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Dienstag, 12. September 2023

"Auf feuchter Wiese der Charente"

"Das Nächste Beste" - Der Zug der Stare als geschichtsphilosophisches Gleichnis

Das Hölderlin-Jahrbuch des Jahres 1998/99 enthält einen Aufsatz, dessen Titel uns ins Auge gefallen ist (1): 

"Wie ein Hund - Zum „mythischen Vortrag“ in Hölderlins Entwurf ‘Das Nächste Beste’".

Die ersten drei Worte spielen auf die Zeile eines jener Gedichtentwürfe Hölderlins an, die einen immer schon in besonderem Maße angesprochen haben, nämlich des Gedichtentwurfes "Vom Abgrund nämlich". Es handelt sich um die Zeilen:

               Bald aber wird, wie ein Hund, umgehn
In der Hitze meine Stimme auf den Gassen der Gärten
In denen wohnen Menschen
In Frankreich.
Erst unlängst war uns der Gedanke gekommen, daß gerade auch dieser Gedichtentwurf inhaltlich zu der geschichtsphilosophischen Thematik "Griechenland - Hesperien" paßt, die hier auf dem Blog inzwischen mehrfach erörtert worden ist.

Abb. 1: Ein Schwarm Stare auf der Nordseeinsel Juist, September 2010 (Wiki) (Fotograf "4028mdk09") 

In seiner Gesamtheit lautet der Gedichtentwurf folgendermaßen:

Vom Abgrund nämlich haben
Wir angefangen und gegangen
Dem Leuen gleich, in Zweifel und Ärgernis,
Denn sinnlicher sind Menschen
In dem Brand
Der Wüste
Lichttrunken und der Tiergeist ruhet
Mit ihnen. Bald aber wird, wie ein Hund, umgehn
In der Hitze meine Stimme auf den Gassen der Gärten
In denen wohnen Menschen
In Frankreich.
Der Schöpfer.
Frankfurt aber, nach der Gestalt, die
Abdruck ist der Natur zu reden
Des Menschen nämlich, ist der Nabel
Dieser Erde, diese Zeit auch
Ist Zeit, und deutschen Schmelzes.
Ein wilder Hügel aber stehet über dem Abhang
Meiner Gärten. Kirschenbäume. Scharfer Odem aber wehet
Um die Löcher des Felses. Allda bin ich
Alles miteinander. Wunderbar
Aber über Quellen beuget schlank
Ein Nußbaum und ... sich. Beere, wie Korall
Hängen an dem Strauche über Röhren von Holz,
Aus denen
Ursprünglich aus Korn, nun aber zu gestehen, befestigter Gesang von Blumen als
Neue Bildung aus der Stadt, wo
Bis zu Schmerzen aber der Nase steigt
Zitronengeruch auf und das Öl, aus der Provence, und es haben diese
Dankbarkeit mir die Gasgognischen Lande
Gegeben. Gezähmet aber, noch zu sehen, und genährt hat mich
Die Rappierlust und des Festtags gebraten Fleisch
Der Tisch und braune Trauben, braune
... und mich leset o
Ihr Blüten von Deutschland, o mein Herz wird
Untrügbarer Kristall an dem
Das Licht sich prüfet wenn ... Deutschland

Wenn solche Worte fallen, möchte man selbst ganz verstummen. Hier hat sich jemand bis an die Grenze des Sagbaren gewagt, womöglich noch darüber hinaus. 

Dieser Gedichtentwurf ist voller Bezüge, und zwar unterschiedlichster Art. Natur und Geschichte sind auf verschiedenerlei Beziehungsebenen miteinander in Verbindung gebracht. 

Auf die Erwähnung von Frankreich folgt gleich in der übernächsten Zeile die Erwähnung von Frankfurt und zum Schluß von Deutschland. Das Wechselspiel zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen Süd und Nord innerhalb Europas, zwischen Gascogne und Hessen, der Gedanke von diesem Wechselspiel bildet allzu deutlich einen Hintergrund zu diesem Gedichtentwurf.

Eine der wichtigsten Zeile zur inhaltlichen Deutung desselben scheint uns dann aber - unter den Vorzeichen der Griechenland-Hesperien-Erörterungen - die Zeile:

"Denn sinnlicher sind Menschen / In dem Brand / der Wüste". 

Damit scheint uns doch - einmal erneut - der "südliche Mensch" angesprochen zu sein. Er lebt - nicht zuletzt - auch in Bordeaux, in der Gascogne. Er lebt nahe an Afrika und seiner Wüste. Aber der "Tiergeist", der zugleich das Feuer vom Himmel ist ("lichttrunken"), der schläft mit ihm, mit dem Menschen des Südens. So wie Cerebus schläft, der Hund, der den Eingang der Unterwelt bewacht, so daß die Toten sich ungehindert unter die Lebenden mischen können und umgekehrt (1). Die Nacht herrscht, die Dunkelheit.

Der Tiergeist ist eingeschlafen in jenem Abgrund, der sich mit dem Untergang der antiken Mittelmeerkultur und mit dem Heraufkommen des Abendlandes aufgetan hat. Die Welt der Wirklichkeit ist zu Träumen der Nacht geworden.

Und nun haben "wir" - die Menschen des Abendlandes - aus dem Abgrund, der sich in dieser Dunkelheit, in dieser Nacht aufgetan hat, "angefangen" und "sind gegangen / dem Leuen gleich". 

So dieses geschichtsphilosophische Bild, bzw. eine erste Ausdeutung dieser Zeilen des Gedichtentwurfes.

Der Leu, der Löwe steht hier, soweit uns das derzeit - vom Rhythmus des Gedichtes und seines Gedankenganges her - verständlich ist, für den hesperischen Menschen, den nüchternen Menschen. Er geht nüchtern und ernüchtert - in Zweifeln und in Ärgernis - seinen Gang. Es ist der mittelalterliche Mensch und jener Mensch, der mit Restbeständen von "Mittelalter" noch zu Zeiten von Hölderlin ringt.

Von diesem nüchternen, ernüchterten Menschen erwartet Hölderlin - aktuell, für die Zeit seines Lebens und seines Dichtens - keine gar zu umwälzenden Dinge. Hölderlin aber harrt einem umwälzenden gesellschaftlichen Geschehen entgegen, einer Umwälzung aller Dinge. Er verkündet es in seinen Dichtungen,. Er möchte den Weg bahnen für diese Umwälzung. Er möchte die Menschen vorbereiten - auf diese Umwälzung.

Abb. 2: Die Verbreitung des Gemeinen Stars (Wiki) - Dunkle Farben einheimisch, helle Farben eingeführt; grün Heimat, gelb Sommergast, blau Wintergast

Zu seiner eigenen Zeit erwartet Hölderlin von den sinnlichen Menschen des Südens - trotz ihres Schlafes - noch eher etwas. Sie haben ja auch zu seiner Zeit - in Revolution und Gegenrevolution - heftig für umwälzende Dinge gekämpft in der Weltgeschichte.

Hölderlin glaubt offenbar auch, den Menschen des Südens selbst erneut und leichter entflammen zu können - durch seine Dichtung, durch seine Gedanken. Und womöglich hat er auch damit recht behalten: Der Marxismus, der - über Hegel - in letzter Instanz auf ihn, auf Hölderlin, zurück geht, sollte recht bald umgehen "in der Hitze" in den Städten, in denen wohnen Menschen, in Frankreich. Noch auf länger hin sollten sich viele weltgeschichtlichen Umwälzungen in Frankreich früher und wenigstens zum Teil auch heftiger vollziehen als in Deutschland. Man könnte in diesem Zusammenhang an die Pariser Commune des Jahres 1871 denken.

Zu dem Zeitpunkt als wir in unseren Vorüberlegungen an diesem Punkt angelangt waren, stießen wir auf den Eingangssatz des eingangs genannten Aufsatzes. Er lautet (1):

Hölderlins poetischer Spätstil nach der Rückkehr aus Frankreich, der Inhalt des "Homburger Folioheftes", wirft nicht nur in editorischer Hinsicht gewaltige Probleme auf, unklar ist auch, wie der bis heute schockierende Tonfall dieser Verse angemessen zu beschreiben wäre.

Die hier gewählte Charakterisierung "schockierender Tonfall" erscheint uns selbst schon eine angemessene Beschreibung zu sein. Deshalb, immerhin, eine Hölderlin womöglich sehr gerecht werdende Fragestellung: Wie kann das Aufwühlende dieser Verse, wie kann die ihnen zugrunde liegende tiefere Wahrheit gedeutet, umschrieben werden, verständlich gemacht werden? 

Auf die Thematik des Homburger Folienheftes insgesamt waren wir erstmals 2019 gestoßen (DVHS2019). Seither ist uns klar, daß wir uns mit diesem Thema nach und nach noch ausführlicher beschäftigen müssen.

Die Abfolge der Gedichte in diesem Folioheft, steht, so fanden wir 2019 schon sehr interessant, womöglich in einem sinnvollen Zusammenhang miteinander. Vielleicht wollte Hölderlin nämlich - so war zu erfahren - sie in genau dieser Reihenfolge auch veröffentlichen (Wiki). 

Im Dezember 1801 war Hölderlin nach Bordeaux aufgebrochen, Ende Mai 1802 war er von dort nach Nürtingen zurück gekehrt. Von 1804 bis zum 11. September 1806 lebte er dann auf Einladung seines Freundes Isaac von Sinclair in Bad Homburg. Isaac von Sinclair bestritt auch die Kosten seiner Anstellung an der dortigen Bibliothek aus seinem eigenen Einkommen. Am Ende dieser Zeit stand die Anklage wegen Hochverrat, die Anklage, von Sinclair, Hölderlin und andere hätten Pläne verfolgt, den Herzog von Württemberg zu ermorden ...

"Bald aber wird, wie ein Hund, umgehn / In der Hitze meine Stimme auf den Gassen der Gärten / In denen wohnen Menschen / In Frankreich."

Wenn noch heute der Tonfall solcher Verse als "schockierend" wahrgenommen werden kann, dann wird man sich womöglich auch nicht wundern, wenn Strafverfolungsbehörden damaliger Zeit unruhig wurden, wenn sie einen Dichter im stillen Kämmerlein solche und andere Worte dichten sahen und ihn befreundet sahen mit einem politisch, revolutionär umtriebigen Minister eines kleines deutschen Duodez-Fürstentums. Da mag es niemanden mehr wundern, daß Hölderlin in jenen Tagen begann, den Verrückten zu spielen und hinaus in die Gassen von Bad Homburg rief: "Ich will kein Jakobiner sein. Ich bin ein getreuer Untertan meines lieben Herzogs." 

Schlafende Hunde waren nämlich schnell geweckt. Mitunter sogar im schläfrigen Deutschland ...

Etwa am Anfang des dritten Drittels dieser Gedichte und Gedichtentwürfe des Homburger Folienheftes, die fast allesamt berühmt sind, finden sich die Entwürfe "Das Nächste Beste" und "Vom Abgrund nämlich". Mit diesen beiden Gedichtentwürfen vor allem ist der genannte Aufsatz befaßt. Er sieht sie in einem gedanklichen Zusammenhang miteinander stehen (1).

Abb. 3: "Auf feuchter Wiese der Charente" - Hier die Charente bei Rochefort, schon fünfzehn Kilometer vor ihrer Mündung in den Atlantischen Ozean (Wiki) (Fotograf: Jean-Pierre Bazard, 2014)

Immer erneut ist es ein poetisches Bild, wenn sich die Stare im Herbst sammeln. Wenn sie schließlich in den Süden, ans Mittelmeer ziehen. In großen Schwärmen fliegen sie zum Himmel auf. Und der Schwarm bricht immer wieder nach einer neuen Richtung aus, so daß ganz ungewöhnliche Formationen entstehen. Ein umtriebiges, schnelles Völkchen, diese Stare. 

Ebenso poetisch dürfte das Bild sein, wenn sich die Stare im März und April in vielen Teilen des Mittelmeerraumes und des südlichen Frankreich sammeln, um wieder zurück in den Norden ziehen. 

Die Stare als Mittler zwischen Süden und Norden

In diesem Bild vom Zug der Stare hat Hölderlin einen tiefen philosophischen, geschichtsphilosophischen Gedanken gefaßt, er hat diesem Gedanken durch dieses Bild eine ganz besondere Färbung, Tönung und Stimmung gegeben. Die Natur und die Geschichte verschmelzen in diesem Bild in eines. 

Das Sammeln der Stare und der Zug der Stare - im Herbst nach Süden und im Frühjahr nach Norden - ist ihm ein Bild für den engen Zusammenhang, für das enge Zusammenspiel, für die "Verwandtschaft", die "Dialektik" zwischen der Geisteswelt und dem kulturellen und revolutionären Wollen des "südlichen Menschen" in Südeuropa und der Geisteswelt und dem kulturellen und revolutionären Wollen des nördlichen Menschen in Mittel- und Nordeuropa. Es ist ihm ein Bild für: 

"Das Nächste Beste". 

Denn es handelt sich um zwei Geisteswelten, die geographisch nah beieinander liegen und jede der Geisteswelten bildet - womöglich - für die jeweils andere "Das Nächste Beste". Die Dialektik zwischen beiden Großräumen hat die Geistesgeschichte Europas in den letzten eineinhalb Jahrtausenden jedenfalls wieder und wieder bestimmt. 

Das "germanische" Element, in dem der Protestantismus seine stärksten Wurzeln hat, und das "romanische" Element, in dem der Katholizismus viel länger überleben konnte. Damit sollen nur zwei der wesentlichsten Geistestendenzen des letzten Halbjahrtausends heraus gegriffen sein.

Das Nächste ist das Beste, das ist der Grundgedanke. Die romanische Welt ist das Beste, was der germanischen Welt geschehen konnte, die germanische Welt ist das Beste, was der romanischen Welt geschehen konnte. Obwohl der protestantische Mensch des Nordens letztlich im Protest gegen den Süden zu diesem protestantischen Menschen wurde, in der Abgrenzung zum Süden, spürt Hölderlin doch zugleich auch die Nähe zwischen beiden Welten. Er spürt, daß das Nächste für den jeweils anderen zugleich das Beste sein könnte. Obwohl der protestantische, deutsche Mensch den revolutionären Gedanken Frankreichs von 1789 eher ins Geistige verschoben wissen wollte (im Sinne der damaligen umwälzenden deutschen Philosophie), war doch das revolutionäre Geschehen in Frankreich für das damalige Deutschland "Das Nächste Beste".

Doch kehren wir zunächst noch einmal zum Gemeinen Star zurück. Auf Wikipedia lesen wir über ihn die trockenen Angaben (Wiki):

Der Großteil der Stare Europas überwintert im Mittelmeerraum und in Nordwestafrika sowie im atlantischen Westeuropa. (...) Anfang September beginnt der eigentliche Wegzug, er erreicht seinen Höhepunkt Mitte Oktober und ist Ende November weitgehend abgeschlossen. Der Heimzug beginnt im Februar und ist in Mitteleuropa meist Ende März, im Norden Europas erst Anfang Mai beendet.

97,5 % aller Stare in der Schweiz und in Süddeutschland, sowie 92 % aller Stare östlich der Elbe und östlich des Böhmerwaldes wandern in den Süden. Nur je 2,5 % bis 8 % der Stare bleiben während des Winters in den jeweils genannten Gegenden vor Ort. 

Abb. 4: Eine Bauernfähre über die Charente bei Roffit, Südwestfrankreich, gemalt von L-E May, 1866, Museum der Schönen Künste Angoulême (Wiki)

Welch ein schönes Bild, dieses Wandern des menschlichen Geistes hinüber und herüber über die Jahrhunderte hinweg als Staren-Zug zu beschreiben und zu charakterisieren. Dieser Staren-Zug rückt weit entfernte Gegenden nah zueinander, beläßt ihnen dabei jedoch zugleich ihre jeweilige Eigenart und ihren Abstand zueinander. 

Der Weg von Bordeaux nach Paris

Im Mai 1802 war Hölderlin mit dem "schönsten Zeugnis" von seinem dortigen deutschen Brotgeber, in dessen Haus er nur wenige Monate als Hauslehrer gelebt hatte, geschieden. Bordeaux gehört zum Departement Gironde. Und 1802 waren die Erinnerungen noch frisch daran, daß aus den Gegenden des Departments Gironde vor allem die Girondisten (Wiki) stammten, jene einflußreiche Gruppierung von Abgeordneten des revolutionären Frankreich, die aus dem südlichen und westlichen Frankreich stammten, und die zwischen 1791 und 1793 - also erst zehn Jahre zuvor - die Revolution in Frankreich voran getrieben hatten. Auf dem englischen Wikipedia ist über sie zu lesen (Wiki):

Sie setzten sich für das Ende der Monarchie ein, widersetzten sich dann aber der rasanten Dynamik der Revolution. Das führte zu einem Konflikt mit den radikaleren Montagnards. Sie dominierten die Bewegung bis zu ihrem Sturz im Aufstand vom 31. Mai bis 2. Juni 1793. Dieser führte zur Vorherrschaft der Montagnards und zur Säuberung und schließlich zur Massenhinrichtung der Girondisten. Dieses Ereignis steht am Beginn der Schreckensherrschaft.

Man kann vielleicht - in einem sicherlich sehr unzulänglichen Vergleich - sagen, daß die Girondisten so etwas wie die gemäßigten "Mehrheitssozialdemokraten" der russischen Revolution von 1917 und der deutschen Revolution von 1918 waren. Auch die Sozialdemokraten befürworteten die Abdankung des Zaren von Rußland und der Kaiser von Deutschland und Österreich. Aber auch die Sozialdemokraten wurden schließlich in Rußland von den "Kommunisten" "überrannt" und ersetzt, bzw. standen in Deutschland in Gefahr, von den Kommunisten ersetzt zu werden. (Vor letzterem bewahrte sie nur das Bündnis mit einer stärkeren demokratischen Mitte und mit den politisch rechtsstehenden Freikorps. Das Überrennen der Sozialdemokraten gelang östlich der Elbe erst nach einem verheerenden Zweiten Weltkrieg.)

