Samstag, 19. Juli 2008

"Die Höllenangst Gottes vor dem Nacktturnen"

Basty hat einen längeren Disput angeregt über den gebrachten Text von Nietzsche zur "Höllenangst Gottes vor der Wissenschaft" (St. gen. 07/2008). Ein Text, der zunächst dahingehend interpretiert worden war, daß er etwas dazu aussagen könne, wie die mosaische Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch formuliert worden sein könnte mehr oder weniger bewußt als Gegenbild zur wissenschaftlichen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch, die sich etwa gleichzeitig in der antiken Welt ausbildete. Das ist ja die These des Kultur- und Religionshistorikers Jan Assmann.


Im Verlauf der Diskussion mit Basty wurde aber klar, daß die Dinge doch noch ein bischen verwickelter sein werden, als es auf den ersten Blick aussieht. Die mosaische Unterscheidung, also der jüdische Monotheismus, ist entstanden in Auseinandersetzung mit den assyrischen Welteroberungsplänen und dabei vor allem auch während der Belagerung Jerusalems irgendwann um 500 v. Ztr. (so vermutet es Archäologe Israel Finkelstein). Aber seine erste große Bewährungsprobe (oder eine seiner ersten großen) wird vor allem auch seine Auseinandersetzung mit dem Hellenismus gewesen sein, mit dem Begeisterungsrausch für Kunst, Schönheit und auch Wissenschaft, den damals die Welt im Vorderen Orient ergriff.

Antik-griechische versus mosaische Unterscheidung zwischen Schön und Häßlich

Wenn man es noch recht von seinem althistorischen Hauptseminar und damit in Zusammenhang gelesenen Quellen zur Geschichte des antiken Judentums in Erinnerung hat, wollten damals auch viele Juden in die Gymnasien gehen, wurden dort aber beim Nacktturnen als Beschnittene erkannt und wollten sich deshalb dann auch nicht mehr beschneiden lassen. In jener Zeit wird man also sehr eifrig mosaisch gewesen sein müssen, wenn man sich durch den um sich greifenden "Hellenismus-Wahn" nicht ganz und gar religiös wollte umpolen lassen.

Insofern könnte die geschichtliche Ausbildung der "eifrigen", "fanatischen", mosaischen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch sehr stark mitbeeinflußt worden sein - in den Worten Nietzsches - durch "die Höllenangst Gottes vor dem Nacktturnen". (!)*)

Was hier also zunächst eher als ein Scherz formuliert worden war, könnte doch allerhand Körnchen Wahrheit in sich bergen. Was einem aber damit in Zusammenhang vor allem bewußt wird: Für die Griechen war jene Wissenschaft, die bemerkenswerter Weise ebenfalls vor allem in den Gymnasien gelehrt und verbreitet wurde, nur ein Teilaspekt dessen, was ihnen im Leben wichtig war. Schönheit, auch die Schönheit des menschlichen Körpers und sein Training - in der Natur und in der Kunst - war da für sie ein mindestens ebenso wichtiger Aspekt. Das wird ja auch in vielen philosophischen Gesprächen des Sokrates, überliefert von Platon, deutlich. Insofern könnte klar werden, daß der Nietzsche-Text ein Text der Zeit von Nietzsche war und auf Probleme der Zeit von Nietzsche - vor allem - reagierte. Damals wurde das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes diskutiert und so vieles andere mehr.

Und es wird vor allem deutlich, daß auch die These von Jan Assmann eine auf unsere Zeit gemünzte These darstellt, die manche wesentlicheren Aspekte wohl noch ausblendet. Und woran das liegt? Weil wir heute noch fast die gleichen Probleme mit der Nacktheit im Sport haben (siehe Abbildung), wie sie schon der liebe Gott, bzw. der Hohepriester im Paradies (oder in Israel) gehabt haben müssen, als sie sahen, daß Adam und Eva mit dem nackten Frühturnen anfingen. Welche Tyrannen das wohl heute - außer "Gott" - fürchten?

Wir sind heute medial so sehr mit Nacktheit überflutet, daß über diese so recht Freude nicht aufkommen will. Zumindest nicht jene leichte, beschwingte, griechische Heiterkeit. Aber vielleicht ist auch diese - eher Mißmut als Freude verbreitende - mediale Überflutung nur eine Rache des monotheistischen Gottes an all jenen, die ihm untreu geworden sind? ...

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*) Ergänzung vom 7.9.08: Nicht nur "Gott" Jehova scheint vor dem Nacktturnen und der Verherrlichung körperlicher Schönheit Angst gehabt zu haben, offenbar auch "andere" antike Tyrannen. Auf dem englischen Wikipedia-Eintrag steht: "Athletes competed in the nude, a practice said to encourage aesthetic appreciation of the male body and a tribute to the Gods." Hier geht es gewiß um andere Götter (Konkurrenz-Götter gegenüber dem Gott der Bibel). Und weiter: "Some early tyrants feared gymnasia facilitated politically subversive erotic attachments between competitors." (1)]
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  1. Ein deutscher Tagungsband zum Thema aus dem Jahr 2004 wird übrigens bei HSozKult besprochen: Dorit Engster: Rezension zu: Kah, Daniel; Scholz, Peter (Hrsg.): Das hellenistische Gymnasion. Berlin 2004. In: H-Soz-u-Kult, 14.03.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-1-189>.

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