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Montag, 1. Juli 2019

Der erste Europäer war ein Banater

In den Südkarpaten, der Heimat der Banater Schwaben ...
- Dort wurde 2002 der bislang älteste Europäer gefunden (40.000 Jahre alt)

Die Inhalte dieses Blogbeitrages 
werden auch in einem zeitgleich 
erscheinenden Videovortrag
referiert (1) (s. Yt2019).

Der Gebirgszug der Karpaten (Wiki) im heutigen Rumänien umgibt Siebenbürgen in einem großen Bogen von Nordwesten über Osten nach Südwesten (siehe Abbildung 2). Die Südkarpaten erstrecken sich dabei weit nach Westen bis in die Landschaft des sogenannten Banat und bilden dort das Banater Gebirge. Und dort im Banat, sechzig Kilometer nördlich der Donau befindet sich das 7.000 Einwohner zählende (ehemals) deutsche Siedlerdorf Steierdorf (Anina) (Wiki). Sechs Fußkilometer südlich dieses Dorfes sind ab dem Jahr 2002 in einer entlegenen Karststeinhöhle sehr bedeutende Frühmenschenfunde gemacht worden.

Abb. 1: Frühmensch aus dem Banat vor 40.000 Jahren, aus der Höhle Peștera cu Oase (Rumänien), Knochen entdeckt 2002 (Wiki), Rekonstruktion geschaffen von Adrie und Alfons Kennis ("Kennis & Kennis") 2017 für das Neanderthal-Museum Mettmann - Er hatte doppelt so viel Neandertaler-DNA in sich als wir (9 %) - Bildnachweis: Pressebilder Neanderthal Museum, Mettmann, https://www.neanderthal.de/de/urmenschen.html, Fotograf: Daniela Hitzeman (Wiki).

Auf diese hatten wir - zunächst mehr im Vorübergehen - schon in zwei Beiträgen hier auf dem Blog kurz hingewiesen (2, 3). Und diese beiden Beiträge sollen im folgenden Aufsatz ergänzt werden, indem Grundwissen über die deutsche Volksgruppe der über 200.000 Banater Schwaben referiert wird, für die das Banater Gebirge 400 Jahre lang Heimat war, und die die Kultur- und Wirtschaftsgeschichte dieser Region nachhaltig geprägt haben (A.). Außerdem soll im Anschluß daran (B.) ein kleiner Überblick gegeben werden über die Forschungsgeschichte bezüglich der Frühmenschenfunde im Banater Gebirge seit 2002.

Man hat die betreffenden Höhle "Knochenhöhle" genannt, rumänisch "Peștera cu Oase" (Wiki). Da die Banater Frühmenschen nach genetischen Untersuchungen aus dem Jahr 2016 noch doppelt so viel Neandertaler-DNA in sich trugen als wir heute, wurde im Jahr 2017 eine eindrucksvolle Rekonstruktion derselben für das Neanderthaler-Museum in Mettmann in Nordrhein-Westfalen geschaffen (Abb. 1).

Doch an die deutsche Volksgruppe in Steierdorf oder an die Banater Schwaben überhaupt, an die man sich in diesem Zusammenhang ja auch einmal wieder hätte erinnern können, an sie alle wurde in der deutschen Wissenschafts-Berichterstattung - außerhalb derjenigen der Banater Schwaben selbst - nirgendwo gedacht. Das darf man als unangemessen empfinden angesichts des großen Leids, das dieser Volksgruppe widerfahren ist.

A. Grundwissen zu den Banater Schwaben

Wer also waren die "Banater Schwaben", die da in Steierdorf und sonst im Banat lebten?

Abb. 2: Das Banat: Im Norden die Ungarn, im Osten die Rumänen, im Westen die Serben

Dazu seien zunächst Auszüge aus dem Wikipedia-Artikel über die Geschichte und das Schicksal der Banater Schwaben zusammen gestellt, meist wörtliche Zitate, aber ohne die vielen Auslassungen zu kennzeichnen, die weg gelassen wurden, um zunächst einmal nur die wesentlichsten Tatsachen zu benennen (Wiki):

Zwischen 1692 und 1786 siedelten sich um die 150.000 Menschen in der Region um das damalige Temeswar an. Die Mehrheit der Siedler kam aus Franken, Bayern, Österreich, Elsaß, Lothringen, Luxemburg, Baden und der Rheinpfalz. Die Siedler wurden in der Ansiedlungszeit verpflichtet, im Falle eines osmanischen Angriffskrieges zur Waffe zu greifen. Die Ansiedler fanden das Banat als nahezu menschenleere, von Wäldern durchzogene Sumpflandschaft vor. Seuchen (darunter die Pest), Fieberkrankheiten und Hunger begleiteten die Ankömmlinge in den ersten Jahren. Doch innerhalb von zwei bis drei Generationen gelang die Rekultivierung des Landstrichs - ein enormer Kraftakt, der von vielen Rückschlägen wie Kriege, Seuchen, Hunger, und zahlreichen einhergehenden Opfern begleitet war. Der Spruch "Den Ersten der Tod, den Zweiten die Not, den Dritten das Brot" hat sich unter den Banater Schwaben zur Charakterisierung der Aufbauleistung überliefert.
Der gewonnene Ackerboden aus Schwarzerde erwies sich als äußerst fruchtbar und begründete den relativen Wohlstand der Banater Schwaben im 19. Jahrhundert. Der Landstrich galt als Kornkammer Österreich-Ungarns. Die Festung Temeswar wurde zur blühenden Stadt und zum kulturellen Zentrum der Banater Schwaben.
In Temeswar bildete sich neben einem deutschen Bürgertum als Oberschicht auch ein auf Baustellen oder in Fabriken arbeitendes deutsches Proletariat.
Im Rumänien der Zwischenkriegszeit waren die Banater Schwaben wesentlich an den Exporten landwirtschaftlicher Güter beteiligt, so belief sich der Anteil der banatschwäbischen Landwirtschaft an der Landesausfuhr von Schweinefleisch im Jahre 1940 auf 51 Prozent.
Während des Zweiten Weltkrieges meldeten sich 63.000 Rumäniendeutsche vorwiegend freiwillig zur Waffen-SS, darunter viele Banater Schwaben.

In den folgenden dürren Zahlen spiegeln sich die Schicksale der Banater Volksgruppe am Ende des Zweiten Weltkrieges und in den Folgejahren wieder. Diese Zahlen gelten nur für den (größeren) rumänischen Teil des Banats, nicht für den kleineren jugoslawischen Teil westlich der Donau (Wiki):

1930 - 237.000
1948 - 171.022
1977 - 138.000
2002 - 19.000 bis 25.000
2012 - 36.000 in Gesamtrumänien.

