrischen Volkes der Chanten, die eng mit dem nordsibirischen Volk der Nganasanen verwandt sind, eine große Rolle (siehe Blogbeiträge von Anfang 2022).

Die Xiaohe-Kultur (Wiki, engl) am Tarim-Fluß mit ihren zumeist als "europäisch" identifizierten Wüstenmumien scheint archäogenetisch noch nicht so gut erforscht zu sein (?). Aber sie scheint doch im Wesentlichen indogermanischer Steppen-Herkunft zu sein (2):

Die Genetik platziert die Herkunft der Xiaohe-Populationen vornehmlich in die eurasische Steppe und jenseits derselben.
The human DNA places the ancestry of the Xiaohe population predominantly in the Eurasian steppe and beyond.

Die Archäologen schreiben hinsichtlich der genetischen Herkunft ansonsten noch sehr vage (12):

Die Chermurchek- und Xiaohe-Kulturen entstanden aus Populationen des Altai und der Mongolei, sowie aus eurasischen Populationen heraus, während sich eine dritte frühe Gruppe, die Tianshanbeilu-Kultur am östlichen Ende des Tianshan von Oasen-Bauern in Gansu und dem Hexi-Korridor herleitet. Im frühen 2. Jahrtausend v. Ztr. breiteten sich neue eurasische, bäuerliche Herdenhalter vom Westen her aus, die dieselben Landstriche besiedelten wie die Chemurchek-Kultur. Sie breiteten sich entlang der westlichen Hügel und Berge von Xianjiang aus, entlang des Tianshan Richtung Osten und nach Süden in den Pamir bis an das westliche Ende der tibetischen Hochebene. Diese Gruppe wies im Großen und Ganzen eine Ähnlichkeit auf mit dem Andronowo-Kultur, die sich weit über Eurasien in der späteren Bronzezeit ausbreitete, am meisten mit der östlichen Federowo-Variante.
Qiemu’erqieke and Xiaohe/Gumugou emerged out of Altaic/Mongolian and east Eurasian populations [11–13], while a third early group, the Tianshanbeilu culture, appearing in the oasis of Hami at the eastern end of the Tianshan, had its ancestry to the east in early oasis farming populations in Gansu and the Hexi Corridor. [10, 14]. By the early 2nd millennium BCE, new Eurasian agro-pastoralists moved in from the west, occupying some of the same lands as the southerly expansion of Qiemu’erqieke peoples. They spread into the western hills and mountains of Xinjiang, along the Tianshan towards the east, and south into the Pamirs, close to the western end of the Tibetan Plateau. This group shared broad affinity with the loosely defined Andronovo complex that appeared widely across Eurasia in the later Bronze Age [15–17], more specifically the eastern Federovo variant [18].

Die Xiaohe-Kultur könnte älter und zeitglich mit der hier genannten Andronowo-Kultur bestanden haben. In den Oasenstädten der Seidenstraße ist in späteren Jahrtausenden auch Tocharisch, eine westindogermanische Sprache gesprochen worden. Von dieser Sprache könnte man auch annehmen, daß sie erst mit der zweiten Welle der indogermanischen Ausbreitung nach Innerasien gelangt ist.

Abb. 7: Die bronzezeitliche Chemurchek-Kultur südlich des Altai-Gebirges (2.500-1.700 v. Ztr.), die Xiaohe-Kultur am Tarim-Fluß (2.200-1.500 v. Ztr.) (aus: 3)

Von der Xiaohe-Kultur wird von Seiten der Archäologen gesagt, daß sie weitgehend akeramisch gewesen sei und von dem Anbau von Weizen und Gerste, sowie von Rinderhaltung lebte (12, S. 4f). Daß die Xiaohe-Kultur von anderen Kulturen abgeleitet werden könnte, etwa von der Chermurchek-Kultur wird von den Archäologen aufgrund des sehr unterschiedlichen kulturellen Inventar-Vergleichs verneint. 

Damit sollte nur ausschnitthaft einiges zum archäologischen Forschungsstand jener Völker und Kulturen gesagt werden, deren Archäogenetik Thema des letzten Beitrages war (3). Wichtig ist es auch, sich klar zu machen, daß auch schon die Andronowo-Kultur Stadtkultur östlich des Ural ausgebreitet hat, aufgezeigt unter anderem durch die Spiralstadt Arkaim im Osten des Ural (Wiki). Stadtartige Siedlungen der Skythen sind inzwischen ebenfalls bekannt.

"Low-investment Agropastoralists"

[Ergänzung, 17.5.21] In einer neuen Studie wird darauf abgehoben, daß die skythischen Völker der Andronowo-Kultur keineswegs Nomaden im klassischen Sinne waren, sondern "low-investment agropastoralits" waren, also Herdenhalter und Ackerbauern, die nicht zu viel Mühe in den Anbau von Getreide gesteckt haben, die aber dennoch viele Züge von Seßhaftigkeit aufgewiesen haben. Die Archäologen sprechen von (17) ...

... der weiten Verbreitung von architektonischen Strukturen (Höfe und Dörfer), die auf Seßhaftigkeit hinweisen, ebenso unzählige Mahlsteine ...., Vorratsgruben, Bewässerungskanäle, .... Wir können inzwischen ein viel detaillierteres und komplexeres Bild gewinnen von dem Leben im östlichen Zentralasien während dem zweiten und ersten Jahrtausend v. Ztr..
the widespread presence of sedentary architectural structures (farmsteads and villages) and abundant grinding stones, in addition to farming implements, storage pits, irrigation canals, twills made with nonportable up-right looms, and bulky nonportable bronze and ceramic cooking cauldrons. In linking these archaeological data to recently accrued information emerging from the application of archaeological scientific methods, including isotope evidence, phytolith and macrobotanical data attesting to farming and grain processing practices, and seasonality estimates from zooarchaeological and macrobotanical studies, we can piece together a much more detailed and complex image of life in eastern Central Asia during the second and first millennia BC.

