Sonntag, 31. August 2008

Die Hausmaus in der Weltgeschichte


Oder: Ostholstein - ein bedeutsamer Ort der Weltgeschiche?
---> Nachträgliche Einfügung vom 3. Oktober 2008: Dieser Beitrag will letztlich darauf hinaus, daß die Hausmaus schon von der Trichterbecher-Kultur in Skandinavien verbreitet worden ist. Dies kann aber, wie weitere Beiträge auf diesem Blog zeigen, nicht mehr als sehr plausibel angesehen werden. Vielmehr ist die Hausmaus in Skandinavien von den Wikingern verbreitet worden, siehe Stud. gen. 1, 2. - Dennoch ist auch die entscheidende Rolle Ostholsteins für die Verbreitung der Trichterbecher-Kultur ganz allgemein von Interesse und auch von Interesse für die Humangenetik. Außerdem zeigt dieser Artikel, wie wir ursprünglich auf das Thema Hausmaus gestoßen sind. Deshalb soll dieser Beitrag weitgehend unverändert bleiben.
Vor einigen Monaten ging durch die Wissenschafts-Presse die Meldung von einer einzigen Gründer-Mutation, von der alle blauäugigen Menschen in der Welt heute abstammen (siehe auch St. gen.). Zugleich erhärtetet sich schon seit Jahren immer mehr, daß die Gründermutation der europäischen Erwachsenen-Rohmilch-Verdauer in ähnlicher Zeit an ähnlichem Ort wie die Gründermutation zur Blauäugigkeit stattgefunden haben könnte. Denn genauso wie Blauäugigkeit kommt die genetische Anlage zu Rohmilch-Verdauung heute am häufigsten in Skandinavien vor (siehe etwa: St.gen.).

Auch was die Intelligenz-Evolution betrifft, könnte man für die nordeuropäischen Bevölkerungen und ihre Nachkommen weltweit so manche ähnliche Gründermutation vermuten, wie man sie für das aschkenasische Judentum derzeit annimmt (siehe diverse St.gen.-Beiträge).

ResearchBlogging.orgAn solche Dinge muß man denken, wenn man zufällig (im Nachlass meines Onkels) auf eine Kopie eines Forschungsartikels des inzwischen schon verstorbenen, bedeutenden amerikanischen Genetikers Allan C. Wilson aus dem Jahr 1987 stößt, in dem die große genetische Einheitlichkeit der Hausmaus-Populationen in Skandinavien auf eine sehr kleine Gründerpopulation zur Zeit des Beginns des Ackerbaus in Ostholstein zurückgeführt wird (1).

Lernen wir da über die Hausmaus und ihre Gene schneller etwas über die Entstehung der nordeuropäischen menschlichen Genetik als über die humangenetische Forschung selbst? Es dürfte also Sinn machen, der Sache etwas genauer nachgehen.

Die Hausmaus ist ein Kulturfolger

Im deutschen Wikipedia-Artikel kann man über die Hausmaus erfahren:
Es besteht wenig Zweifel daran, dass die Ausbreitung der Hausmaus in unmittelbarem Zusammenhang mit ihrer Bindung an den Menschen besteht. In jungsteinzeitlichen Ausgrabungsstätten in Anatolien fand man Belege dafür, dass Hausmäuse bereits damals Mitbewohner menschlicher Behausungen waren. Auf Schiffen gelangten sie in den letzten 1000 Jahren nach Afrika, Amerika und Australien.
Man sollte also meinen, daß sie die Hausmaus von Anatolien aus nach Norden ausgebreitet hat wie so viele vom Menschen domestizierten Pflanzen- und Tierarten. Unter Berufung auf Nowak 1999 heißt es dann aber auch:
Die Hausmaus ist heute zwar weltweit verbreitet, scheint aber ursprünglich in Indien heimisch gewesen zu sein. Man kann anhand von Knochenfunden den Weg der Mäuse von Indien westwärts verfolgen. Die Östliche Hausmaus (Mus musculus musculus) kam offenbar von Indien über Zentralasien nach Mittel- und Westeuropa und erreichte Belgien um 4000 v. Chr.. Die Westliche Hausmaus (Mus musculus domesticus) gelangte über Westasien in den Mittelmeerraum. 10.000 v. Chr. ist sie in Palästina nachgewiesen, 4000 v. Chr. in Griechenland, 1000 v. Chr. in Spanien und um die Zeitenwende auf den Britischen Inseln, wohin sie vermutlich auf römischen Schiffen gelangte. Seither drängte sie die Östliche Hausmaus immer weiter nach Osten ab.
Auch die Bandkeramiker kannten wahrscheinlich schon die Hausmaus?