Erkennbar ist der große Bevölkerungseinbruch in den Jahren 1944 und 1945. Ein Teil der Donauschwaben wurden 1944 beim Rückzug der deutschen Wehrmacht nach Deutschland umgesiedelt, ein anderer Teil blieb im Land und unterlag dort schlimmster Verfolgung, Enteignung, Deportation und Umsiedlung innerhalb Rumäniens. 1945 wurden 33.000 arbeitsfähige Banater zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert. Diese Zeit überlebten 5.000 von ihnen nicht. Auch in den folgenden Jahrzehnten sollte sich die Lage für die Banater Schwaben in Rumänien nicht nachhaltig verbessern. Deshalb siedelten von 1950 bis 1999 212.000 Banater nach Deutschland um (diese Zahl schließt offenbar die Banater des jugoslawischen Teils des Banats mit ein). Um 1977 hatte sich die Banater Volksgruppe im Vergleich zu Vorkriegszeit zahlenmäßig fast halbiert. Und 2002 war so gut wie die gesamte Volksgruppe nach Deutschland ausgesiedelt, abgesehen von knapp 20.000 verbliebenen Menschen deutscher Volkszugehörigkeit. In der Dorfchronik von Steierdorf heißt es darüber (4):

Im Zusammenhang mit den 2. Weltkrieg ist es zu der sogenannten "Flucht" gekommen: Mit dem Rückzug der Wehrmacht wurde auch ein Teil der deutschen Bevölkerung mit Güterzügen in Sicherheit gebracht. Sie wurden als Flüchtlinge verteilt: im Sudentenland, Franken, Ostbayern. Einige sind nach dem Krieg auch dort geblieben. Die anderen sind freiwillig zurückgekehrt oder (so die in Sudetenland) mußten der entsprechenden Aufforderung folgen. Die in Steierdorf-Anina verbliebenen hatten zum Teil ein weitaus schlimmeres Los. Einige wurden nach Rußland verschleppt - d.h. sie wurden in einer Nacht- und Nebelaktion in die damalige Sowjetunion gebracht und hauptsächlich im Bergbau eingesetzt. Viele sind nicht mehr zurückgekehrt. Die Dramatik beider Vorgänge ist durch Zeitzeugen in der Banater Berglanddeutsche Zeitung belegt. Schließlich hat in den 70er Jahren die - wohl unumkehrbare - Auswanderung in die Bundesrepublik begonnen. Bei der Volkszählung vom 7. Januar 1992 bekannten sich noch immer 1.432 Personen zum Deutschtum (579 in Anina und 853 in Steierdorf).

So also das äußerst erschütternde Schicksal dieser Volksgruppe, die Jahrhunderte lang friedlich im Banater Gebirge beheimatet war, die viel zur Entwicklung des Landes beigetragen hat, und deren Kultur zur Vielfalt des Gottliedes der Völker auf dieser Erde ihren ganz eigenen, individuellen Beitrag geleistet hat. Steierdorf kann man auch über Youtube und Facebook genauer kennen lernen (5-7).

Abb. 3: Die deutsche Volksgruppe in Siebenbürgen und im Banat

Von Steierdorf ist es nun nur ein Fußweg von sechs Kilometer Richtung Süden, um zum Eingang der Höhle zu gelangen, wo die Frühmenschenfunde gemacht wurden (nach Google Maps).

B. Einiges zur Forschungsgeschichte der Banater Frühmenschenfunde (2002 bis heute)

Die folgende Zusammenstellung erfolgt vor allem anhand der deutschsprachigen Wissenschafts-Berichterstattung seit 2003 (8-23). Es wird berichtet (Universität Zürich 2007):

Im Jahr 2002 untersuchten rumänische Speläologen (Höhlentaucher) in der Nähe der alten Universitätsstadt Cluj ein ausgedehntes und weitverzweigtes Karsthöhlensystem. Nach einem Tauchgang ins Ungewisse durch einen langen, schmalen Siphon betraten die Taucher eine perfekte Zeitkapsel: im Höhlendom, der sich vor ihnen öffnete, lag eine vollkommen unberührte Ansammlung von tausenden von Knochen, die praktisch alle von Höhlenbären stammten, die während ihrer Winterruhe sanft dahingedämmert waren. Sinngemäß wurde die Höhlenformation "Pestera cu Oase" - Knochenhöhle - getauft. Inmitten dieses eiszeitlichen Friedhofs, dessen Entstehung Jahrtausende gedauert haben mußte, lag eine anthropologische Sensation: ein unverkennbar menschlicher Unterkiefer.  (...) Ausgedehnte speläologisch-archäologische Arbeiten brachten (in den Folgejahren) etwa vierzig weitere menschliche Knochenfragmente zum Vorschein, die alle zum Schädel eines weiteren Individuums gehörten. (...) Vielen Details der Anatomie lassen sich klar von den damals in Europa lebenden Neandertalern unterscheiden. Solche Details finden sich z.B. im Mittel- und Innenohr, wo sämtliche Knochenstrukturen samt der millimeterkleinen Gehörknöchelchen perfekt erhalten geblieben sind. Allerdings unterscheiden sich die Oase-Individuen recht deutlich von allen heute lebenden Menschen. Sie repräsentieren somit einen Bereich des menschlichen Variationsspektrums, den es heute nicht mehr gibt. Die Kombination eines großen Gesichts und massiver Zähne mit einem grazil gebauten Hirnschädel ist einzigartig und aus heutiger Perspektive vollkommen unerwartet.

Es wird auch berichtet (Biologie-Seite 2006):

Die Höhle scheint hauptsächlich jungpleistozänen Höhlenbären (Ursus spelaeus) zum Überwintern gedient zu haben. Die ungewöhnliche Anordnung einiger Knochen, die etwa auf erhöhten Felsen lagen, deutete auf einen menschlichen Einfluß. (...) Während der Unterkiefer Oase 1 von einem Erwachsenen stammt, gehörte der Gesichtsschädel, der als Oase 2 bezeichnet wird, einem ca. 15 Jahre alten Jugendlichen. Weitere Analysen ließen zunächst vermuten, daß das linke Schläfenbein einem dritten Individuum gehörte, mutmaßlich eine erwachsene Frau, folglich Oase 3 genannt. Spätere Arbeiten haben allerdings belegt, daß das Schläfenbein zum selben Schädel wie die anderen Oase 2-Knochen gehört. Das Fehlen weiterer archäologischer Funde wie Holzkohle oder Werkzeuge könnte bedeuten, daß die menschlichen Überreste durch Spalten in die Höhle gespült worden sind.  Oase 2 und Oase 3 bestätigen ein Muster, das bereits von dem vermutlich genauso alten Oase 1-Unterkiefer bekannt war, eine Mischung aus archaischen, früh-modernen und Neandertal-Merkmalen.

Nämlich ...

... zahlreichen archaischen Merkmalen des Schädels und der Bezahnung, die ihn außerhalb der Variationsbreite moderner Menschen stellen, wie ein großes Gesicht, ein Knochenkamm hinter dem Ohr und großen Zähnen, die nach hinten sogar an Größe zunehmen.

Auch in Portugal und Tschechien hat man solche Mischformen gefunden. Zunächst - im Jahr 2002 - fand man einen Unterkiefer. 2003 entdeckte man zwei weitere Schädelfragmente von der Gesichts- und Stirnseite, sowie eine Schädeldecke. Außerdem fand man Reste des Schädels einer Frau. 2004 wurde dann der US-amerikanische Anthropologe Erik Trinkaus zu den weiteren Untersuchungen hinzu gezogen. Es wurden weitere Knochenfragmente von Mensch und Tier gefunden (W. Kremm, 2004):

Mit Sicherheit handelt es sich nach vorläufigem Forschungsstand um den modernen Menschen, den man hier entdeckt hat, allerdings mit auffallend archaischen Zügen: noch sehr starker Knochenbau, überkräftige Kiefer, starke, bereite, protzendgesunde Zähne, die sich in keine bisherigen Zahn-Archetypen eingliedern lassen. Ein moderner Mensch mit ganz eigenen Charakteristika.

