Posts mit dem Label Indien werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Indien werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 14. März 2020

"Bamboo ceiling" - Das Weiterwirken ethnischer Mentalitäten in modernen Firmenkulturen

Die Benachteiligung von Ostasiaten in Führungspositionen der USA

Ostasiaten - also Menschen chinesischer, koreanischer und japanischer Abstammung - sind in Bezug auf das Erreichen von Führungspositionen in den USA sehr stark benachteiligt. Dieser Umstand wird gegenwärtig unter dem Stichwort "Bamboo ceiling" (Wiki), also "Bambus-Decke" erörtert. Dieses Wort ist eine Metapher dafür, daß Ostasiaten Führungspositionen oft in unmittelbarer Sichtweite über sich sehen, sie aber dennoch nie erreichen. Dieses Thema belehrt einmal erneut eindrucksvoll über die großen Mentalitäts-Unterschiede zwischen Kulturen und wie diese sich auf das tägliche Leben und auf Firmenkulturen auswirken.

Abb. 1: Fischersmann und Fischersfrau,
 gemalt von dem chinesischen Maler
Huang Shen (1687-1772) (Wiki)

Man hatte bislang bei diesem Thema alle Asiaten in einen Topf gesteckt, es waren also auch die Inder zu dieser benachteiligten Gruppe gezählt worden. Eine neue Studie (1) macht aber nun darauf aufmerksam, daß sogar Weiße gegenüber Indern in Führungspositionen der USA benachteiligt sind (wenn man den jeweiligen Anteil in Führungspositionen in Beziehung setzt zu dem Anteil der jeweiligen Ethnie in der Gesamtbevölkerung). Und die Studie benennt als Ursache für diese starken Unterschiede zwischen Ostasiaten und Indern die Eigenschaft, bzw. das Persönlichkeitsmerkmal "Durchsetzungsvermögen".

Bei dieser Gelegenheit versteht man vielleicht auch zum ersten mal besser die Bedeutung der Inhalte des Buches von Angela Saini "Geek Nation - How Indian Science is Taking Over the World" (2). Saini ist Engländerin indischer Abstammung. Und in England dürften die Inder auch keine geringe Rolle in Führungspositionen spielen.

Die Bedeutung des Themas insgesamt wird an folgendem Umstand erkennbar (Wiki): Asiaten machen nur 5,6 % der Einwohner der USA aus, sie haben aber Anteil an 50 % der Technologie-Industrie im Silicon Valley, also der Zukunftstechnologie.

Die Tatsache, daß es derzeit noch so gut wie keine deutschsprachigen Artikel über das Thema "Bamboo celing" gibt (Ausnahme: 3), zeigt, daß Deutschland offenbar noch nicht in dem Umfang eine multikulturelle Gesellschaft ist oder als solche wahrgenommen wird wie die USA (oder Großbritannien).

Es ist sehr interessant, wie das Verhalten von Ostasiaten innerhalb von Firmenkulturen in diesem Zusammenhang beschrieben wird. Sie werden "als fleißige Arbeitsbienen" wahrgenommen, die nicht auffallen, die sich aber auch nicht zu Wort melden, wenn kontrovers diskutiert wird. Hingegen scheint es auch wieder nicht gut zu laufen, wenn sie sich im Widerspruch zu diesem weit verbreiteten Klischee verhalten (3):

"Einem temperamentvollen Asiaten werde leicht nachgesagt, daß er dazu neigt, die Fassung zu verlieren, sagt Psychologin Kawahara. Eine Studie der Universität Toronto zu Klischees am Arbeitsplatz wies nach: Emotional oder dominant auftretende Asiaten wurden von ihren weißen Kollegen häufig geschnitten. Eine gängige Forderung sei, daß sie sich den Erwartungen entsprechend verhalten und 'da bleiben sollen, wo sie hingehören', schreiben die Autorinnen Jennifer Berdahl und Ji-A Min."

Schlußfolgerung: Der Ethnozentrismus (Wiki) ist in jedem von uns viel tiefer drin als die meisten Menschen wahrhaben oder sich eingestehen wollen. Es tragen viele Faktoren zu ihm bei. 1. Unterschiedliche angeborene Muster in der Wahrnehmung, in emotionalen Reaktionen, im Denken, im Handeln, 2. frühkindlich durch Muttersprachenerwerb geprägte ebensolche Muster in der Wahrnehmung, in den Emotionen, im Denken und im Handeln, sowie 3. durch Religionen wie Stammesreligionen oder Konfuzianismus, Buddhismus oder Christentum seit Jahrhunderten gebahnte Muster und 4. schließlich alle mehr bewußter in der Peer-Group, in Schule und Ausbildung in der Gegenwart gebahnte, eingeübte, gelernte und antrainierten entsprechenden Muster. Es können zwischen diesen Ebenen durchaus Widersprüche bestehen, also Widersprüche zwischen dem in oberen Bewußtseinsschichten verschalteten Mustern zu Muster, die in tieferen Bewußtseinsschichten verschaltet sind. Sehr unterschätzt wird in dieser Hinsicht auch noch die Prägung der Kinder durch die vorherrschenden Rhythmen, bzw. durch den "Geist" der vorherrschenden Musikkultur, sprich, heute, der (außergewöhnlich unernsten, infantilisierten) "Pop-Kultur".

Ethnozentrismus ist auch durch multikulturelle Gesellschafts-Experimente nicht aus der Welt zu schaffen

Man versteht jedenfalls insgesamt, was für ein großer emotionaler Aufwand von Seiten der großen Medienanstalten betrieben werden muß, um einerseits neue, fast künstlich erdachte, gesellschaftliche Leitbilder zu kreieren und diese dann auch noch weltweit durchzusetzen zu wollen und dabei einheitlichere Ethnien und Nationen zu multikulturellen Nationen umzugestalten zu wollen und andererseits dabei auch noch ethnozentrisch verursachte Benachteiligungen einzelner Ethnien vermeiden zu wollen.

Es wird nachvollziehbar: Man braucht starke Feindbilder und muß über ausgebaute Machtpositionen - in Medienanstalten und anderwärts - verfügen, muß - zum Beispiel über Pop-Kultur - ganze Völker denkunfähig gemacht haben, um es sich zuzutrauen, das Widerstreben von Gesellschaften gegenüber solchen riesigen, gesellschaftlichen Umformungsprozessen überwinden zu können. Dieses Überwinden geschieht gegenwärtig dadurch, daß sie emotional außergewöhnlich stark polarisiert werden und dadurch über kurz oder lang zur Unterwerfung unter das neue Leitbild gezwungen werden. Es erscheint sehr zweifelhaft, daß solches Wollen, solche neuen, künstlichen und polarisierenden Leitbilder aus "der Mitte der Gesellschaft" heraus entstanden und kreiert worden sind. Dazu sind sie wohl doch viel zu künstlich und dazu ist der Besitz von Medienanstalten heute viel zu monopolisiert.

Vielmehr macht die weltweite Geschichte der letzten hundert Jahre ja ausreichend erkennbar: Man schreckt zur Erreichung solcher Ziele ja auch nicht vor Kriegen, Bürgerkriegen, Völkermorden und Atombomben zurück. Die Geschichte und Gegenwart erweisen dies zur Genüge.

Die Inder - Spielen sie eine besondere Rolle in der Weltgeschichte?

Das "Konzert der Nationen": Die Weltgeschichte hat bei der Schaffung von Hochkulturen viele Möglichkeiten bereit gestellt, komplexe arbeitsteilige Gesellschaft zu leben. Mit der hier behandelten Studie sehen wir die ostasiatische Möglichkeit, die indische Möglichkeit und die europäische Möglichkeit. Wenn es um IQ-starke Ethnien ging, sind die Inder bislang vielleicht nicht genügend als solche wahrgenommen worden, weil man ihre eigentümlichen Leistungen innerhalb der USA oder Großbritanniens nicht ausreichend für sich in den Blick genommen haben mag.

Diese neue Studie macht aber nun auf diese aufmerksam. Wenn es um wirtschaftlichen und kulturellen Erfolg geht, kommt es eben nicht nur auf Intelligenz an, sondern auch auf angeborene und kulturell geformte Verhaltensdispositionen. Während Europäer hinsichtlich ihres Verhaltens zu sehr viel Exzentrizität neigen, neigen Ostasiaten im Alltag hingegen - aufgrund ihrer an eine Konsens-Kultur angepaßte Mentalität - zu sehr viel weniger Exzentrizität. Womöglich halten die Inder diesbezüglich eine "günstige Mitte" inne? Besitzt ihre Mentalität damit womöglich eine Zukunftsfähigkeit, die die beiden anderen genannten großen Herkunftsgruppen der Menschheit nicht besitzen? Das mag zunächst nur eine vage Vermutung sein. Ihr kann und sollte aber womöglich weiter nachgegangen werden.

- Und soeben ist auch ein Artikel erschienen darüber, daß auch in Indien nicht alle Ethnien in gleichem Maße in der Wissenschaft Karriere machen, sondern daß dort die Jahrhunderte alte Ethnien der Brahminen die Wissenschaft dominieren. Das läge daran, daß die Brahminen schon seit Jahrhunderten mehr Geduld aufweisen würden für den Wissenserwerb und nicht auf das "schnelle Geld" aus wären (5). Auch wieder sehr interessant. Ein außergewöhnlicher Beitrag indischer Wissenschaftler zur Wissenschaft allgemein ist einem allerdings bislang wohl auch noch nicht aufgefallen. 