In Deutschland hat ein großer Teil der fortschrittlicher denkenden Kreise nach 1789 sicherlich mit den Girondisten sympathisiert. Hölderlin kam in Bordeaux also - von diesem Blickwinkel her gesehen - in eine "Heimat seines Geistes", nämlich in die Heimat des Geistes der Revolution von 1789 bis 1791. 

Von Bordeaux nach Paris sind es 550 Kilometer. Über 75 Kilometer hinweg wird dieser Weg von dem romantischen kleinen Flüßchen Charente (Wiki) begleitet, grob gesagt zwischen Angoulême und Civray (s. Abb. 5). Die Charente fließt durch viele anmutige kleinere und größere Ortschaften. An ihrem Ufer reihen sich entlang: romantische Mühlen, Schlösser und stille Parks (WikiCom).

Der direkte Fußweg nach Paris überquert diesen Fluß (nach Google Maps) erstmals bei Châteauneuf-sur-Charente, einige Kilometer flußabwärts von Angoulême. Er führt dann flußaufwärts an der Charente entlang. Sie schlängelt immer wieder wechselnd einmal rechts, einmal links des Weges parallel und muß deshalb mehrere male überquert werden. So bei Montignac-Charente, bei Mansle, bei Verteuil-sur-Charente und zum letzten mal bei Civray. Dort schließlich läßt der Wanderer den Fluß hinter sich. Der Wanderer hat das Ziel "Paris" vor Augen. Auf diesem Weg sind - sicherlich - auch viele "Girondisten" zuvor schon gen Paris gewandert oder gefahren.

Abb. 5: Die Charente (Wiki)

Über mehr als 300 Kilometer hinweg fließt die Charente - insgesamt gesehen - von Osten nach Westen durch Frankreich und mündet unterhalb von Rochefort in den Atlantischen Ozean. Etwa 130 Kilometer weiter im Norden der Charente findet sich einer ihrer Parallelflüsse, nämlich die Vendée (Wiki). Und mit ihr fällt erneut ein geschichtsträchtiger Name. Dieses Flüßchen hat jenem Departement Vendée seinen Namen gegeben, in dem es nach Beginn der oben erwähnten Schreckensherrschaft 1793 bis 1796 die schwersten gegenrevolutionären Aufstände innerhalb Frankreichs gegeben hat, in denen die Menschen am Heftigsten im Für und Wider des "patriotischen Zweifels" lebten (so der Ausdruck von Hölderlin dazu).

Diese mußten somit bei den fortschrittlicher denkenden Menschen in Frankreich und Deutschland ebenfalls viel Anteilnahme finden. Man kann sagen, daß der Weg von Bordeaux nach Paris zwischen Châteauneuf-sur-Charente und Poitiers "in der Nähe" des Aufstandsgebietes der Vendée viele Gedanken in Hölderlin aufwühlen konnte. So jedenfalls hat es Hölderlin selbst ja dargestellt.

Ein halbes Jahr nach seiner Rückkehr, im November 1802, hat Hölderlin ja von Nürtingen aus an seinen Freund Böhlendorf jenen Brief geschrieben, den wir schon einmal zitiert hatten (s. Stgen2023), der aber - wie uns jetzt klar wird - viel mehr noch von den Eindrücken seiner Rückreise geprägt gewesen sein wird als von den Eindrücken seiner Hinreise (auf die wir diese Ausführungen vor allem bezogen hatten). Mögen also diese Worte aus dem Blickwinkel der Erfahrungen der Rückreise noch einmal gelesen werden:

"Ich habe Dir lange nicht geschrieben, bin indes in Frankreich gewesen und habe die traurige einsame Erde gesehn, die Hirten des südlichen Frankreichs und einzelne Schönheiten, Männer und Frauen, die in der Angst des patriotischen Zweifels und des Hungers erwachsen sind.
Das gewaltige Element, das Feuer des Himmels, und die Stille der Menschen, ihr Leben in der Natur und ihre Eingeschränktheit und Zufriedenheit, hat mich beständig ergriffen, und wie man Helden nachspricht, kann ich wohl sagen, daß mich Apollo geschlagen.
In den Gegenden, die an die Vendée grenzen, hat mich das Wilde, Kriegerische interessiert, das rein Männliche, dem das Lebenslicht unmittelbar wird in den Augen und Gliedern und das im Todesgefühle sich wie in einer Virtuosität fühlt und seinen Durst, zu wissen, erfüllt.
Das Athletische des südlichen Menschen, in den Ruinen des antiken Geistes, machte mich mit dem eigentlichen Wesen der Griechen bekannter. ..."

So die Kernsätze dieser Ausführungen.

Es kommt einem beim Lesen der Gedanke, daß Hölderlin seinen Freund Isaac von Sinclair, durch den er 1806 in die Hochverrats-Anklage hinein geraten sollte, mit solchen, soeben beschrieben südlichen Menschen, Männern identifiziert haben könnte, da ihn doch auch an ihm - sozusagen - "das Wilde, Kriegerische, rein Männliche" interessiert haben wird, ungefähr all das, was er in seinem Roman "Hyperion" dem Freund des Hyperion, dem Alabanda, zugeschrieben hat. 

Diesem kriegerischen, revolutionären und gegenrevolutionären Menschen traute Hölderlin für seine Gegenwart und Zukunft noch mancherlei zu. Ihn dachte er mit, wenn er die Worte formulierte 

"und sind gegangen / dem Leuen gleich / in Zweifel und in Ärgernis".

Am 10. Mai 1802 hatte sich Hölderlin also in Bordeaux den Paß nach Paris ausstellen lassen.

"Auf feuchter Wiese der Charente"

Er war dann jenen Staren nachgezogen, die schon im März und April dem "Nordost" entgegen gezogen waren, der gemeinsamen Heimat entgegen. In seiner Dichtung "Das Nächste Beste" spricht Hölderlin von den Staren, die im März und April gen Norden ziehen:

... Sie spüren nämlich die Heimat,
Wenn
Auf feuchter Wiese der Charente ....

Und ihnen machet wacker
Scharfwehend die Augen der Nordost, fliegen sie auf,



           der Katten Land
Und des Württembergers
Kornebene,

Nur Bruchteile dieses Gedichtes sind fertig gestellt worden, bzw. sind erhalten. Vieles bleibt offen, vieles ungesagt. Doch jeder spürt, daß auch schon in diesen Bruchteilen so viel enthalten ist und noch so viel mehr "zwischen" den Zeilen steht.

"Der Katten Land" - das ist das Land rund um Frankfurt am Main und rund um Homburg vor der Höhe. Dort wird diese Dichtung selbst entstanden sein. Frankfurt am Main nennt Hölderlin in dem eingangs angeführten Gedichtentwurf den "Nabel der Welt". Er ist nicht nur der Ort seiner Liebe zu Diotima, er ist auch der Ort seiner philosophischen Gespräche mit Sinclair und Hegel. Und sowohl Sinclair wie Hegel ebenso wie Hölderlin - wie später Heinrich Heine oder Karl Marx - waren sich bewußt, daß die Philosophie, die man hier untereinander erörterte, revolutionäres Potential enthielt, daß sie Gedanken enthielt, die zur Tat aufforderten, zur Tat entflammten. Dieses revolutionäre Potential sollte sich dann ja auch entfalten, als der philosophische Kreis um den Nachfolger Hegels, rund um Eduard Gans - unter anderem Heinrich Heine, unter anderem Karl Marx - ab 1831 begann, die Philosophie Hegels positivistisch und materialistisch umzudeuten ...

Damit konnte sie dann noch mehr "wie ein Hund umgeh'n" ....

Schlüsselstellung in der Philosophiegeschichte um 1795

Welches revolutionäre Potential in dem damaligen Philosophieren enthalten war, das ist erst durch den deutschen Philosophen Dieter Henrich voll entfaltet und heraus gearbeitet worden. Dazu lesen wir (2, S. 5f):

Forschungen der vergangenen Jahre, besonders die von Dieter Henrich eingeleiteten Studien zur Rolle Hölderlins im Idealismus (...) zeigen, (...) daß er geradezu eine Schlüsselstellung in der Philosophiegeschichte um 1795 einnimmt. 

Es mag Sinn machen, auch noch einen Blick zu werfen in die höchst aufschlußreiche Dissertation der Autorin jenes Aufsatzes, der Auslöser für diesen Blogartikel geworden ist (2). Im ersten Kapitel derselben behandelt sie den interessanten Gedanken, daß das philosophische Nachdenken Hölderlins schließlich - wie dasjenige Schillers - zu dem Ergebnis kam, daß ihre Zeit noch nicht reif war für einen abschließenden großen philosophischen Wurf. Dieser sei erst von künftigen Zeitaltern zu erwarten. 

Und daß die gültigsten Aussagen in ihrer Zeit nicht - wie von Schelling und Hegel versucht - in ein philosophisches System gebracht werden konnten, das dem Gesamtgeschehen in diesem Universum gerecht würde, sondern nur in poetische Form gekleidet werden könnten, und zwar in eine neue Form des Mythos. Das arbeitet die Autorin aufwühlend heraus. 

Das zweite Kapitel behandelt dann die sogenannte "intellektuale Anschauung", einen zentralen Begriff in dem Philosophieren Hölderlins, aber auch in dem Philosophieren Schellings. Dabei handelt es sich um jenes Gotterleben, das der zweiten Seite der Wirklichkeit - über das Erleben des Wahren, Guten und Schönen - zugewandt ist - nach der Deutung der Philosophie des 20. Jahrhunderts (M. Ludendorff).

René Descartes - Verkörperung von "Das Nächste Beste"

[Ergänzung 21.2.24] Es muß in den hier erörterten Zusammenhängen ohne Frage darauf Bezug genommen werden, daß Hölderlins Weg zwischen Poitiers und Paris auch zumindest in die Nähe der Kleinstadt La Haye-en-Touraine kam, der Geburtsstadt des großen René Descartes (1596-1650) (Wiki) (heute deshalb "Descartes" benannt), also nach dem Denken Hölderlins in die Nähe des Geburtsortes des modernen, neuzeitlichen Denkens überhaupt (Wiki):

In seinen Geschichtsvorlesungen lobt Georg Wilhelm Friedrich Hegel Descartes ausdrücklich für seine philosophische Innovationskraft: Bei Descartes fange das neuzeitliche Denken überhaupt erst an, seine Wirkung könne nicht breit genug dargestellt werden. (...) In Descartes’ archimedischem Denkpunkt des „cogito ergo sum“ sieht Hegel einen Beleg dafür, daß Denken und Sein eine „unzertrennliche Einheit“ bilden (vgl. Parmenides), weil an diesem Punkt Verschiedenheit und Identität zusammenfallen. Hegel übernimmt dieses „Anfangen im reinen Denken“ für seine idealistische Systematik.

Hegel hat die Unterscheidung zwischen Sein und Ur-Teilung nie so scharf unternommen wie sein Freund Hölderlin. Aber auch für Hölderlin ist dieses "cogito, ergo sum", die er eben als die "Ur-Teilung" benennt (in seinem Text "Urteil und Sein"), ohne Frage der Beginn des neuzeitlichen Denkens, das über Umwege (also dialektisch) zur Wahrheit führe, der Beginn des von ihm benannten Ganges "dem Leuen gleich in Zweifel und Ärgernis" (siehe oben). Wir lesen (4):

Auch in seinen philosophischen Schriften und in dem Briefroman „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“ bezog sich Hölderlin auf diese „allumfassende Gottheit“. (...) Diese Einheit sei in der Neuzeit verlorengegangen; der Verantwortliche für den Sündenfall ist für Hölderlin René Descartes, der eine Teilung der Welt in Subjekt und Objekt, in eine res cogitans und in eine res extensa vornahm. Dadurch wurde die ursprüngliche Einheit zwischen Mensch und Natur zerstört. Die Reflexion vertrieb den Menschen aus dem paradiesischen „Urzustand“ und setzte ihn dem Dressurakt der Rationalisierung aus, der für die Unterdrückung der Triebe, der Emotionen, der Phantasie und der Träume verantwortlich ist (...): „Ach! wär ich nie in eure Schulen gegangen. Ich bin bei euch so recht vernünftig geworden, habe gründlich mich unterscheiden gelernt von dem, was mich umgibt, bin nun vereinzelt in der schönen Welt, bin so ausgeworfen aus dem Garten der Natur, wo ich wuchs und blühte, und vertrockne an der Mittagssonne." (Zitat Hyperion)

Dieser Umstand war ohne Frage mitgedacht, als Hölderlin die Stare - als Verkündiger des Weltgeistes - von den feuchten Wiese der Charente her Richtung Deutschland fliegen ließ, ...

Und Eck um Ecke
Das Liebere gewahrend,
Denn immer halten die sich genau an das Nächste,
Sehn sie die heiligen Wälder und die Flamme, blütenduftend, ...

Weil es, unter anderem René Descartes war, der - in der Touraine geboren - in Paris, in den Niederlanden, in Prag, in Ulm, in England und in Kopenhagen lernte und lehrte. René Descartes ist womöglich gar die deutlichste Verkörperung von "Das Nächste Beste".


/ Im Entwurf: 17.7.2023 /

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Anmerkung: Wir beziehen uns in diesem Blogartikel auf Ausführungen von Annette Hornbacher. Diese hat Philosophie, Ethnologie und Literaturwissenschaft in Tübingen studiert. 1993 hat sie promoviert über "Friedrich Hölderlins poetisch-mythische Kritik der Aufklärungsphilosophie". Dieses Buch enthält ebenfalls viele wertvolle philosophische Gedanken. Hornbacher hat danach eine sehr wechselhafte akademische Laufbahn angetreten, sich bewegend zwischen Philosophie, Völkerkunde und Dramaturgie. 2003 wurde sie auf eine Professur für Völkerkunde in Heidelberg berufen. Heute forscht sie über tantrisches Gedankengut und Praktiken im südostasiatischen Raum (!). 2019 hielt sie in diesem Zusammenhang - im Rahmen des "Studium generale" in Heidelberg - den Vortrag "Immaterielles Kulturerbe und seine Problematik" (Yt). Ob sie auf ihrem akademischen Lebensweg das Philosophieren und Dichten Hölderlins wirklich so weit hinter sich gelassen hat wie es dem Äußeren nach scheint? 

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  1. Hornbacher, Annette: Wie ein Hund. Zum „mythischen Vortrag“ in Hölderlins Entwurf ‘Das Nächste Beste’. 222-246. In: Hölderlin Jahrbuch 1998-1999.
  2. Hornbacher, Annette: Die Blume des Mundes. Zu Hölderlins poetisch-poetologischem Sprachdenken. Königshausen, Würzburg 1995 [Diss. Uni. Tübingen 1993] (GB)
  3. Hornbacher, Annette: ‘Eines zu seyn mit allem, was lebt...’ Hölderlins intellectuale Anschauung. 24-47. In: Hölderlin: Philosophie und Dichtung (Hrsg.: Valérie Lawitschka). Tübingen
  4. Halmer, Nikolaus: „Eines zu sein mit Allem, was lebt“ (ORF2020)

Sonntag, 25. Juni 2023

Der göttliche Wahnsinn - Er machte die antiken Griechen erst zu dem, was sie waren

Sokrates, Platon und Nietzsche hielten das für plausibel
- Wir halten es auch für plausibel. 
Denn war es nicht mehr als Wahnsinn, als Mittelmeer-Mensch dem Apoll folgen zu wollen ...? Also: göttlicher Wahnsinn?
- Und kann es nicht allein ein solcher göttlicher Wahnsinn gewesen sein, der die antiken Griechen zu dem machte, was sie waren?
- Diese Erkenntnis aber würde auf eine andere Frage zurück werfen: Welcher Wahnsinn wäre es denn, der uns Heutigen dem alten Hellas wieder nahe bringt oder uns über das alte Hellas hinaus führt?

"Wußten Sie, daß die Tragödien des Aischylos und des Sophokles die perfekte Synthese darstellen zwischen der apollinischen und der dionysischen Kunst - nach der Philosophie von Friedrich Nietzsche?"

Abb. 1: "Tanz der Bacchanten", Gemälde des Schweizer Malers Charles Gleyre (1806-1874) aus dem Jahr 1849 - Museum der Schönen Künste in Lausanne

Nein, das wußten wir nicht. 

Aber indem wir diese Frage lesen - auf Facebook in der Gruppe "Classics for All" (Fb) - erhalten wir eine erwünschte Anregung zur weiteren Auseinandersetzung mit einem der jüngsten, dringenden Fragestellungen hier auf dem Blog: Wie ist die Kultur der antiken Griechen eigentlich entstanden? Aus welchen tieferen Antrieben heraus ist sie zu verstehen? 

Tasten wir uns, ausgehend von dem Eingangszitat, Schritt für Schritt voran. Zunächst: Der soeben erwähnte Tragödien-Dichter Aischylos (525-456 v. Ztr.) (Wiki) hat Griechenland in den berühmten Schlachten von Marathon (490 v. Ztr.) und Salamis (480 v. Ztr.) in eigener Person mit der Waffe in der Hand gegen die Eroberung durch das Großreich der Perser verteidigt. Auffallend, daß manchem in diesem Zusammenhang noch der Name des Spartanerkönigs Leonidas in den Sinn kommt, mit demselben Geschehen aber nicht einen so bedeutenden Tragödien-Dichter in Zusammenhang bringt wie den Aischylos. 

