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Mittwoch, 21. Mai 2025

Die Italiener haben viele Worte für "Traube" ...

...  die Amischen für "Buggy",
... die Inuit für "Schnee"
- Wie sich die Lebens- und Denkwelt der Völker in ihrer Sprache wiederspiegelt

Die Inuit haben vier Wörter für das Wortfeld "Schnee" (ScAm2025) und einige für das Wortfeld "See-Eis" (1), Hindi hat viele Wörter für das Wortfeld "Liebe". Ob es sich bei diesen Aussagen nur um Vorurteile handelt, ist in einer neuen Studie durch quantitative Auswertung von Wörterbüchern untersucht worden. Die Ergebnisse können auch in einem frei zugänglichen "Lexical Elaboration Explorer" (LEE) besichtigt werden.

Abb. 1: Die Pennsylvania-Deutschen hatten viele Worte für "Bugy" - Hier ein amischer Buggy auf einem Feldweg in Holmes County, Ohio, nahe des Wallnuß-Baches (Fotografie von Carol M. Highsmith, 2016) (Garystock)

Welch immense Auswirkung die muttersprachliche Prägung auf die Wahrnehmung der Welt und der sozialen Beziehungen hat, ist in Wahrnehmungsstudien festgestellt worden, etwa an englischsprachigen, fünf Monate alten Kindern. Diese nehmen räumliche Konzepte, die nur im Koreanischen hervor gehoben werden, noch wahr, was zwar erwachsene Engländer nicht mehr tun, erwachsene Koreaner aber schon (2, 3). Das heißt, daß erwachsene Engländer eine andere muttersprachliche Prägung ihrer räumlichen Wahrnehmung aufweisen als erwachsene Koreaner.

Gegenüber diesem Forschungsergebnis, das schon 2004 gewonnen worden ist, ist eine aktuelle Annäherung an dasselbe Phänomen über die Erforschung der unterschiedlichen Größe von Wortfeldern in einzelnen Sprachen eine Annäherung an ähnliche Phänomen aus anderer Richtung und auf weniger grundsätzlicher Ebene (1).   

Mittelalterliche europäische Sprachen

Im mittelalterlichen Deutschen (Mittelhochdeutsch) werden von dem neuen "Lexical Elaboration Explorer" (LEE) die Wortfelder mit den meisten Worten angeführt von den folgenden Wortfeldern, bzw. Konzepten: Witz, Glanz, Kampf, Bewaffnung, Helm. Ähnliches gilt für Altenglisch und Altfranzösisch. Man fühlt sich bei solchen Konzepten und Wortfeldern - natürlich - an die Welt des Nibelungenliedes und an ähnliche Dichtungen erinnert. Das sind ja auch die Sprachdokumente, aus denen die analysierten Wörterbücher destilliert worden sind!

Bei den Wortfeldern mit den meisten Worten noch im heutigen Isländischen fühlt man sich aber ebenso oft an die isländische Saga-Welt aus dem Mittelalter erinnert. Diese wirkt also noch nach, obwohl hier die Wörterbücher nicht vornehmlich aus mittelalterlichen Dichtungen abgeleitet worden sind: Spitzname, Vers, Qual, Wundheilung, Waffenstillstand, Totschlag, Metapher, Zauberer, Riese, Schreiber, Geächteter sind hier die Konzepte, bzw. Wortfelder mit den meisten Worten.

Noch im heutigen Italienischen geht es sehr viel um bäuerliche Nahrungsmittel: Traube, Kastanie, Heuraufe, Käse, Wein sind die Konzepte, bzw. Wortfelder mit den meisten Begriffen.

Für das Lettische wird als Wortfeld mit den meisten Begriffen angeführt "Birke", für das Litauische "Duckmäuser".

Für die Sprache der Samoaner: Lava, Taro, Einsamkeit, Brotfrucht, Dach, Kanu, Häuptling, Taube. Auch hier spiegelt sich die traditionelle Lebenswelt und Lebensweise der Samoaner wieder.

Neuzeitliche europäische Sprachen

Im "Pennsylvania-Dutch" werden folgende Konzepte/Wortfelder als jene mit den meisten Begriffen angeführt: Buggy (s. Abb. 1), Scheune, Prediger, Apfelwein, Wagen, Kirsche. Auch in dieser Auswahl spiegelt sich - offensichtlich - die traditionelle Lebensweise der Deutschen in Pennsylvania wieder, die zu großen Teilen Mennoniten waren, und von denen die heutigen deutschsprachigen Amischen sprachlich und kulturell als solche in den USA fortexistieren.

Die modernen Deutschen nun sollen - merkwürdigerweise - vor allem viele Wörter haben für das Wortfeld "Kaminsims" (engl. "Mantel"). Das mutet reichlich merkwürdig an und hier scheint uns doch irgendetwas schief gelaufen, fehlerhaft zu sein. Außerdem sollen die modernen Deutschen Rekordhalter sein für Wortfelder wie: Stufe, Stiefel, Stall, Lehrer, Schnürsenkel, Entwurf, Rechnung, Humor, Tonne, Bad. Was auch immer man aus diesem Forschungsergebnis ableiten möchte!!

Jüdische Sprachen

Eindeutiger sind die Ergebnisse dann schon wieder für die jüdischen Sprachen und Dialekte. Hier finden sich viele Worte für das Konzept/Wortfeld "Synagoge", am meisten im Jüdisch-babylonischen Aramäischen (Wiki), dann im Judeo-Jemenischen Arabisch (Wiki), dann im Ladino (Judäo-Spanisch) (Wiki) der sephardischen Juden, dann im Ostjiddischen (Wiki) und im Modernen Hebräisch (Wiki) der aschkenasischen Juden. All das mutet nachvollziehbar und einsichtig an. 

Das moderne Hebräisch hat noch mehr Wörter für "Rabbi", gefolgt vom Ostjiddischen (beides aschkenasische Juden).

