Samstag, 30. August 2008

Genetische Verwandtschaft - ein wichtiger Faktor auch auf Gruppenebene?

Verwandten-Altruismus ...

Die Mehrebenen-Selektion (multi-level-selection) ist heute in der Wissenschaft en vogue (s.  etwa Zoon politikon, Natur des Glaubens). Oft dient sie aber derzeit nur dazu, mehr oder weniger abstrakt das alte Theorem von der Gruppenselektion wiederzubeleben, während eine echte Mehrebenen-Selektion implizieren würde, daß man sehr konkret das Zusammenspiel der Selektions-Ebenen charakterisieren und beschreiben müßte, nämlich der Ebene des Verwandten-Altruismus mit der Ebene, auf der die Mechanismen der Gruppenselektion zur Wirkung kommen. Erst dann darf man ja von "mehreren" Ebenen sprechen. Versuche, die über bloße Postulate hinausgehen, hat es dafür bisher nur wenige gegeben. Aber diese wenigen sind durchaus beachtenswert (2, 3).

Und diese wenigen werden, wenn man genau hinschaut, nun durch eine weitere neue Studie ergänzt und mit neuen empirischen Daten zu Mechanismen des Verwandten-Altruismus auch in modernen Gesellschaften unterfüttert. Eine ganz außerordentlich erstaunliche Studie ist nämlich am 8. Februar dieses Jahres in „Science“ erschienen. (1) Sie ist hervorgegangen aus der bekannten isländlischen Humangenetiker-Gruppe um Kari Stefansson und der von ihm gegründeten Firma DeCode, die die Stammbäume aller Isländer sehr umfassend aufgearbeitet hat und mit den modernsten Methoden humangenetischer Forschung abgleicht.

Es geht um die Fragestellung, an welche durchschnittliche, genetische Verwandtschaft zwischen Ehepartnern der Mensch aufgrund seiner genetischen Ausstattung, Programmierung oder aufgrund sozialpsychologischer Umstände in tausenden von Jahren am besten angepaßt gewesen ist und – deshalb - immer noch ist. Erstaunlicherweise kann darüber auch etwas gesagt werden anhand von statistischen Daten aus modernen Industriegesellschaften, zu denen ja die isländische heute gehört.

Abb.: Kinderwagen (Herkunft: Martin Holtappels
 / LWL-Industriemuseum, Dortmund, 2004)
Nach diesen Daten ist es so, daß Ehepartner, die so eng miteinander genetisch verwandt sind wie Cousin und Cousine (Vettern und Basen) 2. Grades oder enger -, daß solche Ehepartner die meisten Kinder haben. Und zwar in Island sowohl um 1800 herum wie auch um 1960 herum, also unter ganz unterschiedlichen historischen, wirtschaftlichen Bedingungen. Dies ist schon einmal für sich ein erstaunliches Ergebnis. Ebenso erstaunlich ist, daß die Ehepartner um so weniger Kinder haben, um so entfernter sie genetisch miteinander verwandt sind. Es läßt sich in Bezug auf unterschiedlichen Fortpflanzungserfolg selbst noch beim Vergleich zwischen Vettern-Basen-Ehen 6. und 7. Grades in statistisch signifikanter Weise feststellen. (!) Es muß sich hier also um zum Teil ganz unbewußte Vorgänge, Zusammenhänge handeln.

Aber es wird noch einmal um so erstaunlicher, wenn man erfährt, daß nicht die Vettern-Basen-Ehen 2. Grades und weniger dann auch die meisten Enkelkinder haben. Ehepartner, die so eng miteinander genetisch verwandt sind wie Cousin und Cousine 3. oder 4. Grades haben zwar durchschnittlich etwas weniger Kinder als die erstgenannte Gruppe (und wiederum mehr als noch weniger genetisch miteinander verwandte Ehepartner!). Aber sie haben mehr Enkelkinder sowohl als die mehr genetisch miteinander verwandten als auch als die weniger genetisch miteinander verwandten Ehepartner.

Das ist ein außerordentlich erstaunliches Ergebnis, da es so „robust“ zu sein scheint, nämlich unbeeinflußt von der historischen Epoche, unbeeinflußt von der absoluten durchschnittlichen Kinderzahl der jeweiligen Epoche (die ja auch in Island rückläufig gewesen ist in den letzten 200 Jahren) und vielem anderen mehr.

Man könnte noch einige Vorbehalte haben. (Siehe gleich.) Wenn sich diese Ergebnisse aber trotz der Vorbehalte auch weiterhin bestätigen sollten, dann könnte man daraus die Vermutung ableiten, daß der Mensch in der Evolution zumindest seit dem Übergang zu Seßhaftigkeit und Ackerbau darauf anpaßt ist, in Gruppen zu leben und in diesen Heiratspartner zu wählen, deren durchschnittlicher genetischer Verwandtschaftsgrad etwa dem zwischen Cousin und Cousine 3. oder 4. Grades entspricht.