Der Bruder des Aischylos ist in der ersten der beiden genannten Schlachten gefallen. 472 v. Ztr. wurde das Drama des Aischylos "Die Perser" (Wiki) uraufgeführt. Der Verfasser dieser Zeilen hat dieses sogar in der Schule durchgenommen. Es gilt als das älteste erhaltene Drama der Welt. Es behandelt den Untergang der persischen Flotte in der Seeschlacht von Salamis (480 v. Ztr.) aus der fiktiven Sicht des persischen Königshofes. Der Verfasser erinnert sich, daß es beeindruckend war zu erleben, wie sich hier ein Grieche in die Gefühle der Perser bei diesen großen militärischen Niederlagen für die Perser hinein versetzen konnte. Anstatt die - erschütternden - Erfahrungen der eigenen Kultur der letzten zwanzig Jahre zu verarbeiten, die unter anderem die vollständige Evakuierung und Zerstörung der Stadt Athen mit einschloß, verarbeitet er vielmehr die Erfahrungen des überlegenen persischen Gegners. Ob man das nicht eine kühne Geste nennen darf? Ob man das nicht auch "übermütig" nennen darf? 

Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man sich für Augen führt, daß für das Perserreich in diesem Krieg bei weitem nicht so viel auf dem Spiel stand wie für die Griechen. Die antik-griechische Kultur wäre - vermutlich - eine Fußnote der Geschichte geblieben, hätten die Griechen in den Perserkriegen nicht gesiegt.

Aus Schulzeiten war einem aber nicht mehr in Erinnerung geblieben, daß der Dichter selbst Kriegsteilnehmer war und in diesem Krieg seinen eigenen Bruder verloren hatte. Überhaupt bedeutete uns die antik-griechische Kultur in Schulzeiten noch lange nicht so viel wie sie in den ersten Jahren des Studiums für uns an Bedeutung gewonnen hat. 

Aischylos hatte auch schon früh am Dichterwettbewerb der Dionysien teilgenommen. Er war - der späteren griechischen Sage nach - von Dionysos selbst zum Dichter geweiht worden. Wir lesen (Wiki):

Nicht das eigene Handeln, sondern die Taten der durch Frevel und Hybris erzürnten Götter entscheiden das Schicksal des tragischen Helden Xerxes, dessen Volk, die Perser, hier als Schwestervolk gesehen wird.

Wenn ein Drama wie "Die Perser" eine Synthese darstellt zwischen dem dionysischen und dem apollinischen Prinzip, dann wird deutlich, mit was für umfassenden Konzepten man es es hier zu tun hat. Es geht keineswegs nur - sozusagen - um die lustvollen und erotischen Ausschweifungen, die im Kernbereich des dionysischen Prinzips wabern mögen und es geht keineswegs nur um das gemessene, "schöne", ruhevolle, erhabene Maßhalten - auch im Schmerz, das im Kernbereich des apollinischen Prinzips wabern mag (Wiki, GTG). Beide Prinzipien haben nämlich nicht nur zu tun mit dem Umgang mit Lust und Ausschweifung, sondern auch mit dem Umgang mit Schmerz und "maßlosem", erschütternden Leid. Letzterer Umstand gerät leicht aus dem Blickfeld in unserer glückshungrigen und leidmeidenden Gesellschaft: Ich kann maßlos und maßvoll sein im Leid. Ich kann sogar des Wahnsinns teilhaftig werden, sowohl im Glück wie im Leid. 

Abb. 2: Etienne Claude Voysard (1766-1812) "Herbst" (nach Jean-Jacques Bachelier)

Den Worten auf Facebook ist nun das Gemälde beigegeben "Tanz der Bacchanten" des Schweizer Malers Charles Gleyre (1806-1874) (Wiki) aus dem Jahr 1849 (Abb. 1, 3). Und indem man diesem Gemälde nachgeht, kommt man unerwarteterweise gleich noch viel tiefer in unsere Fragestellung hinein. Wo man auch nur ein bisschen in der lockeren Erde der kulturellen Überlieferung stochert, sprudeln sogleich die Quellen. Was für eine herrliche Fragestellung. Zunächst: Gleyre ist 23 Jahre älter als der deutsche Maler Anselm Feuerbach. Anselm Feuerbach verehren wir schon seit Jahren. Seine Kunst war ebenfalls an dem antiken Griechenland und der Auseinandersetzung mit ihm orientiert. Durch die Gemälde beider fühlen wir uns in ähnliche Stimmungen und auch gedankliche Auseinandersetzungen versetzt. Beider Anliegen ist eine Interpretation, ein Verständnis der antik-griechischen Kultur, eine "Wiederbelebung" in ihrer eigenen Zeit. Und was für begeisternde Worte lesen wir nun nur allein als Erläuterung zu dem Gemälde "Tanz der Bacchanten" von Gleyre (s. Wiki) (1):

... Die Bacchanalien sind ein beliebtes Motiv in der Kunst seit den Tagen von Tizian und Poussin. Hier aber sind Bacchus, Silenus und die Satyren noch nicht einmal anwesend. Das Gemälde ist deshalb nicht mythologisch und auch nicht fabulierend. Es ist vielmehr historisch und religiös. Gleyre malt ein geheimnisvolles, wildes und ausschließlich weibliches Ritual, das in sehr präziser Zeichenkunst und in einer glatten Technik festgehalten wird, wodurch das erzeugt wird, was ein Kritiker den seltsamen Effekt nennt einer "Choreografie, die sowohl edel als auch ungezügelt, rasend und rhythmisch ist".
In den Fußstapfen von A l'instar de Pentheus repräsentiert "Der Tanz" eine in den 1830er Jahren neue populäre Lesart zu den Wurzeln der antiken griechischen Zivilisation in ihren religiösen Ritualen. Im Gegensatz zur sonnenhaften, männlichen und apollinischen Sichtweise, die von Winckelmann seit der Mitte des 18. Jahrhunderts entworfen worden war, legt Gleyre das Augenmerk auf das primitive, östliche und dionysische Griechenland wie es sich in den Arbeiten des Philologen und Historikers Friedrich Creuzer dargestellt findet.
Die aus der Antike stammenden Motive boten dem Maler Gelegenheit zu einer persönlichen und ungewöhnlichen Betrachtung der Ursprünge der Künste, wobei jegliche Bezugnahme auf Apollo oder Orpheus vermieden wurde. Im von den Bacchantinnen erfundenen Tanz, in der Musik, die Minerva den Tieren vorspielt, in der Kunst des Spinnens, die die schöne Omphale dem absurden Herkules beigebracht hat, und in den von Sappho verfaßten Liebesgedichten - das Geheimnis der Künste scheint den Frauen vorbehalten zu sein, erworben durch eine geheimnisvolle und intuitive Affinität mit den göttlichen Kräften der Schöpfung. 
The Dance of the Bacchantes, the last painting by Gleyre exhibited publicly in Paris (at the Salon of 1849), came as a surprise to enthusiasts of bacchanals, which had been a traditional subject since the days of Titian and Poussin. Bacchus, Silenus and the satyrs are all absent, and the painting is therefore neither mythological nor fabulous, but rather historical and religious. Gleyre paints a mysterious, wild and exclusively female ritual, captured in very precise draughtsmanship and a smooth technique producing what one critic calls the strange effect of a “choreography, which is both noble and unbridled, frenzied and rhythmic”.
Following in the footsteps of A l'instar de Pentheus, The Dance reveals a new, popularised reading of the roots of ancient Greek civilisation and its forms of worship in the 1830s. Contrary to the solar, masculine and Apollonian vision which had been extolled by Winckelmann since the mid-18th century, Gleyre depicts the primitive, eastern and Dionysian Greece, posited in the works of the philologist and historian Friedrich Creuzer.
Subjects drawn from Antiquity provided the painter with the opportunity for a personal and unusual meditation on the origins of the arts, omitting any reference to either Apollo or Orpheus. In The Dance invented by the Bacchantes, the music played to animals in Minerva, the art of spinning taught to an absurd Hercules by the beautiful Omphale, and the love poetry composed by Sappho - the secret of the arts seems to be the preserve of women, acquired through a mysterious and intuitive affinity with the divine powers of creation.

Wie viel an Inhalten in einem so kurzen Text stehen kann. Ob in diesem Gemälde wirklich vornehmlich die "Ursprünge der Künste" Thema sind, mag dahin gestellt bleiben. Vielleicht hat der Maler auch einfach nur Lust an der Lust gehabt, natürlich auch der Mal-Lust.

Friedrich Creuzer deutet die antik-griechische Kultur (1810)

Immerhin interessant, was zu dem hier erwähnten Georg Friedrich Creuzer (1771-1858) (Wiki) zu erfahren ist. Er war nur ein Jahr jünger als Friedrich Hölderlin, veröffentlichte sein bedeutendstes Werk aber erst als Hölderlin schon im Turm in Tübingen lebte (Wiki):

Creuzers erstes und bekanntestes Werk war "Symbolik und Mythologie der alten Völker, besonders der Griechen" (1810-12, 2. Aufl. 1819, 3. Aufl. 1837), in dem er behauptete, daß die Mythologie des Homer und des Hesiod aus östlichen Quellen stammen würde, vermittelt durch die Pelasger, und daß sie als Symbole einer uralten Offenbarung aufgefaßt werden könnte. Gedacht waren diese Gedanken als eine Versöhnung mit der jüdisch-christlichen Religion, sie waren - nach den Worten Walter Burkert's (1983) - "der letzte großangelegte und völlig gescheiterte Versuch dieser Art". Creuzers Arbeit stand im Widerspruch zur Ideologie des romanischen Nationalismus, der voraussetzte, daß Literatur und Kultur in sehr enger Verbindung stehen würde mit einem Volk, durch Karl Otfried Müller benannt als das Konzept der "Griechischen Stammeskultur". Für diese und die folgenden Generationen "wurden Ursprünge und organische Entwicklung viel mehr als wechselseitige kulturelle Beeinflussungen der Schlüssel zum Verständnis." Creuzer's Arbeit ist heftig angegriffen worden von Johann Gottfried Jakob Hermann in seinen "Briefen über Homer und Hesiod" und in seinen Briefen, die er an Creuzer gerichtet hat "Über das Wesen und die Behandlung der Mythologie"; durch Johann Heinrich Voss in seiner "Antisymbolik"; und durch Christian Lobeck in seinem "Aglaophamus". Sie hat jedoch auch ein kurzes Lob erfahren in der "Philosophie des Rechts" von Hegel. 
Creuzer's first and most famous work was his "Symbolik und Mythologie der alten Völker, besonders der Griechen" (1810–12, 2nd ed. 1819, 3rd ed. 1837), in which he maintained that the mythology of Homer and Hesiod came from an Eastern source through the Pelasgians, and reflected the symbolism of an ancient revelation; as a reconciliation with Judeo-Christian religion, it was, Walter Burkert has said, "the last large-scale and thoroughly unavailing endeavor of this kind." This work ran counter to the ideology of romantic nationalism, which held literature and culture to be intimately connected with a Volk, epitomized by Karl Otfried Müller's concept of a Greek Stammeskultur, a Greek "tribal culture". For this and the next generations, "origins and organic development rather than reciprocal cultural influences became the key to understanding." Creuzer's work was vigorously attacked by Johann Gottfried Jakob Hermann in his Briefen über Homer und Hesiod, and in his letter, addressed to Creuzer, Über das Wesen und die Behandlung der Mythologie; by Johann Heinrich Voss in his Antisymbolik; and by Christian Lobeck in his Aglaophamus. It was briefly praised, however, by Hegel in his Philosophy of Right.

Wir erhalten hier einen Blick in die Generationen lang andauernden Bemühungen um ein tieferes Verständnis der Ursprünge und der Herkunft der antik-griechischen Kultur. 

Vor allem aber sehen wir, daß all diese Bemühungen erst jetzt, in den Jahren 2022 und 2023 eine abschließende, befriedigende und schlüssige Klärung gefunden haben, und daß hierdurch - womöglich - auch noch so mancherlei Irrtümer und Fehldeutungen von Walter Burkert richtig gestellt werden können (?). Nämlich durch die Archäogenetik. Friedrich Creuzer hat - so steht zu vermuten - mit viel größerer Deutlichkeit Recht behalten als all seine Kritiker bis heute mögen angenommen haben und als man das überhaupt bislang gewagt hat anzunehmen. Und wieder einmal war es ein einstiger Jugendfreund Hölderlins - Hegel - der diesen Gedankengängen noch am ehesten unter seinen vielen Zeitgenossen folgen konnte. 

Abb. 3: "Tanz der Bacchanten", Gemälde des Schweizer Malers Charles Gleyre aus dem Jahr 1849 - Museum der Schönen Künste in Lausanne (Wiki)

In welchem Gedankenzusammenhang hier die Erwähnung des Pentheus steht, wird uns nicht ganz schlüssig. Aber vollkommen verrückt auch der Mythos rund um diese Gestalt, dieses Königs von Theben (Wiki):

Als Dionysos nach Theben kam und die Frauen zu seinen Ehren auf dem Kithairon (ein Berg zwischen Theben und Korinth) ein bacchantisches Fest feierten, versuchte Pentheus, es zu verhindern und Dionysos, der in der Erscheinung eines Bacchanten aufgetreten war, gefangen zu nehmen, was jedoch mißlang. Schließlich kann Dionysos den schon verblendeten Pentheus überreden, als Frau verkleidet die im Gebirge schwärmenden Mänaden zu belauschen. Als er dort auf den Wipfel eines Baumes stieg, wurde er jedoch entdeckt und von seiner eigenen Mutter und seinen Tanten Ino und Autonoë, die ihn für ein wildes Tier hielten, in bacchantischer Wut zerrissen. Ein Orakel der Pythia wies die Frauen nun an, den Baum wiederzufinden und ihn wie einen Gott zu verehren. Daraufhin wurden aus dem Holz des Baumes zwei Bilder, die Dionysos darstellten, geschnitzt. Diese Bilder sah Pausanias noch bei seinem Besuch in Korinth.

Was für rätselhafte Dinge sich wohl alle noch hinter diesem Mythos verbergen mögen. Man komme Frauen in bacchantischer Wut nicht zu nahe. Man könnte von ihnen zerrissen werden. Sicher ist: In der antik-griechischen Kultur findet sich immer wieder eine Exzentrik, die im Abendland, in Hesperien gewiß nicht zu finden ist. Und da diese Exzentrik auch lange vor Homer schon die Mythen bestimmt zu haben scheint, reicht sie auch vergleichsweise tief in die Kulturgeschichte Griechenlands hinab, anzunehmenderweise doch wohl bis in die Bronzezeit zurück, bis in die mykenische Palastzeit zurück.*)

Nietzsche, der Herrliche

Aber gehen wir nun weiter zu dem eingangs erwähnten Friedrich Nietzsche. Dieser schrieb seine Schrift "Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" in den Jahren zwischen 1869 und 1871, in den Jahren seiner Wagner-Verehrung. Es ist der Grundgedanke der gesamten Schrift, daß nicht nur die genannten Tragödien, sondern die klassische griechische Kultur insgesamt eine "perfekte Synthese darstellen zwischen der apollinischen und der dionysischen Kunst". Fünfzehn Jahre später und nachdem er 1885 seinen "Zarathustra" in quasi ekstatischer Eingebung in einem großen Zug nieder geschrieben hatte, schrieb er zu seinem älteren Werk in einem Vorwort nun die schönen Worte (Zen):

Wie schade, daß ich, was ich damals zu sagen hatte, es nicht als Dichter zu sagen wagte: ich hätte es vielleicht gekonnt! Oder mindestens als Philologe: - bleibt doch auch heute noch für den Philologen auf diesem Gebiete beinahe alles zu entdecken und auszugraben! Vor allem das Problem, daß hier ein Problem vorliegt, - und daß die Griechen, so lange wir keine Antwort auf die Frage "was ist dionysisch?" haben, nach wie vor gänzlich unerkannt und unvorstellbar sind ...

Oh, wie große Worte. Oh, wie tiefe Worte. Einer, der ein Problem sieht. Endlich. Endlich einmal zu sagen, daß wir so vieles noch gar nicht verstanden haben über die antiken Griechen, noch nicht einmal als Problem erkannt haben! Und Nietzsche ist hier sofort am Kernproblem dran. Was apollinisch ist, können wir verstehen, was dionysisch ist, ist viel, viel schwerer zu verstehen in all seinen Facetten und Ausprägungen. Bei diesem Prinzip stoßen wir immer wieder auf Neues, Unbekanntes - aber Wesentliches, wesentlich, um die antik-griechische Kultur wirklich von allen Seiten her zu verstehen. Und wie schön auch, wenn einer - wie Nietzsche - sich selbst kritisieren kann. Das tut er in diesem Vorwort. Aber man möchte gleich im nächsten Schritt sagen, daß es immer noch zu "abendländisch", zu "hesperisch" gedacht sein mag, wenn Nietzsche in diesem Vorwort von 1885 an den antiken Griechen die Frage richtet (Zen),   

ob wirklich sein immer stärkeres Verlangen nach Schönheit, nach Festen, Lustbarkeiten, neuen Kulten aus Mangel, aus Entbehrung, aus Melancholie, aus Schmerz erwachsen ist?

Oh, nein, da könnten wir gar nicht folgen. Das wäre uns sicherlich viel zu abendländisch, christlich, nüchtern gedacht. Oh nein. Die antiken Griechen haben alles - alles, was sie überhaupt getan haben, aus Übermut getan, aus Emphase getan, aus Lebensfreude getan. Ihnen war noch kein Gallentrank gemischt. Selbst ihr Leid war "unmittelbar" - der Schmerz, der sie innerlich zerreißen konnte, war eine Geburt aus der hohen Freude, die sie lebten, sonst lebten.

