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Dienstag, 12. September 2023

"Auf feuchter Wiese der Charente"

"Das Nächste Beste" - Der Zug der Stare als geschichtsphilosophisches Gleichnis

Das Hölderlin-Jahrbuch des Jahres 1998/99 enthält einen Aufsatz, dessen Titel uns ins Auge gefallen ist (1): 

"Wie ein Hund - Zum „mythischen Vortrag“ in Hölderlins Entwurf ‘Das Nächste Beste’".

Die ersten drei Worte spielen auf die Zeile eines jener Gedichtentwürfe Hölderlins an, die einen immer schon in besonderem Maße angesprochen haben, nämlich des Gedichtentwurfes "Vom Abgrund nämlich". Es handelt sich um die Zeilen:

               Bald aber wird, wie ein Hund, umgehn
In der Hitze meine Stimme auf den Gassen der Gärten
In denen wohnen Menschen
In Frankreich.
Erst unlängst war uns der Gedanke gekommen, daß gerade auch dieser Gedichtentwurf inhaltlich zu der geschichtsphilosophischen Thematik "Griechenland - Hesperien" paßt, die hier auf dem Blog inzwischen mehrfach erörtert worden ist.

Abb. 1: Ein Schwarm Stare auf der Nordseeinsel Juist, September 2010 (Wiki) (Fotograf "4028mdk09") 

In seiner Gesamtheit lautet der Gedichtentwurf folgendermaßen:

Vom Abgrund nämlich haben
Wir angefangen und gegangen
Dem Leuen gleich, in Zweifel und Ärgernis,
Denn sinnlicher sind Menschen
In dem Brand
Der Wüste
Lichttrunken und der Tiergeist ruhet
Mit ihnen. Bald aber wird, wie ein Hund, umgehn
In der Hitze meine Stimme auf den Gassen der Gärten
In denen wohnen Menschen
In Frankreich.
Der Schöpfer.
Frankfurt aber, nach der Gestalt, die
Abdruck ist der Natur zu reden
Des Menschen nämlich, ist der Nabel
Dieser Erde, diese Zeit auch
Ist Zeit, und deutschen Schmelzes.
Ein wilder Hügel aber stehet über dem Abhang
Meiner Gärten. Kirschenbäume. Scharfer Odem aber wehet
Um die Löcher des Felses. Allda bin ich
Alles miteinander. Wunderbar
Aber über Quellen beuget schlank
Ein Nußbaum und ... sich. Beere, wie Korall
Hängen an dem Strauche über Röhren von Holz,
Aus denen
Ursprünglich aus Korn, nun aber zu gestehen, befestigter Gesang von Blumen als
Neue Bildung aus der Stadt, wo
Bis zu Schmerzen aber der Nase steigt
Zitronengeruch auf und das Öl, aus der Provence, und es haben diese
Dankbarkeit mir die Gasgognischen Lande
Gegeben. Gezähmet aber, noch zu sehen, und genährt hat mich
Die Rappierlust und des Festtags gebraten Fleisch
Der Tisch und braune Trauben, braune
... und mich leset o
Ihr Blüten von Deutschland, o mein Herz wird
Untrügbarer Kristall an dem
Das Licht sich prüfet wenn ... Deutschland

Wenn solche Worte fallen, möchte man selbst ganz verstummen. Hier hat sich jemand bis an die Grenze des Sagbaren gewagt, womöglich noch darüber hinaus. 

Dieser Gedichtentwurf ist voller Bezüge, und zwar unterschiedlichster Art. Natur und Geschichte sind auf verschiedenerlei Beziehungsebenen miteinander in Verbindung gebracht. 

Auf die Erwähnung von Frankreich folgt gleich in der übernächsten Zeile die Erwähnung von Frankfurt und zum Schluß von Deutschland. Das Wechselspiel zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen Süd und Nord innerhalb Europas, zwischen Gascogne und Hessen, der Gedanke von diesem Wechselspiel bildet allzu deutlich einen Hintergrund zu diesem Gedichtentwurf.

Eine der wichtigsten Zeile zur inhaltlichen Deutung desselben scheint uns dann aber - unter den Vorzeichen der Griechenland-Hesperien-Erörterungen - die Zeile:

"Denn sinnlicher sind Menschen / In dem Brand / der Wüste". 

Damit scheint uns doch - einmal erneut - der "südliche Mensch" angesprochen zu sein. Er lebt - nicht zuletzt - auch in Bordeaux, in der Gascogne. Er lebt nahe an Afrika und seiner Wüste. Aber der "Tiergeist", der zugleich das Feuer vom Himmel ist ("lichttrunken"), der schläft mit ihm, mit dem Menschen des Südens. So wie Cerebus schläft, der Hund, der den Eingang der Unterwelt bewacht, so daß die Toten sich ungehindert unter die Lebenden mischen können und umgekehrt (1). Die Nacht herrscht, die Dunkelheit.

Der Tiergeist ist eingeschlafen in jenem Abgrund, der sich mit dem Untergang der antiken Mittelmeerkultur und mit dem Heraufkommen des Abendlandes aufgetan hat. Die Welt der Wirklichkeit ist zu Träumen der Nacht geworden.

Und nun haben "wir" - die Menschen des Abendlandes - aus dem Abgrund, der sich in dieser Dunkelheit, in dieser Nacht aufgetan hat, "angefangen" und "sind gegangen / dem Leuen gleich". 

So dieses geschichtsphilosophische Bild, bzw. eine erste Ausdeutung dieser Zeilen des Gedichtentwurfes.

Der Leu, der Löwe steht hier, soweit uns das derzeit - vom Rhythmus des Gedichtes und seines Gedankenganges her - verständlich ist, für den hesperischen Menschen, den nüchternen Menschen. Er geht nüchtern und ernüchtert - in Zweifeln und in Ärgernis - seinen Gang. Es ist der mittelalterliche Mensch und jener Mensch, der mit Restbeständen von "Mittelalter" noch zu Zeiten von Hölderlin ringt.

Von diesem nüchternen, ernüchterten Menschen erwartet Hölderlin - aktuell, für die Zeit seines Lebens und seines Dichtens - keine gar zu umwälzenden Dinge. Hölderlin aber harrt einem umwälzenden gesellschaftlichen Geschehen entgegen, einer Umwälzung aller Dinge. Er verkündet es in seinen Dichtungen,. Er möchte den Weg bahnen für diese Umwälzung. Er möchte die Menschen vorbereiten - auf diese Umwälzung.

Abb. 2: Die Verbreitung des Gemeinen Stars (Wiki) - Dunkle Farben einheimisch, helle Farben eingeführt; grün Heimat, gelb Sommergast, blau Wintergast

Zu seiner eigenen Zeit erwartet Hölderlin von den sinnlichen Menschen des Südens - trotz ihres Schlafes - noch eher etwas. Sie haben ja auch zu seiner Zeit - in Revolution und Gegenrevolution - heftig für umwälzende Dinge gekämpft in der Weltgeschichte.

Hölderlin glaubt offenbar auch, den Menschen des Südens selbst erneut und leichter entflammen zu können - durch seine Dichtung, durch seine Gedanken. Und womöglich hat er auch damit recht behalten: Der Marxismus, der - über Hegel - in letzter Instanz auf ihn, auf Hölderlin, zurück geht, sollte recht bald umgehen "in der Hitze" in den Städten, in denen wohnen Menschen, in Frankreich. Noch auf länger hin sollten sich viele weltgeschichtlichen Umwälzungen in Frankreich früher und wenigstens zum Teil auch heftiger vollziehen als in Deutschland. Man könnte in diesem Zusammenhang an die Pariser Commune des Jahres 1871 denken.

Zu dem Zeitpunkt als wir in unseren Vorüberlegungen an diesem Punkt angelangt waren, stießen wir auf den Eingangssatz des eingangs genannten Aufsatzes. Er lautet (1):

Hölderlins poetischer Spätstil nach der Rückkehr aus Frankreich, der Inhalt des "Homburger Folioheftes", wirft nicht nur in editorischer Hinsicht gewaltige Probleme auf, unklar ist auch, wie der bis heute schockierende Tonfall dieser Verse angemessen zu beschreiben wäre.

Die hier gewählte Charakterisierung "schockierender Tonfall" erscheint uns selbst schon eine angemessene Beschreibung zu sein. Deshalb, immerhin, eine Hölderlin womöglich sehr gerecht werdende Fragestellung: Wie kann das Aufwühlende dieser Verse, wie kann die ihnen zugrunde liegende tiefere Wahrheit gedeutet, umschrieben werden, verständlich gemacht werden? 

Auf die Thematik des Homburger Folienheftes insgesamt waren wir erstmals 2019 gestoßen (DVHS2019). Seither ist uns klar, daß wir uns mit diesem Thema nach und nach noch ausführlicher beschäftigen müssen.

Die Abfolge der Gedichte in diesem Folioheft, steht, so fanden wir 2019 schon sehr interessant, womöglich in einem sinnvollen Zusammenhang miteinander. Vielleicht wollte Hölderlin nämlich - so war zu erfahren - sie in genau dieser Reihenfolge auch veröffentlichen (Wiki). 

Im Dezember 1801 war Hölderlin nach Bordeaux aufgebrochen, Ende Mai 1802 war er von dort nach Nürtingen zurück gekehrt. Von 1804 bis zum 11. September 1806 lebte er dann auf Einladung seines Freundes Isaac von Sinclair in Bad Homburg. Isaac von Sinclair bestritt auch die Kosten seiner Anstellung an der dortigen Bibliothek aus seinem eigenen Einkommen. Am Ende dieser Zeit stand die Anklage wegen Hochverrat, die Anklage, von Sinclair, Hölderlin und andere hätten Pläne verfolgt, den Herzog von Württemberg zu ermorden ...

"Bald aber wird, wie ein Hund, umgehn / In der Hitze meine Stimme auf den Gassen der Gärten / In denen wohnen Menschen / In Frankreich."

Wenn noch heute der Tonfall solcher Verse als "schockierend" wahrgenommen werden kann, dann wird man sich womöglich auch nicht wundern, wenn Strafverfolungsbehörden damaliger Zeit unruhig wurden, wenn sie einen Dichter im stillen Kämmerlein solche und andere Worte dichten sahen und ihn befreundet sahen mit einem politisch, revolutionär umtriebigen Minister eines kleines deutschen Duodez-Fürstentums. Da mag es niemanden mehr wundern, daß Hölderlin in jenen Tagen begann, den Verrückten zu spielen und hinaus in die Gassen von Bad Homburg rief: "Ich will kein Jakobiner sein. Ich bin ein getreuer Untertan meines lieben Herzogs." 

Schlafende Hunde waren nämlich schnell geweckt. Mitunter sogar im schläfrigen Deutschland ...

Etwa am Anfang des dritten Drittels dieser Gedichte und Gedichtentwürfe des Homburger Folienheftes, die fast allesamt berühmt sind, finden sich die Entwürfe "Das Nächste Beste" und "Vom Abgrund nämlich". Mit diesen beiden Gedichtentwürfen vor allem ist der genannte Aufsatz befaßt. Er sieht sie in einem gedanklichen Zusammenhang miteinander stehen (1).

Abb. 3: "Auf feuchter Wiese der Charente" - Hier die Charente bei Rochefort, schon fünfzehn Kilometer vor ihrer Mündung in den Atlantischen Ozean (Wiki) (Fotograf: Jean-Pierre Bazard, 2014)

Immer erneut ist es ein poetisches Bild, wenn sich die Stare im Herbst sammeln. Wenn sie schließlich in den Süden, ans Mittelmeer ziehen. In großen Schwärmen fliegen sie zum Himmel auf. Und der Schwarm bricht immer wieder nach einer neuen Richtung aus, so daß ganz ungewöhnliche Formationen entstehen. Ein umtriebiges, schnelles Völkchen, diese Stare. 

Ebenso poetisch dürfte das Bild sein, wenn sich die Stare im März und April in vielen Teilen des Mittelmeerraumes und des südlichen Frankreich sammeln, um wieder zurück in den Norden ziehen. 

Die Stare als Mittler zwischen Süden und Norden

In diesem Bild vom Zug der Stare hat Hölderlin einen tiefen philosophischen, geschichtsphilosophischen Gedanken gefaßt, er hat diesem Gedanken durch dieses Bild eine ganz besondere Färbung, Tönung und Stimmung gegeben. Die Natur und die Geschichte verschmelzen in diesem Bild in eines. 

Das Sammeln der Stare und der Zug der Stare - im Herbst nach Süden und im Frühjahr nach Norden - ist ihm ein Bild für den engen Zusammenhang, für das enge Zusammenspiel, für die "Verwandtschaft", die "Dialektik" zwischen der Geisteswelt und dem kulturellen und revolutionären Wollen des "südlichen Menschen" in Südeuropa und der Geisteswelt und dem kulturellen und revolutionären Wollen des nördlichen Menschen in Mittel- und Nordeuropa. Es ist ihm ein Bild für: 

"Das Nächste Beste". 

Denn es handelt sich um zwei Geisteswelten, die geographisch nah beieinander liegen und jede der Geisteswelten bildet - womöglich - für die jeweils andere "Das Nächste Beste". Die Dialektik zwischen beiden Großräumen hat die Geistesgeschichte Europas in den letzten eineinhalb Jahrtausenden jedenfalls wieder und wieder bestimmt. 

Das "germanische" Element, in dem der Protestantismus seine stärksten Wurzeln hat, und das "romanische" Element, in dem der Katholizismus viel länger überleben konnte. Damit sollen nur zwei der wesentlichsten Geistestendenzen des letzten Halbjahrtausends heraus gegriffen sein.

Das Nächste ist das Beste, das ist der Grundgedanke. Die romanische Welt ist das Beste, was der germanischen Welt geschehen konnte, die germanische Welt ist das Beste, was der romanischen Welt geschehen konnte. Obwohl der protestantische Mensch des Nordens letztlich im Protest gegen den Süden zu diesem protestantischen Menschen wurde, in der Abgrenzung zum Süden, spürt Hölderlin doch zugleich auch die Nähe zwischen beiden Welten. Er spürt, daß das Nächste für den jeweils anderen zugleich das Beste sein könnte. Obwohl der protestantische, deutsche Mensch den revolutionären Gedanken Frankreichs von 1789 eher ins Geistige verschoben wissen wollte (im Sinne der damaligen umwälzenden deutschen Philosophie), war doch das revolutionäre Geschehen in Frankreich für das damalige Deutschland "Das Nächste Beste".