[26.5.2022] Das mangelnde verbale Durchsetzungsvermögen ("assertitiveness") von Ostasiaten führt auch dazu, daß sie in rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten weniger erfolgreich sind als dies in andere Wissenschaftsbereichen der Fall ist. Wiederum gilt dies nicht für Inder (6, 7).

_______ 
  1. Why East Asians but not South Asians are underrepresented in leadership positions in the United States Jackson G. Lu, Richard E. Nisbett, and Michael W. Morris PNAS March 3, 2020 117 (9) 4590-4600; first published February 18, 2020, https://www.pnas.org/content/117/9/4590
  2. Angela Saini: Geek Nation: How Indian Science is Taking Over the World. 2011
  3. https://www.merckgroup.com/de/pro/articles/beyond-the-bamboo-ceiling.html
  4. https://www.pnas.org/content/117/10/5100
  5. Renny Thomas: Brahmins on India’s elite campuses say studying science is natural to upper castes: Study I researched Brahmin domination in science in India. 13 March, 2020, https://theprint.in/opinion/brahmins-on-india-campuses-studying-science-is-natural-to-upper-castes/378901/
  6. Lu, Jackson G., Richard E. Nisbett, and Michael W. Morris. "The surprising underperformance of East Asians in US law and business schools: The liability of low assertiveness and the ameliorative potential of online classrooms." Proceedings of the National Academy of Sciences 119.13 (2022): e2118244119, https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2118244119 
  7. Xie, Yu. "A bamboo ceiling in the classroom?." Proceedings of the National Academy of Sciences 119.22 (2022): e2203850119; https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2203850119

Samstag, 21. September 2019

Die ethnische Vielfalt Indiens

 - Wie ist sie über die Jahrtausende entstanden?
- Wie hat sie sich über die Jahrtausende erhalten, bzw. verändert?
Nur einige wenige erste Eindrücke aus der gegenwärtigen Forschung

Vor zehn Jahren schrieben wir hier auf dem Blog vom "größten genetischen Experiment, das jemals am Menschen durchgeführt wurde". Dabei bezogen wir uns auf eine Studie des indischen Biologen Madhav Gadgil (geb. 1942) über "die Bedeutung des indischen Kastensystems hinsichtlich der evolutionären Anpassung" (1).

Abb. 1: Die Ethnogenese der indischen Völker (aus: 2) (a) vor 10 000 v. Ztr.; (b) 10 000 bis 3000 v. Ztr.; (c) 3000 v. Ztr. bis heute (Eisenzeit)

Diese Studie gab einen Eindruck von dem Zusammenleben und Aufeinander-Angewiesen-Sein der vielfältigen, traditionellen, endogam lebenden Stämme und Kasten in der indischen Gesellschaft. Sie gab auch einen Eindruck von der jeweilig recht einzigartigen ökologischen und wirtschaftlichen Spezialisierung und "Einnischung" jeder einzelnen Kaste und jedes einzelnen Stammes sowohl arbeitsteilig in die indische Gesamtgesellschaft, als auch in die jeweiligen natürlichen Lebensbedingungen und Klimazonen vor Ort. Dabei wurde klar: In Indien stellen gar nicht die Kasten, sondern die Stämme "das größte genetische Experiment am Menschen" dar.

Vor diesem Hintergrund ist es um so spannender, die damaligen Erkenntnisse und Überlegungen mit dem heutigen Stand der Archäogenetik in Abgleich zu bringen. Eine schöne, weil sehr, sehr "grobe" Übersicht über die derzeitigen Vorstellungen zur Ethnogenese der vielen hundert indischen Völkerschaften findet sich in einer Studie estnischer Humangenetiker aus dem Oktober 2018 (2, 3) (Abb. 1).

In der zweiten Grafik derselben (Abb. 1) ist dargestellt wie die Indus-Kultur (Wiki), hier "Indus Periphery" (IP) genannt, aus einer Vermischung von iranisch-neolithischen Herdenhaltern (IF) mit den Ureinwohnern Indiens (AASI) entstand, also mit jenen Ureinwohnern, deren Vorfahren schon vor 50.000 Jahren nach Indien zugewandert waren (Abb. 1, Grafik a)), die sich bis heute am unvermischtesten auf den Andamanen-Inseln erhalten haben. Was von Bedeutung ist: Die iranisch-neolithischen Herdenhalter hatten sich bis zur Entstehung der Indus-Kultur noch nicht mit anatolisch-neolithischen Bauern und Herdenhaltern oder Jägern und Fischern West- oder Osteuropas vermischt. Darauf hat jüngst eine Studie der Forschungsgruppe rund um David Reich im September 2019 hingewiesen (4) (Abb. 2).


Abb. 2: (A) ....; (B) Vermischungs-Analyse von Individuen aus Süd- und Zentral-Asien mit Herkunftsanteilen von iranischen Bauern (orange), anatolischen Bauern (blaugrün), osteuropäischen Jägern und Sammlern (blau), westeuropäischen Jägern und Sammlern (grün), Andamanen/Südindien (rot)*); (C) .... (aus: 4)

Das Ergebnis dieser neuen Studie hatte sich aber - wenn wir es recht verstehen - schon in einer vorhergehenden Studie angedeutet (5, 6). Für den, der all diese Studien nicht im Detail verfolgen kann oder will, könnte aber insbesondere die dritte Grafik c) in Abbildung 1 von großem Interesse sein. (Abb. 1). Sie zeigt auf, daß sich nach 1000 v. Ztr. auch Völker der austroasiatischen Sprachgruppe (repräsentiert durch die Munda) und der tibeto-burmesischen Sprachgruppe nach Nordost-Indien ausbreiteten, und zwar nach der Zuwanderung der Indogermanen nach Indien von Nordwesten aus der Steppe heraus.

Mit all dem bekommt man einen ersten Eindruck davon, wie komplex die Ethnogenese der indischen Völker verlaufen ist. In der estnischen Studie wird noch auf Beobachtungen aufmerksam gemacht, die uns hier auf dem Blog ebenfalls schon häufiger wichtig waren, wenn es um die Entstehung (Ethnogenese) von Völkern, Stämmen und ethnischen Gruppen geht. Die Forscher schreiben (1):

Normalerweise ist die Sprachfamilie eine ganz gute Annäherung an die genetische Struktur von indischen Populationen. In einigen Fällen aber erweist sich eine solche Voraussage als spektakulär falsch. Die größte Stammesgruppe in Indien - die dravidisch-sprachigen Gond - scheinen mehr ihrer genetischen Herkunft mit den indischen Munda-Sprachigen zu teilen als mit anderen dravidisch-sprachigen Gruppen. Auf der anderen Seite sprechen die Muashar eine indoeuropäische Sprache aber stehen genetisch wiederum den Munda-Sprachlichen nahe. Dies sind Beispiele für Sprachwechsel, in denen eine Population eine neue Sprache annimmt aber viel von ihrer genetischen Herkunft beibehält, wobei die genetische Geschichte der Gond vermutlich noch komplexer ist. Gegensätzliche Beispiele liefern die Brahui, die eine drawidische Sprache beibehalten haben, während sie genetisch ihren geographischen Nachbarn in Pakistan gleichen, weit vom sonstigen geographischen Ausbreitungsgebiet der drawidischen Sprachen entfernt.
Original: While language family is generally a good proxy for genetic structure of South Asian populations, there are several cases where such prediction is spectacularly wrong. The largest tribal group in India - the Dravidic speaking Gond - seem to share more of their genetic ancestry with the Indian Munda speakers, rather than with the other Dravidian groups. On the other hand the Mushars speak a tongue from the Indo-European group, yet genetically are again similar to Munda speakers. These are examples of language change where a population adopts a new language but retains much of their genetic legacy, although the genetic history of the Gond is likely more complex. Contrary example is provided by the Brahui, who have retained Dravidic language while genetically they resemble their geographic neighbours in Pakistan, far from the geographic realm of Dravidic languages.

Von jüngeren Ethnogenesen in Indien können schon gut verstanden werden die der Siddis, der Muslime, der Juden und der Parsen. Die indischen Juden (Wiki) kamen im 5. und 10. Jahrhundert nach Indien. Die Siddis wurden von portugisischen Sklavenhändlern als Sklaven und Krieger an indische Sultane verkauft. Sie sind heute zu 70 % afrikanischer Herkunft. Verglichen mit diesen beiden Gruppen war die Vermischung der im 7. Jahrhundert aus Persien nach Indien gelangten Parsen mit einheimischen Indern minimal. Die Parsen stehen genetisch den neolithischen Iranern näher als den modernen Iranern, da es bei letzteren im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Islam zu neuen Vermischungen gekommen ist.

Es deutet sich an, daß der indische Subkontinent noch eine Fülle weiterer allgemeiner Erkenntnisse zur Entstehung und zur Aufrechterhaltung von Völkern bereithalten kann, daß auf ihm eine große Vielfalt von "gruppenevolutionären Strategien" vergleichend und über viele Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg erforscht werden kann.

_________________________
*) Original: "(B) ADMIXTURE analysis of individuals from South and Central Asia shown with components in orange, teal, blue, green, and red maximized in Iranian farmers, Anatolian farmers, Eastern European hunter-gatherers, Western European hunter-gatherers, and Andamanese hunter-gatherers, respectively."

