Sonntag, 25. November 2007

Seefahrt und früheste Ackerbauern im Mittelmeer-Raum

Von dem amerikanischen Archäologen Albert Ammerman wird in "Science" eine neue Hypothese berichtet, nach der sich der Ackerbau rund um das Mittelmeer nicht über das Meer hinweg ausgebreitet habe, wohl aber vor-bäuerliche Kulturen, die vornehmlich vom Fischfang gelebt haben. (John Bohannon: Profile: Albert Ammerman - Exploring the Prehistory of Europe, in a Few Bold Leaps, Science, Vol. 317, 13.7.07, S. 188f)

Er hat noch wenig stichhaltige Beweise dafür, ich halte das aber durchaus für plausibel. Was mich nur wundert, ist, daß er - offenbar - glaubt, daß die ersten Ackerbau-Kulturen sich über das Land rund um das Mittelmeer ausgebreitet hätten. Ist das plausibel? Er sagt:

“I think agriculture didn’t spread along the coasts because they were already frequented by a stable culture of voyaging foragers.”

Nein, das halte ich nicht für plausibel. Wir wissen, daß sich die Bandkeramik ausschließlich auf dem Landweg ausgebreitet hat, allerdings nicht, wie in dem Artikel behauptet, über "Massen-Einwanderungen", sondern höchstwahrscheinlich schlicht über die hohen Geburtenraten von Rodungsbauern im zuvor wenig besiedelten, stark bewaldeten Mitteleuropa (ausgehend von der Region rund um den Plattensee). Andererseits stießen die Bandkeramiker in der Rheingegend auf Kulturen mit ganz andersartiger Keramik, die Verwandtschaft zeigt mit Keramik vom Baltikum (!) den Küsten entlang bis hin ins Mittelmeer (Rhone-Tal) (große, spitzbödige Gefäße, sogenannte „Cardial-Keramik“).

Das war doch schon vor Jahren ein starker Hinweis darauf, daß sich rinderzüchtende Ackerbauern etwa seit 6.500 v. Ztr. vom östlichen Mittelmeer-Raum und vielleicht von der nordafrikanischen Küste aus rund um die Mittelmeer-Küsten ausbreiteten und dann auch gleich die Meeresenge von Gibraltar überwanden. Es ist doch hochplausibel, daß das mit Schiffen vor sich gegangen ist.

Und so raten denn auch andere Archäologen (A.H. Simmons; R.D. Mandel: How Old Is the Human Presence on Cyprus? Science, Vol. 317, 21.9.07, S. 1679) zur Vorsicht gegenüber dieser These:

An early human presence on Cyprus has been well established at Akrotiri Aetokremnos for nearly two decades. It is thus no surprise that there may be other sites dating to this time period, and many of us hope that Ammerman’s sites are as old as he claims. But until this can be confirmed by defensible dating of materials in good context, these sites should not enter the literature as examples of a pre-Neolithic presence on Cyprus.


Ammerman wird in dem "Science"-Artikel als "Archaeology’s Renaissance man" dargestellt. Aber bei Archäologen muß man immer ein bischen aufpassen. Die archäologischen Funde möglichst widerspruchsfrei mit gesellschaftlichen Entwicklungsmodellen in Einklang zu bringen, die man auch sonst aus der Weltgeschichte und Völkerkunde kennt, fällt vielen Archäologen noch schwer.

*

Aber schön ist, was über die Karriere von Ammerman berichtet wird - vielleicht ein kleines Anschauungsbeispiel für die Altruismus-Forschung: Er hatte ursprünglich Literaturwissenschaften studiert und arbeitete erfolgreich in einem renommierten Verlag, der ihm schließlich sogar den leitenden Posten für seine europäische Abteilung anbot. Stattdessen ging Ammerman 1967 aber nach England, um sich erneut als Student, diesmal für Archäologie einzuschreiben:

“My friends told me I was crazy to consider being a student,” Ammerman recalls. His employer had just agreed to make him the new editor in chief of their European operation, with “my own London office and two secretaries.” Instead, Ammerman ended up “in Italy, searching for the origins of agriculture, living on $10 a day,” he says. “Those were the great years.”

"So waren die großen Jahre!"

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