Sonntag, 7. September 2008

Das "Gefühl persönlicher Verantwortung"

ResearchBlogging.org- und wie es derzeit in der Hirnforschung erforscht wird

"Der Zufall hat im Reiche des Spiels einen besonderen Namen," heißt es in dem Klassiker "Das Spiel" von Manfred Eigen und Ruthild Winkler: "Wir bezeichnen ihn als Glück, wenn er uns gewogen ist, und als Pech, wenn er uns nur Nachteile bringt. Damit befreien wir ihn aus seiner ursprünglichen Beziehungslosigkeit." [1]

Wenn wir allerdings auf den Ausgang eines Geschehnisses, eines Ereignisses durch Entscheidungen, durch eigenes Handeln selbst Einfluß nehmen können, dann erleben wir den negativen Ausgang eines solchen nicht nur als (willkürliches) "Pech" und Enttäuschung und den positiven Ausgang nicht nur als (willkürliches) "Glück" und Erfolgserlebnis, sondern zu der Enttäuschung tritt die Reue dazu: "Hättest du es doch so (das heißt: anders) gemacht!" Und zu dem Erfolgserlebnis tritt die Bekräftigung und Bestätigung hinzu: "Jawohl, so muß man es machen!" In beiden Fällen "lernen" wir durch das, was geschehen ist über eine positive oder negative Rückkoppelung, durch an- oder abdressierende psychische "Konditionierung" ("conditioning by reinforcement"). Diese Art des Lernens hat stammesgeschichtlich im Tierreich eine lange Vorgeschichte. [2]

Wenn die Ursachen des Mißerfolges nicht gleich sichtbar sind, kann der Mißerfolg und das Bedauern, die Reue über diesen beim Menschen zu umfangreichen Forschungen nach den Ursachen dieses Mißerfolges führen.

Verantwortung und die Möglichkeit des Mißlingens

Die Unterscheidung zwischen bloßer Enttäuschung (engl. "disappointment") bezüglich eines rein willkürlichen, unbeeinflußbaren Ereignisses und der Reue (englisch "regret" oder "remorse") bezügliches des Ausgangs eines Ereignisses, auf das man Einfluß genommen hat, spielt in der psychologischen Forschung heute eine nicht unbedeutende Rolle. (Wissenschaft.de, 2004) [3] Die Reue besonders "hängt mit dem Gefühl persönlicher Verantwortung zusammen". Denn erst die Möglichkeit des Mißlingens eines Vorhabens aufgrund eigener Fehlentscheidungen schafft ja diese "persönliche Verantwortung".

Verantwortung und die Möglichkeit des Mißlingens hängen also untrennbar miteinander zusammen. Man übernimmt die "Verantwortung" - sich selbst oder anderen gegenüber - dafür, daß alles getan wird, damit das Mißlingen eines bestimmten Vorhabens weitestgehend ausgeschlossen ist. Dies ist um so eher möglich, um so besser man sich mit einer Sache auskennt, um so besser beispielsweise die berufliche oder ehrenamtliche Ausbildung ist, die man genossen hat oder um so mehr Lebenserfahrung man bezüglich bestimmter Umstände besitzt.

Man fühlt sich also dann für den Ausgang eines Vorhabens "verantwortlich". Man macht sich selbst dafür "haftbar". Oder man wird von anderen dafür "haftbar" gemacht.

Eine Angelegenheit des erwachsenen, reifen Menschen

Die Volljährigkeit bringt erhöhte Verantwortung auch im Rechtsleben mit sich. Verantwortung zu übernehmen, ist also besonders eine Angelegenheit des erwachsenen Menschen, des reifen Menschen, des Menschen mit Lebenserfahrung. Wenn schon junge Menschen große Verantwortung übernehmen, nimmt man das mit Staunen oder Bewunderung zur Kenntnis.
Einige Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, unter anderem mit Soziopathie oder einer antisozialen Persönlichkeitsstörung, sind nicht oder kaum zur Reue fähig,
und damit offenbar auch nicht dazu, sich verantwortlich zu fühlen für das eigene Verhalten, heißt es auf dem deutschen Wikipedia und auf dem englischen:
Remorse (also called compunction) is an emotional expression of personal regret - that is, the emotion felt by the injurer after he or she has injured. Remorse is closely allied to guilt and self directed resentment (e.g. - The boy felt much remorse after hitting the old lady. The idea of remorse is used in restorative justice). One incapable of feeling remorse is often labelled a sociopath (US) or psychopath (UK).
Die Unfähigkeit, Reue und damit Verantwortung zu empfinden

Diese Fähigkeiten zur Reue und damit zur Verantwortung nun sind im menschlichen Stirnhirn lokalisiert:
Patienten mit Schädigungen des orbitofrontalen Cortex empfinden kein Bedauern und können daher aus den negativen Konsequenzen ihrer Handlungen nicht lernen, fanden Nathalie Camille und ihrer Kollegen am Institut für Kognitionswissenschaften in Bron (Frankreich) mit einem Glücksspielexperiment heraus. Während des Experiments berichteten nur die gesunden Probanden darüber, Bedauern zu empfinden, wenn sie ihre Spielentscheidungen Geld kosteten. Dadurch gelang es ihnen, im Lauf des Experiments eine gewinnbringende Strategie zu entwickeln, während die hirngeschädigten Patienten am Ende Verluste erzielt hatten.