Wir hätten es also mit Seßhaftigkeit zu tun, die aber gerne auch wieder aufgegeben werden konnte, um andere Gegenden zu besiedeln. Eine solche Situation finden wir ja auch noch vor bei den keltischen und germanischen Stämmen zur Zeit von Cäsar.

Das Pazyryk-Pferd - Es wurde von den Chinesen weiter gezüchtet

[Ergänzung 25.1.22] Chinesische Genetiker haben die Größen-Zunahme der chinesischen domestizierten Pferde untersucht. Sie finden eine Stelle im Genom, an der diese verschaltet ist (18):

Das G-Allel findet sich am frühesten in Berel' Pazyrk-Pferden, etwa 300 v. Ztr. in der Altai-Region und nahm an Häufigkeit stetig zu bis zu der heutigen Häufigkeit. Das legt ein Szenario nahe, nach dem die Züchter zu Beginn des chinesischen Reiches während der Qin-Dynastie begannen, auf größere Pferde hin zu züchten.
The G allele was first detected among Berel’ Pazyryk horses some ∼2,300 YBP in the Altay region and steadily increased to present-day frequencies thereafter. This supported a scenario in which past breeders started to select horses of larger sizes concurrently with the beginning of the Chinese Empire during the Qin dynasty.

In welchen Zusammenhängen es zur Verbreitung von domestierten Pferden an den Nordwestgrenzen Chinas kam und in welchen Zusammenhängen die domestizierten Pferde dann Verbreitung in China gefunden haben, wäre noch einmal gesondert aufzuarbeiten.

Die berühmten Pferde des Ferghana-Tales haben dabei eine Rolle gespielt, vielleicht auch das Volk der Sogder, dessen Hauptstadt Samarkand war, und in dessen Besitz sich diese Pferde befunden haben.

Die geschichtliche Überlieferung zu Pferden ist in der chinesischen Geschichte jedenfalls sehr reich. Sie bietet viele Erkenntnismöglichkeiten allgemeinerer Art. In diese wären dann auch die Pferde der Altai-Skythen (Wiki) einzuordnen und das Weiterzüchten derselben in China. 

Außerdem werden die Hunnen, Awaren und Ungarn, die aus diesen Gebieten 600 Jahre später gen Westen aufgebrochen sind, ebenfalls ihre Pferde mit nach Europa gebracht haben. 

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*) Andere Namen dieser erst spät ins Blickfeld der westlichen Forschung geratenen Hochkultur: "Oasen-Kultur" oder auch "Baktria-Marghiana-Archäologischer-Komplex" = BMAC

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  1. Pazyryk. Tour in English. Eremitage - The State Hermitage Museum, Sankt Petersburg, 10.04.2020, https://youtu.be/rAvoeqxfEHI.  
  2. Barry Cunliffe: The Scythians: Nomad Warriors of the Steppe. Talks at Google, 03.12.2019, https://youtu.be/XFsd_LyYZdo.
  3. Bading, Ingo: Turkvölker, Indogermanen, Sarmaten und Hunnen, November 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/11/turkvolker-indogermanen-sarmaten-und.html
  4. Berthild Gossel-Raeck; Ralf Busch (Hrsg.): Gold der Skythen. Schätze aus der Staatlichen Eremitage St. Petersburg. Wachholtz, Münster 1993, ISBN 3529018457. (Katalog zur Ausstellung) 
  5. The Ice Maiden's Treasure - Ascent of Woman, 29.05.2017, https://youtu.be/UCmeU2-zBGo.
  6. NOVA: Ice Mummies: Siberian Ice Maiden (1998-TV), 11.02.2020, https://youtu.be/ZUtgQ6dQUF0.
  7. Hermann Parzinger: Das Gold der Skythen - Über ein sagenhaftes Reitervolk in der Antike (dctp.tv), 10.08.2020, https://youtu.be/o-vI_Jzf1_Y.
  8. Schliemanns Erben 05 Der Fluch der Skythen, 07.04.2013, https://youtu.be/WFLlAF2u5CQ. [Ein Kamerateam begleitet die Grabungen von Hermann Parzinger]
  9. Grandits, Victor: Die Amazonen - Auf der Spur antiker Kämpferinnen DOKU HD 11.01.2017, https://youtu.be/TIyMbzAmy24.
  10. Daniel Yang: Wann wurden Weizen und Hochlandgerste in China eingeführt? Quelle: China Tibet Online, 17.03.2020, http://german.tibet.cn/de/culture/news/202003/t20200317_6754986.html
  11. Jia P, Caspari G, Betts A, Mohamadi B, Balz T, Cong D, et al. (2020) Seasonal movements of Bronze Age transhumant pastoralists in western Xinjiang. PLoS ONE 15(11): e0240739. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0240739, https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0240739
  12. A new hypothesis for early Bronze Age cultural diversity in Xinjiang, China. A. Bettsa, P. Jiaa, I. Abuduresule. Archaeological Research in Asia, 2019
  13. Bading, Ingo: Die ältesten Eigendarstellungen seßhafter, europäischer Völker (ab 4200 v. Ztr.) , Dezember 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/12/die-altesten-eigendarstellungen-der.html
  14. Prestel, Peter; Graichen, Gisela: Das Gold von Tuva. Schliemanns Erben - Spezial 1. ZDF 2002, https://youtu.be/1sOHDO_a5aI. [Grabungen Hermann Parzingers]
  15. Prestel, Peter; Graichen, Gisela: Das Geheimnis der Eismumie. Schliemanns Erben - Spezial 2, ZDF 2006, https://youtu.be/aTcRuHE8J3c. [Grabungen Hermann Parzingers 2006]
  16. Prestel, Peter; Graichen, Gisela: Das Vermächtnis der Steppenkrieger. Schliemanns Erben 32, ZDF 2010, https://youtu.be/6PcDHUSc_2w. [Archäologe Rüdiger Krause, Spiralstadt Arkaim im Ural (Wiki), Andronowo-Kultur, 2.000 v. Ztr., Sarmaten 200 v. Ztr.]
  17. Spengler III, R. N., Miller, A. V., Schmaus, T., Matuzevičiūtė, G. M., Miller, B. K., Wilkin, S., ... & Boivin, N. (2021). Agropastoralism Served as the Best Choice of Human Subsistence in Ancient Arid Central Asia. Current Anthropology, 62(3), Juni 2021, https://www.journals.uchicago.edu/doi/pdf/10.1086/714245
  18. Xuexue Liu, Yanli Zhang, Wujun Liu, Yefang Li, Jianfei Pan, Yabin Pu, Jianlin Han, Ludovic Orlando, Yuehui Ma, Lin Jiang, A single-nucleotide mutation within the TBX3 enhancer increased body size in Chinese horses, Current Biology, Volume 32, Issue 2, 2022, Pages 480-487.e6, https://doi.org/10.1016/j.cub.2021.11.052. (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982221016110)