Auffällig und auch nachvollziehbar mag auch sein, daß im Modernen Hebräisch ebenso wie im Ladino der sephardischen Juden offenbar fast alle jene Konzepte/Wortfelder, die die meisten synonymen Begriffe aufweisen, im Zusammenhang mit religiösem Kontext stehen: captivity, desolation, terror, atonment (Sühne), redemption (Erlösung) und so weiter.

Im Ostjiddischen der aschkenasischen Juden kommen interessanterweise Wortfelder hinzu wie "Paranthese" (was in der Rhetorik eine größere Rolle spielt). Außerdem Wortfelder/Konzepte wie "fun", "holiday" oder "polish".

Im Judeo-Jemenischen Arabisch spielen auch Wortfelder offenbar aus dem außerreligiösen Lebensalltag eine Rolle wie: "land", "baking", "fodder", "camel", "oven" etc..

Insgesamt läßt sich also wohl als eine erste Schlußfolgerung ableiten, daß jene Bereiche, mit denen die Menschen in einer Sprachgemeinschaft besonders viel beschäftigt sind, worüber sie viel reden, was ihnen wichtig ist, auch besonders viele Worte aufweisen. Im Jüdischen ist es der religiöse Bereich, in den mittelalterlichen europäischen Sprachen ist es unter anderem das Rittertum/Kriegertum, in vielen bäuerlichen Völkern sind es Worte aus der bäuerlichen Lebenswelt.

Ein Wechsel der Lebenswelt - wie er durch einen Epochenwechsel wie den vom Mittelalter zur Neuzeit markiert wird - kann auch einen Wandel der meist benutzten Worte mit sich bringen - muß dies aber nicht. All das ist einsichtig und nachvollziehbar. 

Aber vielleicht werden aus solchen Forschungen künftig noch weitergehende Schlußfolgerungen abgeleitet werden können.

Für tieferliegende muttersprachliche Prägungen zum Beispiel der Wahrnehmung der räumlichen Umwelt oder der sozialen Umwelt werden allerdings noch ganz andere sprachliche Zusammenhänge eine Rolle spielen als es durch die Größe der Wortfelder in einer jeweiligen Sprache erforscht werden kann. 

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  1. T. Khishigsuren,T. Regier,E. Vylomova,& C. Kemp,  A computational analysis of lexical elaboration across languages, Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 122 (15) e2417304122, https://doi.org/10.1073/pnas.2417304122 (2025). (Preprint)
  2. Hespos, Susan J., and Elizabeth S. Spelke: Conceptual precursors to language. In: Nature (2004): 453-456 (Resg)
  3. Osterkamp, Jan: Erst denken, dann sprechen - Sprachentwicklung. In: Spektrum d. Wiss., 21.7.2004 (Spektrum2004)

Samstag, 4. Juli 2020

Wandlungsfreude und Beharrungsvermögen in der Völkergeschichte

In ihren Auswirkungen auf regionale demographisch-genetische Kontinuität oder deren Abbruch
- Einige grundlegendere Überlegungen ausgehend vom derzeitigen Forschungsstand der Archäogenetik

Der Übergang zur seßhaften Lebensweise und zum Leben in Staaten stellt das dehnbare Band zwischen den Genen und der Kultur eines Volkes unter starke Beanspruchung. Ein despotischer Herrscherwille, der vornehmlich von Weisheit geleitet ist und eine entsprechende, in Kultur und Genen schon angelegte Bereitschaft der Angehörigen eines Volkes, sich einem solchen Herrscherwillen unterzuordnen, mag einen solchen Übergang erleichtern, ohne daß das genannte Band zerreißen muß, und ohne daß das jeweilige Volk in der Folge von anderen Völkern gar zu leicht ersetzt wird (demographisch).

Europe agricultural revolution
Abb. 1: Der Eroberungszug der anatolisch-neolithischen Dorfgemeinschaften und frühen Staaten durch Europa (7.000 bis 4.300 v. Ztr.) - Wikirictor / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0) (Wiki)

Gelingt dieser Übergang zur seßhaften und bäuerlichen Lebensweise in einer bestimmten Frist und auch über lange Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg nicht nachhaltig genug - wie etwa bei den europäischen Fischer-, Jäger- und Sammler-Völkern - dann können diese Völker von Völkern ersetzt werden, bei denen dieser Übergang schneller gelungen ist und ohne daß dabei das bei ihnen vorliegende dehnbare Band zerrissen worden wäre. Eben unter anderem durch weise, despotische Herrschaftsformen unterschiedlicher Art.

In Ostasien hat die starke Beharrungsfreude der dortigen Völker offenbar dazu geführt, daß sich diese nicht gar zu häufig gegenseitig bedrängt haben bei ihrem jeweiligen Übergang zur seßhaften Lebensweise. Diese vollzog sich dort in jeder Region (Gelber Fluß, Tibet, Amur-Fluß) offenbar in der regional jeweils gegebenen zeitlichen Abfolge, ohne daß eine Be- oder Verdrängung von außen her eine gar zu große Rolle gespielt zu haben scheint (1). (Abgesehen von solchen Ausnahmen wie der Jomon-Kultur auf Japan etwa.) Man bedenke, daß zum Beispiel auch die taiwanesisch-stämmige austronesische Seefahrer-Kultur, die die südpazifische Inselwelt besiedelt hat, sich offenbar vornehmlich darauf beschränkt hat, eine zuvor unbesiedelte Inselwelt zu besiedeln, und ohne andere Völker zu bedrängen. Sie scheint dabei also vergleichsweise selten andere Völker bedrängt oder gar ersetzt zu haben. Auf diese Weise jedenfalls kam in Ost- und vielen Teilen Südostasiens jene Jahrtausende lange genetische Kontinuität seit dem Mesolithikum zustande, wie sie inzwischen sehr deutlich zu beobachten ist durch die Archäogenetik (1).

