Eine neue archäogenetische Studie zu Altheim an der Isar (400 bis 600 n. Ztr.)
2024 wurde durch die archäogenetische Forschungsgruppe um Johannes Krause in Leipzig festgestellt (Stg24), die heutigen Menschen in Süddeutschland tragen grob in sich ...
- 55 % genetische Herkunft der Kelten,
- 34 % genetische Herkunft der Germanen und
- 12 % genetische Herkunft der Slawen.
Dieses erstaunliche Ergebnis versuchen wir seither hier auf dem Blog einzuordnen. Und dazu ist soeben eine neue Studie von Seiten der archäogenetischen Forschungsgruppe in Mainz in erschienen. In "Nature (1).
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| Abb. 1: Der Spangenhelm von Stößen in Thüringen (zwischen 470 und 520 n. Ztr.) - Als Symbolbild - Museum für Ur- und Frühgeschichte in Weimar (Wiki) |
Diese Studie ist nicht gerade einfach zu lesen. Denn den genannten Forschungshorizont scheint sie überhaupt nicht zu berücksichtigen. Daß so etwas bei der angesehensten Wissenschaftszeitschrift der Welt, bei "Nature", durchgeht, wundert uns.
Als grobe Mutmaßung hatten wir schon 2024 hier auf dem Blog festgehalten, daß es vom Frühmittelalter bis heute in Süddeutschland noch ein Anwachsen des festgestellten keltischen Herkunftsanteiles gegeben haben muß. Wir schrieben (Stg24):
Die germanische genetische Herkunft stellte ab dem Frühmittelalter in Süddeutschland 62 % der gesamten Herkunft. Das heißt, die Herkunft der Glockenbecherleute und Kelten betrug im Frühmittelalter in den damals kulturell dominierenden Bevölkerungsteilen in Süddeutschland nur noch 38 %. Wobei allerdings vor allem Menschen der germanischen Reihengräberfelder untersucht worden sein werden und frühmittelalterliche Menschen in Rückzugsräumen, etwa in Höhenlagen der Mittelgebirge (Schwarzwald, Schwäbische Alp etc.) bislang weniger in den Fokus der Wissenschaft getreten sein werden.
Wir halten hier noch einmal fest: 38 % keltische Herkunft in den Reihengräberfeldern. Und wir hatten für künftige Blogartikel 2024 noch festgehalten:
Stammt der keltische Herkunftsanteil der Süddeutschen zu 70 % von freie Kelten her und zu etwa 30 % von romanisierte Kelten?Vielleicht wird man in erster Annäherung sagen können, daß die 55% keltische Abstammung der Süddeutschen zu mindestens 70 % auf die Vermischung der zuwandernden Germanen mit freien, heidnischen Kelten zurück geführt werden kann, die niemals romanisiert worden waren und zu etwa 30 % auf Vermischung mit Kelten, die zuvor schon romanisiert worden waren (weil sie südlich und westlich des Limes lebten). Denn wenn die genannten 55 % als die Gesamtheit des heutigen keltischen Erbes in Süddeutschland angesehen werden (und damit auf 100 % gesetzt werden), dann betragen die 37 %, die sich schon in den Reihengräberfeldern finden, 70 % dieser Gesamtheit.
Nun, das sind nur grobe, hypothetische Annäherungen. Aber zunächst noch ein kleiner Ausflug in die Wissenschaftsgeschichte: Der Freiburger Anatom Alexander Ecker hatte 1865 erstmals "Reihengräber-Schädel" untersucht (2, S. 17):
Eckert nannte diesen Schädeltypus den Reihengräbertypus, eine Bezeichnung, die sich bis heute durchgesetzt hat. Der entspricht dem nordiden Rassentypus bei Lebenden. Gelegentlich kamen die Reihengräberschädel auch schon in der Hügelgräberbevölkerung vor.
"Hügelgräberbevölkerung" waren die Nachkommen der Glockenbecher-Kultur, aus denen ab der Urnenfelder-Kultur um 1200 v. Ztr. die Kelten hervorgegangen sind. Kelten unterscheiden sich von den Germanen genetisch durch einen höheren Anteil anatolisch-neolithischer Herkunft.
