Sonntag, 10. Februar 2008

Der Hohe Meißner und die deutsche Jugendbewegung

Der Hohe Meißner, gelegen östlich von Kassel zwischen Kaufunger Wald und Werratal, wird als der "König der nordhessischen Berge" bezeichnet. *) Er ist 753 Meter hoch. Nach dem bekannten Märchen der Gebrüder Grimm wohnt hier oben auf diesem Berg die Frau Holle und schüttelt ihre Betten aus.

Für alle diejenigen jedoch, denen die Geschichte der deutschen Jugendbewegung etwas bedeutet, und die sich auch heute noch mit ihr verbunden fühlen, für die ist dieser ansonsten eher unbekannte Berg im wälderreichen Nordhessen eine bedeutende Stätte der deutschen Kulturgeschichte. Denn hier fand im Jahr 1913 das Zentralereignis der Geschichte der deutschen Jugendbewegung statt. (Wikipedia) 3.000 Wandervögel begingen hier den hundersten Jahrestag der Vielvölkerschlacht bei Leipzig, also den Sieg über Napoleon in den europäischen Freiheitskriegen jener Zeit. Unter ihnen befanden sich so bedeutende Persönlichkeiten wie etwa der Verleger Eugen Diederichs, der (spätere) Dichter Manfred Hausmann und viele andere.

Insbesondere blieb dieses Treffen bedeutsam, weil hier die berühmte "Meißner-Formel" formuliert worden ist. Sie lautet:
Die Freideutsche Jugend will nach
- eigener Bestimmung, vor
- eigener Verantwortung und in
- innerer Wahrhaftigkeit
ihr Leben gestalten.
Aufgerufen hatte zu diesem Treffen der 22-jährige Göttinger Student Christian Schneehagen. Er hatte es auch organisiert. Fünf Jahre später schon, am 25. April 1918 fiel er in Flandern als Soldat wie so viele Angehörige der deutschen Jugendbewegung. Von den 12.000 deutschen Wandervögeln, die am Ersten Weltkrieg teilnahmen, fielen mehr als 7.000. (Burgludwigstein.de 1, 2) Nach Christian Schneehagen ist heute ein Wanderweg benannt, der von der Burg der Wandervögel, der Burg Ludwigstein im Werratal, zum Hohen Meißner führt. (Zweiburgenblick.de)

Die Jugendburg Burg Ludwigstein über dem Werratal ist heute nicht nur eine Tagungsstätte, sondern sie beherbergt auch das "Archiv der deutschen Jugendbewegung":

Zur Erinnerung an das Treffen auf dem Hohen Meißner ließ einer der letzten lebenden Teilnehmer, Alfred Toepfer, im Jahr 1988 einen Findling an der Stelle errichten, von wo aus nach seiner Erinnerung in etwa die Redner auf diesem Treffen zu den Teilnehmern sprachen. (Alfred Toepfer-Stiftung)


Der Gedenkstein

Der Gedenkstein mit Wegweisern und Erläuterungstafeln

Vom Ort des Gedenksteines aus hat man einen schönen Überblick über die "Hausener Hute",
auf der damals hunderte von Zelten standen.

Ein Jahr später also schon zog die Wandervogel-Jugend in den Ersten Weltkrieg und es ist bis heute unentschieden geblieben, ob das Erstreben solcher Zielsetzungen wie jene der berühmten "Meißner-Formel" heute als mit Erfolg gekrönt bezeichnet werden darf. Den emanzipatorischen Bestrebungen der deutschen Lebensreformbewegung stand und steht bis heute entgegen entweder "Diktatur durch Gewalt" oder "Diktatur durch Verwöhnung". Beide haben die jungen, junggebliebenen und älteren Deutschen und Europäer bis heute eher von der Erfüllung solcher Zielsetzungen entfernt, als sie in ihrer Mehrheit an dieselben angenähert.

Eine Einkehr an dieser Erinnerungsstätte bräuchte niemanden zu schaden. Ein so freier, weiter Blick.

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______________

*) Die Fotos dieses Beitrages sind
am heutigen Tag aufgenommen worden (- außer das der Burg Ludwigstein).

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Und jetzt endlich weg mit der Meissner-Formel! Die hundert Jahre alte Formel hat das klare Denken hundert Jahre lang gehindert, denn auch ein überzeugter Mörder handelt „vor eigener Verantwortung“ und greift tapfer zur Waffe, auch ein Kindesmissbraucher handelt „nach eigener Bestimmung“ und missbraucht das Kind, auch Adolf Hitler war mit sich und der vermeintlichen Vorsehung völlig im Reinen und lebte „in innerer Wahrhaftigkeit“. Eine neue Formel muss her für den Wandervogel, ein Credo, drei Begriffe reichen: Aufklärungshumanismus, Gleichheitsfeminismus, Menschenrechtsuniversalismus!

Ingo Bading hat gesagt…

Also von "innerer Wahrhaftigkeit" habe ich offenbar eine andere Vorstellung, als Sie. Sie schließt - selbstverständlich - äußere Wahrhaftigkeit mit ein. Womit ein Bezug auf Adolf Hitler völlig wegfällt.

"Eigene Bestimmung" richtet sich gegen Fremdbestimmung. Die Ursachen für viele Fälle von Kindesmißbrauch kennen wir noch nicht. Aber da wir viele Fälle von generationenübergreifender Pädokriminalität inzwischen kennen, wird man davon ausgehen können, daß viele Gewalttäter von Kindheit an konditioniert werden darauf, selbst gewalttätig zu werden, also in dieser Sache klar fremdbestimmt sind.

Auch den Begriff "Verantwortung" scheinen Sie anders zu verstehen als ich. Ein Mörder handelt natürlich unverantwortlich, um das mindeste zu sagen.

Wobei mich sowieso wundert, wie das Selbstverständnis eines echten Wandervogels formulieren können aus der Sicht von Mördern, Kindesmißbrauchern und "Adolf Hitlers". Ein reichlich merkwürdiges Selbstverständnis des Phänomens Wandervogel, muß ich sagen.

Wenn es Wandervögel oder Angehörige der Jugendbewegung gegeben haben sollte, die zu Verbrechern wurden (insbesondere im Dritten Reich - in dem Buch "Die braunen Wurzeln des BKA" las ich einiges darüber), so wäre das als ein eklatanter Mißbrauch der Wandervogel-Ideale zu beschreiben, bzw. als ein klares Untreu-Werden gegenüber den Wandervogel-Idealen.

Und wenn ein Pädokrimineller wie Gustav Wyneken uns seine Verteidiger (Hans Blüher etc.) versuchten, den Wandervogel zu hijacken, so ist das eben das Hijacken einer guten Sache, die die Sache selbst gar nicht betrifft. Denn alle guten Dinge können gehijackt werden, wenn nicht aufgepaßt wird. Und es wird im Grunde überall versucht zu hijacken.

Ihre eigenen Vorschläge jedenfalls sind vor Mißbrauch doch ganz klar ebensowenig gefeit.

Ich bin von völlig anonymen Kommentaren - zumal solcher Art - eh nicht besonders erbaut. Was hindert Sie, diesen Kommentar mit Ihrem bürgerlichen Namen zu schreiben?

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