Donnerstag, 10. Juni 2021

Lebendgebärende Landschnecken!

Gibt es uns und unsere Lebendigkeit nur, weil sie "nützlich" ist?

Daß einige Landschnecken-Arten lebendgebärend sind, wer wußte das wohl bisher? Außer einigen Eingeweihten? Die Wissenschaft hat sich verschworen, um das vor uns geheim zu halten. Aber die Bernstein-Forschung bringt es an den Tag (1, 2). 

Und damit kann unserer Allgemeinbildung ein weiteres Beispiel für Konvergenz (Wiki) im Rahmen der für die Evolution so wichtige Eigenschaft "lebendgebärend" (Wiki) hinzugefügt werden. Sprich, die lang gewordene Liste von Fällen konvergenter Evolution, die sich die Wissenschaft seit etwa 2003 angefangen hat, bewußt zu machen. Und die sie seither auch angefangen hat, philosophisch zu deuten (3). Ihr wäre damit ein weiterer Fall hinzuzufügen. (Bisherige Blogbeiträge zum Thema: konvergente Evolution.)

Abb.: Im Bernstein entdeckt: Eine lebendgebärende Landschnecke (aus 2)

Aber noch krasser: Solche lebendgebärenden Landschnecken gab es schon in der Kreidezeit vor 80 Millionen Jahren, also in jener Zeit, in der auch die ersten - lebendgebärenden - Säugetierarten auf der Erde lebten.

Unsere Vermutung: Die Tendenz der Natur, auf etwas hinaus zu wollen, das sehr deutlich zu umschreiben und zu charakterisieren ist (und das Simon Conway Morris erstmals auch so charakterisiert hat) (s. konvergente Evolution), ist immer schwerer zu übersehen für die Wissenschaft.

Die Natur wollte nicht nur eierlegende Reptilien auf dieser Erde, sie wollte Lebewesen, die sich als Eltern einige Zeit - später viele Jahre - um ihren Nachwuchs kümmern, sie wollte also auf eines der Grundcharakteristika alles Humanen hinaus. Unbewußt natürlich. (Denn welches Bewußtsein hätte das wollen sollen?)

Aber die Forscher haben auch gleich Nützlichkeits-Erwägungen parat, warum die Lebensform lebendgebärend bei den Landschnecken nicht ausgestorben ist. Das mutet ein wenig willkürlich an angesichts des Herrlichen, das mit der Lebensform "lebensgebärend" alles sonst noch so verbunden ist. Das mutet so an, als ob Wissenschaftler von ihrem eigenen Leben und Familienleben völlig absehen würden und könnten, wenn sie an Natur und Evolution denken.

Und als wäre das eine Gesamterklärung. Seit Charles Darwin glauben Biologen, daß Lebensformen nur deshalb entstehen, weil sie nützlich sind. Das ist freilich ein wenig absurd. Aber irgendwann werden das ja vielleicht - sogar! - einmal Biologen verstehen. Daß das reichlich absurd ist. Nämlich die Annahme, daß Leben und die Vielfalt der Lebensformen auf dieser Erde nur deshalb entstehen würden, "damit" sie nicht aussterben.

In der Studie heißt es (2):

Man weiß, daß die Lebensform "lebendgebärend" über 160 mal im Tierreich evoluiert ist, einschließlich bei Knochenfischen .... Amphibien, Säugetieren und ... Reptilien ebenso wie in zahllosen Gruppen von Wirbellosen. Die Befruchtung innerhalb des Körpers ist für sie eine Voraussetzung.
Viviparity is known to have evolved over 160 times in the animal kingdom, including boney fishes, cartilaginous fishes, amphibians, mammals and squamate reptiles as well as in numerous invertebrate groups for which internal fertilization is a precondition (Blackburn, 1999).

Hier werden wir gleich noch auf einen zweiten Umstand aufmerksam gemacht: Daß innere Befruchtung Voraussetzung für die Lebensform "lebendgebärend" ist, daß also eine innigere Vereinigung beider Eltern-Lebewesen notwendig ist. Eine innigere als daß sonst so bei der bloß "äußeren Befruchtung" notwendig ist. Ob auch hier die Tendenz der Natur auf etwas hinaus wollte? Oder ob es auch diese Lebensform nur deshalb gibt, damit sie nicht ausstirbt? Weil sie zugleich "nützlich" ist? 

