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Sonntag, 1. August 2021

Die Cardial-Kulturen - Hohe Siedlungsdichten wie in der Bandkeramik?

Seit zwei Tagen ist der Videovortrag eines Archäobotanikers zum Ackerbau der Cardial-Kulturen zwischen Pyrenäen und Westalpen zugänglich (1).

Abb. 1: Rückgang der Vielfalt des angebauten Getreides bei der Ausbreitung des Ackerbaus von Anatolien aus nach Norden und Westen - Im Norden Verlust von Nacktweizen, im Westen kommt Schlafmohn hinzu (aus: 1, 2)

Der Vortrag beinhaltet viel Spezialwissen, auf das wir hier nicht näher eingehen wollen, das aber eindrucksvoll ist. Die Fülle von Details beeindruckt ja immer, auf der wissenschaftliche Arbeiten beruhen. 

Ebenso eindrucksvoll finden wir aber die in ihm gebrachte Abbildung, die wir hier mit einstellen (Abb. 1), auf der unterschieden wird zwischen der hohen Getreidevielfalt der ursprünglichsten Ackerbaukulturen in Anatolien, sowie im Levanteraum und der späteren, etwas niedrigeren Getreidevielfalt, die diese anatolisch-neolithische Völkergruppe bei ihrer demographischen Ausbreitung nach Mittel- und Nordeuropa hinein mitgenommen hat während des Neolithikums.

Es ist naheliegend zu vermuten, was im Vortrag auch näher behandelt wird, daß manche Getreidesorten in Mittel- und Nordeuropa weniger gute Anbaubedingungen finden als in Anatolien. Was uns fehlt, sind Hinweise auf "Getreidesorten", die noch weniger ins Blickfeld der Forschung geraten scheinen, und auf die wir auch hier auf dem Blog erst kürzlich gestoßen sind, nämlich Unkräuter wie Ackermelde (Gänsefuß) und Amarant (3).

Abb. 2: Die Häufigkeit archäologischer Getreidereste in Siedlungen zwischen Pyräneen und Westalpen (aus: 2) (Minute 31:58)

Aber noch spannender finden wir die Grafik, die wir hier in Abb. 2 einstellen. In ihr wird die Häufigkeit der archäologischen Getreidefunde chronologisch aufgegliedert.

Man könnte sie so interpretieren wie wir auch schon die Siedlungsdichte der Bandkeramik vor mehr als zehn Jahren hier auf dem Blog interpretiert haben (4): Auch im nördlichen Mittelmeerraum grob zwischen Pyräneen und Westalpen könnte die erste Bauernkultur, hier die Cardial-Kultur, womöglich schon die höchste Siedlungsdichte aller nachfolgenden Kulturen bis weit in die Bronzezeit hinein gehabt haben.

Abb. 3: Frühneolithische Häuser in Travo, Norditalien - Rekonstruktion (Herkunft: Guiale)

 

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  1. Antolín, Ferran: Ackerbau, Risiken und Resilienzstrategien im Neolithikum im nordwestlichen Mittelmeergebiet, 30.7.21, https://youtu.be/9beUJIN32nc.
  2. Salavert, Aurélie; Martin, Lucie; Antolín, Ferran; Zazzo, Antoine: The opium poppy in Europe: exploring its origin and dispersal during the Neolithic. In: Antiquity 2018/08/01, DO  - 10.15184/aqy.2018.154 (Researchgate)
  3. Bading, Ingo: 4.700 v. Ztr. - Indogermanen am Mittellauf der Donau?, 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/07/4700-v-ztr-indogermanen-am-mittellauf.html
  4. Bading, Ingo: Die weltgeschichtliche Bedeutung der bandkeramischen Kultur, 2009, https://studgendeutsch.blogspot.com/2009/01/die-weltgeschichtliche-bedeutung-der.html

Freitag, 24. April 2020

Das Volk der Cardial-Keramik - Es stammt aus dem Levanteraum

Wie kamen die ersten domestizierten Ziegen nach Südfrankreich?
- Und wie ebenfalls nordafrikanische Landschnecken?

Jüngst schrieben wir in einem Blogbeitrag in einer Art Exkurs über die sogenannte "La Hoguette"-Keramik (Wiki), die sich in manchen bandkeramischen Siedlungen fand, und über deren Herkunft man lange rätselte (St.gen. 2020). Wir entdeckten in dem Zusammenhang, daß man sie inzwischen als verwandt erkannt hat mit der "Cardial-Keramik" (Wiki). Die Cardial-Keramik hinwiederum stammte ursprünglich aus dem Levanteraum und hat sich schon vor der großen Ausbreitungsbewegung anderer anatolischer Bauernvölker, also vor 6.500 v. Ztr. über das Mittelmeer hinweg ausgebreitet (Wiki).


Abb. 1: Das Volk der Cardial-Keramik - Es stammt aus dem Levanteraum
(Eine Karte von José-Manuel Benito Álvarez, Wiki)

Nach Wikipedia scheint es Hinweise zu geben, daß die Cardial-Keramik in Zusammenhang steht mit Völkern, die vorwiegend Viehzucht und Herdenhaltung betrieben haben, bei denen es sich also um Hirten-Völker handelte. Und aufgrund der geographischen Herkunft dieser Kultur wird angenommen werden dürfen, daß sie auch genetisch eben - so wie die Bandkeramiker - aus dem Mittelmeer-Raum stammt. Aber diesmal vielleicht vor allem aus dem Levanteraum.

Archäogenetische Erkenntnisse zu dieser sehr speziellen Kultur scheint es bislang aber nicht zu geben. Mit der Ausbreitung der ersten Ackerbaukulturen rund um das Mittelmeer befaßt sich der Autor dieser Zeilen schon seit einer Seminararbeit, die er zwischen 1993 und 1995 erarbeitete (1). An verstreuten Stellen hat er sich danach mit diesem Thema immer einmal wieder auseinander gesetzt. Und es mag einmal Sinn machen, diese verstreuten Artikel hier in einem neuen Blogartikel zu sammeln. So ist 2006 eine erste archäogenetische Studie erschienen über gefundene Knochen von domestizierten Ziegen (Wiki) in Südfrankreich (2).*)

2006 - Erste archäogenetische Erkenntnisse zur Geschichte der domestizierten Ziegen

Die nahe Bindung des frühen Menschen an Ziegen ist uns heute nur noch selten bewußt.