Doch kehren wir zunächst noch einmal zum Gemeinen Star zurück. Auf Wikipedia lesen wir über ihn die trockenen Angaben (Wiki):

Der Großteil der Stare Europas überwintert im Mittelmeerraum und in Nordwestafrika sowie im atlantischen Westeuropa. (...) Anfang September beginnt der eigentliche Wegzug, er erreicht seinen Höhepunkt Mitte Oktober und ist Ende November weitgehend abgeschlossen. Der Heimzug beginnt im Februar und ist in Mitteleuropa meist Ende März, im Norden Europas erst Anfang Mai beendet.

97,5 % aller Stare in der Schweiz und in Süddeutschland, sowie 92 % aller Stare östlich der Elbe und östlich des Böhmerwaldes wandern in den Süden. Nur je 2,5 % bis 8 % der Stare bleiben während des Winters in den jeweils genannten Gegenden vor Ort. 

Abb. 4: Eine Bauernfähre über die Charente bei Roffit, Südwestfrankreich, gemalt von L-E May, 1866, Museum der Schönen Künste Angoulême (Wiki)

Welch ein schönes Bild, dieses Wandern des menschlichen Geistes hinüber und herüber über die Jahrhunderte hinweg als Staren-Zug zu beschreiben und zu charakterisieren. Dieser Staren-Zug rückt weit entfernte Gegenden nah zueinander, beläßt ihnen dabei jedoch zugleich ihre jeweilige Eigenart und ihren Abstand zueinander. 

Der Weg von Bordeaux nach Paris

Im Mai 1802 war Hölderlin mit dem "schönsten Zeugnis" von seinem dortigen deutschen Brotgeber, in dessen Haus er nur wenige Monate als Hauslehrer gelebt hatte, geschieden. Bordeaux gehört zum Departement Gironde. Und 1802 waren die Erinnerungen noch frisch daran, daß aus den Gegenden des Departments Gironde vor allem die Girondisten (Wiki) stammten, jene einflußreiche Gruppierung von Abgeordneten des revolutionären Frankreich, die aus dem südlichen und westlichen Frankreich stammten, und die zwischen 1791 und 1793 - also erst zehn Jahre zuvor - die Revolution in Frankreich voran getrieben hatten. Auf dem englischen Wikipedia ist über sie zu lesen (Wiki):

Sie setzten sich für das Ende der Monarchie ein, widersetzten sich dann aber der rasanten Dynamik der Revolution. Das führte zu einem Konflikt mit den radikaleren Montagnards. Sie dominierten die Bewegung bis zu ihrem Sturz im Aufstand vom 31. Mai bis 2. Juni 1793. Dieser führte zur Vorherrschaft der Montagnards und zur Säuberung und schließlich zur Massenhinrichtung der Girondisten. Dieses Ereignis steht am Beginn der Schreckensherrschaft.

Man kann vielleicht - in einem sicherlich sehr unzulänglichen Vergleich - sagen, daß die Girondisten so etwas wie die gemäßigten "Mehrheitssozialdemokraten" der russischen Revolution von 1917 und der deutschen Revolution von 1918 waren. Auch die Sozialdemokraten befürworteten die Abdankung des Zaren von Rußland und der Kaiser von Deutschland und Österreich. Aber auch die Sozialdemokraten wurden schließlich in Rußland von den "Kommunisten" "überrannt" und ersetzt, bzw. standen in Deutschland in Gefahr, von den Kommunisten ersetzt zu werden. (Vor letzterem bewahrte sie nur das Bündnis mit einer stärkeren demokratischen Mitte und mit den politisch rechtsstehenden Freikorps. Das Überrennen der Sozialdemokraten gelang östlich der Elbe erst nach einem verheerenden Zweiten Weltkrieg.)

In Deutschland hat ein großer Teil der fortschrittlicher denkenden Kreise nach 1789 sicherlich mit den Girondisten sympathisiert. Hölderlin kam in Bordeaux also - von diesem Blickwinkel her gesehen - in eine "Heimat seines Geistes", nämlich in die Heimat des Geistes der Revolution von 1789 bis 1791. 

Von Bordeaux nach Paris sind es 550 Kilometer. Über 75 Kilometer hinweg wird dieser Weg von dem romantischen kleinen Flüßchen Charente (Wiki) begleitet, grob gesagt zwischen Angoulême und Civray (s. Abb. 5). Die Charente fließt durch viele anmutige kleinere und größere Ortschaften. An ihrem Ufer reihen sich entlang: romantische Mühlen, Schlösser und stille Parks (WikiCom).

Der direkte Fußweg nach Paris überquert diesen Fluß (nach Google Maps) erstmals bei Châteauneuf-sur-Charente, einige Kilometer flußabwärts von Angoulême. Er führt dann flußaufwärts an der Charente entlang. Sie schlängelt immer wieder wechselnd einmal rechts, einmal links des Weges parallel und muß deshalb mehrere male überquert werden. So bei Montignac-Charente, bei Mansle, bei Verteuil-sur-Charente und zum letzten mal bei Civray. Dort schließlich läßt der Wanderer den Fluß hinter sich. Der Wanderer hat das Ziel "Paris" vor Augen. Auf diesem Weg sind - sicherlich - auch viele "Girondisten" zuvor schon gen Paris gewandert oder gefahren.

Abb. 5: Die Charente (Wiki)

Über mehr als 300 Kilometer hinweg fließt die Charente - insgesamt gesehen - von Osten nach Westen durch Frankreich und mündet unterhalb von Rochefort in den Atlantischen Ozean. Etwa 130 Kilometer weiter im Norden der Charente findet sich einer ihrer Parallelflüsse, nämlich die Vendée (Wiki). Und mit ihr fällt erneut ein geschichtsträchtiger Name. Dieses Flüßchen hat jenem Departement Vendée seinen Namen gegeben, in dem es nach Beginn der oben erwähnten Schreckensherrschaft 1793 bis 1796 die schwersten gegenrevolutionären Aufstände innerhalb Frankreichs gegeben hat, in denen die Menschen am Heftigsten im Für und Wider des "patriotischen Zweifels" lebten (so der Ausdruck von Hölderlin dazu).

Diese mußten somit bei den fortschrittlicher denkenden Menschen in Frankreich und Deutschland ebenfalls viel Anteilnahme finden. Man kann sagen, daß der Weg von Bordeaux nach Paris zwischen Châteauneuf-sur-Charente und Poitiers "in der Nähe" des Aufstandsgebietes der Vendée viele Gedanken in Hölderlin aufwühlen konnte. So jedenfalls hat es Hölderlin selbst ja dargestellt.

Ein halbes Jahr nach seiner Rückkehr, im November 1802, hat Hölderlin ja von Nürtingen aus an seinen Freund Böhlendorf jenen Brief geschrieben, den wir schon einmal zitiert hatten (s. Stgen2023), der aber - wie uns jetzt klar wird - viel mehr noch von den Eindrücken seiner Rückreise geprägt gewesen sein wird als von den Eindrücken seiner Hinreise (auf die wir diese Ausführungen vor allem bezogen hatten). Mögen also diese Worte aus dem Blickwinkel der Erfahrungen der Rückreise noch einmal gelesen werden:

"Ich habe Dir lange nicht geschrieben, bin indes in Frankreich gewesen und habe die traurige einsame Erde gesehn, die Hirten des südlichen Frankreichs und einzelne Schönheiten, Männer und Frauen, die in der Angst des patriotischen Zweifels und des Hungers erwachsen sind.
Das gewaltige Element, das Feuer des Himmels, und die Stille der Menschen, ihr Leben in der Natur und ihre Eingeschränktheit und Zufriedenheit, hat mich beständig ergriffen, und wie man Helden nachspricht, kann ich wohl sagen, daß mich Apollo geschlagen.
In den Gegenden, die an die Vendée grenzen, hat mich das Wilde, Kriegerische interessiert, das rein Männliche, dem das Lebenslicht unmittelbar wird in den Augen und Gliedern und das im Todesgefühle sich wie in einer Virtuosität fühlt und seinen Durst, zu wissen, erfüllt.
Das Athletische des südlichen Menschen, in den Ruinen des antiken Geistes, machte mich mit dem eigentlichen Wesen der Griechen bekannter. ..."

So die Kernsätze dieser Ausführungen.

Es kommt einem beim Lesen der Gedanke, daß Hölderlin seinen Freund Isaac von Sinclair, durch den er 1806 in die Hochverrats-Anklage hinein geraten sollte, mit solchen, soeben beschrieben südlichen Menschen, Männern identifiziert haben könnte, da ihn doch auch an ihm - sozusagen - "das Wilde, Kriegerische, rein Männliche" interessiert haben wird, ungefähr all das, was er in seinem Roman "Hyperion" dem Freund des Hyperion, dem Alabanda, zugeschrieben hat. 

Diesem kriegerischen, revolutionären und gegenrevolutionären Menschen traute Hölderlin für seine Gegenwart und Zukunft noch mancherlei zu. Ihn dachte er mit, wenn er die Worte formulierte 

"und sind gegangen / dem Leuen gleich / in Zweifel und in Ärgernis".

Am 10. Mai 1802 hatte sich Hölderlin also in Bordeaux den Paß nach Paris ausstellen lassen.

"Auf feuchter Wiese der Charente"

Er war dann jenen Staren nachgezogen, die schon im März und April dem "Nordost" entgegen gezogen waren, der gemeinsamen Heimat entgegen. In seiner Dichtung "Das Nächste Beste" spricht Hölderlin von den Staren, die im März und April gen Norden ziehen:

... Sie spüren nämlich die Heimat,
Wenn
Auf feuchter Wiese der Charente ....

Und ihnen machet wacker
Scharfwehend die Augen der Nordost, fliegen sie auf,



           der Katten Land
Und des Württembergers
Kornebene,

Nur Bruchteile dieses Gedichtes sind fertig gestellt worden, bzw. sind erhalten. Vieles bleibt offen, vieles ungesagt. Doch jeder spürt, daß auch schon in diesen Bruchteilen so viel enthalten ist und noch so viel mehr "zwischen" den Zeilen steht.

"Der Katten Land" - das ist das Land rund um Frankfurt am Main und rund um Homburg vor der Höhe. Dort wird diese Dichtung selbst entstanden sein. Frankfurt am Main nennt Hölderlin in dem eingangs angeführten Gedichtentwurf den "Nabel der Welt". Er ist nicht nur der Ort seiner Liebe zu Diotima, er ist auch der Ort seiner philosophischen Gespräche mit Sinclair und Hegel. Und sowohl Sinclair wie Hegel ebenso wie Hölderlin - wie später Heinrich Heine oder Karl Marx - waren sich bewußt, daß die Philosophie, die man hier untereinander erörterte, revolutionäres Potential enthielt, daß sie Gedanken enthielt, die zur Tat aufforderten, zur Tat entflammten. Dieses revolutionäre Potential sollte sich dann ja auch entfalten, als der philosophische Kreis um den Nachfolger Hegels, rund um Eduard Gans - unter anderem Heinrich Heine, unter anderem Karl Marx - ab 1831 begann, die Philosophie Hegels positivistisch und materialistisch umzudeuten ...

Damit konnte sie dann noch mehr "wie ein Hund umgeh'n" ....

Schlüsselstellung in der Philosophiegeschichte um 1795

Welches revolutionäre Potential in dem damaligen Philosophieren enthalten war, das ist erst durch den deutschen Philosophen Dieter Henrich voll entfaltet und heraus gearbeitet worden. Dazu lesen wir (2, S. 5f):

Forschungen der vergangenen Jahre, besonders die von Dieter Henrich eingeleiteten Studien zur Rolle Hölderlins im Idealismus (...) zeigen, (...) daß er geradezu eine Schlüsselstellung in der Philosophiegeschichte um 1795 einnimmt. 

Es mag Sinn machen, auch noch einen Blick zu werfen in die höchst aufschlußreiche Dissertation der Autorin jenes Aufsatzes, der Auslöser für diesen Blogartikel geworden ist (2). Im ersten Kapitel derselben behandelt sie den interessanten Gedanken, daß das philosophische Nachdenken Hölderlins schließlich - wie dasjenige Schillers - zu dem Ergebnis kam, daß ihre Zeit noch nicht reif war für einen abschließenden großen philosophischen Wurf. Dieser sei erst von künftigen Zeitaltern zu erwarten. 

Und daß die gültigsten Aussagen in ihrer Zeit nicht - wie von Schelling und Hegel versucht - in ein philosophisches System gebracht werden konnten, das dem Gesamtgeschehen in diesem Universum gerecht würde, sondern nur in poetische Form gekleidet werden könnten, und zwar in eine neue Form des Mythos. Das arbeitet die Autorin aufwühlend heraus. 

Das zweite Kapitel behandelt dann die sogenannte "intellektuale Anschauung", einen zentralen Begriff in dem Philosophieren Hölderlins, aber auch in dem Philosophieren Schellings. Dabei handelt es sich um jenes Gotterleben, das der zweiten Seite der Wirklichkeit - über das Erleben des Wahren, Guten und Schönen - zugewandt ist - nach der Deutung der Philosophie des 20. Jahrhunderts (M. Ludendorff).

René Descartes - Verkörperung von "Das Nächste Beste"

[Ergänzung 21.2.24] Es muß in den hier erörterten Zusammenhängen ohne Frage darauf Bezug genommen werden, daß Hölderlins Weg zwischen Poitiers und Paris auch zumindest in die Nähe der Kleinstadt La Haye-en-Touraine kam, der Geburtsstadt des großen René Descartes (1596-1650) (Wiki) (heute deshalb "Descartes" benannt), also nach dem Denken Hölderlins in die Nähe des Geburtsortes des modernen, neuzeitlichen Denkens überhaupt (Wiki):

In seinen Geschichtsvorlesungen lobt Georg Wilhelm Friedrich Hegel Descartes ausdrücklich für seine philosophische Innovationskraft: Bei Descartes fange das neuzeitliche Denken überhaupt erst an, seine Wirkung könne nicht breit genug dargestellt werden. (...) In Descartes’ archimedischem Denkpunkt des „cogito ergo sum“ sieht Hegel einen Beleg dafür, daß Denken und Sein eine „unzertrennliche Einheit“ bilden (vgl. Parmenides), weil an diesem Punkt Verschiedenheit und Identität zusammenfallen. Hegel übernimmt dieses „Anfangen im reinen Denken“ für seine idealistische Systematik.

