Die Y-chromosomale Linie der Piasten findet sich im Frühmittelalter in den Niederlanden
Der erste polnische König Mieszko I. (945-992) (Wiki) begründete das polnische Herrscherhaus der Piasten (Wiki).
![]() |
| Abb. 1: Mittelalterliche Halskette, ausgestellt im Piasten-Museum von Ostrów Lednicki (Wiki) zwischen Posen und Gnesen, der Ort, der als Keimzelle des polnischen Staates gilt (Yt2022) |
Seit vielen Jahrzehnten gibt es in der Geschichtswissenschaft eine Erörterung darüber, ob das Piastenhaus von Wikingern begründet wurde oder welcher Herkunft dieses Herrscherhaus sonst wäre. Der Verfasser dieser Zeilen saß 1988 an der Universität Mainz bei Professor Gotthold Rhode im Hauptseminar für polnische Geschichte und erinnert sich noch gut, mit welcher "Behutsamkeit" Professor Rhode dieses Thema angesprochen hat. Es bestand ohne Frage große Sorge, polnische Nationalgefühle zu verletzen. Und Professor Rhode wollte wirklich nur das referieren, was wissenschaftlich gesichert oder wenigstens plausibel war. Eine besonders große Sicherheit gab es zu dieser Zeit zu dieser Frage damals nicht.
Im Zusammenhang mit der Erörterung der spannenden Wikinger-Studie aus der Forschungsgruppe um Eske Willerslev waren wir hier auf dem Blog schon einmal auf diese Thematik zu sprechen gekommen (Stg19). Da sich nach dieser Studie Wikinger-Genetik die Weichsel aufwärts ausgebreitet hat ebenso wie in anderen Teilen Osteuropas, war es immer nahe liegender geworden, daß sich die Wikinger-Herkunft des Piastenhauses bestätigen würde. Nun ist eine neue polnische archäogenetische Studie erschienen, in der mit allen Mitteln und in umfangreichen Untersuchungen versucht worden ist, diese Frage zu klären - anhand gesicherter Menschenreste der Piasten aus Polen selbst (1):
Unsere aDNA-Befunde ermöglichten es uns zusammen mit historischen Daten, die Skelettreste von mindestens zehn Piasten zu identifizieren. Die von uns durchgeführten Genomanalysen deuten darauf hin, daß die Piasten höchstwahrscheinlich nicht aus Polen stammten. Durch die Verfolgung der mütterlichen und väterlichen Abstammungslinien der Piasten bestätigten wir historisch belegte Verbindungen zwischen den Häusern der Piasten und den ungarischen Árpád.
Gemeint sind spätere Heiratsverbindungen, durch die archäogenetische Rekonstruktion des Stammbaumes der Piasten in Polen bestätigt und abgesichert werden kann. Und weiter (1):
Basierend auf unseren Ergebnissen, gestützt durch genealogische Daten, ordneten wir die mitochondrialen und/oder Y-chromosomalen Haplogruppen von über zweihundert bekannten historischen Persönlichkeiten aus europäischen Dynastien und Adelsfamilien zu, darunter 18 Könige. Das so erstellte genetische Profil des Hauses der Piasten vor dem Hintergrund anderer mittelalterlicher Königsdynastien bildet die Grundlage für weitere Studien zu den Prozessen, die im 10. Jahrhundert zur Bildung neuer politischer Gebilde auf der Grundlage von Monarchie und autarker Wirtschaft führten.Our aDNA findings, together with historical data, allowed us to identify the skeletal remains of at least 10 Piasts. The genome-wide analyses we performed indicate that the Piasts most likely came from outside of Poland. By tracing both maternal and paternal Piast lineages, we confirmed historically-documented links between the Houses of Piast and Hungarian Árpád. Based on our results, supported by genealogical data, we assigned the mitochondrial and/or Y-chromosomal haplogroups of over two hundred known historical figures from European dynasties and noble families, including 18 kings. The created genetic portrait of the House of Piast against the background of other medieval royal dynasties forms the basis for further studies of the processes that led to the formation of new political entities based on monarchy and self-sufficient economies in the tenth century.
