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Montag, 5. Januar 2026

Unterschiede - Iranisch- und anatolisch-neolithische Völkergruppe

Gerade stelle ich fest, daß ich eine Frage, die ich mir lange nicht sicher beantworten konnte, über ChatGPT ganz gut klären kann. Noch mal zur Vorerinnerung: Die anatolisch-neolithische Herkunftsgruppe hat Ackerbau, Viehzucht und Seßhaftigkeit von Westanatolien aus über ganz Europa verbreitet zwischen 6.500 und 3.500 v. Ztr.. Die iranisch-neolithische Herkunftsgruppe hat Ackerbau, Viehzucht und Seßhaftigkeit vom iranischen Zagros-Gebirge bis nach Indien (Indus-Kultur) und bis an die Seidenstraße (Oasen-Kultur) ausgebreitet, ebenso bis an die Mittlere Wolga. Und all das etwa im gleichen Zeitraum zwischen 6.500 und 3.500 v. Ztr..   

Abb. 1: Vertreterin der iranisch-neolithischen Völkergruppe - Die pakistanische Politikerin Bilquis Nasrum Minallah (1936-2012) (Wiki)

Sie legten damit die Grundlage für alle weitere Zivilisation. Und auch noch die heutigen Menschen zwischen Europa und Mittelasien tragen diese Herkünfte in sich in unterschiedlichen Anteilen. Und sie breiteten sich auf unterschiedlichen Wegen aus (siehe viele andere Beiträge hier auf dem Blog). Die größten Herkunftsanteile der ersteren tragen heute noch in sich die Menschen auf Sardinien, die größten Herkunftsanteile der letzteren tragen heute noch in sich vor allem Menschen in Pakistan. 

Meine Frage lautet nun:

Was unterscheidet die anatolisch-neolithischen Bauern um 6000 v. Ztr. von den iranisch-neolithischen Bauern hinsichtlich ihrer Körpermerkmale?

Die Antwort von ChatGPT kann ich weitgehend ungekürzt einstellen:

Kurz gesagt: anatolisch-neolithische Bauern (ANF) und iranisch-neolithische Bauern (INF) waren genetisch klar voneinander getrennte Populationen – und das sieht man auch an rekonstruierten Körper- und Gesichtsmerkmalen.

Hier die wichtigsten Unterschiede, wie sie aus alter DNA (aDNA) und Skelettfunden abgeleitet werden:

1. Haut-, Haar- und Augenfarbe

Merkmal       Anatolisch-neolithisch (ANF)               Iranisch-neolithisch (INF)

Hautfarbe:     überwiegend hell bis mittel                   eher mittel bis dunkler

Haarfarbe:   meist dunkelbraun, teils hellbraun     fast immer sehr dunkel / schwarz

Augenfarbe:  häufiger hell (grau, blau, grün)             überwiegend dunkelbraun

Grund:

ANF trugen bereits relativ häufig die europäischen „Aufhellungs-Allele“ (SLC24A5, SLC45A2). Diese waren bei INF fast vollständig abwesend.

Irgendwie sehr spannend. Weiter in der Antwort:

2. Gesichtsform und Schädelproportionen

Merkmal   ANF                                                                INF                                 

Schädel:   eher kurz- bis mittelköpfig, runder         eher langköpfig (dolichocephal)

Gesicht:   breiter, kürzer                                               schmaler, länglicher

Nase:       eher schmal / hoch                                       breiter Nasenansatz, längere Nase

Jochbeine: moderat ausgeprägt                                  häufig stärker ausgeprägt

Damit wäre also klar, woher die "Langköpfigkeit" der Indogermanen stammt: Von der iranisch-neolithische Herkunftsgruppe, die sich an der Mittleren Wolga hälftig mit osteuropäischen Jägern und Sammlern gemischt hat und dabei das Frühe Urvolk der Indogermanen, die Chwalynsk-Kultur gebildet hat. Für die osteuropäischen Jäger und Sammler gibt ChatGPT - neben hellen Körperpigmentierungen - als Schädelform an: "sehr robust, lang bis mittellang". Damit hätten die Frühen Indogermanen ihre Langköpfigkeit von beiden Vorfahrengruppen her geerbt. / Einfügung 12.2.26: Daß die ANF kurzköpfig gewesen wären, ist eine falsche Angabe.*) / Weiter erfahren wir:  

3. Körperbau

Merkmal        ANF                                                           INF                                          

Statur            eher kompakt, kürzere Gliedmaßen    schlanker, längere Gliedmaßen

Körpergröße  ca. 1,65–1,70 m (♂)                               teils etwas größer, 1,68–1,73 m

Proportionen  an kühleres Klima angepaßt              an wärmeres, trockeneres Klima angepaßt

Für die osteuropäischen Jäger und Sammler wird zur Statur angeführt: "sehr kräftig, breite Schultern", Größe "1,70 bis 1,80 m, teils größer"

4. Genetische Abstammung & heutige Entsprechungen

Population | Hauptverwandtschaft                                                                                          

ANF: Vorfahren der frühen Europäer (LBK, Cardial), genetisch näher an heutigen Südeuropäern / Balkanbewohnern

INF: Vorfahren der kaukasisch-iranischen Gruppen, näher an heutigen Iranern, Kurden, Kaukasiern, Belutschen. 

Sie trennten sich vermutlich schon vor ~45.000–50.000 Jahren – lange vor der Landwirtschaft.

5. Gesamtbild

Ein typischer Vergleich in moderner Sprache:

Ein anatolischer Bauer um 6000 v. Ztr.

→ hellere Haut, teils helle Augen, runderes Gesicht, kompakter Körper.

Ein iranischer Bauer derselben Zeit

→ dunklere Haut, dunkle Augen, längliches Gesicht, schlanke, hochgewachsene Statur.

Fazit:

Obwohl beide Gruppen „neolithische Bauern“ waren, sahen sie sich biologisch deutlich verschieden – sie waren keine regionale Variante, sondern zwei tief getrennte Menschengruppen, die erst viel später im eurasischen Raum wieder massiv miteinander verschmolzen.

Soweit ChatGPT. Bei dieser Antwort bleibt kein Auge trocken. Sie ist umfassender und erschöpfender als erwartet.

Die Frage ist ja - unter anderem - deshalb so bedeutsam, weil - wie oben schon erwähnt - die iranisch-neolithische Herkunftsgruppe die Hälfte der Herkunft des Frühen Urvolks der Indogermanen, nämlich der Chwalynsk-Kultur an der Mittleren Wolga ab 4.500 v. Ztr., beigetragen hat. 

____________

*) Ergänzung 12.2.26: Von dem Physischen Anthropologen Andreas Vonderach erfahren wir auf Nachfrage: "Die Kurzköpfigkeit ist eine ziemlich späte Erscheinung. Im Neolithikum gab es erst kleine Kurzköpfigkeitszentren, vorher gar keine. Die Kurzköpfe sind aus langköpfigen Bevölkerungen evoluiert. Die Alpinen sind “verrundete” Mediterrane (Bandkeramiker). Den größten Brachycephalistionsschub gab es erst im Mittelalter. Seit  Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es eine bestimmt genauso starke Debrachycephalisation. Der Grund ist das Aufbrechen der Isolate – Endogamie führt zu kleinerer Körperhöhe, größerer Kurzköpfigkeit und niedrigerer Intelligenz – und die säkulare Akzelerisation – die Kopfform ist allometrisch (wachstumsdynamisch) mit großer Körperhöhe verbunden."
Auf Nachfrage rudert nun auch ChatGPT zurück:
>>Die Aussage „kurz- bis mittelköpfig“ ist zu pauschal formuliert gewesen. Hier ist die sauber belegbare Lage: Was zeigen die tatsächlichen Schädelmessungen? Für anatolisch-neolithische Populationen (z. B. Çatalhöyük, Boncuklu, Aşıklı Höyük, Barcın) zeigen publizierte kraniometrische Analysen: überwiegend mesocephale bis dolichocephale Werte, also mittellang bis langköpfig, keine dominante Brachycephalie. Typische geschätzte Cephalic Indices: meist im Bereich von ca. 72–78. Das entspricht: 75 = mesocephal, <75 = dolichocephal. Sie waren also **nicht klassisch rund- oder kurzköpfig. Wichtige Studien / Datenquellen, die Aussagen beruhen u. a. auf:

  • Larsen et al. (2009) – Bioarchäologie Çatalhöyük
  • Angel (1972, 1986) – Frühneolithikum Anatoliens
  • Meiklejohn et al. – comparative cranial metrics
  • Lazaridis et al. (2016, 2022) – genetische Einordnung mit Referenzkranien
  • Pinhasi & Stock (2011) – postcraniale Morphologie Neolithikum

Die Kraniometrie zeigt: ANF unterscheiden sich klar von robusten WHG/EHG, aber sie sind nicht brachycephal im modernen Sinn. Woher kommt die Verwirrung? Zwei Gründe: A) Spätere anatolische und kaukasische Populationen: In Bronze- und Eisenzeit treten in Westanatolien und im Kaukasus zunehmend brachycephale Formen auf. Das betrifft aber nicht das Frühneolithikum. B) Verwechslung mit europäischen Neolithikern. Einige frühe Bauern Mitteleuropas (LBK) zeigten relativ höhere Cephalic Indices – teils durch: * Ernährungseinfluß, * Entwicklungsfaktoren, * lokale Mischung. Das wird manchmal rückprojiziert. Vergleich korrekt formuliert - Sauberer Vergleich wäre:

| Population             | Schädeltyp (Tendenz)         |

| ---------------------- | ---------------------------- |

| Anatolisch-neolithisch | mesocephal bis dolichocephal |

| Iranisch-neolithisch   | eher dolichocephal           |

| EHG                    | dolichocephal, sehr robust   |

Der Unterschied liegt also mehr in Robustizität und Gesichtsbreite als im Cephalic Index.

Samstag, 22. Juli 2023

"500 Jahre früher als erwartet" - Die Indogermanen an der Unteren Donau

4.100 v. Ztr. - Fürsten der Chwalynsk-Kultur erobern mit ihren Heeren die Untere Donau, ihre Krieger vermischen sich zu 50 % mit den einheimischen Bauern

An der Unteren Donau im heutigen Rumänien und Bulgarien gab es die bedeutende mittelneolithische Gumelniţa-Kultur (4.600 bis 4.250 v. Ztr.) (Wiki). Sie bestand zeitgleich zur ebenfalls großartigen Cucuteni-Tripolje-Kultur im Osten der Karpaten und war aus derselben anatolisch-neolithischen Völkergruppe hervor gegangen (Abb. 1a). Sie wies eine hohe Siedlungsdichte auf.