Abb. 3: Schädel "Peștera cu Oase 2" - Rekonstruktion von 2014

2007 heißt es (Welt 2007):

So habe der Schädel die gleichen Proportionen wie der Kopf eines modernen Menschen und zeige auch nicht die für Neandertaler typische große Augenbrauenwulst. Es wurden jedoch auch Charakteristika gefunden, die nach bisherigen Erkenntnissen nicht zum modernen Menschen passen: der stark fliehende Vorderkopf und außergewöhnlich große Backenzähne im Oberkiefer. Diese wiederum wurden häufig bei Neandertalern und anderen frühen Hominiden gefunden.

Im Jahr 2014 gab es den Versuch einer Rekonstruktion (Abb. 3, entommen: Bogdan Petry - Oase Skull 2014). Im Juni 2015 wurde dann die Sensation verkündet (Scinexx 2015):

"Es ist so ein fantastischer Glücksfall, eine Person zu finden, die so nah mit einem Neandertaler verwandt war", kommentiert Svaante Pääbo. "Ich konnte es kaum glauben, als wir die Ergebnisse zum ersten Mal gesehen haben." (...) "Dies zeigt, daß moderne Menschen sich nicht nur im Nahen Osten sondern auch in Europa mit Neandertalern vermischt haben", sagt Erstautorin Qiaomei Fu von der chinesischen Akademie der Wissenschaften. Denn bisher ging man davon aus, daß unser Neandertalererbe auf Vermischungen beider Menschenarten vor rund 50.000 bis 60.000 Jahren im Nahen Osten zurückgingen. Die DNA-Analysen enthüllten auch, daß der Mensch aus der Oase-Höhle offenbar keine direkten Nachkommen unter den heutigen Europäern hat. "Es kann sein, daß er Teil einer frühen Migration moderner Menschen nach Europa war, die eng mit Neandertalern interagierten, schließlich aber ausstarben", erklärt Koautor David Reich von der Harvard Medical School.

Die Studie, die diesen Umstand in einem größeren Zusammenhang zur Darstellung brachte, wurde 2016 veröffentlicht (2, 20). Unmittelbar darauf entschloß sich offenbar das Neandertal-Museum Mettmann dazu, von diesem Banater Frühmenschen eine Rekonstruktion von Seiten der weltberühmten, genialen Rekonstrukteure Adrie und Alfons Kennis anfertigen zu lassen (Abb. 1). 2017 war sie fertig und in einer Pressemitteilung des Neanderthal-Museums Mettmann anläßlich der Aufstellung der Rekonstruktion wurde festgehalten (21):

Als der Schädel 2002 in der Höhle in Rumänien entdeckt wurde, ahnten die Forscher schon bei der ersten Untersuchung, daß er etwas Besonderes ist. Sie stellten typische Merkmale von Homo sapiens fest, wie einen grazilen Hirnschädel, aber auch Merkmale von Neanderthalern, wie ein großes Gesicht und massive Zähne. Sie wollten es genau wissen und untersuchten mehr als zehn Jahre später auch die DNA. Sie lieferte den Beweis: der junge Mann hat einen Anteil von 9 Prozent Neanderthalergenen - deutlich mehr als die bis zu 4 Prozent, die alle anderen Europäer in sich tragen.

Es wurde in der Presse auch die wesentliche Information mitgeliefert (RP-Online, 2017)

Um dem Schädelfragment ein Gesicht zu geben, sprachen die Kennis-Brüder mit erfahrenen Pathologen und nutzen forensische Verfahren für die Rekonstruktion. (...) Keines der Vorbilder heutiger asiatischer, afrikanischer oder kaukasischer Skelette mochte so recht passen. Ein großer Mund und eine flache Nase konnten der Kieferpartie praktisch nachgezeichnet werden; über die Struktur der Haare oder die Farbe der Haut wurde nur anhand von Wahrscheinlichkeit spekuliert.

 Und der Guardian hielt darüber ein Jahr später fest (Guardian 2018):

Früher Europäer: Seine DNA besteht zu 9% aus Neandertaler-DNA. „Dies ist der erste westeuropäische Homo sapiens“, sagt Kennis, „rekonstruiert anhand des Schädels eines jungen Erwachsenen, etwa 34.000 Jahre alt.“ Zu diesem Zeitpunkt der Vorgeschichte waren die Menschen von Afrika über den Nahen Osten nach Europa eingewandert, und die Neandertaler waren erst vor kurzem ausgestorben. „Moderne Menschen [diejenigen, die Afrika vor etwa 70.000 Jahren verließen] haben bis zu 4% Neandertaler-DNA, dieser Mann jedoch etwa 9%. Seine Vorfahren hatten sich erst sechs Generationen zuvor mit Neandertalern vermischt.“
Early European man: his DNA is 9% Neanderthal. "This is the first western European Homo sapiens," says Kennis, "reconstructed from the skull of a young adult, about 34,000 years old." At this point in prehistory, humans had migrated to Europe from Africa via the Middle East, and Neanderthals had only recently become extinct. "Modern humans [those who left Africa around 70,000 years ago] have up to 4% Neanderthal DNA, but this man has about 9%. His ancestors had bred with Neanderthals only six generations before."

Über die Einstellung der Rekonstrukteure wurde Anfang dieses Jahres anschaulich berichtet (Süddt. 2019):

"Symmetrische Brüste sind langweilig", sagt Alfons. Die Zwillinge zeigen Bilder indigener Völker etwa aus Papua-Neuginea, die sie zu Hunderten auf ihrem Rechner gespeichert haben. "Wunderschön, oder?" sagt Adrie. "Schauen Sie sich diese Gesichter an!" Sie würden das gern genau so unverblümt darstellen, mürrisches oder lachendes Gesicht, unverhüllter Penis, hängende Brust. 

Und hier abschließend die Internetseite von "Kennis & Kennis" mit den Abbildungen von vielen weiteren, bildmächtigen Werken: http://www.kenniskennis.com/. Von dem Banater Frühmenschen wird gesagt werden dürfen, daß er ähnlich viel mediale Aufmerksamkeit verdient hat, wie der Tiroler Ötzi.

Die Vermischung zwischen Jetztmenschen und Neandertalern waren keine vereinzelten Ereignisse

/ Ergänzung 15.2.26 / Wie oben schon erwähnt, können allein anhand anatomischer, bzw. morphologischer Merkmale Vermischungen zwischen modernem Jetztmenschen und Neandertalern festgestellt werden, und zwar sowohl für einen Fund in Portugal wie für zwei Funde in Rumänien (Wiki). Der "New Scientist" hält dazu neuerdings fest (NewScien2026) (Chris Simms, 2.2.26): 

Neandertaler und frühe Menschen haben sich möglicherweise in einem riesigen Gebiet miteinander vermischt. Wir gewinnen allmählich ein klareres Bild davon, wo und wie häufig sich Homo sapiens und Neandertaler vermischten, und es stellt sich heraus, daß dieses Verhalten viel verbreiteter war als ursprünglich angenommen. Homo sapiens und Neandertaler vermischten sich wahrscheinlich über ein riesiges Gebiet, das sich von Westeuropa bis nach Asien erstreckte. Wir wissen schon lange, daß sich frühe Menschen (Homo sapiens) und Neandertaler (Homo neanderthalensis) vermischten, weshalb die meisten Nicht-Afrikaner heute Neandertaler-DNA in sich tragen, typischerweise etwa 2 Prozent ihres Genoms. Durch diese Vermischung wurden die Y-Chromosom-Linien der Neandertaler durch Linien des Homo sapiens ersetzt. Doch wo diese Vermischung stattfand und in welchem ​​Ausmaß, war lange ein Rätsel, auch wenn wir nun beginnen, den Zeitpunkt zu verstehen. Die Vorfahren der Neandertaler verließen Afrika vor etwa 600.000 Jahren und wanderten nach Europa und Westasien aus. Die frühesten Belege für die Auswanderung des Homo sapiens aus Afrika sind Skelettfunde von Fundstätten im heutigen Israel und Griechenland, die etwa 200.000 Jahre alt sind. ...
Neanderthals and early humans may have interbred over a vast area. We are getting a clearer sense of where and how often Homo sapiens and Neanderthals interbred, and it turns out the behaviour was much more common than we first thought. Homo sapiens and Neanderthals were probably interbreeding over a huge area stretching from western Europe into Asia. We have long known that early humans (Homo sapiens) and Neanderthals (Homo neanderthalensis) interbred, which is why most non-African people today have some Neanderthal DNA, typically about 2 per cent of their genome. The interbreeding also saw the Neanderthal Y chromosome lineages replaced by lineages from H. sapiens. But where this interbreeding happened and on what kind of scale has long been a mystery, even if we are now starting to get a handle on when it occurred. The ancestors of Neanderthals left Africa about 600,000 years ago, heading into Europe and western Asia. And the earliest evidence of H. sapiens migrating out of Africa is skeletal remains from sites in modern day Israel and Greece, dating back around 200,000 years. ...