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| Abb. 2: Jupiter (2./3.Jhdt. n. Ztr. ) (Wiki) - Ihm war der Isarübergang bei Altheim geweiht - Bronzestatue aus dem Schatzfund von Weißenburg in Bayern, Römermuseum Weißenburg |
Nicht völlig geklärt ist bis heute die Frage: Stammt die keltische Herkunft der heutigen Westdeutschen, Süddeutschen, Österreicher, Schweizer und Elsässer von freien keltischen Stämmen nördlich des Limes (mit denen sich die Germanen spätestens seit Ariovist vermischt haben könnten) oder von "Keltoromanen" südlich und westlich des Limes?
In Bayern wären diese Keltoromanen die Vindeliker, die nach römischen Quellen noch im Jahr 431 zusammen mit den Norikern in Kärnten einen Aufstand gegen die römische Besatzungsmacht unternahmen, und zwar als die germanischen Juthungen einmal erneut von Norden her den Limes überschritten (Wiki). Diese Vindeliker waren also noch zu diesem Zeitpunkt höchst lebendig in ihrem Stammesbewußtsein. Die Germanen nördlich des Limes und die Vindeliker südlich des Limes hatten spätestens seit dem "Limesfall" von 260 n. Ztr. eng zusammen gelebt. Die heutigen Bayern und Schwaben werden jedenfalls - nach allem, was erkennbar ist - zu nicht geringen Anteilen von diesen Vindelikern und von anderen süddeutschen, keltischen Stämmen abstammen.
Die Kelten werden nicht erwähnt
Nun zu der neuen Studie (1). In dieser werden die Vindeliker oder auch allgemein die Kelten mit keinem einzigen Wort erwähnt. Wir kritisieren diesen Umstand sehr deutlich. Unter den Hauptautoren wird genannt der Tübinger Mittelalter-Historiker Steffen Patzold (geb. 1966). Von seinen ganzen Forschungsschwerpunkten her scheint er nicht der Mann zu sein, um darauf hinzuweisen, daß man sich in dieser Studie mit den Kelten und ihrer Herkunft beschäftigen müsse. Hat denn auch sonst niemand darauf hingewiesen innerhalb der großen Forschungsgruppe, die an dieser Veröffentlichung beteiligt war? Ihr Forscher, ihr lebt in Mainz, in Tübingen, in der Schweiz oder wo sonst noch alle auf vormals keltischem Siedlungsboden. Ist euch das nichte bewußt???
Ist diese Studie einmal erneut ein Zeichen dafür, wie wenig die Kelten im Zusammenhang mit der deutschen geschichtlichen Identität Beachtung finden? Wie schon seit vielen Jahrhunderten? Will man die Kelten immer noch "den Franzosen" überlassen als Teil ihrer geschichtlichen Identität? Das alles kommt uns sehr merkwürdig vor.
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| Abb. 3: Eros (2./3.Jhdt. n. Ztr. ) (Wiki) -Bronzestatue aus dem Schatzfund von Weißenburg (Römermuseum Weißenburg) |
Im Zentrum der Studie steht das Dorf Altheim (Essenbach) (Wiki) (GMaps) an der Isar. Also inmitten des schönen Bayernlandes. Altheim liegt von München aus gesehen 77 Kilometer flußabwärts an der Isar. Es liegt im Hügelland, in das die Münchener Schotterebene (Wiki) übergeht an ihrem nordöstlichen Ende. (Das Dorf liegt im dortigen Landkreis Landshut in Niederbayern.)
Regensburg und Straubing mit ihren dortigen einstmaligen römischen Kastellen liegen fünfzig Kilometer nördlich von Altheim (GMaps). Das römische Kastell Weißenburg (Wiki) liegt 115 Kilometer nordwestlich von Altheim.