_________________________________
  1. Bading, Ingo: "Das größte genetische Experiment, das jemals am Menschen durchgeführt wurde". 16. Juli 2009, https://studgendeutsch.blogspot.com/2009/07/das-grote-genetische-experiment-das.html 
  2. The genetic makings of South Asia. By Mait Metspalu, Mayukh Mondal, Gyaneshwer Chaubey. In: Current Opinion in Genetics & Development (2018) 53:128-133, Available online 1 October 2018, https://doi.org/10.1016/j.gde.2018.09.003
  3. Quiles, Carlos: The genetic makings of South Asia – IVC as Proto-Dravidian, October 6, 2018, https://indo-european.eu/2018/10/the-genetic-makings-of-south-asia-ivc-as-proto-dravidian/ 
  4. An Ancient Harappan Genome Lacks Ancestry from Steppe Pastoralists or Iranian Farmers. Vasant Shinde, Vagheesh M. Narasimhan (...) David Reich. Published: September 05, 2019, DOI:https://doi.org/10.1016/j.cell.2019.08.048
  5. Vagheesh M Narasimhan et. al. (inkl. David Reich): The Genomic Formation of South and Central Asia. bioRxiv 292581; doi: https://doi.org/10.1101/292581 This article is a preprint and has not been peer-reviewed, 31.3.2018, https://www.biorxiv.org/content/early/2018/03/31/292581
  6. Bading, Ingo: "Söhne der Sonne" - Die Indogermanen Asiens. 1.7.2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/07/sohne-der-sonne-die-indogermanen-asiens.html 

Sonntag, 1. Juli 2018

"Söhne der Sonne" - Die Indogermanen Asiens

Inhaltsübersicht zum Video-Vortrag:

00:00:00 - Einleitung: Die genetische Geschichte Europas ist in den Grundzügen schon gut verstanden. Wie aber sieht es aus mit der genetischen Geschichte Asiens, hier vor allem Asiens westlich und nördlich von China?

00:03:45 - Ethnische Rückzugsräume, Rand- und Reliktbevölkerungen haben in der Weltgeschichte mehrfach große weitere Bedeutung bekommen - sowohl in Europa wie in Asien. Beispiele dafür: Blätterhöhle in Westfalen, Schweriner See, östlicher Ostseeraum noch lange nach der Neolithisierung, Baikalsee-Fischer noch lange nach der Indogermanisierung als Vorfahren der Turkvölker.

00:09:35 - Man findet im deutschsprachigen Raum keine Berichterstattung über den derzeitigen recht faszinierenden Forschungsstand zur genetischen Geschichte Asiens, also der Archäogenetik, Ancient-DNA-Forschung (1-3). Deshalb mache ich darüber dieses Video, obwohl ein solcher Vortrag von kompetenterer, fachwissenschaftlicher Seite gehalten werden sollte. Immerhin behandelt der Kanal "RuStAG Netzwerk 2.0" (nicht "Virulent National"!)  schon die (inzwischen etwas veraltete) Haplotypen-Genetik.

00:13:26 - Erst West-, dann Ostwanderung der Schnurkeramiker als Shintashta- und Andronowo-Kultur bis an die Grenzen Chinas. Damit ergeben sich zwei genetisch unterschiedliche Phasen der Geschichte der indogermanischen Völker des Steppenraumes, einmal die ursprüngliche Yamnaya-Kultur (3.300 v. Ztr.) mit nur geringen genetischen Anteilen anatolisch-neolithischer Herkunft (und daraus hervorgehend die Afanasievo-Kultur) und ab 2.100 v. Ztr. die Shintaschta-Kultur der Ukraine und die Andronovo-Kultur Sibiriens als Nachkommen der Schnurkeramiker Mitteleuropas.

00:26:30 - Die erste europäische Zuwanderung nach Indien, ebenso wie die Hethiter in Anatolien weisen bislang zwar beide kaukasische, aber beide keine spezifisch indogermanische Herkunft auf.

Als Beispiele: Tocharer und Sogder

00:31:19 - Um Anteilnahme für die indogermanische Völkerwelt zu wecken, werden aus ihrer reichen kulturellen Vielfalt exemplarisch die 36 tocharischen Königreiche entlang der Seidenstraße (ab 2.000 v. Ztr.) und das Königreich der Sogder in Samarkand vorgestellt, sowie der Fernhandel der Sogder mit Kamel-Karawanen weit in das Tang-zeitliche China hinein, wo diese einerseits als "Exoten" vielfältige Darstellungen in der chinesischen Kunst gefunden haben und andererseits auch hohe Regierungsbeamte werden konnten.

00:34:45 - Die hunderte von zentralasiatischen Wüstenmumien am Westrand Chinas gewähren die aller faszinierendsten Einblicke womöglich auch in unsere eigene mitteleuropäische Bronzezeit, da der Erhaltungszustand ihrer Körper, ihrer Tätowierungen, ihrer Kleidung, ihres Schmucks, ihrer hölzernen Grabausstattungen so hervorragend ist wie nirgends sonst. (Aktualisierung 7.1.25: Inzwischen ist geklärt, daß diese Wüstenmumien zunächst vor allem einheimische westsibirische Genetik in sich getragen haben, keine europäische oder indogermanische.)

00:54:45 - Restvölker in Rückzugsräumen der Weltgeschichte können - aus diesen Rückzugsräumen heraus und nach erneuten genetischen und kulturellen Neuanpassungen - ganze neue Zeitepochen der Weltgeschichte einläuten und dominieren. Dies wird am Beispiel der Hunnen/Turkvölker/Mongolen aufgezeigt, deren Vorfahren einst von allen Seiten von Indogermanen umgeben und "umzingelt" waren, die dennoch ihre genetische, sprachliche und kulturelle Eigenart erhalten haben und mehrere tausend Jahre später selbst das Ruder der weltgeschichtlichen Entwicklung Asiens in die Hand genommen haben, nämlich in der Spätantike und mit dem Untergang von hunderten indogermanischer Königreiche, Fürstentümer, Stämme und Völker in Asien.

01:08:33 - In den neuesten Studien schälen sich immer mehr "Geister"-Völker des Kaukasus-Raumes als wichtige Vorfahren der genetischen Geschichte sowohl einerseits 1. Indiens als andererseits 2. Anatoliens und schließlich 3. der Indogermanen heraus.

01:13:00 - Die genetische Geschichte der Skythen zwischen Ungarn und dem Altai-Gebirge. Es wird auf die genetische Einmischung von Hunnen, bzw. Turkvölkernn in die unterschiedlichen Stämme und Konföderationen des großen Völkerstammes der skythischen Völker hingewiesen. Die Skythen in Ungarn weisen gar keine hunnischen Einmischungen auf, während nördlich des Tianshan die skythischen Reitervölker (Saken) schon bis zur Hälfte hunnischer Abstammung sein konnten. Im Zusammenhang mit diesen skythischen Mischvölkern entstanden dann fast rein hunnische, turksprachliche Völker wie die Xiongnu der Mongolei, die seit der Spätantike in Asien den Lauf der Weltgeschichte bestimmten.

Der Kaukasus als Angelpunkt der Völkergeschichte

Nachträgliche Ergänzungen (3./4.7.18):

Es dürfte so sein, daß die Kura-Araxes-Kultur im Gebiet des Kaukasus und des östlichen Anatolien eine große Rolle spielte bei der Ausbreitung der kaukasisch-neolithischen Genetik nach Anatolien. Es deutet sich ein Bild an, daß es parallel zur gewaltigen anatolisch-neolithischen Ausbreitung bis hoch nach Skandinavien eine parallele iranisch-neolithische Ausbreitung gegeben hat, ausgehend von jenem Bauernvolk des Zagros-Gebirges im Westiran, das die berühmte Hassuna- und Samara-Keramik hervorgebracht hat. Es breitete sich bis an die Südhänge des Kaukasus aus (vielleicht auch nach Sumer … … ?), begann im Südkaukasus ab 6.500 v. Ztr. zum ersten mal in der Menschheitsgeschichte mit Weinbau.

Im heutigen Nordirak brachte ... "es" (?) dann bald die ersten urbanen Zentren hervor (wie zeitgleich die anatolisch-neolithische Cucuteni-Tripolje-Kultur in der Ukraine, wobei aber beide zu Anfang noch keine Berührung mit den Indogermanen gehabt hatten, erst später).

Vordringend über den Hauptkamm des Kaukasus kamen die iranisch-neolithischen Bauern im Bereich der Vorfahren der Indogermanen in der Steppe (der "osteuropäischen Jäger und Sammler", die schon Keramik hatten) schon sehr früh nicht mehr weiter (im Gegensatz zu dem gleichzeitigen Geschehen in Europa, wo sich das anatolische Neolithikum ja bis nach Skandinavien ausgebreitet hat). Vielmehr kam es hier im Steppenraum - trotz der außergewöhnlich guten Schwarzerde-Böden, an die die Neolithisierung in Deutschland sehr stark gebunden war, zur Ethnogenese der Indogermanen, aber auch zu Einmischungen von osteuropäischen, bzw. auch westsibirischen Jäger-Sammler-Genen bei den sich bildenden Völkern und Kulturen im iranischen Raum.