Der Rest des Artikels verbirgt sich hinter einer Zahlschranke.

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  1. Bading, Ingo: Der erste Europäer war ein Banater. 1.7.2019 (Yt2019)
  2. Bading, Ingo: Die ersten Europäer ab 43.000 v. Ztr. starben aus - Erst die Gene ihrer Nachfolger ab 35.000 v. Ztr. hielten sich bis heute. 19.6.2016, https://studgendeutsch.blogspot.com/2016/06/die-genetische-geschichte-der.html 
  3. Bading, Ingo: 40.000 v. Ztr.: In Rumänien vermischten sich anatomisch moderne Menschen mit Neandertalern - Waren die ersten Europäer Negritos?, 14. April 2019,  https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/04/10000-jahre-lang-lebte-ein-groes-volk.html
  4. Florin Lataretu: Steierdorf-Anina im Banat, Rumänien. Auf: http://home.mnet-online.de/flataret/steierdorf/Hist/monograph/monographieGesamt.pdf (gefunden auf Steierdorf.de)
  5. Anina (Romania) - Landschaften Wanderwege, 24.11.2015, https://youtu.be/g96sXExh4LY
  6. Facebook-Gruppe ehemaliger Steierdorfer: https://www.facebook.com/groups/510221415810359/
  7. Facebook-Gruppe der Deutschen in Steierdorf: https://www.facebook.com/ForumSteierdorf/?ref=br_rs
  8. Knochen des vermutlich ältesten Europäers in Rumänien gefunden. In: FAZ, 22.9.2003, https://www.faz.net/aktuell/wissen/leben-gene/archaeologie-knochen-des-vermutlich-aeltesten-europaeers-in-rumaenien-gefunden-1115561.html
  9. Andreas Wawrzinek: Vermischte sich der moderne Mensch doch mit dem Neandertaler? Bild der Wissenschaft, 23. September 2003, https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/vermischte-sich-der-moderne-mensch-doch-mit-dem-neandertaler/
  10. Knochenfund in Rumänien: Vermutlich ältester Europäer. In: Siebenbürgische Zeitung, Folge 16 vom 15. Oktober 2003, Seite 2, https://www.siebenbuerger.de/zeitung/artikel/alteartikel/2510-knochenfund-in-rumaenien-vermutlich.html
  11. Kremm, Werner: Europas ältester Homo Sapiens. In: Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien, 4. August 2004, http://home.mnet-online.de/flataret/steierdorf/StHeute/ION_VASI2.JPG
  12. Peștera cu Oase. Eintrag Biologie-Seite, 2006, https://www.biologie-seite.de/Biologie/Pe%C8%99tera_cu_Oase
  13. Zilhao, Jao; Trinkaus, Erik u.a.: The Peştera cu Oase people, Europe's earliest modern humans. 2007, http://www.iser.ro/ceex627/Zilhao_2007.pdf
  14. Christoph Zollikofer und Marcia Ponce de León: Die ersten modernen Europäer. 16.1.2007, https://www.news.uzh.ch/de/articles/2007/2450.html
  15. 35.000 Jahre alter Schädel gibt Forschern Rätsel auf. Welt, 16.1.2007, https://www.welt.de/wissenschaft/article709204/35-000-Jahre-alter-Schaedel-gibt-Forschern-Raetsel-auf.html
  16. Neave, Richard: Reconstruction of an early European skull. Auf: Mathilda's Anthropology Blog, 5.5.2009, https://mathildasanthropologyblog.wordpress.com/2009/05/05/reconstruction-of-an-early-european-skull/
  17. Bogdan Petry: Oase Skull, 14.12.2014, https://youtu.be/5wIXCiYCiiw 
  18. Werner Kremm: Menschwerdung korrigiert - Funde der Speläologen und Anthropologen ändern Ansichten über frühe Menschen. In: Allgemeine Deutsche Zeitung, 27.5.2015, http://www.adz.ro/artikel/artikel/menschwerdung-korrigiert/
  19. Sein Urur-Opa war Neandertaler - 40.000 Jahre altes Homo sapiens-Fossil entpuppt sich als Neandertaler-Mischling. 23.6.2015, https://www.scinexx.de/news/biowissen/sein-urur-opa-war-neandertaler/
  20. Qiaomei Fu, Cosimo Posth […] David Reich: The genetic history of Ice Age Europe. In: Nature volume 534, pages 200-205 (09 June 2016), http://www.nature.com/nature/journal/v534/n7606/full/nature17993.html
  21. Zuwachs für die Menschenfamilie im Neanderthal Museum. Pressemitteilung, 13.4.2017, https://www.neanderthal.de/de/Pressemitteilungen/zuwachs-fuer-die-menschenfamilie-im-neanderthal-museum.html 
  22. Mader, Lars: Neuer Neanderthaler im Museum. 1.5.2017, https://rp-online.de/nrw/staedte/ratingen/neuer-neanderthaler-im-museum_aid-20999181
  23. Buchan, Kit: Meet the ancestors… the two brothers creating lifelike figures of early man. In: The Guardian, 5.5.2018, https://www.theguardian.com/science/2018/may/05/meet-the-ancestors-two-brothers-lifelike-figures-early-man-adrie-and-alfons-kennis
  24. Hubert Filser: So sahen wir aus. Die Brüder Adrie und Alfons Kennis sind weltberühmt für ihre realistischen Rekonstruktionen von Vor- und Frühmenschen in Lebensgröße. Ein Werkstattbesuch. In: Süddeutsche, 11. Januar 2019, https://www.sueddeutsche.de/wissen/palaeoanthropologie-so-sahen-wir-aus-1.4283745

Sonntag, 14. April 2019

40.000 v. Ztr.: In Rumänien vermischten sich anatomisch moderne Menschen mit Neandertalern

Waren die ersten Europäer Negritos?

Das aufregende Wechselspiel von modern(er)en Menschenformen, die sich ausbreiten, während sogenannte ursprünglichere Bevölkerungen zu Randbevölkerungen oder Reliktbevölkerungen werden oder schließlich ganz aussterben, ist nach der neuesten Ancient-DNA-Forschung sowohl in Asien wie in Europa zu beobachten. In Asien konnte für eine nur noch wenige hundert Menschen umfassende Volksgruppe von Fischern am Amurfluß festgestellt werden, daß diese dort genetisch weitgehend unverändert seit 8.000 Jahren gelebt hat (siehe anderer Beitrag hier auf dem Blog). Eine vergleichbare altertümliche Menschenform, die vor dem Übergang zum Ackerbau große Teile Europas bewohnt hat, hat sich als kleine und zudem vermischte Reliktbevölkerung heute nur noch an einem Ort in der Welt erhalten, nämlich: vermutlich auf den Kanarischen Inseln. 