Abb. 2: Ausbreitung erster seßhafter Kulturen vom Nahen Osten aus rund um das Mittelmeer und über Europa hinweg - Sternchen: Fundort Baume d’Oullen in Südfrankreich (aus: 2)

In Abbildung 2 ist der zeitliche und räumliche Verlauf der Ausbreitung der bäuerlicher Lebensweise in Europa ab 6.200 v. Ztr. dargestellt. 2006 waren die heutigen Erkenntnisse zur Herkunft und Ausbreitung der Cardial-Keramik noch nicht so gut bekannt, die Forschungsergebnisse von 2006 können aber recht gut den heutigen, einleitend dargestellten zugeordnet werden. Die Abbildung 2 ist jener Studie entnommen, der die bei der Ausbreitung seßhafter Hirtenkulturen erfolgten Mitnahme domestizierter Ziegen und ihre Genetik anhand von archäologischen Knochenresten in Südfrankreich (siehe Sternchen in der Karte) untersucht (2):

Die Karte zeigt den europäischen Teil der heutigen geographischen Verteilung von wilden Ziegen (Capra aegagrus) (gepunktet markiert), ebenso wie die beiden Wellen der ersten Ausbreitung neolithischer Kulturen nach Europa hinein: die Route entlang der Mittelmeerküsten und die Route über den Balkan hinweg. Der Fundort Baume d’Oullen ist mit einem Sternchen markiert. (...) Dunkelgrau markiert ist der Bereich der Impresso-Kulturen (6.00 bis 5.500 v. Ztr.), hellgrau markiert ist der Bereich der Cardial-Kulturen (5.500 bis 4.800 v. Ztr.).
Map shows occidental part of the current geographic distribution of the wild goat, Capra aegagrus (dotted area), as well as the two main waves for the initial advancement of the Neolithic culture into Europe: the Mediterranean route and the Danubian route. The location of Baume d’Oullen is indicated by a star. The dates on the map are calibrated radiocarbon date-derived B.P. (cal. B.P.). Solid-line arrows indicate main flow; broken-line arrows indicate possible secondary flows. Dark gray zones indicate the area of the Impressa culture (8,000–7,500 cal. B.P.); light gray zones indicate the area of the Cardial and cultures (between 7,500 and 6,800 cal. B.P.).

Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, daß die zeitliche und räumliche Nähe genetisch sehr unterschiedlicher Ziegen-Abstammungslinien zu so früher Zeit in Südfrankreich darauf hindeutet, daß die sich rund um das Mittelmeer ab 5.700 v. Ztr. recht zügig ausbreitenden, seßhaften Keramik-Kulturen (Impresso- und Cardial-Kultur)

  1. entweder schon einen genetisch sehr vielfältigen Bestand von domestizierten Ziegen in Besitz hatten oder aber
  2. daß es mehrfache, kurz hintereinander folgende Ausbreitungsbewegungen von unterschiedlichen menschlichen Gruppierungen/Kulturen gegeben hat.

Mit den auf Wikipedia dargestellten neuen Erkenntnissen zur Herkunft und Geschichte der Cardial-Kulturen, auf die wir einleitend hinwiesen, könnte die zweite hier genannte Vermutung sich als die richtige erweisen. Auf jeden Fall war nach der Studie von 2006 die genetische Vielfalt der mitgeführten Ziegen ein (weiterer) Hinweis darauf, daß der (Handels-?)Austausch auch über das Mittelmeer hinweg schon zu diesem frühen Zeitpunkt sehr rege hat gewesen sein können. Es ist - auch aufgrund der Schnelligkeit der Ausbreitung der seßhaften Kulturen (schließlich dann auch entlang der Atlantikküste) - anzunehmen, daß diese Kulturen schon die Seefahrt beherrschten (1). Und dabei können ja Ziegen leicht mitgenommen werden.

Abb. 3: Fünf unterschiedliche Regionen der Ziegen-Domestikation (aus: 5)

In der Zusammenfassung ist die Rede davon, daß es mindestens zwei unabhängige Domestikations-Ereignisse bei Ziegen im Nahen Osten gegeben haben könnte (2):

Phylogenetic analysis revealed that two highly divergent goat lineages coexisted in each of the two Early Neolithic layers of this site. This finding indicates that high mtDNA diversity was already present 7,000 years ago in European goats, far from their areas of initial domestication in the Near East. These results argue for substantial gene flow among goat populations dating back to the early neolithisation of Europe and for a dual domestication scenario in the Near East, with two independent but essentially contemporary origins (of both A and C domestic lineages) and several more remoteand/or later origins. 

Im Diskussions-Teil heißt es (2):

The presence of the two lineages in southwestern Europe since as early as the beginning of the Neolithic may result from either the succession of different waves of goats bearing different haplotypes between the first Impressa (7,700–7,500 B.P.) and Cardial (7,500–7,000 B.P.) time periods, or from one wave bearing all of the diversity as early as the first Impressa steps. In any case, however, our results reveal that the diversity of present-day goats does not result mainly from any Late Neolithic, Roman, or Modern episode. Instead, these data suggest that extensive gene flow occurred around the time of the first waves of arrival of Neolithic farmers into Europe through the Mediterranean route,ca. 7,500 ya. This is evidence of a continuing high degree of interactions (through regional contacts and commerce) alongthe Mediterranean basin during the Early Neolithic.

Ob es sich bei den südfranzösischen Ziegen auch schon um Ziegen gehandelt haben kann, die von der gleichzeitigen ersten mitteleuropäischen Bauernkultur, den Bandkeramikern nach Südfrankreich gelangt sind (oder deren Vorfahren),  blieb 2006 noch offen. Da für die rein kontinentaleuropäischen Bandkeramiker mancherlei Einflüsse aus Südfrankreich schon 2006 bekannt waren (sie kannten Mohn aus Südfrankreich, sowie bestimmte Muschelsorten ...), mußte das 2006 keineswegs als ausgeschlossen gelten. Kleine Anteile von französischer Cardial-Keramik hat den Bandkeramik-Forschern ja schon seit mehreren Jahrzehnten zu denken gegeben. Aber 2018 wurde deutlicher, daß es solcher komplizierter Erklärungen vermutlich nicht bedarf (siehe unten).


Abb. 4: Aristide Maillol - Illustration von Daphnis und Chloe

2007 wurde über Forscherstimmen berichtet, die ebenfalls eine vergleichsweise komplexe Ausbreitungsgeschichte seßhafter Kulturen rund um das Mittelmeer hinweg annahmen (3).

2011 - Charakteristische Verbreitung von Landschnecken in Algerien und Südfrankreich

2011 wurde dann eine sehr spannende Studie veröffentlicht (4). Unsere Vermutung war ja schon seit 1995, daß sich ab 6.200 v. Ztr. der Keramikgebrauch und der Anbau von Getreide, sowie auch die Rinderzucht rund um das gesamte Mittelmeer und hinüber auf den Balkanraum auch oder vor allem über den Schiffsweg ausbreitete (1). Dies hatten damals (1995) nur wenige Forscher wirklich glauben können. Durch die Erforschung des ungewöhnlichen Verbreitungsgebietes einer bestimmten Landschnecken-Art über Algerien, Sardinien und Südfrankreich hinweg, sowie durch deren früheste molekulargenetische Datierung auf etwa 6.000 v. Ztr. konnte die Annahme der Ausbreitung der seßhaften Lebensweise über den Seeweg hinweg aber sehr deutlich bekräftigt werden (4).