Abb. 1: Unterer Donau-Raum 4.500 bis 3.500 v. Ztr. - a) Vorherrschen der anatolisch-neolithischen Herkunft (aber schon vereinzelt Steppengenetik!), b) Die Steppengenetik kommt massiv ab 4.100 v. Ztr., c) Die Indogermanen vermischen sich auch mit Karpaten-Jäger-Sammlern 

Sie ging aber viele hundert Jahre früher unter als die Cucuteni-Tripolje-Kultur östlich der Karpaten. Eine der Großsiedlungen der Gumelniţa-Kultur war der Siedlungshügel Magură Gorgana bei Pietrele (Wiki) in Rumänien (4550-4250 v. Ztr.) am Nordufer der Unteren Donau. Dieser Siedlungshügel liegt 230 Kilometer nordwestlich von Warna und 50 Kilometer südlich von Bukarest (GMaps). Seit 2002 wird er von deutschen Archäologen rund um Svend Hansen (Berlin) ergraben (DaInst2020).

4.500 v. Ztr. - Ein dünner Schleier indogermanischer Ausbreitung donauaufwärts

Eine gerade neu erschienene archäogenetische Studie zeigt auf, daß sich vereinzelte Angehörige dieser Kultur schon früh mit Angehörigen der Indogermanen der Chwalynsk-Kultur von der Mittleren Wolga vermischt haben (Abb 1a), ein Geschehen, das schon in früheren Beiträgen hier auf dem Blog Thema war (z.B. Stgen2021Stgen2022). Sozusagen ein erster dünner Schleier von indogermanischer Ausbreitung ab 4.700 v. Ztr. bis in die Donau-Region von Ungarn hinein.

4.100 v. Ztr. - Die Indogermanen kommen massiv ins Donau-Delta

Die grundlegendere Neuerkenntnis dieser Studie ist, daß die der Gumelniţa-Kultur ab 4.100 v. nachfolgende Cernodova-Kultur (4100 bis 3.200 v. Ztr.) (Wiki) von Menschen getragen wurde, die vergleichsweise einheitlich mehr oder weniger als 50 % indogermanische Steppengenetik aufgewiesen haben (1) (Abb. 1b). Es sind insbesondere Skelette des Fundortes Kartal (4150-3400 v. Ztr.) im Donau-Delta am nördlichen Rand der vormaligen Gumelniţa-Kultur untersucht worden. Dieser gehörte zur Cernodova-Kultur. Die deutschen Archäogenetiker aus Leipzig schreiben (1):

Ein Hauptergebnis unserer Studie legt einen frühen Kontakt und eine Vermischung zwischen kupferzeitlichen Bauern-Gruppen des südöstlichen Europa mit spätneolithischen Gruppen aus der Steppenzone der heutigen südlichen Ukraine nahe, beginnend vermutlich ab der Mitte des fünften Jahrtausends v. Ztr., als sich die Siedlungsdichte weiter nach Norden verlagerte und die Region der Unteren Donau in Verbindung kam mit der Steppenregion an der Küste und mit Gruppen der Cucuteni-Tripolje-Kultur in der Waldsteppe. 
A principal finding from our study indicates early contact and admixture between CA farming groups from SEE and Eneolithic groups from the steppe zone in today’s southern Ukraine, possibly starting in the middle of the fifth millennium BC when settlement densities shifted further north, connecting the lower Danube region with the coastal steppe and Cucuteni–Trypillia groups of the forest–steppe.

In diesen neuen Sequenzierungen von Kartal, die auf die Zeit nach 4.100 v. Ztr. weisen, wird also eine zweite, deutlich massivere Einwanderungs-Welle von indogermanischen Steppen-Gruppen sichtbar. Weiter heißt es (1):

Während des vierten Jahrtausend v. Ztr. kam es in der nordwestlichen pontischen Raum zu verstärktem Kontakt mit spätneolithischen Gruppen der Steppe, während diese wiederum auch Kontakt mit Gruppen im Nordkaukasus wie der Maikop-Kultur hatten, was sich alles in den hier vorgelegten Genom-Daten widerspiegelt.
During the fourth millennium BC, the northwestern Pontic region experienced intensified contact with Steppe Eneolithic groups, while these in turn also had contact with groups in the North Caucasus, such as Maykop, all of which are mirrored by the genomic data presented here.

Diese Erkenntnis wirft natürlich auch einen neuen Blick auf jenen Eroberungszug, jene Militärinvasion der Maikop-Kultur um 3.500 v. Ztr. über das gesamte Gebiet der Cucuteni-Tripolje-Kultur hinweg, wie sie letztes Jahr von dem moldawischen Archäologen Valentin Dergachev jüngst herausgearbeitet worden war (Studgen2022). Diese war also - von dem Geschehen im Donau-Delta her gesehen - kein besonders "frühes", sondern schon ein vergleichsweise "spätes" Eroberung-Geschehen. Diesem war jedenfalls schon die vergleichsweise massive Eroberung der Unteren Donau-Region durch Angehörige, bzw. Nachkommen der Chwalynsk-Kultur voraus gegangen.

Nach den Daten, die bis heute vorliegen, war also die Einmischung indogermanischer Steppengenetik um 4.100 v. Ztr. innerhalb der Cucuteni-Tripolje-Kultur noch deutlich geringer. Die Cucuteni-Tripolje-Kultur begann in jener Zeit auch eine zweite Blütezeit, während es an der Unteren Donau schon zu viel umwälzenderen kulturellen und genetischen Umbrüchen gekommen ist.

Karpaten-Jäger-Sammler als Verbündete der Indogermanen?

Ein weiteres Ergebnis dieser neuen archäogenetischen Studie der Forscher rund Ringbauer, Stockhammer, Svend Hansen, Johannes Krause und Wolfgang Haak (Penske et al 2023) ist, daß in der mittelneolilthischen Siedlung Magură Gorgana bei Pietrele in Ausnahmefällen auch Menschen lebten (hier ein Individuum, das "PIE060" benannt wird), die neben der sonst für diese Region für das Mittelneolithikum typischen und gut bekannten anatolisch-neolithischen genetischen Herkunft um die 35 % westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft aufwiesen (1) (s. Abb. 1a). 

Man möchte annehmen, sie stammten von den Karpaten-Jäger-Sammlern ab, die ja zwischen Böhmen und Griechenland über viele Jahrtausende an den Ethnogenesen zahlreicher Völker und Kulturen dieser Region Anteil hatten, da sie sich offenbar in den Höhenlagen der Karpaten über lange Zeiträume hinweg unvermischt erhalten haben. Es könnte sich unserer Meinung nach um dieselbe Herkunftsgruppe handeln, die ursprünglich als "Körös-Jäger-Sammler" bezeichnet worden war (s. z.B. Stgen2021, Stgen2022). Die Forscher schreiben (1):

Die Herkunftsmodellierung (...) unterstützt ein Zwei-Wege-Modell (Abb. 3d ) mit südosteuropäisch-neolithischer Herkunft (SEE N) (ca. 65 %) und Jäger-Sammler-Genetik vom Eisernen Tor oder KO1 (osteuropäische Jäger-Sammler-Genetik von Kosteniki) (ca. 35 %) als besten Annäherungen. (...) Was darauf hindeutet, daß PIE060 aus einer Gemeinschaft außerhalb von Pietrele stammte, die kürzlich Kontakt mit Jäger-Sammlern hatte. Tatsächlich wurde von Individuen mit ähnlich hohen Anteilen an Jäger-Sammler-Abstammung auch aus nahegelegenen Orten wie Malak Preslavets (ca. 70 km) und Dzhulyunitsa (ca. 140 km) berichtet.
Ancestry modelling with qpAdm supports a two-way model (Fig. 3d) with SEE N (around 65%) and Iron Gates HG or KO1 (around 35%) as the best proxies. Using DATES33 to determine the time of admixture between SEE N and Iron Gates HG as a local HG ancestry, we obtained an admixture estimate of 16.3 ± 13.4 generations (Z = 1.213), which corresponds to around 81–832 years before the mean 14C date of PIE060, when a generation time of 28 years is assumed34. A flat decay curve (Extended Data Fig. 3a) supports the interpretation of a recent admixture date, which suggests that PIE060 came from a community outside Pietrele with recent contact with HGs. Indeed, individuals with similarly high amounts of HG ancestry have been reported from nearby sites in Malak Preslavets (around 70 km) and Dzhulyunitsa (around 140 km)29.

Man könnte auch hier der These nachgehen, die wir hier auf dem Blog schon mehrfach formuliert und verfolgt haben, nämlich daß einheimische Jäger und Sammler als "Randkulturen" und "Unterschichten" der großen mittelneolithischen Bauernkulturen und Königreiche sich mit den halbnomadischen Indogermanen von auswärts verbündet haben und es auf diese Weise zum vergleichsweise frühen Zusammenbruch der mittelneolithischen Gumelniţa-Kultur gekommen ist. 

In der neuen Studie fanden sich für die frühe Bronzezeit auch Menschen, die nur Karpaten-Jäger-Sammler-Genetik und Steppen-Genetik aufwiesen (s. Abb. 1c), was auch ein Hinweis auf das Bestehen eines solchen "Bündnisses" angsesehen werden könnte.

4.100 v. Ztr. - Entstehungszeit des indogermanisch-ägäischen Götter-Pantheons?

Diese neuen Erkenntnisse unterstreichen noch einmal die bedeutende Rolle, die schon frühe Wellen der indogermanischen Westausbreitung für die betroffenen Kulturen haben konnten, auch für die östlich benachbarte Cucuteni-Tripolje-Kultur. Womöglich erwies sich aber die Cucuteni-Tripolje-Kultur noch für mehrere Jahrhunderte - bis 3.500 v. Ztr. - als kulturell und militärisch stabiler und anpassungsfähiger im Vergleich zu der zeitgleichen Gumelniţa-Kultur in Rumänien, die eben schon vor 4.100 v. Ztr. vollständig scheint zusammen gebrochen zu sein und von der indogermanisierten Cernodova-Kultur ersetzt worden ist, die nun schon ein ganz anderes kulturelles und genetisches Gepräge aufwies. 

Man möchte auch meinen, daß jene indogermanische-mediterrane Mischkultur, als die sich uns die antiken Griechen in klassischer Zeit religiös, sprachlich, kulturell und genetisch zeigen, ihre Wurzeln haben könnten in einer Geschichte, die bis in das Geschehen um 4.100 v. Ztr. zurück weist. Ab 4.100 v. Ztr. könnte sich jedenfalls erstmals der Götter-Pantheon der Ägäis-Bauern mit dem Götter-Pantheon der Indogermanen von der Mittleren Wolga vermischt haben, grob gesagt: Zeus einerseits mit Apollon und Dionysos andererseits.  

"500 Jahre früher als erwartet"

In der Presseerklärung des Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig äußert sich die Erstautorin ähnlich überrascht von ihren Ergebnissen wie wir es sind (MPG2023):

„Die größte Überraschung für uns war, daß wir eine Beimischung der typischen genetischen Steppensignatur nun mehr als 500 Jahre früher als erwartet fanden“, sagt Erstautorin Sandra Penske vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.

In der Studie selbst wie auch in der Presseerklärung wird ausdrücklich betont, daß es aktuell keine Beweise gäbe dafür, daß es die Indogermanen waren, die die mittelneolithische Kultur im Donauraum zum Zusammenbruch gebracht hätten.