Aber, ach, herrlicher Nietzsche! Wenigstens stellst du Fragen, denen nachzugehen sich lohnen könnte. Wenigstens das. Oh, herrlicher Nietzsche wie turmhoch stehst du über all den anderen, die noch nicht einmal mehr Fragen haben. Weil sie jene sind, die du voraus gesehen hast, "Erdflöhe", "letzte Menschen"  ..... - Ach, Nietzsche, herrliche Worte (Zen):

Worauf weist jene Synthesis von Gott und Bock im Satyr? Aus welchem Selbsterlebnis, auf welchen Drang hin mußte sich der Grieche den dionysischen Schwärmer und Urmenschen als Satyr denken?

Weil er dem Apollinischen im Indogermanentum begegnet war. Das ihn auf sich selbst als Satyr hat blicken lassen. Der "gehäutet" werden mußte, um bei Apoll anzukommen. Der aber - zugleich - sich selbst nachtrauerte. Weil er - weiterhin - Sympathie - mit sich selbst - empfand, mit Marsyas, dem Geköpften, dem Gehäuteten. Das wäre unsere Antwort. Vorläufig (Stgen2023).

Abb. 4: Jean-Jacques Bachelier (1724-1806) "Betrunkener Bacchus" oder: "Eingeschlafenes Kind" (1765) - Museum der Schönen Künste in Orléans

Ja, wir möchten Nietzsche mit jenen Worten antworten, die er dann gleich selbst benutzt: Es war Wahnsinn, als Mittelmeer-Mensch, als Marsyas Apoll folgen zu wollen. Und weil es Wahnsinn war, war es - zugleich - so herrlich. Und die Griechen waren sich dieses Wahnsinns - dumpf - bewußt. Sie dachten nicht über ihn nach. Aber im Späthellenismus trat ihnen dieser Wahnsinn - womöglich - noch ein wenig deutlicher vor Augen. Deshalb oft die womöglich noch tiefere seelische Einsicht im Späthellenismus, deshalb die oft noch größere Exzentrik, der "Expressionismus" in der Kunst des Späthellenismus. Dies, um auf Nietzsche zu antworten, der fragt (Zen):

Wie? (...) wenn es gerade der Wahnsinn war, um ein Wort Platos zu gebrauchen, der die größten Segnungen über Hellas gebracht hat?

Ja, genau dieser Wahnsinn war es. Und schon vorher fragte er, fragtest du, herrlicher Nietzsche:

Gibt es vielleicht - eine Frage für Irrenärzte - Neurosen der Gesundheit? der Volks-Jugend und -Jugendlichkeit?

Oh, wir möchten wieder anfangen zu tanzen, mit dir, du großer, weiser Nietzsche. Du bist so jung. Du bist - noch in unserem Zeitalter - so jung. Oder gerade erst in unserem Zeitalter. Du stelltest die richtigen Fragen. Und wir erst - wir erst, haben die Antworten. Erst im Zeitalter des "letzten Menschen" kann man - womöglich - jenen Wahnsinn verstehen, der "Volk-Gesundheit" hervor bringt. Notwendigerweise Volks-Gesundheit. In all dem Wahnsinn, der uns umgibt, gelebt von den Erdflöhen und letzten Menschen.

Ja, wir fühlen uns in diesem Augenblick auch an den Komponisten Richard Strauß erinnert. Nicht daß uns seine Musik auch nur irgend etwas sagen würde. Er hat unserem Zeitalter gerade eben noch nicht jene "Wahnsinns-Musik" geliefert, die für das innere seelische Überleben des modernen Menschen notwendig wäre. Aber immerhin, der heilige Richard Strauß, auch er, hat wenigstens so die eine oder andere Fragestellung verstanden. Warum war er eigentlich nicht noch mehr "Nietzsche"? Um sich der Erdflöhe zu erwehren, die ihn umgaben und die seine Musik in unverständlichen Wirrwarr münden ließen, da er zu sehr auf sie - statt auf seinen eigenen, inneren Tanz - gehört hat (FürKultur2016)?

Sokrates, der Herrliche

Aber gehen wir weiter. Da war gerade Plato erwähnt. Was denn hat Plato über den "göttlichen Wahnsinn" gesagt? In einer Hausarbeit an der Freien Universität Berlin von 2007 lesen wir (1):

Im Phaidros ist es auch, wo Platon zwischen menschlichem und göttlichem Wahnsinn unterscheidet und sagt, die größten Güter kämen von den Göttern durch Wahnsinn.

Was für Worte! Was wir alles über die griechische Antike und ihr Denken noch nicht wissen. Mensch, und sogar die Freie Universität Berlin weiß davon. Schauen wir doch einmal in den "Phaidros" hinein. Da hören wir nun den Sokrates gegenüber dem Phaidros folgendermaßen zum Thema sprechen (das wird jetzt - leider -  ein längeres Zitat, das scheint sich nicht vermeiden zu lassen, zu ungewohnt ist uns die ganze Art zu denken und zu argumentieren) (aber ein fröhlicher Wahnsinn wird uns schon zum Verständnis bringen ...) (Zen):

Denn freilich, wäre es unbedingt richtig, daß der Wahnsinn ein Übel sei, so wäre das schön gesprochen. Nun aber werden uns die größten der Güter durch Wahnsinn zuteil, freilich nur einen Wahnsinn, der durch göttliche Gabe gegeben ist. Denn die Prophetin in Delphoi und die Priesterinnen zu Dodona haben ja vieles und Schönes in besonderen und öffentlichen Angelegenheiten unserer Hellas im Stande des Wahnsinns geleistet, in dem der Besinnung aber noch weniges oder nichts. Und wollten wir noch von der Sibylla und den anderen sprechen, welche, göttlicher Wahrsagekunst mächtig, fürwahr vielen vieles vorausgesagt und für die Zukunft berichtigt haben, so würden wir, doch nur von Allbekanntem sprechend, allzu weitläufig werden. (...) In demselben Maß nun (...) ist nach dem Zeugnis der Alten auch der Wahnsinn edler als die Besonnenheit, der gottgewirkte als die menschlich bedingte. Aber auch von Krankheiten und den größten Mühsalen,
"Von dem, was etwa altem Götterzorn entsprang
In einzelnen Geschlechtern,"
hat ein in diesen auftretender und das Verborgene enthüllender Wahnsinn den Bedürftigen Erlösung erfunden, indem er, zu Gebeten und Götterverehrungen seine Zuflucht nehmend und durch ihre Vermittlung in den Besitz von Reinigungen und heiligen Weihungen gekommen, den von ihm Berührten sowohl das jetzige als das künftige Leben sühnte und so für den in echter Weise Wahnsinnigen und Besessenen eine Lösung von seinen jetzigen Leiden erfand. Die dritte Art von Begeisterung und Wahnsinn ist die von den Musen, die, wenn sie eine zarte und unentweihte Seele ergreift und zu Festgesängen und anderer Dichtung aufregt und entzückt, tausend Taten der Alten verherrlichend, die Nachkommen bildet. Wenn aber einer ohne diesen Musenwahnsinn zu den Pforten der Dichtkunst kommt, in der Überzeugung, er könne auch wohl durch Kunst ein guter Dichter werden, der wird teils selber als ein Ungeweihter erachtet, teils wird seine Dichtung als die des Besonnenen von der der Wahnsinnigen verdunkelt.
So vieles und mehr noch habe ich dir zu sagen von den edeln Taten eines von Göttern kommenden Wahnsinns. Daher wollen wir uns gerade davor ja nicht fürchten, noch soll uns eine gewisse Rede verwirren, die uns mit der Behauptung verblüffen will, daß man den besonnenen Freund dem Gottbewegten vorziehen müsse; nein, dann erst soll sie den Siegespreis davon tragen, wenn sie zu jenem noch dieses erwiesen hat, daß nicht zum Heil dem Liebenden und dem Geliebten die Liebe von Göttern gesendet werde. Hinwiederum aber haben wir das Gegenteil zu beweisen, daß zum größten Segen solcher Wahnsinn von Göttern verliehen werde. (...) Zuvörderst nun muß man über die Natur der Seele, die göttliche sowohl als die menschliche, indem man teils ihre Leiden, teils ihr Tun ins Auge faßt, das Wahre begreifen. 

Und nun setzt Sokrates - nach Platon - zu einem Bild an, wie die Menschenseele ursprünglich (vor unserer Geburt) die "jenseitige" Welt der Götter gesehen hat, daß sie dann in die "diesseitige" Welt der Menschen hinab gestiegen ist und sich hier - unter günstigen Umständen - an ihr früheres Leben in der jenseitigen Welt an der Seite der Göttern erinnern kann:

Von dem Diesseitigen sich an jenes (Jenseitige) wieder zu erinnern, ist nicht leicht für jede (Menschenseele): nicht für diejenigen, die damals das Jenseitige nur flüchtig sahen, noch für diejenigen, die, hierher herabgefallen, Mißgeschick hatten, so daß sie, durch irgendwelche gesellschaftliche Verbindungen zum Unrecht verleitet, das Heilige, das sie damals gesehen, vergessen haben. Wenige fürwahr bleiben übrig, denen das Vermögen des Erinnerns noch in genügendem Maße zu Gebot steht. Diese aber, wenn sie irgend ein Abbild des Jenseitigen sehen, werden gewaltig aufgeregt und sind ihrer selbst nicht mehr mächtig. (...) Die Schönheit aber war damals leuchtend zu sehen, als mit dem beglückenden Reigen wir im Gefolge des Zeus, andere in dem eines anderen der Götter eines seligen Anblicks und Schauens genossen, und als wir in diejenige der Weihen eingeweiht waren, welche die seligste zu nennen heilige Pflicht ist, und die wir feierten, selbst noch fehllos und unberührt von den Übeln, die in späterer Zeit auf uns warteten, dabei aber fehllose und lautere und wandellose und beglückende Gesichte mit geweihtem und priesterlichem Auge in reinem Glanze schauend, als Reine selbst und nicht eingekerkert in diesen Körper, wie wir das jetzt nennen, was wir mit uns, der Auster gleich angebunden, herumtragen. (...)
Zwar nun (...) wer dem Verderben schon verfallen, den zieht es nicht mit scharfem Drange von hier nach dort zu der Schönheit selbst, wenn er schaut, was hienieden ihre Benennung trägt. Sein Anblick stimmt ihn daher nicht zur Verehrung; sondern der Lust fröhnend, sucht er nach tierischer Art den Trieb des Geschlechts und der Begattung zu befriedigen und fürchtet und schämt sich nicht, der Lust in zügelloser Annäherung wider die Natur nachzujagen. Wer aber noch frisch geweiht ist und das Damalige vielfältig geschaut hat, der, wenn er ein gottähnliches, die Schönheit wohl abbildendes Antlitz sieht oder eine solche Körpergestalt, wird zuerst von Schauer ergriffen, und es überkommt ihn etwas von den damaligen Beängstigungen; sodann aber, wenn er es anblickt, verehrt er es wie einen Gott, und fürchtete er nicht den Schein eines übermäßigen Wahnsinns, er würde gar dem Liebling opfern wie einem Götterbild und einem Gott. Nun er ihn aber gesehen, ergreift ihn, wie nach dem Fieberschauer, eine veränderte Stimmung, Schweiß und ungewohnte Hitze. Indem er nämlich durch die Augen den Ausfluß der Schönheit in sich aufnimmt, wird er von einer Erwärmung durchdrungen, in deren befeuchtendem Zug die Keimkraft des Gefieders sich löst. Infolge dieser Erwärmung aber schmilzt um den Keim desselben das, was vorlängst in Härte sich zusammenschließend ihn zu sprossen verhindert hat. Indem aber nun Nahrung zuströmt, schwillt und strebt aus der Wurzel hervorzukeimen des Gefieders Kiel um die ganze Gestalt der Seele; denn ehedem war sie ganz befiedert! Dabei nun pocht und gärt ihr ganzes Wesen, und was das Leiden der Zahnenden mit den Zähnen ist, wenn sie zuerst hervorbrechen, ein Jucken und Stechen im Zahnfleisch, dasselbe fürwahr leidet die Seele dessen, dem das Gefieder zu keimen anfängt; es pocht und juckt und kitzelt sie, indem ihr das Gefieder keimt. Zwar nun, wenn sie auf die Schönheit des Lieblings blickt und die von dieser sich losreißenden und zur Liebe reizenden Teile, welche ja deshalb Liebreiz genannt werden, wenn sie, sage ich, diesen Liebreiz in sich aufnehmend, von jenem lösenden Wärmezug durchströmt wird, so erholt sie sich vom Schmerz und fühlt sich wohl. Wenn sie aber einsam ist und vertrocknet, so dorren die Ränder der Öffnungen da, wo das Gefieder hervorbricht, zusammen und sperren, sich verschließend, den sprossenden Trieb des Gefieders ab. Dieser aber, innen mit dem Liebreiz abgesperrt, hüpft nun gleich dem Aderschlag und sticht gegen jedwede Öffnung, auf die er trifft, so daß die ganze Seele ringsum gestachelt rast und voll Schmerzen ist. Weil sie aber die Erinnerung des Schönen in sich trägt, fühlt sie sich auch wieder wohl. Indem aber so die Eindrücke von beidem sich mischen, wird ihr unheimlich über der Seltsamkeit dieses leidenschaftlichen Zustandes, und da sie sich nicht zu helfen weiß, gerät sie in Wut, und wahnsinnig, wie sie ist, kann sie weder bei Nacht schlafen, noch bei Tag bleiben, wo sie auch sein mag, läuft aber sehnsuchtsvoll überall hin, wo sie den sehen zu können meint, der die Schönheit besitzt. Sobald sie ihn aber sieht und sich neuen Liebreiz zuleitet, löst sie das vorhin Zusammengeschrumpfte auf, und wieder Atem schöpfend, entledigt sie sich der Stacheln und Schmerzen und genießt wieder im jetzigen Augenblick jene süßeste Lust. Deswegen verläßt sie ihn auch freiwillig nicht, noch schätzt sie jemanden höher als den Schönen: sondern Mutter und Brüder und alle Genossen vergißt sie und schlägt es für nichts an, wenn Hab und Gut fahrlässigerweise verloren geht; unbekümmert aber um Bewahrung von Sitte und Anstand, womit sie sonst sich zierte, ist sie bereit, ein dienstbares Leben zu führen und, wo er es irgend gestattet, nur so nahe als möglich bei dem Gegenstand ihrer Sehnsucht zu ruhen. Denn neben dem, daß sie von Verehrung erfüllt ist, findet sie auch in ihm, der die Schönheit besitzt, allein einen Arzt für die größten Mühsale. Diesen leidenschaftlichen Zustand aber, o schöner Knabe, an den ja meine Rede gerichtet ist, heißen die Menschen Eros; hörst du aber, wie ihn die Götter nennen, so wirst du mit Recht ob dem jugendlichen Mutwillen lachen. Es sagen nämlich, meine ich, einige der Homeriden aus den geheimen Gesängen zwei Verse auf den Eros, von denen der zweite sehr ausgelassen und nicht eben wohllautend ist. Sie singen nämlich:
"Den nun nennen die Sterblichen zwar den geflügelten Eros,
Pteros aber die Götter vom Sinnbetörenden Flattern."
Diesem nun kann man Glauben schenken oder auch nicht; jedenfalls aber verhält es sich wirklich in jener Weise mit dem leidenschaftlichen Zustand der Liebenden und der Ursache davon.

Später faßt Sokrates, bzw. Platon seine Lehre noch einmal zusammen:

Den göttlich bewirkten Wahnsinn aber haben wir dann nach vier Göttern in vier Teile geteilt, indem wir
  • die wahrsagerische Eingebung dem Apollon zueigneten,
  • dem Dionysos aber die die Weihen betreffende, 
  • ferner den Musen die dichterische, 
  • die vierte aber der Aphrodite und dem Eros; 
sodann haben wir gesagt, der erotische Wahnsinn sei der beste, und, den erotischen Zustand ich weiß nicht womit vergleichend, vielleicht dabei etwas Wahres berührend, möglicherweise aber auch nach anderer Richtung hin falsch geführt, haben wir eine ganz und gar nicht überzeugungsunkräftige Rede zubereitet und einen mythischen Hymnos mit Anstand und in frommer Weise spielend angestimmt deinem und meinem Gebieter, dem Eros, o Phaidros, dem Aufseher schöner Knaben!

Indem wir diese Ausführungen des Sokrates zum göttlichen Wahnsinn zur Kenntnis nehmen, beschließen wir vorerst einmal diesen Blogartikel. Genug ist gesagt. 

Abb. 5: Blick ins Ilissos-Tal und auf die Akropolis von Athen, um 1900 - Heute ist das Tal viel mehr bewaldet (natürlich auch bebaut) als es um 1900 war - Dort im Tal unter einer Platane fand das philosophische Gespräch statt zwischen Sokrates und Phaidros, von dem wir Ausschnitte bringen

Wohl hast du geredet, Sokrates unter der Platane gelagert am Ilissos (Wikiengl) beim Zirpen der Zikaden und einem kühlenden Luftzug.

Anhang: Zu kulturgeschichtlichen Hintergründen

Ergänzungen zu den bisherigen Ausführungen (26.6.23): Womöglich lohnt sich auch noch einmal ein Blick in Werke des oben zitierten Religionshistorikers Walter Burkert (1931-2015) (Wiki) (3). Er hat - zu unserer Überraschung - auch Fragestellungen der Klassischen Verhaltensforschung (nach Konrad Lorenz) sowie Fragestellungen der Soziobiologie an die griechische Religionsgeschichte herangetragen (4). Da hätte er sicher auch ein gutes Gespür gehabt für die Bedeutung der heutigen Erkenntnisse der Archäogenetik zum Gesamtverständnis der antik-griechischen Kultur. Vielleicht hätte er mit diesen sein harsches Urteil über Friedrich Creuzer revidiert (?).

