Sklaven wurden offenbar aus dem gesamten Mittelmeer-Raum eingeführt
In Pompeji 79 n. Ztr. (Wiki) findet sich fast jede denkbare Herkunfts-Zusammensetzung unter den Bewohnern, so eine archäogenetische Studie aus dem Jahr 2024 (1) (Abb. 2). Es finden sich (bislang) keine zwei Individuen, die sich in der Herkunfts-Zusammensetzung gleichen.
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| Abb. 1: Theatermasken als Wandmalerei in der Casa del bracciale doro in Pompeji |
Pompeji gibt einerseits Zeugnis von der Pracht, dem Reichtum, dem Schönheitssinn, der Hochherzeigkeit der Menschen in den Städten des Mittelmeerraumes während der Antike. Ein schönes Zeichen für diese Hochherzigkeit und Freigesinntheit ist allein ein solches Willkommensschild eines Geschäftes in Pompeji, auf dem freimütig steht "Willkommen Gewinn!" Nichts abendländisch Verkniffenes finden wir in Pompeji.
Aber die Archäogenetik seiner Bewohner um 79 n. Ztr. ist mehr als überraschend. Offenbar waren Sklaven aus allen Teilen des Mittelmeerraumes, auch aus heute noch weniger archäogenetisch erforschten Regionen bis Pompeji gehandelt worden.
Denn zwei Individuen weisen nordafrikanische Jäger-Sammler-Herkunft auf, sie könnten also von Puniern aus dem vormaligen Reich von Karthago abstammen. Drei Individuen weisen natufisch-levantinische Herkunft auf. Sie könnten aus dem antiken Levante-Raum stammen. Vier weisen Herkunft von Balkan-Jäger-Sammlern auf. Sie werden dementsprechend aus der Balkan-Region stammen. Wir lesen (1):
Die pompejanischen Individuen unterscheiden sich von den etwa zeitgleichen Individuen, die mit der etruskischen Kultur in Verbindung gebracht werden, in Bezug auf ihre Herkunfts-Anteile, die von den europäischen Jägern und Sammlern des Mesolithikums stammen (niedriger bei den pompejanischen) und in Bezug auf den Anteil der Jäger und Sammler aus dem Kaukasus (höher bei den pompejanischen). Dadurch gleicht ihre Herkunfts-Zusammensetzung der der mittelitalienischen, kaiserzeitlichen Römer sowie der zeitgenössischen Individuen aus der Ägäis und Anatolien. Individuum 52 zeigt eine Herkunfts-Zusammensetzung, die mit Individuen der Eisen- und Römerzeit der Levante vergleichbar sind, gekennzeichnet durch einen geringen Herkunftsanteil, der bei modernen Populationen in Afrika südlich der Sahara maximiert ist, und durch ein Fehlen des Herkunftsanteils, der bei europäischen Jägern und Sammlern maximiert ist. Dieses Individuum ist am engsten mit levantinischen Populationen verbunden.The Pompeiian individuals differ from the roughly contemporaneous individuals associated with the Etruscan culture in their proportions of the ancestry components maximized in Mesolithic European hunter-gatherers (lower in the Pompeiians) as well as hunter-gatherers from the Caucasus (higher in the Pompeiians), making their ancestry composition more similar to the Central Italian Imperial Romans as well as contemporaneous individuals from the Aegean and Anatolia. Individual 52 shows an ancestry composition comparable to IA and Roman-period Levantine individuals, characterized by a minor component maximized in modern-day Sub-Saharan African populations and an absence of the component maximized in European hunter-gatherers. This individual most closely clusters with Levantine populations.
Und es findet sich (1) ...
... Individuum 25, dessen Abstammung zu 65,3 % ± 4,5 % von Levant_PPN-Bauern und zu 34,7 % ± 4,5 % von Steppenhirten aus der Bronzezeit (Steppe_EMBA) abstammt, eine Abstammungsquelle, die für keines der anderen Individuen erforderlich ist. Dieses Modell weist trotz der geringen Abdeckung des Genoms des Individuums auf eine andere Abstammungsgeschichte hin, die europäische Quellen einbezieht, die nicht zu den anderen Individuen beitrugen.Individual 25, who can be modeled as deriving 65.3% ± 4.5% of his ancestry from Levant_PPN farmers and 34.7% ± 4.5% from Bronze Age steppe pastoralists (Steppe_EMBA), an ancestry source required by none of the other individuals. This model indicates, despite the low coverage of the individual’s genome, a different ancestry history involving European sources that did not contribute to the other individuals.