Und Agnar Helgason und Mitarbeiter gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie haben festgestellt, daß der durchschnittliche Verwandtschaftsgrad in isländischen Ehen in den letzten 200 Jahren um den Faktor 10 abgenommen hat. Ehepartner um 1800 waren durchschnittlich mit einem genetischen Verwandtschaftsgrad von 0,005 miteinander verwandt, um 1950 mit einem solchen von 0,0005. Der erste entspricht dem zwischen Cousins und Cousinen 3. und 4. Grades, der letztere dem zwischen Cousins und Cousinen (Vettern und Basen) 5. Grades.

Das beruht natürlich vor allem auf dem großen Bevölkerungswachstum der letzten 200 Jahre. Diese Ergebnisse legen sehr stark die Vermutung nahe, daß der Mensch - wie noch vor 200 Jahren in der wenig mobilen bäuerlichen Gesellschaft üblich - daran angepaßt ist, in Gruppen und Gesellschaften zu leben, deren durchschnittlicher genetischer Verwandtschaftsgrad bei 0,005 liegt. Denn da kommen die Ehepartner nicht nur so gut miteinander und mit der Umwelt aus, daß sie viele Kinder haben, sondern auch die Kinder dieser Ehepartner haben - aufgrund irgendwelcher verschlungener sozialpsychologischer Mechanismen etwa bei Heirats- und Berufswahl – selbst wieder mehr Kinder, als die Kinder von zu nah oder zu fern genetisch miteinander verwandten Menschen.

Es sei noch darauf hingewiesen, daß die niedrigere Enkelkinderzahl von Ehepartnern, die so eng wie Cousin und Cousine 2. Grades miteinander verwandt sind (oder enger), nicht daran liegt, daß deren Kinder selbst etwa schon sehr früh gestorben wären. Sie haben erstaunlicherweise selbst noch mehr Kinder, die das 30. Lebensjahr erreichen, als die weniger genetisch miteinander verwandten Ehepartner. Die Lebensdauer selbst scheint also bis zum 30. Lebensjahr zumindest nicht deutlich eingeschränkt zu sein bei Kindern nahe miteinander verwandter Ehepartner. (Wobei Geschwisterehen wohl – zumindest – nicht signifikant häufig gewesen sein werden.) Aber ihr eigener Heirats- und Fortpflanzungserfolg, die in traditionellen Gesellschaften mancherlei mit beruflicher Positionierung zu tun haben wird, scheint sonderbarerweise dennoch niedriger zu sein als der von etwas weniger nah miteinander verwandten.


Hier übrigens noch ein kleiner filmischer Eindruck vom Erstautor der angeführten Studie, Agnar Helgason

Es gibt noch mancherlei Einwände gegen diese Studie. Über diese kann man sich auch im Netz und auf Blogs informieren (bei John Hawks etwa, Dienekes, Steven Sailer und so vielen anderen). Viele von diesen Einwänden erledigen sich von selbst, wenn alle die, die über die Studie schreiben, sie zunächst einmal selbst richtig lesen würden.

(Was mir selbst noch nicht klar geworden ist, ist, ob in den Zahlen auch von 1960 nicht doch noch ein Stadt-Land-Unterschied verborgen sein könnte, nämlich daß man auf dem Land näher genetisch miteinander verwandt ist bei Heiraten und zugleich mehr Kinder hat. Ich traue aber den isländischen Genetikern zu, daß sie das auch selbst entdeckt hätten, wenn es zu entdecken gewesen wäre. Übrigens waren die Zusammenhänge aus anderen, vor allem islamischen Kulturen schon länger bekannt, man konnte aber bei den Studien, die in diesen Kulturen unternommen worden waren, viele beeinflussende Faktoren nicht so gut ausschließen wie bei der isländischen. Es handelt sich also wahrscheinlich nicht nur um ein "isländisches", sondern um ein weltweites Phänomen, zumindest soweit seßhafte, bäuerliche, menschliche Gesellschaften betroffen sind.)

... auf Gruppenebene

In zwei jüngeren Studien von Samuel Bowles nun, die Konzepte von Verwandten- und Gruppenselektion sehr konkret miteinander in Beziehung setzen bezüglich Humanevolution (2, 3) (siehe auch „Natur des Glaubens“ mit Kommentaren), hat dieser durchschnittliche genetische Verwandtschaftsgrad innerhalb von Jäger-Sammler-Gruppen ebenfalls eine große Rolle gespielt. In verschiedenen Ethnien kann dieser offenbar sehr unterschiedlich sein. Aber nach Bowles liegt er durchschnittlich etwas unter dem Verwandtschaftsgrad zwischen Cousin und Cousine 1. Grades, nach Bowles Berechnungen bei 0,102. (!) Viele Wissenschaftler - Robert Boyd etwa - zeigten sich erstaunt, daß er dort tatsächlich so hoch ist, sie hatten das nicht erwartet (und deshalb bislang der bloß kulturellen Gruppenselektion den Vorzug gegeben).