Der orbitofrontale Cortex scheint eine wichtige Rolle beim Empfinden von Verantwortung für die eigenen Handlungen zu spielen, schließen die Wissenschaftler aus den Ergebnissen. Dies sei nicht nur bei persönlichen, sondern auch bei einer Vielzahl von sozialen Entscheidungen von Bedeutung.
Auch bei Jugendlichen, die besonders vielen Gewaltvideos und Computerspielen ausgesetzt waren, sind Bereiche des Stirnhirns, die für Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle zuständig sind, auffallend weniger durchblutet (Wissenschaft.de, 2005):
Eine derart verringerte Stirnhirnaktivität wird mit Aufmerksamkeitsproblemen, geringer Selbstkontrolle und gestörter Entscheidungsfindung in Zusammenhang gebracht.
Auswirkungen auf die Stabilität von Gesellschaften?

Es gibt also Möglichkeiten, die Fähigkeit zur menschlichen Freiheit (siehe St. gen.) so weit auszuschöpfen, daß darunter die Fähigkeit zur menschlichen Verantwortungsübernahme leidet.
Dies wird in diffiziler und abgestufter Weise auch für andere Gebiete gelten als nur für die emotional-brutale Medienbeeinflussung.

Könnte es sein, daß menschliche, arbeitsteilige Gesellschaften nur dann dauerhaft stabil bleiben, wenn ein höherer Prozentsatz ihrer Angehörigen die Fähigkeit zum Fühlen von Verantwortung nicht nur nicht "degenerieren" läßt, sondern weiterentwickelt? Und aufgrund welcher bewußter oder halbbewußter verhaltenspsychologischer, evolutionspsychologischer Mechanismen und Motivationen könnte die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme, zum Fühlen von Verantwortung wachsen? Und zwar ohne daß diese Mechanismen in Widerspruch geraten zu den Gesetzen der genetischen Fitneß-Maximierung?

Die Übernahme von Verantwortung wird in komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaften - zum Beispiel - ermöglicht, bzw. erleichtert, durch eine langjährige Berufsausbildung. Und das dürfte auch schon für die ersten arbeitsteiligen Gesellschaften gelten. In diesen wurde die ungewohnte emotionale Destabilisierung es einzelnen aufgrund der beruflichen Spezialisierung durch umfangreiche religiöse Rituale aufgefangen. Man könnte in diesem Zusammenhang etwa denken an die "Moieties" bei den amerikanischen Pueblo-Indianer, also Vorstufen von beruflichen "Gilden" und "Zünften", "Maurerbünden" etc. pp.. Die "aufreibende" Arbeit, der "Streß" in der Ausbildung und in der Ausübung des Berufes, die ja zwangsläufig mit einer gewissen äußeren Absonderung von der übrigen Gesellschaft verbunden sind (das ist ja eben das Wesen von "Spezialisierung"), können dazu führen, daß derjenige oder diejenige, die derartige berufliche Verantwortung übernehmen, diese Verantwortung (nur) auf Kosten der eigenen direkten Fitneß, also auf Kosten eigener Fortpflanzungsmöglichkeiten, Kinder übernehmen (können). In der heutigen Zeit ist dies ja offensichtlich ein ganz häufiges Geschehen.

Berufliche Spezialisierung auf Kosten eigener Nachkommen?

Aber wir wissen es auch von vielen bedeutenden Menschen in den letzten 2000 Jahren, daß sie oft weniger eigene Kinder hatten, als die Durchschnittsbevölkerung. Denken wir an Kinderlose - oder doch zumindest Kinderarme - wie Michelangelo, Friedrich der Große, Lessing, Kant, Beethoven, Hölderlin, Schubert, Brahms. Die Aufzählung könnte wohl noch lange fortgesetzt werden und beschränkt sich sicherlich nicht nur auf die aller oberste Spitze derjenigen, die für das "Human Accomplishment" verantwortlich waren. [4] Die Frage, ob die Menschen, die kulturelle Höchstleistungen in der Geschichte hervorgebracht haben, insgesamt durchschnittliche Nachkommenzahlen hatten oder nicht, ist nach Kenntnis des Autors dieser Zeilen noch nicht auf breiter Grundlage untersucht worden.