Hegel hat die Unterscheidung zwischen Sein und Ur-Teilung nie so scharf unternommen wie sein Freund Hölderlin. Aber auch für Hölderlin ist dieses "cogito, ergo sum", die er eben als die "Ur-Teilung" benennt (in seinem Text "Urteil und Sein"), ohne Frage der Beginn des neuzeitlichen Denkens, das über Umwege (also dialektisch) zur Wahrheit führe, der Beginn des von ihm benannten Ganges "dem Leuen gleich in Zweifel und Ärgernis" (siehe oben). Wir lesen (4):

Auch in seinen philosophischen Schriften und in dem Briefroman „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“ bezog sich Hölderlin auf diese „allumfassende Gottheit“. (...) Diese Einheit sei in der Neuzeit verlorengegangen; der Verantwortliche für den Sündenfall ist für Hölderlin René Descartes, der eine Teilung der Welt in Subjekt und Objekt, in eine res cogitans und in eine res extensa vornahm. Dadurch wurde die ursprüngliche Einheit zwischen Mensch und Natur zerstört. Die Reflexion vertrieb den Menschen aus dem paradiesischen „Urzustand“ und setzte ihn dem Dressurakt der Rationalisierung aus, der für die Unterdrückung der Triebe, der Emotionen, der Phantasie und der Träume verantwortlich ist (...): „Ach! wär ich nie in eure Schulen gegangen. Ich bin bei euch so recht vernünftig geworden, habe gründlich mich unterscheiden gelernt von dem, was mich umgibt, bin nun vereinzelt in der schönen Welt, bin so ausgeworfen aus dem Garten der Natur, wo ich wuchs und blühte, und vertrockne an der Mittagssonne." (Zitat Hyperion)

Dieser Umstand war ohne Frage mitgedacht, als Hölderlin die Stare - als Verkündiger des Weltgeistes - von den feuchten Wiese der Charente her Richtung Deutschland fliegen ließ, ...

Und Eck um Ecke
Das Liebere gewahrend,
Denn immer halten die sich genau an das Nächste,
Sehn sie die heiligen Wälder und die Flamme, blütenduftend, ...

Weil es, unter anderem René Descartes war, der - in der Touraine geboren - in Paris, in den Niederlanden, in Prag, in Ulm, in England und in Kopenhagen lernte und lehrte. René Descartes ist womöglich gar die deutlichste Verkörperung von "Das Nächste Beste".


/ Im Entwurf: 17.7.2023 /

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Anmerkung: Wir beziehen uns in diesem Blogartikel auf Ausführungen von Annette Hornbacher. Diese hat Philosophie, Ethnologie und Literaturwissenschaft in Tübingen studiert. 1993 hat sie promoviert über "Friedrich Hölderlins poetisch-mythische Kritik der Aufklärungsphilosophie". Dieses Buch enthält ebenfalls viele wertvolle philosophische Gedanken. Hornbacher hat danach eine sehr wechselhafte akademische Laufbahn angetreten, sich bewegend zwischen Philosophie, Völkerkunde und Dramaturgie. 2003 wurde sie auf eine Professur für Völkerkunde in Heidelberg berufen. Heute forscht sie über tantrisches Gedankengut und Praktiken im südostasiatischen Raum (!). 2019 hielt sie in diesem Zusammenhang - im Rahmen des "Studium generale" in Heidelberg - den Vortrag "Immaterielles Kulturerbe und seine Problematik" (Yt). Ob sie auf ihrem akademischen Lebensweg das Philosophieren und Dichten Hölderlins wirklich so weit hinter sich gelassen hat wie es dem Äußeren nach scheint? 

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  1. Hornbacher, Annette: Wie ein Hund. Zum „mythischen Vortrag“ in Hölderlins Entwurf ‘Das Nächste Beste’. 222-246. In: Hölderlin Jahrbuch 1998-1999.
  2. Hornbacher, Annette: Die Blume des Mundes. Zu Hölderlins poetisch-poetologischem Sprachdenken. Königshausen, Würzburg 1995 [Diss. Uni. Tübingen 1993] (GB)
  3. Hornbacher, Annette: ‘Eines zu seyn mit allem, was lebt...’ Hölderlins intellectuale Anschauung. 24-47. In: Hölderlin: Philosophie und Dichtung (Hrsg.: Valérie Lawitschka). Tübingen
  4. Halmer, Nikolaus: „Eines zu sein mit Allem, was lebt“ (ORF2020)

Sonntag, 23. April 2023

Völkergeschichte - Aus der Sicht von Mathilde Ludendorff (II)

Erörterungswürdiges und völlig Überlebtes in ihrem Buch "Die Volksseele und ihre Machtgestalter" (1933)
Teil 2:
- Gingen die antiken Griechen am Dionysos-Kult zugrunde?
- Gingen die antiken Griechen an der Stoa zugrunde?

1933 brachte Mathilde Ludendorff als sechsten Band ihres philosophischen Werkes das Buch "Die Volksseele und ihre Machtgestalter - Eine Philosophie der Geschichte" heraus (4). Zwar setzt sie sich in diesem Buch auch ausdrücklich mit Karl Ludwig Schemann und dessen damals neuester Buchveröffentlichung (2) auseinander.*) Aber erst ein genauer Textvergleich macht deutlich, daß sie von Karl Ludwig Schemann mehr Sichtweisen auf das Volk der Sumerer und auf das Volk der antiken Griechen übernommen hat, als sie dann schlußendlich innerhalb ihres eigenen Textes kenntlich macht.

Abb. 1: Die Laokoon-Gruppe, eines der berühmtesten Kunstwerke der europäischen Geschichte (Wiki) - Sie wurde von den Bildhauern Hagesandros, Polydoros und Athanadoros aus Rhodos geschaffen - In einem Zeitraum zwischen 200 v. Ztr. und 79 n. Ztr. (denn Plinius der Ältere, der 79 n. Ztr. in Pompeij starb, erwähnte dieses Kunstwerk) - Eine Kultur, die ein solches Kunstwerk hervorbringt, ist höchst kraftvoll und lebendig

Außerdem macht der Textvergleich deutlich, daß sie die oft schon simplifizierenden Ausführungen von Karl Ludwig Schemann noch einmal zusätzlich versimplifiziert. All das tritt ebenfalls erst ins helle Licht der Aufmerksamkeit, seit wir über das Werden und Vergehen der antiken Griechen durch die Archäogenetik so viel mehr Fragen haben als bislang schon Antworten gegeben worden sind und als - offensichtlich auch im Rahmen der "Rasseforschung" der 1930er Jahre - hatten gegeben werden können. Denn deren Vertreter lieferten in ihren Antworten - aus heutiger Sicht - mehr Wirrwarr als echte und gute Einsichten.

"Geschichtliche Randbemerkungen" 

Bevor wir aber all das beleuchten, mag es sinnvoll sein, sich daran zu erinnern, was Mathilde Ludendorff selbst in der Einleitung ihres Buches schreibt zum Verhältnis zwischen den grundlegenden Erkenntnissen, die es enthält und ihrer Erläuterung anhand geschichtlicher Beispiele wie sie diese etwa dem Buch von Karl Ludwig Schemann entnommen hat. Wohl mit einer gewissen Vorahnung schrieb sie dort schon (4, S. 66):

Uns soll es genügen, nur an einem Mindestmaß von Hinweisen auf Einzelgeschehnisse der Weltgeschichte die Übereinstimmung (der Grunderkenntnisse) mit der Tatsächlichkeit zu beleuchten.

Sie, schreibt, sie will mit ihrem Buch kein Geschichtsbuch schreiben mit "philosophischen Randbemerkungen", sondern vielmehr ...

... ein philosophisches Buch mit gelegentlichen, nicht als Beweis, sondern zur Erleichterung des Verständnisses angeführten geschichtlichen Randbemerkungen.

Da diese geschichtlichen Randbemerkungen wie wir sehen werden, mitunter deutlich mehr Unsinn als Sinn enthalten können, ist es natürlich wichtig, von diesen Vorbemerkungen zu wissen. Sie hält es nämlich durchaus auch für möglich, daß ... 

... eines dieser Beispiele sich etwa in Zukunft als eine irrige Feststellung der Geschichtsforscher erweisen

könnte. Und diese Vorahnung sollte sie natürlich auch keinesfalls trügen. Sie schreibt dazu (4, S. 66f):

Der Philosoph ist auf diesem Gebiete (der Geschichtsforschung) Laie und ist darauf angewiesen, sich an die gemeldeten Ereignisse zu halten. Muß ein solches Beispiel aus solchen Gründen als ungeeignet fallen,

so muß das, so schreibt sie weiter, nicht zwangsläufig Schlußfolgerungen in Bezug auf die von ihr gegebenen Grunderkenntnisse mit sich bringen. Und sie schreibt (4, S. 67):

Gerade durch unsere Beschränkung (auf wenige anschauliche Beispiele) wird ein Wunsch des Schaffenden erfüllt, nämlich durch sein Werk andere zum Schaffen anzufeuern. Besonders der dritte Teil des Buches, der sich mehr auf das Gebiet der Erfahrung der Völker begibt und häufiger geschichtliche Ereignisse heranzieht, kann solche Anregungen geben.

Soweit uns bekannt, ist ihr Buch bis heute selten als eine solche "Anfeuerung" aufgefaßt worden. Eine solche Anfeuerung könnte ja auch gut und gerne parallel gehen, ja müssen, mit einer grundlegenderen kritischen Betrachtung aller Inhalte ihres Buches, womöglich auch mit einer sehr grundlegenden Infragestellung fast aller Inhalte ihres Buches. Erst dadurch kommt man ja selbst ins "Schaffen". 

Im folgenden wollen wir einige jener "Beispiele" anführen, einige jener "irrigen Feststellungen", die als Erläuterung und Veranschaulichung der Grunderkenntnisse dieses Buches sicherlich "entfallen müssen".

Mathilde Ludendorff zieht die Völker der Sumerer und Babylonier als erläuternde Beispiele heran. Das kann an dieser Stelle zunächst übergangen werden (ist aber auch für sich sehr interessant). 

Mathilde Ludendorff über die antiken Griechen

Ihre Ausführungen über die antiken Griechen sind dann erneut stärker von Karl Ludwig Schemann beeinflußt als man das diesen Ausführungen auf den ersten Blick ansieht. Sie schreibt über (4, S. 447, Archive) ...

... die entartende Wirkung, welche Höhlengötter der Pelasger auf das griechische Volk hatten. Weit Bescheideneres in der Annahme von Fremdgut als die Babylonier versuchten hier die Griechen. Nur wenig Fremdkost nahmen sie auf, behielten sogar die eigene Kost noch bei, und sie entarteten dennoch an dem Fremdgute.

Hier stellt sich im Grunde sogleich die Frage: Woran wäre denn diese "Entartung" erkennbar?!? Die antiken Griechen waren ein Volk edler Menschen und Kulturschaffender bis in die Spätzeit hinein, bis sogar noch in das Byzantinische Reich hinein (man lese doch etwa Prokops Geschichte des Wandalenkrieges). Woran wäre erkennbar, daß das Volk der Griechen "entartet" wäre, daß es seelische Lebendigkeit verloren hätte? Ist das antike Volk der Griechen nicht in der Vollkraft seiner seelischen Lebendigkeit zugrunde gegangen? Ist das nicht der Umstand, der hier viel eher zu benennen ist, und der dann nach seinen Ursachen hin auszuleuchten wäre? Wie? Man kann auch an seelischer Lebendigkeit zugrunde gehen? Nicht doch! - Aber lesen wir weiter (4, S. 447, Archive):

Welch ein Unterschied in der Widerstandskraft der beiden Rassegruppen fällt uns hier auf! Nur aus der bekannten Duldsamkeit der Rassen der "Lichtlehren" heraus (...) glaubten sie (die Griechen), Bestandteile der Religion der Pelasger, so zum Beispiel besonders auch den Gott Dionysos, den Gott der ausgelassenen Sinnenlust, zu ihren Göttern auf den Olymp nehmen zu können.

Wie wenig Sinn macht es heute, so zu sprechen, wo wir wissen, daß schon die mykenischen Griechen nur zu 20 % Steppengenetik in sich trugen. Es war keine "Duldsamkeit", die diese Indogermanen dazu brachte, "Bestandteile der Religion der Pelasger zu ihren Göttern auf den Olymp nehmen zu können". Es war vielmehr höchst erstaunlich, daß das Volk der Pelasger sich dazu bereit fand, eine in Grundzügen indogermanische Religion und Gottauffassung - höchstwahrscheinlich unter Zwang - anzunehmen, die für es eine "Fremdreligion" war. Und zwar nicht zuletzt auch unter Zwang, da uns die Archäologen von einem umfangreichen Zerstörungshorizont berichten, der mit der Ankunft der Indogemanen in Griechenland verbunden war.

Abb. 2: Der sterbende Gallier - Aufgestellt in Pergamon um 230 v. Ztr. (Fotograf: Jean-Christophe Benoist [Wiki])

Und es ist im Grunde mehr als selbstverständlich, daß die vorindogermanischen Völker Griechelands ("Pelasger" und andere), die sich mit den hereinkommenden "Hyperboräern" vermischt hatten, nicht nur deren indogermanisches Kulturgut übernahmen, sondern zugleich auch zäh an althergebrachtem Kulturgut festgehalten haben. Ob dazu ausgerechnet Dionysos gehört hat, mag ebenfalls dahin stehen. Man könnte - im Interpretationsrahmen von Hölderlin und ggfs. auch Nietzsche - meinen, daß die weit verbreitete Verehrung des Dionysos dem Übermut entsprang, der Überschwenglichkeit, die dem "südlichen Menschen" eigen ist, wenn er mit der zügelnden und zugleich hochreißenden seelischen Kraft der apollinischen Geisteshaltung der Indogermanen konfrontiert wird (um all das hier einmal in aller Kürze nur ins Unreine hinein als Hypothese zu formulieren). Aber hören wir weiter (4, S. 447, Archive):

Sie (die Griechen) stellen ihn (Dionysos) neben Apoll, den beherrschten, schönen Lichtgott. Aber schon diese an sich geringfügig erscheinende Gabe der anderen Rasse hatte eine volksvereheerende Wirkung.

Erneut: Woran sollte diese erkennbar sein? Noch nicht einmal die Römer, denen wir in den Ausgrabungen von Pompeji um 79 n. Ztr. als stark hellenisierte Kultur begegnen, sind über Jahrhunderte hinweg an dieser "Fremdkost" zugrunde gegangen. Vielmehr haben auch sie sich ihre seelische Lebendigkeit über Jahrhunderte erhalten - freilich in zunehmendem Ringen mit all der Sinneslust, die in der griechischen Kultur zugleich auch enthalten ist. Aber dieses "Ringen" wurde erst notwendig, als allmählich der seelische Überschwang, Übermut, die Emphase in den Völkern der Mittelmeerwelt verloren gingen. Als sie einem Sündenbewußtsein und einer Zerknirschung sondergleichen wichen. Und beide letztere haben wir bis heute nicht völlig überwunden. ("Warum so bedrückt?" fragte einmal der Historiker Hellmut Diwald die Deutschen in einer Buchveröffentlichung des Jahres 1992. Ein Blick in die Spätantike und in das Mittelalter hinein hätten ihm eigentlich ausreichend Antworten geben können.)

