Donnerstag, 25. Januar 2007

"Und der Zukunft zugewandt ..."

Auf meinem alten Blog hatte ich kurz über ein Experiment bei "Spektrum der Wissenschaft" berichtet. Dort wird darüber diskutiert, ob der Fortschritt in der Evolution und Menschheitsgeschichte nicht letztlich immer nur eine "Illusion" sei. Inzwischen sind nun einige höchst lesenswerte Leserbriefe zu dem dort vorgestellten Artikel von Eckart Voland eingegangen und veröffentlicht. Hier eine Auswahl derjenigen, die sich mit meinen Meinungen so ziemlich decken:

Anna Reeves aus London schreibt ziemlich harsch:
"Wenn man von so falschen Annahmen ausgeht wie der Autor dieses Artikels, dann muss man natürlich auch zu so falschen Schlüssen kommen.
Die biologische Evolution ist mit dem Hervorbringen von bewusstseinsfähigen Wesen zu Ende gegangen bzw. ist jetzt nicht mehr wichtig, und was nun begonnen hat, ist eine Evolution des Bewusstseins. Der Autor wird doch kaum abstreiten, dass er intelligenter ist als z.B. ein Neandertaler oder ein Affe. Aber nicht nur in Bezug auf pure Intelligenz haben wir uns weiterentwickelt, sondern auch in moralischer, emotionaler und spiritueller Hinsicht, und diese Entwicklung geht weiter.

Der Autor begeht auch den Fehler, zu versuchen, die Biologie dort anzuwenden, wo sie nicht angebracht ist. Psychologie ist eine höhere Stufe der Emergenz als Biologie. Man kann sie nicht auf die Biologie reduzieren. Die Methoden und Ergebnisse einer niedrigeren Ebene sind nicht auf die einer höheren anwendbar.

Ich würde dem Autor raten, das Buch von Ken Wilber, "Halbzeit der Evolution - Der Mensch auf dem Weg vom animalischen zum kosmischen Bewusstsein" zu lesen und dann den Artikel nicht zu veröffentlichen."
Ein Heinrich van Martens meint, daß (evolutionärer) Fortschritt "eine objektive Feststellung" ist. Einen Dr. Ekkard Brewig verstehe ich nicht ganz, stimme aber zu, daß es für die "Population Mensch" "eine Meßlatte" gäbe, "nämlich das Überleben in den gesellschaftlichen Bezügen".

Ein Manfred Gotthalmseder sagt Bedenkenswertes:
"Im Ursprung dient unser Gehirn nur einer einzigen Sache, nämlich der Voraussicht. Jede geplante Handlung basiert auf einer vorgestellten Zukunft. Und tatsächlich sind wir in Hinsicht auf unsere Fähigkeit, Zukunft abzuschätzen und planend zu handeln, heute wesentlich weiter als einst. Man denke nur, welche komplexen Pläne heute technisch umgesetzt werden können. Auch die nötige Organisation ist eine Erkenntnisleistung.

Da die noch nicht reale aber bereits vorgestellte Zukunft unser Verhalten bestimmt, und dieses wiederum auf die Zukunft wirkt, kann man auch sagen, dass unsere Freiheit mit unserer Vorstellungsfähigkeit wächst. Wir können uns zahlreichere Möglichkeiten erdenken mit Anforderungen umzugehen als je zuvor. Wenn wir heute schon wissen, dass uns in den kommenden Jahrzehnten ein Klimawandel droht, dann ist das nur dem Fortschritt, also unserer ständig wachsenden Voraussicht zu verdanken."
Andreas Schwald: "Fortschritt ist keine Illusion. Die Neuerungen in der Technik und die Änderungen im sozialen Leben sind sehr real." Dr. Wolfgang Vogt aus Köln sagt:
"In "The Great Chain of Being" lässt uns LOVEJOY erahnen, welche Weiterentwicklung unsere mentalen Aktivitäten in den Jahrhunderttausenden durch Vermehrung synaptischer Verschaltungen erlebt haben - denn physiko-chemisch unterscheiden sich unsere neuronalen Funktionen keineswegs von denen einfachster Lebewesen. Diese Entwicklung ist Fortschritt, keine Illusion. Mit KEN WILBER kann man statt von "Höherentwicklung" von hierarchischer Zunahme von Komplexität reden. Keineswegs geht die "Fortschrittsrhetorik ins Leere", wenn der selbstorganisierende Lebensprozess Komplexitätszunahme aufweist. Das Beispiel des Mäusegenoms trifft nicht, da die Zunahme sich auf die Vielfalt synaptischer Verschaltungen bezieht, die erst die Fülle mentaler Leistungen ermöglicht.
"Höherentwicklung" und "Fortschritt" dürfen nicht als semantische Tricks missbraucht werden, um Inhalte der Evolution zu desavouieren. (...) Eine Bewusstseinserweiterung auf breiter Basis als alleinige Chance zur Erhaltung allen Lebens auf dieser Erde würde ich als Fortschritt bezeichnen und denke keineswegs, dass sie der Evolution fremd wäre."
Somit kann man feststellen, daß die Mehrheit der bisher veröffentlichten Stellungnahmen sich GEGEN die von Eckart Voland vertretene These ausspricht. Man darf gespannt sein, ob und wieweit er die gegensätzliche Sicht noch in seinen Essay einarbeitet oder wie nun überhaupt mit diesen "Verbesserungsvorschlägen" umgegangen wird.

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