2018 - Fünf unterschiedliche Regionen der Ziegen-Domestikation?

Daß die Ziege tatsächlich in mehreren Regionen des Vorderen Orients während des Neolithikums domestiziert worden ist, wurde dann in einer Studie aus dem Jahr 2018 sehr deutlich bekräftigt (5). Auf der Grafik in Abbildung 3 ist sichtbar, daß allein im heutigen Iran während des vorkeramischen Neolithikums offenbar drei verschiedene Ursprungspopulationen von Ziegen domestiziert wurden: Eine im westlichen Zagros-Gebirge (rosa Raute), eine (vielleicht) an den Südhängen des Kaukasus (blaue Raute) und eine vielleicht an den Nordhängen des Kaukasus (grüne Raute). Andere Ursprungspopulationen befinden sich aber außerdem auch noch im Levanteraum, in Südanatolien und auf der griechischen Halbinsel. Wobei die Nordhänge des Kaukasus auch deshalb von besonderem Interesse sein könnten, weil dort ja auch die eine Hälfte des Herkunftsanteils der Indogermanen gesucht werden muß. Wenn diese dort unabhängig von anderen Regionen Ziegen domestiziert haben, haben sie vielleicht auch sonst größere kulturelle Unabhängigkeit von anderen Regionen (Südkaukausus) aufgewiesen. Aber dieser Gedanke nur am Rande.

Abb. 5: Illustration zu Daphne und Chloe von Aristide Maillol

Jedenfalls: Dort wo selbstständige Domestikation stattfindet, wird man jeweils sicher auch von innovativeren, eigenständigen menschlichen Kulturen ausgehen dürfen. Die Forscher schreiben dazu, daß sich ja auch die dazu gehörigen anatolisch-neolithischen und die iranisch-neolitschen Bauern genetisch recht deutlich voneinander unterscheiden - so wie ihre Ziegen (5). Nach dem Neolithikum breitet sich dann aber eine genetisch vergleichsweise einheitliche Ziegenpopulation offenbar noch ganz anderer Herkunft über den gesamten Raum hinweg aus (Haplogruppe A). Dasselbe Muster wird in einer Studie aus dem Jahr 2020 dann auch für die Schafe sichtbar.

Denn eine erst vor wenigen Tagen bekannt gewordene archäogenetische Studie zu anatolischen Schafen zeigte unter anderem auf (6):

Wir finden, daß anatolisch-neolithische Schafe genetisch den heutigen europäischen Schafrassen näher stehen, insbesondere den mittel- und nordeuropäischen. Unsere Ergebnisse legen also nahe, daß asiatische Anteile zu südeuropäischen Schafrassen, die nach dem Neolithikum hinzu gekommen sind - möglicherweise während der Bronzezeit - dieses Verteilungsmuster erklären könnte.
We further find that Anatolian Neolithic sheep (ANS) are genetically closest to present-day European breeds, and especially those from central and north Europe. Our results indicate that Asian contribution to south European breeds in the post-Neolithic era, possibly during the Bronze Age, may explain this pattern.

Das hieße, die anatolisch-neolithischen Bauernvölker, insbesondere die Bandkeramiker, später die Trichterbecherleute brachten anatolisch-neolithische Schafrassen bis nach Nordeuropa, wo sie bis heute weitgehend unvermischt fortexistieren, während in Anatolien und im Mittelmeer-Raum während der Bronzezeit asiatische genetische Anteile bei den Schafrassen dazu kamen. Ähnliches ist ja auch schon für asiatische männliche genetische Rinder-Anteile (7) und auch für die iranisch-neolithische menschliche Genetik während der Bronzezeit im Mittelmeer-Raum festgestellt worden (siehe andere Artikel hier auf dem Blog im letzten Jahr).

Abschließend: Schon in der Kunst und in der Litertur der Antike waren Ziegen und Ziegenhirten ein beliebtes Motiv. Der Naturgott Pan (Wiki) war halb Ziege und halb Mensch . Er wird deshalb auch in Skulpturen als ein solches Mischwesen dargestellt, das sich gerne nicht nur mit menschlichen Männern und Frauen, sondern auch mit Ziegen paart. Und auch noch der französische Künstler Aristide Maillol hat im 19. Jahrhundert diesbezüglich eindrucksvolle Illustrationen geschaffen zu der bukolischen, antiken Liebesgeschichte "Daphnis und Chloe" (Wiki), die in der Zeit um 200 n. Ztr. nieder geschrieben worden ist, und die von dem Leben einer Ziegenhirtin und eines Ziegenhirten handelt (Abb. 4, 5). Wobei in der Geschichte eine etwas künstliche Sehnsucht nach "Natürlichkeit" spürbar wird, die um 200 n. Ztr. in der hellenisierten unglaublich reichen Stadtkultur des Mittelmeerraumes - auch nach Zeugnis dieser Geschichte - längst abhanden gekommen war.

2021 - Korrektur notwendig? Die Y-Chromosomen sagen das Gegenteil!

Abb. 6: H2d breitete sich (aus dem Levanteraum heraus?) mit der Bandkeramik über die Balkan-Route aus, H2m breitete sich mit der Cardial-Keramik über das Mittelmeer aus (aus: 8)

Ergänzung 27.7.2021: In einer neuen Archäogenetik-Studie über die Geschichte der Y-Chromosomen der anatolisch-neolithischen Bauernvölkergruppen in Europa heißt es bezüglich der Ergebnisse (s. Abb. 6) (8):

... Es ergab sich ein klares phylogeographisches Muster. Die H2d-Individuen finden sich alle entlang der sogenannten Inland-Donau-Ausbreitungs-Route nach Mitteleuropa hinein. Aber alle - außer einem - der H2m-Individuen finden sich entlang der sogenannten Mittelmeer-Ausbreitungs-Route nach Westeuropa hinein, sowie auf die spanische Halbinsel und schlußendlich nach Irland. Das einzelne H2m-Individuum, das sich in Mitteldeutschland fand, wird auf einen spätneolithischen, frühbronzezeitlichen Kontext datiert, der zwei- bis dreitausend Jahre nach der neolithischen Ausbreitung liegt. Archäologische und mitochondrialen DNA-Hinweise auf eine Ostausbreitung der mittel- und spätneolithischen Gruppen wie der Michelsberger Kultur könnten höchstwahrscheinlich diesen einzelnen geographischen "Ausreißer" erklären.
When we plotted all of the samples in our study on a map of Europe, a phylogeographic pattern clearly emerged (Fig. 3B). The H2d individuals are all found along the so-called inland/Danubian route into central Europe, and all but one of the H2m individuals are found along the so-called Mediterranean route into Western Europe, the Iberian Peninsula and ultimately, Ireland. The solitary H2m individual (LEU019) found in central Germany is dated to the Late Neolithic/Early Bronze Age context, postdating the Neolithic expansion by 2000–3000 years. Archaeological and mtDNA evidence of an eastward expansion of Middle/Late Neolithic groups such as Michelsberg43,44,45 could potentially explain this single geographically outlying observation.