Sonntag, 1. Juli 2018

"Söhne der Sonne" - Die Indogermanen Asiens

Inhaltsübersicht zum Video-Vortrag:

00:00:00 - Einleitung: Die genetische Geschichte Europas ist in den Grundzügen schon gut verstanden. Wie aber sieht es aus mit der genetischen Geschichte Asiens, hier vor allem Asiens westlich und nördlich von China?

00:03:45 - Ethnische Rückzugsräume, Rand- und Reliktbevölkerungen haben in der Weltgeschichte mehrfach große weitere Bedeutung bekommen - sowohl in Europa wie in Asien. Beispiele dafür: Blätterhöhle in Westfalen, Schweriner See, östlicher Ostseeraum noch lange nach der Neolithisierung, Baikalsee-Fischer noch lange nach der Indogermanisierung als Vorfahren der Turkvölker.

00:09:35 - Man findet im deutschsprachigen Raum keine Berichterstattung über den derzeitigen recht faszinierenden Forschungsstand zur genetischen Geschichte Asiens, also der Archäogenetik, Ancient-DNA-Forschung (1-3). Deshalb mache ich darüber dieses Video, obwohl ein solcher Vortrag von kompetenterer, fachwissenschaftlicher Seite gehalten werden sollte. Immerhin behandelt der Kanal "RuStAG Netzwerk 2.0" (nicht "Virulent National"!)  schon die (inzwischen etwas veraltete) Haplotypen-Genetik.

00:13:26 - Erst West-, dann Ostwanderung der Schnurkeramiker als Shintashta- und Andronowo-Kultur bis an die Grenzen Chinas. Damit ergeben sich zwei genetisch unterschiedliche Phasen der Geschichte der indogermanischen Völker des Steppenraumes, einmal die ursprüngliche Yamnaya-Kultur (3.300 v. Ztr.) mit nur geringen genetischen Anteilen anatolisch-neolithischer Herkunft (und daraus hervorgehend die Afanasievo-Kultur) und ab 2.100 v. Ztr. die Shintaschta-Kultur der Ukraine und die Andronovo-Kultur Sibiriens als Nachkommen der Schnurkeramiker Mitteleuropas.

00:26:30 - Die erste europäische Zuwanderung nach Indien, ebenso wie die Hethiter in Anatolien weisen bislang zwar beide kaukasische, aber beide keine spezifisch indogermanische Herkunft auf.

Als Beispiele: Tocharer und Sogder

00:31:19 - Um Anteilnahme für die indogermanische Völkerwelt zu wecken, werden aus ihrer reichen kulturellen Vielfalt exemplarisch die 36 tocharischen Königreiche entlang der Seidenstraße (ab 2.000 v. Ztr.) und das Königreich der Sogder in Samarkand vorgestellt, sowie der Fernhandel der Sogder mit Kamel-Karawanen weit in das Tang-zeitliche China hinein, wo diese einerseits als "Exoten" vielfältige Darstellungen in der chinesischen Kunst gefunden haben und andererseits auch hohe Regierungsbeamte werden konnten.

00:34:45 - Die hunderte von zentralasiatischen Wüstenmumien am Westrand Chinas gewähren die aller faszinierendsten Einblicke womöglich auch in unsere eigene mitteleuropäische Bronzezeit, da der Erhaltungszustand ihrer Körper, ihrer Tätowierungen, ihrer Kleidung, ihres Schmucks, ihrer hölzernen Grabausstattungen so hervorragend ist wie nirgends sonst. (Aktualisierung 7.1.25: Inzwischen ist geklärt, daß diese Wüstenmumien zunächst vor allem einheimische westsibirische Genetik in sich getragen haben, keine europäische oder indogermanische.)

00:54:45 - Restvölker in Rückzugsräumen der Weltgeschichte können - aus diesen Rückzugsräumen heraus und nach erneuten genetischen und kulturellen Neuanpassungen - ganze neue Zeitepochen der Weltgeschichte einläuten und dominieren. Dies wird am Beispiel der Hunnen/Turkvölker/Mongolen aufgezeigt, deren Vorfahren einst von allen Seiten von Indogermanen umgeben und "umzingelt" waren, die dennoch ihre genetische, sprachliche und kulturelle Eigenart erhalten haben und mehrere tausend Jahre später selbst das Ruder der weltgeschichtlichen Entwicklung Asiens in die Hand genommen haben, nämlich in der Spätantike und mit dem Untergang von hunderten indogermanischer Königreiche, Fürstentümer, Stämme und Völker in Asien.

01:08:33 - In den neuesten Studien schälen sich immer mehr "Geister"-Völker des Kaukasus-Raumes als wichtige Vorfahren der genetischen Geschichte sowohl einerseits 1. Indiens als andererseits 2. Anatoliens und schließlich 3. der Indogermanen heraus.