Die meisten archäogenetischen Daten der Studie stammen aus der Grablege der Piasten in Plock (Wiki) an der Weichsel. Plock liegt 110 Kilometer südwestlich von Hohensalza in Kujawien und 100 Kilometer nordwestlich von Warschau. Der rekonstruierte Y-chromosomale Haplotyp, der über die Jahrhunderte hinweg bei allen gesicherten männlichen Mitgliedern der Piasten vorliegt, findet weder heute noch in früheren Jahrtausenden bislang eine Entsprechung in Polen oder in Osteuropa. Aktuell findet sich dieser Y-chromosomale Haplotyp auch nicht in Skandinavien, weder heute noch in früheren Jahrtausenden. Aber er findet sich - entsprechend dieser Studie - überraschenderweise in Nordwesteuropa (1):
In den DNA-Daten aus der Zeit vor der Entstehung des Piastenstaates wurde dieselbe (Y-chromosomale) Abstammungslinie in drei "Proben" (von Menschenresten) gefunden: CGG_023713 (datiert auf 770–540 v. Ztr.) aus dem heutigen Frankreich, CGG_107766 (datiert auf 20–200 n. Ztr.) aus den heutigen Niederlanden und VK177 (datiert auf 880-1000 n. Ztr.) aus dem heutigen England. Unsere Daten zeigen somit, daß die Piasten der Abstammungslinie R1b-BY3549 angehörten, was darauf hindeutet, daß sie Migranten nicht-slawischer Herkunft waren.Among the samples dated to the period before the Piast state formation, the same lineage was found in three ancient samples: CGG_023713 (dated to 770–540 BCE) from present-day France42, CGG_107766 (dated to 20–200 CE) from present-day Netherlands42, and VK177 (dated to 880–1000 CE) from present-day England43. Thus, our data revealed that the Piasts belonged to the R1b-BY3549 lineage, suggesting that they were migrants of non-Slavic origin.
Das genannte "VK177" aus den Niederlanden ist nun ein Individuum, das in der Wikinger-Studie von Eske Willerslev im Preprint im Jahr 2019 veröffentlicht worden war (Stg19). Die anderen beiden Individuen wurden ebenfalls von der Forschungsgruppe um Eske Willerslev sequenziert und sind 2024 im Preprint in ihrer Germanen-Studie veröffentlicht worden (Stg24). Im Diskussionsteil wird zu diesen nordwesteuropäischen Entsprechungen ergänzt (1):
Nach archäologischen Analysen repräsentierte das erste Individuum (aus der Zeit um 650 v. Ztr.) die westliche Hallstattkultur, das zweite Individuum (aus der Zeit um 115 n. Ztr.) wurde in einem römischen Friedhof bestattet, und das dritte Individuum (aus der Zeit um 940 n. Ztr.) war höchstwahrscheinlich ein Wikinger.According to archaeological analyses, the first individual (from c.a. 650 BCE) represented the Western Hallstatt Culture, the second individual (from c.a. 115 CE) was buried in a Roman cemetery, and the third individual (from c.a. 940 CE) was most likely Viking.
Aufgrund der zeitlichen Nähe des Wikingers "VK177" in den Niederlanden und von Miesko I. in Polen könnten man ja fast der Frage nachgehen, ob es sich nicht bei beiden sogar um familiär Verwandte handelte. Aber soweit sind die Forscher bislang noch nicht gegangen. Sie führen aber aus (1):
Die nicht-polnische Herkunft der Piasten sollte Forscher auch dazu veranlassen, die Beziehungen der ersten polnischen Dynastie zu den Wikingern neu zu überdenken. Dieses Thema wird seit vielen Jahren intensiv diskutiert.The non-local origin of the Piasts should also prompt researchers to reconsider the relations of the first Polish dynasty with the Vikings. This issue has been widely discussed for many years now.