Auf jeden Fall ist die griechische Kultur schon von ihren Anfängen bei Homer her ohne ihre schöne freie Sinneslust doch gar nicht als jene Kultur zu denken und zu deuten als die wir sie als eine so außerordentliche kennen und schätzen gelernt haben und als die sie sich bis heute als Alternativkultur zum christlichen Zeitalter geltend gemacht hat und geltend machen darf.**) Wie kann man an dieser Erkenntnis so außerordentlich gleichgültig vorbei gehen wie es hier Mathilde Ludendorff zu tun scheint? Hatte sie denn nicht selbst Altgriechisch gelernt für ihr Abitur? Warum zeigt sie hier so wenig Verständnis für die griechische Antike? Wir wollen gleich die Antwort geben: Weil ihr der materialistische Rassegedanke im Wege steht, der in Bezug auf die antiken Griechen mehr Unkenntnis als zusätzliche Erkenntnis mit sich brachte. Und offenbar auch, weil sie - mit den "Rasseforschern" ihrer Zeit - nicht versuchte, die antiken Griechen aus ihrer Zeit heraus zu verstehen, sondern auf sie mit der Brille ihres eigenen Zeitalters schaute. Irgendwie vergleichbare "Todesgefahren" wie man sie in den 1930er Jahren für das Volk der Deutschen sah (schädliche Religionen, Weltbürgerideologien etc.), wollte man auch bei den antiken Griechen finden, anstatt diese Kultur erst einmal aus sich selbst heraus zu verstehen, da sie ja doch - womöglich - auch unter ganz anderen seelischen Gesetzen gestanden haben könnte als unsere abendländische Kultur (und nichts, wirklich nichts ist naheliegender, als daß sie es tat. Zumal nach der kulturphilosophischen Deutung von Mathilde Ludendorff selbst - siehe "Absturz der Religionen vom Gotterleben").) - Aber hören wir weiter (4, S. 447, Archive):

Freilich war es nicht die Fremdkost allein, die einen so raschen Untergang auslöste.

Einen so raschen Untergang? Sprache und Genetik hielten sich in Kontinuität in Griechenland bis zur Zuwanderung durch die Slawen aus dem Norden in der Spätantike. (Und zum Hohn auf alle gar zu materialistischen "Rassetheorien" erhöhte diese slawische Zuwanderung sogar den Steppengenetik-Anteil in Griechenland, wobei sie aber zugleich tatsächlich die Restbestände antik-griechischen Lebens zugrunde gehen ließ.) Aber weiter:

Denn sie (die Fremdkost) konnte erst aufgenommen werden, als die Wahlkraft der Volksseele kaum mehr gehört wurde, als die Rassereinheit nicht mehr voll bestand. (...) So war also von zwei Seiten über das Volk die Todesgefahr herangenaht, entsprach doch das Erlebnis der Minne, wie das semitische Volk sie zeigte, dem Gotte der Pelasger, dem Dionysos, weit mehr als dem Griechengott Apoll. So lockte denn das eine zu dem anderen hin, und die Griechen gingen rasch an dem Dionysos-Kult zugrunde. (...)
Die Geschichte beschreibt uns die Entartung der Griechen als "Verweichlichung" (siehe Holms "Griechische Geschichte" Band 1). Die alten achäischen Helden hatten unheldische Nachfahren und konnten von gesunden nordischen Stämmen, die später einwanderten, unterworfen werden. Das gleiche Schicksal erlitten dann diese aus dem Norden von den Bergen nach Süden kommenden gesunden Stämme der Dorier und Jonier auch wieder. Anfangs lebten sie in strenger Selbstzucht und glichen in heldischer Tatkraft und Bedürfnislosigkeit noch ganz jenen unverdorbenen Ahnen der später so verweichlichten Achäer. Unter die gleichen Einflüsse semitischer Völker gestellt, erlitten sie aber allmählich ganz das gleiche Schicksal wie diese.

Dazu mehrere Bemerkungen. Erstens zunächst noch einmal zu der hier postulierten "Rassereinheit": In jener Geschichtsepoche, in der Mathilde Ludendorff lebte, ging man - wie oben schon erläutert - davon aus, daß die Menschen in Skandinavien in weiten Teilen unvermischte Repräsentanten der indogermanischen Herkunftsgruppe waren. Heute wissen wir, daß sie nur zu etwa 50 % Schnurkeramik- (bzw. Jamnaja-, bzw. Steppen-)Genetik in sich tragen, während die andere Hälfte sich zusammensetzt aus der mittelneolithischen Genetik Europas, deren Erbe aus grob 70 % anatolisch-neolithischer Genetik und 30 % westeuropäischer Jäger-Sammler-Genetik besteht.

Abb. 3: Die Tötung Dirkes durch ihre Stiefsöhne - Geschaffen von Apollonios von Tralleis auf Rhodos, Ende des 2. Jhdts. v. Ztr., importiert nach Rom um 0 v./n. Ztr., ausgegraben in den Bädern des Caracalla 1546 (Wiki) - Archäologisches Nationalmuseum Neapel (Fotograf: Marie-Lan Nguyen [Wiki])

Wenn dies aber als ein Grad für "Unvermischtheit der Herkunftsgruppe" gelten soll (nach der Auffassung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts), dann könnte in der Tat gesagt werden, daß die Griechen Nordgriechenlands um 2.200 v. Ztr., die 50 % Jamanaja-Genetik aufwiesen, "unvermischt" waren. In Südgriechenland gab es während der Bronzezeit Menschen mit 20 %, mit 10 % und mit 0 % Jamnaja-Genetik. Während der Eisenzeit und der klassischen Zeit trugen die antiken Griechen einheitlich acht Prozent Jamanaja-(also Steppen-)Genetik in sich. Als solche brachten sie die kulturellen Höchstleistungen der Menschheitsgeschichte hervor, die wir an ihnen so bewundern. Und als solche dauerten sie bis in die Spätantike fort.

"Rassemischung" hat also hier bestenfalls zu kulturellen Höchstleistungen der Menschheitsgeschichte beigetragen, nicht zum Untergang eines Volkes, das solche Höchstleistungen hervor gebracht hat.

Zum zweiten: Will man jene Griechen, die im Heer Alexanders mitzogen, "unheldisch" nennen? Das einzige, was den Griechen fehlte, war "das Vaterländische" wie es Hölderlin nannte. Es war allein ihre politische Uneinigkeit, die sie überwindbar machte. Sonst wären die Makedonen an ihnen genauso gescheitert wie zwei Jahrhunderte zuvor das persische Großreich. Das ist doch ganz klar. Jedenfalls ist überhaupt nicht übersehbar, warum ausgerechnet der Dionysos-Kult die Griechen zu sehr verweichlicht haben soll. Dieser wurde ja auch schon zur Zeit der Perserkriege gelebt. Nein, die Mäßigung ihres heldischen Willens und ihrer Kriegslüsternheit untereinander durch "das Vaterländische" fehlte ihnen. Das war es, was am meisten zu den Niederlagen gegen Alexander beitrug.

Wir können uns also all diesen Charakterisierungen zur Entstehung und zum Untergang der antik-griechischen Kultur durch Mathilde Ludendorff (oder Karl Ludwig Schemann) nicht anschließen. Sie entspringen gänzlich einem Kenntnisstand und einem Weltbild, die abgetan sind. Fast möchte man fragen: Wie kann man so scheeläugig auf die antik-griechische Kultur schauen? Das haben bestenfalls Römer getan. Griechen selbst haben das nie getan. Sie standen weit erhaben über einem solchen scheeläugigen Blick auf Dionysos. Das hat doch auch der von Mathilde Ludendorff ansonsten hoch geschätzte Friedrich Nietzsche nie getan. Man versteht an dieser Stelle vieles nicht.

Abb. 4: Statue des Demosthenes (384-322 v. Ztr.) - geschaffen von dem athenischen Bildhauer Polyeuktos um 280 v. Ztr. (Fotograf: Marie-Lan Nguyen [Wiki])

Es wäre zum dritten noch einmal zu fragen, warum Mathilde Ludendorff sich hier ausgerechnet auf Adolf Holm (1830-1900) (Wiki) (WikiSource) bezieht (8). Er hat die letzten Jahre seines Lebens in Freiburg i. B. verbracht, wo Mathilde Ludendorff  knapp zehn Jahre später Studentin war. Vielleicht war sie dort in Berührung mit der Familie Holm gekommen? Immerhin wird auch heute noch das Urteil gültig sein, das 1972 über ihn ausgesprochen wurde (Gerhard Baader in NDB 1972):

Seine in Neapel entstandene „Griechische Geschichte“ (4 Bände, 1884–91) verherrlicht ebenso wie die von Curtius die griechische Polis, deren Bedeutung er auch für die nachklassische Zeit hervorgehoben hat. Aber nicht dieses Werk, das von der beginnenden wissenschaftlichen Umwälzung am Ende des 19. Jahrhunderts noch unberührt war, sondern Holms Forschungen über sizilianische Geschichte und Landeskunde fügen ihn in die Reihe der großen Historiker des 19. Jahrhunderts ein.

Es stellt sich aber als nächstes auch noch die Frage, warum Mathilde Ludendorff ausgerechnet auf den ersten Band des genannten Werkes verweist. Dieser behandelt die antiken Griechen nur bis zum 6. Jhdt. v. Ztr., also bis zu den Perserkriegen. Und ein Volk, das wir die Perserkriege führen sehen, wird niemand als verweichlicht ansehen wollen. Weder im allgemeiner gehaltenen Vorwort, noch in der Einleitung dieses Bandes finden wir das Phänomen der Verweichlichung überhaupt angesprochen. Die einzige Stelle innerhalb dieses 1. Bandes, in der das Wort Verweichlichung benutzt wird, handelt dann vielmehr von dem persischen Stamm der Meder, den Gegnern der Griechen (8; GB S. 392):

Die Meder, ursprünglich einfach in ihren Sitten und kräftig, waren bald dem Schicksale verfallen, welchem kein Stamm des Orients entgeht, und dem auch die Perser schnell anheim fallen sollten, der Verweichlichung in Folge zu großer Macht und zu großen Reichtums.

Auch noch im dritten Band dieses Werkes finden wir das Wort verweichlicht an keiner besonders grundsätzlichen und allgemein gehaltenen Stelle (GB). Was aber am schwersten wiegt: In dem Band "Kulturgeschichte des klassischen Altertums" aus dem Jahr 1897 (9) sagt eben dieser Adolf Holm das genaue Gegenteil in Bezug auf die Griechen auch noch des 2. Jahrhunderts v. Ztr. als das, was Mathilde Ludendorff ihm als Erkenntnis zuschreibt! Er schreibt über die von anderen Autoren behauptete Verweichlichung der Griechen in dieser Zeit (9, S. 133-135) (GB):

Man spricht, wenn man so scharf urteilt, wie wir soeben gesehen haben, besonders von Athen und von Sparta. Von Sparta ist das nun nicht wahr; Beweise dafür sind Agis und Kleomenes; aber daß es auch von Athen gilt, das haben manche Kämpfe der Athener zur Erlangung ihrer Freiheit vom makedonischen Joche bewiesen, die hier nicht erzählt werden können, und ganz falsch ist es, wenn man gesagt hat, die Westgriechen in Italien und Sizilien, die von Tyrannen gepeinigt waren, seien kräftiger und weniger verweichlicht gewesen.

Gerade der Autor Holm ist ja einer, der das Leben der Polisgriechen auch noch in nachklassischer Zeit zu schätzen weiß. Und diesen Ausführungen kann man auch heute weitgehend folgen. Im übrigen muß an dieser Stelle nicht tiefer in die Thematik eingestiegen werden, um zu sehen, daß es jeweils an den Maßstäben des einzelnen Historikers liegt, was er als "verweichlicht" ansehen will und was nicht. (Natürlich waren die Spartaner zur Zeit der genannten Agis und Kleomenes auch "verweichlicht". Aber erstens gab es Gegenkräfte und zweitens können mit einer solchen Bezeichnung immer noch sehr viele Abstufungen verbunden sein, bevor man dorthin kommt, was man sich im Jahr 1933 oder heute unter "verweichlicht" so im Allgemeinen und Besonderen vorstellen könnte.)

Insgesamt drängt sich aber der Eindruck auf, als habe sich Mathilde Ludendorff, indem sie das antike Griechenvolk als Beispiel für grundlegendere Aussagen ihres Werkes heranzog, einfach auffallend wenig Mühe gegeben, die Dinge zunächst auf der Sachebene zu klären. Sie hat sich vielmehr mit flüchtigen - nein: viel mehr gar zu flüchtigen - Literatur-Eindrücken zum Thema zufrieden gegeben. Eine solche Arbeitsweise kann man - unseres Erachtens - bei Mathilde Ludendorff nur sehr selten antreffen. Vielleicht darf man diese gar zu flüchtige Arbeitsweise einfach nur als eine Aufforderung an künftige Generationen verstehen, diese Dinge nun doch einmal gründlicher und angemessener zu klären.

Kosmopolitismus und Stoa im hellenistischen Zeitalter

Diese flüchtige Arbeitsweise sehen wir auch, wenn wir lesen, daß Mathilde Ludendorff die philosophische Richtung der "Stoa" als völkerschädigende Lehre heraus stellt, die zum Untergang der antik-griechischen Kultur sehr wesentlich beigetragen habe. (Man lese dazu auch den Nachtrag zu diesem Beitrag ganz unten.) Sie scheint in der Stoa etwas so ähnliches finden zu wollen wie es - zu ihrer eigenen Zeit - der Kommunismus darstellte oder das Christentum. Leopold von Ranke hingegen beurteilte die Stoa in ganz anderem Sinne (siehe ganz unten). 

Nach Mathilde Ludendorff (und Schemann) soll die Stoa dem Christentum "voraus" gegangen sein. All das mutet uns mehr als unhistorisch geurteilt an. Nein, mehr noch: Die Ausführungen muten geradezu grotesk und absurd an. Leopold von Ranke nimmt für die römische Kaiserzeit tatsächlich an, daß die Stoa auch als politische Lehre in weitesten Kreisen Beachtung gefunden hätte. Aber er stellt sie als eine kulturerhaltende Erscheinung dar, nicht als eine kulturzerstörende. 