Nun, der oben erwähnte Hegel und Friedrich Creuzer hatten sich gegenseitig persönlich an der Universität Heidelberg in den Jahren 1816 und 1818 kennen und schätzen gelernt. Hegel hat auch viel umfangreicher aus dem Werk Creuzers geschöpft als das im oben gebrachten Zitat anklang (5): 

Hegel hat, wie wir von seinem ersten Biographen Karl Rosenkranz (1805-1879) wissen, Creuzers bei den Zeitgenossen nicht unumstrittene "Symbolik und Mythologie" umfassend exzerpiert und in den betreffenden Teilen seiner Berliner Vorlesungen wiederholt herangezogen. Das Werk diente ihm sowohl als Quellenfundus zur materialen Erschließung der orientalischen und griechisch-römischen Welt als auch - in seinen Vorlesungen über die Ästhetik - als Ausgangpunkt für die konzeptionelle Fassung der symbolischen Kunstform, die Hegel der klassischen und romantischen Kunstform voraufgehen läßt.

Wir lesen gar von "The Creuzerstreit und Hegel's Philosophy of History" (6):

Stewart ist der Meinung, daß Hegel's Verteidigung von Creuzer und die Ähnlichkeiten in ihren Methoden und Projekten uns innehalten lassen sollten und uns die weit verbreitete Bewertung von Hegel's Philosophie der Geschichte neu überdenken sollten.  
Stewart has argued that Hegel's support of Creuzer, and the similarities in their methods and projects, should make us pause to reconsider the widely held view of Hegel's philosophy of history.

Auch dazu also könnten nun insbesondere auch die Erkenntnisse der Archäogenetik Anregung geben. Nämlich die angebliche Europa-Zentriertheit von Hegel's Denken infrage zu stellen.

Friedrich Creuzer und Karoline von Günderrode

Friedrich Creuzer weilte schon 1790/91 in Jena, wo er Schillers Vorlesungen hörte, während Hölderlin erst 1794/95 in Jena weilte. Aber fast war es ja zu erwarten, daß man erfährt, daß auch Friedrich Creuzer nicht nur ein trockener Stubengelehrter war. Und wie wertvoll mag es sein, davon zu erfahren. Wie auch könnte man als bloßer trockener Stubengelehrter irgend etwas Wertvolleres über die antiken Griechen sagen können? Nein, wir erfahren (7):

"Nach der Wiederbegründung der Universität Heidelberg im Jahr 1803 war Georg Friedrich Creuzer als Professor der klassischen Philologie (1804-1845) eine Schlüsselfigur der romantischen Bewegung mit Ausstrahlung weit über den Bereich der Altertumswissenschaft hinaus. Seit 1810 hielt er regelmäßig alle zwei Jahre Vorlesungen über Archäologie, in denen er die gesamte griechische Kunst systematisch behandelte. Seine eigene Sammlung sowie eine von Seminaristen gestiftete Kollektion von Münzen, Gemmen und Abgüssen, das ,Antiquarium Creuzerianum‘, bildete später den Grundstock der archäologischen Universitätssammlung“ - so erinnert noch heute das Seminar für klassische Archäologie Heidelberg im Internet an seine Geschichte. Was wir sonst heute noch über Creuzer wissen, ist seine Freundschaft mit Goethe und Clemens Brentano und daß er eine Liaison mit Karoline von Günderrode hatte, die sich das Leben nahm, nachdem er die Beziehung plötzlich beendet hatte."

Abb. 6: Friedrich Creuzer
Creuzer war nämlich verheiratet mit einer dreizehn Jahre älteren Frau und wollte sich schließlich doch nicht von ihr trennen. Während Karoline von Günderrode (1780-1806) (Wiki) es sich in ihrem Freiheitsdrang schwer vorstellen konnte, Professoren-Gattin zu werden. Und so hat die Liebe zu Friedrich Creuzer für das Leben der Karoline von Günderrode lebensentscheidende Bedeutung gehabt. Sie nahm sich 1806 das Leben, fünf Jahre vor Heinrich von Kleist, und mit nur 26 Jahren.

An Creuzer hatte Karoline zuvor geschrieben (Gutenb):

"Mit Freude denk ich oft zurück an den Tag, an welchem wir uns zuerst fanden, als ich Dir mit einer ehrfurchtsvollen Verlegenheit entgegentrat wie ein lehrbegieriger Laie dem Hohenpriester. Ich hatte es mir vorgesetzt, Dir womöglich zu gefallen, und das Bewußtsein meines eigenen Wertes wäre mir in seinen Grundfesten erschüttert worden, hättest Du Dich gleichgültig von mir abgewendet; wie es mir aber gelang, Dich mit solchem Maße für mich zu gewinnen, begreife ich noch nicht; mein eigner Geist muß bei jener Unterredung zwiefach über mir gewesen sein. Mit ihr ist mir ein neues Leben aufgegangen, denn erst in Dir habe ich jene wahrhafte Erhebung zu den höchsten Anschauungen, in welchen alles Weltliche als ein wesenloser Traum verschwindet, als einen herrschenden Zustand gefunden. In Dir haben mir die höchsten Ideen auch eine irdische Realität erlangt. Wir andern Sterblichen müssen erst fasten und uns leiblich und geistig zubereiten, wenn wir zum Mahle des Herrn gehen wollen, Du empfängst den Gott täglich ohne diese Anstalten."

Und an wen solche Liebesbriefe geschrieben werden, dessen theoretische Ansätze erhalten durch diese eine ganz andere Beleuchtung, ein ganz anderes Leben. 

Über diese theoretischen Ansätze ist noch zu erfahren (7):

Den spezifischen Ansatz von Creuzer erhellt ein Aufsatz, den er 1808 in den Heidelberger Jahrbüchern veröffentlichte. Dieser Ansatz läßt sich auf drei Thesen bringen: die griechische Kultur ist auf den Mythos gegründet; diese Mythen müssen mit den indischen zusammengesehen werden; man muß sie mit Hilfe der neuplatonischen Philosophie symbolisch auslegen. (...) Vor Homer gab es eine „orphisch[e] Religion“ in Vorderasien, wo „der ewige Naturgeist“ herrschte und Priester als Erzieher wirkten (z. B. in Ägypten und im Orient). Mit Homer gerät diese vorderasiatische Religiosität in Vergessenheit, „die Ungenügsamkeit ältester Göttersymbolik wird gefügt unter Griechisches Maß.“

Das apollinische Prinzip begegnet dem dionysischen. 

Menschen ohne indogermanische Steppengenetik wollten noch bessere Indogermanen sein als die Indogermanen selbst

(Ergänzung 1.7.23) Diese religionsgeschichtliche Unterscheidung zwischen "vor Homer" und "nach Homer" findet sich übrigens ähnlich auch noch bei Nietzsche. Auch Nietzsche geht davon aus, daß Dionysos erst nach den Zeiten des Homer in Griechenland an Popularität gewonnen hätte (und daß die Apollons-Priesterschaft auf diese Popularität klug "reagiert" hätte) (WikiGTG). In der heutigen Forschung geht man aber viel eher - und plausibler - davon aus, daß sowohl Apoll wie Dionysos Götter sind, die - vermutlich aus dem nördlichen Griechenland oder aus Thrakien kommend - jedenfalls schon in der Bronzezeit in Griechenland selbst heimisch waren.

Bevor aber die Indogermanen um 2.200 v. Ztr. nach Griechenland gekommen sind, hat es dort schon kulturelle - und offenbar auch genetische - Einflüsse einer Händler-Elite aus dem Bereich der Oberläufe von Euphrat und Tigris gegeben (vergleichbar einem parallelen Geschehen auf Sardinien) - also aus dem Kernland des damaligen Orient. Griechenland lag also im Kreuzungspunkt sehr verschiedener, sich geltend machender kultureller Großräume. Man könnte also sagen, daß die vorindogermanischen Griechen an diesen wechselnden "Bekehrungsversuchen" zuerst von Süden her und dann von Norden her am Ende vollends irre an sich selber wurden. Erst sollten sie "orientalisiert" werden, dann sollten sie "indogermanisiert" werden.

Aus den Wechselbädern solcher Gefühle könnte dann aber jene fast bewußt durchgestaltete, durchgeformte Entschiedenheit in der Ausrichtung auf das Göttliche gefolgt zu sein, die für die antik-griechischen Kultur der klassischen Zeit so kennzeichnend ist. 

Abb. 7: Geradezu Jugendstil-mäßig stilisiert - und deshalb hochmodern - Eine 2015 entdeckte, 3.500 Jahre Kampfdarstellung auf einem 3,4-Zentimeter langen Siegelstein aus dem Grab des Greifenkriegers in Pylos in Westgriechenland, 1450 v. Ztr. (Wiki), der noch keine indogermanische Steppengenetik aufwies

Aber doch offensichtlich auch schon für die griechische Kultur der mykenischen Zeit. Denn man betrachte doch nur dazu den berühmten, erst 2015 entdeckten Siegelstein des Greifen-Kriegers von Pylos in Westgriechenland aus der Zeit um 1450 v. Ztr. (Abb. 7). Dieser atmet nichts mehr als den Geist der Entschiedenheit und der unbesiegbaren Entschlossenheit (Stgen2019).

Und sein Träger wies auffallender Weise noch gar keine indogermanische Steppengenetik auf, während andere Menschen an seinem Hof, an seinem Palast diese durchaus schon aufwiesen  (Stgen2022). Dieser Siegelstein allein schon könnte Ausdruck all dessen sein, was sich während der Bronzezeit in Griechenland an innerem seelischen Geschehen vollzog. Man könnte vermuten: Menschen ohne indogermanische Steppengenetik wollten noch bessere Indogermanen sein als die Indogermanen selbst. Und formten deshalb in diesem ihren Sein eine Entschiedenheit und Entschlossenheit aus, die Indogermanen in anderen kulturellen Zusammenhängen sonst in einer solchen Entschiedenheit nicht - oder viel seltener - aufzeigen.

Daß ihnen aus dieser Entschiedenheit heraus Apollon ebenso dienlich sein konnte wie Dionysos versteht sich dabei dann ganz von selbst und bedarf keiner weiteren Erklärung mehr.

____________

*) Ergänzung 8.1.2024: Schon im Juli 2023 haben wir uns mit Euripides beschäftigt und dabei erfahren, daß der hier behandelte Mythos rund um Pentheus und Dionysos als Inhalt der letzten Tragödie des Euripides "Die Backchen" gewählt worden ist (Stgen2023). Auch Aischylos soll eine Tragödie mit diesem Inhalt geschrieben haben. Aber diese ist verloren. Die Tragödie des Euripides hat, wir wir dort erfuhren, schon vielfältige Deutungen erfahren. Nun aber, im Januar 2024, studieren wir einen außergewöhnlich aufwühlenden Aufsatz aus dem Jahr 1963 von Peter Szondi, und zwar über Hölderlins bedeutende Dichtung "Wie wenn am Feiertage" (8).
Und durch diesen werden wir erst darauf aufmerksam, daß von Hölderlin selbst auch eine Übersetzung eines kürzeren Ausschnitts aus den "Backchen" des Euripides erhalten ist, und zwar sein Anfang, und daß der darin erwähnte Mythos rund um die Zeugung des Dionysos durch einen Blitz des Zeus das tiefer liegende Bild dieser ganzen Dichtung darstellt, das Bild, von dem aus diese Dichtung erst - und mit ihr das gesamte Spätwerk Hölderlins - seine angemessene, noch tiefere Sinndeutung erhält. Das war uns zuvor in dieser Dimension nicht bewußt.
Immer mehr wird einem durch solche Dinge bewußt, daß den Wesenszug des Dionysischen in der griechischen Kultur - und womöglich in aller Kultur - niemand so tief und grundlegend gedeutet worden ist als durch Hölderlin. Schon in der mehrfachen Bezugnahme innerhalb seines Werkes auf den Künstler-Roman "Adringhello" von Heinse ist dieser Wesenszug des Dionysischen in vollstem Ausmaß angesprochen. Und er klingt wieder und wieder heraus vor allem im Spätwerk Hölderlins. Szondi schreibt (8, S. 36):

... Der Blitz, das "himmlische Feuer". Hölderlin hat von ihm in einem Brief an seinen Freund Böhlendorf gesagt: "Unter allem, was ich schauen kann von Gott, ist dieses Zeichen mir das auserkorene geworden."     

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  1. Matthew Innis: Charles Gleyre: The Reformed Romantic. Underpaintings Magazine, July 30, 2016.
  2. Grzegorz Olszowka: Platon und der göttliche Wahnsinn. GRIN Verlag, München 2007 https://www.grin.com/document/89309
  3. Burkert, Walter: Griechische Religion der archaischen und klassischen Epoche. Kohlhammer, 1977 (508 S.) (Zitat zu Creuzer: S. 22)
  4. Burkert, Walter: Kulte des Altertums. Biologische Grundlagen der Religion. C. H. Beck, München 1998
  5. Glatz, Uwe B. (2015): Brief Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770–1831) an Friedrich Creuzer (1771–1858) vom 30. Oktober 1819. Jena: Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek. (= Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena - Objekt des Monats). Online unter: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:gbv:27-dbt-20220831-102736-001.
  6. Nicholas A. Germana: The Creuzerstreit and Hegel's Philosophy of History. In: Journal of the History of Ideas (University of Pennsylvania Press) Volume 80, Number 2, April 2019, pp. 271-288, 10.1353/jhi.2019.0015, https://muse.jhu.edu/article/722381
  7. Christoph Jamme: „Göttersymbole“ - Friedrich Creuzer als Mythologe und seine philosophische Wirkung in Mythos als Aufklärung. In: Mythos als Aufklärung Dichten und Denken um 1800 Brill 2013, S. : 199-210, DOI: https://doi.org/10.30965/9783846755532_015
  8. Szondi, Peter: Der andere Pfeil. Zur Entstehungsgeschichte von Hölderlins hymnischem Spätstil. Insel, Frankfurt am Main 1963; auch enthalten in: Szondi, Peter: Hölderlin-Studien. Mit einem Traktat über philologische Erkenntnis. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1967, 1970

Montag, 9. Januar 2023

Hölderlin in Bordeaux

"Die Sangart überhaupt wird einen anderen Charakter annehmen"
- Hölderlin verstehen, heißt, die Aufgaben der Deutschen in der Zukunft verstehen

... Dort an der luftigen Spitz 
An Traubenbergen, wo herab 
Die Dordogne kommt, 
Und zusammen mit der prächtgen 
Garonne meerbreit 
Ausgehet der Strom. ..
(Hölderlin / Andenken )

Gewidmet dem Gedenken an Dieter Henrich, 
gestorben am 17. Dezember 2022 in München.*)

Nach Hölderlin lautet die große Frage: Wie lernen wir, "das Eigene frei zu gebrauchen"? Bis heute haben wir Deutschen, wir Abendländer unser Eigenes nie wirklich "frei gebraucht". Und das heißt: Unsere Aufgabe in der Weltgeschichte ist noch gar nicht erfüllt, harrt noch der Erfüllung.

Der Friedenschluß von Luneville zwischen Frankreich und Österreich im Jahr 1801 beendete die Revolutionskriege.

Abb. 1: Ein typisches Weingut in der Nähe von Bordeaux (50 Kilometer nordöstlich davon) (Wiki)

Im tiefsten Winter der Jahreswende von 1801/1802 reist der deutsche Dichter Friedrich Hölderlin (1770-1843) von Straßburg über Lyon, durch das Zentralmassiv nach Bordeaux im Südwesten Frankreichs, nahe der dortigen Atlantikküste.

Parallel zu dieser Reise, vor ihrem Antritt und nach seiner Rückkehr entwirft Hölderlin in zwei Briefen an seinen Freund Böhlendorf die Aufgaben der Deutschen und des Abendlandes für die Zukunft, Aufgaben, die die Deutschen und das Abendland 220 Jahre später immer noch nicht ins Auge gefaßt haben und angegangen sind. ... Sie waren zwischenzeitlich mit "dürftigerer" Kost zufrieden.

Hölderlin sagt in diesen Briefen, daß uns Abendländern Klarheit und Nüchternheit als Begabung angeboren sind, während dem "südlichen Menschen", insbesondere den antiken Griechen Leidenschaft und Pathos als Begabung angeboren wären. Aus diesem Gegensatz heraus erklärt er die Aufgaben der Deutschen in der Zukunft. Und da er dem "südlichen Menschen" - wie er ihn versteht - in Bordeaux im Südwesten Frankreichs unter einem ihm ganz anderen Himmel erlebt, stehen seine diesbezüglichen Worte immer zugleich auch in Zusammenhang mit dieser Reise.

Das Gedicht "Andenken", das letzte Gedicht, das Hölderlin selbst noch zu seinen Lebzeiten veröffentlicht hat, enthält Erinnerungen an seinen Aufenthalt in Bordeaux im März 1802.

In dem noch zu zitierenden Brief sagt er weiterhin, daß es für eine Kultur nichts Schwereres gibt, als das Eigene, Angeborene "frei zu gebrauchen". Wir Deutschen und Abendländer sind diese Aufgabe noch nicht angegangen. Diese Aufgabe ergibt sich daraus, daß jeder Kultur das Eigene, das Angeborene zu sehr Gewohnheit ist und ihr das Leben des Eigenen zu leicht fällt, also daraus, daß ihr das Leben des Eigenen zu selbstverständlich ist. Wir Deutschen und Abendländer haben also, so Hölderlin, unser Eigenes viel zu selbstverständlich gelebt, haben es nie genügend infrage gestellt und mit etwas "ganz anderem" konfrontiert. Für Hölderlin gilt aber, was auch sein Zeitgenosse Goethe in Worte faßte, nämlich:

"Was du ererbt von deinen Vätern - erwirb es, um es zu besitzen."

Dieses Erwerben des Eigenen ist nach Hölderlin jedoch nicht leicht, sondern vielmehr das Gegenteil: das Schwerste. Und dieses Erwerben des Eigenen gelingt nach Hölderlin einer Kultur und einem in dieser Kultur lebenden Künstler erst dadurch, daß er eine "fremde Natur annimmt" und sich dieser "mitteilt".