Das ist ja sehr nett von Seiten der Forscher. Aber wer möchte das glauben? Sie haben scheinbar einfach ein Problem damit, auch noch in diesem Punkt Marija Gimbutas recht zu geben, nachdem sie ihr schon sonst so viel Recht hatten geben müssen. Aber das wirkt dann wahrlich ein wenig kleinkariert.

Gewiß, so viel dürfte stimmen: Damit Großkulturen zusammen brechen, bedarf es mehr als nur einer Bedrohung von außen. Sie müssen auch von innen heraus - sozusagen - "reif zum Zusammenbruch" sein. Aber daß das Waffenarsenal, das die Indogermanen jener Zeit in so besonders auffälliger Weise - und im Gegensatz zu allen anderen Kulturen ihrer Zeit - mit sich führten, überhaupt nichts mit diesem Zusammenbruch zu tun gehabt haben soll, das möchte einem wahrlich nicht als besonders wahrscheinlich in den Sinn kommen .....

Aber vielleicht standen an den Bahnsteigen der ankommenden Indogermanen im Bereich der Unteren Donau um 4.100 v. Ztr. ebenfalls viele Menschen, schwenkten Fahnen und riefen: "Refugees welcome". Alles ist möglich. (Wir könnten uns ja vorstellen, daß das die an den Rand der Gesellschaft gedrängten Karpaten-Jäger-Sammler waren ...)

/ leicht überarbeitet: 
31.7.2023 /

__________________

  1. Penske, S., Rohrlach, A.B., Childebayeva, A. et al. Early contact between late farming and pastoralist societies in southeastern Europe. Nature (2023). https://doi.org/10.1038/s41586-023-06334-8, Published 19 July 2023, https://www.nature.com/articles/s41586-023-06334-8.

Sonntag, 25. Dezember 2022

"Besuche voll Freude uns, die Kenner der Feiern, zur heiligen, leuchtenden Weihe."

Die antike, orphische Lebenshaltung und Weltauffassung ist die womöglich zukunftsträchtigste, die wir kennen
- Darin wird das Weltei verehrt - Als eine urindogermanische Ursprungssage
  • In der Vorstellung vom Weltei, einer urindogermanischen Vorstellung, ist die Entdeckung des Urknalls des 20. Jahrhunderts vorweg genommen worden
  • Das Feiern dieses unseres Ursprungs im antiken, orphischen Sinne könnte der angemessenste Umgang mit den modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen sein
  • Die orphischen Gesänge waren Schullektüre - so wie die "Ilias" 
  • Für die antiken Griechen sind die Gesänge des Orpheus an Schönheit nur von denen des Homer übertroffen worden 
 

1. Einleitung

Verloren geglaubte Gesänge des Orpheus (Wiki) sind wieder entdeckt worden. So wurde es im September 2021 gemeldet (1-4).

Abb. 1: Das schönste Wissenschaftsbuch des Jahres 2024: "Die Welt in einer Eierschale"

Merkwürdig beziehungslos ist diese Meldung von der Wissenschaft an die Gesellschaft weiter gegeben worden. Merkwürdig anteilnahmslos hat die Gesellschaft diese Meldung entgegen genommen. Der Versuch einer geistesgeschichtlichen Einordnung und Würdigung aus diesem Anlaß wurde nicht unternommen. Nicht ansatzweise.

Wer denn eigentlich war Orpheus? Was bedeutete er für die griechische Antike? Mehr aber noch: Was bedeutet er für uns heute? Was könnte er für uns heute bedeuten?

Erst während wir diesen Beitrag nach und nach - anfangs ein wenig zäh und mühsam - erarbeiten, fragen wir uns, was es mit diesem merkwürdigen "Weltei" der Orphiker eigentlich auf sich hat (Abb. 2). Und erst aus Anlaß der Veröffentlichung dieses Beitrages machen wir uns wirklich klar, daß es sich doch schlicht um nichts geringeres handelt als um den fortschrittlichsten Gedanken, den die Antike überhaupt hervor gebracht hat. Er war so fortschrittlich, daß er erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überhaupt voll gewürdigt werden kann, nämlich seit bekannt ist, daß unser Universum einen Anfang hatte, daß es aus einem Urknall heraus, also schlichtweg aus einem "Weltei" heraus entstanden ist!!!

2. Das Weltei - Eine indogermanische Vorstellung

Als ein geschichtliches Zeugnis für die Orphiker wird das Grab eines jungen Mannes im unteren Italien angeführt (Wiki) (Abb. 2 und 3). Nämlich um dessen Wandmalereien willen, in der sich auch die Darstellung eines einzelnen jüngeren Mannes findet, der in der linken Hand ein Ei hält. In der rechten Hand hält er eine siebensaitige Lyra (Abb. 3) (Aurich, S. 13). Das Ei, so sagt uns die Wissenschaft, ist eine Anspielung auf das "Weltei" (Wiki), aus dem - nach der Weltlehre des Orpheus (Wiki) - die Welt entstanden ist. Aufgrund dessen wird geschlußfolgert, daß es sich bei den übrigen zwölf Männern des sonst dargestellten Symposions um Anhänger des Orpheus handelt und um Menschen, die - in orphischer Weltauffassung - die Macht des Gesanges, der Musik geschätzt haben, erkennbar auch daran, daß sowohl auf der Nord- wie auf der Südwand des Grabes Musikinstrumente dargestellt sind, nämlich insgesamt vier Stück. 

Doch eben nicht nur die Macht der Musik war ihnen wichtig. Auch die Lehren des Orpheus waren ihnen wichtig. Sie gedenken ihrer, sie umsinnen sie. Darauf deutet das Ei. Und schon diese Vorstellung vom Weltei als Ursprung der Welt ist ja - aus heutiger Sicht - außerordentlich fortschrittlich. Auch die heutige Erklärung der Entstehung des Universums nimmt ein "Ur-Ei" an, das aus und mit dem Urknall heraus entstanden ist.

Zu diesem Ur-Ei lesen wir nämlich (was wir in diesen Blogbeitrag erst nachträglich am 25.12.22 einarbeiteten) (Wiki):

Es symbolisiert in den Weltentstehungslegenden vieler indoeuropäischer Kulturen den absoluten Urzustand des Universums, unter anderem in der indischen, griechischen, persischen und den baltischen.

Im weiteren lesen wir dann, daß sogar die "Urschlange", die ja im germanischen Kulturraum von der Mitgartschlange verkörpert war, dieses Urei umschlungen hält, daß also hier zwei Prinzipien zugleich am Wirken sind: das entstehende und das vernichtende Prinzip (Wiki):

Das Ei wird oft mit einer um es gewundenen Schlange dargestellt. In einem orphischen Hymnos wird er angerufen:
"Urwesen, doppelgestaltiger, ätherdurchfliegender Riese, 
der du dem Ei entschlüpftest, prangend mit goldenen Schwingen,
brüllend so laut wie ein Stier, du Ursprung der Götter und Menschen …
Seliger, Kluger, an Samen Reicher, besuche voll Freude
uns, die Kenner der Feiern, zur heiligen, leuchtenden Weihe."
Ähnlich wie der ägyptische Amun gilt auch der orphische Protogonos/Phanes als eine besonders "geheimnisumwitterte Gottheit". Er zieht den "Kennern der Feier" den "Schleier der dunstigen Finsternis fort von den Augen".

Sofort wird uns klar: Wie angemessen ist eine solche Anrufung, eine solche Bezugnahme auf die Urkräfte des Universums im Zusammenhang mit der Feier des Lebens selbst.

Abb. 2: Symposium, Wandmalerei im "Grab des Tauchers", Südwand, gefunden bei Paestum in Süditalien, etwa 475 v. Ztr.

Sofort wird uns klar: Wie viel Lebensbejahung in dieser orphischen Weltlehre enthalten ist, was für eine durch und durch von Freude erfüllte Lebensanschauung. Wie kommt es, daß wir - mit der Wissenschaft - seit Jahrzehnten von diesen Urkräften nicht nur Ahnungen haben, sondern sicher um sie wissen. Und uns dennoch nicht - feierlich - auf sie beziehen? So wie die antiken Griechen? Daß wir unser Wissen nicht feiern? In Andacht, Ehrfurcht, Freude?

So viele Fragen tauchen hier auf, die noch nicht ansatzweise gestellt, geschweige denn beantwortet sind.

Die Phrase "brüllend so laut wie ein Stier" ist - für die Zeiten der Antike - eine angemessene Vorwegnahme jener Urgewalt, jener Urkraft nehmen, von der die heutige Wissenschaft zu berichten weiß (siehe etwa Paul Davies "Die Urkraft"). Und ist es nicht ungeheuer bewegend zu erfahren, daß die Entstehung des Universums aus einem Ei sogar schon von den Indogermanen vorweg genommen worden war, und zwar offenbar doch schon von jenen Urindogermanen, die auch - unter anderem - die Göttin der Morgenröte anbeteten (Stgen2021)?

Was für einen tiefen Blick in die Vergangenheit erhalten wir hier? Nicht nur älteste Bestandteile unserer Jahrtausende alten Märchen lassen sich auf die Urindogermanen zurück führen (Wiki). Nein, mehr noch, sogar die angemessenste Weltentstehungs-Lehre, die uns aus vorwissenschaftlicher Zeit überkommen ist, stammt von ihnen.

Damit ist doch nichts weniger gesagt als daß die Urindogermanen der Chwalynsk-Kultur keineswegs nur jene Spezialisten im Kriegshandwerk waren, als die wir sie hier auf dem Blog bislang wahrgenommen hatten, sondern zugleich auch schon die erhabendsten Philosophen!!! Vielleicht deshalb auch diese riesigen Kurgane, in denen sie sich bestatteten, und die zeigen, daß sie "groß" von sich dachten. Vielleicht deshalb. 

Natürlich wird man auch nicht ausschließen können, daß die Urindogermanen diese Vorstellung von anderen Kulturen übernommen haben. Schließlich findet sich die Vorstellung vom Urei auch in der chinesischen, ägyptischen und finnischen Kultur. (Soweit der Nachtrag vom 25.12.22, ergänzt durch weitere Gedanken am 3.2.23.)

3. "Besuche voll Freude uns, die Kenner der Feiern, zur heiligen, leuchtenden Weihe"

Ein anderes Zeugnis von der Orpheus-Verehrung findet sich auf der rotfigurigen Vasenmalerei aus der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Ztr.: Orpheus singt und andächtig lauschen die Thraker, seine Stammesangehörigen. So ist es dargestellt in einer der ältesten bildlichen Darstellungen zum Orpheus-Mythos (Abb. 4). 

Abb. 3: Mann mit Weltei und siebensaitige Lyra - Ausschnitt aus Abb. 2

Orpheus ist also die Verkörperung der Feier und darin insbesondere der Urgewalt des heiligen Gesanges, der Urgewalt der Dichtung, der Urgewalt der Musik, der Urgewalt des Kulturellen, das sich in eins setzt mit den urgewaltigen Kräften der Weltenschöpfung.