Um diese Dinge einzuordnen, muß voraus geschickt werden: Das griechische Denken und Handeln in Bezug auf Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen Völkern und Kulturkreisen war sehr differenziert und individuell sehr unterschiedlich. Davon kann man sich einen Eindruck verschaffen im dem Abschnitt "Menschheitsidee" in dem Wikipedia-Artikel "Alexanderreich" (Wiki). In diesem Abschnitt wird ausgeführt, daß der Einheitsgedanke (homonoia) ursprünglich darauf gerichtet war, Frieden zwischen den sich zerfleischenden Poleisgriechen herzustellen (er war also Ausdruck des von Hölderlin benannten "Vaterländischen". Es wird aber dann ausgeführt, daß dieser Einheitsgedanke in der Praxis - von Alexander auf sein Reich angewendet, ganz andere Folgen hatte (Wiki):

Der Einheitsgedanke (homonoia) lebte fort, wobei es zur Ironie der Geschichte gehört, daß er in den Völkerschaften der hellenistischen Staaten Asiens und Ägyptens verwirklicht werden konnte und nicht in den Stadtstaaten des klassischen Hellas, wo er ursprünglich propagiert worden war. Im Orient kämpften zukünftig nicht mehr Völkerschaften, sondern Dynastien gegeneinander, während sich in Griechenland der alte Zwist zwischen Städten und Städtebünden, zwischen Poleisgriechen und Makedonen fortsetzte. Eine dauerhafte Eintracht konnte sich hier erst unter römischer Kontrolle einstellen. 

Eine homonia zwischen allen Hellenen wäre so notwendig gewesen, um Alexander abzuwehren. Sie war von Demosthenes gefordert worden. Sie wurde aber bei den Poleisgriechen erst durch die makedonische und römische Fremdherrschaft und durch die "pax romana" hergestellt, während ihr Grundgedanke als "Menschheitsidee" die hellenistischen Nachfolgereiche tatsächlich und erfolgreich ideologisch überwölbte. Die Lebenswirklichkeit in den Nachfolgereichen des Alexanderreiches war aber außerdem - wie in dem genannten Artikel ausgeführt wird - geprägt sowohl von dem Weiterbestehen von Parallelgesellschaften (siehe als Beispiel die halbautonomen Juden in Judäa), wie von allgemeiner Hellenisierung, sowie von Vermischung zwischen Hellenen und "Barbaren".

Diogenes in der Tonne - Ausgerechnet er förderte den Untergang der antiken Griechen? - ???

Auf Wikipedia lesen wir über den griechischen Philosophen Diogenes von Sinope (413-323 v. Ztr.) (Wiki) (den "Diognenes in der Tonne") und die mit ihm beginnende Geschichte des Kosmopolitismus (Wiki):

Diogenes von Sinope bezeichnete sich erstmals als Weltbürger. So wie er in seinen Anfängen in der griechisch-hellenischen Ideengeschichte zu finden ist, war der Kosmopolitismus zunächst eine mehr individualistische Lebensphilosophie, die mit der Sichtweise des Kynismus verbunden war. In der Philosophenschule der Stoiker (Zenon, Seneca, Mark Aurel und andere) wurde er auch zu einer Ethik weiterentwickelt.

Der Stoa (Wiki) wird im allgemeinen - und im besonderen der "mittleren Stoa", nämlich der seit römischer Zeit - ein "kosmopolitischer Ansatz" zugesprochen. Der hier genannte Philosoph Diogenes von Sinope war ein Schüler des Athener Philosophen Antisthenes (445-365 v. Ztr.) (Wiki), der wiederum ein Schüler des Sokrates war. Ganz richtig wird ausgeführt, daß unter solchen frühen Philosophen der Kosmopolitismus eher eine rein "individualistische" Lebensphilosophie darstellte, die sich deshalb - soweit übersehbar - auch nicht besonders moralisch über andere erhob, weil andere in der betreffenden Frage anderer Meinung waren, und die aber vor allem nicht große Menschenzahlen oder Gesellschaften in ihrem Handeln beeinflußte. 

Aus den Wikipedia-Artikeln zu den genannten Philosophen geht auch hervor, daß man über ihre Lehre eigentlich gar nichts besonders viel Zuverlässiges weiß, da die meisten ihrer Schriften verloren gegangen sind und da das meiste über sie nur aus den Behauptungen Dritter bekannt ist, die sich zudem oft untereinander widersprechen. Die Quellenlage ist bezüglich dieser Philosophen also sehr brüchig und unzuverlässig.

Der genannte Philosoph Zenon von Kition (333-261 v. Ztr.) (Wiki) gilt dann als der Begründer der Stoa. Er wurde um 333 v. Ztr. geboren, also zu der Zeit als Alexander der Große den Nahen Osten eroberte und die hellenistischen Reiche begründete. Zu der Lebenswirklichkeit der hellenistischen Reiche, in denen Menschen unterschiedlichster kultureller und religiöser Herkunft zusammen lebten, paßte nun wahrlich eine Anschauung wie der Kosmopolitismus besser als jede andere Lebensanschauung. Diese Lebensanschauung wurde gelebt, ob es nun dafür eine philosophische Lehre gab oder nicht. Als ideologische Rechtfertigung für das Leben dieses Kosmopolitismus diente am ehesten noch der oben erwähnte "Einheitsgedanke". Natürlich mögen auch mancherlei philosophische Lehren, die zu diesem Leben paßten, aufgegriffen und weiter entwickelt worden sein. Das mag auch für die Stoa gelten. Aber daß ausgerechnet die Stoa deshalb eine Entwicklung beschleunigt hätte, die sich sowieso schon im Gange befand, erscheint doch insgesamt wenig einleuchtend.

Beim Kosmopolitismus, bei der damaligen weltbürgerlichen Haltung handelte es sich längst um eine Lebenswirklichkeit, die, um verwirklicht zu sein, gar keiner expliziteren, ihr zugrunde liegenden philosophischen Lehre bedurfte. Die Rolle philosophischer Lehren für das Alltagsleben wird für die große Mehrheit der Menschen der damaligen Zeit überhaupt eher als gering einzuschätzen sein. Abgesehen davon, daß man überhaupt - sozusagen - "philosophisch" geleitet lebte, bzw. philosophierend lebte, jeder individuell für sich, soweit er überhaupt Philosophie trieb.

All dies auch noch zusätzlich um so weniger als die Griechen klassischer Zeit schon seit vielen Jahrhunderten fast überall, wo sie Kolonien im Mittelmeerraum und im Schwarzen Meer gegründet hatten, auf andere Völker und Kulturen getroffen waren und sich selbst entweder an die Kultur vor Ort angepaßt hatten oder umgekehrt die Kultur vor Ort dazu brachten, sich an ihre griechische Kultur anzupassen. Außerdem kamen durch den Handel mit den Kolonien ebenso wie durch Sklavenhandel über Jahrhunderte hinweg immer wieder Menschen anderer kultureller Herkunft in das Kernland Griechenlands. Man denke etwa daran, daß Orpheus, der Begründer der nicht unbedeutenden orphischen Bewegung in Griechenland mit ihrer urindogermanischen Lehre vom Weltei als Ursprung der Welt, als Thraker galt. 

Und wir wissen erst seit kurzem, daß die Thraker eine Genetik aufwiesen, die hinsichtlich des proportionalen Anteils ihrer Herkunftsgruppen derjenigen der antiken Griechen glich. Ebenso die Philister und Phönizier. In klassischer, antiker Zeit gab es also eine sehr einheitliche Genetik im gesamten östlichen Mittelmeerraum. Wenn also Thraker oder Philister "Hellenen" wurden, dann veränderte sich das Band zwischen Genen und Kultur, das schon in Griechenland bestand, gar nicht. Es gab dasselbe Wechselverhältnis zwischen Genetik und Kultur. Die seelische Grundstimmung der antiken Griechen konnte also durch die Hellenisierung vieler Völker weiter geführt werden, auch wenn es im griechischen Kernland aufgrund von Kinderarmut zeitweise zu Bevölkerungsrückgängen kam.   

All das ist sehr ähnlich wie in den letzten tausend Jahren in Mitteleuropa, wo ja auch die kulturellen Unterschiede mitunter sehr groß sein konnten. Man denke etwa an die Unterschiede zwischen den germanischen und den slawischen Völkern. Gleichzeitig war und ist aber die Zusammensetzung der Herkunftsgruppen zwischen benachbarten Völker sehr ähnlich. Wenn also ein Pole "eingedeutscht" wird, ändert das an der genetischen Zusammensetzung der Deutschen vergleichsweise ebenso wenig wie es etwas an der genetischen Zusammensetzung der Polen ändert, wenn ein Deutscher "polonisiert" wird. Und ähnlich sind die Verhältnisse für den östlichen Mittelmeerraum in der Antike zu beurteilen.

Auf jeden Fall hatte es also schon seit Jahrhunderten sehr viel kulturelle, gegenseitige Beeinflussungen und Anpassungen gegeben, wobei zu sagen ist, daß sich die kulturelle Identität der antiken Griechen dadurch insgesamt nur wenig verändert hat, zumindest in dem Zeitraum, den wir durch Schriftkultur überblicken. Dazu war sie auch in sich selbst viel zu seelisch lebendig und kulturschöpferisch. Und dazu waren sich die Griechen ihrer eigenen Kultur viel zu sicher und dazu hatten sie auch ein recht klares Urteil darüber, was sie selbst von all den umliegenden "Barbaren" unterschied. Sogar ein ihnen sehr ähnliches Volk wie die Makedonen erachteten sie ja als "Barbaren", ebenso die Thraker oder die Phönzier oder die Lyder oder die Perser. Am meisten Hochachtung dürften sie noch vor der alten Hochkultur der Ägypter gehabt haben, wohin die griechischen Gelehrten von früher Zeit an immer wieder gereist sind, um dort zu lernen.

Nur in den "Perserkriegen" haben sich die antiken Griechen einmal sehr ausgeprägt militärisch mit anderen Kulturen auseinandersetzen müssen, und zwar zeitgleich sowohl mit dem persischen Großreich im Osten wie mit dem Großreich von Karthago im Westen - nämlich die griechischen Kolonien auf Sizilien. Ansonsten führten die antiken griechischen Poleis vor allem Kriege untereinander, insbesondere im Peloponnesischen Krieg Athen und seine Verbündeten gegen Sparta und seine Verbündeten.

Inhärent gab es also schon seit Jahrhunderten innerhalb der griechischen Kultur ein Spannungsverhältnis zwischen der Hochwertung der eigenen kulturellen Identität und einer sehr großzügigen, "weltbürgerlichen" Haltung. Eine weltbürgerliche Lebenshaltung läßt sich vergleichsweise leicht leben, wenn die eigene Kultur eine außerordentlich fruchtbare und lebendige ist. Erst wenn die eigene Kultur verknöchert und unlebendig wird, wird ihr auch eine weltbürgerliche Haltung zur Gefahr. Diesen Umstand hat es für die antik-griechische Kultur nie gegeben. Sie ist im Zustand höchster Lebendigkeit und kultureller Fruchtbarkeit untergegangen. Noch in der Zeit der politischen Knechtschaft durch die Makedonen und durch Rom blieb die antik-griechische Kultur in einer Weise seelisch lebendig wie es das das christliche Abendland bis heute noch nie kennen gelernt hat. Noch ihre letzten Vertreter - nennen wir Plutarch oder Plotin und andere - standen geistig, kulturell, intellektuell, moralisch turmhoch nicht nur über zeitgleichen Kulturen anderer geographischer Räume, sondern über dem kulturellen Niveau aller anderen Zeitepochen der Menschheit überhaupt.

Ist alles gleich - Plutarch, ... Gobineau?

Immerhin: Das Pendel zwischen ethnozentrischer und weltbürgerlicher Haltung mußte natürlich deutlich zugunsten der letzteren ausschlagen, nachdem Alexander der Große die antiken Griechen unterworfen hatte und ihre Kultur zugleich über den gesamten Nahen Osten hinweg ausgebreitet hat, nachdem die antiken Griechen politisch mehr Objekte als Subjekte der Weltgeschichte geworden waren. Ihre Würde haben sie sich auch noch in ihrer politischen Ohnmacht erhalten, auch wenn sich die Römer nicht zu schade waren, sie in ethnozentrischer Überheblichkeit "Griechlein" zu nennen. Aber wenn ein Plutarch ein "Griechlein" war - wie möchte man dann eigentlich ein beliebiges "Abendländerlein" nennen? 

Versteht man nicht, daß wir es hier mit ganz verschiedenen Größenmaßstäben zu tun haben, wenn es um das Maßnehmen bezüglich seelischer Lebendigkeit geht? Das Jahrhundert, in dem ein Mißanthrop wie Arthur de Gobineau möglich war, möchte man auf eine Stufe stellen mit einem Jahrhundert, in dem ein Plutarch möglich war? - ??? Wer das für denkbar hält, lasse sich von Friedrich Schiller darüber belehren, wie er über das seinige "tintenklecksende Jahrhundert" gedacht hat. Dann könnte ein solcher Nachdenkender - womöglich - gesunden.***)

Plutarch - um 70 n. Ztr.