In dieser Aufzählung ist die erste Bauernkultur Europas, die Bandkeramiker, nicht genannt. Es könnte manchen Kenner überraschen, wenn diese Kultur, obwohl sie über die Balkan-Kulturen mit ihrem ganzen kulturellen Inventar ebenfalls - letztlich - auf Anatolien zurückzuführen ist und obwohl sie eine größere Siedlungsdichte aufwies als alle europäischen Nachfolge-Kulturen vor dem Frühmittelalter, die Hausmaus noch nicht gekannt haben soll. Einfügung (17.9.14): Hier ist mit Hilfe von Google Books-Recherche nachzutragen, dass schon 1990 in einem Aufsatz von A. M. Kreuz (in Analecta praehistorica Leidensia, Bände 23-24, Seite 52) ausgeführt wurde:
Die Hausmaus ist in Mitteleuropa nicht ursprünglich eingebürgert, sondern wurde indirekt von Menschen eingebracht. Dies geschah jedoch offenbar bereits zu Beginn des Neolithikums, wie die Arbeit von Clason (1970) zeigt. Die Hausmaus, Mus musculus, wurde nämlich von Clason (1970: 16) im bandkeramischen Bylany nachgewiesen. Sie schreibt dazu: „...the house-mouse is one of the oldest followers of man and it is well possible that it followed him from Central Asia to Europe."
Dass es die Hausmaus in der Kultur der Bandkeramiker schon gab, wird aufgrund von genetischen Studien auch in dem Buch "Evolution of the House Mouse" (2012, hrsg. von Miloš Macholán, Stuart J. E. Baird,Pavel Munclinger,Jaroslav Piálek) für wahrscheinlich gehalten (S. 80). (Ende der Ergänzung)

Natürlich drängt sich noch eine weitere Frage auf: Vor einiger Zeit wurde über die älteste domestizierte Katze auf Zypern diskutiert ... Wer braucht Katzen, wenn er keine Mäuse hat? - - - (Einfügung 17.9.14:) Auch zu dieser Frage kann inzwischen mit Hilfe von Google Bücher-Recherche ergänzt werden, dass schon 1950 ein Aufsatz erschienen ist mit dem Titel "Eine jungsteinzeitllich-bandkeramische Katzendarstellung aus Deutschland". (Der damalige Kürschners Gelehrtenkalender verzeichnet diesen mit der Herkunftsangabe "(Kleintier u. Pelztier 11) 35".)

Über die Hausmäuse heißt es im englischen Wikipedia jedenfalls ergänzend, allerdings wiederum - etwas - verwirrend:
Originally native to Asia (probably northern India; Boursot et al. 1996), they spread to the Mediterranean Basin about 8000 BC, only spreading into the rest of Europe around 1000 BC (Cucci, Vigne and Auffrey 2005). This time lag is thought to be because the mice require agrarian human settlements above a certain size (Cucci, Vigne and Auffrey 2005). They have since been spread to all parts of the globe by humans.
Many studies have been done on mouse phylogenies to reconstruct early human movements; for example, Gunduz et al 2001, showed a previously unsuspected early link between Denmark and Madeira on the basis of the origin of the Madeiran mice.
Einfügung 2014: Auch dieses Zitat gibt einen heute veralteten, noch sehr unsicheren Forschungsstand wieder. Heute wissen wir, dass die indische Hausmaus eine eigene genetische Gruppe bildet, also womöglich separat entstanden ist, ebenso die osteuropäische Hausmaus, deren Verbreitungsgebiet sich von Sibirien über den Nordrand des Schwarzen Meeres bis nach Mitteldeutschland erstreckt, ein Verbreitungsgebiet, das sich mit dem Verbreitungsgebiet der Urindeuropäer, bzw. mit der Kultur der Kurgan-Völker und der Schnurkeramiker zu decken scheint. Die westeuropäische Hausmaus ist es, deren Vorfahren schon in den menschlichen Siedlungen des Natufium vor 11.000 Jahren in Südanatolien gelebt haben sollen und sich von dort über das Mittelmeer nach Westeuropa ausgebreitet hat.