Aber Richtung Osten (Indien) und Westen (Anatolien) hat sich die kaukasisch-neolithische Genetik noch lange später durchgesetzt, in Anatolien insbesondere ab der Kupferzeit parallel zur Kura-Araxes-Kultur, für die Ausläufer und Verwandte bis nach Syrien und Palästina hin genannt werden (s. Wikipedia). Zur ethnischen Herkunft der Kura-Araxes-Kultur gibt es derzeit noch mehrere Theorien (s. Wikipedia). Man ist sich hier vergleichbar unsicher wie man sich zuvor - beispielsweise - unsicher war bei der Kugelamphoren-Kultur (die jetzt aber als nicht-indogermanisch erwiesen ist). Manche halten indogermanische Einflüsse bei der Kura-Araxes-Kultur für denkbar, andere gar nicht. Also in diesem Bereich der Forschung ist alles noch einmal sehr spannend und werden - sicher schon in den nächsten Jahren - abschließendere Erkenntnisse präsentiert werden.

Die Turan-Region als Angelpunkt der Völkergeschichte

In der neuen David Reich-Studie (10-13) vom März 2018 werden unter anderem

"132 Individuen aus dem Iran und dem südlichen Teil von Zentralasien (heute Turkmenistan, Usbekistan und Tajikistan"

sequenziert und ausgewertet. Diese historische Gruppierung wird in der Studie "Iran/Turan" genannt. Die Turan-Region (Wiki) ist eine legendäre Region in der Geschichte des Iran, insbesondere in der Zeit Zarathustras (Lebenszeit irgendwann zwischen 1800 und 600 v. Chr.), sowie des sich auf ihn zurück führenden Zoroastrismus (Wiki). Sie spielt auch eine große Rolle in der Geschichte der Turkvölker. In dieser Studie liest man:

"Im östlichen Iran und Turan entdeckten wir ebenso Herkunftsanteile von westsibirischen Jägern und Sammlern, was zeigt, daß diese im Turan schon auftraten vor der Ausbreitung der (indogermanischen) Jamnaja-Herdenhalter aus der Steppe (Steppe_Early/Middle Bronze Age = Steppe_Frühe und Mittlere Bronzezeit):"
"In (...) eastern Iran and Turan we also detect admixture related to West_Siberian_Hunter_Gatherer, proving that North Eurasian admixture impacted Turan well before the spread of Yamnaya-related Steppe pastoralists (Steppe_EMBA)."

Diese als "westsibirische Jäger und Sammler" bezeichnete Gruppierung ist - soweit man sehen kann -  jene Gruppierung, die auch am Baikalsee lebte, sprich, die die Vorfahren der Turkvölker bildete (und die auch denen auch die Wüstenmumien der Taklamakan angehörten) (Ergänzung 7.1.25). Womöglich erstreckte sich ihre ursprüngliche Verbreitung also ähnlich weit wie die der west- und osteuropäischen Jäger und Sammler, also vielleicht sogar auch ursprünglich bis in den Ostiran (?) hinein. In der Studie werden sie jedenfalls auch als Träger der keineswegs unbedeutenden Kelteminar-Kultur in Kasachstan angesprochen, am Ufer des Kaspischen Meeres (auf die hier auf dem Blog schon hingewiesen wurde als östliche Nachbar-Kultur der Ursprungsregion der Indogermanen, die neben eindrucksvollem Häuserbau - vermutlich - auch schon Hirse-Anbau kannte). Jedenfalls ist von ihnen schon Genetik in den Ostiran gelangt, bevor noch später auch indogermanische Steppengenetik dort hin gelangt ist. Auch hierbei dürfte man es wieder mit einem sehr bemerkenswerten Befund zu tun haben. Ab 2.300 v. Ztr. findet sich in Baktrien/Turan/Ostiran dann:

"... frühe iranische Bauernherkunft (60% in Baktrien und in der Margiana) mit einem kleineren Anteil von anatolischer  Bauernherkunft (21 %) und westsibirischer Jäger-Sammler-Herkunft (13 %)."
"... early Iranian agriculturalist-related ancestry (~60% in the BMAC) with smaller components of Anatolian agriculturalist-related ancestry (~21%) and West_Siberian_HG-related ancestry (~13%)".

Bei "BMAC" handelt es sich um den "Bactria Margiana Archaeological Complex", also um eine Völkergruppe in Baktrien und in der Margiana, grob gesprochen im Westteil der Seidenstraße und in der nördlich angrenzenden kasachischen Steppe (zu ihr siehe auch spätere Beiträge hier auf dem Blog). Hier lag also ebenfalls eine bemerkenswerte genetische Zusammensetzung vor. Zum Beispiel stellt sich die Frage: Wie gelangte die anatolisch-neolithische Genetik so früh so weit nach Osten? Aber zu dieser Zeit findet sich immer noch keine Yamnaya-Herkunft daselbst vor. Erst ab 2.000 v. Ztr. kommt indogermanische Genetik nach Baktrien, und zwar - natürlich! - in der jüngeren Schnurkeramik- bzw. Shintashta-Version.

Mit dieser neuen David Reich-Studie ist nun auch festgestellt, daß die Schnurkeramik/Shintashta-Leute, die um 2000 v. Ztr. als Andronovo-Kultur das Gebiet nördlich des Tianshan besiedelte, womöglich schon während der Zuwanderung zu 8 % mit einheimischer westsibirischer Jäger-Sammler-Genetik vermischte und sich dadurch von ihren westlichen indogermanischen Verwandten unterschied. Damit kann man nun überblicken, daß der bronzezeitliche genetische Turkvolk-Anteil (mit dem wir hier die westsibirische Herkunftskomponente gleichsetzen) bei den Indogermanen nördlich des Tianshan in der Eisenzeit bei der Ethnogenese der östlichen Skythen dann zu bis zu 50 % anwachsen konnte.

Aber auch bei westlichen Verwandten gab es schon früh einige Ausnahmen von größerer Turkvolk- oder sogar ostasiatischer Genetik, also schon in der Bronzezeit.

Ähnlich scheint auch die Industal-Zivilisation nach dieser neuen Studie von Menschen mit einer größeren Vielfalt an Herkünften getragen worden zu sein. Es gibt da fast reine Südinder (Drawiden) neben Menschen fast rein anderer Herkunft und "Mischlinge" zwischen beiden. So offenbar auch schon bei den Shintashta-Leuten in der Ukraine ab 2.000 v. Ztr.. Und solche Verhältnisse dürfen dann gerne auch schon für die Indogermanen in den Oasen-Reichen des Tarim-Beckens angenommen werden.

Um 1600 v. Ztr. kommt in die Steppe sogar ein deutlicherer iranisch-neolithischer genetischer Anteil hinzu, ja zum Teil auch bis zu 25 % ostasiatische Herkunft. Es wird allmählich erkennbar, wie komplex hier der Austausch von Menschen und Völkern war, er ging also offenbar nirgendwo nur einseitig in eine Richtung.

Offenbar waren die indogermanischen Völker und Reiche Asiens also früher als bisher gedacht sozusagen "multikulturell". Und die Verhältnisse, die man ab 600 v. Ztr. im Tarim-Becken vorfindet, können schon tausend Jahre früher viel weiter westlich vom Tarim-Becken ebenfalls gefunden werden.

Die eisenzeitliche Genetik der Skythen und Sarmaten hat sich - nach dieser Studie - schon ab 1500 v. Ztr. in Teilen der Turan-Region gebildet. Und daraus läßt sich auch die feststellbare indogermanische Zuwanderung nach Südindien zeitlich genauer eingrenzen, denn sie wird vermutlich vor der dortigen Ethnogenese der Skythen/Sarmaten ab 1500 v. Ztr. gelegen haben, da diese noch keine ostasiatische Genetik mit nach Indien brachte (11):

"Es ist möglich, daß es noch nicht genetisch untersuchte archäologische Völker in Zentralasien ohne nennenswerte ostasiatische Herkunftsanteile gibt, die sich in der Folge nach Südasien ausgebreitet haben. Jedenfalls rührt mindestens einige, wenn nicht die gesamte Herkunft der Herdenhalter der Steppe in Südasien von südwärtsgerichteten Bewegungen im 2. Jahrtausend v. Ztr.."
"It is possible that there were unsampled groups in Central Asia with negligible East Asian admixture that could have migrated later to South Asia. However, at least some (possibly all) of the Steppe pastoralist ancestry in South Asia owes its origins to southward pulses in the 2nd millennium BCE."

Ergänzung 8.11.2020:  

2020 - Die Herkunftsanteile der Turkvölker erhalten eine differenziertere Betrachtung

Aufgrund einer neuen archäogenetischen Studie zum Thema (14, 15), die zurückblicken läßt auf die hier behandelte von 2018, wird im Vergleich deutlich, daß diese ältere noch gar nicht jene Unterscheidung zwischen der nordostasiatischen Genetik in der östlichen Mongolei und der westsibirischen Genetik der westlichen Mongolei vornimmt, die dann in der Studie von 2020 vorgenommen wird. Es war da etwa die Rede von der ... (3)

... südlichen sibirischen Jäger-Sammler-Herkunft, die den stärksten beobachteten Genfluß aufwies in die Kultur der Zentralen Saka. Diese ostasiatische Beimischung ... 
... southern Siberian hunter-gatherer ancestry with the strongest gene flow observed into the Central Sakas. This East Asian admixture ...