01:13:00 - Die genetische Geschichte der Skythen zwischen Ungarn und dem Altai-Gebirge. Es wird auf die genetische Einmischung von Hunnen, bzw. Turkvölkernn in die unterschiedlichen Stämme und Konföderationen des großen Völkerstammes der skythischen Völker hingewiesen. Die Skythen in Ungarn weisen gar keine hunnischen Einmischungen auf, während nördlich des Tianshan die skythischen Reitervölker (Saken) schon bis zur Hälfte hunnischer Abstammung sein konnten. Im Zusammenhang mit diesen skythischen Mischvölkern entstanden dann fast rein hunnische, turksprachliche Völker wie die Xiongnu der Mongolei, die seit der Spätantike in Asien den Lauf der Weltgeschichte bestimmten.

Der Kaukasus als Angelpunkt der Völkergeschichte

Nachträgliche Ergänzungen (3./4.7.18):

Es dürfte so sein, daß die Kura-Araxes-Kultur im Gebiet des Kaukasus und des östlichen Anatolien eine große Rolle spielte bei der Ausbreitung der kaukasisch-neolithischen Genetik nach Anatolien. Es deutet sich ein Bild an, daß es parallel zur gewaltigen anatolisch-neolithischen Ausbreitung bis hoch nach Skandinavien eine parallele iranisch-neolithische Ausbreitung gegeben hat, ausgehend von jenem Bauernvolk des Zagros-Gebirges im Westiran, das die berühmte Hassuna- und Samara-Keramik hervorgebracht hat. Es breitete sich bis an die Südhänge des Kaukasus aus (vielleicht auch nach Sumer … … ?), begann im Südkaukasus ab 6.500 v. Ztr. zum ersten mal in der Menschheitsgeschichte mit Weinbau.

Im heutigen Nordirak brachte ... "es" (?) dann bald die ersten urbanen Zentren hervor (wie zeitgleich die anatolisch-neolithische Cucuteni-Tripolje-Kultur in der Ukraine, wobei aber beide zu Anfang noch keine Berührung mit den Indogermanen gehabt hatten, erst später).

Vordringend über den Hauptkamm des Kaukasus kamen die iranisch-neolithischen Bauern im Bereich der Vorfahren der Indogermanen in der Steppe (der "osteuropäischen Jäger und Sammler", die schon Keramik hatten) schon sehr früh nicht mehr weiter (im Gegensatz zu dem gleichzeitigen Geschehen in Europa, wo sich das anatolische Neolithikum ja bis nach Skandinavien ausgebreitet hat). Vielmehr kam es hier im Steppenraum - trotz der außergewöhnlich guten Schwarzerde-Böden, an die die Neolithisierung in Deutschland sehr stark gebunden war, zur Ethnogenese der Indogermanen, aber auch zu Einmischungen von osteuropäischen, bzw. auch westsibirischen Jäger-Sammler-Genen bei den sich bildenden Völkern und Kulturen im iranischen Raum.

Aber Richtung Osten (Indien) und Westen (Anatolien) hat sich die kaukasisch-neolithische Genetik noch lange später durchgesetzt, in Anatolien insbesondere ab der Kupferzeit parallel zur Kura-Araxes-Kultur, für die Ausläufer und Verwandte bis nach Syrien und Palästina hin genannt werden (s. Wikipedia). Zur ethnischen Herkunft der Kura-Araxes-Kultur gibt es derzeit noch mehrere Theorien (s. Wikipedia). Man ist sich hier vergleichbar unsicher wie man sich zuvor - beispielsweise - unsicher war bei der Kugelamphoren-Kultur (die jetzt aber als nicht-indogermanisch erwiesen ist). Manche halten indogermanische Einflüsse bei der Kura-Araxes-Kultur für denkbar, andere gar nicht. Also in diesem Bereich der Forschung ist alles noch einmal sehr spannend und werden - sicher schon in den nächsten Jahren - abschließendere Erkenntnisse präsentiert werden.

Die Turan-Region als Angelpunkt der Völkergeschichte

In der neuen David Reich-Studie (10-13) vom März 2018 werden unter anderem

"132 Individuen aus dem Iran und dem südlichen Teil von Zentralasien (heute Turkmenistan, Usbekistan und Tajikistan"

sequenziert und ausgewertet. Diese historische Gruppierung wird in der Studie "Iran/Turan" genannt. Die Turan-Region (Wiki) ist eine legendäre Region in der Geschichte des Iran, insbesondere in der Zeit Zarathustras (Lebenszeit irgendwann zwischen 1800 und 600 v. Chr.), sowie des sich auf ihn zurück führenden Zoroastrismus (Wiki). Sie spielt auch eine große Rolle in der Geschichte der Turkvölker. In dieser Studie liest man:

"Im östlichen Iran und Turan entdeckten wir ebenso Herkunftsanteile von westsibirischen Jägern und Sammlern, was zeigt, daß diese im Turan schon auftraten vor der Ausbreitung der (indogermanischen) Jamnaja-Herdenhalter aus der Steppe (Steppe_Early/Middle Bronze Age = Steppe_Frühe und Mittlere Bronzezeit):"
"In (...) eastern Iran and Turan we also detect admixture related to West_Siberian_Hunter_Gatherer, proving that North Eurasian admixture impacted Turan well before the spread of Yamnaya-related Steppe pastoralists (Steppe_EMBA)."