Abb. 1: Die Menschen von Peștera cu Oase (Rumänien, Banat), die vor 40.000 Jahren lebten, und deren Knochen 2002 gefunden wurden (Wiki)  - Herkunft: Pressebilder Neanderthal Museum, Mettmann, https://www.neanderthal.de/de/urmenschen.html, Fotograf: Daniela Hitzeman (Wiki) - Rekonstruktion geschaffen von Adrie und Alfons Kennis ("Kennis & Kennis") 2017

Diese Erkenntnis veranlaßte die Zusammenstellung des vorliegenden Blogbeitrages. Bei der Suche nach einer bildkräftigen Bebilderung (siehe Abbildung 1) stießen wir dann aber noch viel tiefer in die europäische Vorgeschichte hinein, nämlich 40.000 Jahre tief, als wir auf die überraschend eindrucksvolle Abbildung 1 stießen. Genauere Recherche bringt nun zutage, daß diese Rekonstruktion von - mit Recht - berühmten Rekonstrukteuren geschaffen wurde, nämlich von Adrie und Alfons Kennis, und zwar erst im Jahr 2017 (KennisandKennis). Die Einstellung dieser Brüder kann einem sehr gefallen (16):

"Symmetrische Brüste sind langweilig", sagt Alfons. Die Zwillinge zeigen Bilder indigener Völker etwa aus Papua-Neuginea, die sie zu Hunderten auf ihrem Rechner gespeichert haben. "Wunderschön, oder?" sagt Adrie. "Schauen Sie sich diese Gesichter an!" Sie würden das gern genau so unverblümt darstellen, mürrisches oder lachendes Gesicht, unverhüllter Penis, hängende Brust. 

Aber fangen wir erst einmal mit dem Augsgangsthema an (A), um dann auf diese aufregende Rekonstruktion (B) einzugehen.

A. Das Volk der europäischen mesolithischen Fischer, Jäger und Sammler (12.000 bis 2.000 v. Ztr.)

10.000 Jahre lang lebte ein großes Volk in Europa. Die Genetik der ausgestorbenen, letzten west- und mitteleuropäischen dunkelhäutigen, aber blauäugigen Jäger und Sammler, des sogenannten "Villabruna-Cluster's", die sich auch auf den britischen Inseln fand, und von denen "Kennis&Kennis" ebenfalls eine aufsehenerregende Rekonstruktion angefertigt haben, nämlich vom "Cheddar Man", hat jedenfalls auf den kanarischen Inseln offenbar noch bis in die letzten Jahrhunderte recht unvermischt fortbestanden (1). Sie hat sich dort allerdings schon vor Jahrhunderten vor allem mit der Genetik nordafrikanischer Zuwanderer vermischt. Diesselbe Genetik hat aber in Mittel- und Nordeuropa an den Ufern von Flüssen und Gewässern - zum Schluß an der östlichen Ostsee - nur bis zum Mittelneolithikum fortbestanden und hat sich dort dann sehr weitgehend mit nachfolgenden Völkern vermischt. Dazu finden wir nun (1):

"Die vorkolonialen Guanchen der Kanarischen Inseln hatten einige genetische Verwandtschaft mit europäischen Jäger-Sammlern zusätzlich zu ihrer vorwiegend nordafrikanischen genetischen Herkunft."
"... The pre-colonial Guanche inhabitants of the Canary Islands had some European hunter-gatherer affinity in addition to their mainly North African origin."

So wie sich also auf Sardinien am unvermischtesten die ansonsten ausgestorbenen Menschen der ersten Bauern Europas und des Mittelmeeres gehalten hat, so auf den Kanarischen Inseln die ansonsten ausgestorbenen Menschen der letzten westeuropäischen Jäger und Sammler. Nun gut, die Studie, auf die sich hier bezogen wird, hat die DNA von 12 Skeletten der Guanchen des 19. Jahrhunderts sequenziert. Sie fand (2):

"Wir stellen außerdem fest, daß ein von uns sequenziertes Guanchen-Skelett einen größeren Anteil von Jäger-Sammler-ähnlicher genetischer Herkunft aufweist als die anderen Individuen, was womöglich auf einen geringen europäischen genetischen Zufluß hinweisen könnte in der Zeit vor der europäischen Kolonisierung."
"We also note that one Guanche individual (gun005) carried a greater proportion of hunter-gatherer (HG)-like ancestry than the other individuals, possibly suggesting low-level gene flow from a European source that predates the European conquest."

Die heutigen Einwohner von Gran Canaria tragen noch 15 bis 30 % der vorkolonialen Genetik in sich (3).

Aber auch auf die Ethnogenese der anatolisch-neolithischen Bauernvölker sollen die mesolithischen Villabruna-Leute (die letzten westeuropäischen Jäger und Sammler, zu denen auch der Cheddar Man gehörte) einen gewissen genetischen Einfluß ausgeübt haben (1). Der genetische Anteil, den wir heutigen, modernen Europäer noch von ihnen in uns tragen, dürfte jedenfalls um etliches größer sein als jener genetische Neandertaler-Anteil, den jeder von uns heute schon bei 23andme und andwärts mitgeteilt bekommt, wenn er sich seine Gene sequenzieren läßt. Künftig wird uns sicherlich unser westeuropäischer Jäger-Sammler-Anteil im Genom ebenfalls mitgeteilt werden. Denn in dieser Form leben sie durchaus "in uns" weiter.

Auf Wikipedia ist jenes großartige europäische Volk, das in Europa 10.000 bis 15.000 Jahre lang lebte, noch nicht sehr rund und eingängig dargestellt (4-7). Über ihre Nachbarn, die osteuropäischen Jäger und Sammler, erfahren wir (1):

"Die osteuropäischen Jäger und Sammler, eine Population, die eine Mischung darstellt aus westeuropäischen Jägern und Sammlern und Menschen mit sibirischer Herkunft des Oberen Paläolithikums (verwandt mit dem Funden von Mal'ta und Afontova Gora vom Baikalsee, die in der Zeit vor 24.000 bis 17.000 Jahren lebten), sind im europäischen Rußland vor 8.000 Jahren nachgewiesen. Dieses Volk trug zur Herkunft der Jäger und Sammler in Schweden vor 8.000 bis 5.000 Jahren bei, sowie in Norwegen, auf dem Balkan, in der Ukraine und an der Ostsee."
"Eastern European hunter-gatherers (EHG), a population of mixed WHG and Upper Paleolithic Siberian ancestry (related to the Mal’ta and Afontova Gora specimens from Lake Baikal (∼24–17 kya) are attested in European Russia ∼8 kya. This group contributed ancestry to hunter-gatherers in Sweden ∼8–5 kya, Norway, the Balkans and Ukraine, and the Baltic."

In früheren Blogartikeln referierten wir schon, daß die hier angeführten großen Jäger-, Sammler- und Fischer-Völker des europäischen Mesolithikums sich untereinander genetisch so stark voneinander unterschieden wie wir heutigen Europäer uns von den Ostasiaten unterscheiden.