An dem Schatzfund von Weißenburg (Wiki) kann gut aufgezeigt werden, welche hinreißende, durch Griechenland beeinflußte Hochkultur die Römer nach Bayern und Süddeutschland gebracht haben (Abb. 2, 3). Ob die einheimischen Vindeliker oder auch die nördlich lebenden Germanenstämme für diese Hochkultur damals schon einen "Sinn" hatten? So ganz unmöglich ist das nicht: Die richtig teure, klassisch-antike Bronzeskulptur des "Jünglings vom Magdalensberg" (Wiki) ist im ersten Jahrhundert n. Ztr. dem Bergheiligtum der keltischen Noriker in Kärnten als Schenkung überlassen worden gemeinsam von einem keltischen Freien, einem keltischen Freigelassenen und einem keltischen Sklaven (Wiki). Wenn sie das gemeinsam konnten, dann werden sie sich auch gemeinsam - wie "gleichberechtigt" - in Reihengräberfeldern haben bestatten lassen können, so möchte man meinen (was weiter unten noch wichtig werden wird).
Aber unabhängig von solchen kunstliebenden Norikern haben wir heutigen Deutschen natürlich ebenfalls Grund genug, den hinreißenden Charakter dieser Hochkultur als den zu würdigen, als der er sich manifestiert hat.
In Altheim an der Isar wurde unmittelbar neben der Sankt Andreas-Kirche, wo sich heute noch Acker befindet, von 1989 bis 1992 eines der größten Reihengräberfelder Bayerns ausgegraben (LdkLandshut). In der neuen Studie stammen 112 der 258 untersuchten Individuen von diesem Gräberfeld. Andere Individuen stammen aus anderen Teilen Bayerns, aus der Rhein-Main-Gegend, zum Teil auch aus österreichischen Gegenden Donau-abwärts. Das Reihengräberfeld von Altheim lag benachbart zu einer römischen Villa (1, Suppl.):
In unmittelbarer Umgebung wurden mehrere weitere Bestattungsplätze aus der Merowingerzeit freigelegt, die allesamt auf einer das Isartal überblickenden Terrasse gelegen sind. Südlich des Gräberfeldes wurden Spuren einer römischen Villa aus dem 1. bis 3. Jahrhundert entdeckt, unweit einer antiken Römerstraße, die entlang der Isar verlief.
Womöglich lagen die Villa und das Gräberfeld nicht unweit des "Isarübergangs des Jupiter", des "Iovis Isura", der im "Itinerarium Antonini" Erwähnung findet (s. Abb. 4).
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| Abb. 4: Der Rätische Donaulimes (Wiki) - ChatGPT: "Iovisura ist eine antike römische Straßenstation, die im Itinerarium Antonini verzeichnet ist. Sie befand sich vermutlich in der Nähe von Ohu (Gemeinde Essenbach) bei Landshut an einer Römerstraße, die den Inn mit Regensburg verband. Der Name wird als 'Isarübergang des Jupiter' (aus Iovis Isura) gedeutet" - Ohu ist nur 3 km von Altheim entfernt |
Deshalb auch stellen wir eine römische Jupiter-Skulptur, gefunden im Bayernland, hier in unseren Beitrag mit ein (Abb. 2). Die frühesten Gräber auf dem Reihengräberfeld waren beigabenlos (1, Suppl.):
Im westlichen Abschnitt stammen die bestatteten Individuen aus dem 5. Jahrhundert und zählen zu den frühesten auf dem Gräberfeld. Ihre Datierung stützt sich maßgeblich auf 14C-Analysen, da diese Gräber keine Grabbeigaben enthalten und sich nicht mittels anderer Methoden datieren lassen. Es bleibt ungewiß, ob die Bestattungen bereits um 400 n. Ztr. begannen.
Bevor wir uns die Studie noch genauer anschauen, rekapitulieren wir noch einmal kurz: Schon mit Ariovist waren ab 70 v. Ztr. Germanen nach Süddeutschland gekommen, hatten den Rhein im Elsaß überschritten und waren von Cäsar zurück über den Rhein geworfen worden, wo sie sich - laut römischen Geschichtsquellen - angesiedelt haben. Die Germanen könnten die Sprache und Kultur der Kelten angenommen haben, da die Archäologen - zum Beispiel im Elsaß - nur wenige Nachweise für Germanen daselbst finden.