Die hier deutlich werdende mangelnde Unterscheidung und Differenzierung zwischen beiden Herkunftsgruppen geht auch aus den graphischen Darstellungen der Herkunftsanteile der unterschiedlichen skythischen Völker und ihrer Nachfolge-Kulturen hervor (Abb. 1): Xiongnu und Hunnen haben nach dieser Darstellung - scheinbar - rein westsibirische Genetik, während sie in Wirklichkeit - nach der neuen Studie - nur nordostasiatische Genetik aufweisen. Beide werden also in der Studie von 2018 in einen Topf geworfen. - Zum Verständnis: Oben rechts in der Grafik aus Abbildung 1 symbolisieren: A, Andronovo-Kultur; B, Neolithic European (Europe_EN); C, Baikal hunter-gatherers; D, Neolithic Iranian (Iran_N).

Abb. 1: orange/braun: osteuropäische Jäger/Sammler, rot: iranisch-neolithische Herkunft, hellblau: anatolisch-neolithische Herkunft, hellgrün: westsibirische Jäger-Sammler-Herkunft (Baikal), bzw. (später, bei Xiongnu und Hunnen) nordostasiatische Herkunft (aus: 3)

Nach der Studie von 2018 weisen die Skythen Ungarns in etwa die Genetik der zweiten Welle der indogermanischen Ausbreitung auf, also der Andronowo-Kultur, allerdings mit einer verstärkten anatolisch-neolithischen Herkunftskomponente (3). In alle sequenzierten skythischen Völker am Tianshan hat sich zu der Genetik der zweiten Welle der indogermanischen Ausbreitung aber (hellgrüne) westsibirische Jäger-Sammler-Genetik - zu 20 bis 40 % - eingemischt (3) (Abb. 1). Dies gilt auch für die "Westlichen Xiongnu" (s. 14, 15), wo ein Fehlen der anatolisch-neolithischen Herkunft allerdings auch auf Herkunft von der ersten Welle der indogermanischen Ausbreitung (in Verbindung mit der Afanasijevo-Kultur) hindeuten könnte (s. Abb. 1).  Über die Skythen hieß es 2018 dementsprechend (3, S. 2):

Wir stellen fest, daß ungarische Skythen vergleichsweise hohe europäische Bauern-Herkunft aufweisen und keine Zeichen eines Genzuflusses von innerasiatischen Gruppen aufweisen. Umgekehrt zeigen die innerasiatischen Saken vergleichsweise hohe südsibirische Jäger-Sammler-Herkunft auf, am meisten in den Zentralen Saken. (...) Die Zunahme der iranisch-neolithischen Herkunft bei den Tianshan-Saken ist beträchtlich, wenn man sie mit der bei den Zentralen Saken vergleicht; die Tagar zeigen höhere Anteile osteuropäischer Jäger-Sammler-Herkunft auf, verglichen mit allen anderen Skythen. (...) Zusammen genommen unterstützen unsere Daten den jüngst aufgrund mitochondrialer DNA-Untersuchungen vermuteten Genfluß zwischen unterschiedlichen skythischen Gruppen nicht, sondern legen eine Vermischung von spätbronzezeitlichen Herdenhalter-Völkern mit verschiedenen örtlichen Völkerschaften nahe. (...) Unsere Daten zeigen, daß äußerlich kulturell ähnliche Skythen genetisch sehr strukturierte Gruppen innerhalb der eurasischen Steppen repräsentieren.
We find that Hungarian Scythians had relatively increased European farmer ancestry (Extended Data Fig. 3) and show no signs of gene flow from Inner Asian groups. Conversely, Inner Asian Sakas show relatively increased southern Siberian hunter-gatherer ancestry with the strongest gene flow observed into the Central Sakas. (...) The increase in Neolithic Iranian ancestry in the Tian Shan Sakas is significant when compared to Central Sakas; the Tagar display increased eastern hunter-gatherer (EHG) ancestry compared to all other Scythians. (...) Taken together, our data do not support the recent mtDNA-based claim of extensive gene flow between the different Scythian groups, but instead indicate admixture between populations of Late Bronze Age herder descent and various local groups, consistent with the multiple origins model (model 3 described above). Our data show that the culturally similar Scythians represented genetically structured groups within the Eurasian steppes.

Die einheitliche Kultur der Skythen zwischen Ungarn und dem Tianshan-Gebirge beruht also auf der indogermanischen Herkunftskomponente der zweiten Ausbreitungsbewegung der Indogermanen in der Mittleren Bronzezeit. Unterschiede innerhalb der Teilstämme der Skythen ergeben sich aufgrund unterschiedlicher Vermischungen mit regional einheimischen Bevölkerungen, im Westen mit verstärkter anatolisch-neolithischer Genetik, im Osten insbesondere mit westsibirischer Genetik (zu geringeren Teilen auch mit iranisch-neolithischer BMAC-Genetik aus der Marghiana in Turkmenistan). Bei den Tagar auch mit osteuropäischer Jäger-Sammler-Herkunft. In der Studie von 2018 wird dann der außer-genetische Forschungsstand zur Geschichte der Turkvölker folgendermaßen umrissen (3):

Es gibt gute Argumente dafür, daß Elemente turkischer Sprachen zurest bei den Xiongnu-Nomaden festzustellen sind. (...) Im allgemeinen wird angenommen, daß sich die Hunnen Richtung Westen ausgebreitet haben und dabei die türkischen Sprachen über ganz Zentralasien ausgebreitet haben auf Kosten der (vorher dort vorherrschenden) iranischen Sprachen.
Original: Turkic language elements arguably first emerged among the Xiongnu nomads. (...) It is commonly believed that the Huns spread westward, disseminating Turkic languages throughout Central Asia at the cost of Iranian languages.

Es bleibt also festzuhalten, daß die Hunnen turksprachig waren. Auf Wikipedia steht dazu interessanterweise (Wiki):

Die Turksprachen haben viele Lehnwörter aus den iranischen Sprachen, vor allem dem Sogdischen sowie dem Persischen, übernommen. Das Sogdische war die weit verbreitete dominante Sprache in Zentralasien und entlang der Seidenstraße nach China, bevor sie durch später eindringende Turksprachen ersetzt wurde. Umgekehrt wurden auch die iranischen Sprachen, auch das Neupersische, von den Turksprachen beeinflußt. Einige Lehnwörter wurden auch aus den chinesischen Sprachen übernommen. So zeigen die Turksprachen frühen Sprachkontakt mit sinitischen (chinesischen) Sprachen auf, bevor die Westwanderung einsetzte.

Und (Wiki):

Die ältesten türkischen Schriftzeugnisse sind die Runeninschriften des Orchon-Jenissei-Gebietes sowie die Turaninschriften. Diese stammen überwiegend aus dem 8. Jahrhundert. Die Schrift, in der die Orchon-Texte überliefert sind, weist äußere Ähnlichkeiten mit den germanischen Runen auf (ohne jedoch mit diesen verwandt zu sein), so daß auch sie als Runenschrift bezeichnet wird.

Und (Wiki):

Nach Josef Matuz reichte die Urheimat der Turkvölker im Norden über den Baikalsee hinaus ins heutige Sibirien hinein, im Westen sei sie von Altai und Sajangebirge, im Osten von den Bergen des Tian Shan und im Süden vom Altungebirge im heutigen Xinjiang umgrenzt gewesen. (...) Unstrittig ist jedoch, daß die Xiongnu teilweise Vorläufer der heutigen Turksprachen benutzten bzw. daß zumindest die herrschende Schicht in dieser Föderation turksprachig war und ein anderer Teil altmongolische und tungusische Sprachen verwendete. So werden sie denn auch überwiegend als „turko-mongolisch“ beschrieben und bezeichnet.

Diese Feststellungen scheinen nun durch die Archäogenetik untermauert, ergänzt und bestätigt zu werden. Es wird auch über die Völker der Wusun (Wiki) und Kangju (Wiki) im Siebenstromland die Angabe gemacht, daß sie einen höheren Anteil iranisch-neolithischer Genetik als die übrigen östlichen Skythen hatten, deshalb heißt es über sie (3, S. 3): 

Wir vermuten deshalb, daß die Wusu-n und Kangju-Gruppen Nachfahren jener bronzezeitlichen Herdenhalter waren, die im Austausch mit der Zivilisation des "Baktrien-Marghiana-Archäologischen Komplexes"  im südlichen Usbekistan und im östlichen Turkmenistan standen.
We therefore suspect that the Wusun and Kangju groups are descendants of Bronze Age pastoralists that interacted with the civilization of the Bactria-Margiana archaeological complex in southern Uzbekistan and eastern Turkmenistan.