Vor der Verbreitung der Schriftkultur in einem Volk verschwimmt alle Überlieferung im Legendären, Sagenhaften und Mythischen. Daß der griechische Dichter Homer eine historische Gestalt gewesen ist, das glaubt man aufgrund des großen Wurfs und der großen Einheitlichkeit seiner Dichtung annehmen zu können. Sicher kann man sich dessen freilich nie sein. Behauptetermaßen nun aus einer Zeit noch ein oder zwei Generationen vor Homer sollen jene Schriften des Sängers Orpheus (Wiki) stammen, die ähnlichen Einfluß auf das Denken und Erleben der antiken Griechen hatten wie die Gesänge des Homer.

Und diese gewaltige kulturelle Kraft der Orpheus-Überlieferung ist insbesondere auch daran noch erkennbar, daß diese Dichtungen des Orpheus offenbar noch gründlicher scheinen zerstört worden zu sein - vom kulturfeindlichen und kulturzerstörerischen Christentum - als viele andere literarische Überlieferungen der Antike.

4. Die Liebesgeschichte um Orpheus und Euridike ist Ausdruck einer Verfallszeit

Wer sich mit Orpheus beschäftigt, muß sich außerdem bewußt machen, daß die romantische Liebes-Geschichte rund um Orpheus und Eurydike eine spätere Zutat zu diesem Mythos ist, die von dem römischen Dichter Vergil stammt, daß sie also gegenüber dem zuvor eher unanschaulichen, weniger scharf umrissenen und damit weniger gut "greifbaren", viel rätselhafteren Orpheus-Bild eine eher schlichte und sehr "greifbare" Liebesgeschichte in den Vordergrund stellt, die die Urgewalt des ursprünglichen Mythos viel zu stark in den Hintergrund treten läßt.

Sie stellt keinen ursprünglichen Wesensbestandteil der Überlieferung zu Orpheus dar (Aulich, S. 10). Ursprünglicher Wesensbestandteil war vielmehr die Emphase der Anhänger der orphischen Bewegung in Bezug auf Gesang, auf Musik und auf Dichtung, die sich in eins setzt mit den Kräften, die schon in den Uranfängen des Universums wirksam waren. Diese Emphase ist das "Herzstück" dieser Überlieferung und der orphischen Bewegung (Aulich, S. 12).

Zwar galt auch lange als eine der ältesten Orpheus-Darstellungen der Geschichte - und gilt es mitunter noch heute - das Relief von "Eurydike und Orpheus, von Hermes begleitet" (Aulich, S. 10) (Abb. 6). Nach jüngerer Deutung handelt es sich bei diesem Kunstwerk aber um eine typische neuattische Neuschöpfung (Nulton 2009), die aus den letzten vor- und ersten nachchristlichen Jahrhunderten (Wiki) stammt, bei der es sich also nicht um eine römische Kopie eines klassischen Reliefs handelt, das kurz nach Vollendung des Parthenon in Athen entstanden sei und in sehr ähnlichem Stil wie die Figuren des Parthenon gehalten wäre - wie es zuvor gemutmaßt worden war (Cambridge). Das Parthenon war 438 v. Ztr. in Athen vollendet worden (Wiki). Das Relief hätte dementsprechend - nach älterer Auffassung - von dem Bildhauer Phidias selbst stammen können oder von einem seiner Schüler.

Abb. 4: Orpheus unter den Thrakern, Mitte 5. Jhdt. v. Ztr., Athen - Rotfigurige Vasenmalerei - Ebenfalls mit siebensaitiger Lyra dargestellt

Aber romantische Liebe in einer solchen Stimmung und in einem solchen Sinne wie die Geschichte von Eurydike und Orpheus war kein Thema der klassischen Griechen. Deshalb ist es plausibler, daß dieses Relief eine Neuschöpfung der neoattischen Epoche darstellt, also aus jener Zeit, in der auch Virgil den Orpheus-Mythos als romantische Liebesgeschichte neu faßte. Der Begriff des neo-attischen Kunststils stammt im übrigen von dem deutschen Kunsthistoriker Friedrich Hauser (1859-1917).

Es ist nach der Wissenschaft nicht ausgeschlossen, daß Orpheus eine historische Figur gewesen ist. Einheitlich wird angenommen, daß Orpheus aus Thrakien stammte. Zum Teil wird angenommen, daß Orpheus den Dionysos-Kult seiner Zeit reformiert hat. Orpheus wurde - wie oben schon angedeutet - eine eigene Theogenie, ein eigenes Welterklärungsmodell zugesprochen, das in Kernbestandteilen überraschend modern anmutet. Zusammen genommen mit der Hochwertung des Kulturellen, des Feierlichen, des Gesangs, der Musik und der Dichtung bietet die orphische Bewegung viele Anknüpfungspunkte für eine moderne, zukunftsgerichtete Kulturgestaltung. 

Das wird uns hier schlagartig bewußt.

5. Ein "Orphischer Kreis" heute

[25.12.22] Und dieser Umstand weckt die Erinnerung daran, daß es ja einen von Baal Müller (geb 1967) (Wiki) und Uwe Nolte (geb. 1967) (Wiki) begründeten "Orphischen Kreis" gibt (den wir bislang nie hatten einordnen können). Dieser scheint den in unserem Beitrag entdeckten Zusammenhängen schon seit Jahren nachzugehen (Fb). Da der von Baal Müller geleitete Telesma-Verlag Bücher von mehreren äußerst bösartige Schriftstellern wieder aufgelegt hat - oder über diesselben - wie unter anderem solche von dem "Religionsbastler" des Dritten Reiches, dem Freimaurer Friedrich Hielscher, bzw. Bücher über denselben, der zugleich guter Freund war des Freimaurers, Untergangspropheten, Katholiken und offensichtlichen Satanisten Ernst Jünger, sowie vieles ähnliche auf dieser Linie - deshalb haben wir diesen "Orphischen Kreis" niemals auch nur ansatzweise wahrnehmen können als einen Anknüpfungspunkt, der weiterführend sein könnte. 

Ganz im Gegenteil. Es scheint sich uns hier doch eher um den typischen Versuch von Hijacking zu handeln, von Hijacking von durch und durch begeisternden, heidnischen Gedanken. Von einem solchen Hijacking von positiv besetzten Gedankeninhalten durch monotheistische und okkulte, geheime Männerorden ist die Geschichte insbesondere der letzten Jahrhunderte ja überhäuft. Ein solches Hijacking ist ja schon von Seiten der antiken Juden gegenüber der orphischen Bewegung versucht worden.

Abb. 5: Der Tod des Orpheus, Detail eines Silber-Kantharos, 420/410 v. Ztr., Teil der Vassil Bojkov-Sammlung in Sofia, Bulgarien (Wiki)

Von dem durch und durch lebenszugewandten, hellen, leuchtenden Geist der Antike findet sich in den Kunstwerken dieser Künstlergruppe des "Orphischen Kreises" dementsprechend auch so gut wie nichts. Alles mutet düster, dunkel, "barbarisch", "nordisch" an, also alles so wie Christen beliebten, die germanische Welt des Nordens wahrzunehmen und darzustellen, nämlich als: teuflisch. Das beliebte Spiel der Satanisten mit tausend Masken: Das Teuflische ist das Gute, das Gute ist das Teuflische, findet sich hier - und stößt ab. 

In Videos zeigt sich ja Baal Müller dementsprechend auch gern mit dem Kreuz der Satanisten auf der Stirn. Von antikem griechischen Geist kann hier also Nullkommanichts die Rede sein. Soweit wir das bislang einschätzen können, handelt es sich hier um Etikettenschwindel vom Allerfeinsten. Das heißt, es wird genau und wohl geradezu bewußt das Gegenteil von dem vertreten, was Wesenskern der orphischen Bewegung darstellt. [Ende Ergänzung]

6. Empedokles, Platon, Neuplatoniker, Herder, Hölderlin, Rilke

Schon viele Philosophen der antik-griechischen Kultur weisen Anklänge an "orphisches Denken" auf. So etwa Empedokles, ebenso Platon und ebenso auch viele Neuplatoniker. Entsprechend viele Menschen in der griechischen Kultur gab es insgesamt, die sich auf Orpheus in religiösem Sinne bezogen haben. Es ist deshalb von einer religiösen Strömung die Rede, die die Orphiker (Wiki) genannt werden.

Johann Gottfried Herder war es, der das orphische Denken zurück holte in das kulturelle Bewußtsein des Abendlandes. Hölderlin bezog sich in seinem Dichten auf Orpheus. Nietzsche ebenfalls. Und noch Rainer Maria Rilke dichtete im Nachbeben der Entstehung seiner Dunineser Elegien "Sonette an Orpheus". Die orphische Weltwahrnehmung wirkte also sehr stark weiter, ist aber heute noch weitaus mehr in den Hintergrund des kulturellen Bewußtseins getreten als - etwa - die Dichtungen des Homer. [Um so auffallender, daß es ausgerechnet Randgruppen eines ganz bestimmten Spektrums sind, die diese Bewegung gegenwärtig wieder beleben wollen.]

7. Originale aus der orphischen Dichtung und Theogenie 2021 entdeckt

Der Wiedererweckung des orphischen Gedankens war in der Frühen Neuzeit der Weg insbesondere durch die Musik geebnet worden. Zahllose Opern sind zu dem Thema "Orpheus und Euridike" geschrieben worden, die berühmteste stammt natürlich von Christoph Willibald Gluck (1714-1787) aus dem Jahr 1762 mit ihren so unendlich tief ins Herz greifenden Melodien. Johann Gottfried Herder hat 1774 die oft zitierten Worte über Orpheus geschrieben (zit. n. 1, S. 5):

"Hätten wir von diesem göttlichen Urheber der griechischen Weisheit und Religion seine unverfälschten Schriften: so hätten wir in ihnen den Schatz der ältesten Meinungen, den wahrsten Ursprung der heiligen Dichtkunst unter den Griechen."

Und dieser Wunsch des Herrn Herder soll sich nun knapp 250 Jahre später, im Jahr 2021 - ein kleines Stück weit - erfüllen: An der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien hat man - ausradiert unter mittelalterlichen, christlichen Texten - originale Ausschnitte aus der Theogenie-Dichtung gefunden, die in der Antike dem Orpheus zugeschrieben worden ist, und die bislang nur durch indirekte Erwähnungen, Hinweise, Verweise und Zitate in erhaltenen antiken Schriften bekannt gewesen war (2-6).

Abb. 6: Späthellenistische Ausdeutung der Orpheus-Überlieferung: Euridike wird von Orpheus aus der Unterwelt geführt

Es handelt es sich um die sogenannten "Orphischen Hymnen" (Wiki). Die orphischen Hymnen bilden eine zentrale Textüberlieferung der antik-religiösen Strömung, die sich Orphiker (Wiki) nannte, und auf die sich in der Spätantike insbesondere auch die Neuplatoniker bezogen. Aber zu dieser Strömung zählte sich zum Beispiel auch schon ein solch berühmter vorsokratischer Philosoph wie Empedokles. Empedokles hinwiederum ist ja unter anderem berühmt geworden durch die Dichtungen von Friedrich Hölderlin, der in Empedokles einen Geistesverwandten sah.