In Europa hat die starke Wandlungsfreude der hiesigen Völker hingegen dazu geführt, daß die anatolisch-neolithische Völkergruppe und die iranisch-neolithische Völkergruppe, die in ihren Ursprungsregionen bis heute einigermaßen genetische Kontinuität seit dem Mesolithikum aufweisen, sich sehr früh und außerordentlich stark demographisch expansiv verhalten haben (Abb. 1), auch auf Kosten anderer Völker, die in den jeweiligen Regionen zuvor ansässig waren, und denen - deshalb - keine Zeit gelassen wurde, eigenständig und mit der ihnen eigenen Kombination von Genen und Kultur zum Ackerbau überzugehen.

Bei den Bandkeramikern etwa wurde schon vor Jahrzehnten (zuerst von Jens Lüning) (bei der Erforschung "ältestbandkeramischer" Siedlungen) sogar sehr bewußt expansives, "eroberndes" Kolonisations-Verhalten (sozusagen "Rodungsbauerntum") festgestellt. Das heißt: Die nachfolgende Generation der Siedler an der jeweiligen Siedlungsgrenze dieser Kultur begründete eine neue Siedlungsstelle nicht etwa in der Nähe ihrer Heimatsiedlung, sondern gleich 30 Kilometer fern der Heimatsiedlung inmitten des entlegenen Urwalds. Und erst in der nachfolgenden Generation wurde auch der Zwischenraum aufgesiedelt. (Daß dies "staatlich koordiniert" geschehen sein könnte, fiel der Forschung bislang schwer anzunehmen. Es mehren sich aber inzwischen die Hinweise auf quasi-staatliche Koordination auch bei den Bandkeramikern, etwa in Form überregionaler religiöser Zentren, sowie von Verteidigungsanlagen und Kriegszügen.) Also schon bei den anatolisch-neolithischen Bauernvölkern, bzw. (womöglich) ihren frühen Staaten ist sehr viel Veränderungsfreude, ja, Eroberungswille zu erkennen. Nur deshalb konnte sich die Bandkeramik so schnell über so weite Teile Mitteleuropas (bis ins Pariser Becken und bis zur Kanalküste) ausbreiten.

Daß die in Europa einheimischen Fischer-, Jäger- und Sammler-Völker auch selbstständig zum Ackerbau hätten übergehen können, wird prinzipiell durchaus möglich gewesen sein. Immerhin könnte man sagen, daß ihnen - etwa auf den britischen Inseln oder in der norddeutschen Tiefebene oder im Ostseeraum - mehrere Jahrhunderte oder gar Jahrtausende Zeit dazu gegeben worden war von Seiten der Weltgeschichte. Als Hemmfaktoren dafür könnten vorgelegen haben:

  1. Die große Veränderungsbereitschaft schon kulturell weiter entwickelter europäischer Völker, die "schneller" diesen Übergang vollzogen haben und die dann jeweils selbst sehr schnell expansiv und erobernd tätig wurden.
  2. Die womöglich in Genen und Kultur stärker angelegte Unfähigkeit in diesen einheimischen mittel- und nordeuropäischen Völkern, sich anderen, weiseren Menschen des eigenen Volkes - wie es sicher dafür notwendig gewesen wäre - sozial unterzuordnen und in die Gemeinschaft einzuordnen.

Diese letztere Unfähigkeit hat ja noch der römische Geschichtsschreiber Tacitus - weltgeschichtlich vergleichsweise "spät" - bei den heidnischen Germanen festgestellt und beobachtet. Diese heidnischen Germanen stammten ja - wie wir noch heute - schon zur Zeit des Tacitus zu einem höheren Teil von der Völkergruppe der (zum Teil blonden) osteuropäischen Fischer, Jäger und Sammler ab als die meisten schon damals den Römern bekannten Völker. Und in Genetik und Kultur dieser ursprünglichen Völkergruppe könnte Individualität eine Rolle gespielt haben wie in keiner Kultur sonst weltweit. Deshalb scheint in dieser Völkergruppe bis heute die Fähigkeit, höherer Einsicht innerhalb der sozialen Gemeinschaft zu folgen, vergleichsweise bescheiden ausgebildet zu sein. In dieser Kultur will es jeder für sich "besser wissen".

Genau diese Unfähigkeit und die daraus folgende, zum Teil ganz unglaubliche Uneinigkeit mag bei der Ethnogenese der Indogermanen an der Mittleren Wolga nun in einem ersten weltgeschichtlichen Schritt abgemildert worden sein dadurch, daß in das eigene Volk 47 Prozent iranisch-neolithische Genetik (wohl vor allem über die weibliche Linie) eingemischt wurde. Womöglich gelang das sogar, ohne daß das zuvor bei den osteuropäischen Fischern, Jägern und Sammlern bestehende Band zwischen Genen und Kultur vollständig zerrissen wäre. Anhand der Tierkopfszepter (vormals Elchkopfszepter) zum Beispiel ist erkennbar, daß vorherige kulturelle Traditionen auch nach der Transformation zu den Urindogermanen fortgeführt wurden.

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/ Anmerkung: Dieser Beitrag versucht eine zusammenfassende Deutung der in den letzten beiden Jahren hier auf dem Blog referierten archäogenetischen Erkenntnisse zur Völkergeschichte Europas und Asiens, ohne noch einmal gesondert jeden einzelnen Beitrag dazu zu zitieren. Bitte für Einzelheiten zahlreiche Blogartikel der letzten beiden Jahre hier auf dem Blog konsultieren, bzw. studieren. Die hier eingestellte Grafikn kann übrigens nur eine erste Andeutung geben. Sie ermöglicht keinerlei tieferes Verständnis. Vorläufig anstelle einer vergleichbare Grafik für China seit dem Mesolithikum eine solche für die Zeit seit 1.000 v. Ztr.: (Wiki). 

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  1. Bading, Ingo: Die Ethnogenese des chinesischen Volkes, 27.3.2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/03/die-ethnogenese-des-chinesischen-volkes.html
  2. Bading, Ingo: Deutschlands Vorgeschichte im Überblick, 23.6.2020, https://youtu.be/5A5YCpuanTI.

Samstag, 9. November 2019

Indogermanische Genetik in Italien (2.100 v. Ztr. bis heute)

Römische Republik und Italienische Renaissance
- Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Genetik einerseits und dem Aufblühen und dem Niedergang von Kultur andererseits?

