Freitag, 16. November 2007

Das menschliche Gehirn ist evoluiert, "um zu lieben"

Die neuesten Forschungen von Robin Dunbar, die im gestrigen Beitrag schon behandelt worden waren, sollten hier noch etwas erläutert und verdeutlicht werden.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts hat es - zumal mit Charles Darwin - einen deutlichen Umschwung im vorherrschenden Menschenbild gegeben. Seither galt als ein entscheidendes Kriterium, um Mensch und Tier zu unterscheiden, der Werkzeug-Gebrauch, also ganz vordergründig verbesserte Fähigkeiten im ("Darwinischen") "Daseinskampf", im Kampf ums Überleben. Der Materialismus eines Karl Marx, eines Friedrich Engels und vieler anderer war von einem solchen Menschenbild begeistert: Der Mensch ist Mensch, weil er seine Vernunft in einzigartiger Weise zu gebrauchen weiß.

Dieses Menschenbild erfuhr eine gewaltige Erschütterung durch ein ganz bescheidenes britisches Mädchen, das in den 1960er Jahren in Tansania am Tanganijka-See erstmals wildlebende Schimpansen beobachtete, die Werkzeuge (!) benutzten. Zunächst, um Ameisen mit Zweigen aus einem Ameisenhaufen zu angeln, ohne selbst körperlich beschädigt zu werden, bis heute fand man bekanntermaßen noch vielen weiteren natürlichen und intelligenten Werkzeuggebrauch bei Schimpansen und anderen Tieren. Dieses Mädchen hieß Jane Goodall. Die Entdeckung, die sie damals machte und um derentwillen sie erstmals bekannt wurde, erscheint uns heute in ihrer Bedeutung banal und marginal gemessen an dem, was sie sonst alles noch an Sozialbeziehungen zwischen wildlebenden Schimpansen beobachtete (siehe ihr spannendes Buch "Through a Window", zu deutsch "Ein Herz für Schimpansen").

Das Menschsein läßt sich also nicht durch das Merkmal "Werkzeug-Gebrauch" definieren. Eine wesentliche Komponente eines traditionellen materialistischen, krude-darwinischen Weltbildes war damit schon vor Jahrzehnten weggebrochen. In dieser Entdeckung übrigens und in den weiteren Forschungsergebnissen von Jane Goodall lagen die ersten Ansätze für den Siegeszug der "Social brain"-Hypothese.

Aber man mache sich einmal klar, in was für einer "kruden" Welt wir leben - oder doch noch vor wenigen Jahrzehnten gelebt haben. Hätte man Naturwissenschaftler noch vor wenigen Jahrzehnten gefragt "Was ist eigentlich das spezifisch 'Humane' am Menschen, der Gebrauch seiner Vernunft - etwa um Werkzeuge zu bedienen oder besser jagen zu können - oder die Fähigkeit intensiver und bewußter zu lieben als alle anderen Lebewesen auf der Erde?" - Wie hätte wohl die Antwort ausgesehen? Es steht zu vermuten, Charles Darwin und alle seine Nachfolger - fast bis heute - hätten sehr bedenklich mit dem Kopf gewiegt und hätten gesagt: Wohl letztlich doch nicht um so etwas "Romantisches" willen wie das Lieben.

Darwinisten "reduzieren" und "desillusionieren" den Menschen gern auf das Krudeste und "Egoistischste", das sich finden läßt im menschlichen und tierlichen Leben: letztlich ist der Mensch "nichts weiter" als ein "nackter Affe" (Desmond Morris) oder eine "dritte Schimpansen-Art" (Jared Diamond). Und sie kommen sich dabei so herrlich klug und intelligent vor, wenn sie den Mensch auf seine "bloß-"tierlichen, egoistischen Motivationen herunterschreiben als das "eigentliche" Humanum.

Hätte man allerdings Wissenschaftlern, die vor der Zeit um 1850 herum lebten, die gleiche Frage gestellt, etwa einem Goethe, einem Schiller, einem Hölderlin oder einem Erasmus Darwin, den Großvater von Charles Darwin, so wäre die Antwort klar und eindeutig gewesen: Das eigentlich Humane am Menschen sind nicht in erster Linie seine rationalen Fähigkeiten, sondern ist seine seelische Fähigkeit zu lieben. Das ist jedenfalls beste Tradition des "deutschen Idealismus", der deutschen Klassik und Romantik. Man lese etwa Schillers Gedichte "Worte des Glaubens" und "Worte des Wahns". Oder so vieles andere mehr.