Abb. 2: Der Hafen von Bordeaux, gemalt von Joseph Vernet, 1759

Merkwürdig genug, daß solche Gedanken in deutschen Landen über 220 Jahre hinweg so selten erörtert worden sind, obwohl doch die ernsthafte Beschäftigung mit Hölderlin schon vor mehr als hundert Jahren in Deutschland und Europa begonnen hat.

Aber Hölderlin hat eben eine Tiefe, aus der heraus sich erst nach und nach immer mehr von dem entfaltet, was in seinem Dichten und Denken alles beschlossen lag und liegt. (Womöglich könnte das in Parallele gesetzt werden zum Grundgedanken der Inhärenz, den der Evolutionsforscher Simon Conway Morris in der biologischen Evolution auf der Erde und in der Kosmologie ebenfalls verwirklicht sieht: Stgen2016, Stgen2017.)

Um sich diesem ungewöhnlichen Gedanken anzunähern, ist es aber sicher sinnvoll, daran zu erinnern, daß das ein Gedanke ist, der sich auch schon in der bedeutenden philosophischen Schrift von Friedrich Schiller "Die ästhetischen Erziehung des Menschen" (Wiki) aus dem Jahr 1795 findet, wo auch von dem Künstler gefordert wird, eine fremde Natur anzunehmen. Durch das Humboldtsche Bildungsideal im Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts ist das Bewußtsein in den Hintergrund getreten, daß antik-griechische Kultur etwas "Fremdes" sein könnte. Erst mit der Germanen-Verehrung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hätte das Bewußtsein dafür wieder wachsen können. Sie war aber wiederum oft so bigott-engstirnig, daß sie sich selten genug durch Hölderlin belehren ließ, daß das Eigene nur dann "frei" gebraucht würde werden können, wenn es sich mit dem Fremden konfrontierte. Es hat bezüglich solcher Gedanken derartige schmähliche "Niederungen" während des Elends des 20. Jahrhunderts gegeben**), daß ein solcher Gedanke erst nach und nach wieder in der Gegenwart Gestalt gewinnen könnte. Schiller jedenfalls schrieb da 1795:

"Der Künstler ist zwar der Sohn seiner Zeit, aber schlimm für ihn, wenn er zugleich ihr Zögling oder gar noch ihr Günstling ist. Eine wohlthätige Gottheit reiße den Säugling bei Zeiten von seiner Mutter Brust, nähre ihn mit der Milch eines bessern Alters, und lasse ihn unter fernem griechischen Himmel zur Mündigkeit reifen. Wenn er dann Mann geworden ist, so kehre er, eine fremde Gestalt, in sein Jahrhundert zurück; aber nicht, um es mit seiner Erscheinung zu erfreuen, sondern furchtbar wie Agamemnons Sohn, um es zu reinigen. Den Stoff zwar wird er von der Gegenwart nehmen, aber die Form von einer edleren Zeit, ja jenseits aller Zeit, von der absoluten unwandelbaren Einheit seines Wesens entlehnen. Hier aus dem reinen Äther seiner dämonischen Natur rinnt die Quelle der Schönheit herab, unangesteckt von der Verderbniß der Geschlechter und Zeiten, welche tief unter ihr in trüben Strudeln sich wälzen."

Solche Worte überstrahlen Jahrhunderte. Sie sind heute noch so frisch wie vor 230 Jahren. - Wer mit der Milch eines besseren Zeitalters, dem der antiken Griechen, aufgewachsen ist, der kehrt wahrlich "fremd" in sein eigenes Zeitalter zurück. Bei Schiller kommt der Künstler durch dieses Eintauchen ins Fremde, Entfernte, Vergangene zum Eigenen. 

Abb. 3: "Das Wilde, Kriegerische, das rein Männliche" des "südlichen Menschen" - Henri de La Rochejaquelein (1772-1794), der bedeutendste Anführer des Aufstandes in der Vendée, gemalt von Pierre-Narcisse Guérin (1817)

Hölderlin denkt diesen Gedanken aber nun noch deutlich weiter. Er will über die antiken Griechen hinweg zurück zu den Deutschen kommen und zu ihrer eigenen, besonderen Rolle in der Weltgeschichte. Diese kann nicht - wie dies bei Schiller noch dunkel anklingt - nur in der Nachahmung der antiken Griechen bestehen. Dennoch aber lernen die Deutschen erst in der Begegnung mit der "fremden", antik-griechischen Kultur ihr Nationales, Eigenes, ihre eigene besondere Begabung "frei zu gebrauchen". So Hölderlin. Und das ist - für ihn, Hölderlin - das Ziel aller Kunstausübung, ist für ihn der Ausdruck höchster Kultur.

Während des Jahres 1802 weilte Hölderlin also wie gesagt im südlichen Frankreich. Von dort zurückgekehrt, schrieb er im November 1802 aus Nürtingen an seinen Freund Böhlendorf über die "südliche Menschen", denen er dort begegnet sei, und die ihn "mit dem eigentlichen Wesen der Griechen bekannter" gemacht hätten:

"Ich lernte ihre Natur und ihre Weisheit kennen, ihren Körper, die Art, wie sie in ihrem Klima wuchsen, und die Regel, womit sie den übermütigen Genius vor des Elements Gewalt behüteten.
Dies bestimmte ihre Popularität, ihre Art, fremde Naturen anzunehmen und sich ihnen mitzuteilen, darum haben sie ihr Eigentümlichindividuelles, das lebendig erscheint, sofern der höchste Verstand im griechischen Sinne Reflexionskraft ist, und dies wird uns begreiflich, wenn wir den heroischen Körper der Griechen begreifen; sie ist Zärtlichkeit, wie unsere Popularität."

"Ihre Popularität", ihre "Volkseigentümlichkeit" also ist "Zärtlichkeit" - so wie die unsere, so wie die von uns Deutschen. Wer aber hätte das sagen dürfen außer Hölderlin? Wie weit ist Hölderlin seiner Zeit voraus. Wie sehr sieht er voraus, daß wir, wir herzlosen, nüchternen Abendländer die Aufgabe haben, in diese Zärtlichkeit hinein zu kommen, in die uns eigene Volkseigentümlichkeit. 

Hölderlin schrieb natürlich im heute so benannten Zeitalter der Empfindsamkeit. Er konnte deshalb eine Eigenschaft wie "Zärtlichkeit" als "Charakter unserer Kultur", also seiner damaligen viel leichter begreifen als wir heute. Eine solche Kennzeichnung unserer heutigen Kultur würde natürlich einigermaßen bizarr anmuten - in der kulturellen Verrohung und Verflachung, in dem kulturellen Unernst unserer Zeit. Man bedenke aber, daß sich das "Zeitalter der Empfindsamkeit" als so empfindsam nicht empfunden hat. Daß es sich vor allem gegen die Rohheit und Barbarei all der Jahrhunderte vom Mittelalter an, aufgelehnt hat, gewehrt hat und sich noch lange nicht vollständig von diesen losgerissen hatte. (Wie der weitere Geschichtsablauf bis heute ja zur Genüge zeigt ...)

Die antiken Griechen in "schöner Leidenschaft" übertreffen

Mit solchen Worten knüpfte Hölderlin an Gedanken an, die er schon ein Jahr zuvor, eine Woche vor seiner Abreise nach Südfrankreich, am 4. Dezember 1801 an Böhlendorf geschrieben hatte:

"Wir lernen nichts schwerer als das Nationelle frei gebrauchen. Und wie ich glaube, ist gerade die Klarheit der Darstellung uns ursprünglich so natürlich wie den Griechen das Feuer vom Himmel. Eben deswegen werden diese eher in schöner Leidenschaft (…) als in jener homerischen Geistesgegenwart und Darstellungsgabe zu übertreffen sein.
Es klingt paradox. Aber ich behaupte es noch einmal und stelle es Deiner Prüfung und Deinem Gebrauche frei: das eigentlich Nationelle wird im Fortschritt der Bildung immer der geringere Vorzug werden. Deswegen sind die Griechen des heiligen Pathos weniger Meister, weil es ihnen angeboren war, hingegen sind sie vorzüglich in Darstellungsgabe, von Homer an, weil dieser außerordentliche Mensch seelenvoll genug war, um die abendländische junonische Nüchternheit für sein Apollonsreich zu erbeuten, und so wahrhaft das Fremde sich anzueignen.
Bei uns ist's umgekehrt. Deswegen ist's auch so gefährlich, sich die Kunstregeln einzig und allein von griechischer Vortrefflichkeit zu abstrahieren. Ich habe lange daran laboriert und weiß nun, daß außer dem, was bei  den Griechen und uns das Höchste sein muß, nämlich dem lebendigen Verhältnis und Geschick, wir nicht wohl etwas gleich mit ihnen haben dürfen.
Aber das Eigene muß so gut gelernt sein wie das Fremde. Deswegen sind uns die Griechen unentbehrlich. Nur werden wir ihnen gerade in unserm eigenen, Nationellen nicht nachkommen, weil, wie gesagt, der freie Gebrauch des Eigenen das Schwerste ist."

Hölderlin will die antiken Griechen also "in schöner Leidenschaft" übertreffen. Wer sich klar macht, wie hoch Hölderlin über das Pathos und die "Leidenschaft" der antiken Griechen gedacht hat, der erst kann nachvollziehen, worauf es Hölderlin hier ankommt, welche Art von "Bildungsprogramm", "Kunstprogramm", welche Art von künftiger künstlerischer Ausrichtung er hier für die Deutschen formuliert und diesem im eigenen Schaffen folgt. 

Abb. 4: "An der luftigen Spitz" - Bec d'Ambès (Wiki) - Der Zusammenfluß von Dordogne (vorn) und Garonne (hinten) zur Gironde, von einem Rebhügel am rechten Ufer der Dordogne aus gesehen - Auf dem linken Ufer der Garonne hinten links vom Bildrand liegt Bordeaux - Nach rechts hin strömt die Gironde dem Atlantische Ozean zu (Wiki)

Hölderlin fordert von den Deutschen, was er in umgekehrter Weise Homer als Leistung zuspricht: Homer hat die südliche, griechische angeborene Begabung für Pathos und Leidenschaft "gebändigt" durch "junonische Nüchternheit" und dadurch er hat er sein Kunstwerk zu den Göttern erhoben. ("Junonisch" ist abgeleitet von der römischen Göttin Juno, der Gattin des Jupiter. Juno ist in der Antike die griechische Göttin Hera parallel gesetzt worden, der Gattin des Zeus.)

Umgekehrt muß nun aber der Deutsche und der Abendländer seine angeborene Nüchternheit und Klarheit erst durch die Leidenschaft und den Pathos in - für ihn, den "nüchternen" Abendländer exzentrischer Weise - zu den Göttern empor heben und schafft erst dadurch jenes Kunstwerk, in dem das ihm Eigene in vollendetstem Maße zum Ausdruck kommt und durch den es zu den Göttern empor gehoben wird.*****)

Wo fanden die antiken Griechen die ihnen fremde "junonische Nüchternheit"? - Antwort: In der indogermanischen Religion und Kultur

Für uns finden diese Gedanken gleich eine Fortsetzung und so sei dies gleich an dieser Stelle eingeschoben: Worin fanden denn dann die antiken Griechen die ihnen fremde - aber notwendige - "junonische Nüchternheit"? Das Abendland war damals doch noch kaum in ihren Gesichtskreis getreten, hatte sich ja selber noch kaum gefunden (wozu als erstes Schriftkultur notwendig wäre). Selbst von der römischen Göttin Juno dürften sie vergleichsweise wenig erfahren haben. Und was an östlichen oder orientalischen Einflüssen zu ihnen kam, trug viel eher fast immer "dionysischen Charakter", verstärkte also den ihnen eigenen Charakter des Leidenschaftlichen und Feurigen und Ungebändigten. 

Nun, heute wissen wir es durch die Archäogenetik: die antiken Griechen waren von ihrer Herkunft her zu größten Teilen zwar durchaus "südliche", "mediterrane Menschen", mit - angenommenerweise - dementsprechender auch südlicher Begabung zu Pathos, Leidenschaft und Extase. Sie wurden dann aber - ab 2.200 v. Ztr. - Menschen, die eine Sprache, Religion und Kultur aus dem Norden, von einer stärker indogermanisch beeinflußten Kultur her angenommen haben. (Nach ihrer Überlieferung: von den Hyperboräern [s. Stgen2023].) Durch diese also vor allem kam "junonische Nüchternheit" zu ihnen. Die indogermanische "junonisch-nüchterne" Kultur bändigte die ungezügelten Leidenschaften des südlichen Menschen in gerade ausreichendem Maße und schuf so das klassische Griechenland, das bis in seine Endzeit hinein im Spannungsfeld dieser beiden von Hölderlin benannten Tendenzen steht und daraus seine kulturschöpferischen Kräfte gewinnt. 

Abb. 5: Lormont, am rechten Ufer der Garonne, gegenüber von Bordeaux (Postkarte)

Dies ist ein Interpretationsrahmen, den wir sehr spannend finden, und der uns sehr gut zu den neuesten Erkenntnissen der Archäogenetik zu passen scheint, die ja nach einem solchen neuen Interpretationsrahmen auch geradezu "schreien" und der durch sie zugleich - erstmals - vollste Bekräftigung erhält. 

Womöglich wird man sogar sagen können, daß der Interpretationsrahmen Hölderlins erst durch die neuesten Erkenntnisse der Archäogenetik seine volle Schlagkraft und Treffsicherheit beweist. Oder noch genauer: Dieser Interpretationsrahmen Hölderlins konnte vor den Erkenntnissen der Archäogenetik längst nicht so viel Zugkraft gewinnen, brachte längst nicht so viel Überzeugungskraft mit sich. Denn bis zum Jahr 2022 wäre es ja viel schwerer gewesen, die Menschen davon zu überzeugen, daß uns die antiken Griechen viel "fremder" sind als das den meisten Denkenden wirklich bewußt war. 

Davon kann sich auch der Verfasser dieser Zeilen nicht ausnehmen. Er hatte immer gedacht, die antiken Griechen wären vornehmlich "blonde Indogermanen" gewesen. Aber das stimmt ja nun gar nicht. Das stellte nur ein gewisses kulturelles Ideal dar, war keine gelebte Wirklichkeit.

Die Antigone-Übersetzung Hölderlins

Um seiner genannten Einsichten und Erfahrungen willen hat Hölderlin dann auch seine "Antigone" so ungewöhnlich exzentrisch übersetzt, daß die Zeitgenossen davon ganz abgestoßen waren und die Übersetzung schon für Zeichen von Verrücktheit angesehen haben. Aber Hölderlin hatte es ja nicht für antike Griechen übesetzt. Sie brauchten eine solche Exzentrizität ja nicht, sie lag ihnen ja sowieso schon im Blut. Deren Leidenschaft war ja gerade durch die Nüchternheit der Dichtung der "Antigone" "schön" gebändigt. Aber Hölderlin sah, daß die Deutschen allein durch solche Nüchternheit, durch die sich die antiken Griechen "bändigten", dem Gehalt solcher antiken Tragödien gar nicht wirklich nahe kamen, weil sie viel zu leicht bei sich blieben, beim Eigenen blieben in der Rezeption dieser Tragödie, viel zu sehr in ihrer Nüchternheit blieben. In seinen "Anmerkungen zur Antigone" schreibt er über die "griechischen Vorstellungen":

"Ihre Haupttendenz ist, sich fassen zu können, weil darin ihre Schwäche lag, dahingegen die Haupttendenz in den Vorstellungsarten unserer Zeit ist, etwas treffen zu können, Geschick zu haben, da das Schicksallose (...) unsere Schwäche ist."

Mit Schicksalslosigkeit spielt Hölderlin zugleich auf die Leidenschaftslosigkeit des "Ancient regime" und des ihm vorausgehenden christlich-bigotten Mittelalters an. (Leidenschaftslos zumindest in Vergleich mit der griechischen Antike.) Etwas anderes hatten Menschen in Europa bis dahin nicht kennen gelernt. Das wirklich Große und Heroische, zu dem der Abendländer als Schicksal fähig ist, war damals noch lange nicht in die Welt getreten. Das geschah erst im 20. Jahrhundert, unter anderem mit dem - durch Hölderlins Denken (über Hegel) angestoßenen - Marxismus, unter anderem mit Friedrich Nietzsche. Und nachdem dieses 20. Jahrhundert vorbei ist, und sicherlich kein Abendländer mehr wird sagen können, daß das Schicksallose für sich genommen unsere Schwäche wäre, wissen wir: Schicksal genug hatten wir inzwischen, Schicksal genug, Abgründe genug. Wir Deutschen, die Völker des Erdballs insgesamt in den letzten hundert Jahren. Mehr als genug ..... 

Im November 1802 faßt Hölderlin am Ende seines Briefes an Böhlendorf seine diesbezüglichen Gedanken noch einmal prägnant zusammen:

"Mein Lieber! ich denke, daß wir die Dichter bis auf unsere Zeit nicht kommentieren werden, sondern daß die Sangart überhaupt wird einen andern Charakter nehmen und daß wir darum nicht aufkommen, weil wir, seit den Griechen, wieder anfangen, vaterländisch und natürlich, eigentlich originell zu singen."

"Nicht aufkommen", weil das ja, wie Hölderlin schon sagte, das Schwerste ist, weil sich die abendländische Kultur nun diesem Schwersten gegenüber sieht und von dem hier zu erobernden "Feuer des Himmels" im ersten Anblick nieder gedrückt wird. 