Die Bevölkerungsgeschichte Mittelitaliens vom Mesolithikum bis heute ist aufgearbeitet worden (1). Dies geschah von Seiten einer archäogenetischen Forschungsgruppe um Jonathan Pritchard anhand der Typisierung von 127 archäologischen Skeletten, die in Rom und seinem Umland gefunden wurden. Man sehe sich die Abbildung 1 an: Hier werden die Forschungsergebnisse in kompakter Form dargestellt. Deutlich wird hier der indogermanische, genetische Einfluß auf die Hervorbringung

  1. der Römischen Republik und 
  2. der italienischen Renaissance

Abb. 1: Die Bevölkerungsgeschichte Mittelitaliens 7.000 v. Ztr. bis heute

Dies ist ablesbar insbesondere im Balken recht (B) (Abb. 1). Gehen wir das im einzelnen durch:

1. Anfangs leben in Italien - wie im übrigen West- und Mitteleuropa - westeuropäische Jäger und Sammler (WHG).

2. Ab 6.500 v. Ztr. breiten sich anatolisch-neolithische Bauern über Europa aus. (Die Forscher meinen aufzeigen zu können, daß sie auch schon einen kleinen Anteil iranisch-neolithischen genetischen Anteil in sich tragen. Das ist nicht unmöglich, fand sich aber in anderen Studien bisher nicht.)

3. Es gibt einige Individuen - vielleicht erst ab dem Mittelneolithikum, bei denen es - wie in Mitteleuropa - einen Anteil westeuropäischer Jäger-Sammler-Genetik gibt, der sich zumindest in Mitteleuropa vornehmlich ab dem Mittelneolithikum (wieder) ausbreitet. Es geschah das in Mitteleuropa nach dem Zusammenbruch der bevölkerungsdichten frühneolithischen Kulturen (Bandkeramik) und der Ethnogenese neuer extensiver wirtschaftender Völker während des Mittelneolithikums, z.T. aus Rückzugsräumen der ursprünglich einheimischen Bevölkerung heraus.

2.100 v. Ztr. - 20 Prozent Steppengenetik

4. Nach der Kupferzeit - also parallel zum Spätneolithikum in Mitteleuropa - erfolgt - grob um 2.500 v. Ztr. - der Einbruch der indogermanischen Völker (in Form der Glockenbecherkultur) auch in Italien (Wiki, engl). Diese indogermanische Genetik hält sich - offenbar trotz oder mit der etruskischen Kultur - konstant bis in die Zeit der Römischen Republik. Das sollte dem historisch Urteilenden zu denken geben. Und das dürfte schon eine der entscheidenderen Neuerkenntnisse dieser Studie sein. (Diese hatte man aber auch schon aus der zu 80 % hellen Haarfarbe bei den Menschendarstellungen auf den Wandgemälden von Pompeji ablesen können (3) [Wiki]. Dieser Umstand ist ja für das heutige Neapel so nicht mehr gegeben.)

Rückgang indogermanischer Genetik in der Frühen Kaiserzeit

5. In der Frühen Kaiserzeit geht der Anteil der indogermanischen Genetik (Steppengenetik) in Mittelitalien außerordentlich deutlich zurück. Das wird auf die vielen inneritalischen und Bürgerkriege zurück zu führen sein, vielleicht auch auf die außeritalischen Aktivitäten der Römer. Außerdem auch auf die zurückgehende Geburtenzahlen der im Wohlstand lebenden Römer. Genau so ist es auch schon in den 1950er Jahren anthropologisch beschrieben worden (3)*). Gleichzeitig breitet sich iranisch-neolithische Genetik in Italien aus, nämlich aus dem ostmediterranen Bereich heraus. Das dürfte u.a. auf den Sklavenhandel in dieser Zeit zurückzuführen sein. (Auch der u.a. schon in etruskischer Zeit auftretenden Herkunftsanteil von Bauern-Genetik aus Marokko, die sich in der Römischen Kaiserzeit verstärkt, könnte noch genauer nachgegangen werden.)

Der Anteil der indogermanischen Genetik ist in der Römischen Kaiserzeit sehr ungleichmäßig verteilt, bleibt aber auf deutlich niedrigerem Niveau als zuvor.

6. In der Spätantike wächst er dann zum Teil beträchtlich an. Das dürfte auf den Zuzug von Goten und Langobarden zurückzuführen sein. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit sehen wir die Anteile indogermanischer Genetik sehr ungleichmäßig in der Bevölkerung verteilt. Das könnte mit Heiratsschranken durch soziale Schichtung oder Stadt/Land-Unterschiede erklärt werden. (In der Renaissance-Kunst sehen wir ja auch noch verhältnismäßig viele hellhaarige Menschen.)

7. Aber bis zum 19. Jahrhundert herum scheinen Bevölkerungsteile mit diesem höheren Anteil indogermanischer Genetik weniger Nachkommenschaft in Mittelitalien hinterlassen zu haben. Auffallenderweise ging damit zugleich einher - bekanntlich - der Rückgang des Beitrags Italiens zu den kulturellen Errungenschaften der Menschheit (4). Mit all dem wird dem historisch Urteilenden viel zu denken gegeben. 

Ausbreitung von Nord- nach Mittelitalien - Innerhalb von 400 Jahren

Ergänzung (17.5.2021): Inzwischen ist eine weitere Studie zum Thema erschienen (5). In dieser wird die Ausbreitung des indogermanischen Steppen-Herkunftsanteils in Italien folgendermaßen beschrieben:

Auftauchend in der Frühen Bronzezeit - Italienische Glockenbecher (2195-1940 v. Ztr.), Italienische Remedello-Kultur (2134-1773 v. Ztr.), sowie Broion (1952-1752 v. Ztr.) - und über die Zeiten hinweg anwachsend in Individuen von Broion und Regina Margherita (1626-1497 v. Ztr.). Diese Funde bestätigen das Ankunftsdatum im nördlichen Italien um spätestens ∼2000 v. Ztr. und vier Jahrhunderte später sein Auftauchen in Mittelitalien.
Emerging in the Early BA (Italian Bell Beaker [I2478: 2195–1940 calBCE], Italian Remedello [RISE486: 2134–1773 calBCE], and Broion [BRC010: 1952–1752 calBCE (95.4%)]) and increasing through time in the individuals from Broion and Regina Margherita (GCP003: 1626–1497 calBCE [95.4%]). These samples confirm the date of arrival in Northern Italy to at least ∼2000 BCE and its presence in Central Italy by 4 centuries later.