Aber denken wir auch daran, daß überhaupt die westeuropäischen Gesellschaften des Mittelalters und der Neuzeit im Gegensatz zu den osteuropäischen Gesellschaften und mehr noch im Gegensatz zu den ostasiatischen Gesellschaften durch einen hohen Anteil Nichtverheirateter und sehr spät Heiratender gekennzeichnet sind. Dies kann sich sowohl auf stärker spezialisierte Handwerkerberufe erstrecken (in den städtischen Siedlungen), wie auch auf weniger spezialisierte Kleinhäusler- und Tagelöhner-Schichten (in den ländlichen Siedlungen).

In jedem Fall: Sollte es in einer bestimmten Gesellschaft und unter bestimmten Zeitumständen Verhaltens- und Intelligenz-Gene geben, die besonders dazu veranlassen oder es erleichtern, Verantwortung zu übernehmen und kulturelle, wirtschaftliche oder politische Leistungen zu erbringen (nicht nur Höchstleistungen, sondern auch Durchschnittsleistungen), die die Fähigkeit mit sich bringen, "to delay gratification", wie es in der Forschung vielerorts heißt [bspw. 5], dann müßte weiterhin noch geklärt werden, aufgrund welcher evolutiver Zusammenhänge dafür gesorgt ist, daß nicht gerade diese Verhaltensgene im Laufe der Generationen in der Häufigkeit abnehmen in arbeitsteiligen Gesellschaften, in denen Menschen zu derartiger Verantwortungsübernahme ja sogar auf Kosten der eigenen, direkten Fitneß bereit sind oder sein können.

Klöster und hohe Nichtverheirateten-Rate

Im europäischen Mittelalter gehörte dazu zum Beispiel sehr weitgehend die gesamte intellektuelle Elite in den Klöstern. Daß also die westeuropäischen Gesellschaften trotz dieser vermutlich immensen "Selektion gegen höhere Intelligenz" im Mittelalter durch die Klöster und durch die kinderlosen Priester in der Neuzeit dennoch so hohe kulturelle und wirtschaftliche Erfolge aufzuweisen hatten und haben, bleibt aus evolutionspsychologischer Sicht sicherlich weiterhin erklärungsbedürftig. (Die Überlegungen des Historikers Gregory Clark wird man dabei durchaus in Rechnung stellen können. Aber vermutlich werden sie sich als noch nicht ausreichend, bzw. tlw. fehlerhaft erweisen.)

All das sind Fragestellungen, denen in weiteren Beiträgen nachzugehen ist. (Aber dabei soll noch wesentlich grundlegender angesetzt werden, als bei dem Ansatz des Historikers Gregory Clark. - Und um zurück zum Ausgangspunkt zu kommen: Der Begriff Reue hat übrigens auch deutlich religiöse Bezüge, denen man nachgehen könnte im Rahmen der sich derzeit rasch weiter entwickelnden "Religionsbiologie".)
_____________

1. Eigen, Manfred; Winkler, Ruthild (1975): Das Spiel. Naturgesetze steuern den Zufall. Piper, München, Zürich (9. Aufl.) 1990, S. 22
2. Lorenz, Konrad (1973): Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1977
3.
N. Camille (2004). The Involvement of the Orbitofrontal Cortex in the Experience of Regret Science, 304 (5674), 1167-1170 DOI: 10.1126/science.1094550
4. Murray, Charles (2003): Human Accomplishment. The Pursuit of Excellence in the Arts and Sciences, 800 B.C. to 1950. Harper Collins.
5. V REYESGARCIA, R GODOY, T HUANCA, W LEONARD, T MCDADE, S TANNER, V VADEZ (2007). The origins of monetary income inequality☆Patience, human capital, and division of labor Evolution and Human Behavior, 28 (1), 37-47 DOI: 10.1016/j.evolhumbehav.2006.07.001

Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Beliebte Posts

Regelmäßige Leser dieses Blogs (Facebook)

Email-Abonnement für diesen Blog

studgen abonnieren
Powered by de.groups.yahoo.com

Registriert unter Wissenschafts-Blogs

bloggerei.de - deutsches Blogverzeichnis

Haftungsausschluß

Urheber- und Kennzeichenrecht

1. Der Autor ist bestrebt, in allen Publikationen die Urheberrechte der verwendeten Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu beachten, von ihm selbst erstellte Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu nutzen oder auf lizenzfreie Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zurückzugreifen.

2. Keine Abmahnung ohne sich vorher mit mir in Verbindung zu setzen.

Wenn der Inhalt oder die Aufmachung meiner Seiten gegen fremde Rechte Dritter oder gesetzliche Bestimmungen verstößt, so wünschen wir eine entsprechende Nachricht ohne Kostennote. Wir werden die entsprechenden Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte sofort löschen, falls zu Recht beanstandet.