Da wäre ja nun interessant, ob die gleichen Gesetzmäßigkeiten bei der ehelichen Fruchtbarkeit abgeglichen nach Verwandtschaftsgrad, die für Island gelten, auch in diesen Jäger-Sammler-Gruppen gelten. Aber bei diesen werden die Zusammenhänge und Dispositionen doch deutlich anders liegen.

Man könnte also ganz grob sagen, daß sich beim Sprung von Jäger-Sammler-Gesellschaften zu Bauerngesellschaften ebenso wie beim Sprung von Bauerngesellschaften zu Industriegesellschaften der durchschnittliche genetische Verwandtschaftsgrad nicht nur in Ehen, sondern auch in Gesellschaften jeweils zunächst um den Faktor 10 verringert hat.

Wenn man diese Faustregel gelten läßt, müßte jeweils eine altruistische berufliche Spezialisierung, um von den gleichen elementaren verwandtenaltruistischen Motivationen und psychologischen Mechanismen getragen zu sein wie der alltägliche Altruismus in egalitären Jäger-Sammler-Gruppen oder bei den vergleichsweise (!) „egalitären“ bäuerlichen Gesellschaften mit einer Effektivitätssteigerung in der Produktion und Bereitstellung von Nahrungsmitteln, Sachgütern und Dienstleistungen einhergehen, die ebenfalls in der Nähe des Faktors 10 liegt. Denn nach der Hamilton-Ungleichung r > K/N müssen die Kosten einer altruistischen Leistung um den Faktor 10 sinken, wenn der Verwandtschaftsgrad zum Nutznießer derselben um den Faktor 10 sinkt. (Oder der Nutzen muß um den Faktor 10 steigen.) (s. St. gen.)

Natürlich kann der Mensch zusätzlich noch das Prinzip Gegenseitigkeit in all diesen Sozialbeziehungen arbeitsteiliger Gesellschaften viel besser leben als alle Tiere, weil er weit in die Zukunft voraus und in die Vergangenheit zurück denken kann (auf seiner "inneren Bühne") und auch in der Regel viel genauer als Tiere rechnen kann (und mit Schriftlichkeit natürlich noch besser). (Siehe etwa 4) Aber es könnte dennoch so sein, daß ein Verwandten-Altruismus diese täuschungsanfälligen, evolutionär gesehen sehr "jungen" sozialen Gegenseitigkeits-Verhältnisse gegen die Instabilitäten, die ihnen aufgrund ihrer evolutionären "Jugend" innewohnen, stabilisiert, in "Schutz nimmt", bzw. ihre gesellschaftliche Stabilität erst ermöglicht. - Gerade für hedonistische Gesellschaften, die mitunter besonders anfällig für Selbsttäuschungen sein können, könnten diese Rationalitäten der letzte evolutionäre "Rettungsanker" sein.

Es sollte ja nicht besonders schwer sein, die genannte Effektivitätssteigerung in der Bereitstellung von altruistischen Leistungen um den Faktor 10 aufgrund von beruflicher Spezialisierung nachzuweisen. Natürlich sind, wenn man auf dieser Linie weiterdenkt und forscht, noch viele andere Faktoren in Rechnung zu stellen. Aber schon diese einfachen Überlegungen sollten es plausibel erscheinen lassen, daß es insbesondere die strukturelle gesellschaftliche Arbeitsteilung gewesen sein könnte, die es ermöglichte, daß die archaischen verwandten-altruistischen Motivationen auch noch in größeren menschlichen Gruppen wirksam gewesen sind und möglicherweise sogar weiterhin wirksam sind, um die Schädlichkeit der Instabilitäts-Anfälligkeiten in reinen Gegenseitigkeits-altruistischen Sozialbeziehungen - und zumal in diesen ohne einen "Gott", einen "Diktator" oder ein "Polizeiregime" als "dritten Bestrafer" - auf ein Mindestmaß zu beschränken.

A. Helgason, S. Palsson, D. F. Guthbjartsson, t. Kristjansson, K. Stefansson (2008). An Association Between the Kinship and Fertility of Human Couples Science, 319 (5864), 813-816 DOI: 10.1126/science.1150232
ResearchBlogging.org
  1. Helgason, Agnar u.a.: An Association Between the Kinship and Fertility of Human Couples. Science, 8. Februar 2008, 813 - 816
  2. Bowles, Samuel: Group Competition, Reproductive Leveling, and the Evolution of Human Altruism. Science, 8 December 2006, 1569 – 1572
  3. Choi, Jung-Kyoo; Bowles, Samuel: The Coevolution of Parochial Altruism and War. Science, 26 October 2007, 636 – 640
4. Stevens, Jeffrey R.; Marc D. Hauser: Why be nice? Psychological constraints on the evolution of cooperation. Trends in Cognitive Science. February 2004, 8(2), 60-5

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