Oder wollte die Natur womöglich auf hier noch auf wesentlich andere Dinge mehr hinaus? Immerhin könnten ja auch in diesem Fall die Forscher einmal so nebenbei ihr eigenes Leben betrachten ....

... Und Genom-Vergleiche ... ?

Und weitere Frage: Ob nicht über Genom-Vergleiche verschiedener Schneckenarten der Ursprung der Eigenschaft "lebendgebärend" in der Stammesgeschichte auch in die Kreide-Zeit zu verorten ist? Oder womöglich noch weiter unten im Stammbaum? In einer früheren Erdepoche? Das wäre doch sehr spannend zu erfahren. Darüber aber findet sich in der Studie - soweit wir sehen - vorerst nichts. 

Da aber schon Blütenpflanzen (Angiospermen) und Säugetiere so merkwürdig zeitlich parallel zueinander evolutiert sind - was beides mit einer intensivierten Sorge um die Nachkommenschaft einher geht - ob solche Gleichzeitigkeiten dann nicht auch auf Wirbellose erweitert werden können? Man möchte meinen, daß in diesem Bereich ein nächster Schritt der Erkenntnisgewinnung in der Forschung liegt. Nämlich: Wie zeitverschoben oder gleichzeitig die konvergente Evolution von Merkmalen stattfindet. 

Anders gefragt: Eilen Organismen-Gruppen anderen voraus in der Evolution von bestimmten Merkmalen? Vor drei Jahren war uns auffällig geworden, daß auch der Übergang von der solitären Lebensweise bei Insekten zu der Lebensform "Helfer am Nest", wodurch es dann zur Staatenbildung kam, sich in der Kreidezeit vollzogen hat (4). Die Staatenbildung der Termiten könnte dem aber schon im Jura voraus geeilt sein, zur Zeit erster eierlegender Säugetiere (4). Damals hatten wir auch festgehalten (4):

Man möchte das Sozialleben der Termiten übrigens aus menschlicher und männlicher Sicht - bei aller weiter fortbestehenden Fremdheit - das "sympathischste" aller staatenbildenden Insekten nennen. Denn Königin und König leben nach ihrem Hochzeitsflug lebenslang zusammen, das heißt, die Königin ersetzt nicht ein lebendes Männchen durch eine Samenbank wie das bei den anderen staatenbildenden Insekten der Fall ist. Und auch in den Arbeiterkasten kommen Tiere beider Geschlechter zum Zuge. Da wird also nicht gegen männliche Tiere "diskriminiert" wie das sonst unter den staatenbildenden Insekten der Fall ist.

Vielleicht deutet sich in diesem Umstand auch ein Grundgesetz der Evolution an: In Frühstufen der Evolution einer bestimmten Eigenschaft zeigt sich diese bestimmte Eigenschaft "vollkommener" als über viele nachfolgende Stufen dieser Eigenschaft hinweg.

______________

  1. Kreidezeitliche Schnecken-Lebendgeburt 9. Juni 2021, https://www.wissenschaft.de/erde-klima/kreidezeitliche-schnecken-lebendgeburt/
  2. Adrienne Jochum, Tingting Yu, Thomas A. Neubauer, Mother snail labors for posterity in bed of mid-Cretaceous amber, Gondwana Research, Volume 97, 2021, Pages 68-72, https://doi.org/10.1016/j.gr.2021.05.006. (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1342937X21001453
  3. Conway Morris, Simon: Jenseits des Zufalls. Wir Menschen im einsamen Universum. Berlin University Press, 2008, (um wichtige Eingangs-Kapitel gekürzte deutsche Fassung von: "Life’s Solution: Inevitable humans in a Lonely Universe". Cambridge University Press, 2003)
  4. Bading, Ingo: Altruismus und Tierstaaten - In welchen Erdepochen evoluierten sie in der jeweiligen Tiergruppe? Datierungen anhand der Fossilgeschichte und der Genomvergleiche, 15. Februar 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/02/altruismus-und-tierstaaten-in-welchen.html

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