Ist das "materialistische Zeitalter", das (etwa) 1850 begann, nun endlich zu Ende?

Robin Dunbar sagt - letztlich -: Das menschliche Gehirn ist evoluiert, "um zu lieben". Das heißt, um sich in intensiven Sozialbeziehungen um seine Mitmenschen (Artgenossen) zu kümmern und zwar mehr als man sich gewöhnlich um "Kumpel" und "Kumpane" (siehe entsprechende Aufsatz-Titel von Konrad Lorenz) kümmert, mit denen man sich einen Kneipen-Raum teilt, sondern mit intensiverer Empathie, mit Mitgefühl, Verständnis füreinander.

Das intensivste Umeinander-Kümmern und Anteilnehmen findet (der Möglichkeit nach) in monogamen Beziehungen statt. In polygamen Beziehungen ist diese Ausschließlichkeit des intensiven Austauschs und damit auch die Möglichkeit, verletzt werden zu können, keineswegs so groß. Deshalb sind möglicherweise - im Durchschnitt von vielen Menschen her gesehen - auch an die Behutsamkeit im Umgang miteinander dort nicht die gleichen Anforderungen gestellt wie in lebenslang monogamen Beziehungen - zumal auch beim erstmaligen (und "einmaligen"?) Eingehen einer solchen Beziehung. Schiller sagte in einem geläufigen Wort, das im "materialistischen", "zynischen" Zeitalter fast nur noch ebenso "zynisch" zitiert werden kann:
Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
ob sich auch Herz zu Herzen findet.
Die These von Robin Dunbar lautet, daß es dieses Prüfen war, was das menschliche Großhirn evolutionär hervorgebracht hat (über Jahrmillionen lange Selektionsprozesse). Ich finde das eine bestechende These. Das menschliche Großhirn ist nicht in erster Linie zu dem Zweck entstanden, rational zu denken, sondern um zu lieben. Das (verbesserte, beschleunigte) rationale Denken ist vielleicht nur deshalb "mitevoluiert", weil die Potentiale der Liebesfähigkeit und der Empathie, sowie der dazu notwendigen Nervenverbindungen dies als "Abfallprodukt" ebenfalls mit sich brachten, zuließen, erlaubten.

Das wäre dann so ähnlich wie die ("irrationale") Intuition eines Wissenschaftlers, die erst später durch empirisches Nachforschen nach und nach schlüssig "rationalisiert" und schließlich empirisch "bestätigt" wird, während der Wissenschaftler selbst schon aufgrund einfach der Ästhetik seiner ("nicht-rationalen") Intuition davon überzeugt war, daß seine Neueinsicht sich in der Empirie bestätigen würde.

Das Wesentliche des menschlichen Lebens wäre dann das Lieben, das "Nicht-Rationale" und nicht das Denken und die Ratio, welche erst sekundär hinzutreten würden. Es könnte sein, daß wir derzeit Schritt für Schritt - durch die Naturforschung - zu dieser Erkenntnis zurückgeleitet werden. Wir sollten uns künftig Vogelpäärchen genauer anschauen und das, was zwischen ihnen vorgeht und was sich in ihrem Gehirn dabei abspielen könnte ... Konrad Lorenz hat darüber schon viel berichtet - etwa bezüglich der Graugänse.
________________

Ergänzung 28.1.08: Genau dazu macht auch Robin Dunbar selbst in der Zeitung "The Scottsman" von vorgestern neue Ausführungen (The Scottsman):
... What makes monogamous pairbonds so cognitively demanding? One likely reason is that lifelong monogamy carries enormous risks. A poor choice of mate – one who is infertile, a lazy parent, or prone to infidelity – risks jeopardising your contribution to the species' gene pool.
Und am Ende:
Our own experiences would tell us that keeping a relationship on course through the years is a very delicate business, requiring a lot of fancy footwork to anticipate and see off at the pass all those potential sources of disagreement. Or, when they come from left field and we don't see them until they hit us, it's being able to see how to mend the fences and restore equilibrium once again.

So as you struggle to figure out why your spouse has behaved so badly yet again, console yourself with the thought that evolution has blessed you with one of its crowning glories – a brain capable of figuring out how to get the best out of a bad job. After that, it's all plain sailing. Even the humble birds on your garden bird table can sort this one out.

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