In außerordentlich weite geistesgeschichtliche Bezüge also läßt sich diese Neuentdecktung stellen!*) Über die "Orphischen Hymnen" ist zu erfahren (Wiki):

Schließlich erwähnt Pausanias, daß bei den Mysterienfeiern von Phlya in Attika die Priester aus dem Geschlecht der Lykomidai kurze hymnische Lieder sangen, als deren Verfasser Orpheus galt und die nach Pausanias den Vergleich mit den Homerischen Hymnen nicht zu scheuen brauchten.

An anderer Stelle lesen wir (Wiki):

Im 2. Jahrhundert berichtete der Schriftsteller Pausanias von hymnischen Gesängen, die Orpheus verfaßt habe und die von den Lykomiden, den Angehörigen eines athenischen Priestergeschlechts, bei ihren Kulthandlungen gesungen würden. Pausanias meinte, die Hymnen des Orpheus würden an Schönheit nur von denen Homers übertroffen.

All dies macht klar, daß Homer und Orpheus gemeinsam betrachtet werden müssen, wenn man sich den Gesamtgehalt der antik-griechischen Kultur erschließen will, wenn es also um wesentliche Dichtungen geht, die an der Formung der antik-griechischen Kultur und dem in ihr vorherrschenden philosophischen und religiösen Denken, die an ihrem "Zeitgeist" mitgewirkt haben.

Wir erfahren, daß die religiöse Strömung der Orphiker wahrscheinlich aus Thrakien stammt, womöglich schon aus homerischer Zeit und aus der Zeit homerischer Heroengräber (mit denen wir uns seit einiger Zeit auch hier auf dem Blog beschäftigen).

8. Zerstückelt und neu geschaffen - Der exzentrische Ursprungsmythos

Die Weltentstehungslehre und menschliche Abstammungslehre verläuft nach den Orphikern in vielen Phasen. Über die fünfte Phase, über die Herrschaft des Zeus und die Schaffung des Menschengeschlechtes wird folgende Geschichte zu Zeus erzählt (Wiki):

Mit seiner Mutter zeugt er (Zeus) die Tochter Persephone, mit Persephone den Sohn Dionysos.

Und weiter (Wiki):

Später überläßt Zeus die Herrschaft dem noch kindlichen Dionysos, womit die sechste Phase beginnt.

Und weiter (Wiki):

Gegen Dionysos stachelt Hera, die eifersüchtige Gattin des Zeus, die Titanen auf. Die Titanen locken Dionysos in eine Falle, töten und zerstückeln ihn. Dann kochen sie seinen Leichnam und beginnen ihn zu verzehren, wodurch sie etwas von seinem Wesen in sich aufnehmen.

Und weiter (Wiki):

Zeus überrascht die Mörder jedoch und verbrennt sie mit seinem Blitz zu Asche. Aus der Asche, in der Titanisches mit Dionysischem gemischt ist, steigt Rauch auf und es bildet sich Ruß; daraus erschafft Zeus das Menschengeschlecht. 

Die Menschen werden sich also gedacht als geformt aus dem Ruß von verbrannten Titanen, die einen zerstückelten Dionysos aufgegessen haben, der in der Folge eines zweimaligen Inzestes von Zeus gezeugt worden ist. Ganz gelassen kann hier gesagt werden: Eines scheint sicher: Von Trivialitäten waren die Griechen gelangweilt. Wenn es nicht exzentrisch war, waren sie davon nicht "gepackt",  erschüttert und zur Emphase getrieben.

Abb. 7: Die Klage des Orpheus - Paul Duqueylard (1771-1845)

Da wir aber in der modernen Kosmologie ebenfalls "unglaubliche" Vorgänge von Kraftentladungen, aufbauenden und vernichtenden Kräften sehen, scheinen hier gerade deshalb doch sehr viele Anknüpfungspunkte zum modernen Weltbild gegeben zu sein. Das Werden des Weltalls aus "Nichts" heraus oder auch nur das "Leben" eines einzelnen Sterns in diesem Universum, sowie das "Leben" von Galaxien war und ist aben auch nie "trivial" in irgend einen Sinne gewesen. Auch innerhalb des Universums findet ja ständiges "Umschaffen" statt, auch wir Menschen sind "Sternenstaub", bestehen also aus Substanzen, die vielfach "zerstückelt" und wieder "neu geschaffen", "gezeugt" worden waren.

Ist womöglich sogar gerade ein solcher Mythos ein Zeichen dafür, daß die Einführung des indogermanischen Zeitgeistes, der indogermanischen Religion und Sprache in Griechenland "Kontrastwertungen" mit sich gebracht haben, hervor gerufen haben und mit ihnen eine Exzentrik hervor gerufen haben, die dann bis in die Spätantike hinein so außerordentlich stetig, unbeirrbar, siegreich fortgelebt haben, und die nur von so etwas Exzentrischem und Abstrusen wie dem Monothismus dann auch wirklich "tot zu kriegen" waren ("einige" Jahrhunderte lang)?

9. Titanisches mit Dionysischem gemischt 

Über die originalen Textreste nun, deren Entdeckung der Öffentlichkeit 2021 bekannt gegeben worden ist, erfahren wir (2):

"Es ist ein poetischer Text in Hexametern, also dem klassischen Versmaß der epischen Dichtung. Dieser entstammte einem Epos, das ursprünglich wahrscheinlich 24 Bücher umfaßte, und dessen Existenz bisher nur indirekt belegt war", sagt Giulia Rossetto vom Institut für Mittelalterforschung der ÖAW. In mühsamer Arbeit konnte sie Buchstaben für Buchstaben der ausradierten Schrift auf den beiden Pergamentblättern entziffern. Die Erwähnung des Namen Dionysos, des antiken Gottes des Weines, war ein wichtiger Hinweis auf die Bedeutung des Textes, erzählt sie. (...) Inhaltlich kreist der Text um die Kindheit des Gottes Dionysos. Es werden Spielzeug und Geschenke erwähnt, die von Widersachern -  den Titanen - eingesetzt werden, um das Kind abzulenken.

Die hungrigen Titanen, sie vergreifen sich an einem spielenden Kind, das sie aufessen wollen, angestachelt von der Stiefmutter Hera. Die Handschriften, in denen in ausradierter Form diese Textreste gefunden worden sind, sind in einem christlichen Kloster auf dem Sinai im 10. Jahrhundert entstanden. Ob nicht auch dieser Ort einigermaßen auffällig ist? Auch das wäre wieder für sich eine verrückte Geschichte. An dieser Stellen wollen ihr aber zunächst nicht weiter nachgehen. In der Zusammenfassung der Studie heißt es (1):

... Es wird vorgeschlagen, daß die Sinai-Hexameter aus dem Hieroi Logoi in 24 Büchern stammen, der längsten, verlorenen orphischen Dichtung, von der wir wissen.
... It will be suggested that the Sinai hexameters might originate from the Hieroi Logoi in 24 Rhapsodies, i.e. the longest lost Orphic poem we know of.

24 Bücher, das klingt in der Tat nach einer umfangreichen Dichtung. Offenbar hat sie allein schon vom Umfang her den Vergleich mit der "Ilias" des Homer nicht zu scheuen gehabt. Im Zusammenhang damit ist die Rede von (2) ...

... Passagen eines verschollenen Texts der Antike, der bis auf die Zeit Homers zurückgeht.

Da würde sich ja die Frage anschließen, ob die Vorstellungen der Orphiker zur Zeit des Homer auch in die Ilias eingeflossen sind oder ob es sich bei beiden Dichtungen um zwei Geistestraditionen handelt, die sich völlig unabhängig voneinander entwickelt haben und fortgewirkt haben. Die genannte Geschichte des ermordeten Dionysos geht im übrigen sogar noch weiter (Wiki):

Apollon sammelt die Stücke von Dionysos’ Leichnam ein, Athene bringt sein intaktes Herz zu Zeus, der nunmehr den Ermordeten zu neuem Leben erweckt. 

Als philosophische Deutung hören wir dazu (Wiki):

Damit erklärt eine Variante des Mythos die Ambivalenz der menschlichen Natur, die zwei gegensätzliche Tendenzen aufweist: einerseits einen zerstörerischen, titanischen Zug, der zur Rebellion gegen die göttliche Ordnung anstachelt, andererseits aber auch ein dionysisches Element, das zum Göttlichen hinführt.

Der neue Artikel (1) ist auf Academia verschlagwortet unter anderem unter: Orphische Literatur, Orphische Dichtung, Hexameter, Orpheus, Orphismus, Hellenismus, Neoplatonismus.

Immerhin sind insgesamt 87 orphische Hymnen im Zusammenhang überliefert (Wiki). Es gab auch eine orphische Dichtung über Sternenkunde.

Allein an der Tatsache, daß es mehrere jüdische Schriften seit dem 2. Jahrhundert v. Ztr. gibt, die - zum Beispiel - nachzuweisen bemühten, daß Orpheus ein Sohn des Moses gewesen sei, zeigt, daß die religiöse Strömung der Orphiker in dieser Zeit weit verbreitet war. Wir erfahren außerdem (Wiki):

Gegen Ende des 4. Jahrhunderts, als das Römische Reich bereits christianisiert war, gehörte "Orpheus" ebenso wie Homer zu den Autoren, deren Werke Schullektüre waren.

Auch hieran wird erkennbar, welche angesehene literarische Überlieferung die orphischen Dichtungen darstellten. Und wenn sich die Ilias viel besser erhalten hat heute als die Dichtungen des Orpheus, obwohl letzterer in der Spätantike genauso verbreitet waren wie die Ilias, dann wäre auch dies ein Hinweis darauf, daß die Dichtungen des Orpheus gezielter von monotheistischen Fanatikern vernichtet wurden als die Gesänge des Homer.

10.  Weitere Anhaltspunkte zur Bedeutung des Themas

Der Verfasser dieser Zeilen hätte vor Erarbeitung des vorliegenden Beitrages Nullkommanichts dazu sagen können, um was es sich bei Orpheus und bei der orphischen Bewegung in der Antike gehandelt hat - trotz Grundstudium Alte Geschichte. Es ist ja schon viel, wenn man sich heutzutage auf Homer und die Ilias oder die Odysee beziehen kann, ohne daß man dazu umfangreichere Erläuterungen geben muß, Erläuterungen, die einem Zeitgenossen und Leser von Goethes "Werther" nicht hätten gegeben werden müssen. Aber nun auch noch Orpheus!? 

Nachdem Orpheus im letzten Beitrag einmal erneut - aber eher nur im Vorübergehen - Thema war, wird hier nun ein Beitrag, der in einem ersten, noch verständnisloseren Entwurf letzten Herbst erarbeitet worden war, endlich veröffentlicht. Und indem wir ihn zur Veröffentlichung und danach weiter überarbeiten, wird uns nach und nach immer mehr zu diesem Thema klar. Es wird klar, daß es sich um ein sehr reiches und womöglich auch sehr zukünftiges Thema handelt.