Die Germanen kommen ab 70 v. Ztr. nach Süddeutschland
Dann folgten die Augusteische Alpenfeldzüge (25 bis 14 v. Ztr.) (Wiki). Dabei kamen die Kelten des Alpenraumes und Süddeutschlands bis südlich von Augsburg unter Römische Herrschaft. Bei Augsburg wurde ein Römerkastell errichtet, das zum Kern der nachmaligen Stadt Augsburg wurde. Leopold von Ranke schreibt in seiner "Weltgeschichte" über die Eingliederung der Alpen in das Römische Reich:
Im Jahre 15 vor unserer Ära drangen die beiden Stiefsöhne des Augustus in das Gebirge ein, der eine von Italien längs der Etsch in die Tridentiner Alpen; es ist der jüngere, Drusus; er ging über den Brenner und rückte in das untere Inntal vor. Die Straße, die er eröffnete, ist dieselbe, die seitdem immer in Gebrauch geblieben ist. Indessen gelangte der andere, Tiberius Nero, von Gallien her an den Bodensee, besiegte die Vindelicer, die sich ihm an der Insel Reichenau entgegenstellten, und drang ebenfalls in die Alpen ein. So viel Täler, so viel unabhängige Stämme - die vereinten Römer suchten sie jetzt hier auf bezwangen sie, nicht ohne auf die tapferste Gegenwehr zu stoßen. Um nicht immer aufs neue mit ihnen kämpfen zu müssen, wurden viele von ihnen nach anderen Wohnsitzen weggeführt. Bald sehen wir in der Nordseite der Alpen Augusta Vindelicorum gegründet.
Damit ist Augsburg angesprochen. Zwar wurden die Römer 9 v. Ztr. durch die Cherusker unter Arminius bei Kalkriese vernichtend geschlagen. Dennoch schoben sie ihren Herrschaftsbereich in Süddeutschland weiter vor bis nach Regensburg, Straubing und Weißenburg. Dort errichteten sie ab 100 n. Ztr. den Limes, der von dort quer durch Süddeutschland bis zum Unteren Main bei Frankfurt führte.
Die Römer kommen ab 15 v. Ztr. nach Süddeutschland
Aus den römischen Provinzen vom Balkan, aus Italien und aus dem östlichen Mittelmeerraum strömten Menschen nach Süddeutschland wie wir der neuen Studie entnehmen (siehe gleich). Sie brachten, wie gesagt, hinreißende Hochkultur mit.
260 n. Ztr. drangen dann die Juthungen über den Limes bis nach Mailand vor. Es handelte sich um den sogenannten "Limesfall" (Wiki). Hundert Jahre später, ab 360 mußte das Umland von Regensburg, Straubing und Künzig von den römischen Legionen geräumt werden.
Nicht bekannt war bislang, in welchem Umfang die römische Provinzbevölkerung auch bei Abwesenheit der römischen Legionen im Land blieb. Wie wir noch sehen werden, blieben die Nachkommen der aus den genannten römischen Provinzen zugezogenen "Römer" noch bis 620 n. Ztr. im Land. So das Ergebnis der neuen Studie (siehe unten) (1).
Die Germanen und die ursprünglich hier ansässigen Kelten scheinen sich gegenüber der römischen Zivilbevölkerung tolerant verhalten zu haben. Oder aber sie haben die römische Zivilbevölkerung schlicht versklavt. Das ist auch denkbar, wie uns scheint. Augsburg wurde von den Römern noch bis 450 gehalten.
Im Grunde eine irre und spannende Zeit, womöglich auch eine sehr unsichere Zeit in diesem bis heute so solide und fest wirkenden Bayern-Land.
Ab 400 wird dann das Reihengräberfeld von Altheim nördlich der Isar genutzt. Ob Altheim zu dieser Zeit noch unter römischer Verwaltung stand, erscheint doch sehr unsicher. Soweit wir sehen, werden all diese Details in der neuen Studie gar nicht behandelt. Es bleibt also für Historiker und Archäologen noch viel zu tun, um die neuen Erkenntnisse dem bisherigen Forschungsstand zuzuordnen.