Und (3):

So untermauern unsere Ergebnisse die Vermutung, daß das Verschwinden der innerasiatischen Skythen und Sakaen vor zweitausend Jahren mit der Ausbreitung der Xiongnu Richtung Westen zusammen fällt. Diese Invasion der Xiongnu führte ebenso zur Vertreibung isolierter verbliebener Gruppen - die in Beziehung standen zu spätbronzezeitlichen Herdenhaltern - die auf der Südostseite des Tianshan-Gebirges verblieben waren. (...) Wir finden Hinweise darauf, daß Elite-Soldaten, die in Verbindung standen mit dem türkischen Khaghanat Ostasiaten genetisch näher stehen als die vorhergehenden Hunnen des Tianshan-Gebirges. (...) Diese Ergebnisse legen nahe, daß türkische kulturelle Gewohnheiten durch eine ostasiatische Eliten-Minderheit in den Nomaden-Völkern der zentralen Steppe eingeführt wurden, was eine kleine, feststellbare Zunahme von ostasiatischer Herkunft mit sich brachte.
As such our results support the contention that the disappearance of the Inner Asian Scythians and Sakas around two thousand years ago was a cultural transition that coincided with the westward migration of the Xiongnu. This Xiongnu invasion also led to the displacement of isolated remnant groups - related to Late Bronze Age pastoralists - that had remained on the south-eastern side of the Tian Shan mountains. (...) We find evidence that elite soldiers associated with the Turkic Khaganate are genetically closer to East Asians than are the preceding Huns of the Tian Shan mountains. We also find that one Turkic Khaganate-period nomad was a genetic outlier with pronounced European ancestries, indicating the presence of ongoing contact with Europe. (...) Additionally, we analysed ten culturally unaffiliated Medieval-period nomads, most of whom showed pronounced East Asian ancestry, albeit in very different proportions. (...) These results suggest that Turkic cultural customs were imposed by an East Asian minority elite onto central steppe nomad populations, resulting in a small detectable increase in East Asian ancestry.

Dabei wird - wohlgemerkt - noch nicht unterschieden zwischen der nordostasiatischen Herkunftskomponente, von der hier vornehmlich die Rede ist und der - in der Mongolei damals weitgehend aussterbenden - westsibirischen Herkunftskomponente (14, 15). Weiterhin heißt es (3): 

Die weite Verbreitung von Turksprachen vom nordwestlichen China, der Mongolei und Sibirien im Osten bis in die Türkei und Bulgarien im Westen setzt großräumige Ausbreitungsbewegungen aus der Urheimat in der Mongolei seit ungefähr 2000 Jahren voraus. Die Verzweigung innerhalb der Turksprachen setzt mehrere Ausbreitungswellen voraus. (...) Die ostasiatische Ausbreitungsbewegung, die mit den Xiongnu beginnt, stimmt gut mit der Hypothese zusammen, daß als Hauptsprache der Xiongnu-Gruppen eine frühe Turksprache gesprochen wurde. Spätere Ausbreitungen von Ostasiaten Richtung Westen finden eine gute sprachliche Entsprechung in dem Einfluß des Mongolischen auf Turksprachen und auf das Iranische in dem letzten Jahrtausend.
The wide distribution of the Turkic languages from Northwest China, Mongolia and Siberia in the east to Turkey and Bulgaria in the west implies large-scale migrations out of the homeland in Mongolia since about 2,000 years ago. The diversification within the Turkic languages suggests that several waves of migration occurred and, on the basis of the effect of local languages, gradual assimilation to local populations had previously been assumed. The East Asian migration starting with the Xiongnu accords well with the hypothesis that early Turkic was the major language of Xiongnu groups. Further migrations of East Asians westwards find a good linguistic correlate in the influence of Mongolian on Turkic and Iranian in the last millennium.

Wie gesagt, verliert sich nach den Ergebnissen der Studie von 2020 die westsibirische Herkunftskomponente nach dem Ende des Großreiches der Xiongnu im Großraum der Mongolei. In den nachfolgenden Turkvölkern scheint sie ebensowenig mehr vorhanden zu sein wie die vorherigen indogermanischen Herkunftsanteile. Aber an ihre Stelle tritt - zu 5 % (bei den Khitan [Wiki]) bis 45 % (bei den Uiguren) - Genetik der Sarmaten und Alanen.

_____________________________________________
  1. Allentoft et. al. 2015 (Eske Willerslev): Population genomics of bronze age Eurasia. Nature Magazine 
  2. Damgaard et. al. 2018 (Eske Willerslev): The first herders and the impact of early Bronze Age steppe expansions into Asia. Science Magazine, 9. Mai 2018
  3. Damgaard et. al. 2018 (Eske Willerslev): 137 ancient human genomes from across the Eurasian steppes. Nature Magazine, 9. Mai 2018
  4. Bading, Ingo: Die Frühbronzezeit in den Fürstentümern der Seidenstraße. 4. November 2007, http://studgendeutsch.blogspot.com/2007/11/die-vor-wenigen-wochen-erffnete.html 
  5. Bading, Ingo: Aufsatzreihe zu den Sogdern und Tocharern, 2007, http://studgendeutsch.blogspot.com/search/label/Sogder
  6. Bading, Ingo: Neue Forschungen zur Entstehung der Indogermanen. Wie entstanden die modernen europäischen Völker? - Ancient-DNA-Forscher David Reich berichtet über den aktuellen Forschungsstand. 2. Juli 2017, http://studgendeutsch.blogspot.com/2017/07/neue-forschungen-zur-entstehung-der.html
  7. Bading, Ingo: Aufsätze zur Indoeuropäer-Frage, 2007-2017, http://studgendeutsch.blogspot.com/search/label/Indoeurop%C3%A4er
  8. Bading, Ingo: Aktuellste schriftliche Blogbeiträge seit 2018 immer auf: https://plus.google.com/+IngoBading [Google Plus-Dienst ist inzwischen - 2019 - eingestellt]
  9. London, Jack: Ein Sohn der Sonne. http://gutenberg.spiegel.de/buch/ein-sohn-der-sonne-10086/1
  10. Wade, Lizzie: Ancient DNA untangles South Asian roots. In: Science, 20 Apr 2018: Vol. 360, Issue 6386, pp. 252 DOI: 10.1126/science.360.6386.252, http://science.sciencemag.org/content/360/6386/252.full
  11. Vagheesh M Narasimhan et. al. (inkl. David Reich): The Genomic Formation of South and Central Asia. bioRxiv 292581; doi: https://doi.org/10.1101/292581 This article is a preprint and has not been peer-reviewed, 31.3.2018, https://www.biorxiv.org/content/early/2018/03/31/292581
  12. Khan, Razib: The Maturation Of The South Asian Genetic Landscape. Gene Expression, 31.3.2018, https://www.gnxp.com/WordPress/2018/03/31/the-maturation-of-the-south-asian-genetic-landscape/
  13. Rohan Venkataramakrishnan: Aryan migration: the Indus Valley civilisation is key to all South Asian populations. Scroll.in, Apr 02, 2018, https://scroll.in/article/874102/aryan-migration-everything-you-need-to-know-about-the-new-study-on-indian-genetics 
  14. A Dynamic 6,000-Year Genetic History of Eurasia’s Eastern Steppe. Choongwon Jeong, Ke Wang, Shevan Wilkin, Myagmar Erdene, Jessica Hendy, Christina Warinner. Cell, Open Access, Published:November 05, 2020, DOI:https://doi.org/10.1016/j.cell.2020.10.015, https://www.cell.com/cell/fulltext/S0092-8674(20)31321-0.
  15. Bading, Ingo: Turkvölker, Indogermanen, Sarmaten und Hunnen - Zwischen Mongolei und Kaukasus  Die Geschichte der Völker in der Mongolei und rund um das Altai-Gebirge, 7. November 2020, http://studgendeutsch.blogspot.com/2020/11/turkvolker-indogermanen-sarmaten-und.html.

Donnerstag, 16. Juli 2009

"Das größte genetische Experiment, das jemals am Menschen durchgeführt wurde"

"Das indische Kastensystem war das größte genetische Experiment, das jemals am Menschen durchgeführt wurde."
("The caste system in India was the grandest genetic experiment ever performed on man.”)
So lautet eines der vielen eingängigen Zitate, die, formuliert von berühmten biologischen Vordenkern wie Charles Darwin oder Theodosius Dobzhansky, Zusammenhänge auf den Punkt bringen und deshalb immer wieder einmal gerne zitiert werden. Nämlich dann, wenn eben auf diese Zusammenhänge selbst das Augenmerk gerichtet werden soll. Übrigens stammt auch dieses Zitat - sollte es noch jemanden verwundern? - vom "großen" Theodosius Dobzhansky. Jedenfalls ist dieses Zitat auch wieder einer neuen genetischen Studie über Indien vorangestellt worden (2, pdf.), die unter der Koautorschaft des britischen Humangenetikers Chris Tyler-Smith veröffentlicht worden ist. Und tatsächlich beherbergt Indien ja
"eine der kulturell heterogensten menschlichen Gesellschaften überhaupt",
wie es in einer anderen Studie (3) heißt. Jeder Inder gehört offiziell zu einer von 4.635 Gemeinschaften (also Ethnien oder Kasten) in Indien. Schon im Jahr 1983 war dazu in den "Annals of Human Biology" eine lesenswerte Studie erschienen mit dem Titel:
"Die Bedeutung des indischen Kastensystems hinsichtlich der evolutionären Anpassung - eine ökologische Perspektive"
("Adaptive significance of the Indian caste system: an ecological perspective")

(1, pdf.). Diese Studie des indischen Biologen Madhav Gadgil (geb. 1942) (Wiki) gibt einen guten Eindruck von dem vielfältigen Zusammenleben und von dem vielfältigen Aufeinander-angewiesen-Sein der zahlreichen traditionellen, endogam lebenden Stämme und Kasten in der indischen Gesellschaft. Sie gibt auch einen guten Eindruck von der jeweilig recht einzigartigen ökologischen und wirtschaftlichen Spezialisierung und "Einnischung" jeder einzelnen Kaste und jedes einzelnen Stammes sowohl in die indische Gesamtgesellschaft, als auch in die jeweiligen natürlichen Lebensbedingungen und Klimazonen vor Ort.

Ein spannendes Thema, diese vielfältigen Verflechtungen von Gruppen nun zusätzlich noch mit etwaigen jeweiligen genetischen (Fitneß-)Interessen von endogamen Stammes- und Kasten-Gruppen in Abgleich zu bringen, so wie man es ja auch schon im Titel bei dem Begriff "adaptive" heraushören mag. (Oder sie auf jeweilige "gruppenevolutionäre Strategien" hin zu untersuchen.)

Und auf solche Dinge wird dann auch tatsächlich am Ende des Aufsatzes (S. 473) hingedeutet, wenn ausgeführt wird, daß man die in diesem Aufsatz erforschten wirtschaftlichen Spezialisierungen und "Einnischungen" der jeweiligen Kasten und Stämme künftig auch noch unter der breiteren Perspektive der Gen-Kultur-Koevolutions-Theorien von Edward O. Wilson & Charles Lumsden (1981) und Luigi Luca Cavalli-Sforza & Marcus Feldman (1981) erforschen wolle. An welcher Stelle Gadgil selbst seither noch einmal auf diese Ansätze zurückgekommen ist, ist einer schnellen Literatur-Recherche nicht zu entnehmen.

Aber schon die Veröffentlichungsliste dieses innerhalb der Forschung höchstens wenigen Kennern *) bekannten indischen Anthropologen Madhav Gadgil weist viele weitere, ähnlich interessante Themen auf. Schon 1975 veröffentlichte er zum Beispiel - und zwar über Edward O. Wilson - eine theoretische Studie zum Thema Gruppenselektion (pdf.). Er könnte also zusätzlich zu der anregenden Studie von 1983 noch mancherlei Anregendes verfaßt haben oder weiterhin zu verfassen im Sinn haben.

1. In China genetische Einebnung, in Indien genetisches Kontrast-Programm zwischen Gruppen

Aber genau solche Fragestellungen werden auch schon in der genannten neuen genetischen Studie von 2008 angegangen. (2) Und zwar anhand der genetischen Vielfalt, die das Y-Chromosom bei Menschen verschiedener Stämme und Kasten in Indien aufweist. Es wird die genetische Vielfalt innerhalb und zwischen verschiedenen Stämmen und Kasten in Indien verglichen mit der genetischen Vielfalt innerhalb und zwischen "Populationen" in China. Eine Vergleichbarkeit ist ja schon insofern gegeben, als sowohl in Indien wie in China heute jeweils über 1 Milliarde Menschen leben. Hinsichtlich Chinas sind in die Studie auch so unterschiedliche ethnische Gruppen ("Populationen") mit einbezogen worden wie die Ewenken, die Tibeter, die Uiguren, die Koreaner. Daneben zahlreiche lokale Han-Gruppen und zahlreiche südchinesische ethnische Populationen, die aber zumeist heute schon sehr weitgehend "sinisiert" sind. (Deshalb wohl auch wird in der Studie durchgängig bezüglich China von "Populationen" gesprochen, während bezüglich von Indien von "Ethnien" und "Kasten" gesprochen wird.)

Nach den Ergebnissen dieser Studie sind nun die genetischen Unterschiede zwischen den heutigen Stämmen und Kasten in Indien deutlich "kontrastreicher", "konturenreicher", "unebener" als zwischen den heutigen "Populationen" in China, sogar dann, wenn in China solche Gruppen wie die Uiguren mit hineingenommen werden. Einerseits ist also - insgesamt gesehen - die genetische Einheitlichkeit innerhalb der Stämme und Kasten Indiens größer als die genetische Einheitlichkeit innerhalb der jeweiligen untersuchten Populationen Chinas. Andererseits ist die genetische Vielfalt zwischen den Stämmen und Kasten Indiens größer als die zwischen den Populationen Chinas.

Während also innerhalb von China die genetischen Populationsunterschiede im Vergleich zu Indien mehr "eingeebnet" erscheinen - wie gesagt, sogar unter Einschluß solcher Gruppen wie der Uiguren -, scheinen sie in Indien deutlicher prononciert und "unebener", "bergiger" in den genetischen Häufigkeitsverteilungen zu sein.

Es drängt sich geradezu der Eindruck auf - und dies wäre schon Teil einer selbständigeren Interpretation der Ergebnisse dieser Studie -, als ob der starke kulturelle Trend zur konfuzianischen "Vereinheitlichung" und zum Konformismus in China, zur "Sinisierung" seit hunderten oder tausenden von Jahren - man kann sicherlich auch sagen: der kulturelle "Druck" diesbezüglich innerhalb der dominierenden Han-Bevölkerung und von dieser auch gegenüber anderen ethnischen Gruppen - sich auch auf genetischer Ebene in Richtung auf eine stärkere Einebnung genetischer Unterschiede zwischen Gruppen ausgewirkt hat. Also auf eine gleichmäßigere Verteilung der genetischen Vielfalt auf die Gesamtbevölkerung. Auf eine Einebnung von genetischen Gruppenunterschieden - zumindest im Vergleich zu Indien. Die genetische Vielfalt ist jedenfalls innerhalb der chinesischen (Sub-)Populationen größer und zwischen den chinesischen (Sub-)Populationen geringer als in Indien.

2. Nicht die Kasten, sondern die Stämme in Indien stellen "das größte genetische Experiment am Menschen" dar

In Indien weist nun zusätzlich noch die ältere und hier offenbar auch noch besser erhaltene soziale und kulturelle Lebensform des "Stammes" eine geringere "innerstammliche" genetische Vielfalt auf - noch heute, als sowohl die Kasten in Indien als auch die "Populationen" in China. Das heißt, sie weist eine größere genetische Einheitlichkeit auf. Und die vielleicht in der Spätbronzezeit (um 1.500 v. Ztr.) auf der Grundlage vieler städtischer Vorgängerkulturen in Indien eingeführte soziale Lebensform der "Kaste" weist demgegenüber - also verglichen mit den indischen Stämmen - eher in Richtung Einebnung der genetischen Gruppenunterschiede. Diese genetische Einebnung ist aber bei den indischen Kasten noch nicht so weit gegangen, wie in China zwischen den verschiedenen Populationen.

Würden sich diese Forschungen bestätigen, wären sie schon einmal einigermaßen frappierend. Welche Schlußfolgerungen aber könnten aus diesen Ergebnissen abgeleitet werden, zumal, wenn versucht wird, sie in Abgleich zu bringen mit den Ansätzen der Studie von 1983?

Gadgil legte 1983 den Schwerpunkt der Argumentation auf die Tatsache der Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende langen Koexistenz von unterschiedlichen Gruppen, die durch die Umsicht und Sorgfalt ("prudence"), ja, Rücksichtnahme gegenüber der Ökologie ihres Lebensraumes und auch gegenüber jeweilig koexistierenden ethnischen Gruppierungen gekennzeichnet gewesen wäre. Jahrhunderte lange kulturelle Koexistenz hat hier also zusammen mit der Aufrechterhaltung der ethnischen Heiratsschranken zu einer prononcierten Verteilung der genetischen Gruppenvielfalt geführt.

Führen Verwandten-Altruismus und/oder altruistisches Bestrafen zu Rücksichtnahme zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen in Indien?

Ein weitergehender Gedankengang wäre: Größere genetische Einheitlichkeit innerhalb eines Stammes oder einer Kaste könnte Verwandten-Altruismus fördern. Oder besser gesagt: Der Zusammenhalt des Stammes oder der Kaste selbst könnte durch verwandten-altruistische Motivationen stabilisiert worden sein. (Siehe etwa die Forschungen von Frank Salter und anderen.) Andererseits aber wäre es erforderlich, in eine allgemeinere Theorie der Evolution menschlichen sozialen Verhaltens miteinzubeziehen, daß eine Herabsenkung der genetischen Einheitlichkeit innerhalb einer Population und eine Verringerung der genetischen Unterschiede gegenüber anderen Populationen durch andere, evolutiv jüngere Formen von Altruismus und Kooperationsbereitschaft kompensiert werden müßten, als jene, die durch verwandten-altruistische Motivationen hervorgerufen werden.

Da denkt man zuerst an Institutionen und religiöse Vorstellungen, die durch einen tatsächlichen oder vorgestellten "dritten Bestrafer" im gesellschaftlichen "Third-Party-Punishment-Spiel" egoistisches Täuschen und Trittbrettfahren im sozialen Austausch von Leistungen verhindern oder vermindern können. (Das sogenannte "altruistische Bestrafen" durch gegenseitige soziale Kontrolle, bzw. die Überwachung durch unbeteiligte Dritte wie Polizisten, Götter, Priester und andere Dinge mehr.)

Gruppenkonkurrenz? Gruppenselektion?

In jedem Fall deutet sich an, daß in dem über so viele Jahrhunderte hinweg auch vergleichsweise harmonischen Zusammenleben von Gruppen in Indien Vorgänge von "Gruppenkonkurrenz" oder gar von "Gruppenselektion" in etwas anderer Weise abgelaufen sein könnten, als zeitgleich in China. Die traditionelle indische, kulturelle Sozialpsychologie, so möchte man mutmaßen, konnte ethnische Vielfalt besser tolerieren und mit ihr umgehen, als die zeitgleiche chinesische.