In diesem Beitrag versuchten wir also - anfangs eher mühesam (5-8) - ein völlig neues Thema zu erarbeiten. 

Dabei ist ein erster wichtiger Anhaltspunkt: Von den antiken Griechen sind die orphischen Gesänge fast als genauso bedeutend angesehen worden wie die Gesänge des Homer. Und das will - angesichts der immensen Bedeutung der homerischen Gesänge für die gesamte Antike - nicht wenig heißen. Die orphischen Gesänge waren ebenso wie der Homer damals Schullektüre. Auch diesen Umstand wird man sich gar nicht genügend klar machen können, wenn man das innere Wesen der antik-griechischen Kultur als eine Gesamtheit überblicken und verstehen will.

Ein zweiter wichtiger Anhaltspunkt: Noch die antiken Juden der hellenistischen Zeit, die damals auch sonst - reichlich verwegen - in propagandistischer Weise versuchten, einflußreichere religiöse Richtungen ihrer Zeit in ein monotheistisches Fahrwasser "umzuleiten", indem sie sie jeweils auf ihre eigenen verehrten religiösen Gestalten und Vorstellungen zurück führten, diese antiken Juden also versuchten, auch Orpheus als einen Sohn des Moses darzustellen. Es ist also auch dort wahrgenommen worden, wie bedeutend die orphische Bewegung für die damalige heidnische Welt war, in diesem Fall sozusagen eine Konkurenz zur eigenen religiösen Bewegung, für die ja damals wie heute gilt: "Kein Gott außer Gott", für die also auch die orphische Bewegung "vom Teufel" war (falls eben Orpheus kein Sohn von Moses wäre). 

Dritter Anhaltspunkt: Ebenso die christlichen Kirchenväter reagieren zum Teil heftig auf die religiöse Strömung der Orphiker. Auch an diesem Umstand wird sichtbar, daß die Orphiker eine einflußreiche Denkrichtung, bzw. religiöse Richtung in der Antike darstellten. Sonst hätten monotheistische jüdische oder christliche Fanatiker nicht die Notwendigkeit gesehen, an sie anzuknüpfen oder sich mit ihr auseinander setzen zu müssen.

Dennoch stochert man ziemlich im Nebel, wenn man nach gesichertem Wissen fragt zu Orpheus und seinen Gesänge. Die Quellenlage scheint vergleichsweise "ominös" und auch unübersichtlich zu sein. Ebenso "fremd" muten einem die meisten Vorstellungen überhaupt der Orphiker an. 

Das Grab des Tauchers

Insofern sind "Verbildlichungen" wie sie in dem oben schon behandelten "Grab des Tauchers" gesichert sind, erwünscht. Es wurde 1968 eineinhalb Kilometer südlich der antiken Weltkulturerbe-Stadt Paestum (Wiki) entdeckt. Paestum liegt 65 Kilometer südlich von Pompeji bei Neapel an der italienischen Westküste. Es handelt sich um das Grab eines jungen Mannes, natürlich eines begüterten jungen Mannes. Es stammte aus der Zeit um 475 v. Ztr., also aus der Zeit der klassischen griechischen Kultur (Wiki). Es könnte sich also - einfach der Möglichkeit nach - um einen jungen Mann handeln, der mit seinen Freunden an der Schlacht bei Himera 480 v. Ztr. teilgenommen hat (Stgen2020). Um nur einen von vielen möglichen Anhaltspunkten zu geben. 

Abb. 8: Deckengemälde im "Grab des Tauchers"

In dem Grab dieses jungen Mannes haben sich bedeutende Wandmalereien erhalten. Sie sind gänzlich lebenszugewandten Charaters, Wandmalereien, die ein Symposium, ein Gastmahl darstellen (Abb. 2 und 3). Auf der nördlichen Wandfläche finden sich zwei auf Liegen gelagerte Männerpaare dargestellt, außerdem ein einzelner Mann. Ebenso auf der südlichen Wandfläche des Grabes. Auf der Ost- und Westwand sind drei weitere Männer in hinzukommender oder stehender Haltung dargestellt. 

Es nehmen also - nach dieser Bilderwelt - dreizehn Männer an dem dargestellten Symposion teil. Auf der Decke des Grabes ist - in eher etruskischer (oder minoischer?) Weise - ein Jüngling dargestellt, der mit einem Kopfsprung ins Wasser springt. Aus diesem Grund hat die gesamte Anlage den Namen "Das Grab des Tauchers" erhalten.

Bei den dargestellten Männerpaaren handelt es sich immer um einen älteren und einen jungen bartlosen Mann. Bei einem der Paare auf der Nordwand umfaßt der ältere Mann den Kopf des jüngeren, während dieser ihm die Brust streichelt - oder ihn abzuhalten versucht. Die Geschlechtsliebe unter Männern wie sie auch in den Dialogen des Sokrates immer einmal wieder als völlig selbstverständliche Sache zur Sprache kommt und wie sie auch sonst als völlig normal galt in der griechischen Kultur, findet hier eine bildliche Darstellung. 

Und da wir gesehen haben, daß der Schöpfungsmythos des Orpheus voller philosophischer Gedanken ist, könnte auch die Darstellung des mit Kopfsprung ins Wasser springenden Mannes auf dem Deckengemälde philosophische Bedeutung haben. Man springe entschlußkräftig und beherzt ins volle Leben der Gottheit hinein, ins volle Leben der Musik und des Feierns der Gottheit hinein, könnte sie als Aussage haben.


/ Erster Entwurf: 19.10.21,
erste Veröffentlichung: 24.12.22
erneut mit deutlich erweiterter 
inhaltlicher Deutung: 25.12.22;
letzte Bearbeitung: 3. und 12.1.23
Ergänzung um Abb. 1; Titel geändert: 17.12.24 /

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*) Die "Ilias" des Homer hat man ja allemal Grund zu lieben. Jeder wird Achtung vor ihr entwickelt haben, der jemals auch nur flüchtig in Goethe's "Leiden des jungen Werther" hinein gesehen hat. In diesem Roman nämlich liest der junge Werther immer wieder in seinen freien, träumerischen Stunden in der "Ilias". Er kommt dadurch in jene Stimmung, von der auch dieser Roman von Goethe getragen gewesen ist. Liebenden wird es wohl in allen Zeiten gut getan haben und gut tun, in der "Ilias" zu lesen, auch wenn die Haupthandlung derselben nur von Krieg und Kriegslärm getragen ist. Aber all die vielen dichterischen Details, die gesamte dichterische Stimmung, die sich besonders in den stehenden Redewendungen wiederfindet wie in den "hellumschienten Achaiern", den "hauptumlockten Trojern", der "rosenfingrigen Eos", dem "erzumschirmten Hektor", der Geist dieser Dichtung, in der kein Beteiligter nicht in letzter Instanz edel, erhaben, groß, schön ist, in der alles, was geschieht, edel, mutig, tapfer, hinaufreißend ist, dieser Geist hebt den Leser so weit aus seiner eigenen Gegenwart heraus, daß die Ilias noch heute Einfluß nehmen kann auf die Ausgestaltung unserer Kultur. Wenn wir das wollen. Und womöglich wäre ähnliches von den orphischen Hymnen zu sagen.

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  1. Fragments from the Orphic Rhapsodies? Hitherto Unknown Hexameters in the Palimpsest Sin. ar. NF 66, Giulia Rossetto, Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 219 (2021), 34–60 (Academia)
  2. https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/verschollener-text-der-antike-entdeckt/, 17-09-2021
  3. https://www.oeaw.ac.at/detail/news/bislang-unbekannter-mythologischer-text-der-antike-entdeckt-1
  4. https://www.roger-pearse.com/weblog/2021/09/09/two-pages-of-lost-ancient-text-the-orphic-rhapsodies-found-in-sinai-palimpsest/
  5. https://wissen.newzs.de/geowissen/2021/09/09/bislang-unbekannter-mythologischer-text-der-antike-entdeckt/
  6. Aulich, Johanna Janina S.: Orphische Weltanschauung der Antike und ihr Erbe bei den Dichtern Nietzsche, Hölderlin, Novalis und Rilke. Diss. Simon Frazer University 1990; frei zugängliches pdf auf: https://core.ac.uk › download › pdf
  7. Die Hymnen des Orpheus, griechisch und deutsch. In dem Versmaße des Urtextes zum erstenmale ganz übersetzt von David Karl Philipp Dietsch. Bei I. I. Palm und Ernst Enke, Erlangen 1822,  https://books.google.de/books?id=DNi7U7bJDkIC
  8. Plaßmann, J. O.: Orpheus. Altgriechische Mysteriengesänge. Aus dem Urtext übertragen und erläutert. Diederichs, Jena 1928, S. IV; 2. Auflage: Diederichs, München 1992 (Scribd)
  9. Peter E. Nulton, The Three-Figured Reliefs: Copies or Neoattic Creations? In D.  B. Counts and A. S. Tuck (eds), Koine: Mediterranean Studies in Honor of R. Ross Holloway, pp. 30-34.  Oxbow Books, 2009 (Res,gate)

Sonntag, 6. November 2022

Die Rolle der Indogermanen in der Geschichte der Cucuteni-Tripolje-Kultur (ab 4.700 v. Ztr.)

Indogermanen als Mitbewohner der "Megasites" in der Ukraine
- Steppen-Hirten lebten schon früh innerhalb der reichen bäuerlichen Siedlungen
- Ein isolierter Oberarm-Knochenfund aus der Zeit um 4.000 v. Ztr. westlich des Dnjepr macht die Archäologen diesbezüglich sicherer

Einzelne Siedlungen der Cucuteni-Tripolje-Kultur (4.900 bis 3.000 v. Ztr.) (Wiki) waren so groß, daß sie von der Forschung "Megasites" genannt werden. Sie umfaßten die Einwohnerschaft des mittelalterlichen London (6). Die Menschen dieser Kultur waren aus der anatolisch-neolithischen Völkergruppe hervorgegangen, nachdem ihre Vorgänger-Kultur am Osthang der Karpaten, die Bandkeramik, daselbst untergegangen war. Von diesen Osthängen der Karpaten aus breitete sich das neue Volk dann überraschend zügig bis zum Dnjepr aus (Stgen2021).

Abb. 1: Tierfigurine der Cucuteni-Tripolje-Kultur in Moldawien und der Ukraine (aus: 6)

Von Osten her hat sich zu ähnlicher Zeit das Urvolk der Indogermanen, die Chwalynsk-Kultur (4700 bis 3800 v. Ztr.) (Wiki), von der Mittleren Wolga nach Westen bis zum Dnjepr ausgebreitet - und weit darüber hinaus. Sie waren vermutlich die ersten "vollberuflichen" Krieger der Menschheitsgeschichte. Sie waren entstanden als sich Bauernkulturen vom Nordufer des Kaspischen Meeres aus zu beiden Seiten der Wolga Richtung Norden ausbreiteten. Dort trafen sie auf Menschen der Völkergruppe der osteuropäischen Fischer, Jäger und Sammler. Aus der je hälftigen Vermischung beider Völker entstand das Urvolk der Indogermanen, ein völlig neues Volk, das sich von der Mittleren Wolga aus dann sehr zügig nach Süden über den Kaukasus hinweg bis nach Armenien (Stgen2022) ausbreitete, sowie nach Bulgarien und - "sporadisch" - nach Nordgriechenland, sowie die Donau aufwärts bis nach Ungarn. 