Und - wie gesagt: Merkwürdigerweise ist in der ganzen Studie - und dementsprechend auch in öffentlichen Äußerungen der Wissenschaftler - nie ausdrücklich von Kelten oder Keltoromanen die Rede. Die Zuwanderer seien "aus dem Norden" gekommen, heißt es überall. Es wird nicht ausdrücklich zwischen Kelten und Germanen unterschieden. Nur die zugewanderte Bevölkerung aus anderen Provinzen des römischen Reiches (vom Balkan, Griechenland, Italien), die sich schlicht als "Römer" empfunden haben werden, und die so hinreißende Hochkultur mitgebracht haben, erhält Aufmerksamkeit.
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| Abb. 4: Die genetische Herkunft auf dem Reihengräberfeld bei Altheim an der Isar (Landkreis Landshut) 400 bis 620 n. Ztr. (aus 1) |
Wir selbst haben diese Studie nach einem ersten Durchgang deshalb enttäuscht und entmutigt zur Seite gelegt. Dann aber wurde uns klar: Wir können uns die Zusammenhänge ja selbst dennoch anhand der eingestellten Grafiken in Abbildung 4 verdeutlichen (Abb. 4, a-f), auch wenn sie im Studien-Text nicht so eindeutig benannt sind wie wir uns das wünschen und wie sie doch so eindrucksvoll aus den Grafiken hervor gehen, zumindest für uns hervor zu gehen scheinen.
Unsere eigene Auswertung der Hauptkomponenten-Analyse
Rechts unten in der Grafik f (Abb. 4) sind die Herkunfts-Häufigkeiten dargestellt von Menschen, die in heutigen Zeiten in einem Krankenhaus in Kiel behandelt worden sind (gelb) und von Menschen, die in heutigen Zeiten in einem Krankenhaus in München behandelt worden sind (rot). Das sind sogenannte "Vergleichs-Populationen". (Man sieht etwa auch, daß in München vereinzelt Norddeutsche behandelt wurden und daß in Kiel vereinzelt Süddeutsche behandelt wurden. Aber die genetische Trennung ist insgesamt schon sehr eindeutig.)
Die Süddeutschen (rot) tragen - wie wir hier auf dem Blog schon wissen - durchschnittlich 55 % keltische Herkunft in sich. Und zwar im Gegensatz zu den gelben Punkten weiter "nördlich" in Grafik f, die diese keltische Herkunft nicht aufweisen und - sozusagen - unvermischte germanische Herkunft in sich tragen.
Die hellblauen Punkte sind nun alle frühmittelalterlichen Menschen aus Altheim, aus Bayern und Main-Hessen, die in der Studie untersucht worden sind. Sie weisen - wie man sieht - ein viel weiteres Herkunfts-Spektrum auf als es dieses seit dem Ende des Frühmittelalters in Deutschland - sowohl in Nord- wie Süddeutschland - gegeben hat.
Damit es also bei der Vermischung der Germanen (gelb) mit der keltischen Bevölkerung in Süddeutschland zu der heutigen süddeutschen Bevölkerung (rot) kommen konnte, muß vorausgesetzt werden eine Vermischung der gelben Herkunft mit der blauen Herkunft weiter unten. Man wird also grob sagen können, daß etwa die Hälfte der "südliche Hälfte" der blauen Herkunftsverteilung keltische Herkunft repräsentiert.
Wir müssen das so "grob" auswerten, da sich eine solche Auswertung in der Studie selbst - soweit für uns übersehbar - mit keinem Wort findet.
Und man wird grob sagen können, daß das ("südlichste") Viertel Herkunft aus Mittelitalien, aus dem Balkan und aus dem östlichen Mittelmeerraum repräsentiert. Und das heißt: Es hat in römischer Zeit (ab 100 n. Ztr.) durchaus viel Zuzug aus den Mittelmeerländern in die Regionen südlich des Limes gegeben. Einen solchen Zuzug aus dem Süden sieht die Archäogenetik ja - wie in früheren Beiträgen hier auf dem Blog schon behandelt - auch in anderen römischen Provinzen, etwa auf dem Balkan. Er war ja überraschenderweise sogar in Thüringen erkennbar geworden, also weit außerhalb der römischen Grenzen.