Übrigens stellte einen wesentlichen Lebensraum der west- und mitteleuropäischen Jäger und Sammler auch das "Doggerland" dar, das heute untergegangene Land zwischen Deutschland und England (8) (Wiki). Damals mündete die Themse noch in den Rhein, sowie Ems und Weser in die Elbe. Auf ihm ragten die Felsen von Helgoland ähnlich prägnant aus der Landschaft heraus wie heute noch die Externsteine im Teutoburger Wald.

Es mußte sich jedenfalls genetisch auch noch nach dem Übergang zum Ackerbau noch sehr viel ändern, damit das heutige äußere Erscheinungsbild und die angeborene Psychologie der Europäer, insbesondere der Nordeuropäer entstand. In den nächsten Jahren wird das von Seiten der Archäogenetik sicher noch in besseren Überblicksartikeln dargestellt werden als das derzeit irgendwo zu finden ist.

Aber nur einen Tag nach Veröffentlichung dieses Beitrages erschien schon wieder eine neue Studie über die genetisch klar westeuropäischen Jäger und Sammler auf den britischen Inseln. Sie bestätigt schon zuvor gemachte Feststellungen, die auch in die Rekonstruktion von Kennis&Kennis einflossen (9):

Wir schlußfolgern, daß der Cheddar Man höchstwahrscheinlich blaue/grüne Augen hatte, dunkelbraunes (vielleicht schwarzes) Haar und dunkle oder dunkle bis schwarze Haut, während unser bestsequenziertes neolithisches Individuum braune Augen, schwarze (vielleicht dunkelbraune) Haare und dunkle bis weniger dunkle Haut hatte.
Original: We infer that Cheddar Man mostly probably had blue/green eyes, dark brown (possibly black)  hair  and  dark  or  dark  to  black  skin,  whereas  our  highest-coverage Early Neolithic individual had brown eyes, black (possibly dark brown) hair and dark to intermediate skin.

B. Die Peștera cu Oase (Knochenhöhle) in Rumänien, 40.000 v. Ztr.

Nun aber zu den Menschen von Peștera cu Oase (Knochenhöhle) in den Südkarpaten, gelegen im heutigen Rumänien, die vor 40.000 Jahren lebten, und deren Knochen seit 2002 untersucht werden (Wiki), hatten sich wenige Generationen zuvor mit den einheimischen Neandertalern vermischt und hatten deshalb doppelt so viel Neandertaler-DNA in sich als wir (nämlich 9 %). Für das Werden der europäischen Völker werden diese Neandertaler-Mischlinge als "Ausreißer" betrachtet, als nicht typisch für die ersten anatomisch modernen Menschen, die Europa besiedelten (15). In einem Neandertaler-Museum darf eine Rekonstruktion von ihnen ihren Platz finden, nur darf man von ihrer Rekonstruktion nicht zurückschließen auf den typischen Europäer, der damals Europa besiedelte. Vorhergehende Rekonstruktionen betonten auch die archaischen, negroiden Merkmale nicht so deutlich wie das das niederländische eineiige Zwillingspaar Adrie and Alfons Kennis in ihrer Rekonstruktion taten (18, 19) (siehe Abb. 2). Trotz der besonderen Wirklichkeitsnähe ihrer Rekonstruktionen, werden diese auch häufig kritisiert. Über die des Ötzi wird berichtet (16):

Manche Forscher sehen die Rekonstruktionen etwas kritisch. Der Mumienforscher Albert Zink aus Bozen etwa hätte sich bei Ötzi eine "stärkere Berücksichtigung der Forschungsergebnisse" gewünscht. "Es gibt keinen Hinweis, daß er bereits graue Haare hatte, auch die Hände sind zu groß und fleischig", sagt er. "Wir denken nicht mehr, daß Ötzi ein älterer Herr mit Gesundheitsproblemen war." 

Da "Kennis&Kennis" wirkungsmächtigste Rekonstruktionen schaffen, die ob ihrer lebendigen Bildhaftigkeit weit über die Wissenschaft hinaus wirken, wünschte man sich zu jeder dieser Rekonstruktionen sehr genaue kritische Beurteilungen aus wissenschaftlicher Sicht (17).

Abb. 2: Schädel "Peștera cu Oase 2" - Rekonstruktion von 2014 (aus: 19)

Jedenfalls: Ob es solche Menschen wie in Abbildung 1 waren oder eher solche aus Abbildung 2, die zu gleicher Zeit in der Höhle Hoher Fels in der Schwäbischen Alp die "Venus vom Hohen Fels" geschaffen haben (14), darf zunächst wohl doch ein wenig bezweifelt werden. Vielleicht waren die archaischen Merkmale auch geringer. In Gesichtsdarstellungen der Aurignacien-Kultur findet man sie jedenfalls sonst so nicht.

Die in Abbildung 1 dargestellten negroiden Merkmale könnten aber auch etwas zu tun haben mit der Tatsache, daß die ersten Auswanderer aus Afrika Richtung Südasien und Australien sogenannte "Negrito" (Wiki) waren. Und findet sich jene weibliche Fettleibigkeit, die in vielen Kunstwerken des Aurignacien dargestellt wurde - wie in der Venus vom Hohen Fels - nicht heute vor allem auch ausgeprägt in Afrika (13, 14)?

Jedenfalls: Die Menschen, die die europäischen Höhlenmalereien der Eiszeit hervorgebracht haben, die Rentier-Jäger, die Jäger der Höhlenbären, ja, auch noch die letzten Fischer, Jäger und Sammler, die sich nach der lückenlosen Wiederbewaldung Europas nach der Eiszeit vor allem an die Fluß-, See- und Meeresufer zurück gezogen hatten, waren uns vom äußeren Erscheinungsbild her - alle Ancient-DNA-Daten sagen da bislang dasselbe - noch sehr unähnlich.

Es waren andere Völker, ja, andere Rassen als wir selbst (15). Sie sind aber deshalb nicht weniger spannend, ja, man kann es geradezu unheimlich und aufregend finden, daß in unserer eigenen, Jahrtausende langen Heimat einstmals so ganz andere, fremde Völker gelebt haben. Sogar Menschen, die sich mit dem noch viel fremderen Neandertaler vermischt hatten! Solche Umstände darf man gerne sehr lange auf sich wirken lassen. - Hat zum Beispiel womöglich die Vermischung mit diesem ganz "Fremden" zu einem Evolutionsschub geführt? Evolution ist aufregend, wohin wir schauen.

In diesen Zusammenhang gehört auch die hoch interessante Feststellung, daß der archäogenetisch festgestellte Menschentyp des "Basal Eurasian" (Wiki) in den Menschen, die vor 12.000 Jahren im "Fruchtbaren Halbmond" als erste zum Ackerbau übergegangen sind (sogenannte "Natufier"), genetisch noch zu etwa 50 % fortbestand, in den anatolisch-neolithischen Bauernvölkern zu 44 % (Wiki). Die archäologisch festgestellte Lebensweise und Siedlungsdichte der letzten Jäger und Sammler im Vorderen Orient glich auch noch sehr stark der Lebensweise und Siedlungsdichte der heutigen Buschleute in Südafrika (10, 11).