/ Ergänzung 19.7.23 / Als wir die letzten Zeilen schrieben, war uns noch gar nicht klar, daß auch die weiteren Ausführungen sehr viel mit Plutarch zu tun haben. In der Schrift "Vom Glück oder von der Tapferkeit Alexanders" hat nämlich dieser griechische Schriftsteller Plutarch (45-125 n. Ztr.) (Wiki) ausführlich die Verdienste Alexanders des Großen erörtert. In einem Abschnitt dieser Schrift meint er, Alexander habe mehr für die Bildung und Zivilisiertheit der Welt getan als alle großen Philosophen Griechenlands zusammen genommen. Und auf diesen Abschnitt beziehen sich dann Droysen, Schemann und Mathilde Ludendorff. Deshalb ist es sicherlich gut, ihn im Original zu kennen (hier nach einer Übersetzung aus dem Jahr 1786) (11, S. 298ff): 

Wenn demnach die Philosophen sich am meisten darauf einbilden, daß sie rohe und ungeschlachte Gemüter verfeinern und umbilden, so kann auch Alexander, der dergleichen Veränderungen bei unzähligen Völkern und viehischen Naturen bewirkt hat, mit Fug und Recht für den größten Philosophen gehalten werden. Jene so sehr bewunderte Regierungsform Zeno's, des Stifters der stoischen Sekte, läßt sich füglich auf diesen Hauptpunkt zusammen ziehen, daß wir nicht mehr in Städte und Völker geteilt wohnen, noch durch besondere Gerechtsame voneinander getrennt seien, sondern alle und jede Menschen für unsere Mitbürger und Landsleute ansehen sollen, so daß wie bei einer auf gemeinschaftlicher Trift weidenden Herde durchgängig einerlei Lebensart und Ordnung herrsche. Zeno konnte wohl, da er dieses schrieb, keine andere Absicht haben als einen Traum oder ein Bild eines nach philosophischen Gründen wohl eingerichteten Staates darzustellen; Alexander aber hat es wirklich zur Ausführung gebracht. Ohne sich an Aristoteles Rat zu kehren, daß er die Griechen als Heerführer, die Barbaren als Despot beherrschen und jene wie Freunde und Verwandten verehren, diese wie Tiere und Pflanzen behandeln sollte, wodurch er gewiß sein Reich mit Unruhen, Landesverweisungen und gefährlichen Empörungen würde angefüllt haben - betrachtete er sich als einen von den Göttern geschickten Versöhner und Friedensstifter, brauchte bei denen, die seinen Vorstellungen kein Gehör gaben, Gewalt, und suchte die Völker der ganzen Welt in einen einzigen Staat zu vereinigen, indem er gleichsam in dem Becher der Freundschaft Lebensarten, Sitten, Gebräuche und eheliche Verbindungen unter einander mischte. Er befahl allen, die Erde als ihr Vaterland, sein Lager als das Schloß und die Residenz, die Guten als Verwandte und die Bösen als Fremdlinge anzusehen; auch die Griechen und Barbaren nicht mehr durch Kleidungen und Waffen von einander abzusondern, sondern die Tugend und das Laster zu Unterscheidungszeichen derselben zu machen, und dagegen Kleidung, Kost, Ehe und Lebensart für gemeinschaftlich zu halten, weil alles dies durch das Blut und die Kinder vermischt wäre. (...)
Sehr gerne hätte ich bei jener vortrefflichen und heiligen Hochzeitfeier einen Zeugen abgeben mögen, da Alexander in einem einzigen mit Gold bedeckten Zelte an einem gemeinschaftlichen Herd und Tische hundert persische Bräute und ebenso viel griechische und makedonische Bräutigame versammelte und (...) dieselben paarweise miteinander verband, so daß er zwar der Bräutigam nur einer einzigen, aber zugleich auch der Brautführer, der Vater und Ehestifter aller übrigen war. Mit Freuden würde ich da ausgerufen haben. Sieh uunwissender, hirnloser Xerxes! der du so viel vergebliche Mühe auf die Brücke über den Helespont gewendet hast, auf solche Art pflegen vernünftige Könige Asien mit Europa zu verbinden.

Im letzten Absatz wird auf die Massenhochzeit von Susa im Jahr 324 v. Ztr. (Wiki) Bezug genommen. Man hat das Gefühl und es deutet sich schon in diesem Ausschnitt an, daß vieles in dieser Schrift vor allem um des Argumentierens willen geschrieben ist. Für Plutarch waren diese Ausführungen nur ein kleiner Teil einer Fülle von anderen Beispielen dafür, daß Alexander der Große durch Taten mehr für die Philosophie an sich in der Welt getan hätte als die Philosophen nur durch ihre Worte und als auch andere Staats- und Heerführer - wie Xerxes - durch ihre Taten.

Ob man in das Ruhmeslied des Plutarch selbst mit einstimmen möchte, mag ja jeder für sich entscheiden. Was Schiller an Plutarch begeistert hat, begeistert uns auch an diesen Zeilen, nämlich daß er in all seinen biographischen Darstellungen den Edelsinn des Dargestellten heraus arbeitet, hier erkennbar daran, daß Plutarch ausführt, daß Alexander die Menschen nicht mehr nach ihrer Volkszugehörigkeit unterscheiden will, sondern danach, ob sie edelgesinnte Menschen sind. Wir bringen dieses Originalzitat deshalb, weil wir im weiteren den Weg seines Inhaltes über den deutschen Historiker Droysen und über den "Rasseforscher" Schemann bis hin zu Mathilde Ludendorff weiter verfolgen wollen.

Droysen - um 1843

Der deutsche Historiker Johann Gustav Droysen hat seine "Geschichte des Hellenismus" erstmals 1843 heraus gebracht. In dieser schreibt er über das Griechenland zur Zeit des Todes von Alexander dem Großen (10, S. 17):

Wie weit von seinen Anfängen hinweg ist nun der hellenische "Staat", er ist sich selbst nicht mehr gleich. (...) Die Zeit, wo man nur Athener, Spartaner, Tarentiner, nur Bürger sein konnte, ist vorüber; es ist die Sphäre des Privatlebens möglich geworden und die verwandelte Stimmung findet in Epikurs Lehre ihren Ausdruck und Zusammenhalt. Ja noch in umfassenderer Weise sinkt die alte Beschränktheit. Im Anfang war die sprödeste Absonderung der kleinen und kleinsten Stadtgebiete; schon der Bürger der Nachbarstadt war ein Fremder, war ein Feind, soweit nicht besondere Verträge oder heilige Vereinigungen den Frieden schützten; dann erwachte die Vorstellung des gemeinsamen Griechentums: desto schärfer empfand man den Gegensatz gegen die Barbaren; noch Aristoteles sagt: sie sind geboren Sklaven zu sein; er riet Alexander, die Griechen als Feldherr, die Barbaren als Herr zu behandeln, für jene als für Freunde und Verwandte zu sorgen, mit diesen wie mit Pflanzen und Tieren zu verfahren. Auch dieser, der letzte naturbestimmte Gegensatz mußte sinken. Alexander begann das große Werk; "Allen befahl er", sagt ein alter Schriftsteller (Verweis auf Plutarch), "als ihre Vaterstadt die Welt, als deren Akropolis das Lager, als Verwandte die Wackeren, als Fremdlinge die Schlechten anzusehen." "Und die vielbewunderte Politik Zenons, des Begründers der stoischen Schule", sagt derselbe Autor, "läßt sich füglich in diese Hauptlehre zusammenziehen: daß wir nicht mehr nach Städten und Gauen getrennt, jeder durch eigene Gerechtsame gesondert wohnen, sondern alle Menschen für unsere Gaugenossen und Mitbürger halten sollen und Ein Leben und Eine Ordnung sei wie in einer vereint weidenden, auf allgemeinsamer Trift sich nährenden Herde."

Es ist natürlich klar, daß die Ausführungen von Plutarch bei "Rasseforschern" des 20. Jahrhunderts auf größten Widerwillen stoßen mußten. Diese schöpften allerdings nicht aus den Originalquellen, sondern gaben sich mit Sekundärliteratur zufrieden. 

K. L. Schemann - 1930

Im Jahr 1930 stützt sich der struppig behaarte Freiburger Professor und Gobineau-Übersetzer Karl Ludwig Schemann (s. Abb. 5) in seinem damals erschienenen Buch "Hauptepochen und Hauptvölker der Geschichte in ihrer Stellung zur Rasse" (2) auf die eben zitierten Ausführungen von Droysen, wenn er darin die Bedeutung der Lehre der Stoa für den Kosmpolitismus im hellenistischen Zeitalter herauszuarbeiten versucht. 

Abb. 5: Karl Ludwig Schemann
Sehr präzise allerdings hat er die Ausführungen von Droysen dabei nicht gelesen. Vielmehr formuliert er die klaren Ausführungen von Droysen zu Wirrwarr um und verdreht sie zu klaren Falschbehauptungen. Eine wilde Vergröberung ist es schon, wenn er die weltbürgerliche Haltung der Stoa als eine "Übergangserscheinung" in Richtung Christentum kennzeichnet (2; Bd. 2, 1930, S. 144). Eine solche, so schreibt er, ...

... waren die letzten Ausläufer der griechischen Philosophie, war insbesondere der Stoizismus.

Natürlich hatten wir gesehen, daß auch Leopold von Ranke Jesus Christus in dieses kosmopolitisch denkende Umfeld hinein setzt. Dennoch ist es völliger Blödsinn, die Stoa als "letzte Ausläufer der griechischen Philosophie" zu bezeichnen. Schemann schlägt dem Leser solche Behauptungen fast wie zum Hohn um die Ohren. Das ist strotzender Unverstand. Und man muß sich sagen: Offenbar war in den 1930er Jahren vieles an Dummheit gerechtfertigt. Und es wurde noch nicht einmal als solches erkannt, wenn es denn nur aus der - vermeintlich - "rechten" Gesinnung heraus verfaßt worden war. 

Wie kann Schemann denn überhaupt nach dieser Behauptung den Schüler des Sokrates, Antisthenes, erwähnen, wo zuvor noch von den "letzten Ausläufern der griechischen Philosophie" die Rede war? Alles strotzender, blühender, undifferenzierter Unsinn. Die letzten Ausläufer der griechischen Philosophie sind bekanntlich in der Spätantike zu suchen, etwa bei dem oben erwähnten Marc Aurel, der im übrigen als Kaiser von Rom in seinen Kriegen durch seine Taten zeigte, daß dessen "weltbürgerliche Haltung" für ihn die Erwartung mit einschloß, daß sich feindliche Völker, auch Barbaren, der "Pax Romana" zu unterwerfen hätten. Damit wies auch dessen weltbürgerliche Haltung einen viel zu klaren und eindeutigen ethnozentrischen Kern auf. Einen ethnozentrischen Kern, der übrigens ebenso den Taten Alexanders des Großen zugrunde lag, und der hierbei allzu leicht übergangen wird.

Auch Alexander der Große erachtete andere Menschen nur insoweit als "Weltbürger" als sie sich seiner politischen Macht nicht feindlich entgegen stellten und als sie - zum Beispiel - bereit waren, das Griechische als Amtssprache zu sprechen. Dann hat er sie gerne als Weltbürger angesehen. Das sollte man durchaus im Hinterkopf behalten. Der struppig behaarte Schemann schreibt dann ebenso fehlerhaft weiter (2; Bd. 2, 1930, S. 144):

Schon der Begründer der kynischen Schule, Antisthenes, schloß in seiner Lehre die Nationalität sowohl in politischer wie in religiöser Beziehung aus und wollte nur noch ethische Gesetze anerkennen. Sein Jünger Diogenes sprach auf die Frage nach seiner Abstammung mit unter den ersten das denkwürdige Wort aus, er sei ein Weltbürger. Aber erst die Stoiker haben diese Anschauung methodisch ausgebildet und in ihr System aufgenommen. Plutarch konnte die Lehre Zenons dahin zusammenziehen, "daß wir nicht mehr nach Städten und Gauen getrennt, jeder durch eigene Gerechtsame gesondert wohnen, sondern alle Menschen für unsere Gaugenossen und Mitbürger halten sollten und ein Leben und eine Ordnung sei wie in einer vereint weidenden, auf allgemeinsamer Trift sich nährenden Herde". Und dessen gelehriger Schüler auf dem Throne des Welteroberers ließ darauf an alle seine Völker das Gebot ergehen, "als ihre Vaterstadt die Welt, als deren Akropolis das Lager, als Verwandte die Wackeren, als Fremdlinge die Schlechten anzusehen".

Der hier genannte "gelehrige Schüler auf dem Throne des Welteroberers" soll Alexander der Große sein. Daß er es gewesen sei, könnte sich schon aus dem Zitat des Plutarch aufdrängen, wenn man sich nicht die Lebensdaten des genannten Zenon von Kition (333-261 v. Ztr.) klar machen würde. Aus diesen geht hervor, daß Alexander der Große kein Schüler von Zenon gewesen sein konnte. Eine weiteres, sehr schmähliches, äußerst ungenaues Lesen der oben angeführten Ausführungen von Droysen (und/oder Plutarch) durch Schemann, ein polternder Unsinn. Alexander der Große hat also das genannte Gebot unabhängig von Zenon ergehen lassen, nicht: "darauf". Höchstens könnte gesagt werden (und so war es von Plutarch gemeint), daß "Philosophen des Wortes" wie Zenon "träumten", was "Philosophen der Tat" wie Alexander umsetzten. Auch Plutarch scheint sich an dieser Stelle nicht klar gemacht zu haben, daß das Aufwachsen des Zenon innerhalb der hellenistischen Großreiche mit dazu beigetragen haben wird, daß er eine solche Lehre überhaupt formuliert haben wird. Diese Ungenauigkeiten des Herrn Schemann müssen empören, um so mehr, als diese dann von seiner Mitstreiterin Mathilde Ludendorff völlig ungebremst und ungeprüft übernommen werden.

Man kann nur den Kopf schütteln und sich sagen, daß Mathilde Ludendorff weit unter ihrem sonstigen Niveau bleibt, wenn sie sich in den angeführten Fragen ausgerechnet auf diese sehr rüpelhaft anmutenden Ausführungen von Karl Ludwig Schemann bezieht, und wenn sie aus diesen Ausführungen auch noch Schlußfolgerungen ableitet, die viel weitreichender sind als das, was Schemann selbst mit diesen hatte nahelegen wollen. 

Aber machen wir uns vielleicht auch eines klar: Seit dem Versailler Vertrag und der Ideologie, die propagandistisch hinter ihm stand, galt das "weltbürgerliche Denken" unter völkischen Denkern wie Schemann und Mathilde Ludendorff als durch und durch kontaminiert. Sie konnten offenbar das weltbürgerliche Denken der Antike nur noch durch die Brille ihrer eigenen Zeit sehen und konnten in Vertretern dieses Denkens dementsprechend nur minderwertige Geistesgrößen sehen. Man sieht hier doch schon sehr deutlich, wie Zeitgeist auf historische Urteilsfähigkeit abfärben kann.

/ Ergänzung 4.5.23: Man kann das Ganze vielleicht auch so einordnen: Die in den 1920er Jahren innerhalb und außerhalb der völkischen Bewegung im engeren Sinne schnell an Boden gewinnende "Rasseforschung" wurde als so "modern" empfunden und ging zugleich mit einer subjektiv empfundenen Sicherheit im historischen Urteil einher, die - wie wir deutlich genug aus dem Nachhinein sehen - im Angesicht des vagen damaligen Kenntnisstandes überhaupt keine Berechtigung hatte, die aber zugleich die Früchte von mehr als hundert Jahren außerordentlich hochachtender, geistiger Auseinandersetzung mit der antik-griechischen Kultur von Winckelmann bis mindestens Nietzsche in elegantem großzügigem Schwung außerordentlich leichtfertiger Nichtbeachtung anheim fallen ließ. Es ist wirklich mehr als unschön, das zu beobachten. Man möchte es geradezu - in den Worten der Zeit um 1933 - als "Kulturschande", "Kulturverlust" ersten Grades bezeichnen. /   

Insgesamt hätte doch zu den behandelten Fragen, so scheint uns, schon damals ein viel breiterer Ansatz gewählt werden können und darum müssen, als er sowohl von Schemann wie dann - noch verstärkt - von Mathilde Ludendorff gewählt worden ist zur Erklärung dafür, daß es heute keine antiken Griechen mehr gibt. Die griechischen Stadtstaaten haben sich in einem mörderischen Peloponnesischen Krieg gegenseitig zu Tode gerungen. Eine Stadt gegen die andere. Daß unter diesen Umständen sich Griechen Gedanken gemacht haben darüber, ob dieser ausgeprägte Stadt-Patriotismus hilfreich ist für das Überleben der freien griechischen Kultur, ist mehr als nur nachvollziehbar. Eher wundert man sich, daß dieses Nachdenken erst so spät eingesetzt hat. Man erkannte viel zu spät die Gefahr, die durch die Makedonen im Norden drohte, so sehr waren die Griechen mit sich selbst beschäftigt (übrigens auch noch hundert Jahre später als die Römer die Vorherrschaft in der Ägäis gewannen). Alexander der Große war dann der "große Jäger" (Hölderlin), der nicht nur der griechischen Freiheit den Garaus gemacht hat, sondern der die griechische Kultur insgesamt - langfristig gesehen - zu Tode gehetzt hat. 