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| Abb. 5: Steinernes römisches Stadttor, das dem einstigen in Regensburg sehr ähnelt - Porta Nigra in Trier (s. Zikad) - So mancher Vindeliker oder Juthunge wird beeindruckt durch das Stadttor von Regenburg geschritten sein |
Diese südeuropäische Herkunft verschwindet - so wie in Thüringen und in anderen vormals römischen Provinzen auf dem Balkan - auch in Bayern und Main-Hessen am Ende des Frühmittelalters. Und zurück bleibt die heutige süddeutsche Bevölkerung (rote Punkte).
Soweit die Grundzüge.
Wenn wir uns aber nun noch weitere Einzelheiten anschauen anhand der Grafiken a bis d, wird es noch einmal viel spannender. Welche Herkunft die hinterlegte Farbverteilung auf den Grafiken a bis d repräsentieren, wird auf der Grafik e erkennbar: Hellrot ist östlicher Mittelmeerraum (antik-griechische Herkunft), blau-lila ist eisenzeitliche Ungarn-Balkan-Herkunft, dunkelgrün ist eisenzeitliche italienische Herkunft, hellgrün ist eisenzeitlicher westlicher Mittelmeerraum, hellblau ist das eisenzeitliche Skandinavien (Germanen), hellbraun sind eisenzeitliche Kelten.
Vor 470 sind auf dem Reihengräberfeld in Altheim an der Isar nun fast mehr Menschen mit keltischer als mit germanischer Herkunft bestattet (Grafik a) (!!!). Das ist der Befund, der der wirklich spannende in dieser Studie ist. Denn das heißt: Reihengräberfelder sind in Süddeutschland also tatsächlich nicht "rein germanisch" wie bislang vielleicht von vielen gedacht. An dieser wichtigen Erkenntnis gehen die Wissenschaftler der Studie, soweit wir das sehen, völlig vorbei (!!!). Sie starren nur auf die südeuropäische Herkunft. Das Schicksal der keltischen Herkunft behandeln sie, soweit wir sehen, in der Studie und in öffentlichen Äußerungen gar nicht!*) Dabei ist es total wesentlich. Schon in der ersten Generation ab 400 sehen wir Germanen und Kelten miteinander vermischt! Die Bajuwaren sind also schon um 400 keine reinen Germanen mehr. (Außerdem gibt es auch noch eine Person mit Herkunft aus dem östlichen Mittelmeerraum, vielleicht eine geraubte Sklavin aus der Region südlich der Isar, wer weiß.)
Sowohl Menschen mit keltischer als auch Menschen mit germanischer Herkunft sehen wir in Bayern, Main-Hessen und an der österreichischen Donau vereinzelt vor 470 nach römischem Grabbrauch bestattet (Abb. 4, Grafik a). (Vielleicht römische Offiziere oder Soldaten oder ähnlich.) In jeder der genannten Regionen fand ja der Übergang von römischer Verwaltung zu selbst verwalteten, freien germanischen Stämmen zu unterschiedlichen Zeiten statt. Vielleicht ist die Zeitangabe "vor 470" deshalb auch viel zu grobkörnig. Auch das könnte kritisiert werden. Die große Mehrheit jedenfalls der Menschen, die in Bayern und in Main-Hessen und an der österreichischen Donau nach römischen Grabbrauch bestattet sind, stammen aus dem östlichen Mittelmeerraum oder vom Balkan. "Römer" eben. Hochkultur. Ebenfalls ein spannender Befund. Hier könnte es sich zu nicht geringen Teilen um Heeres-Angehörige, ihre Familien oder um "Heeres-Zulieferer" (Handwerker etc.) handeln oder um römische Zivilbeamte oder um Kolonen auf den großen römischen Landvillen und Latifundien. Oder um Bedienstete der Thermen. Oder um Menschen, die hinreißende Bronzeskulpturen herstellen können oder die sie zumindest aus dem Süden importieren, weil sie Geschmack für diese haben (Abb. 2 und 3).