Abb. 6: Blick vom Schloßturm Lormont (Wiki) flußabwärts auf die Garonne, bei Bordeaux

Hölderlin will also insgesamt sagen: Wir Deutschen und Abendländer sind zu "gefaßt". Unsere Aufgabe ist es nicht, "um Fassung zu ringen" (wie bei den Griechen), sondern umgekehrt, aus zu viel "Fassung" herauszutreten, exzentrisch, ungebändigt, "fassungslos" dem Äther nahe zu kommen - und dabei dann das Besondere, Einzigartige zu "treffen", punktgenau, "buchstabengetreu" - ganz so wie dies in seinen späten Dichtungen und Übersetzungen in einem ersten Ansatz geschieht. Mit diesen hat Hölderlin uns und unserer Kultur die ersten Schneisen gelegt, begonnen, die Wege zu bahnen. Soweit übersehbar, hat er das weit und breit als einziger seines Jahrhundert und auch noch unseres Jahrhunderts getan. Am 28. September 1803 sollte er die Antigone-Übersetzung an Wilmans senden und dazu schreiben:

"Ich hoffe, die griechische Kunst, die uns fremd ist, durch Nationalkonvenienz und Fehler, mit denen sie sich immer herumbeholfen hat, dadurch lebendiger als gewöhnlich dem Publikum darzustellen, daß ich das Orientalische, das sie verleugnet hat, mehr heraushebe und ihren Kunstfehler, wo er vorkommt, verbessere."

Was für Worte: "Das Orientalische, das sie verleugnet hat". Ja, mit der Archäogenetik verstehen wir viel viel klarer, wovon Hölderlin hier spricht.

In welchem Verhältnis steht Nietzsche zu diesen Entwürfen Hölderlins?

Es wäre übrigens auch noch einmal zu überprüfen, in welchem Verhältnis Friedrich Nietzsche mit seiner Schrift "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" (Wiki) der Sache nach etwas zum Verständnis Hölderlins beigetragen hätte oder dessen Gedanken weiter geführt hätte. In dieser Schrift setzt er dem in sich sicheren und klaren (indogermanischen) "Apollinischen" das exzentrische und ungezügelte, frei schweifende (südlich-orientalische) "Dionysische" entgegen.

Diese Entgegensetzung ist erstmals von dem Hölderlin-Jugendfreund F. W. J. Schelling formuliert worden (Wiki), also dürfte wohl doch auch der Grundgedanke von Nietzsche in letzter Instanz auf Hölderlin zurück gehen, von dem seine Jugendfreunde Schelling und Hegel durch die besten philosohischen Ideen beschenkt worden sind. (Winckelmann und Schlegel werden allerdings auch als solche bezeichnet, die diesen Gegensatz schon umsonnen haben.) Wie wir oben aber schon gelesen haben, hat Hölderlin selbst das nicht so formelhaft begriffen. Läßt er doch den Homer 

"die abendländische junonische Nüchternheit für sein Apollonsreich erbeuten".

Nach diesem Zitat steht Apollon eher auf der Seite des Dionysischen. Und das dürfte auch historisch richtiger sein, schließlich ist Apoll kein ursprünglich indogermanischer Gott, sondern war ebenfalls ursprünglich ein orientalischer Orakel-Gott (siehe letzter Beitrag). Auch hier wieder würden wir (wie so oft) sehen, daß Hölderlin "treffsicherer" war als seine Freunde.

Daß Nietzsche mit seinem "Zarathustra" dann ansatzweise durchaus etwas im Sinne der Forderungen Hölderlins geleistet hat, wird man nur wenig bezweifeln wollen. Von Hölderlin aus gesehen, wären das aber nur erste, marginale Anfänge der von ihm vorausgesehenen künftigen Kulturentwicklung. (Wobei Nietzsche auch viel zu viel Anlaß zur Mißdeutung und zum Mißbrauch gegeben hat - mit seinem Sozialdarwinismus und seinem "Willen zur Macht".)

Wir möchten außerdem bemerken, daß die Auseinandersetzungen mit der orphischen Weltauffassung (Wiki) uns Abendländer aus unserer Gesetztheit und Nüchternheit heraus reißen kann, und daß überall, wo Bezug genommen wurde auf Orpheus, sicherlich wichtige Schritte unternommen wurden (durch R. M. Rilke etwa).

Peter Szondi - "Dem eigenen Ursprung als einem fremden begegnen"

All diese Hölderlin'schen Gedanken hat der Hölderlin-Forscher ungarisch-jüdischer Herkunft Peter Szondi (1929-1971) (Wiki) schon 1967 in die Formel gefaßt (zit. n. Wiki),

"dem eigenen Ursprung als einem fremden (zu) begegnen".

Wir sind uns nicht ganz sicher, ob diese Formel nicht zu Mißverständnissen verleiten könnte. Wir sehen nicht, daß Hölderlin es so gemeint hatte.

Wir stießen auf diese Worte auf Wikipedia in dem Abschnitt über die Wirkungsgeschichte von Johann Joachim Winckelmann. Da wird darauf hingewiesen, daß Hölderlin die bloße Nachahmung der Griechen - die von Winckelmann gefordert worden war - in der späteren Phase seines Schaffens ablehnte. 

Abb. 7: Tanzgruppe in Bordeaux in traditioneller Kleidung, 1950er Jahre

Und wir führen diese Formel hier nur deshalb an, weil sie einerseits so tiefen Gehalt zu bergen scheint, daß man sie für ein Zitat von Friedrich Hölderlin selbst hält. Auf Wikipedia wird derzeit diesem Eindruck nicht entgegen getreten (Wiki). Genauere Recherche zeigt aber: Diese Worte stammen von Peter Szondi. Im "Hölderlin-Handbuch" lasen wir dann: Das Verhältnis der griechischen Antike zur "hesperischen" (abendländischen) Moderne hat Hölderlin behandelt (Hölderlin-Handbuch, S. 417):

  • in dem Brief an Böhlendorf vom 4. Dezember 1801 
  • in dem Aufsatzfragment "Gesichtspunkt, aus dem wir das Altertum anzusehen haben" und 
  • in den "Anmerkungen zur Antigone"

All das haben wir dann in dem vorliegenden Beitrag aufgearbeitet. Aber auch hier, im Hölderlin-Handbuch, wird ausgeführt, daß Hölderlin in dem erstgenannten Brief schreibt:

Nicht das Fremde des antiken Vorbilds sei nachzubilden, sondern das im Eigenen als Fremdes liegende "Ungebildete". Dabei fordert Hölderlin nicht die Aufgabe des Fremden zugunsten des Eigenen: "Die Griechen sind dem hesperischen Dichter unentbehrlich, weil er in ihrer Kunst dem eigenen Ursprung als einem Fremden begegnet." (Szondi 1970)

Hölderlin-Forschern also ist dieses Wort von Peter Szondi sehr wichtig. Es klingt ja auch tief. Szondi hatte eine Professur für Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin inne und beendete sein Leben mit 42 Jahren durch Freitod im Halensee in Berlin.

Man möchte doch auch vermuten, daß in dem Wort von Szondi - zugleich - eine jüdische Sichtweise auf die Welt widerklingt, bzw. vielleicht gegebenfalls auch eine jüdische Selbstvergewisserung. Denn dem eigenen Ursprung als einem fremden zu begegnen, könnte ja auch aus jüdischer Sicht ein Anliegen sein. Das Wort "Ursprung" hat Hölderlin unseres Wissens nach aber so nie benutzt und würde er so auch nie benutzen. Ihm war ja auch zum Beispiel das Wort "Urteil" sehr wichtig und er erweiterte es zur "Ur-Teilung" in seinem Text "Urteil und Sein". Insofern halten wir es für gefährlich, so schwere Worte wie "Ursprung" Hölderlin in Zusammenhängen unterzuschieben, in denen er sie selbst nicht verwendet hat (soweit uns bislang übersehbar), sondern sich vielmehr anders ausgedrückt hat (wie oben referiert).

In Auseinandersetzungen rund um solche Fragen stoßen wir aber auch auf andere aufwühlende Ausführungen. Etwa auf diese (Wolfgang Binder 1987, S. 183):  

Die Griechen, sagten wir, haben die Klarheit gefunden, die uns natürlich ist. Nicht als ob uns unsere bloß schematische Klarheit der erfüllten griechischen zu vergleichen wäre. Was man sich erwirbt, das besitzt man, und man weiß, was man besitzt, weil man es einer widerstrebenden Natur abverlangt hat. Was einem angeboren ist, das besitzt man gerade nicht, weil man es bloß ist und unreflektiert lebt. Die Vorstellung, das erste der einen Seite sei mit dem zweiten der anderen Seite identisch und umgekehrt, hat in der Hellas-Hesperien-Diskussion manche Verwirrung gestiftet.

Es dürfte viel Sinn machen, sich diese Hellas-Hesperien-Diskussion in der Forschung der letzten Jahrzehnten noch einmal sehr genau anzuschauen und sie auf ihre Fruchtbarkeit für die hier umrissene künftige Kulturgestaltung hin zu untersuchen.****) Hat man gesehen, was zu tun ist? Oder hat man es - wie so oft - "zerredet"? 

Hölderlins Reise nach Bordeaux

Das soll aber in diesem Beitrag im weiteren nicht mehr geschehen. Im weiteren wollen wir uns einfach noch sehr konkret mit der Reise Hölderlins nach Bordeaux und zurück beschäftigen, um vielleicht aus dem Leben- und Schicksalssumfeld, aus dem heraus Hölderlin damals seine Gedanken entwickelte, vielleicht auch noch etwas besser diese Gedanken selbst zu verstehen. Eine Woche vor Beginn der Reise, am 4. Dezember 1801 schreibt er an seinen Freund Böhlendorf:

"Mit nächstem will ich Dir aus der Nachbarschaft Deines Spaniens, nämlich aus Bordeaux, schreiben, wohin ich als Hauslehrer und Privatprediger in einem deutsch-evangelischen Hause nächste Woche abreise. Ich werde den Kopf ziemlich beisammenhalten müssen, in Frankreich, in Paris; auf den Anblick des Meeres, auf die Sonne der Provence freue ich mich auch." 

Die "Sonne der Provence" verlegt Hölderlin hier einfach einmal fröhlich in die Gegend um Bordeaux, obwohl die Provence ja eigentlich im Südosten Frankreichs, weit weg von Bordeaux liegt. Schon dieser Umstand macht darauf aufmerksam, daß für Hölderlin die Erfahrung Bordeaux gleichbedeutend war mit der Erfahrung "Süden" überhaupt.  Am 10. Dezember, also noch vor Weihnachten, begibt sich Hölderlin auf die Reise. "Reise" heißt für Hölderlin vor allem: Fußreise, Wandern. Er könnte zwischendurch auch Postkutschen benutzt haben, die Dauer der jeweiligen "Reisen" legt aber auch nahe, daß er weite Strecken zu Fuß zurück gelegt hat. Wie es ja auch in früheren Jahren schon oft seine Art gewesen war.

Da er über Paris reisen will, "geht" er von Nürtingen zunächst nach Straßburg. Dort wird er aber als verdächtiger Ausländer 14 Tage festgehalten. Was heißt verdächtiger Ausländer? 1799 war Napoleon Bonaparte durch Staatsstreich Erster Konsul in Frankreich geworden. Er hatte im Februar 1801 Frieden mit Österreich geschlossen, fürchtete aber hochverräterische Umtriebe. 1803 hat er eine solche Verschwörung gegen ihn auch tatsächlich durch Hinrichtung vormaliger Revolutiosgeneräle unterdrückt und einegschüchtert. Am 9. Januar 1802 schreibt Hölderlin dann überraschenderweise aus Lyon an seine Mutter:

"Ich muß Ihnen noch sagen, daß mir die Reise über Lyon, als einem Fremden, von der Obrigkeit in Straßburg angeraten worden ist. Ich sehe also Paris nicht. Ich bin auch damit zufrieden."

Über Lyon ist es ein ähnlicher Umweg wie es ein solcher über Paris gewesen wäre. Zu Fuß braucht man von Nürtingen über Straßburg nach Lyon 120 Stunden (laut G-Maps). Wenn Hölderlin in Straßburg laut den Quellen 14 Tage festgehalten worden war, würden für den Weg selbst 15 Tage übrig bleiben. Und das würde heißen, daß er täglich acht Stunden hätte wandern müssen. Hölderlin spricht aber außerdem auch noch von Überschwemmungen und anderen Widrigkeiten, die die Reise verlängert hätten, so daß er gut auch einmal zehn Stunden täglich unterwegs gewesen sein könnte (oder aber für einzelne Strecken eben doch auch einmal eine Postkutsche nahm). 

Durch die gefürchteten, überschneiten Höhen der Auvergne

Der Weg nach Lyon führte also grob über Schlettstadt, Colmar und Cernay durch das Elsaß, sowie über Belfort, Montbeliard und Besancon durch Burgund. Und das alles Ende Dezember und Anfang Januar, also im tiefsten Winter. Der Weg ist vor einem Jahrzehnt einmal von einem Deutschen - auch im Winter - abgewandert worden (Knubben). Dieser kam dabei noch im 21. Jahrhundert durch einsame und abgelegene Dörfer. Hölderlin schreibt dann aus Lyon auch:

"Ich bin noch müde, liebe Mutter! von der langen kalten Reise."

Der Weg von Lyon nach Bordeaux geht dann über Clermont-Ferrand mitten durchs Zentralmassiv, mitten durch die Auvergne. 

Abb. 8: Die Brücke "de la Guillotière" in Lyon, Aquarell von Jean-Jacques de Boissieu  (1736-1810) um 1760 (Städelsches Kunstmuseum Frankfurt am Main) (W)

Ab Naves, Tulle und Ussac kommt er dann in das wärmere, südwestliche Frankreich hinunter. Am 28. Januar 1802, knapp 20 Tage nach seiner Abreise aus Lyon, meldet er seiner Mutter seine glückliche Ankunft in Bordeaux:

"Diese letzten Tage bin ich schon in einem schönen Frühlinge gewandert, aber kurz zuvor, auf den gefürchteten überschneiten Höhen der Auvergne, in Sturm und Wildnis, in eiskalter Nacht und die geladene Pistole neben mir im rauhen Bette - da hab ich auch ein Gebet gebetet, das bis jetzt das beste war in meinem Leben und das ich nie vergessen werde."

Der Konsul Meyer, der ihn als Hauslehrer eingeladen hatte, bewohnte in Bordeaux ein für damalige Zeiten hoch modernes, gerade erst neu erbautes Palais. Es ist noch heute erhalten. Der Hausherr besaß auch ein Weingut an der Gironde, am breiten Fluß, zu dem sich Garonne und Dordogne hinter Bordeaux vereinigten, um in den Atlantischen Ozean zu münden. Vielleicht hat Hölderlin auch den Pointe de Grave (Wiki) kennengelernt, die Landspitze an der Mündung der Gironde in das Meer, in den Atlantischen Ozean. Der Hausherr begrüßte Hölderlin mit den Worten "Sie werden glücklich sein". Und nach allem, was man erfährt, war Hölderlin dies in diesem Haus auch. Nach seiner Abreise stellte ihm der Konsul das "schönste Zeugnis" aus wie er an seinen Geschäftspartner Landauer in Stuttgart schrieb.

"Das Feuer des Himmels und die Stille der Menschen"

Das Interesse Hölderlin's am "südlichen Menschen", den er in Bordeaux kennen lernte, war auch mitgeleitet von seinem Wissen um die blutigen Kämpfe in der Vendée, etwa 180 Kilometer weiter nördlich zwischen den Jahren 1793 bis 1796. In blutigen Kämpfen sind hier erbitterte Aufstände gegen die Französische Revolution niederschlagen worden (Wiki). Nach seiner Rückkehr aus Bordeaux schrieb Hölderlin im November 1802 an Böhlendorf:

"Ich habe Dir lange nicht geschrieben, bin indes in Frankreich gewesen und habe die traurige einsame Erde gesehn, die Hirten des südlichen Frankreichs und einzelne Schönheiten, Männer und Frauen, die in der Angst des patriotischen Zweifels und des Hungers erwachsen sind.
Das gewaltige Element, das Feuer des Himmels, und die Stille der Menschen, ihr Leben in der Natur und ihre Eingeschränktheit und Zufriedenheit, hat mich beständig ergriffen, und wie man Helden nachspricht, kann ich wohl sagen, daß mich Apollo geschlagen.
In den Gegenden, die an die Vendée grenzen, hat mich das Wilde, Kriegerische interessiert, das rein Männliche, dem das Lebenslicht unmittelbar wird in den Augen und Gliedern und das im Todesgefühle sich wie in einer Virtuosität fühlt und seinen Durst, zu wissen, erfüllt.
Das Athletische des südlichen Menschen, in den Ruinen des antiken Geistes, machte mich mit dem eigentlichen Wesen der Griechen bekannter. ..."

Wenn er davon spricht, daß die Menschen "im Todesgefühle sich wie in einer Virtuosität" fühlen, dann sieht erzunächst natürlich eigene Lebenseinstellungen und Weltsichten in die Menschen vor Ort hinein und spricht vielleicht sogar noch mehr über sich selbst als über die Menschen, die er dort kennen lernte.

Vielleicht wird man auch sagen können: die Menschen damals hatten eine Sehnsucht nach einem "Wilhelm Tell", nach einem ursprünglicheren Menschen, eine Sehnsucht, der Friedrich Schiller gerade in jener Zeit begann, Ausdruck zu verleihen (Wiki).

Abb. 9: Friedrich Beißner - Früher Beitrag zur "Hellas-Hesperien-Diskussion", 1932/33, 1961

Und welchen Helden spricht Hölderlin nun nach, wenn er sagt, daß ihn "Apollo geschlagen" hätte? Bei dieser Gelegenheit gibt es Anlaß, sich klar zu machen: Ausgerechnet der "griechischste" aller griechischen Götter stand im Trojanischen Krieg gegen die Griechen! Er halt den Trojanern. Apoll hatte die Mauern von Troja errichten helfen und brachte die Griechen während des Krieges wiederholt in die furchtbarsten Katastrophen (Wiki): Agamemnon hatte die Tochter des Apollon-Priesters Chryses geraubt, die dieser zurückforderte und nicht erhielt, woraufhin Apoll die Pest über das Heer der Griechen sandte. Erst dann rückten die Griechen zerknirscht die Tochter heraus.