/ Beträchtlich ergänzt und umgeschrieben:
30.6.2019 /

________________________________________________
  1. The evolutionary history of human populations in Europe. By Iosif Lazaridis, Current Opinion in Genetics & Development, Volume 53, December 2018, Pages 21-27 https://doi.org/10.1016/j.gde.2018.06.007, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0959437X18300583 (dankenswerter Weise frei zugänglich)
  2. Current Biology 2017, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982217312575
  3. https://de.wikipedia.org/wiki/Guanchen
  4. https://en.wikipedia.org/wiki/European_early_modern_humans
  5. https://en.wikipedia.org/wiki/Genetic_history_of_Europe
  6. https://en.wikipedia.org/wiki/Portal:Mesolithic
  7. https://de.wikipedia.org/wiki/Cheddar_Man  
  8. Filser, Huberg: Der erste Brexit. In: Die Zeit, 5. April 2019, https://www.sueddeutsche.de/wissen/doggerland-archaeologie-1.4397840
  9. Selina Brace, Yoan Diekmann, Thomas J. Booth (...) Chris Stringer, David Reich, Mark G. Thomas & Ian Barnes: Ancient genomes indicate population replacement in Early Neolithic Britain. In: Nature Ecology & Evolution, April 2019, DOI: 10.1038/s41559-019-0871-9, https://www.researchgate.net/publication/332430722_Ancient _genomes_indicate_population_replacement_in_Early_Neolithic_Britain
  10. Bading, Ingo: Die Neolithische Revolution im Vorderen Orient 12.000 bis 6.000 v. Ztr.. (Eigentlicher Titel: Populationsstrukturen und Transitions-Vorgänge im Levanteraum vom Epi-Paläolithikum bis zum PPNB.) Seminararbeit für den Anthropologischen Kurs II (Populationsstrukturen) von PD Dr. Winfried Henke, Universität Mainz, SS 1995, http://independent.academia.edu/IngoBading/Papers/1599513/Die_Neolithische_Revolution_im_Vorderen_Orient_12.000_-_6.000_v._Ztr._
  11. Bading, Ingo: Die lange "Vorbrennphase" der "Neolithischen Revolution". 5.5.2012, https://studgendeutsch.blogspot.com/2012/05/die-dreistufige-rakete-neolithische.html 
  12. Roswitha Budeus-Budde: Die Guanchen - Woher stammen die Ureinwohner der Kanaren, die im 15. Jahrhundert von den Spaniern vernichtet wurden? Süddeutsche Zeitung, 24. Juni 2016, https://www.sueddeutsche.de/stil/dem-geheimnis-auf-der-spur-die-guanchen-1.3046274
  13. Bading, Ingo: Von der Geschlechtlichkeit des Menschen überwältigt. Studium generale, April 2009, https://studgendeutsch.blogspot.com/2009/05/von-der-geschlechtlichkeit-des-menschen.html
  14. Bading, Ingo: Zur Evolution des weiblichen Hintern, 2014, https://studgendeutsch.blogspot.com/2014/10/zur-evolution-des-weiblichen-hinterns.html  
  15. Bading, Ingo: Die genetische Geschichte der europäischen Eiszeit. Die Aufeinanderfolge unterschiedlicher Völker und Rassen in Europa seit 43.000 v. Ztr.. 19.6.2016, https://studgendeutsch.blogspot.com/2016/06/die-genetische-geschichte-der.html
  16. Hubert Filser: So sahen wir aus. Die Brüder Adrie und Alfons Kennis sind weltberühmt für ihre realistischen Rekonstruktionen von Vor- und Frühmenschen in Lebensgröße. Ein Werkstattbesuch. In: Süddeutsche, 11. Januar 2019, https://www.sueddeutsche.de/wissen/palaeoanthropologie-so-sahen-wir-aus-1.4283745
  17. Buchan, Kit: Meet the ancestors… the two brothers creating lifelike figures of early man. In: The Guardian, 5.5.2018, https://www.theguardian.com/science/2018/may/05/meet-the-ancestors-two-brothers-lifelike-figures-early-man-adrie-and-alfons-kennis
  18. Neave, Richard: Reconstruction of an early European skull. Auf: Mathilda's Anthropology Blog, 5.5.2009, https://mathildasanthropologyblog.wordpress.com/2009/05/05/reconstruction-of-an-early-european-skull/
  19. Bogdan Petry: Oase Skull, 14.12.2014, https://youtu.be/5wIXCiYCiiw

Sonntag, 19. Juni 2016

Die ersten Europäer ab 43.000 v. Ztr. starben aus - Erst die Gene ihrer Nachfolger ab 35.000 v. Ztr. hielten sich bis heute

Neue Ergebnisse der Ancient-DNA-Forschung

Die erhaltenen Genreste aus Knochen von 51 Menschen, die zwischen 43.000 und 5.000 v. Ztr. in Europa lebten, sind untersucht worden (1). Hier die wesentlichsten Forschungsergebnisse:

1. Die älteste Besiedlungswelle nach Europa hinein (um 43.000 v. Ztr.), vertreten in der Untersuchung durch einen Fund im Donauraum (im Banat in den Südkarpaten) ("Oase1") und im östlichen Rußland ("Ust’-Ishim"), hat so gut wie keine Spuren im heutigen europäischen Genpool hinterlassen. Diese Stämme sind also schon nach wenigen tausend Jahren - sowohl in Mitteleuropa wie in Rußland - wieder ausgestorben. Der in Abbildung 1 im Jahr 2017 rekonstruierte fröhliche Mensch, der vor 40.000 Jahren in den Südkarpaten lebte (Oase 1), hat also genetisch mit den heutigen Europäern nichts zu tun. Er war wohl so etwas wie eine "Pionier"-Population, die wenig später ausgestorben ist.

Abb. 1: Die Menschen von Peștera cu Oase (Rumänien, Banat), die vor 40.000 Jahren lebten, und deren Knochen 2002 gefunden wurden (Wiki)  - Herkunft: Pressebilder Neanderthal Museum, Mettmann, https://www.neanderthal.de/de/urmenschen.html, Fotograf: Daniela Hitzeman (Wiki) - Rekonstruktion geschaffen von Adrie und Alfons Kennis ("Kennis & Kennis") 2017

2. Erst eine zweite Besiedlungswelle ab 35.000 v. Ztr. hat bis heute etwas deutlicher zu den heutigen Genen der Europäer beigetragen. Hierbei handelt es sich um die archäologisch so genannte Kultur des Aurignacien (Wiki) (in der man - z.B. - schon Knochenflöten und kleine Tierfigurinen herstellte). Und es stellt sich jetzt die vielleicht nicht uninteressante Frage, ob innerhalb dieses bisherigen Aurignacien nicht ab 43.000 v. Ztr. noch die unter 1. genannte Vorgänger-Kultur unterschieden werden kann. Ist diese vielleicht das "Châtelperronien"? Der Schädel von "Oase 1" in den Südkarpaten (aus der Peștera cu Oase-Höhle in Rumänien) wurde jedoch ohne weitere Begleitfunde entdeckt (Wiki) (er enthielt ungewöhnliche 10 % Neandertaler-Gene in sich) (siehe auch: 2).

Die Populationen dieser zweiten Besiedlungswelle zeigen nun relative genetische Einheitlichkeit und Kontinuität auf bis 12.000 v. Ztr.. Nur die Population in Sibirien ("Mal’ta") fällt hierbei heraus, OBWOHL sie die gleiche Kultur mit Elfenbein-Venus-Figurinen aufzeigt, wie die sonstigen europäischen "Gravettien"-Populationen (!).

3. Doch auch die sich um 32.000 v. Ztr. im südlichen Europa ausbreitenden Gravettien-Population scheint zwar einerseits in diese genetische Einheitlichkeit eingeordnet werden zu können, diese Kultur scheint sich aber dennoch mit genetisch anderen Menschen und Populationen ausgebreitet zu haben als das vorhergehende Aurignacien.

4. Bisher stellen nun alle untersuchten europäischen Funde, die jünger sind als 12.000 v. Ztr. (etwa "Villabruna" in Norditalien, aber auch in Belgien, Süddeutschland, Frankreich) genetisch gesehen Populationen dar, die verwandt waren mit zeitgleich lebenden Populationen im Nahen Osten!  Das heißt, die bis 3. genannten Populationen sind ausgestorben und ersetzt worden durch neue. Archäologisch fällt dies zusammen mit dem "Epi-Gravettien". In diesen Populationen finden sich auch Verwandtschaften zu - - - Ostasiaten!

Diese letzteren Befunde kann man deshalb spannend finden, weil

  • a) grob ab 12.000 v. Ztr. an Oberlauf von Euphrat und Tigris in der heutigen Südtürkei der Übergang zur seßhaften Lebensweise beginnt (Göbekli Tepe),
  • b) grob zeitgleich sich begann, in Europa der Wald auszubreiten und
  • c) zeitgleich in Japan Menschen damit begannen, die erste Keramik herzustellen. Wobei es begründete Vermutungen gibt, daß sich die Keramik von dort über ganz Rußland bis in den Ostseeraum (ab 5.300 v. Ztr.) ausgebreitet hat.

/ 2016 veröffentlicht auf Google+;
hier eingestellt, überarbeitet
bebildert und ergänzt: 30.6.2019 /
__________________________________________
  1. The genetic history of Ice Age Europe. Autoren: Qiaomei Fu, Cosimo Posth[…] David Reich. In: Nature volume 534, pages 200-205 (09 June 2016), http://www.nature.com/nature/journal/v534/n7606/full/nature17993.html
  2. Bading, Ingo: 40.000 v. Ztr.: In Rumänien vermischten sich anatomisch moderne Menschen mit Neandertalern - Waren die ersten Europäer Negritos?, 14. April 2019,  https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/04/10000-jahre-lang-lebte-ein-groes-volk.html

Donnerstag, 14. Mai 2009

Von der Geschlechtlichkeit des Menschen überwältigt

Die "Venus vom Hohen Fels"

Natürlich ist der Fund heute überall in der Presse: die neue Mammutzahn-Figurine aus der Höhle am Hohen Fels in der Schwäbischen Alp (BdW, Spektrum). Dennoch aber sei er auch auch hier noch einmal dokumentiert (1-3) (s. a. Wiki).

Unsere Vorfahren. Sie waren an Fleisch und Beute interessiert - auch in ihrer Kunst. Man sehe sich dazu die Höhlenmalereien in Frankreich und Spanien an. Und bei Menschen waren sie auch - oder sogar vor allem - an den primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen interessiert, also offenbar von der Geschlechtlichkeit des Menschen "überwältigt". Das ist auch noch in den ersten Ackerbauern-Gesellschaften im Vorderen Orient und in Europa und in deren Kunst sichtbar.

Abb. 1: Körperschmuck aus Nordafrika, 110.000 Jahre alt

Aber Körperschmuck ist nach allem, was wir bisher wissen, noch älter. Schon vor einigen Wochen wurde der Fund dieser neu entdeckten Teile einer Kette veröffentlicht, die jüngst in Nordafrika gefunden worden sind und 110.000 Jahre alt sein sollen.

Abb. 2: Aus Frankreich

Auch dieser Fund ist der Forschung schon länger bekannt und stammt aus Frankreich.

Abb. 3: Die neue Venus vom Hohen Fels

Hier nun die neue "Venus" vom Hohen Fels in der Schwäbischen Alp.

Abb. 4: Die neue Venus vom Hohen Fels

Ergänzung 30.6.2019: Heute, zehn Jahre später, wissen wir sehr viel besser, daß es ganz richtig nicht ist, wie oben geschehen, so ganz undifferenziert von "unseren Vorfahren" in Bezug auf die Eiszeitjäger der Kultur des "Gravettien" zu sprechen. Über die Ancient-DNA-Forschung haben wir inzwischen besser verstanden, wie viel genetische Veränderung es seither noch in Europa gegeben hat, und daß das Volk der Eiszeit- und Mammutjäger des Gravettien längst als ausgestorben gelten muß. So wie die Neandertaler, so wie der ersten Ackerbauern Europas und so weiter. In nächster Zeit wird es sicher genetische Tests geben, die jedem von uns nicht nur - wie bisher - ihren individuellen Anteil Neandertaler-Gene im Genom anzeigen, sondern auch ihren individuellen Anteil Gravettien-Gene und so weiter.

Die eindrucksvolle Darstellung von "kräftigen" Körpern und auch von Geschlechtlichkeit findet man heute am ehesten noch in ursprünglicher Kunst in Afrika. Und so wird erahnbar, daß auch die Eiszeitjäger Europas im äußeren Erscheinungsbild (Haut- und Haarfarbe) noch viel afrikanisches genetisches Erbe in sich trugen.

Abb. 5: Papua Neuguinea

Ergänzung 21.1.2026: Die Kultur des Aurignacien war genetisch - grob gesprochen - geprägt von heutiger Papua-Genetik (Stg2021). Vielleicht kann über diese Venus vom Hohen Fels aus der Zeit vor 35.000 Jahren Ähnliches gesagt werden wie es über das traditionelle Kunstschaffen in Papua Neuguinea gesagt worden ist (KunstFilm2015):

... Die meisten Geräte sind komplett dekoriert - etwa mit einem abstrahiert kopulierenden Paar auf einer Schale ... eine endlose Zunge geht nahtlos in einen Penis über ... Frauenfiguren mit gespreizten Beinen, die im Spagat ihre Vulva zeigen ... Hiesige Betrachter empfinden diese Arbeiten oft als abweisend, aggressiv oder dämonisch - aber sollen sie so wirken? Ethnologen haben emsig Sozialstrukturen und Weltbilder dieser Völker ergründet, doch zu ihrem überbordenden Formenreichtum können sie wenig sagen.

Einen solchen "überbordenden Formenreichtum" gibt es ja übrigens auch bezüglich des festlichen Körperschmuckes auf Papua Neuguina, der unglaublich vielfältig war (ggfs. noch ist) und der unglaublich viel Exzentrisches aufwies.

Abb. 6: Darstellung einer Frau - Papua New Guinea, frühes 20. Jahrhundert, Musée du quai Branly, Paris (Französisches Nationalmuseum für außereuropäische Kunst) (Artsy)

Und auch ein Überblick über traditionelle Kunst in Papua Neuguinea bestätigt, daß es in der bildenden Kunst viele drastische Darstellungen gibt, viele "exzentrische" Darstellungen des Menschen gibt, vielleicht in den meisten Fällen auch ohne Thematisierung der Geschlechtlichkeit, aber auch immer einmal wieder mit einer solchen Thematisierung (s. Abb. 5 und ) (s. zB. Artsy).

___________________
leicht überarbeitet: 30.6.2019,
ergänzt bis 1.2.2026
ursprünglicher Beitrag: hier.
___________________________________________
Literatur: 
  1. Conrad, Nicholas J.: A female figurine from the basal Aurignacian of Hohle Fels Cave in southwestern Germany. In: Nature Volume 459, pages 248–252 (14 May 2009), https://www.nature.com/articles/nature07995
  2. Mellars, Paul: Origins of the female image. In: Nature, April 2009, https://www.nature.com/articles/459176a.pdf
  3. https://de.wikipedia.org/wiki/Venus_vom_Hohlefels
  4. Bading, Ingo: 10.000 Jahre lang lebte ein großes Volk in Europa Das Volk der west- und mitteleuropäischen mesolithischen Fischer, Jäger und Sammler, 14.4.2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/04/10000-jahre-lang-lebte-ein-groes-volk.html 
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