Die Römer selbst blieben noch hundert Jahre länger als die römischen Legionen
Die südeuropäischen Menschen verschwinden aber nun nicht einfach mit den römischen Legionen und mit der römischen Verwaltung! Das hat bisher so eindeutig niemand gewußt. Vielmehr sehen wir auf Grafik b und c (Abb. 4) zwischen 470 und 620, daß sich die keltisch-germanische Mischbevölkerung der Reihengräberfelder mit den römischen Provinzialen vermischt. Diese werden alle - offenbar - in germanischer Tradition bestattet. Heirats-Grenzen zwischen den beiden Ausgangspopulationen scheint es nicht mehr zu geben (wenn wir die Studie richtig verstehen).
Es kann spekuliert werden, welche Sprache diese Bevölkerung sprach. Da die römische Verwaltung zusammen gebrochen war, werden die Menschen zunehmend alt-bajuwarische oder - in Main-Hessen - alt-fränkische Dialekte gesprochen haben.
Ab 620 n. Ztr. gibt es in Altheim dann jene Herkunftszusammensetzung in der Bevölkerung, die bis heute daselbst fortbesteht.
Aber dann entsteht erneut die Frage: Wenn es zuvor zur Vermischung gekommen war mit den zugezogenen römischen Provinzialen - wie kam es dann eigentlich danach wieder zu dieser erstaunlichen "Entmischung"? Warum hatten die Nachkommen der römischen Provinzialen keine Kinder? Uns fällt als Erklärung ein: Sie waren Sklaven. Und sie waren als solche auch gesellschaftlich gekennzeichnet. Und Sklaven blieben in der Geschichte auch sonst sehr oft kinderlos. Aber das ist an dieser Stelle zunächst nur Spekulation.
Ein kritischer Blick auf den Text der Studie
Wie unsensibel die Studie womöglich vorgeht, scheint uns an dem folgenden Zitat erkennbar zu sein (1):
In der frühesten Phase (400-470 n. Ztr.) (...) gruppieren sich die Individuen mit nordeuropäischen Individuen der Eisenzeit (Fig. 2a, Fig. S3 und Fig. S7.3 und S7.4 ) sowie mit heutigen Populationen, vor allem aus Norddeutschland (Fig. 2), den Niederlanden und Dänemark (Fig. S7.1 und S7.2 ), was mit einer nordischen Abstammung übereinstimmt (22). Im Folgenden verwenden wir den Begriff „nordische Abstammung“, um diesen genetischen Hintergrund zu bezeichnen.In the earliest phase (400-470 ce) (...). These individuals cluster with Iron Age northern Europeans (Fig. 2a, Extended Data Fig. 3 and Supplementary Figs. 7.3 and 7.4) and with present-day populations, above all from Northern Germany (Fig. 2), the Netherlands and Denmark (Supplementary Figs. 7.1 and 7.2), consistent with northern ancestral origins22. Hereafter, we use the term ‘northern ancestry’ to denote this genetic background.
Kein Wort von Kelten. "Nordeuropa" ist ein ausgedehnter Begriff. Es schließt - wie der Text ausführt - neben Skandinavien Norddeutschland und die Niederlande mit ein. Soweit wir nicht eines Besseren belehrt werden, halten wir das für falsch oder doch für sehr unscharf, ungenau interpretiert.**) Diese Individuen "clustern" keineswegs nur mit "Nordeuropäern" allgemein (im genannten Sinne), sondern zum Beispiel auch mit eisenzeitlichen keltischen Bevölkerungen auf den britischen Inseln (braun gefärbt). Natürlich sind das auch "Nordeuropäer", werden aber im Text nicht genannt. Wir sind deshalb hochgradig verwirrt von diesem Text.
Da die Kelten als eigenständige Gruppierung nirgendwo in der Studie auftauchen, werden sie, soweit wir das erkennen können, offenbar unter dem Begriff "nordische Abstammung" verdeckt, anstatt von dieser unterschieden und für sich als eigenständige Gruppierung heraus gearbeitet. Und das, obwohl das zuvor ja schon so deutlich von den Forschungsgruppen um Eske Willerslev in Kopenhagen und um Johannes Krause in Leipzig geschehen war. Wie konnten das die Gutachter von "Nature" durchgehen lassen?