Betont sei: Sowohl der Philosoph Sokrates wie der Philosoph Antisthenes sind für ihren Stadtstaat Athen als einfache Hopliten in den Krieg gezogen. In ihren Taten spiegelt sich also kein Weltbürgertum, ebenso wenig wie in den Taten der späteren, angeblich weltbürgerlichen Anhänger der Stoa. Antisthenes hat in der Schlacht von Tangara im Jahr 426 v. Ztr., die siegreich für die Athener ausging, mit Auszeichnung gekämpft. Als Kosmopolit, ja, sogar als weitblickender Hellene hätte er sich jeder Kampfhandlung zwischen zwei griechischen Stadtstaaten anstatt dessen vielmehr bewußt entziehen müssen, so gut er konnte, um des "Vaterländischen" willen, um der Einigkeit der Griechen untereinander willen. So möchte man aus dem Nachhinein sagen.

Mathilde Ludendorff - 1933

Schemann und Mathilde Ludendorff liefern aufgrund der Zeitbedingtheit ihres Denkens in diesen Fragen Wirrwarr zu der Frage, woran die antik-griechische Kultur zugrunde gegangen sei. Mathilde Ludendorff behandelt nämlich im letzten Teil ihres Buches "Die Volksseele und ihre Machtgestalter" in ganz enger Anlehnung an Karl Ludwig Schemann die antik-griechische Philosophen-Schule der Stoa ebenfalls als eine Art Vorläufer-Lehre des Christentums (4, S. 456):

... Die Stoa. (...) Antisthenes hatte den ersten Ruck aus der festen völkischen Verankerung veranlaßt durch seine verhängnisvolle Lehre, die er in der Kynischen Schule predigte. Er wollte weder politisch noch religiös eine Nationalität anerkennen; da die meisten Völker Nationalgottheiten verehrten, so bedeutete das nichts geringeres als die Verführung zur Zerstörung der Einheit von Blut und Glaube. (...) Nur moralische Gesetze, gleich gestaltet für alle Völker, sollten noch bestehen.

Das ist - wie gesagt - Wirrwarr. An diesen Ausführungen ist so gut wie alles "schief und krumm". Hatte denn vor Antisthenes eine "feste völkische Verankerung" bestanden bei den antiken Griechen so wie noch zu der Zeit der Perserkriege? Gerade diese "völkische Verankerung" fehlt doch dem Beurteiler des historischen Geschehens. Wäre sie gegeben gewesen, hätten sich die antiken Griechen doch nicht so fürchterlich gegenseitig zerfleischt wie sie es Jahrzehnte lang getan haben. 

Überhaupt möchte man meinen, daß eine so "abendländisch-nüchtern" aufgefaßte unterstellte "feste völkische Verankerung" einer Kultur wie jener der feurigen antiken Griechen gar nicht recht gerecht werden will. Wir sehen im übrigen eine solche auch nicht bei den germanischen Stämmen der Völkerwanderungszeit. Die Archäogenetik belehrt uns, daß in der Regel schon die erste Generation der Zuwanderer sich südlich des Limes mit der dort einheimischen Bevölkerung vermischt hat. Aus dieser Vermischung entstanden die Bayern, die Schwaben, die Lombarden, die Franken und so weiter, entstanden also "wir", wir Deutschen. Wie will man also auch dort von einer "festen völkischen Verankerung" sprechen? Sie war dort eben so wenig gegeben wie bei den antiken Griechen - mit oder ohne Stoa!  

Aristophanes - "Der Friede" (421 v. Ztr.)

In einer Komödie wie "Der Friede" von Aristophanes aus dem Jahr 421 v. Ztr. (Wiki) wird doch deutlich, wie die Griechen innerlich gerungen haben damit, die Kriegslüsternheit der Polei gegeneinander endlich zu überwinden. Deutlich genug geht aus ihr hervor, daß sie sich bewußt waren, daß diese von großem Schaden ist. Deutlich genug geht andererseits hervor, daß es nicht gelang, diese Kriegslüsternheit zu überwinden. In der Komödie wird Lamachos, der damalige kriegslustige Feldherr Athens erwähnt, der Feind des Friedens (Gutenb):

Auf, Gesamthellenen, laßt uns helfen jetzt, wenn irgend sonst; 
Abgetan sei jede Fehde, fern des Krieges blut'ger Tanz! 
Denn die Sonne leuchtet heute feindlich auch für Lamachos.
Was dazu von uns gescheh'n muß, sage du, werkmeist're du: 
Denn die Hände ruh'n zu lassen, ist mir heut unmöglich, traun, 
Bis der Himmel höchste Göttin und die rebenfreundlichste
Wir mit Hebeln und Maschinen an das Licht heraufgebracht.

Nämlich die Friedensgöttin. Und diese wird dann angefleht (Gutenb):

Nein, zeige dich ganz in voller Gestalt,
Wie's Edlen geziemt, uns Liebenden hier,
Die dreizehn Jahre bereits um dich
Das Verlangen verzehrt!
O löse den Kampf und der Schlachten Gedröhn,
Und du sollst Kampflöserin heißen!
Auch halte von uns die Verdächtigung fern,
Die mit glattem Geschwätz
Im Geheimen den Mann reizt wider den Mann;
Und vereine das Volk der Hellenen so fest
Mit der Freundschaft Kitt, wie's anfangs war,
Und versöhnlicher Sinn und mildes Verzeih'n
Durchströme das Herz, daß reich sich der Markt
Anfülle mit Gut, mit Knoblauch, groß,
Frühgurken, Granaten und Äpfeln, zugleich
Mit Mäntelchen, klein, für der Knechte Bedarf!
Von Böotien her laß Tauben für uns,
Zaunschlüpfer und Gäns' und Enten herein,
Auch Körbe mit Aal vom kopaischen See,
Um die wir gedrängt laut markten und schrei'n. (...)
Dies Hochgelobte, dies gewähr' auf unser Flehn!

Wir können jedenfalls nicht sehen wie eine im besten Fall individualistische Lebensphilosophie eines Antisthenes (die im übrigen so besonders gut gar nicht belegt ist), daß ausgerechnet und insbesondere diese eine "feste völkische Verankerung" bei den Hellenen gelöst haben sollte. Eine solche Deutung entspringt Wirrwarr und schafft Wirrwarr. Die inneren Lebensgesetze der antik-griechischen Kultur scheinen uns doch in ganz anderen Sphären angesiedelt und verankert zu sein, als daß man ihnen mit solchen Ausführungen wie sie Mathilde Ludendorff hier tätigt, auch nur ansatzweise gerecht werden könne. Uns scheint hier doch die Rolle eines Antisthenes viel zu sehr überbewertet zu sein im Angesicht großer, verheerender politischer Entwicklungen im antiken Griechenland während des Peloponnesischen Krieges. Mathilde Ludendorff schreibt dann weiter, ebenfalls in enger Anlehnung an Schemann (4, S. 456):

Sein Jünger Diogenes ging denn auch einen gewaltigen Schritt weiter. Er wollte nichts wissen von völkischer Absonderung und beantwortete die Frage nach seiner Abstammung mit der Antwort, daß er ein Weltbürger sei.

Nun gut, es war eben jener "Diogenes in der Tonne", der von seinen Mitmenschen oft belächelt wurde. Ausgerechnet er oder Seinesgleichen sollten fähig gewesen sein, eine feste völkische Verankerung innerhalb des Volkes der Griechen zu untergraben? Wo doch sogar die Rolle eines Aristoteles als Lehrer Alexanders des Großen kaum festgelegt werden kann dahingehend, ob seine Lehren irgendeinen Einfluß auf Alexander hatten. Wer hätte denn im antiken Griechenland auf Philosophen gehört, wenn es um tagesaktuelle Taten ging? Darüber beklagen sich doch die Philosophen immer wieder - in der Antike wie in der Neuzeit - daß die politisch Mächtigen eben nicht die Philosophen zu Rate ziehen. Sie konnten also - umgekehrt - auch kein Unheil stiften, wie hier voraus gesetzt wird.

Sokrates mußte den Schirlingsbecher trinken, weil man ihm unterstellte, die Jugend zu Gottlosigkeit zu verführen. Was unberechtigterweise geschah. Die Gottlosigkeit also fürchteten die antiken Griechen. Aber sie befürchteten doch nicht mangelnden Stadt-Patriotismus.

/ 18.4.2026 - Im übrigen könnte der leise Verdacht aufkommen, daß hier philosophischen Lehren ähnliche gesellschaftspolitische "Wirkungen" zugesprochen wird wie den großen "Ideologien" des 19. und 20. Jahrhunderts oder auch wie bewußt "installierten" Religionen wie dem Judentum und Christentum. - Könnte an solchen Beispielen nicht noch einmal schärfer heraus gearbeitet werden, was Ideologien und bewußt installierte Religionen von philosophischen Lehren (und natürlich gewachsenen Religionen) unterscheidet? In einem ersten Zugriff könnte man sagen: Bei "Ideologien" und bewußt installierten Religionen steht nicht das "reine" Erkenntnisinteresse selbst, sondern stehen bestimmte gesellschaftspolitische Absichten im Vordergrund. Bei philosophischen Lehren ist es umgekehrt. Schemannn und Mathilde Ludendorff behandeln jedoch philosophische Lehren als wären sie Ideologien oder bewußt installierte Religionen. /

Wüster, polternder Wirrwarr - Mathilde Ludendorff verwechselt den Philosophen Zenon mit Woodrow Wilson 

Uns bleibt deshalb nichts anderes übrig als uns zu freuen an der Antwort des Diogenes, die er Alexander dem Großen gegeben haben soll als dieser ihn fragte, was er für ihn tun könne: "Geh mir aus der Sonne." Das ist der rechte Männerstolz vor dem Königsthron eines Welteroberers. Und das auch noch aus einer Tonne heraus. Es ist uns bewußt, daß wir mit all diesen unseren Ausführungen den Wirrwarr von Schemann und Mathilde Ludendorff bezüglich dieser Fragen immer noch nicht genug aus den Angeln gehoben und gekennzeichnet haben. Dieser Beitrag ist diesbezüglich deshalb nur als ein erster Zugriff zu bewerten. Die Verhöhnung gesunden geschichtlichen Denkens, die uns hier Schemann und Mathilde Ludendorff zumuten, ist auch mit diesem Beitrag noch nicht ausreichend gekennzeichnet.

Mathilde Ludendorff schreibt weiter - wieder in enger Anlehnung an Schemann (4, S. 456):

Der Phönizier Zenon baute sie (die Stoa) zu einem System der Zerstörung der Stammeseigenart weiter aus und gründete eine Schule für diese verheerend wirkende Lehre.

Ja, das ist reiner Unfug. Die Stammeseigenart der Griechen - oder der Phönizier - wäre durch die Lehre der Stoa zerstört worden? Wir können absolut nicht folgen. Hier liegen völlige Fehlbewertungen vor. Kein Philosoph und keine philosophische Richtung hatten in der Antike eine solche Macht oder einen solchen politischen Einfluß, daß sie das auch nur ansatzweise gekonnt hätten. Und selbst wenn sie es gekonnt hätten, wäre die Wirkung nicht die hier unterstellte gewesen. Mathilde Ludendorff verwechselt hier Zenon mit Woodrow Wilson oder ähnlichen Gestalten. Und das ist ganz grober Unfug. Sie schreibt dann weiter in diesem Wirrwarr, wobei ihr dann doch eine Ahnung gekommen zu sein scheint, daß ein wenig mehr Differenzierung notwendig sein könnte (4, S. 456):

Unendel ist freilich auch die Stoa nicht zu nennen, aber unendlich dürftig, arm an gottlebendigem Gehalt. In der Stoa haben wir ein Erzeugnis menschenfreundlicher, edler Gesinnung, gepaart mit völlig verkümmertem Erleben der Volksseele und ebenso verkümmerten Gotterleben zu sehen.

Wie stechen diese Sätze doch so deutlich ab von der vornehmen Behandlung, die Leopold von Ranke der geschichtlichen Bedeutung der Stoa angedeihen läßt (siehe Ergänzung ganz unten). Was für Sätze! Wie ganz und gar unmöglich geschrieben und geurteilt.

Man muß doch nur zwei Seiten - etwa im dtv-Atlas Philosophie - über die Stoa lesen, um zu erkennen, daß diese unsäglich kruden Benennungen ausgerechnet der Stoa als Ursache für den Untergang der antiken griechischen Kultur der reinste absurde Spuk und Wirrwarr sind. Man ist entsetzt, auf solche Beurteilungen zu stoßen innerhalb des Schaffens einer Autorin, deren Urteilsfähigkeit man sonst über sehr weite Strecken ihres geistigen Schaffens keineswegs besonders grundlegend infrage stellen möchte.

Der dtv-Atlas macht sogar - im Gegenteil - vielmehr sehr schnell klar, daß die Philosophie der Stoa als Gesamterscheinung vielen Grundaussagen der Philosophie Mathilde Ludendorffs unglaublich nahe steht. Mathilde Ludendorff kann sich gar nicht mit der Stoa beschäftigt haben, wenn sie solche Aussagen trifft. Solche Worte zeugen aber vielmehr zusätzlich von einem völligen Unverständnis der antik-griechischen Kultur als einer Gesamterscheinung, zeugen von einem Unverständnis für die Rolle, die in dieser einzelne philosophische Strömungen spielten und nicht spielten. Es ist hier völlig unmöglich, auch nur ansatzweise zu folgen.

Die antik-griechischen Menschen waren bis zum Ende der antik-griechischen Kultur fest in derselben verwurzelt. Sie haben ihre Kultur gelebt, ganz egal, welcher philosophischen Richtung sie angehörten. Sie hatten ein lebendiges, sprudelndes Gotterleben. Sie waren kulturschöpferisch. Man schaue sich um in Pompeji. So viel Schönheit auf so engem Raum. Das hat es nie wieder in der Weltgeschichte gegeben. Und "Pompeji" war überall, war über den gesamten Mittelmeerraum verbreitet. Diese Menschen hatten auch ein lebendiges Erleben der Volksseele, nur daß diese Volksseele eben nun - nach der Untergang der Poliswelt - die kulturelle Einheit aller Hellenen und hellenisch Gesinnten war. Im Angesicht der Gefahr durch das Christentum bäumte sich diese Volksseele ein letztes mal auf - verkörpert in Kaiser Julian dem Abrünnigen (siehe Ergänzung ganz unten). 