Am Dnjepr bei Kiew sind diese beiden großen Kulturen - die bäuerlich-städtische Siedler-Kultur aus den Karpaten und die kriegerische Hirten-Kultur von der Wolga - aufeinander getroffen. 40 Kilometer südlich des heutigen Kiew, nahe der heutigen Ortschaft Tripolje am Dnjepr, wurde 1897 eine der ältesten Städte dieser Kultur, sowie der Menschheit insgesamt ausgegraben. Sie hatte einstmals zehn- bis zwanzigtausend Einwohner. Sie bildete zwischen 4.700 und 4.000 v. Ztr. einen der östlichsten "Vorposten" dieses Volkes.

Auf der anderen, östlichen Seite des Dnjepr und weiter bis zum Don trat das Urvolk der Indogermanen in Form der Sredny-Stog-Kultur (4.700 bis 3.300 v. Ztr.) (Wiki, engl) auf, eine Kultur, die Elemente der Hirten-Kultur mit Elementen bäuerlicher Kultur vermischte.

Bisherige Sichtweise hier auf dem Blog

In früheren Beiträgen hier auf dem Blog (erschienen seit 2017) hatten wir es schon als sehr wahrscheinlich erachtet, daß der kulturelle und genetische Einfluß der indogermanischen Steppenkultur auf die bäuerliche Cucuteni-Tripolje-Kultur und umgekehrt älter und umfangreicher gewesen sein könnte als man das in der Forschung - und besonders betont in der westlichen - in den letzten Jahrzehnten hat annehmen wollen. Archäologen in Moldawien (Dergachev) und - wie wir gleich sehen werden auch in der Ukraine - sehen das schon seit längerem weitaus differenzierter. In früheren Beiträgen hier auf dem Blog war uns dieser Einfluß unter anderem erkennbar an der gleichmäßigen Verteilung eines Steppengenetik-Herkunftsanteiles in sequenzierten Skeletten aus dem Kernraum und westlichen Teil der Cucuteni-Tripolje-Kultur während des 4. Jahrtausend v. Ztr.. Er war uns erkennbar außerdem anhand der Studien von Dergachev zur geographischen Verteilung von indogermanischen Tierkopf-Zeptern, sowie an der Verteilung der Häufung von Pfeilspitzen-Funden als Hinweise auf kriegerische Aktivitäten rund um Siedlungen, sowie anhand der immer wieder wechselnden Siedlungsverteilung zwischen den Karpaten und dem Dnjepr (Stgen2021).

Etwas anderes als eine solche Mitbeteiligung der Indogermanen würde ja auch gar nicht mehr passen zu dem sonstigen großen Bild der Süd- und Westausbreitung der Chwalynsk-Kultur ab 4.700 v. Ztr., das durch die Archäogenetik der letzten Jahre gewonnen worden ist. Darauf wird allerdings - nebenbei gesagt - auffallend wenig in der Wissenschaftsberichterstattung hingewiesen, obwohl die grundlegende weltgeschichtliche Bedeutung der Entstehung und frühen Geschichte der indogermanischen Völkergruppe, aus der die westliche Kultur hervorgegangen ist, ja im Grunde unübersehbar ist. Aber das sei nur am Rande bemerkt.

Abb. 2: Aufbewahrungsbehälter in Form eines Stiers aus der Cucuteni-Tripolje-Kultur, Nationalmuseum für die Geschichte Moldawiens in Chisinau (Wiki), Fotograf Cristian Chirita

Auf jeden Fall finden wir unsere genannte Annahme nun bestätigt in einer Preprint-Studie vom 1. November 2022 von Seiten von Archäogenetikern rund um David Reich in Zusammenarbeit mit dem Kiewer Archäologen Mykhailo Videiko (Res, Acad) (1, 2, 6).

Die Sredny-Stog-Kultur wird im allgemeinen als die Herkunftskultur der nachfolgenden großen indogermanischen Jamnaja-Kultur angesehen. Von dieser wiederum scheinen sowohl die antiken Griechen wie auch die antiken Armenier ihre indogermanische Sprache, Religion und Kultur bekommen zu haben (sowie in unterschiedlichen, geringeren Anteilen ihre Genetik). Zugleich aber nun hat diese Jamnaja-Kultur auch die Cucuteni-Tripolje-Kultur in der Ukraine und andere bäuerliche Kulturen auf dem Balkan unterworfen und "beerbt". (Immerhin hat die Cucuteni-Tripolje-Kultur in der sogenannten "Nach-Cucuteni-Tripolje-Kultur" in verschiedenen Enklaven noch Jahrhunderte lang fortgelebt, was auch ein interessanter Umstand sein dürfte, der von dem Archäologen Videiko auch schon thematisiert worden ist ein einer seiner Studien.)

Auf die Sredny-Stog-Kultur waren wir hier auf dem Blog schon verschiedentlich zu sprechen gekommen. Allerdings hatten wir jeweils widersprüchliche Aussagen zu ihr zu referieren gehabt. Einmal wurde sie vornehmlich der anatolisch-neolithischen Völkergruppe zugesprochen von Seiten der Archäogenetiker (Stgen2017). Ein anderes mal war sie von ihnen vornehmlich der Völkergruppe der Urindogermanen zugesprochen worden (Stgen2020, Stgen2022). Welche komplexeren (?) genetischen und kulturellen Verhältnisse hier nun wirklich vorliegen, wird wohl erst die künftige Forschung abschließender klären können.

Menschliche Überreste aus der Cucuteni-Tripolje-Kultur sind von der Forschung bislang nur sehr selten gefunden worden. Deshalb tut sich die Archäogenetik weiterhin schwer, zuverlässige und insbesondere lückenlose Aussagen zur Geschichte derselben zu treffen. 

Ein Oberarm-Knochen dreißig Kilometer westlich des Dnjepr

2006/07 fand 40 Kilometer südlich von Kiew (südlich von seinem Zentrum, 25 Kilomter südlich von seinem Stadtrand), sowie 30 Kilometer westlich des Dorfes Tripolje am Dnjepr die Ausgrabung einer weiteren, 15 Hektar großen Siedlung der Cucuteni-Tripolje-Kultur statt, 2016 gab es zu dieser noch eine Nachuntersuchung von Seiten der Universität Kiel (1). 

Hier wurde nun in einem für diese Kultur typischen "verbrannten Haus" isoliert für sich der Oberarm-Knochen einer Frau gefunden, für die in der neuen Studie reine indogermanische Steppengenetik nachgewiesen werden kann (1). Denn aus ihm konnten archäogenetische Daten gewonnen werden, ebenso wie chemische Isotopen-Daten, die Hinweise auf die Ernährung der Frau lieferten. Die chemische Signatur des Oberarmknochens dieser Frau entspricht zugleich auch der Ernährung von Hirten, nicht von seßhaften Bauern (1). Das würde heißen, daß Angehörige der indogermanischen Sredny-Stog-Kultur um 4.000 v. Ztr. dreißig Kilometer westlich des Dnjepr unvermischt gelebt haben und zu Tode gekommen sind.

Abb. 3: Eine Großsiedlung (Megasite) der Cucuteni-Tripolje-Kultur aus Sicht des Künstlers (aus: 6)

Der Ausgrabungsort "Kolomiytsiv Yar Tract", an dem dieser Oberarm-Knochen gefunden wurde, liegt nahe des heutigen ukrainischen Dorfes Kopatschiw (Oblast Kiew, Ukraine, 08715) (s. G-Maps).

In der Einordnung der neuen Erkenntnisse schreibt der archäologische Koautor Mykhailo Videiko in Kernsätzen (1):

Enge Kontakte zwischen Tripolje und Sredny Stog begannen schon am Ende der Tripolje A-Zeit (um 4.700 bis 4.600 v. Ztr.) und setzten sich durch das ganze Spätneolithikum hin fort (Kotova 2013). Archäologisch zeigt sich wechselseitiger Einfluß von Sredny Stog und Tripolje auf die jeweilige kulturelle Entwicklung des anderen. Siedlungen der Dereivka-Gruppe des Sredny-Stog-Horizonts wie Dereivka II und Mlyukhiv Bugor zeigen Hinweise auf bäuerliche Praktiken, die von den benachbarten Tripolje-Gruppen beeinflußt sein könnten (Kotova 2013). Der Einfluß der Sredny Stog auf die Tripolje-Kultur zeigt sich am deutlichsten in Sredny Stog-Keramik-Motiven in der Tripolje-Keramik.
Close contacts between Trypillia and Sredny Stog began as early as the end of the Trypillia A period (ca. 4700-4600 BCE) and continued throughout the Eneolithic (Kotova 2013). Archaeological evidence shows reciprocal influence of Sredny Stog and Trypillia on each other’s cultural development. Settlements of the Deriivka group of the Sredny Stog horizon such as Deriivka II and Molyukhiv Bugor contain evidence of agricultural practices, likely influenced by the neighboring Trypillian groups (Kotova 2013). The influence of Sredny Stog on Trypillian culture is most evident in the presence of Sredny Stog ceramic motifs in Trypillian pottery.

Welche genauen Unterschiede die Archäologen zwischen der einheimischen und auswärtigen Keramik sehen, wünschte man sich noch einmal in einem Video erklärt. Wir wollen dem an dieser Stelle nicht nachgehen. Aber es sind das sehr aufregende Erkenntnisse, da sie das Bild, das wir uns bislang von dieser Zeitepoche in diesem geographischen Raum gemacht hatten, noch deutlich ergänzen und präzisieren. Von einer so konkreten Durchdringung beider Kulturen hatten wir in bisherigen archäologischen Studien - abgesehen vielleicht von den sprachlich schwer zugänglichen von Dergachev - noch nicht gelesen. Das liegt aber wohl hauptsächlich an der Sprachbarriere. Es wird weiter ausgeführt (1):

Die Haushaltskeramik der Tripolje-Kultur unterscheidet sich von der anderer Keramiktypen durch die Zusammensetzung des Tons, bzw. Lehms in der Weise, daß in diesen gelegentlich zerriebene Flußmuscheln eingemischt wurden, ebenso wie durch die Form der Töpfe und Schüsseln, sowie der Methode, mit der sie ornamental geschmückt wurden durch Eindrücke von Kämmen oder anderen Vertiefungen. Dieser Haushaltskeramik-Stil wird "Cucuteni C"-Typ genannt. Cucuteni C-Keramik wird als Indikator für Steppen-Einfluß auf die Tripolje-Keramik angesehen (Burdo 2016).
Trypillian kitchenware is distinctive from other ceramic types by the composition of clay, which occasionally included crushed river shells, as well as by the shape of vessels (pots and bowls) and the method of applying ornamental compositions using stamping such as imprints of comb and pits (Figures S3, S4). This kitchenware ceramic style is known as the “Cucuteni C” type. Cucuteni C ceramics is considered an indicator of the steppe influence on Trypillian ceramics (Burdo 2016).