Ein Hunne in Altheim an der Isar (gest. um 540)
Es seien noch einige Details heraus gegriffen (1):
Ein Mann aus Altheim (Alh_245; 528–553 n. Ztr. ), der lange IBD-Abschnitte mit Individuen aus der Nekropole von Berel im heutigen Kasachstan teilt, hat etwa zwei Drittel seiner Abstammung ostasiatischen Ursprungs und ein Drittel von Bevölkerungsgruppen der westlichen Steppe.
Das wird heißen, daß er unter seine Vorfahren Hunnen und Sarmaten zählte wie sie typisch waren für den Hof und das Heer des Hunnenkönigs Attila (gest. 453). Aber 470, zwanzig Jahre nach dem Tod von Attila, war das Hunnenreich schon wieder zerfallen und die nachfolgenden Awaren waren um 540 noch nicht in Europa aufgetreten. Vielleicht hat ein Bajuware diesen Mann als Kriegskamerad, den er in byzantinischen Diensten kennengelernt hat, mit nach Altheim gebracht? Damit er dort seinen Lebensabend verbringen konnte? Oder handelte es sich erneut um einen Sklaven? Aber wie kommt die weit entfernte Verwandtschaft mit Kasachstan zustande?
Außerdem erfahren wir von einem Menschenfund aus der Wetterau in Mittelhessen, 37 Kilometer nördlich von Frankfurt am Main, ähnliches (1):
Ein zeitgenössischer Mann aus Wölfersheim (W67) weist eine ähnliche, wenn auch geringere asiatische Abstammung auf, während Frauen aus dem späten fünften Jahrhundert mit künstlicher Schädeldeformation (Wh4 und Wh59) keine Steppen-Abstammung aufweisen und stattdessen Muster zeigen, die mit nachrömischer Vermischung übereinstimmen.
"Nachrömische Vermischung" soll wohl heißen, daß wir es hier mit den Vorfahren der heutigen Bayern, Hessen und Franken zu tun haben wie sie nach 620 üblich sind im befreiten Germanien und Rätien westlich und südlich des Limes.
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*) Wie verwirrend sich der Studienleiter Joachim Burger äußern kann, wird deutlich, wenn er sagt, in den frühesten Gräbern in Altheim fänden sich Personen, deren Vorfahren (1) "während der römischen Epoche" aus den Norden Bayerns gekommen seien. Das ist der Sache nach schon richtig, klingt aber ganz mißverständlich. Viel wichtiger erscheint uns: Mit ihrer Ankunft war die römische Verwaltung doch - höchstwahrscheinlich - beendet oder doch zumindest im Niedergang. Burger sagt also (zit. n. LdkLandshut):
In den ältesten Gräbern der Zeit zwischen 410 und 470 n. Chr. finden wir in Altheim fast ausschließlich Personen, deren Vorfahren bereits während der römischen Epoche aus dem Norden nach Bayern gekommen waren. Über Generationen heirateten sie innerhalb ihrer Gruppe, doch gegen Ende des 5. Jahrhunderts vermischten sie sich mit der Bevölkerung aus römischen Stadt- und Militärsiedlungen. Diese ‚Römer‘ bildeten selbst keine abgeschlossene genetische Gemeinschaft. Ihre Vorfahren stammten aus den unterschiedlichsten Teilen Europas aber auch aus Asien, viele aus dem Balkan und Nordeuropa. Sie waren in der römischen Armee oder ihrem Gefolge in die Region gekommen
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- Blöcher, J., Vallini, L., Velte, M. et al. Demography and life histories across the Roman frontier in Germany 400–700 ce. Nature (2026). https://doi.org/10.1038/s41586-026-10437-3, 29.4.2026 (Nature2026)
- Vonderach, Andreas: Die anthropologische Erforschung Deutschlands. Ihre Geschichte und Ergebnisse von 1860 bis zur Gegenwart. Lindenbaum-Verlag , Beltheim-Schnellbach 2025
- Sebrich, Johannes: Das spätantik-frühmittelalterliche Gräberfeld von Essenbach-Altheim. Materialhefte zur Bayerischen Archäologie 110. Verlag Michael Laßleben, Kallmünz 2019 [Diss. Uni München 2017] (Akad)






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