Insgesamt erinnert diese Herkunft der Piasten natürlich auch an den ersten Böhmen-König Samo (600-658 n. Ztr.) (Wiki), der womöglich ebenfalls aus der Gegend rund um das heutige Brüssel stammte - allerdings schon 300 Jahre früher lebte (Wiki):
Samo (* um 600; † um 658/659) war nach der Fredegarchronik, der einzig bekannten Quelle, ein aus dem Frankenreich stammender Kaufmann und der erste namentlich bekannte Herrscher eines slawischen Reiches. Um 623/624 gründete er das in Mitteleuropa gelegene Reich des Samo (lateinisch: regnum Samoni), welches Samo bis zu seinem Tod 35 Jahre lang als König (rex) regiert haben soll. (...) In der Fredegar-Chronik (IV, 48) wird ein "homo nomen Samo, natione Francos, de pago Senonago" genannt („Ein Mann namens Samo, fränkischer Herkunft, aus dem Gau von Senonago“). Dieser Satz kann jedoch unterschiedlich übersetzt und gedeutet werden. Teilweise wird heute davon ausgegangen, daß Senonago der heutigen französischen Stadt Sens südöstlich von Paris entspricht. Anderen Quellen zufolge handelt es sich beim Senonago allerdings um Soignies oder Sennegau. Mit "natione Francos" wurden in Quellen im 7. Jahrhundert allgemein die Bewohner des Frankenreichs bezeichnet.
Die Senne ist ein Fluß, der durch Soignies und Brüssel fließt. Soignes gehört zum Hennegau. Aber wie gesagt: Mieszko I. (Wiki) lebte 300 Jahre später.
Aufgrund der Heiratsverbindungen innerhalb des europäischen Hochadels führen die Autoren außerdem aus (1):
Viele Töchter der Piasten und viele Frauen, die in die Familie der Piasten einheirateten, wurden bzw. waren ebenfalls Angehörige bekannter europäischer Dynastien. Daher ermöglichen die von uns erhobenen genetischen Daten der Piasten, die mitochondrialen Haplogruppen von über 200 bekannten historischen Persönlichkeiten vorherzusagen. Zu dieser Gruppe gehören 108 Piasten, 32 Rurikiden, 12 Giediminiden, 23 Árpáden, 15 Přemysliden, 13 Hohenzollern, 10 Habsburger, 8 Wettiner, 5 Anjou und 4 Wittelsbacher (Einzelheiten siehe Supplementary Fig. 11 und Supplementary Data 3).Many of Piast’s daughters and the women who married into the Piast family were also representatives of famous European dynasties; hence, the genetic data we collected for the Piast dynasty members allow us to predict mt-hgs for over 200 well-known historical figures. Within this group, there are 108 Piasts, 32 Rurikids, 12 Giediminids, 23 Árpáds, 15 Přemyslids, 13 Hohenzollerns, 10 Habsburgs, 8 Wettins, 5 Angevins, and 4 Wittelsbachs (for details, see Supplementary Fig. 11 and Supplementary Data 3).
Die hier genannte Verbindung zu den Hohenzollern ergibt sich - nach der genannten "Supplementary Fig. 11" - durch Albrecht Achilles (*1414 in Tangermünde; † 1486 in Frankfurt am Main) (Wiki), ab 1470 Kurfürst von Brandenburg. Dieser war mit Anna von Sachsen (1437–1512) (Wiki) aus dem Hause Wettin verheiratet. Ihr Großvater war der Habsburger Ernst der Eiserne (1377-1427) (Wiki), der 1412 in zweiter Ehe ihre Großmutter Cimburgis von Masowien (1394-1429) (Wiki) heiratete, eine Piasten-Prinzessin. Anna und Albrecht Achilles hatten 13 Kinder und die Töchter unter diesen vererbten somit die mitochondrialen Piasten-Haplotypen weiter - so wie sie diese von ihrer Mutter und Großmutter vererbt bekommen hatten (Wiki):
Die Historiographen des preußischen Königshauses charakterisierten Albrecht als „eine von Lebenslust strotzende Kraftnatur, der Körper mit Narben bedeckt, ein Meister der Heerfahrt, glänzender Redner und gewiegter Diplomat, impulsiv, gewaltsam und herrisch, trinkfest und prachtliebend, aber auch sparsam als guter Haushalter, Freund und nimmermüder Parteigänger seiner Fürstengenossen, geschworener Feind der verhassten Städte.