Das erinnert auch daran, daß Flußmuscheln (die "Malermuschel") in der Chwalynsk-Kultur an der Wolga eine nicht geringe Rolle gespielt hat. In der englischsprachigen Zusammenfassung des zitierten Aufsatz von Nataliia Burdo aus dem Jahr 2016 heißt es (3):

Funde der Sredny-Stog-Kultur innerhalb von Siedlungen der Cucuteni-Tripolje-Kultur gibt es unzählige. Solche Siedlungen verteilen sich über ein großes Gebiet vornehmlich im westlichen und nicht im östlichen Teil nahe des Gebietes der Sredny-Stog-Kultur. In der Zeitstufe Tripolje B1-B2 - Cucuteni A-B stammen die meisten Funde in der der lokalen Gruppe von Soloncheny.
Samples of Serednyi Stig Culture from Cucuteni-Trypillia sites are innumerous. These sites are distributed on large area, but mainly in the western rather than eastern part, close to the Serednii Stig Culture area. For Trypillia B1-B2 - Cucuteni A-B stages the most of finds come from sites of the Soloncheny local group.

Es gibt davon sogar unzählige. Merkwürdig, daß man davon erst jetzt erfährt. Der angeführte Ausgrabungsort Solonceni (Wiki, engl) liegt am Dnjestr (Tyra) in Moldawien, 370 Kilometer südlich von Tripolje am Dnjepr. Und dazu lesen wir weiter (3):

In Siedlungen vom Typ Soloncheny und Myropillia weist diese Keramik am meisten Ähnlichkeit mit Steppen-Keramik auf, soweit es Technologie, Stil und zum Teil die Form der Gefäße betrifft. Einige mögen tatsächlich von Trägern der Sredny-Stog-Kultur produziert und importiert worden sein. Aber das Auftreten von Cucuteni C-Keramik zu dieser Zeit veränderte ansonsten die ursprünglichen Tripolje-Cucuteni-Traditionen nicht und der Einfluß der Sredny-Stog-Kultur war begrenzt. (...) Andererseits: Cucuteni C-Keramik war das hauptsächliche gemeinsame Merkmal von Keramik-Sammlungen über das gesamte Gebiet des Volkes der Cucuteni-Tripolje-Kultur hinweg. Die angemessendste Deutung dieses Umstandes ist die, daß die Verbreitung der Cucuteni C-Keramik eher Stammes-Beziehungen als bloßen kulturellen Austausch widerspiegelt.
At the Soloncheny and Myropillia sites this pottery is most similar to Steppe samples in terms of technology, stylistics and, partly, forms of pots. Some of samples may have been really imported of produced by the bearers of Serednii Stig Culture. But the appearing of Cucucteni C pottery at this time did not change the original Trypillia-Cucuteni traditions and the Serednii Stig Culture influence was limited. The use of cord decorations from BII stage may have been connected  with the influence of Chernavoda I Culture. On the other hand, the Cucuteni C pottery was the main common feature of pottery assemblages at whole area inhabited by the Cucuteni-Trypillia people. The most realistic point of  view is that the spreading of Cucuteni C pottery reflected more tribal than intercultural relations.

Mit "Stammes-Beziehungen" soll offensichtlich gesagt werden, daß sich die Keramik gemeinsam mit den zugehörigen Menschen ausgebreitet hat, daß also über die gesamte Fläche der Cucuteni-Tripolje-Kultur - und zwar beginnend im Westen! - Angehörige indogermanischer Stämme der Stredny-Stog-Kultur aufgetreten sind. Und das ist ja auch schon von Dergachev angenommen worden.

2018 haben Videiko und Burdo dann gemeinsam in einem kleinen Aufsatz mit Bezug auf ihre Ausgrabungen bei Kolomyitsiv Yar auch noch einmal geschrieben (5):

Zur selben Zeit haben neue Siedler einige Keramik-Traditionen der Stog-Kultur übernommen. Wir meinen Formen und Dekorationen der "Küchen"-Keramik, die durch die Glättung der inneren Oberfläche der Schüsseln entstand (mit "echtem" eingeritzten Tripolje-Dekor auf der Außenseite!). Vielleicht bedeutet das, daß in die lokale Gemeinschaft auch einige Angehörige der Stog-Population mit einschlossen war.
At the same time new settlers adopted some pottery traditions from Stog Culture. We are talking about forms and decoration of “kitchen” pottery, processing by smoothing the interior surface of the pots (with “true” Trypillia carved decor on the other side!) (fig. 2:6). Probably it means that local communities included some part of Stog population.

Und genau dieser Umstand wird nun durch die Archäogenetik aufs Genaueste bestätigt. Der in Kolomyitsiv Yar  gefundene Oberarm-Knochen wird auf die Zeit 4.000 bis 3.800 v. Ztr. datiert. Ihr mitochondrialer, nur über die mütterliche Linie weitergegebener Haplotyp verweist auf Herkunft von der Vorfahrengruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler (1):

.... mtDNA haplogroup U4b1b2. Träger der U4b-Untergruppe sind identifiziert worden bei mesolithischen und neolithischen Fischern und Sammlern der Ukraine, aus der Gegend des Eisernen Tores an der Donau, sowie an der Ostseesküste. Die U4-Untergruppe bestand im Mittleren Dnjepr-Tal (...) bis ins Spätneolithikum.
Genetic analysis revealed that the individual was a female, carrying mtDNA haplogroup U4b1b2 (Table 2). Carriers of the U4b subclade were identified in Mesolithic and Neolithic fishers and foragers from Ukraine, the Iron Gates area of the Danube, and the Baltic coast (Mathieson et al. 2018). The U4 mtDNA clade was present in the Middle Dnipro Valley from the beginning of the Holocene and persisted in the North Pontic steppe through at least the late Eneolithic (Nikitin et al. 2017a; Mathieson et al. 2018; Allentoft et al. 2022; Mattila et al. 2022).

Die mitochondriale Haplogruppe fand sich schon bei anderen Individuen aus der Endzeit der Cucuteni-Tripolje-Kultur, bei denen ebenfalls schon ein erhöhter Steppen-Genetik-Anteil festgestellt worden war. Besonders viel autosomale DNA hat man aus diesem Knochen nicht gewinnen können. Doch die wenige, die man gewonnen hat, zeigt - ebenfalls - genetische Nähe zu Jamna-Individuen (1):

Der Knochenfund von KYT liegt genetisch in der Nähe der Jamna-Herdenhalter der Frühen Bronzezeit. Er hat mehr Herkunft von der frühen Steppe als jeder heute (in Westeurasien) lebende Mensch. Aber er unterscheidet sich stark von mesolithischen und neolithischen Jägern und Sammlern, sowohl von den osteuropäischen und mehr noch von Menschenfunden aus dem Mesolithikum in Serbien (Eisernes Tor), die genetisch vornehmlich westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft aufweisen.
The KYT sample (marked as SSX in Figure 3) falls close to Yamna pastoralists of the EBA. KYT-SSX has more ancestry from the ancient steppe than any modern West Eurasian sample, but is very distinct from Mesolithic-Neolithic hunter-gatherers, either Eastern Hunter Gatherers (EHG) or even more so samples from the Mesolithic in Serbia (Iron Gates) which are genetically primarily of Western Hunter Gatherer (WHG)-associated ancestry.

Abschließend wiederholen die Forscher noch einmal (1):

Das weit verbreitete Vorhandensein von Cucuteni C-Keramik in Tripolje-Siedlungsorten der frühen mittleren Zeitepoche, einschließlich Verteba legt nahe, daß die Sredny-Stog-Tripolje-Interaktionen umfangreich waren, wodurch es ebenso vielfältige Möglichkeiten für genetischen Austausch zwischen den beiden kulturellen Gruppen gegeben hat.
The widespread presence of Cucuteni C pottery at Trypillian sites of the early-middle period, including Verteba, suggests the Sredny Stog-Trypillia interactions were extensive, thus providing multiple opportunities for biological interactions between the two culture groups as well.

Genau solche Aussagen hatte uns in früheren archäogenetischen Studien zur selben Thematik noch gefehlt.

Insgesamt drängt sich ja damit jetzt immer mehr der Eindruck auf -  da es um 4.000 v. Ztr. noch genetisch unvermischte Indogermanen in einer Siedlung der Tripolje-Kultur nahe des Dnjepr geben konnte - daß die genetische Einmischung der Steppenkultur dort auch vergleichsweise spät erfolgt sein kann im Vergleich zu anderen Gebieten dieser Kultur viel weiter westlich. Es drängt sich der Eindruck auf als ob es auch sehr vielfältige individuelle "Regionalgeschichten" innerhalb der Cucuteni-Tripolje-Kultur gegeben haben könnte im Austausch mit den jeweiligen Indogermanen vor Ort, die vermutlich jeweils vor Ort aus dem Süden, aus der Steppe gekommen sein werden.

_______

  1. Interactions between Trypillian farmers and North Pontic forager-pastoralists in Eneolithic central Ukraine. Alexey G. Nikitin, Mykhailo Videiko, Nick Patterson, Virginie Renson, David Reich bioRxiv 2022.10.31.514526; doi: https://doi.org/10.1101/2022.10.31.514526, 1.11.2022, biorxiv; inzwischen begutachtet und endgültig erschienen: Nikitin AG, Videiko M, Patterson N, Renson V, Reich D (2023) Interactions between Trypillian farmers and North Pontic forager-pastoralists in Eneolithic central Ukraine. PLoS ONE 18, e0285449, 14.6.2023 (pdf).
  2. Mykhailo Videiko on History of Ukraine From Trypillian to Rus, 5.3.2022, https://youtu.be/2Pw3lTzB0jY
  3. Kotova, N.S. 2013. Dereivskaya kul’tura i pamyatniki Nizhnemikhaylovskogo tipa. Kiev, Kharkov: Maidan [Dereivskaya culture and monuments of the Nizhnemikhailovskiy type]
  4. Burdo, N.B. 2016: The Cucuteni C pottery in the Cucuteni-Trypillia cultural complex (Formulation of the problem and a brief historiography) - Керамика «типа Кукутень С» в керамических ансамблях культурного комплекса Кукутень-Триполье (Постановка проблемы и краткая историог. Tyragetia X [XXV]: 7-38 (Acad)
  5. Videiko, Mykhailo; Burdo, Nataliia: Life on the Eastern frontiers of Old Europe. In: Vita Antiqua, 2018 (Acad
  6. Kovtun, Valeria; Sarkis, Christine: Trypilla civilisaion - Silenced by communists. BBC, August 2021, https://youtu.be/3IpCTtmrDfM, https://www.bbc.com/travel/article/20210805-cucuteni-trypillia-eastern-europes-lost-civilisation
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