Über die Ursprungsregionen dieser beiden Y-Chromosomalen Haplotypen ist hier ja noch gar nichts gesagt. Allerdings zeigt die Grafik (Abb. 6) H2d-Individuen ausgerechnet im Levanteraum und H2m-Individuen ausgerechnet an der Westküste Anatoliens. Das ist "counterintuitiv" gegenüber allem, was wir in diesem Blogartikel bislang zusammen getragen hatten. Warten wir ab, wie sich der Kenntnisstand bezüglich dieser Fragen weiter entwickelt. Spannend jedenfalls ist, daß hier so klare Ausbreitungsmuster beschrieben werden können!

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*) Wir schrieben darüber auf dem inzwischen nicht mehr existierenden Blogportal Blog.de. Der damalige Blogartikel war hier provisorisch gesichert worden. Was wir damals darüber schrieben, wird hier im folgenden leicht überarbeitet neu eingestellt.
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  1. Bading, Ingo: Die Neolithische Revolution im Vorderen Orient (12.000 - 6.000 v. Ztr.), Seminararbeit 1995, https://www.academia.edu/1537440/Die_Neolithische_Revolution_im_Vorderen_Orient_12.000_-_6.000_v._Ztr._.
  2. Divergent mtDNA lineages of goats in an Early Neolithic site, far from the initial domestication areas. Helena Fernández, Sandrine Hughes, Jean-Denis Vigne, Daniel Helmer, Greg Hodgins, Christian Miquel, Catherine Hänni, Gordon Luikart, Pierre Taberlet Proceedings of the National Academy of Sciences Oct 2006, 103 (42) 15375-15379; DOI: 10.1073/pnas.0602753103, https://www.pnas.org/content/103/42/15375.
  3. Bading, Ingo: Seefahrt und früheste Ackerbauern im Mittelmeer-Raum, November 2007, https://studgendeutsch.blogspot.com/2007/11/seefahrt-und-frheste-ackerbauern-im.html
  4. Jesse R, Véla E, & Pfenninger M (2011). Phylogeography of a land snail suggests trans-mediterranean neolithic transport. PloS one, 6 (6) PMID: 21731622
  5. Kevin G. Daly et. al.: Ancient goat genomes reveal mosaic domestication in the Fertile Crescent. Science 06 Jul 2018: Vol. 361, Issue 6397, pp. 85-88, DOI: 10.1126/science.aas9411 http://science.sciencemag.org/content/361/6397/85.full.
  6. Archaeogenetic analysis of Neolithic sheep from Anatolia suggests a complex demographic history since domestication Erinç Yurtman, Onur Özer, (...) Anders Götherström, Mehmet Somel, İnci Togan, Füsun Özer bioRxiv 2020.04.17.033415; doi: https://doi.org/10.1101/2020.04.17.033415.
  7. https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/07/unsere-kuhe-schon-immer-waren-sie-bei.html 
  8. Rohrlach, A.B., Papac, L., Childebayeva, A. et al. Using Y-chromosome capture enrichment to resolve haplogroup H2 shows new evidence for a two-path Neolithic expansion to Western Europe. Sci Rep 11, 15005 (2021). 22.7.2021, https://doi.org/10.1038/s41598-021-94491-z

Dienstag, 7. Januar 2020

Ein "Rassekrieg" am Ende des europäischen Frühneolithikums (um 5.000 v. Ztr.)

Blutige Opferrituale und Massaker - Am Ende der Bandkeramik

Kurzfassung: Eine neue Folge über die sehr gewalttätige Endphase der Bandkeramik, der ersten Bauernkultur Europas, ist im Sommer 2019 von "Terra X" veröffentlicht worden (6). Der Inhalt dieser Dokumentation ist auch in zwei Zeitungsartikeln behandelt worden (4, 5), wobei neue Erkenntnisse aus der archäogenetischen Forschung mitgeteilt werden, die sonst öffentlich noch nicht bekannt sind: Nämlich über die Herkunft der von den Bandkeramikern getöteten Menschen. Sie macht deutlich, daß hier offenbar geradezu ein "Rassekrieg" stattgefunden hat (in den Artikeln ist die Rede von einem "Kampf der Kulturen"), nämlich zwischen den einheimischen europäischen Jägern und Sammlern einerseits und den herkunftsmäßig mediterranen Bandkeramikern andererseits. Dieser Krieg erinnert an ähnliche Kriege, die stattfanden zweitausend Jahre später bei der Ausbreitung der Indogermanen von der Mittleren Wolga aus in alle Richtungen. Die sich hier andeutenden neuen Erkenntnisse sollen im folgenden in den bisherigen Forschungsstand eingeordnet werden. Sie enthalten - womöglich - tiefer greifende Schlußfolgerungen hinsichtlich des Bildes, das wir uns ganz allgemein von der Humanevolution, bzw. der Weltgeschichte machen.

Abb. 1: Weibliche Figur aus Unterpullendorf (W)

Die erste Bauernkultur Europas, die genetisch zur Völkergruppe aus Anatolien gehörte, also die Kultur der Bandkeramik (Wiki), wies Züge von despotischer Sozialdiziplinierung auf. Dieser Gedanke war uns erst vor wenigen Wochen gekommen bei Betrachtung einer Abbildung der "Venus von Unterpfullendorf" aus dem Burgenland, die auf "Wikipedia Commons" entdeckt werden kann (Abb. 1) (1). Diese Figurine stammt zwar erst aus der unmittelbaren Nachfolgekultur der Bandkeramik, nämlich der Lengyel-Kultur (aus der Zeit um 4.500 v. Ztr.), scheint aber doch vom seelischen Ausdruck her in Zusammenhang gestellt werden zu können mit den typischen "despotischen" Darstellungen von Männern und Frauen im Frühneolithikum Anatoliens ("despotische Muttergottheiten" u.ä.) (1).

Die Beziehungen dieser ersten Bauernkulturen Mitteleuropas zu den in Europa bis dahin einheimischen dunkelhäutigen, blauäugigen Fischer-, Jäger- und Sammler-Kulturen waren hier auf dem Blog schon oft Thema. Sie waren von der Forschung bislang vornehmlich als tolerante und freundschaftliche Beziehungen wahrgenommen worden.

So fand sich die diesen einheimischen Völkern früher zugeordnete sogenannte "La Hoguette"-Keramik (Wiki), die man als verwandt erkannte mit der "Cardial-Keramik" (Wiki), inmitten bandkeramischer Siedlungen. Darauf hatte ich hier nur kurz als Zeugnis solcher friedlicher Beziehungen hinweisen wollen. Aber ob diese Keramik allerdings wirklich einheimischen Fischer-, Jäger- und Sammler-Völkern zugeordnet werden kann, dürfte inzwischen angesichts eines weiter fortgeschrittenen Forschungsstandes, nach der die Cardial-Keramik ursprünglich aus dem Levanteraum stammt und sich schon vor der großen Ausbreitungsbewegung der anatolischen Bauernvölker, also vor 6.500 v. Ztr. über das Mittelmeer hinweg ausgebreitet hat (Wiki), ebenfalls sehr zweifelhaft geworden sein. Es scheint Hinweise zu geben, daß die Cardial-Keramik in Zusammenhang steht mit Völkern, die vorwiegend Viehzucht, Herdenhaltung betrieben haben, bei denen es sich also um Hirten-Völker handelte. Und aufgrund der geographischen Herkunft dieser Kultur wird angenommen werden dürfen, daß sie auch genetisch eben aus dem Mittelmeer-Raum, diesmal vielleicht vor allem aus dem Levanteraum stammt. (Archäogenetische Erkenntnisse zu dieser sehr speziellen und nicht besonders bedeutenden Kultur scheint es bislang aber nicht zu geben.)

In Rückzugsräumen: Die einheimischen europäischen Jäger- und Sammler-Völker

Wie auch immer: Jedenfalls konnten sich die genannten einheimischen mitteleuropäischen Jäger- und Sammler-Völker - wie wir aus der Archäogenetik seit einigen Jahren wissen - in Rückzugsräumen wie rund um die Blätterhöhle in Westfalen, wie am Schweriner See oder auf den dänischen Inseln, an der pommerschen Küste und im übrigen Ostseeraum - und so vermutlich auch noch in vielen anderen Teilen Europas und seiner Mittelgebirge - noch zwei- bis dreitausend Jahre lang genetisch und kulturell halten, obwohl sie rundum von Bauernvölkern umgeben waren. Erst mit der Ausbreitung der Indogermanen sind sie schließlich im heutigen Dänemark ebenso untergegegangen wie im östlichen Ostseeraum.

Die diese ursprünglichen europäischen Jäger und Sammler umgehenden Bauernvölker besiedelten anfangs nur die guten Lößböden der Flußtäler, die auch heute noch gute Böden für Ackerbau aufweisen. Die Bandkeramiker mieden bei der Besiedlung Europas Höhenlagen mit schlechten Böden. In solchen abgelegeneren Gebieten der Mittelgebirge und der norddeutschen Tiefebene konnten also die einheimischen Völker weiter leben. Von den Fischern an der pommerschen Küste, die aller Wahrscheinlichkeit nach einheimischer Herkunft waren, wissen wir zum Beispiel, daß sie in dieser Zeit regen Handelsaustausch - vermutlich über die großen Flußläufe - mit den umliegenden Bauernkulturen unterhielten, sogar bis in den ungarischen Raum hinein. So weist es gefundene Keramik in Neuwasser in Pommern an der Ostsee aus (2).

Abb. 2: Erdwerke im westlichen Verbreitungsgebiet der linienbandkeramischen Kultur (aus: 3)

Aus solchen genannten Rückzugsräumen heraus erfolgte aber, wie wir seit einigen Jahren ebenfalls aus der Archäogenetik wissen, die Ethnogenese der mittelneolithischen Völker Mitteleuropas nach dem Untergang der Bandkeramik (um 4.900 v. Ztr.). Diese mittelneolithischen Völker wiesen in ihrer Genetik schon bis zu 20 %, in Mittelhessen zeitweise sogar 30 % einheimische europäische Jäger- und Sammler-Genetik auf - im Gegensatz zu den Bandkeramikern, die zuvor einheitlich nur 7 % solcher Genetik aufgewiesen hatten. Diese 7 % waren während der Ethnogenese der Bandkeramiker im Wiener Becken in das sich dort formierende neue Volk der Bandkeramik hinein gekommen.

Daß es am Ende der Bandkeramik um 4.900 v. Ztr. zu Kriegen gekommen ist, und daß diese nicht zuletzt vorwiegend mit den ursprünglich einheimischen Jägern und Sammlern geführt worden sind, das nahm die Archäologie schon seit mehreren Jahrzehnten an aufgrund der Tatsache, daß sich Befestigungsanlagen ("Erdwerke") der bandkeramischen Kultur in den Randbereichen ihres Siedlungsraumes und auch zeitlich in der Endzeit dieser Kultur besonders häufen (3) (Abb. 2). Schon hier deutete sich überregionales Handeln von Seiten der Bandkeramik an, also eine überregional gesteuerte Verteidigung, die so etwas ähnliches wie staatliche Strukturen voraussetzt. Überregionale Handelskontakte innerhalb der Bandkeramik sind auch schon gut bekannt aufgrund des Feuersteinhandels zwischen Schlesien und Böhmen oder ähnlichen überregionalen Feuersteinhandels anderwärts (z.B. über den Hauptkamm der Alpen hinweg). Außerdem gibt es Hinweise auf überregionalen Besuch von Bäder- und Kultorten.

Der "Schlachtort" Herxheim in der Pfalz

Ob man deshalb überregionale "Herrscher", "Despoten" innerhalb der Bandkeramik annehmen kann? Bislang war die Archäologie in der Regel von egalitären Gesellschaftsstrukturen innerhalb der Bandkeramik ausgegangen, da sich in den Gräbern kaum "Rangunterschiede" feststellen ließen. Aber wie wir im folgenden sehen werden, muß es doch Männer gegeben haben, die größere Kriegszüge und religiöse Handlungen geleitet und koordiniert haben, sowie Gefangenenabschlachtungen, -opferungen. Denn in den letzten Jahren sind zahllose Überreste von "Massakern" aus der Endzeit der Bandkeramik bekannt geworden, die - mit manchem Recht - Entsetzen hervorgerufen haben. So wird über Funde in Herxheim (Wiki) bei Landau an der Weinstraße in Rheinland-Pfalz berichtet (4):

Seit 1996 legen Archäologen in Herxheim bei Landau Gruben frei, die mit zahllosen Zeugnissen brutaler Gewalt angefüllt sind: Skelettreste von Hunderten Individuen, hingeschlachtet vor gut 7000 Jahren.  (...) Herxheim ist kein Einzelfall. Zahlreiche Spuren von Massakern, die in den vergangenen Jahren in Mitteleuropa entdeckt wurden, zeigen, daß das Leben (...) keineswegs friedlich war, sondern von Gewaltausbrüchen geprägt wurde. Zum Beispiel bei Halberstadt in Sachsen-Anhalt. Dort stießen Forscher 2013 (...) auf ein Massengrab mit den sterblichen Überresten von neun/elf Menschen, die nur flüchtig verscharrt worden waren. Die Analyse der Schädelknochen zeigt, daß sie allesamt mit Schlägen auf den Hinterkopf getötet worden waren. (...) Unter den Knochen befinden sich keine Überreste von jungen Frauen. Ähnliche Befunde lieferten die Analysen der Massaker von Talheim bei Heilbronn (34 Tote), Kilianstädten (Main-Kinzig-Kreis; 26 Tote) und Schletz (Niederösterreich; rund 200 Tote). Stets fanden sich keine oder nur wenige Knochen junger, gebärfähiger Frauen unter den Opfern. Offenbar waren sie die bevorzugte Beute der Angreifer.