Diese als "westsibirische Jäger und Sammler" bezeichnete Gruppierung ist - soweit man sehen kann -  jene Gruppierung, die auch am Baikalsee lebte, sprich, die die Vorfahren der Turkvölker bildete (und die auch denen auch die Wüstenmumien der Taklamakan angehörten) (Ergänzung 7.1.25). Womöglich erstreckte sich ihre ursprüngliche Verbreitung also ähnlich weit wie die der west- und osteuropäischen Jäger und Sammler, also vielleicht sogar auch ursprünglich bis in den Ostiran (?) hinein. In der Studie werden sie jedenfalls auch als Träger der keineswegs unbedeutenden Kelteminar-Kultur in Kasachstan angesprochen, am Ufer des Kaspischen Meeres (auf die hier auf dem Blog schon hingewiesen wurde als östliche Nachbar-Kultur der Ursprungsregion der Indogermanen, die neben eindrucksvollem Häuserbau - vermutlich - auch schon Hirse-Anbau kannte). Jedenfalls ist von ihnen schon Genetik in den Ostiran gelangt, bevor noch später auch indogermanische Steppengenetik dort hin gelangt ist. Auch hierbei dürfte man es wieder mit einem sehr bemerkenswerten Befund zu tun haben. Ab 2.300 v. Ztr. findet sich in Baktrien/Turan/Ostiran dann:

"... frühe iranische Bauernherkunft (60% in Baktrien und in der Margiana) mit einem kleineren Anteil von anatolischer  Bauernherkunft (21 %) und westsibirischer Jäger-Sammler-Herkunft (13 %)."
"... early Iranian agriculturalist-related ancestry (~60% in the BMAC) with smaller components of Anatolian agriculturalist-related ancestry (~21%) and West_Siberian_HG-related ancestry (~13%)".

Bei "BMAC" handelt es sich um den "Bactria Margiana Archaeological Complex", also um eine Völkergruppe in Baktrien und in der Margiana, grob gesprochen im Westteil der Seidenstraße und in der nördlich angrenzenden kasachischen Steppe (zu ihr siehe auch spätere Beiträge hier auf dem Blog). Hier lag also ebenfalls eine bemerkenswerte genetische Zusammensetzung vor. Zum Beispiel stellt sich die Frage: Wie gelangte die anatolisch-neolithische Genetik so früh so weit nach Osten? Aber zu dieser Zeit findet sich immer noch keine Yamnaya-Herkunft daselbst vor. Erst ab 2.000 v. Ztr. kommt indogermanische Genetik nach Baktrien, und zwar - natürlich! - in der jüngeren Schnurkeramik- bzw. Shintashta-Version.

Mit dieser neuen David Reich-Studie ist nun auch festgestellt, daß die Schnurkeramik/Shintashta-Leute, die um 2000 v. Ztr. als Andronovo-Kultur das Gebiet nördlich des Tianshan besiedelte, womöglich schon während der Zuwanderung zu 8 % mit einheimischer westsibirischer Jäger-Sammler-Genetik vermischte und sich dadurch von ihren westlichen indogermanischen Verwandten unterschied. Damit kann man nun überblicken, daß der bronzezeitliche genetische Turkvolk-Anteil (mit dem wir hier die westsibirische Herkunftskomponente gleichsetzen) bei den Indogermanen nördlich des Tianshan in der Eisenzeit bei der Ethnogenese der östlichen Skythen dann zu bis zu 50 % anwachsen konnte.

Aber auch bei westlichen Verwandten gab es schon früh einige Ausnahmen von größerer Turkvolk- oder sogar ostasiatischer Genetik, also schon in der Bronzezeit.

Ähnlich scheint auch die Industal-Zivilisation nach dieser neuen Studie von Menschen mit einer größeren Vielfalt an Herkünften getragen worden zu sein. Es gibt da fast reine Südinder (Drawiden) neben Menschen fast rein anderer Herkunft und "Mischlinge" zwischen beiden. So offenbar auch schon bei den Shintashta-Leuten in der Ukraine ab 2.000 v. Ztr.. Und solche Verhältnisse dürfen dann gerne auch schon für die Indogermanen in den Oasen-Reichen des Tarim-Beckens angenommen werden.

Um 1600 v. Ztr. kommt in die Steppe sogar ein deutlicherer iranisch-neolithischer genetischer Anteil hinzu, ja zum Teil auch bis zu 25 % ostasiatische Herkunft. Es wird allmählich erkennbar, wie komplex hier der Austausch von Menschen und Völkern war, er ging also offenbar nirgendwo nur einseitig in eine Richtung.

Offenbar waren die indogermanischen Völker und Reiche Asiens also früher als bisher gedacht sozusagen "multikulturell". Und die Verhältnisse, die man ab 600 v. Ztr. im Tarim-Becken vorfindet, können schon tausend Jahre früher viel weiter westlich vom Tarim-Becken ebenfalls gefunden werden.

Die eisenzeitliche Genetik der Skythen und Sarmaten hat sich - nach dieser Studie - schon ab 1500 v. Ztr. in Teilen der Turan-Region gebildet. Und daraus läßt sich auch die feststellbare indogermanische Zuwanderung nach Südindien zeitlich genauer eingrenzen, denn sie wird vermutlich vor der dortigen Ethnogenese der Skythen/Sarmaten ab 1500 v. Ztr. gelegen haben, da diese noch keine ostasiatische Genetik mit nach Indien brachte (11):

"Es ist möglich, daß es noch nicht genetisch untersuchte archäologische Völker in Zentralasien ohne nennenswerte ostasiatische Herkunftsanteile gibt, die sich in der Folge nach Südasien ausgebreitet haben. Jedenfalls rührt mindestens einige, wenn nicht die gesamte Herkunft der Herdenhalter der Steppe in Südasien von südwärtsgerichteten Bewegungen im 2. Jahrtausend v. Ztr.."
"It is possible that there were unsampled groups in Central Asia with negligible East Asian admixture that could have migrated later to South Asia. However, at least some (possibly all) of the Steppe pastoralist ancestry in South Asia owes its origins to southward pulses in the 2nd millennium BCE."