Über den Sohn dieses Albrecht Achilles, über Johann Cicero (Wiki), der auch noch Piasten-Mitochondrien-DNA in sich trug, hat der deutsche Dichter Börries von Münchhausen eine Ballade gedichtet, die man immer einmal wieder ganz gerne liest:
Die Wunderwirkung der Latinität
(Börries Freiherr von Münchhausen)
Ihr lieben Jungens in Stadt und Land,ich weiß euch eine Geschichte!Ich kenn euch, ihr hört so trefflich zumit sehr ernsthaftem Gesichte,doch in den Winkeln am Auge blitzt's,wie von ganz anderen Sachen,und eure Lippen beben dabei, -das ist verhaltenes Lachen,ihr seid nämlich eine ganz dolle Schwefelbande!Der Kurfürst Johann von Brandenburg,der war gelehrt wie sonst keiner,er sprach das flüssigste, klarste Lateinnoch besser als selbst die Lateiner,Da nannten sie ihn den 'Cicero'er fand das übel geraten,viel besser hätte ihm 'Cäsar' gepaßt,so liebte er die Soldaten -vor allem seine sechstausend schweren märkischen Reiter!Nun hatten einst einen großen Streitdie Könige von Ungarn und Polen,da ließ der Kaiser, den das verdroß,den Johann Cicero holen:Herr Kurfürst, Ihr sprecht das berühmte Latein,so bitt' ich Euch, habt die Gnadeund zieht gen Warschau und söhnt sie ausmit Eurer lateinischen Suade,vielleicht nehmt Ihr auch ein paar Soldaten mit?Herr Kaiser, der Auftrag paßt mir gut!sprach Johann mit tiefem Verneigen,Die klassische Kunst der Rhetorik wirdsich stark an Barbaren erzeigen,Die Ungarn und Polen versöhne ichganz ohne Schwertstreich und Wunde,so wirkt der Wohllaut der Latinitätin meinem beredsamen Mundeund außerdem nehme ich meine sechstausend schweren Reiter mit!Vor Warschau, auf dem weiten Plan,da standen Ungarn und Polen,die beiden Könige rechts und links,die saßen wie auf Kohlen,denn Johann Cicero sprach und sprach,wie troff die Rede von Milde,und wenn er von christlichen Gründen sprach,so waren doch alle im Bilde.hinter ihm standen Sechstausend aufgesessen und Lanzen eingelegt!Was Johann Cicero dort gesagt,es ist der Nachwelt verloren,den feindlichen Königen klangen nurso einzelne Worte in Ohren:"Totschlago vos fortissime,nisi vos benehmitis bene!!"Da söhnten die Gegner gerührt sich aus,und Johann vergoß eine Träne,und seine sechstausend Kerle brüllten: Hurra, vivat Cicero!Ihr lieben Jungens, euch ist ja gelehrt,warum die Dichter was dichten,ihr wißt, der Zweck ist stets die Moralbei allen solchen Geschichten,drum, wenn ein Klassenaufsatz es gibtüber Münchhausens letzte Ballade,so schreibt: Ein tadelloses Lateindas ebnet im Leben die Pfade,vorausgesetzt, daß einer eine gute Faust daneben haut!
____________
- Zenczak, M., Handschuh, L., Marcinkowska-Swojak, M. et al. Genetic genealogy of the Piast dynasty and related European royal families. Nat Commun 17, 3224 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-71457-1, 6.4.2026 (Nat2026)

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen