Dienstag, 5. August 2008

Religions- und Gruppenpsychologie vom Parasitenbefall beeinflußt?

ResearchBlogging.org
Die amerikanischen Biologen Corey L. Fincher und Randy Thornhill haben eine neue These zur Evolution menschlicher Sprach- und Religionsgemeinschaften erarbeitet. Da über diese These zumeist im Zusammenhang mit dem Schlagwort "Parasitenbefall" berichtet wurde, haben das sicherlich viele Leser zu abwegig gefunden, als daß sie weitergelesen haben. Aber die These ist letztlich viel allgemeiner, wie deutlich wird, wenn man sich die Originalartikel vornimmt. (Oikos, Proc. Roy. Soc. B, Proc. Roy. Soc. B)

Der Ausgangspunkt ist nämlich lokale genetische Humanevolution, zunächst bei der Krankheitsabwehr des Menschen. Für solche lokale genetische Humanevolution haben ja die Genetiker in den letzten Jahren eine Fülle von neuen Hinweisen gefunden. ("Studium generale" berichtete häufig darüber.) Es handelt sich hier also um sehr allgemeine Erkenntnisse und Konzepte, die weit über lokal unterschiedlichen Parasitenbefall und genetische, psychologische und kulturelle Anpassung an diesen auf Gruppenebene hinausgehen.

Jüngste, lokale Humanevolution aus der Sicht der traditionellen Soziobiologie

Soweit übersehbar sind das zwei erste Studien von Seiten der "traditionellen" Evolutionären Psychologie (bzw. der Soziobiologie), die konkreter alle die neuen Erkenntnisse in der Humangenetik der letzten zwei, drei Jahre zu jüngster, lokaler Humanevolution aufnehmen - oder sich doch sehr konkret auf theoretischer Ebene an sie annähern. Allein aufgrund dieses allgemeinen theoretischen Ansatzes verdienen die beiden Studien von Fincher und Thornhill hochgradig Beachtung, auch wenn der in diesen Studien erörterte Ansatz selbst noch nicht für sich verbürgen sollte, daß man gleich im ersten Schritt schon zu sehr gut verallgemeinerbaren Ergebnissen kommt. Anpassung an unterschiedlichen Krankheitsgefahren ist sicherlich ein Aspekt von menschlichem Gruppenverhalten . Aber sicherlich auch nicht der einzige. Aber der Ansatz selbst ist so grundlegend, daß er sehr leicht auch erweiterungsfähig sein sollte in viele Richtungen.

Das mag spürbar werden, wenn nur allein einige Stichworte genannt werden aus dem zweiten Originalartikel: "locally adaptive immunity", "spacial variance in the immunbiology", was beides sowohl auf genetischer, wie psychologischer wie kultureller Ebene Auswirkungen hat, nämlich in Richtung von: "philopatry" (Heimatliebe), "ethnocentrism", "xenophobia", "collectivism", "individualism", "average coefficient of relatedness of ego's interactions over the lifetime", "flow of ideas and values", "markers of commitment", "ethnic code as a honest signal" (der "ethnische Code als ein ehrliches Signal") und so weiter und so fort.

Und wie man in der Wissenschaftsberichterstattung und in der Blogszene sehen kann, sind das Studien, die beispielsweise Sprachwissenschaftler gleichermaßen interessieren wie Religionswissenschaftler. Schon allein das deutet auf neue, sehr allgemeine theoretische Ansätze hin. Die Berichte und Blog-Stellungnahmen (hier eine Auswahl: Spektr. d. Wiss., BdW, ORF, Kath.net, Spiegel, Tagesspiegel, New Scientist, Science, Telegraph, Homo economicus' Weblog, Bad Idea, Bremer Sprachblog) sind, wenn man sie mit den Originalartikeln vergleicht, oft noch viel zu oberflächlich und undifferenziert. "Studium generale" wird deshalb versuchen, auf diese Studien noch einmal differenzierter zurückzukommen.

Auszüge aus der Wissenschafts-Berichterstattung

Hier zunächst nur einige wertvollere Auszüge aus der Berichterstattung. Der ORF schreibt:
Überprüft wurde diese These erstmals in den 1970er Jahren, als Forscher verschiedene Pavianpopulationen untersuchten. Es zeigte sich, dass in der afrikanischen Savanne die Affen von ähnlichen Bakterien befallen waren und in regem Austausch miteinander standen.

In den Regenwäldern hingegen unterschied sich der Bakterienbefall zwischen den Populationen stark und die Paviane interagierten weit weniger. Die verschiedenen Parasiten, so lautete der Schluss, sind eine treibende Kraft der Evolution.

Corey Fincher und Randy Thornhill meinen, daß dies auf für die Menschen gilt. (...) Wie sie in ihrer Studie schreiben, gab es überall eine strenge Korrelation zwischen diesen beiden Größen: Je mehr Sprachen es in einem Gebiet gibt, desto unterschiedlicher sind auch die Krankheitserreger, die die verschiedenen Menschengruppen tragen.
Und:
"Individuen müssen Kosten und Nutzen beim Kontakt mit Artgenossen abwägen", meinte Fincher gegenüber dem Online-Dienst des "New Scientist".

Zu den Kosten zähle die Gefahr, sich mit Krankheitserregern eines fremden Individuums anzustecken, an die das eigene Immunsystem nicht angepasst ist. Ist diese Gefahr hoch, wird der Kontakt eingeschränkt.
Man meidet also Gruppenfremde aus Angst vor Ansteckung. Dazu paßt ein früheres Forschungsergebnis, nach dem vor allem schwangere Frauen stärker zwischen Gruppenfremden und Gruppenzugehörigen unterscheiden, da sie gesundheitlich besonders gefährdet sind. (EHB 2007) Weiter:
Hintergrund der Studie ist ein bekanntes Phänomen der Ökologie: Die Artenvielfalt ist rund um den Äquator, in den Tropen und Subtropen, am größten, die Regenwälder sind jene Regionen mit der höchsten Artendichte und -vielfalt. Je näher man zu den Polen kommt, desto geringer ist die Biodiversität.
Aber die Forscher ziehen noch viele weitere Implikationen aus ihren Studien. Nicht nur die Größe, sondern auch die Art der Sprach- und Religionsgemeinschaften sei durch die Häufigkeit unterschiedlichen Parasitenbefalls bedingt, nämlich ob es sich mehr um kollektivistische oder mehr um individualistische Gesellschaften handelt.

Und vor zwei Jahren hat der ORF schon über eine ähnliche Studie zu Parasiten berichtet (ORF, Proc. Royal Soc.), die behauptet, daß der höhere Befall mit einer Parasitenart in Brasilien zu höheren Ängstlichkeits- und Neurotizismus-Raten, sowie zu höherer Betonung von Männlichkeit führe:
... Könnten gewisse Charakteristika nationaler Kulturen auf den Einfluss eines Parasiten zurückzuführen sein? Für die Hypothese spricht, dass der Infektionsgrad mit T. gondii regional sehr unterschiedlich ist. In Großbritannien und Norwegen liegt er bei sieben bzw. neun Prozent, in Brasilien und dem Balkan sind hingegen zwei Drittel der Bevölkerung infiziert.
Eine statistische Analyse von Lafferty zeigt indes, dass tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der Verbreitung des Parasiten und gewissen Persönlichkeitsfaktoren besteht: Gesellschaften, die eine hohen Anteil Infizierter aufweisen, erreichen auch höhere Werte bei Persönlichkeitstests bezüglich Neurotizismus.

Zusammenhänge, wenn auch weniger ausgeprägt, gibt es außerdem bei zwei Faktoren, die vom Niederländer Geert Hofstede eingeführt wurden, um das gesellschaftliche Klima in Kulturgruppen zu charakterisieren: Gesellschaften mit vielen Infizierten weisen eine tendenziell geringere Risikobereitschaft (bzw. höhere "uncertainty avoidance") auf und orientieren sich daher vermehrt an vorgegebenen Regeln. Und sie sind, in der Terminologie von Hofstede, eher "maskulin" - d.h., sie halten eher an traditionellen Geschlechterrollen fest.
Detaillierteres zu diesen Dingen noch einmal in einem weiteren Beitrag.


Corey L. Fincher, Randy Thornhill (2008). Assortative sociality, limited dispersal, infectious disease and the genesis of the global pattern of religion diversity Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, -1 (-1), -1--1 DOI: 10.1098/rspb.2008.0688

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