Man müßte also, so drängt sich der Vergleich auf, in der chinesischen Geschichte deutlichere Mechanismen der genetischen Einebnung - sicherlich auch über Genozide und Suizide (ethnisch und verhaltensgenetisch deutlich von der Mehrheitsbevölkerung abweichender Bevölkerungen und Menschen) - beobachten, als in der indischen Geschichte. Weil der ethnische Konformitätsdruck hier zeitweise (also z.B. nach der kulturell offenen Tang-Zeit) wesentlich größer gewesen sein könnte.

Aber auch viele andere gedankliche Ansätze könnten sicherlich an diesem "größten genetischen Experiment, das jemals am Menschen durchgeführt wurde", erprobt werden und auf empirische Gültigkeit hin überprüft werden. Möglicherweise bietet also gerade der Vergleich zwischen Indien und China schon ein ganz gutes gedankliches und datenmäßiges "Experimentierfeld", um Theorien zur Evolution menschlichen altruistischen Verhaltens in Stammesgesellschaften und darüber hinaus auf ihre Robustheit zu testen. Und dabei könnte es dann sinnvoll sein, vor allem auch den letzten Satz der Studie von 2008 zu berücksichtigen:

"Das 'größte Experiment, das jemals durchgeführt wurde' mag tatsächlich eher jenes gewesen sein, das die sozialen und genetischen Strukturen der Stämme hervorgerufen hat, als jenes, das das Kastensystem hervorgebracht hat."
("The 'grandest experiment ever performed' may in fact have been the one which produced the tribal social and genetic structure, rather than the caste system.")

Diese Aussage führt nämlich noch zu einer anderen Frage: Warum glauben Evolutionsforscher, anhand von kontrastreicher, menschlicher (genetischer) Populationsvielfalt mehr lernen zu können als anhand von eher eingeebneter genetischer Populationsvielfalt? Sicherlich weil sie richtigerweise intuitiv davon ausgehen, daß es insgesamt die genetische Vielfalt von Populationen ist, die erklärt werden muß, und daß ein Fall wie China demgegenüber sich dann eher nur als ein "Spezialfall" der Humanevolution erweisen könnte, von dem höchstens im Gegensatz zu und im Vergleich mit anderen Fällen allgemeingültigere Evolutionsgesetze abgeleitet werden könnten.

Aber niemand sollte China und seine geschichtlichen Lebensgesetze unterschätzen. Seine gegenwärtigen explosiven Zuwachsraten führen es wirtschaftlich schon ziemlich bald an seine beiden ostasiatischen "Brüder" (nein, im ostasiatischen Verständnis: "Söhne") heran, nämlich an Japan und Südkorea. Indien bleibt demgegenüber mit seiner viel gepriesenen ethnischen Vielfalt wohl auch weiterhin im weltweiten Vergleich wirtschaftlich weit zurück. Mit einer etwaigen genetischen Vereinheitlichung und Einebnung zwischen den (Sub-)Populationen Chinas könnte also - ebenso wie in Japan und Korea - auch der Gewinn von Entwicklungspotentialen einhergegangen sein, die in dieser Weise heute in Indien nicht so deutlich vorhanden sein mögen.

Es gibt also sicherlich noch viele andere, spannende "genetische Experimente am Menschen", die ähnliche Bedeutung haben, wie jenes Jahrtausende alte in Indien.

- Übrigens hat Jared Diamond in einem "Peeling the Chinese Onion" benannten Nature-Artikel 1998 einmal gemutmaßt, daß die Einheitlichkeit der chinesischen Geographie im Gegensatz zur Vielfalt der europäischen Geographie zu wesentlichen Anteilen für den unterschiedlichen Verlauf der (neuzeitlichen) Geschichte in China und Europa verantwortlich sein könnte. Ob er da wohl berücksichtigt hat, daß dann auch in dem geographisch einheitlicheren Indien (ebenfalls nur wenige Inseln oder Halbinseln) ein mit China vergleichbarer Geschichtsverlauf festgestellt werden müßte? Und weisen die Daten der hier behandelten Studie von 2008 nicht doch noch in eine ganz andere Richtung?

________

*) Zum Beispiel in der Studie "Diaspora Peoples" von Kevin MacDonald (enthalten in der ersten Taschenbuch-Ausgabe von "A People That Shall Dwell Alone", 2002), in die sich die Arbeit von Gadgil thematisch gut hineinfügen lassen würde, ist ein Autor Gadgil nirgends erwähnt.

________

ResearchBlogging.org




  1. Gadgil, M.; Malhotra, K.C. (1983): Adaptive significance of the Indian caste system: an ecological perspective. Annals of Human Biology, 10 (5). 465 -477.
  2. Denise R. Carvalho-Silva, & Chris Tyler-Smith (2008). The Grandest Genetic Experiment Ever Performed on Man? – A Y-Chromosomal Perspective on Genetic Variation in India Int J Hum Genet, 8 (1-2), 21-29
  3. N V Joshi, M Gadgil, & S Patil (1996). Correlates of the desired family size among Indian communities PNAS, 93 (13), 6387-6392

Samstag, 14. Juli 2007

Leben deutsche Rentner vom indischen Müll?

Ich liebe es ja nicht zu hetzen und zu polemisieren (- ehrlich!). Aber manchmal schreien und hetzen und polemisieren Tatsachen selbst. Es springt einem geradezu ins Auge, wenn man sich mal ein paar Zusammenhänge klar gemacht hat.

Die fehlenden Fachkräfte, die die gegenwärtige deutsche Bundesregierung aus dem Ausland holen möchte, statt sie von deutschen Eltern aufziehen zu lassen (s. St. gen.), werden mit - - - Müll aufgezogen. (Geo) Auch mit Müll aufgezogen.

Die Schlagzeile von "Geo" lautet:
Bangladesch: Vom Reichtum im Abfall
Im Müll von Dhaka lebt Ali Akbars Familie. Der Müll ist ihr Geschäft und bringt mehr ein als die tägliche Mahlzeit und die Studiengebühr für den Ältesten ...
- Sorry, das schreibe nicht ich, das schreibt "Geo". So wird den künftigen Fachkräften, die in Deutschland arbeiten und die deutschen Renten finanzieren sollen, das Studium finanziert. Auch finanziert. Die Einzelheiten lese man bitte selbst in dem Artikel nach. Ich meine: die Details bezüglich Mütter-Arbeit auf Müllbergen.

Nicht daß man durch eigenes (deutsches) Aufziehen von Fachkräften an den Lebens- und Wirtschaftsbedingungen in Indien vorderhand besonders viel ändern wird. Aber deutsche Rentner - und alle, die künftig deutsche Rentner sein werden (also wir!) - sollten sich bewußt bleiben, welche Kinderaufzucht-Bedingungen sie in Kauf nehmen, damit ihre eigenen Renten sicher gestellt sind, mit welchen Arten von Kinderaufzucht-Bedingungen sie ihre eigenen Renten sicher stellen wollen. Humaner wäre, so will mir scheinen, die "Schmutzarbeit" nicht indischen Familien zu überlassen, sondern deutsche Fachkräfte in Deutschland aufzuziehen - und ohne Müll.

74.000 Jahre vor heute: Der moderne Mensch lebt in Indien

In Indien gefundene menschliche Steinwerkzeuge, deren Alter auf 74.000 Jahre datiert wurde, ähneln mehr 100.000 Jahre alten menschlichen Steinwerkzeugen in Afrika als ähnlich alten in Europa. (BdW) Deshalb nehmen die Forscher an, daß schon zu diesem frühen Zeitpunkt in Indien nicht Neandertaler oder nahe Verwandte von ihnen lebten, sondern der anatomisch moderne Mensch. Das ist ein sehr früher Zeitpunkt.

Und damit deutet sich die Möglichkeit an, daß außerafrikanische (anatomisch moderne) Menschengruppen viel Zeit gehabt haben könnten (vielleicht sogar 30.000 Jahre), um sich endgültig in einen (nord-)europäischen und (ost-)asiatischen Zweig aufzuspalten. (Der australische und südostasiatische Zweig könnten sich schon früher abgespaltet haben.)

Es wäre jetzt sicherlich interessant, die Frage zu klären, ob diese Aufspaltung, diese geographische Trennung genetisch gesehen früh oder spät erfolgte. Nach allem, was wir aus den humangenetischen Erkenntnissen der letzten Jahre wissen, hat sich ja evolutiv noch viel getan seit der genetischen Trennung der ostasiatischen von den (nord-)europäischen Menschengruppen - und natürlich auch beider Gruppen von den im Mittleren Osten verbliebenen Menschengruppen. In diesen allen kam es nach der Trennung genauso wie in Afrika zu unabhängiger, lokaler Humanevolution, die jeweils unter ganz unterschiedlichen natürlichen und kulturellen selektiven Drücken stattgefunden haben.
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

Registriert unter Wissenschafts-Blogs

bloggerei.de - deutsches Blogverzeichnis

Haftungsausschluß

Urheber- und Kennzeichenrecht

1. Der Autor ist bestrebt, in allen Publikationen die Urheberrechte der verwendeten Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu beachten, von ihm selbst erstellte Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu nutzen oder auf lizenzfreie Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zurückzugreifen.

2. Keine Abmahnung ohne sich vorher mit mir in Verbindung zu setzen.

Wenn der Inhalt oder die Aufmachung meiner Seiten gegen fremde Rechte Dritter oder gesetzliche Bestimmungen verstößt, so wünschen wir eine entsprechende Nachricht ohne Kostennote. Wir werden die entsprechenden Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte sofort löschen, falls zu Recht beanstandet.