Exkurs: Brachten die Wikinger die Hausmäuse nach Madeira?

Kleiner Exkurs zu Madeira. In dem angegebenen Forschungsartikel heißt es dazu in der Zusammenfassung:
"Similarities between the sequences found in the Madeiras and those in Scandinavia and northern Germany suggest that northern Europe was the source area, and there is the intriguing possibility that the Vikings may have accidentally brought house mice to the archipelago. However, there is no record of Vikings visiting the Madeiras; on historical grounds, Portugal is the most likely source area for Madeiran mice and further molecular data from Portugal are needed to rule out that possibility."
Im Artikel selbst heißt es dazu:
"The official human history of the Madeiran archipelago has been linked strongly to Portugal ever since a storm accidentally blew a Portuguese vessel to the islands in 1419, leading to subsequent settlement and Portuguese jurisdiction until the present day. So, the similarity of house mouse haplotypes in the Madeiras with those in northern Europe is unexpected and suggests that the earliest mouse colonists and, by proxy, the earliest human arrivals, may have been from northern Europe, rather than Portugal, despite the lack of historic documentation. The Vikings are obvious candidates for these earliest human arrivals. The Danish Viking kingdom in the 9th century occupied much of present-day Denmark, southern Sweden and northern Germany (Haywood 1999), where many of the haplotypes that are the same as or similar to those in the Madeiras have been found. At this time, the Danish Vikings made raiding expeditions along the coast of Iberia into the western Mediterranean (Logan 1991) and one or more boats could have been blown off course to the Madeiras, introducing northern European mice onto the islands. The occurrence of subfossil mice which appear to predate the official discovery of Madeira in 1419 (Pieper 1981; Mathias & Mira 1992) is consistent with this possible 9th century mouse colonization."
Begann die Trichterbecher-Kultur mit einer Gründerpopulation?

Nun aber zurück nach Ostholstein. [Einfügung vom 3. Oktober 2008: Daß die Hausmaus schon von der Trichterbecher-Kultur in Skandinavien verbreitet worden ist, worauf dieser Beitrag letztlich hinaus will, kann nicht mehr als sehr plausibel angesehen werden, sondern sie ist wahrscheinlich von den Wikingern verbreitet worden, siehe Stud. gen. 1, 2. - Dennoch ist auch die entscheidende Rolle Ostholsteins für die Verbreitung der Trichterbecher-Kultur ganz allgemein von Interesse und auch von Interesse für die Humangenetik. Deshalb bleibt dieser Beitrag weitgehend unverändert.] Hier müssen wir den Artikel "Trichterbecher-Kultur" konsultieren über die erste Bauernkultur Skandninaviens. (Auf der folgenden Karte grün.)