Ergänzung 8.11.2020:  

2020 - Die Herkunftsanteile der Turkvölker erhalten eine differenziertere Betrachtung

Aufgrund einer neuen archäogenetischen Studie zum Thema (14, 15), die zurückblicken läßt auf die hier behandelte von 2018, wird im Vergleich deutlich, daß diese ältere noch gar nicht jene Unterscheidung zwischen der nordostasiatischen Genetik in der östlichen Mongolei und der westsibirischen Genetik der westlichen Mongolei vornimmt, die dann in der Studie von 2020 vorgenommen wird. Es war da etwa die Rede von der ... (3)

... südlichen sibirischen Jäger-Sammler-Herkunft, die den stärksten beobachteten Genfluß aufwies in die Kultur der Zentralen Saka. Diese ostasiatische Beimischung ... 
... southern Siberian hunter-gatherer ancestry with the strongest gene flow observed into the Central Sakas. This East Asian admixture ...

Die hier deutlich werdende mangelnde Unterscheidung und Differenzierung zwischen beiden Herkunftsgruppen geht auch aus den graphischen Darstellungen der Herkunftsanteile der unterschiedlichen skythischen Völker und ihrer Nachfolge-Kulturen hervor (Abb. 1): Xiongnu und Hunnen haben nach dieser Darstellung - scheinbar - rein westsibirische Genetik, während sie in Wirklichkeit - nach der neuen Studie - nur nordostasiatische Genetik aufweisen. Beide werden also in der Studie von 2018 in einen Topf geworfen. - Zum Verständnis: Oben rechts in der Grafik aus Abbildung 1 symbolisieren: A, Andronovo-Kultur; B, Neolithic European (Europe_EN); C, Baikal hunter-gatherers; D, Neolithic Iranian (Iran_N).

Abb. 1: orange/braun: osteuropäische Jäger/Sammler, rot: iranisch-neolithische Herkunft, hellblau: anatolisch-neolithische Herkunft, hellgrün: westsibirische Jäger-Sammler-Herkunft (Baikal), bzw. (später, bei Xiongnu und Hunnen) nordostasiatische Herkunft (aus: 3)

Nach der Studie von 2018 weisen die Skythen Ungarns in etwa die Genetik der zweiten Welle der indogermanischen Ausbreitung auf, also der Andronowo-Kultur, allerdings mit einer verstärkten anatolisch-neolithischen Herkunftskomponente (3). In alle sequenzierten skythischen Völker am Tianshan hat sich zu der Genetik der zweiten Welle der indogermanischen Ausbreitung aber (hellgrüne) westsibirische Jäger-Sammler-Genetik - zu 20 bis 40 % - eingemischt (3) (Abb. 1). Dies gilt auch für die "Westlichen Xiongnu" (s. 14, 15), wo ein Fehlen der anatolisch-neolithischen Herkunft allerdings auch auf Herkunft von der ersten Welle der indogermanischen Ausbreitung (in Verbindung mit der Afanasijevo-Kultur) hindeuten könnte (s. Abb. 1).  Über die Skythen hieß es 2018 dementsprechend (3, S. 2):

Wir stellen fest, daß ungarische Skythen vergleichsweise hohe europäische Bauern-Herkunft aufweisen und keine Zeichen eines Genzuflusses von innerasiatischen Gruppen aufweisen. Umgekehrt zeigen die innerasiatischen Saken vergleichsweise hohe südsibirische Jäger-Sammler-Herkunft auf, am meisten in den Zentralen Saken. (...) Die Zunahme der iranisch-neolithischen Herkunft bei den Tianshan-Saken ist beträchtlich, wenn man sie mit der bei den Zentralen Saken vergleicht; die Tagar zeigen höhere Anteile osteuropäischer Jäger-Sammler-Herkunft auf, verglichen mit allen anderen Skythen. (...) Zusammen genommen unterstützen unsere Daten den jüngst aufgrund mitochondrialer DNA-Untersuchungen vermuteten Genfluß zwischen unterschiedlichen skythischen Gruppen nicht, sondern legen eine Vermischung von spätbronzezeitlichen Herdenhalter-Völkern mit verschiedenen örtlichen Völkerschaften nahe. (...) Unsere Daten zeigen, daß äußerlich kulturell ähnliche Skythen genetisch sehr strukturierte Gruppen innerhalb der eurasischen Steppen repräsentieren.
We find that Hungarian Scythians had relatively increased European farmer ancestry (Extended Data Fig. 3) and show no signs of gene flow from Inner Asian groups. Conversely, Inner Asian Sakas show relatively increased southern Siberian hunter-gatherer ancestry with the strongest gene flow observed into the Central Sakas. (...) The increase in Neolithic Iranian ancestry in the Tian Shan Sakas is significant when compared to Central Sakas; the Tagar display increased eastern hunter-gatherer (EHG) ancestry compared to all other Scythians. (...) Taken together, our data do not support the recent mtDNA-based claim of extensive gene flow between the different Scythian groups, but instead indicate admixture between populations of Late Bronze Age herder descent and various local groups, consistent with the multiple origins model (model 3 described above). Our data show that the culturally similar Scythians represented genetically structured groups within the Eurasian steppes.

Die einheitliche Kultur der Skythen zwischen Ungarn und dem Tianshan-Gebirge beruht also auf der indogermanischen Herkunftskomponente der zweiten Ausbreitungsbewegung der Indogermanen in der Mittleren Bronzezeit. Unterschiede innerhalb der Teilstämme der Skythen ergeben sich aufgrund unterschiedlicher Vermischungen mit regional einheimischen Bevölkerungen, im Westen mit verstärkter anatolisch-neolithischer Genetik, im Osten insbesondere mit westsibirischer Genetik (zu geringeren Teilen auch mit iranisch-neolithischer BMAC-Genetik aus der Marghiana in Turkmenistan). Bei den Tagar auch mit osteuropäischer Jäger-Sammler-Herkunft. In der Studie von 2018 wird dann der außer-genetische Forschungsstand zur Geschichte der Turkvölker folgendermaßen umrissen (3):

Es gibt gute Argumente dafür, daß Elemente turkischer Sprachen zurest bei den Xiongnu-Nomaden festzustellen sind. (...) Im allgemeinen wird angenommen, daß sich die Hunnen Richtung Westen ausgebreitet haben und dabei die türkischen Sprachen über ganz Zentralasien ausgebreitet haben auf Kosten der (vorher dort vorherrschenden) iranischen Sprachen.
Original: Turkic language elements arguably first emerged among the Xiongnu nomads. (...) It is commonly believed that the Huns spread westward, disseminating Turkic languages throughout Central Asia at the cost of Iranian languages.