Dies ist also der Zeitraum, in dem sich die italischen Stämme und Völker bildeten, nicht zuletzt das römische. Die hier genannte Remedello-Kultur bestand im Alpenraum und in Norditalien seit 3.400 v. Ztr.. Ihr gehörte auch der Ötzi an. Sie war unter anderem durch charakteristische Kupfer-Stabdolche gekennzeichnet. Auf Wikipedia steht (Wiki):

Zwischen 2500 und 2200 BC emigrieren Gruppen der Glockenbecherkultur in die nördliche Po-Ebene und beendeten die Phase der Remedello-Kultur.

 

 / Letzte Überarbeitung: 
20.3.2022 /
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*) In einer Arbeit, die einstmals von Alfred Rosenberg angeregt worden war. Dazu ist zu bemerken: Wenn die Wissenschaft heute auf der Ebene der Erforschung des Seins zu ähnlichen Ergebnissen kommt wie die Wissenschaft vor 1945, heißt das noch lange nicht, daß auf der Ebene des "Sollens" und der Bewertungen sich "Geschichte wiederholen" müßte. Die Lehren von der Herrenrasse und von der Minderwertigkeit von "Untermenschen" sind in den 1930er Jahren sehr stark aus freimaurerischen ebenso wie katholischen ariosophischen Okkultlogen heraus befeuert worden, in denen viele führende Nationalsozialisten Mitglied waren. Viele solcher ariosophischer Okkultlogen gibt es heute immer noch - oder wieder. Diese stellen eine große Gefahr dar, auf die noch viel stärker das Augenmerk gerichtet werden sollte. So sollte beispielsweise der Tatsache nachgegangen werden, daß Werner Best, der dritte Mann hinter Himmler und Heydrich dem Skladenorden nahe stand, daß Himmler sich von Astrologen wie Wihelm Wulff beraten ließ und viele Dinge mehr auf dieser Linie.
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  1. Ancient Rome: A genetic crossroads of Europe and the Mediterranean  By Margaret L. Antonio, (...) Ron Pinhasi, Jonathan K. Pritchard, Science, 08 Nov 2019:708-714, https://science.sciencemag.org/content/366/6466/708 
  2. Khan, Razib: https://www.gnxp.com/WordPress/2019/11/07/syrian-orontes-has-long-since-dried-up-to-be-replaced-by-the-tiber-once-more/ 
  3. Günther, Hans F.K.: Lebensgeschichte des römischen Volkes. Verlag Hohe Warte 1957 
  4. Murray, Charles: Human Accomplishment, 2003 
  5. Saupe, T., Montinaro, F., Scaggion, C., Carrara, N., Kivisild, T., D’Atanasio, E., ... & Scheib, C. L. (2021). Ancient genomes reveal structural shifts after the arrival of Steppe-related ancestry in the Italian Peninsula. Current Biology, online 10.5.2021, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982221005352.

Donnerstag, 9. Mai 2019

Die Intelligenz-Evolution der Völker weltweit - Mit und ohne "genetic replacement"

Im Vorderen Orient und in Ostasien gab es viel genetische Kontinuität seit 10.000 Jahren, in Europa nicht 
- Wie sind diese Umstände mit der jeweiligen Intelligenz-Evolution in Einklang zu bringen?

Sehr spannende Hinweise und Überlegungen hat soeben der indisch-US-amerikanische Humangenetiker Razib Khan veröffentlicht (1). Und zwar zu Fragen, die uns schon seit allerhand Jahren umtreiben, insbesondere seit 2015. Denn wir überblicken seitdem die genetische Geschichte der Völker Europas und des Vorderen Orients eigentlich recht gut. Wie sieht es diesbezüglich aber mit der Geschichte Ostasiens aus?

Abb. 1: Zur Ethnogenese des chinesischen Volkes

Razib Khan weist in diesem Zusammenhang auf einen Umstand hin, auf den wir selbst schon jüngst dumpf aufmerksam wurden, als wir uns mit den Vorfahren der Ultschen in Ostsibirien (den "Devil's Gate samples") beschäftigten (2, 3). Razib Khan sagt nämlich über diese (1):

Die modernen Chinesen weisen viel mehr genetische Ähnlichkeit mit den Menschen in Ostsibirien 5.700 v. Ztr. auf als heutige Westeuropäer genetische Ähnlichkeit aufweisen mit Menschen, die 5.700 v. Ztr. in Westeuropa lebten (oder als heutige Inder mit Menschen aufweisen, die in ähnlicher Zeitstellung in Indien lebten).
Original: Modern Chinese show much more affinity to the Devil’s Gates samples from the northeastern border with Russia dated to 7,700 years ago than modern Western Europeans do with people present 7,700 years ago (or modern Indians would with people of a similar date). 

Das würde heißen, daß es in Ostasien ähnliche genetische Kontinuität gibt zwischen den vorneolithischen und den heutigen Bevölkerungen wie sie seit 2015 auch für den Vorderen Orient festgestellt worden ist. Sowohl Ostasien wie der Vordere Orient haben früh komplexe, städtische Gesellschaften hervorgebracht, die - vermutlich - mit einem bestimmten jeweils angeborenen Intelligenz-Quotienten korreliert haben.

Dennoch weisen die Bevölkerungen im Vorderen Orient heute einen durchschnittlichen angeborenen Intelligenzquotienten zwischen 90 und 95 auf, in Ostasien aber einen solchen von 105. Und das ist ein sehr beträchtlicher Unterschied, der auch - wie ja zwischenzeitlich aufgezeigt wurde - mit dem Bruttosozialprodukt in den jeweiligen Regionen korreliert.