"Wo, wann und wie die Trichterbecherkultur entstanden ist, wird in der Forschung noch diskutiert."
Unsichere Daten kommen aus dem polnischen Raum.
"Verlässlichere Daten (von verkohlten Speisekrusten an Keramikscherben) ergaben Ausgrabungen im westlichen Ostseeraum, so etwa am Fundplatz Wangels, dessen trichterbecherzeitliche Besiedlung 4100 v. Chr. beginnt."
Wo liegt nun Wangels? In Ostholstein! Fast gegenüber von der Insel Fehmarn, wo auch die ersten jungsteinzeitlichen Hausmäuse Skandinaviens von Allan C. Wilson vermutet worden waren. Übrigens heißt die erste Phase dieser Kultur auch "Wangels"-Phase. Noch ein paar Details:
"Inzwischen wird für die Herausbildung der TBK vor allem die Rolle der frühen Kupferimporte betont. Diese waren im Norden bereits den späten Jägern und Sammlern der Ertebøllekultur" (die Vorgänger-Kultur der Trichterbecher-Kultur) "zugänglich und haben als Prestigegüter wahrscheinlich zu tiefgreifenden ideologisch-sozialen Veränderungen geführt, während sich die ökonomische Struktur nur langsam hin zu einer Subsistenzwirtschaft entwickelte. Der Zusammenhang eines Auftretens von Kupferobjekten und der Neolithisierung des Gebietes lässt sich sowohl im westlichen Ostseeraum, als auch in Polen und in voralpinen Regionen (z.B. Pfyner Kultur, Mondseekultur) herstellen."
Aus Kupfer war auch jenes Beil, das Ötzi 3.3000 v. Ztr. in den Tiroler Alpen mit sich herumtrug. Gab es denn Kupferobjekte schon 1.000 Jahre früher?

Jedenfalls könnte dort bei Wangels in Ostholstein auch die kleine Gründerpopulation der ersten blauäugigen Menschen der Menschheitsgeschichte gelebt haben, zugleich könnten sie die ersten Rohmilch-Verdauer als Erwachsene gewesen sein - und vieles andere mehr.

Sie müssen es gewesen sein, die eine neue Religion (siehe Megalithgräber) mit einer neuen Wirtschaftsform (Ackerbau und Viehzucht), sowie mit neuen gesellschaftlichen Strukturen geschaffen haben. Es muß sich um eine sehr erfolgreiche Bevölkerungsweise, ein sehr erfolgreiches demographisches Regime, eine sehr erfolgreiche gruppenevolutionäre Strategie gehandelt haben, die damals die Trichterbecherleute herausbildeten.

Und in welchem Verhältnis stehen sie zu den Kurgan-Leuten?

Übrigens gibt es nur noch wenige Reste in unserer Sprache, die auf ihrer Sprache zurückgeführt werden. Die Worte "Mann" und "Frau" haben wir von den späteren osteuropäischen Schnurkeramikern, den Indoeuropäern, auch Kurgan-Leute genannt. Letztere kannten keine Begriffe für die Seefahrt. Aber etwa das Wort "Weib" haben wir von den Trichterbecher-Leuten.

Jedenfalls: Man beachte künftig die Hausmaus. In Skandinavien verfügt dieses Tier über die genetische Besonderheit, daß in dem Körper dieser eigentlich Osteuropäischen Hausmäuse (Mus musculus musculus) die Mitochondrien Westeuropäischer Hausmäuse (Mus musculus domesticus) drin stecken. Die Grenze zwischen beiden Hausmaus-Arten zieht sich mitten durch Deutschland, wie die folgende Abbildung zeigt, die einen erneut nachdenklich machen kann: Aufgrund welcher historischer Prozesse kam diese Artgrenze zustande?

(Weitere Beiträge zum Thema siehe Stud. gen. 1, 2, 3.)



(ursprünglich veröffentlicht am 23.5.08, letzte Aktualisierung 17.9.2014)
__________________________________________
  1. Gyllensten U,, Wilson AC. (1987). Interspecific mitochondrial DNA transfer and the colonization of Scandinavia by mice Genetical research , 49 (1), 25-29
  2. Boursot P., Din W., Anand R., Darviche D., Dod B., Von Deimling F., Talwar G. P. and Bonhomme F. (1996) Origin and radiation of the house mouse: mitochondrial DNA phylogeny. Journal of Evolutionary Biology, 9, 391-415.
  3. Gündüz I., Auffray J.-C., Britton-Davidian J., Catalan J., Ganem G., Ramalhinho M.G., Mathias M.L. and Searle J.B. (2001) Molecular studies on the colonization of the Madeiran archipelago by house mice. Molecular Ecology, 10, 2023-2029.

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