Es bleibt also festzuhalten, daß die Hunnen turksprachig waren. Auf Wikipedia steht dazu interessanterweise (Wiki):

Die Turksprachen haben viele Lehnwörter aus den iranischen Sprachen, vor allem dem Sogdischen sowie dem Persischen, übernommen. Das Sogdische war die weit verbreitete dominante Sprache in Zentralasien und entlang der Seidenstraße nach China, bevor sie durch später eindringende Turksprachen ersetzt wurde. Umgekehrt wurden auch die iranischen Sprachen, auch das Neupersische, von den Turksprachen beeinflußt. Einige Lehnwörter wurden auch aus den chinesischen Sprachen übernommen. So zeigen die Turksprachen frühen Sprachkontakt mit sinitischen (chinesischen) Sprachen auf, bevor die Westwanderung einsetzte.

Und (Wiki):

Die ältesten türkischen Schriftzeugnisse sind die Runeninschriften des Orchon-Jenissei-Gebietes sowie die Turaninschriften. Diese stammen überwiegend aus dem 8. Jahrhundert. Die Schrift, in der die Orchon-Texte überliefert sind, weist äußere Ähnlichkeiten mit den germanischen Runen auf (ohne jedoch mit diesen verwandt zu sein), so daß auch sie als Runenschrift bezeichnet wird.

Und (Wiki):

Nach Josef Matuz reichte die Urheimat der Turkvölker im Norden über den Baikalsee hinaus ins heutige Sibirien hinein, im Westen sei sie von Altai und Sajangebirge, im Osten von den Bergen des Tian Shan und im Süden vom Altungebirge im heutigen Xinjiang umgrenzt gewesen. (...) Unstrittig ist jedoch, daß die Xiongnu teilweise Vorläufer der heutigen Turksprachen benutzten bzw. daß zumindest die herrschende Schicht in dieser Föderation turksprachig war und ein anderer Teil altmongolische und tungusische Sprachen verwendete. So werden sie denn auch überwiegend als „turko-mongolisch“ beschrieben und bezeichnet.

Diese Feststellungen scheinen nun durch die Archäogenetik untermauert, ergänzt und bestätigt zu werden. Es wird auch über die Völker der Wusun (Wiki) und Kangju (Wiki) im Siebenstromland die Angabe gemacht, daß sie einen höheren Anteil iranisch-neolithischer Genetik als die übrigen östlichen Skythen hatten, deshalb heißt es über sie (3, S. 3): 

Wir vermuten deshalb, daß die Wusu-n und Kangju-Gruppen Nachfahren jener bronzezeitlichen Herdenhalter waren, die im Austausch mit der Zivilisation des "Baktrien-Marghiana-Archäologischen Komplexes"  im südlichen Usbekistan und im östlichen Turkmenistan standen.
We therefore suspect that the Wusun and Kangju groups are descendants of Bronze Age pastoralists that interacted with the civilization of the Bactria-Margiana archaeological complex in southern Uzbekistan and eastern Turkmenistan.

Und (3):

So untermauern unsere Ergebnisse die Vermutung, daß das Verschwinden der innerasiatischen Skythen und Sakaen vor zweitausend Jahren mit der Ausbreitung der Xiongnu Richtung Westen zusammen fällt. Diese Invasion der Xiongnu führte ebenso zur Vertreibung isolierter verbliebener Gruppen - die in Beziehung standen zu spätbronzezeitlichen Herdenhaltern - die auf der Südostseite des Tianshan-Gebirges verblieben waren. (...) Wir finden Hinweise darauf, daß Elite-Soldaten, die in Verbindung standen mit dem türkischen Khaghanat Ostasiaten genetisch näher stehen als die vorhergehenden Hunnen des Tianshan-Gebirges. (...) Diese Ergebnisse legen nahe, daß türkische kulturelle Gewohnheiten durch eine ostasiatische Eliten-Minderheit in den Nomaden-Völkern der zentralen Steppe eingeführt wurden, was eine kleine, feststellbare Zunahme von ostasiatischer Herkunft mit sich brachte.
As such our results support the contention that the disappearance of the Inner Asian Scythians and Sakas around two thousand years ago was a cultural transition that coincided with the westward migration of the Xiongnu. This Xiongnu invasion also led to the displacement of isolated remnant groups - related to Late Bronze Age pastoralists - that had remained on the south-eastern side of the Tian Shan mountains. (...) We find evidence that elite soldiers associated with the Turkic Khaganate are genetically closer to East Asians than are the preceding Huns of the Tian Shan mountains. We also find that one Turkic Khaganate-period nomad was a genetic outlier with pronounced European ancestries, indicating the presence of ongoing contact with Europe. (...) Additionally, we analysed ten culturally unaffiliated Medieval-period nomads, most of whom showed pronounced East Asian ancestry, albeit in very different proportions. (...) These results suggest that Turkic cultural customs were imposed by an East Asian minority elite onto central steppe nomad populations, resulting in a small detectable increase in East Asian ancestry.