Agamemnon forderte aber nun - als Ersatz - die Briseis und beschwor damit dann den berühmten Zorn des Achill herauf, der schon für sich allein den Griechen den allergrößten Schaden brachte. Doch auch ohne Achill kämpften sich die Griechen vorwärts, bis der urgewaltige Kriegsruf des Apoll die Griechen bis zu ihren Schiffen zurück trieb und die Trojaner neuerlich tapfer vordringen ließ. Der Held Patroklos konnte dann von Hektor erschlagen werden - weil Apoll ihm beistand. Achill selbst hatte vor dem Krieg schon zwei Söhne des Apoll erschlagen. Und nun nahm Apoll blutige Rache, indem er den Pfeil des Paris in die Ferse des Achill lenkte. Insgesamt hatten die Griechen also wahrlich Grund genug zu sagen, sie wären von "Apoll geschlagen" gewesen, nämlich im Kampf um Troja. Und diesen Helden nun also spricht Hölderlin nach, wenn er von sich sagt daß auch er in seinem Lebensringen "von Apollo geschlagen" wäre. ... Die Götter sind halt neidisch auf allzu großes Glück der Menschen ...

Und was hat es mit der "Angst des patriotischen Zweifels" auf sich? Sie fragt "Wie soll es weitergehen mit unserem schönen Frankreich?" Sie ergab sich für Hölderlin aus den Mißbräuchen, die sowohl vor wie während der Französischen Revolution statthatten, und in denen sich für ernstere Beobachter Zuversicht und Sorgen zu ähnlichen Teilen mischten. Die Aufständischen der Vendée sahen die Mißbräuche seit Ausbruch der Revolution, diejenigen, die die Aufständischen bekämpften, sahen die Mißbräuche vor der Revolution. Beide Seiten hatten Grund genug zur "Angst des patriotischen Zweifels" - in einem solchen Krieg gegen die eigenen Landsleute.

Die Briefteilte, die diesem Zitat folgten, hatten wir schon ganz oben angeführt.

Ende Mai 1802 - In Paris

Der Grund für die so bald schon wieder erfolgte Abreise aus Bordeaux ist der Forschung bislang nicht zugänglich geworden. Susette Gontard ist erst am 12. Juni erkrankt, dies kann nicht der Anlaß gewesen sein. Außerdem wäre Hölderlin, wenn die Nachricht von einer ernsthaften Erkrankung ihrerseits der Anlaß für seine Abreise gewesen wäre, direkt nach Deutschland gereist und hätte nicht noch den Umweg über Paris genommen, um dort im Louvre die "Antiken" zu sehen.

Sicher ist zunächst nur: Am 16. April schreibt er noch sehr vage an die Mutter:

"Ich hoffe auch das, was meine Lage mir gibt, allmählich zu verdienen und einmal, wenn ich in die Heimat wiederkomme, der wahrhaft vortrefflichen Menschen, denen ich hier verbunden bin, nicht ganz unwürdig zu sein."

"Einmal" - diese Zeilen setzen also noch voraus, daß er auf lange in Bordeaux bleiben würde. Aber schon vier Wochen später, am 10. Mai 1802 erhält er in Bordeaux seinen Ausreise-Paß nach Straßburg, am 7. Juni 1802 erhält er dann das Visum für Kehl. Der Konsul Meyer stellt in seinem Briefwechsel mit Landauer in Stuttgart Hölderlin nach seiner Abreise nur das "schönste Zeugnis" aus (Höld.-Handb, S. 47f) wie wir schon sagten. Äußerer Unfrieden kann also auch nicht Anlaß für die Abreise gewesen sein.

Waren die Eindrücke zu stark für ihn? Fühlte er sich auf die Dauer in Bordeaux zu entwurzelt? Suchte er, "Mutterboden", Heimat? Er berichtet ja am Ende des Jahres ausdrücklich davon, daß er in Frankreich "von Apoll geschlagen" gewesen sei. Wollte er, wenn er schon krank war, tiefe Niedergeschlagenheit, Trauer und Erschütterungen zu verarbeiten hatte, dafür dann doch lieber zu Hause sein? Solche Überlegungen erscheinen uns bis auf weiteres die plausibelste Erklärung.

Ende Mai ist Hölderlin dann in Paris und besucht die "Antiken" im Louvre. Dieser ist in diesem Jahr 1802 zum "Musée Napoléon" umbenannt worden. Hölderlin verläßt dann Straßburg in Richtung Kehl am 7. Juni und besucht von dort seine Freunde in Stuttgart. Am 12. Juni 1802 bricht bei Susette Gontard die Krankheit aus. Soweit wir wissen, ahnt Hölderlin nichts. Zehn Tage später, am 22. Juni ist sie in Frankfurt am Main dann schon - mit 33 Jahren - gestorben. Den Brief, in dem Sinclair Hölderlin die Mitteilung von ihrem Tod machte, schickte er nach Bordeaux, weil er noch gar nichts von der Rückkehr von Hölderlin wußte. Hölderlin hatte Sinclair also auch gar nicht Auskunft über seine Rückreise gegeben. Dieser Brief langte bei Hölderlin in Stuttgart dann erst Anfang Juli ein.***) 

Dem Gedicht "Andenken", in dem sich die Erfahrung des Bordeaux-Aufenthaltes wiederspiegelt, hat Dieter Henrich ein ganzes Buch gewidmet. Auf der Grundlage desselben wird ausgeführt (Lefebvre/Handbuch):

Die schöne Garonne, die Stadt Bordeaux und die Gärten werden von dem (damals fast 90 m) hoch liegenden Hügel von Lormont auf dem rechten Ufer der Garonne aus gegrüßt, 1 km nordöstlich von der Stadtmitte: Dort befinden sich der in die Garonne tief fallende Bach (heute eine steile Gasse zum Fluß hinunter), der Ulmwald, die Eichen, die Silberpappeln, die Mühle (auf der damaligen Landkarte als Moulin de Mercadet verzeichnet), unten am Fluß entlang die Stege. Der Ort mit seiner Fähre befand sich auf der ehemaligen Route d'Espagne der Santiago-Pilger und war vor allem für seine Werften bekannt. Eine von der Höhe vom Fluß her sichtbare Kapelle war von allen Schiffern und Seeleuten wegen ihrer schützenden Exvotos bekannt. Er war aber auch ein sehr bekannter Belustigungsort. (...) An Feiertagen, am 22. März zum Beispiel ("wenn gleich ist Nacht und Tag"), wurde hier getanzt, getrunken und gesungen. (...)
Nachdem der Dichter in der ersten Strophe den Strom, die Stadt und die Gärten von der hohen Klippe von Lormont aus gegrüßt hat, kommt er auf die Seeleute in den letzten zwei Strophen zu sprechen, deren Segelschiffe am von Lormont aus gut sichtbaren Bec D'Ambes (die "luftige Spiz") vorbeiziehen, das heißt gerade an dem Ort, wo Garonne und Dordogne ineinander münden und die "meerbreite" Gironde bilden. Das Gedicht protokolliert mit großer Genauigkeit einen bestimmten Tag (22.3.1802) an einem bestimmten Ort.

Wenn Hölderlin dem Nordost-Wind eine besondere Bedeutung zuspricht, dann spielt hier vielleicht eine Rolle, daß dem Nordost auch im zentralen Mittelmeer-Raum auf der Insel Malta eine Bedeutung zugesprochen wird, nämlich als "Gregale", als "griechischer Wind". Ein Wind also, der grob gesagt von Hellas hinüber nach "Hesperien", nach Westen weht. Ein ähnlicher Wind (allerdings mit wechselnder Windrichtung) wird im östlichen Mittelmeerraum als "Euroklydon" bezeichnet.

Als Hölderlin in Bordeaux selbst weilte, konnte ihm der Nordost auch deshalb der liebste unter den Winden sein, weil er von Frankfurt am Main her kam, dem Lebensort von Susette Gontard (s. Baumann 2020, S. 18).

Wenn Hölderlin aber in der vierten Strophe nach den Freunden und Gefährten fragt, dann stellt er sie sich als Seeleute und Fernreisende vor, die - mit dem Nordost - längst nach Indien abgereist sind. Und von diesen ist dann bis zum Ende des Gedichtes nur noch die Rede. Denn "mancher trägt Scheue, an die Quelle zu gehn", nämlich ans Meer, "es beginnet nämlich der Reichtum / Im Meere". Sie aber, seine Gefährten, sie scheuen das Meer nicht, "sie," - die Seeleute - "wie Maler, bringen zusammen / Das Schöne der Erd", sie führen den "geflügelten Krieg", nämlich die Seefahrt und dabei können sie an einsamen Gestaden stranden und dort trostlos den "entlaubten Mast" hinauf schauen, während in der Heimat "die Lieb auch heftet fleißig die Augen" und sehnsüchtig ihre Rückkehr erwartet:

Andenken  
 
Der Nordost wehet,
Der liebste unter den Winden
Mir, weil er feurigen Geist
Und gute Fahrt verheißet den Schiffern.
Geh aber nun und grüße
Die schöne Garonne,
Und die Gärten von Bordeaux
Dort, wo am scharfen Ufer
Hingehet der Steg und in den Strom
Tief fällt der Bach, darüber aber
Hinschauet ein edel Paar
Von Eichen und Silberpappeln!
 
Noch denket das mir wohl und wie
Die breiten Gipfel neiget
Der Ulmwald, über die Mühl,
Im Hofe aber wächset ein Feigenbaum,
An Feiertagen gehn
Die braunen Frauen daselbst
Auf seidnen Boden,
Zur Märzenzeit,
Wenn gleich ist Nacht und Tag,
Und über langsamen Stegen,
Von goldenen Träumen schwer,
Einwiegende Lüfte ziehen.
 
Es reiche aber,
Des dunkeln Lichtes voll,
Mir einer den duftenden Becher,
Damit ich ruhen möge; denn süß
Wär unter Schatten der Schlummer.
Nicht ist es gut,
Seellos von sterblichen
Gedanken zu sein. Doch gut
Ist ein Gespräch und zu sagen
Des Herzens Meinung, zu hören viel
Von Tagen der Lieb,
Und Taten, welche geschehen.
 
Wo aber sind die Freunde? Bellarmin
Mit dem Gefährten? Mancher
Trägt Scheue, an die Quelle zu gehn;
Es beginnet nämlich der Reichtum
Im Meere. Sie,
Wie Maler, bringen zusammen
Das Schöne der Erd und verschmähn
Den geflügelten Krieg nicht, und
Zu wohnen einsam, jahrlang, unter
Dem entlaubten Mast, wo nicht die Nacht durchglänzen
Die Feiertage der Stadt,
Und Saitenspiel und eingeborener Tanz nicht. 
 
Nun aber sind zu Indiern
Die Männer gegangen,
Dort an der luftigen Spitz
An Traubenbergen, wo herab
Die Dordogne kommt,
Und zusammen mit der prächtgen Garonne meerbreit
Ausgehet der Strom.
Es nehmet aber
Und gibt Gedächtnis die See,
Und die Lieb auch heftet fleißig die Augen,
Was bleibet aber, stiften die Dichter.

 

/  Deutung und Erläuterung 
des Begriffes "Popularität"
in diesem Text nun 
besser gefaßt: 28.12.23  /

____________ 

*) Dieter Henrich hat erstmals die große philosophische Bedeutung Friedrich Hölderlins in aller Deutlichkeit heraus gearbeitet und hat damit reichste Anregungen für weitere Forschungen und für die künftige Kulturentwicklung Deutschlands und Europas gegeben.  Ihm sei in Dankbarkeit dieser Beitrag gewidmet, der in einigen ( uns viel zu großen ) Fußstapfen von Henrich wandelt ....
**) Man denke etwa - nur als Beispiel - an Erörterungen des deutschen Philosophen Eduard Baumgarten mit NS-Partei-Philosophen im Jahr 1939 in Buderose, in denen er genau diesen Gedanken gegenüber einer grenzenlosen Borniertheit und Engstirnigkeit hervorheben mußte (St.gr. Nat.2011).
***) Eine sehenswerte Filmdokumentation zu Hölderlin ist 2020 erschienen (11). Etwa im November 2022 ist auf Youtube der Kommentar dazu hinterlassen worden: "@scottthompson7635 vor 3 Monaten (bearbeitet) An excellent production. Ausgezeichnet! Ich fühle den Einfluß von Pierre Bertaux. I will watch it many times, and it will make me cry each time. Gern würde ich diesen Film für eine Englisch-sprechende Zuhörerschaft übersetzen. Obwohl sie nicht eine sehr große Menge ist, gibt es trotzdem  hier - eben hier in San Francisco - ein wachsendes Interesse für Hölderlin."
****) Nachtrag 10.6.23: Peter Szondi knüpft in seinen Forschungen insbesondere an die Dissertation des Germanisten Friedrich Beißner (1905-1977) (Wiki) aus dem Jahr 1932 an, die 1961 in zweiter Auflage erschien. 2017 erschien ein Nachdruck (13). Beißner gehörte - nach Norbert von Hellingrath - zu den wichtigsten frühen Hölderlin-Forschern des 20. Jahrhunderts (14). Seine Dissertation behandelt im ersten Teil die Pindar-Übertragungen und im zweiten Teil die Sophokles-Übertragungen Hölderlin. Das siebte und letzte Kapitel des zweiten Teiles - und des ganzen Buches - lautet "Griechenland und Hesperien". 
*****) Nachtrag 12.1.24: Eine der aktuellsten Zusammenfassungen zum Thema ist übrigens 2020 erschienen (15). - Ob im Zusammenhang mit der Hellas-Hesperien-Erörterung schon einmal dem Gedanken nachgegangen worden ist, daß die Musik Beethoven's als jene Art von Kunstäußerung gewertet werden könnte, die dieser Forderung Hölderlins hinreichend gerecht geworden ist? (Und daß Richard Strauß eine ähnliche Notwendigkeit auch durchaus sah und in ähnliche Richtung strebte, ihr aber womöglich dann doch in der Praxis nicht gerecht werden konnte [DVHS2016]?) Und daß hier auch einer der Ursprünge liegen könnte für die Vorliebe Hölderlins für die Musik eines Scarlatti? Schon allein die zeitlichen Parallelen sind ja außerordentlich überraschend: Beethoven begann seine 3. Sinfonie, die "Eroica" 1802 zu komponieren, also zu eben jener Zeit, in der Hölderlin diese Gedanken nieder schrieb. Das "Heiligenstädter Testament" Beethovens als Ausdruck der inneren Krise und Wende bei Beethoven entstand im Oktober 1802, fast zur gleichen Zeit wie der zweite Brief Hölderlins an Böhlendorf.

__________

  1. Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke und Briefe. Zwei Bände. Hrsg. von Günter Mieth. Carl Hanser Verlag, München, Wien 1970, 5. Auflage 1989
  2. Szondi, Peter: Der andere Pfeil. Zur Entstehungsgeschichte von Hölderlins hymnischem Spätstil. Insel, Frankfurt am Main 1963
  3. Szondi, Peter: Hölderlin-Studien. Mit einem Traktat über philologische Erkenntnis. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1967, 1970
  4. Binder, Wolfgang: Hölderlin und Sophokles. In: Friedrich Hölderlin. Studien von Wolfgang Binder. Frankfurt am Main 1987 
  5. Lefebvre, Jean-Pierre: Frankreich (Dezember 1801-Juni 1802). In: Hölderlin-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Hrsg. von Johann Kreuzer. J. B. Metzler, Stuttgart 2002 / 2011 (GB), S. 46-50
  6. Löhr, Christiane: Briefe. In: Hölderlin-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Hrsg. von Johann Kreuzer. J. B. Metzler, Stuttgart 2002 / 2011 (GB), S. 410-419
  7. Knubben, Thomas: Hölderlin. Eine Winterreise. Mit einer Carte Itinéraire von 1806 auf der Innenseite. Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen 2011 (Amaz)
  8. Schäfer, Barbara: Wandern wie der Dichter - Auf den Spuren von Hölderlin nach Frankreich. Rez. Knubben 2011. In: Tagesspiegel 2012
  9. Keuschnig, Gregor: Rez. von Knubben 2011, https://www.begleitschreiben.net/thomas-knubben-hoelderlin-eine-winterreise/
  10. Henrich, Dieter: Der Gang des Andenkens. Beobachtungen und Gedanken zu Hölderlins Gedicht. Klett-Cotta. 1986
  11. Schmutte, Hedwig; Lambert, Rolf (Buch und Regie): Friedrich Hölderlin - Dichter sein - Unbedingt! Along Mekong Productions mit SWR und Arte 2020, https://youtu.be/LYhBvEGhIEA, auch: https://youtu.be/MFX7pF2IN-g [darin als Hölderlin der Schauspieler Thorsten Hierse] 
  12. Baumann, Eberhard: Das Geheimnis wird Licht. Friedrich Hölderlins Gedicht "Andenken". Die blaue Eule, Essen 1997; erneut 2020 (GB)
  13. Beissner, Friedrich: Hölderlins Übersetzungen aus dem Griechischen. J. B. Metzler, Stuttgart 1933 (Dissertation Göttingen 1932) (194 S.); zweite Auflage 1961, 2017 (GB)
  14. Ennen, Jörg: 75 Jahre Hölderlin-Archiv in der Württembergischen Landesbibliothek. In: WLBforum 2016 (pdf)
  15. Schäfer, Rainer: Aus der Erstarrung. Hellas und Hesperien im "freien Gebrauch des Eigenen" beim späten Hölderlin. Felix Meiner Verlag, Hamburg 2020 (GB)
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