Wie ist der hohe ostasiatische Intelligenz-Quotient evolutiv entstanden?

Hier auf dem Blog waren wir bislang davon ausgegangen, daß der europäische IQ von etwa 100 erreicht worden sei über die durch die Ancient-DNA-Forschung seit 2015 festgestellte "Gruppenselektion", über den festgestellten genetischen Austausch ("genetic replacement"), über Volkstod, über den Abbruch genetischer und kultureller Kontinuität und neue Volkwerdungen (Ethnogenesen) im Verlauf der europäischen Geschichte der letzten 10.000 Jahre. Die Ancient-DNA-Forschung stellte nämlich seit 2015 fest: 1. den Volkstod der mesolithischen Völker Europas (der so für Ostasien nicht feststellbar ist), 2. den Volkstod der früh- und mittelneolithischen Völker Europas (auch dieser scheint in Ostasien nicht feststellbar zu sein). An die Stelle der vormaligen europäischen Völker traten schließlich ab dem Spätneolithikum, ab etwa 2.800 v. Ztr. über ganz Europa und zum Teil auch den Mittelmeer-Raum hinweg kulturell und genetisch die Indogermanen.

Vielleicht wird man bezüglich der Ostasiaten noch herausfinden daß - wie bei der Entstehung des Volkes der aschkenasischen Juden oder der Indogermanen - genetische Flaschenhals-Ereignisse eine Rolle gespielt haben, in denen viel Selektion stattfinden kann. Auf jeden Fall könnte das Beispiel Ostasien aufzeigen, daß eine Völkergruppe, eine Herkunftsgruppe (traditionell als "Rasse" bezeichnet) einen IQ von 105 evolvieren kann, auch ohne solche genannten beträchtlichen Gruppenselektions-Ereignisse, wie sie die europäische Geschichte aufweist.

Das dürfte man dann als ziemlich eindrucksvoll erachten. Und es wird deutlich, daß hier noch viele Fragen offen sind, die sich dadurch klären werden, daß man den "polygenic score" für angeborene Intelligenz in der Ancient-DNA-Forschung erheben wird für vorgeschichtliche Bevölkerungen. Vielleicht wird man auch feststellen, daß es diesbezüglich ein "Auf und Ab" im Vorderen Orient und in Europa gegeben hat? Es bleibt alles sehr spannend.

Frühe Erklärungsmodelle der Völkerpsychologie - Greifen sie?

Übrigens könnten die Unterschiede im Geschichtsverlauf Europas einerseits und Ostasiens und des Vorderen Orients andererseits auf Unterschiede hinweisen, die schon in den 1920er und 1930er Jahren von der Völkerpsychologie herausgearbeitet worden waren (4).

Dort war die Rede von zwei angeborenen Dichotomien in Bezug auf die Psychologie von Völkern und Kulturen. Es war einerseits die Rede von "wandelfrohen" Völkern und Rassen im Gegensatz zu "beharrlichen" Völkern und Rassen (4, S. 85f). Zu ersteren waren die indogermanischen Völker gezählt worden, zu letzteren die ostasiatischen Völker.

Abb. 2: Ostasiatisches Naturerleben wie es sich in traditioneller Landschaftsmalerei widerspiegelt - "Reisende zwischen Bergen und Flußläufen" des chinesischen Malers Fan Kuan (etw. 960-etw. 1030) (Wiki)

Außerdem war die Rede von einer zweiten, angeborenen Dichotomie, und zwar nun konkreter in Bezug auf das jeweilige Erleben des Religiösen, in Bezug auf das Erleben des Göttlichen, des Numinosen. Diesbezüglich gäbe es Völker einerseits mit einem ausgeprägteren, angeborenen thymotischen Erleben (wie es Peter Sloterdijk nennen würde), also einem Erleben des Stolzes und des Selbstvertrauens in Bezug auf das Göttliche. Daraus würden sich dann sogenannte "Licht-Lehren" auf dem Gebiet des Religiösen ergeben. Diese betonten das Vertrauen auf die eigenen Kraft in Vollbringung des Guten. Das Göttliche wird als "Freund" aufgefaßt, dem man sich als nahestehend und ebenbürtig empfindet (s.a. 5).

Auf der anderen Seite gäbe es Völker mit ausgeprägterem, angeborenem Erleben der Demut in Bezug auf das Göttliche. Der Gegensatz zwischen Gott oder dem Göttlichen einerseits und dem Menschen andererseits würde als sehr groß empfunden. Dies könne auch - insbesondere in Ostasien - gelten für den Gegensatz zwischen der großen, erhabenen Natur einerseits und dem winzig kleinen Menschen in dieser andererseits, wie dies etwa auch in der traditionellen chinesischen Landschaftsmalerei zum Ausdruck kommt (s. Abb. 2 und 3). Und aus solchen unterschiedlichen Haltungen gegenüber dem Göttlichen ergäben sich dann auf dem Gebiet des Religiösen sogenannte "Schacht-Lehren". Das Göttliche muß dann im Alltag gar keine Rolle spielen, erschließt sich die Seele aber einmal - spontan - dem Göttlichen, so öffnete man sich ihm gegenüber in gläubigem Staunen (Ostasien) oder aber auch als weit entfernt, womöglich sogar als tyrannisch, willkürlich und jähzornig (Orient). Daraus entspringende Lehren betonten dann die eigene Ohnmacht im Angesicht des Göttlichen. Sie betonten die Unterordnung gegenüber dem "unerforschlichen" Willen Gottes. Der Anbetende läge im Staub vor Gott, empfände sich als eine "Scherbe" im Angesicht des Göttlichen, als etwas Winziges oder gar Wertloses im Vergleich zum Großen, Erhabenen, Göttlichen (4, S. 86ff; 5).