Dabei wird - wohlgemerkt - noch nicht unterschieden zwischen der nordostasiatischen Herkunftskomponente, von der hier vornehmlich die Rede ist und der - in der Mongolei damals weitgehend aussterbenden - westsibirischen Herkunftskomponente (14, 15). Weiterhin heißt es (3): 

Die weite Verbreitung von Turksprachen vom nordwestlichen China, der Mongolei und Sibirien im Osten bis in die Türkei und Bulgarien im Westen setzt großräumige Ausbreitungsbewegungen aus der Urheimat in der Mongolei seit ungefähr 2000 Jahren voraus. Die Verzweigung innerhalb der Turksprachen setzt mehrere Ausbreitungswellen voraus. (...) Die ostasiatische Ausbreitungsbewegung, die mit den Xiongnu beginnt, stimmt gut mit der Hypothese zusammen, daß als Hauptsprache der Xiongnu-Gruppen eine frühe Turksprache gesprochen wurde. Spätere Ausbreitungen von Ostasiaten Richtung Westen finden eine gute sprachliche Entsprechung in dem Einfluß des Mongolischen auf Turksprachen und auf das Iranische in dem letzten Jahrtausend.
The wide distribution of the Turkic languages from Northwest China, Mongolia and Siberia in the east to Turkey and Bulgaria in the west implies large-scale migrations out of the homeland in Mongolia since about 2,000 years ago. The diversification within the Turkic languages suggests that several waves of migration occurred and, on the basis of the effect of local languages, gradual assimilation to local populations had previously been assumed. The East Asian migration starting with the Xiongnu accords well with the hypothesis that early Turkic was the major language of Xiongnu groups. Further migrations of East Asians westwards find a good linguistic correlate in the influence of Mongolian on Turkic and Iranian in the last millennium.

Wie gesagt, verliert sich nach den Ergebnissen der Studie von 2020 die westsibirische Herkunftskomponente nach dem Ende des Großreiches der Xiongnu im Großraum der Mongolei. In den nachfolgenden Turkvölkern scheint sie ebensowenig mehr vorhanden zu sein wie die vorherigen indogermanischen Herkunftsanteile. Aber an ihre Stelle tritt - zu 5 % (bei den Khitan [Wiki]) bis 45 % (bei den Uiguren) - Genetik der Sarmaten und Alanen.

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  1. Allentoft et. al. 2015 (Eske Willerslev): Population genomics of bronze age Eurasia. Nature Magazine 
  2. Damgaard et. al. 2018 (Eske Willerslev): The first herders and the impact of early Bronze Age steppe expansions into Asia. Science Magazine, 9. Mai 2018
  3. Damgaard et. al. 2018 (Eske Willerslev): 137 ancient human genomes from across the Eurasian steppes. Nature Magazine, 9. Mai 2018
  4. Bading, Ingo: Die Frühbronzezeit in den Fürstentümern der Seidenstraße. 4. November 2007, http://studgendeutsch.blogspot.com/2007/11/die-vor-wenigen-wochen-erffnete.html 
  5. Bading, Ingo: Aufsatzreihe zu den Sogdern und Tocharern, 2007, http://studgendeutsch.blogspot.com/search/label/Sogder
  6. Bading, Ingo: Neue Forschungen zur Entstehung der Indogermanen. Wie entstanden die modernen europäischen Völker? - Ancient-DNA-Forscher David Reich berichtet über den aktuellen Forschungsstand. 2. Juli 2017, http://studgendeutsch.blogspot.com/2017/07/neue-forschungen-zur-entstehung-der.html
  7. Bading, Ingo: Aufsätze zur Indoeuropäer-Frage, 2007-2017, http://studgendeutsch.blogspot.com/search/label/Indoeurop%C3%A4er
  8. Bading, Ingo: Aktuellste schriftliche Blogbeiträge seit 2018 immer auf: https://plus.google.com/+IngoBading [Google Plus-Dienst ist inzwischen - 2019 - eingestellt]
  9. London, Jack: Ein Sohn der Sonne. http://gutenberg.spiegel.de/buch/ein-sohn-der-sonne-10086/1
  10. Wade, Lizzie: Ancient DNA untangles South Asian roots. In: Science, 20 Apr 2018: Vol. 360, Issue 6386, pp. 252 DOI: 10.1126/science.360.6386.252, http://science.sciencemag.org/content/360/6386/252.full
  11. Vagheesh M Narasimhan et. al. (inkl. David Reich): The Genomic Formation of South and Central Asia. bioRxiv 292581; doi: https://doi.org/10.1101/292581 This article is a preprint and has not been peer-reviewed, 31.3.2018, https://www.biorxiv.org/content/early/2018/03/31/292581
  12. Khan, Razib: The Maturation Of The South Asian Genetic Landscape. Gene Expression, 31.3.2018, https://www.gnxp.com/WordPress/2018/03/31/the-maturation-of-the-south-asian-genetic-landscape/
  13. Rohan Venkataramakrishnan: Aryan migration: the Indus Valley civilisation is key to all South Asian populations. Scroll.in, Apr 02, 2018, https://scroll.in/article/874102/aryan-migration-everything-you-need-to-know-about-the-new-study-on-indian-genetics 
  14. A Dynamic 6,000-Year Genetic History of Eurasia’s Eastern Steppe. Choongwon Jeong, Ke Wang, Shevan Wilkin, Myagmar Erdene, Jessica Hendy, Christina Warinner. Cell, Open Access, Published:November 05, 2020, DOI:https://doi.org/10.1016/j.cell.2020.10.015, https://www.cell.com/cell/fulltext/S0092-8674(20)31321-0.
  15. Bading, Ingo: Turkvölker, Indogermanen, Sarmaten und Hunnen - Zwischen Mongolei und Kaukasus  Die Geschichte der Völker in der Mongolei und rund um das Altai-Gebirge, 7. November 2020, http://studgendeutsch.blogspot.com/2020/11/turkvolker-indogermanen-sarmaten-und.html.
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