Damit hätte man auch schon Erkenntnisse darüber, wie es zur Ethnogenese der mittelneolithischen Kulturen gekommen sein könnte. Nämlich durch Vermischung bandkeramischer Männer mit Frauen der umgebenden Jäger-Sammler-Völker - oder aber auch umgekehrt. Für Herxheim ... (4)

... schätzen die Wissenschaftler, daß innerhalb von etwa 50 Jahren mindestens 1000 Menschen hier in blutigen Ritualen geopfert worden sind. Allein die Zahlen sprechen dafür, daß es sich offenbar um einen überregionalen Kultplatz gehandelt haben muß, denn er hätte die Möglichkeiten der benachbarten Bandkeramiker-Siedlung überfordert. Von weit her wurden Menschen in die Südpfalz getrieben, um dort getötet zu werden. Anschließend wurden die Körper zerteilt. Das Fleisch wurde akribisch von den Knochen geschabt, (...) ein sicheres Zeichen, daß Kannibalismus im Spiel war. Die Schädeldächer wurden mit präzisen Schlägen abgetrennt, um als Gefäße für unbekannte Zeremonien zu dienen. (...) Die Akteure in Herxheim waren offenbar Bandkeramiker, die von weit her kamen, um sich an diesem Kultplatz zu versammeln. Wie Strontiumanalysen gezeigt haben, stammten ihre Opfer aus deutlich höher gelegenen Regionen, müssen also von ihrer Herkunft und Siedlungsweise einer ganz anderen Bevölkerungsgruppe angehört haben, schreibt die Ausgrabungsleiterin Andrea Zeeb-Lanz. 

Und schließlich die allerneuesten Erkenntnisse (5):

„Naturwissenschaftlichen Analysen zufolge stammten die Opfer aus dem Mittelgebirge“, sagt Bettina Hünerfauth (...). Mittelgebirge bedeutet etwa Vogesen oder Schwarzwald, Räume, in die sich die Gruppen der Jäger und Sammler zurückgezogen hatten, als die ersten Bauern aus Anatolien und dem Balkanraum nach Mitteleuropa gelangten. Genetische Untersuchungen zeigen, daß sich beide Gesellschaften kaum miteinander vermischt haben. (...) Klar sei, daß die Menschen innerhalb von maximal 50 Jahren getötet wurden. „Vielleicht auch innerhalb nur einen Jahres. Wir reden über ein unglaublich makaberes Ritual.“ (...) Die Keramik deute darauf hin, daß dazu Menschen aus Gegenden von bis zu 400 Kilometern nach Herxheim kamen.

Das heißt also: Sowohl Täter wie Opfer waren mehrere hundert Kilometer gewandert, um nach Herxheim zu kommen. Natürlich handelt es sich hier um eine "Augenblicks-Aufnahme". Wenn hier noch keine genetischen Vermischungen zwischen Tätern und Opfern vorgekommen sind, heißt das nicht, daß sie nicht dennoch in den nachfolgenden Jahrhunderten sichtbar werden konnten, bzw. der Forschung ja auch schon längst sichtbar geworden sind.

Ob die archäogenetischen Untersuchungen, deren Ergebnisse hier angedeutet werden, schon irgendwo wissenschaftlich veröffentlicht worden sind, geht aus dem Bericht - soweit übersehbar - nicht hervor. Wir wissen aber auch noch von den keltischen Viereckschanzen und von Bräuchen anderer Kriegerkulturen der Antike, daß man die Leichen erschlagener Feinde gerne lange den noch lebenden Feinden präsentierte und zur Schau stellte, um die Feinde damit zu erschrecken und einzuschüchtern. Auch die Germanen des Arminius im Jahre 9 n. Ztr. waren nach den Berichten der antiken Autoren nicht "zimperlich" im Umgang mit den römischen Gefangenen, denen sie bei lebendigem Leib die Zungen heraus rissen und ähnliche Dinge mehr.

Wir wissen, daß die Bandkeramiker ihre Kultur seit 4.900 v. Ztr nicht mehr in der außerordentlich stabilen Weise fortführten wie sie das seit 5.500 v. Ztr. getan hatten. Es ergab sich in ganz Mitteleuropa ein grundlegender kultureller Wandel. Anstelle der über den gesamten Verbreitungsraum hinweg sehr einheitlichen Bandkeramik traten "Regionalkulturen", die sich in der Hausbauweise, in der Siedlungsweise, in der extensiveren Wirtschaftsweise und anderem deutlich von den Vorgängerkulturen unterschieden. Die guten Lößböden wurden nicht mehr so einheitlich wie zuvor als einziger möglicher Siedlungsraum erachtet.

Und seit einigen Jahren wissen wir auch: Dieser Vorgang geschah nicht in einem Prozeß des "genetic replacement", also eines vollständigen genetischen Bevölkerungsaustausches, sondern in einem Prozeß der Vermischung der bandkeramischen Kulturen mit den einheimischen Jäger und Sammler-Völker. Meines Wissens liegen von Seiten der Genetik noch keine Erkenntnisse darüber vor, daß sich die bandkeramischen männlichen Bauern vorwiegend mit den Jäger-Sammler-Frauen vermischt haben. Aber denkbar ist ein solcher Prozeß natürlich allemal. ([16.7.25] Nein, die meisten Ethnogenese-Prozesse scheinen in umgekehrter Weise vor sich gegangen zu sein, siehe dazu die Schlußbemerkung dieses Artikels.)

Zumal ein solcher Prozeß zumindest für die indogermanische Steppen-Genetik in vielen Teilen der Welt schon gut belegt ist. Es sind aber natürlich auch noch andere Prozesse der "Akkulturation" zwischen beiden "Kulturen" möglich. Die Genetik der Bandkeramik behielt jedenfalls in den neu entstehenden Kulturen immer noch das Übergewicht, ebenso die bäuerliche, seßhafte Lebensweise. Insofern könnten die abschreckenden Opferrituale - aus gruppenselektionistischer Sicht und aus Sicht "gruppenevolutionärer Strategien" - doch ihren weltgeschichtlichen Sinn gehabt haben, nämlich um kulturelle und zivilisatorische Stabilität in Europa zu gewährleisten auch in Zeiten, in denen es ansonsten großen kulturellen und genetischen Umbruch gab.