Aus heutiger wissenschaftlicher Sicht darf gesagt sein, daß man diese Dichotomie grob in Entsprechung setzen könnte zu der von der Kulturvergleichenden Psychologie, bzw. Kulturpsychologie, bzw. Völkerpsychologie (Wiki) seither herausgearbeiteten Dichotomie der individualistischen Kulturen Europas (Wiki) im Gegensatz zu den kollektivistischen Konsens-Kulturen Ostasiens (Wiki; s.a. Wiki). Konkreter ergäbe sich aus den darin enthaltene Haltungen gegenüber der Gemeinschaft, gegenüber den Mitmenschen eine Dichotomie zwischen der "Schuld-Kultur" Europas und des Vorderen Orients einerseits im Gegensatz zu einer "Scham-Kultur" Ostasiens andererseits (Wiki).

Sind Völker mit einer "individualistischen Kultur" Völkern mit einer "kollektivisitschen Kultur" in Bezug auf Volkserhaltung schon seit Jahrtausenden überlegen?

Von Seiten der Völkerpsychologie war davon gesprochen worden und es war begründet worden, daß Kulturen und Völker mit "Stolz-Erbgut" in ihrem Überleben, sprich bezüglich ihrer kulturellen und genetischen Kontinuität, weitaus stärker gefährdet seien als Völker mit "Demut-Erbgut" (4, S. 343-349). Das ist ein Gedanke, der auch in neueren Buchtiteln zum Ausdruck kommt (6): "Das Ende des Individualismus - Die Kultur des Westens zerstört sich selbst".

Es deutet sich an, daß ein solches - wiederholtes - Geschehen innerhalb der europäischen Geschichte durch den aktuellen Wissensstand der Archäogenetik aufgedeckt wird wie niemals zuvor. In Europa scheint der aufbegehrende Stolz innerhalb der Völker dazu zu führen, daß Einzelmenschen und Völker viel mehr miteinander und gegeneinander ringen. Und das scheint zu großen genetischen Umbrüchen geführt zu haben. In fast allen anderen Teilen der Welt scheint demgegenüber in den letzten zehntausend Jahren viel eher ein Bild der genetischen Konstanz, der genetischen Kontinuität vorzuherrschen. Völker und Volksgruppen (vor allem solche, die seit vorneolithischer Zeit jeweils einheimisch waren) scheinen in allen anderen Weltteilen nicht in dem Ausmaß und in der Vollständigkeit vom Völkertod bedroht gewesen zu sein wie es diejenigen innerhalb Europas gewesen sind. Und wenn es auch in anderen Weltteilen dennoch einmal einschneidendere genetische Umbrüche gegeben hat, dann scheinen auch diese dort entweder von der Ausbreitung iranisch-neolithischer und anatolisch-neolithischer Bauernvölker oder - später - von der Zuwanderung indogermanischer Völker ausgelöst oder begleitet worden zu sein.

Abb. 3: Ostasiatisches Naturerleben - "Herbst im Flußtal", Detail einer Wandrolle des chinesischen Malers Guō Xī (1020-1090) (Wiki)

Welche Schlußfolgerungen sind in solchen Überlegungen und Erkenntnissen für die Zukunft enthalten? Sind indogermanische Völker während ihrer 6.000-jährigen Geschichte leichter, unüberlegter, geradezu "unbesorgter" in den Tod gegangen, weil sie aus der Fülle des religiösen Erlebens schöpften und dieses für "unversiegbar" hielten (z.B. in der Spätantike)? Erlagen iranisch-neolithische Völker (in Südasien/Indien) und anatolisch-neolithische Völker (in Europa) einfach nur dem kriegerischen Ansturm ungestümer indogermanischer Völker und später der ungestürmen hunnischen und Turkvölker

Und sind die heutigen Völker der Nordhalbkugel, die Völker des "Abendlandes" bezüglich ihres etwaigen Völkertodes - insbesondere seit 150 Jahren - nun doch weitaus pessimistischer, besorgter oder ätzend-zynischer, weil sie spüren, daß in der derzeitigen Phase der Weltgeschichte viel mehr auf dem Spiel steht als in vielen tausenden von Jahren zuvor? Weil sie spüren, daß die Weltgeschichte - insbesondere vor dem Hintergrund des immensen technischen und Wissenfortschritts der letzten hundert Jahre - an einen sehr grundlegenden Wendepunkt gekommen ist?

Insbesondere Überlegungen von früheren Generationen evolutionär denkender Völkerpsychologen (z.B. 4, S. 343-349) könnten in dieser Hinsicht viele sehr grundsätzliche Fragen aufwerfen. Es könnte sich um eine sehr bedeutende Frage der Weltgeschichte handeln, nämlich: welche Auffassung vom Göttlichen ein Volk besitzt und welche Auffassung vom Göttlichen innerhalb der Menschheit Zukunft haben wird. Werden sich Völker dabei - in den Worten von Jan Assmann - der Tendenz nach nach der sogenannten mosaischen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch ausrichten oder werden sie sich dabei der Tendenz nach nach der sogenannten aristotelischen, sprich wissenschaftlichen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch ausrichten (7)?

Aber daran schließt sich gleich die nächste Frage an: Herrscht nicht heute die Meinung vor, daß die wissenschaftliche Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch zu einem areligiösen oder gar atheistischen Weltbild führen würde? Will die Weltgeschichte also womöglich, daß wir zu einer mosaischen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch zurück kehren? Oder gibt es - greifbare - Alternativen dazu? Unter anderem der bedeutende britische und US-amerikanische Psychologe Raymond B. Cattell (1905-1998) (Wiki, engl) (8), gegebenenfalls - in verkopfterer Weise - Ken Wilber (geb. 1949) (Wiki) (8) oder auch Mathilde Ludendorff bemühten sich um seelisch kraftvolle Alternativen dazu.

Indogermanische Kriege gegeneinander

Ergänzung 15.5.2019: Es kann vielleicht ergänzt werden, daß die folgende Grafik, die in Facebook-Gruppen verbreitet wird, die geschichtlichen Zusammenhänge nicht besonders treffend auf den Punkt bringt.