Wie mag es sich Mathilde Ludendorff überhaupt vorgestellt haben, daß edle Gesinnung mit verkümmertem Gotterleben verbunden gewesen sein sollte? Wir können an dieser Stelle überhaupt nicht folgen. Diese Worte sind für uns ein Widerspruch in sich. Im weiteren lesen wir bei ihr, daß der "der junge Welteroberer Alexander" "Anhänger der Stoa" gewesen wäre. Ohne die Ausführungen von Schemann mit Hilfe des Brockhaus zu überprüfen, übernimmt sie hier seinen oben schon gekennzeichneten Irrtum! Zur Zeit Alexander's gab es keine Stoa. Im folgenden wäre also richtiger eher zu lesen "Soweit die Anhänger des Kosmopolitismus". In diesem Sinne nun die weiteren Ausführungen Mathilde Ludendorffs (4, S. 458):

Soweit die Anhänger der Stoa, wie z.B. der junge Welteroberer Alexander, nordischen Blutes waren, befriedigte sie die rein verneinende Einstellung der völkischen Eigenart gegenüber nicht, vor allem sagte die wahllose Allerweltsliebe ihnen nicht voll zu. So hören wir denn schon bei Alexander, daß er in der Menschenliebe einen Unterschied zwischen den Menschen machen möchte. Das sittlich Hochstehende sollte sittlich näherstehen als das Verworfene, und er ließ an alle seine Völker das Gebot ergehen:

"Als ihre Vaterstadt die Welt, als Akropolis das Lager, als Verwandte alle Wackeren, als Fremde alle Schlechten"

anzusehen.

Mit diesem Satz ist zum ersten mal ein Fünkchen von dem herrlichen, weltbewegenden Geist Alexanders des Großen erfaßt. Ein Fünkchen. Dieser Satz ist wie eine Insel im Wirrwarr der ihn umgebenden Ausführungen. Hier und nur hier sind wir bei Griechenland. Ganz bei Griechenland. Dies ist Griechenland in der Ausformung, in der es so weitreichende kulturgeschichtliche Wirkung entfaltete.

Deshalb auch sind diese Ausführungen rot hervorhoben. Das hier enthaltene Zitat Alexanders des Großen hat Schemann aus Droysen's "Geschichte des Hellenismus" entnommen (10, S. 17) und Droysen hat es den Ausführungen von Plutarch entnommen (11). 

Wir brechen an dieser Stelle zunächst einmal ab. 

Die Ausführungen dieses Blogbeitrages möchten als ein "Arbeitspapier" verstanden sein, das darum bemüht ist, "Zeitbedingtes" von weiterhin gültigen Erkenntnissen innerhalb des genannten Buches zu scheiden. Als "Work in Progress". Das kann sicherlich noch besser gemacht werden als das bisher in diesen Ausführungen geschehen ist und wir werden den vorliegenden Text nach und nach überarbeiten, ergänzen und verbessern.

Der Hellenismus als das vornehmste Bollwerk gegen das Christentum

Ergänzung 4.5.23: Zu einer differenzierten Beurteilung der geschichtlichen Rolle der Stoa mag man auch Ausführungen von Leopold von Ranke heranziehen, die in dem Kapitel "Der Hellenismus und der Ideenkreis Julians" seines 1. Bandes "Weltgeschichte" enthalten sind. Er behandelt hier den "Hellenismus" des Zeitalters des Kaisers Julian als letztes "Bollwerk" gegen das Christentum. Es handelt sich erneut um hinreißende Ausführungen. Ranke schreibt:

Bei den lateinischen Autoren, die aus dieser Zeit stammen, namentlich den Lobrednern der Kaiser, walten die Ideen des republikanischen und imperialistischen Rom vor. Und noch umfassender war der Widerstand des mit der allgemeinen Kultur verschmolzenen Hellenismus. Überall wurden die Klassiker gelesen, es gab eine Anzahl von Institutionen, in denen sich der alte gräko-romanische Geist repräsentierte.

Also: Noch zu dieser Zeit war die antik-griechische Kultur lebendig, sprudelte geradezu vor Leben. Und zwar immer noch fast in ihrer schönsten Form, denn sie hatte hundert Jahre zuvor noch den Philosophen Plotin (205-270) (Wiki) hervor gebracht, den Ranke dann ausführlich und hinreißend behandelt. Aber zunächst einmal weiter im Text:

Das vornehmste Bollwerk des Hellenismus bildeten die Rhetorenschulen, welche sich über das ganze Reich ausbreiteten. (...) Aus diesen Schulen nun war damals ein neues philosophisches System hervorgegangen, das dem Christentum entgegentrat und gar bald auch zu einer politischen Macht erwuchs. Anknüpfend an die alte Philosophie, suchte es den veränderten Bedürfnissen und Gesinnungen der Zeit gerecht zu werden. Wir dürfen nicht versäumen, ihm ein Wort der Erörterung zu widmen. 
Auf der von Platon und Aristoteles gelegten Grundlage waren in Griechenland in einem Moment bürgerlicher Unruhen andere Schulen entstanden, welche systematisch entwickelt nach Rom vordrangen und hier jahrhundertelang die Geister anregten und beschäftigten; die Stoa behielt die Oberhand. Die Lehrmeinungen der Stoiker aber waren nicht rein theoretischer Art (...). Die öffentlichen Angelegenheiten konnten ihrer nicht entbehren, ebensowenig wie die Stoiker des Verhältnisses zu demselben. Zuerst die Opposition gegen das Kaisertum, dann aber auch das Kaisertum selbst beruhten auf philosophischen Überzeugungen, die sich auf eine oder die andere Weise mit dem Götterglauben ausglichen; sie haben die innere Tatkraft genährt und gehoben. Damit war es aber nun im Laufe des dritten Jahrhunderts zu Ende gegangen. (....) Das gesamte öffentliche Leben wurde tumultarisch, verwirrt, unsicher. Für eine auf philosophischen Überzeugungen beruhende Teilnahme an demselben gab es keinen Platz mehr. Eine Schule entstand, deren Prinzip es war, davon völlig zu abstrahieren.

Hiermit ist also gesagt, daß die philosophischen Überzeugungen, die man aus der Stoa abgeleitet hat, die "innere Tatkraft genährt und gehoben" hat und somit zur Aufrechterhaltung und Verteidigung der freien, heidnisch-antiken Geistes- und Lebenswelt, nach außen verteidigt durch das Römische Weltreich, beigetragen hat. Auch Ranke also beurteilt die Stoa nicht als eine Geistesrichtung, die zur Untergrabung und zum Untergang der antiken Kulturen beigetragen hätte - im Gegenteil. Und im Anschluß an diese "einleitenden" Ausführungen behandelt Ranke dann in diesem Kapitel als zentrale Gestalten den Philosophen Plotinus (205-270 n. Ztr.) und den Kaiser Julian den Abrünnigen (331-363 n. Ztr.), der von den philosophischen Gedanken Plotins erfüllt gewesen ist:

Aus dem Leben des Plotinus (...) nimmt man mit Erstaunen ab, wie mannigfaltig über alle Bezirke des östlichen Reiches hin der Verkehr war, in welchem die Gelehrten, besonders die Philosophen, miteinander standen.

Also immer noch: höchste kulturelle und geistige Lebendigkeit in der antiken griechischsprachigen Welt. Und zwei Seiten weiter schreibt Ranke:

So geschah es, daß die ganze Macht der alten Bildung sich dem Christentum entgegensetzte und eine starke Partei gründete. (...) Seinen Homer hatte Julian später unaufhörlich auf der Zunge.

Möchte man nicht Julian sein, der Abtrünnige, wenn man ihn als so machtvoll dargestellt findet bei einem Leopold von Ranke? Wenn man denn schon in diesem Zeitalter hätte leben sollen!?  Auch uns scheint es noch heute so, als ob Widerstand gegen die völkerzerstörenden Tendenzen des assyrischen Geistes nur möglich ist, wenn man "seinen Homer unaufhörlich auf der Zunge" hätte .... Was sonst? So wie Goethe, Schiller und Hölderlin und all die anderen Kulturheroen der Deutschen und des Abendlandes, zu denen wir aufblicken als die Retter des Vaterlandes in kultureller Hinsicht. 

Ergänzung 13.5.23: Die Geschichte der Hellenistischen Skulptur (Wiki) zeigt ebenso wie lebendig, kraftvoll und künstlerisch fruchtbar die griechische Kultur noch im 2. Jahrhundert v. Ztr. gewesen ist. Eine große Fülle bedeutendster Kunstwerke sind uns aus dieser Zeit überliefert, aus der wir für diesen Beitrag einige wenige ausgewählt haben. (Abb. 1 bis 4). 

Ergänzung 28.10.25: Wir lesen etwa auch über das kulturelle Leben in der griechisch-römischen Welt (Wiki/fr):

Die Gebiete des römischen Ostens mit griechischer Kultur bewahrten ein sehr dynamisches intellektuelles Leben, das durch die römische Herrschaft unberührt blieb, da die Römer im Allgemeinen den herausragenden Charakter der griechischsprachigen Kultur anerkannten. Im Allgemeinen weist die Kultur dieser Periode viele Elemente der Kontinuität mit der vorhergehenden Phase auf. (...) Die griechischsprachige Literaturproduktion der Römerzeit ist durch ihre große Vielfalt und Produktivität gekennzeichnet. Die Autoren schufen oft anspruchsvolle Werke mit vielen Bänden. (...) Auf dem Gebiet der Philosophie ist diese Periode insbesondere durch die Werke von Epiktet geprägt, der ursprünglich aus Hierapolis in Phrygien stammte und hauptsächlich in Nikopolis in Epirus lehrte. Er war eine bedeutende Figur des Stoizismus und beeinflußte den Kaiser-Philosophen Marcus Aurelius. Diese Strömung erfreut sich, wie ihr Rivale, der Epikureismus, unter den Gelehrten der griechisch-römischen Welt großer Beliebtheit. Der Polygraph Plutarch (46–120), gebürtig aus Chaironeia in Böotien, der in Athen Mathematik und Philosophie studierte und in Delphi als Priester diente, schuf ein beeindruckendes und vielfältiges Werk, von dem die Parallelbiographien, eine wichtige Quelle über das Leben der großen Persönlichkeiten der griechischen und römischen Geschichte, sowie verschiedene Werke zu literarischen, moralischen, praktischen und persönlichen Themen die berühmtesten sind. (...) Zumindest in bestimmten kulturellen Aspekten haben wir es mit einem „griechisch-römischen Reich“ zu tun, einer Formel, die von P. Veyne vorgeschlagen wurde, für den „Rom ein Volk ist, dessen Kultur die eines anderen Volkes war, nämlich Hellas “.

/ Ergänzungen 
entsprechend 
der Lit.angaben 
10 und 11: 
19.7.23 /

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*) Schemann hatte schon seit 1919 in Verbindung mit Erich Ludendorff gestanden (StgrNat2019).
**) Hat denn Sokrates in der Antike nur um der Seelenruhe willen, mit der er den Schierlingsbecher trank, so viel Bewunderung genossen? Nein, unter anderem auch deshalb, weil der schöne Alkibiades eine ganze Nacht lang das Bett mit ihm geteilt hat, ohne daß Sokrates sich von ihm hat verführen lassen. Man kann doch diese Seite der antik-griechischen Kultur nicht einfach in Bausch und Bogen übergehen oder einfach nur als "Verfallserscheinungen" deuten. - Und auch hier wieder war Hölderlin fähig, eine angemessene Deutung des Geschehens zu geben (Wiki). Eine Deutung, die der Gesamtheit der antik-griechischen Kultur in vollem Maße gerecht wird.
***) "Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Saeculum, wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Menschen!" (Schiller, Die Räuber, 1781, 1. Akt, 2. Szene) (Zeno)

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  1. Ranke, Leopold: Die römischen Päpste. Bd. 1. Berlin 1834 (Textarchiv)
  2. Schemann, Ludwig: Hauptepochen und Hauptvölker der Geschichte in ihrer Stellung zur Rasse. Zweiter Teil von: Die Rasse in den Geisteswissenchaften. Studien zur Geschichte des Rassegedankens. J. F. Lehmann's Verlag, München 1930 (GB
  3. Ludendorff, Mathilde: Erlösung von Jesu Christo. Ludendorffs Verlag, München 1931 (GB)
  4. Ludendorff, Mathilde: Die Volksseele und ihre Machtgestalter. Eine Philosophie der Geschichte. Erstauflage 1933 (GB); Verlag Hohe Warte, Pähl 1955 (Archive
  5. Ludendorff, Mathilde: Das Gottlied der Völker. Eine Philosophie der Kultur. Ludendorffs Verlag, München 1935; Verlag Hohe Warte, Pähl 2007 (Archive
  6. Dahn, Felix: Die Bataver. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 69 n. Chr.). 1876 (GB); 1890
  7. Yonatan Adler: The Origins of Judaism. An Archaeological-Historical Reappraisal (The Anchor Yale Bible Reference Library) Yale University Press, 15. November 2022 (AmzGB)
  8. Holm, Adolf: Griechische Geschichte von ihrem Ursprunge bis zum Untergange der Selbstständigkeit des griechischen Volkes. Berlin Bd. 1, 1886; Bd. 2, 1889; Bd. 3, 1891; Bd. 4, 1894
  9. Holm, Adolf: Die Griechen. In: Adolf Holm, Wilhelm Deecke, Wilhelm Soltau: Kulturgeschichte des klassischen Altertums. Friesenhahn, Leipzig 1897, S. 1-160 (GB)
  10. Droysen, Johann Gustav: Geschichte des Hellenismus. Geschichte der Epigonen. 1. Halbband. Friedrich Andreas Perthes, Gotha 1877 (2. Auflage) (GB)
  11. Plutarchs moralische Abhandlungen. Übers. von Johann Friedrich Salomon Kaltwasser. 9 Bände. Johann Christian Hermann, Frankfurt am Main 1783-1800, Band 3, 1786 (GB)
  12. Ranke, Leopold von: Weltgeschichte. Die Geschichte der abendländischen Welt von den ältesten historischen Völkergruppen bis zu den Zeiten des Übergangs zur modernen Welt. Band 1: Von den ältesten historischen Völkergruppen bis zur Emanzipation der germanischen Völker. Emil Vollmer Verlag - Phaidon Verlag, Esssen o.J.

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