Stadtdespoten oder "strafende Götter" - Was ist der Unterschied?

[8.1.2020] Nachtrag zum im Blogartikel einleitend erwähnten Thema "despotische Sozialdisziplinierung". Letztere ist schon spätestens in den protourbanen Siedlungen im vorkeramischen Neolithikum B (PPNB) im Levanteraum allzu deutlich erkennbar. Und daran ist ablesbar, daß es keiner "strafenden Götter" bedarf innerhalb einer Gesellschaft, wenn es lebende strafende Stadtherrscher, Stadtdespoten und -despotinnen gibt. Im übrigen darf aber sehr stark infrage stehen, ob strafende Götter erst seit 2.800 v. Ztr. in der Menschheitsgeschichte aufgetreten sind wie in einer viel erörterten Studie aus dem Sommer 2019 unterstellt wurde (7). (Quasi-)"Strafende Götter" wird es doch geben seit dem Zeitpunkt, an dem Menschen über den Tod und ein Weiterleben nach dem Tod nachdachten, wobei dann nach dem Tod weiterlebende (vormals eindrucksvolle) Menschen auch als Quasi-Götter gerne die lebenden Menschen für schlechte Taten bestraft haben könnten (nach dem Glauben der Menschen). Schon auf dem Göbekli Tepe scheint es diesbezüglich doch "Götter-Darstellungen" in Form von Steinstelen zu geben. Aus dieser Sichtweise heraus erscheint mir der ganze gedankliche Grundansatz der vielgepriesenen Seshat-Studie aus dem Sommer letzten Jahres (7) verfehlt zu sein. Aber man sollte sie sich aus diesem Blickwinkel wohl noch einmal genauer anschauen.

[19.2.2020] In einem neuen Artikel (8) wird in Rekonstruktionen sehr schön deutlich, daß es sich hier um eine Auseinandersetzung von dunkelhäutigen Jägern und Sammlern mit hellhäutigen Bauern handelte.

Mittelneolithische Ethnogenese: Angriff und Gegenangriff

[16.7.2025] Wenn man verschiedene Ethnogenese-Prozesse miteinander vergleicht - 5.700 v. Ztr. im Wiener Becken und in Südfrankreich, 5.100 v. Ztr. an der Seine und in der Bretagne, 4.500 v. Ztr. an der Mittleren Wolga, etc. etc. etc., 500 n. Ztr. in Böhmen, Süddeutschland, Frankreich und Norditalien - dann wird es vermutlich immer so gewesen sein, daß anfangs zwei sehr unterschiedliche Völker miteinander im Krieg standen. Für den Ausgang des jeweiligen Krieges wird dabei nicht entscheidend sein, wer die ursprünglich imperialistische Kriegspartei gewesen ist. Es muß das jedenfalls nicht zwangsläufig die nachmals siegreichen Partei gewesen sein. 

Entscheidend wird aber sein, daß sich die Männer der jeweils langfristig siegreichen Kriegspartei mit den Frauen der langfristig unterlegenen Kriegspartei vermischt haben und daß dieser Vermischungsprozeß dann die Ethnogenese ist, die es zu verstehen gilt. Die vorherrschenden Y-Chromosomen nach der Ethnogenese sind ein Verweis auf die Sieger des jeweiligen Krieges - mehr im Grunde nicht.

Für die Endzeit der Bandkeramik deutet sich zum Beispiel an: Kriege mit den Völkern am Rande des bandkeramischen Siedlungsraumes könnten anfangs siegreich gewesen sein für die Bandkeramiker (wie in Herxheim bezeugt). Über mehrere Generationen hinweg aber könnten die umliegenden Jäger-Sammler-Völker "dazu gelernt" haben, die Bandkeramiker könnten sich auch in Kriegen und Gewaltausbrüchen untereinander gegenseitig geschwächt haben, so daß nach ein, zwei oder mehr Generationen die umliegenden Jäger-Sammler-Völker gegenüber den Bandkeramikern siegreich sein konnten und neue Völker begründen konnten - in der Wetterau und am Rhein etwa die Hinkelstein-Kultur, die zumindest im kulturell-religiösen Austausch mit dem Pariser Becken gestanden haben kann, wo sich die mittelneolithischen Ethnogenese-Prozesse am frühesten vollzogen haben könnten.         

______________
  1. Bading, Ingo: Die ältesten Eigendarstellungen der Indogermanen (ab 3000 v. Ztr.) Die "Statuenmenhire" des 4. und 3. Jahrtausends, 9. Dezember 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/12/die-altesten-eigendarstellungen-der.html
  2. Bading, Ingo:  Ostsee-Handels-Schifffahrt lange vor dem Ackerbau - Über die Ausgrabungen in Neuwasser in Hinterpommern seit 2003, 11. Juli 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/07/ostsee-handels-schifffahrt-lange-vor.html
  3. Thomas Saile, Martin Posselt, Reinhold Schoon, Christian Tinapp: Hollenstedt 2. Eine bandkeramische Siedlung an der mittleren Leine. Praehistorische Zeitschrift 93(1):25-47, August 2018, DOI: 10.1515/pz-2018-0003 (Researchgate)
  4. Stark, Florian: Hunderte wurden erschlagen, zerteilt und entfleischt - Funde zahlreicher Massaker belegen, daß Mitteleuropa vor 7000 Jahren von einer schweren Krise erschüttert wurde, 15.09.2019, https://www.welt.de/geschichte/article200268762/Europas-Jungsteinzeit-Hunderte-wurden-erschlagen-zerteilt-und-entfleischt.html
  5. Stark, Florian: Sehnen wurden vom Knochen geschnitten, die Schädel skalpiert, 6.1.2020, https://www.welt.de/geschichte/article204791702/Steinzeit-Ritual-Augaepfel-wurden-entfernt-und-die-Schaedel-skalpiert.html
  6. Tatort Steinzeit - Deutschland vor 7000 Jahren, Terra X, 15.8.2019, https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/tatort-steinzeit-deutschland-vor-7000-jahren-100.html
  7. Michael Springer: Göttliche Hüter der Moral In alten Kulturen sorgten strafende Gottheiten für sozialen Zusammenhalt. Konnten sich nur auf dieser Grundlage komplexe Gesellschaften herausbilden? 6.1.2020, https://www.spektrum.de/kolumne/goettliche-hueter-der-moral/1645058
  8. Dönges, Jan: Archäologie: Das grausame Ende zweier alter Österreicher. 29.01.2020, https://www.spektrum.de/news/das-grausame-ende-zweier-alter-oesterreicher/1701796  

Sonntag, 25. November 2007

Seefahrt und früheste Ackerbauern im Mittelmeer-Raum

Der Ackerbau selbst habe sich rund um das Mittelmeer nicht über das Meer hinweg ausgebreitet. Wohl aber sei dies geschehen von Seiten vor-bäuerlicher Kulturen, die vornehmlich vom Fischfang lebten. Dies ist die These des amerikanischen Archäologen Albert Ammermann (1). Anfang des Jahres erst hatten wir von einer Studie berichtet (2), die die frühe Ausbreitung sehr unterschiedlicher Hausziegen-Linien nach Südfrankreich am Ende des 6. Jahrtausends unter die Lupe genommen hatte.