Abb. 4: Aus der Facebook-Gruppe "History and Heroes - White European Survival"

Die hier benannten "warriors" haben durch ihr Kriegführen keineswegs immer ihre Rasse erhalten, viel mehr haben indogermanische Völker auch viele Kriege untereinander und gegeneinander geführt. Vermutlich sogar die meisten. Und nicht gar zu selten auch genozidale Kriege gegen stammesverwandte Völker.

Die ersten indogermanischen Völker, die sich von der Ukraine bis nach Sibirien ausgebreitet hatten (genetisch "Yamnaja"), sind schon allerhand Jahrhunderte später von westlichen indogermanischen Völkern (genetische "Schnurkeramiker") offenbar völlig ersetzt worden. Man könnte fast sagen, Weltgeschichte sei im Wesentlichen - nachdem sich die indogermanischen Völker einmal ausgebreitet hatten - eine Geschichte von Kriegen indogermanischer Völker gegeneinander gewesen.

So haben etwa in der geschichtlich gut bekannten Mittelmeer-Antike ständig indogermanische Völker gegeneinander gekämpft: Griechen gegen Hethiter (Kampf um Troja), Griechen gegen Griechen, Perser gegen Griechen, Makedonen gegen Griechen, Makedonen und Griechen gegen Perser, Karthager gegen Römer, Römer gegen Griechen, Gallier gegen Griechen, Gallier gegen Germanen und Römer, Römer gegen Germanen. Und damit sind nur einige der bekanntesten Kriege benannt.

Auch auf dem bislang ältesten Schlachtfeld Europas - an der Tollense 1300 v. Ztr. - kämpften Indogermanen gegen Indogermanen, ebenso auf dem Schlachtfeld von Kalkriese 9 n. Ztr..

In den Islandsagas kämpfen ständig nur indogermanische Wikinger gegen indogermanische Wikinger (selten genug ist mal ein genetisch eher mediterraner Brite oder Ire darunter, die meist nur als Hörige in der Wikingerzeit in Island in Erscheinung treten).

Und wenn europäische Völker seit dem Frühmittelalter Kriege gegeneinander geführt haben, dann war auch das selten genug, um ihre eigene Rasse zu erhalten. Am ehesten noch die Schlachten gegen die Araber in Spanien oder gegen die Türken im Donauraum waren Schlachten zur Erhaltung "unserer Rasse". Aber das ist nur ein geringer Teil der Gesamtzahl jener Kriege, die von indogermanischen Völker geführt worden sind.

Und all das könnte in Ostasien - zumindest der Gesamtquantität nach - ein wenig anders gewesen sein. Wobei allerdings zu berücksichtigen wäre, daß es auch in der chinesischen Geschichte viele Kriege gegeben hat. Hier wäre ein quantitativer und qualitativer Vergleich sicherlich einmal sinnvoll. Im Grunde erstaunlich überhaupt, daß die Kulturentwicklung der Menschheit sich in Asien und Europa so stark weiter entwickeln konnte, obwohl es in beiden Weltteilen immer und immer wieder vernichtende Kriege gegeben hat.

Ergänzung 9.8.2019: Der kanadische Forscher Peter Frost hat noch einmal die These von Rushton und Jensen eindrucksvoll zusammen gefaßt, nach der die Evolution der höheren Intelligenz auf der Nordhalbkugel schon durch die Lebensbedingungen der Eiszeit in Gang gesetzt worden sei (9). Der Ansatz überzeugt allerdings deshalb nicht, weil ja ursprünglichere Ausgangspopulationen von Völkern, die Hochkulturen hervor gebracht haben, bis heute eine eher niedrigere Intelligenz beibehalten haben. So - vermutlich - die Ultschen ist Ostsibirieren ebenso wie die Ureinwohner Nordamerikas oder auch die Völker der Mittelmeerraumes, die genetische Kontinuität seit 10.000 Jahren aufweisen. Aber der Aufsatz (9) sollte vielleicht noch einmal gründlich studiert werden, auch im Hinblick auf solche Einwände wie die eben vorgetragenen.

_______________________________________
  1. Khan, Razib: The emergence of Han identity as autochthonous. 6. Mai 2019, https://www.gnxp.com/WordPress/2019/05/06/the-emergence-of-han-identity-as-autochthonous/ 
  2. Bading, Ingo: Ihr Völker Asiens, ihr Völker Europas - Euer Werden, Euer Überleben! Studium generale, 1. Mai 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/05/ihr-volker-asiens-ihr-volker-europas.html 
  3. Bading, Ingo: 8.000 Jahre lange unverfälschte genetische Kontinuität eines Fischervolkes - In Ostsibirien. St.gen., 5. Februar 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/02/8000-jahre-lange-genetische-kontinuitat.html 
  4. Ludendorff, Mathilde: Die Volksseele und ihre Machtgestalter. Eine Philosophie der Geschichte. Ludendorffs Verlag, München 1933; erneut: 1955, https://archive.org/details/MathildeLudendorffDieVolksseeleUndIhreMachtgestalter
  5. Hunke, Sigrid: Europas andere Religion. Die Überwindung der religiösen Krise. Düsseldorf 1969
  6. Miegel, Meinhard; Wahl, Stefanie: Das Ende des Individualismus. Die Kultur des Westens zerstört sich selbst. mvg-Verlag, München, 1993
  7. Assmann, Jan: Die Mosaische Unterscheidung oder Der Preis des Monotheismus. Hanser, München 2003
  8. Lotz, Magrietha Aletha Cornelia Magdalena: Beyondism - The thinking of Raymond Bernard Cattell (1905-1998) on Religion, and his religious thought. Masterarbeit, Universität von Südafrika, Pretoria 2009, http://uir.unisa.ac.za/handle/10500/2688, https://core.ac.uk/download/pdf/43166109.pdf
  9. Frost, Peter: The Original Industrial Revolution. Did Cold Winters Select for Cognitive Ability?      In: Psych - Open Access Journal, May 2019, https://www.mdpi.com/2624-8611/1/1/12/htm (Researchgate
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