Wenn es sich hier einmal nicht um eine ganz ungewöhnliche Herkunfts-Zusammensetzung handelt.
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| Abb. 2: Herkunfts-Zusammensetzung der sequenzierten Menschenfunde in Pompeji |
Wo hatte sich bis in das erste Jahrhundert v. Ztr. noch levantinisch-natufische Genetik einerseits und Jamnaja-Genetik andererseits jeweils unvermischt erhalten? Und wo konnten sich beide dann miteinander vermischen? Was die natufische Genetik betrifft, so könnte man am ehesten an den arabischen Raum denken. Aber wie kamen dorthin - - - 35 % Steppen-Genetik? Und dieses Individuum stammt auch noch aus der Mysterien-Villa (1):
Die Körper zweier Erwachsener, vermutlich Frauen, und eines Kindes wurden in der Lapilli-Bimssteinablagerung gefunden, was darauf hindeutet, daß sie in der frühen Phase des Ausbruchs im oberen Stockwerk der Villa eingeklemmt wurden und in das untere Stockwerk fielen. In den darüber liegenden Asche-Ablagerungen wurden sechs Leichen gefunden, was darauf hindeutet, daß sie die erste Phase des Ausbruchs überlebt hatten. Unter ihnen wurde Individuum 25 allein in einem Raum gefunden, auf einer Ascheschicht liegend, mit einem Eisenring mit einem eingravierten Karneol einer weiblichen Figur am kleinen Finger der linken Hand, fünf Bronzemünzen und einer Peitsche als persönliche Gegenstände.The bodies of two adults, interpreted as women, and a child were found in the pumice lapilli deposit, indicating that they were caught in the early stages of the eruption on the upper floor of the farm section and fell to the lower floor. Six bodies were found in the overlaying ash deposits, indicating that they had survived the first phase of the eruption. Among them, individual 25 was found alone in a room, lying atop a layer of ash, with an iron ring with an engraved carnelian of a female figurine on the little finger of the left hand, five bronze coins, and a whip as personal effects.
Ausgerechnet mit einer Peitsche, die doch auch auf den Darstellungen der Wände eine Rolle spielt! Und weiter (1):
Der Abguß dieses Opfers zeigt einige der am besten erhaltenen anatomischen und textilen Details. Der Mann war etwa 1,85 m groß, dünn und hatte einen konvexen (nach außen gewölbten) Nasenrücken. Den Spuren seiner Kleidung und des Schmucks zufolge gehörte er vermutlich einem niedrigen sozialen Status an und wurde als Wächter der Villa interpretiert, der treu an seinem Posten geblieben war. Unsere genetische Analyse bestätigt eine männliche Geschlechtseinschätzung und eine gemischte genetische Abstammung, die möglicherweise sowohl auf ostmediterrane als auch auf europäische Quellen zurückgeführt werden könnte.The cast of this victim shows some of the most well-preserved anatomical and textile details. The man was about 1.85 m tall, thin, with a convex nasal bridge. According to the traces of his clothes and the ornaments, he was supposed to belong to a low social status and was interpreted as the custodian of the villa who had faithfully remained at his post.21 Our genetic analysis confirms a male sex estimation and mixed genetic ancestry that could possibly be traced to both Eastern Mediterranean and European sources.
Wo in Europa sollte sich bis dahin Jamnaja-Genetik unvermischt erhalten haben? Das erscheint uns ganz unplausibel. Wahrscheinlicher ist es doch, daß sich eine solche Genetik in der Steppe oder in abgelegenen Tälern des Kaukasus erhalten haben kann.
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| Abb. 3: Wandmalerei in Pompeji |
/ Entwurf 12.11.2024 /
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- Ancient DNA challenges prevailing interpretations of the Pompeii plaster casts. By E Pilli, S Vai, VC Moses, S Morelli, M Lari, A Modi… ∙ David Reich, Alissa Mittnik. In: Current Biology, 7.11.2024 (Cell) (pdf)



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