Dafür, daß sich vorbäuerliche Kulturen über das Meer hinweg ausgebreitet hätten, habe er noch wenig stichhaltige Beweise. Man darf das aber für durchaus plausibel halten. Was einen nur wundert, ist, daß er - offenbar - glaubt, daß sich die ersten Ackerbau-Kulturen über das Land rund um das Mittelmeer ausgebreitet hätten.

Abb. 1: Frühneolithische Häuser in Travo, Norditalien - Rekonstruktion (Herkunft: Guiale)

Er sagt (1):

"Ich glaube nicht, daß sich der Ackerbau entlang der Küsten ausgebreitet hat, denn diese wurden schon regelmäßig von einer stabilen Kultur reisender Fischer aufgesucht." 
“I think agriculture didn’t spread along the coasts because they were already frequented by a stable culture of voyaging foragers.” 

Nein, das muß man nicht für plausibel halten. Wir wissen, daß sich die Bandkeramik ausschließlich auf dem Landweg ausgebreitet hat. (Allerdings nicht - wie in dem Artikel behauptet - über "Massen-Einwanderungen", sondern höchstwahrscheinlich schlicht über die hohen Geburtenraten von Rodungsbauern im zuvor wenig besiedelten, stark bewaldeten Mitteleuropa und ausgehend von der Region rund um den Plattensee.) Andererseits stießen die Bandkeramiker in der Rhein-Gegend auf Kulturen mit ganz andersartiger Keramik, die Verwandtschaft zeigt mit Keramik, die die Küsten rund um das Mittelmeer (Rhone-Tal) verbreitet war (große, spitzbödige Gefäße, sogenannte „Cardial-Keramik“).

Dieser Umstand war schon vor Jahren ein starker Hinweis darauf, daß sich rinderzüchtende Ackerbauern seit etwa 6.500 v. Ztr. vom östlichen Mittelmeer-Raum (und vielleicht von der nordafrikanischen Küste aus) rund um die Mittelmeer-Küsten ausbreiteten, ja, daß sie womöglich auch gleich die Meeresenge von Gibraltar überwanden und diese Keramik entlang der Küsten bis ins Baltikum ausbreiteten. Und da wäre es doch hoch plausibel, daß das mit Schiffen vor sich gegangen ist. Andere Archäologen raten deshalb zur Vorsicht gegenüber dieser These (3):

Seit fast zwei Jahrzehnten ist eine frühe Anwesenheit von Menschen auf Zypern bei Akrotiri Aetokremnos gut bestätigt. Deshalb ist es keine Überraschung, daß es auch andere Siedlungsplätze gibt, die in diese Zeit datieren und viele von uns hoffen, daß das von Ammermann behauptete Alter der Siedlungsorte sich bestätigt. Aber solange dies nicht durch Datenmaterial abgesichert ist, daß aus einem guten Kontext heraus in seiner Datierung verteidigt werden kann, können diese Siedlungsorte nicht als Beispiele in die Forschungsliteratur eingehen für eine vorneolithische Anwesenheit auf Zypern.
Original: An early human presence on Cyprus has been well established at Akrotiri Aetokremnos for nearly two decades. It is thus no surprise that there may be other sites dating to this time period, and many of us hope that Ammerman’s sites are as old as he claims. But until this can be confirmed by defensible dating of materials in good context, these sites should not enter the literature as examples of a pre-Neolithic presence on Cyprus.

In dem "Science"-Artikel wird Ammermann als "Archaeology’s Renaissance man" dargestellt. Aber bei Archäologen muß man immer ein bischen aufpassen. Die archäologischen Funde möglichst widerspruchsfrei mit gesellschaftlichen Entwicklungsmodellen in Einklang zu bringen, die man auch sonst aus der Weltgeschichte und Völkerkunde kennt, fällt vielen Archäologen schwer.

Schön allerdings ist in jedem Fall, was über die Karriere von Ammerman berichtet wird: Er hatte ursprünglich Literaturwissenschaft studiert und hatte erfolgreich in einem renommierten Verlag gearbeitet, der ihm schließlich sogar den leitenden Posten für seine europäische Abteilung anbot. Stattdessen ging Ammerman 1967 aber nach England, um sich erneut als Student, diesmal für Archäologie einzuschreiben (1):

"Meine Freunde erklärten mich für verrückt als ich darüber nachdachte, wieder studieren zu wollen," so erinnert sich Ammerman. (...) Ammerman landete schließlich "in Italien, wo ich nach den Ursprüngen des Ackerbaus suchte, wobei ich von 10 Dollar pro Tag lebte, so erzählt er. "Das waren schöne Jahre!"
“My friends told me I was crazy to consider being a student,” Ammerman recalls. His employer had just agreed to make him the new editor in chief of their European operation, with “my own London office and two secretaries.” Instead, Ammerman ended up “in Italy, searching for the origins of agriculture, living on $10 a day,” he says. “Those were the great years.”

Aktualisierung 2011: Um 6.200 v. Ztr. breitete sich der Keramikgebrauch und der Anbau von Getreide, sowie auch die Rinderzucht rund um das gesamte Mittelmeer und auf dem Balkanraum aus. Daß dies auf dem Wege der Schiffahrt passierte, was lange Zeit die Forscher nicht so recht hatten glauben können, ist neuerdings auch durch die Erforschung des ungewöhnlichen Verbreitungsgebietes einer bestimmten Landschnecken-Art über Algerien, Sardinien und Südfrankreich, sowie durch deren früheste molekulargenetische Datierung auf etwa 6.000 v. Ztr. bekräftigt worden (4).

_________________
  1. John Bohannon: Profile: Albert Ammerman - Exploring the Prehistory of Europe, in a Few Bold Leaps, Science, Vol. 317, 13.7.07, S. 188f
  2. Bading, Ingo: Seßhafte Hirtenkulturen besiedeln erstmals die Mittelmeerküsten (5.700 v. Ztr.). Ursprünglich veröffentlicht auf Blog.de, übernommen auf: https://studgen.wordpress.com/2007/01/20/seshafte_hirtenkulturen_besiedeln_erstma1587573/
  3. A.H. Simmons; R.D. Mandel: How Old Is the Human Presence on Cyprus? Science, Vol. 317, 21.9.07, S. 1679
  4. Jesse R, Véla E, & Pfenninger M (2011). Phylogeography of a land snail suggests trans-mediterranean neolithic transport. PloS one, 6 (6) PMID: 21731622
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