Erörterungswürdiges und völlig Überlebtes in ihrem Buch "Die Volksseele und ihre Machtgestalter" (1933)
Teil 2:
- Gingen die antiken Griechen am Dionysos-Kult zugrunde?
- Gingen die antiken Griechen an der Stoa zugrunde?1933
brachte Mathilde Ludendorff als sechsten Band ihres philosophischen
Werkes das Buch "Die
Volksseele und ihre Machtgestalter - Eine Philosophie der Geschichte"
heraus (4). Zwar setzt sie sich in diesem Buch auch ausdrücklich mit
Karl Ludwig Schemann und dessen damals neuester Buchveröffentlichung (2)
auseinander.*) Aber erst ein genauer Textvergleich macht deutlich,
daß sie von Karl Ludwig Schemann mehr Sichtweisen auf das Volk der
Sumerer und auf das Volk der antiken Griechen übernommen hat, als sie
dann schlußendlich innerhalb ihres eigenen Textes kenntlich macht.
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| Abb. 1: Die Laokoon-Gruppe, eines der berühmtesten Kunstwerke der europäischen Geschichte (Wiki)
- Sie wurde von den Bildhauern Hagesandros, Polydoros und Athanadoros
aus Rhodos geschaffen - In einem Zeitraum zwischen 200 v. Ztr. und 79 n.
Ztr. (denn Plinius der Ältere, der 79 n. Ztr. in Pompeij starb,
erwähnte dieses Kunstwerk) - Eine Kultur, die ein solches Kunstwerk
hervorbringt, ist höchst kraftvoll und lebendig |
Außerdem
macht der Textvergleich deutlich, daß sie die oft schon
simplifizierenden Ausführungen von Karl Ludwig Schemann noch einmal
zusätzlich versimplifiziert. All das tritt ebenfalls erst ins helle
Licht der Aufmerksamkeit, seit wir über das Werden und Vergehen der
antiken Griechen durch die Archäogenetik so viel mehr Fragen haben als
bislang schon Antworten gegeben worden sind und als - offensichtlich
auch im Rahmen der "Rasseforschung" der 1930er Jahre - hatten gegeben
werden können. Denn deren Vertreter lieferten in ihren Antworten - aus
heutiger Sicht - mehr Wirrwarr als echte und gute Einsichten.
"Geschichtliche Randbemerkungen"
Bevor
wir aber all das beleuchten, mag es sinnvoll sein, sich daran zu
erinnern, was Mathilde Ludendorff selbst in der Einleitung ihres Buches
schreibt zum Verhältnis zwischen den grundlegenden Erkenntnissen, die es
enthält und ihrer Erläuterung anhand geschichtlicher Beispiele wie sie
diese etwa dem Buch von Karl Ludwig Schemann entnommen hat. Wohl mit
einer gewissen Vorahnung schrieb sie dort schon (4, S. 66):
Uns
soll es genügen, nur an einem Mindestmaß von Hinweisen auf
Einzelgeschehnisse der Weltgeschichte die Übereinstimmung (der
Grunderkenntnisse) mit der Tatsächlichkeit zu beleuchten.
Sie, schreibt, sie will mit ihrem Buch kein Geschichtsbuch schreiben mit "philosophischen Randbemerkungen", sondern vielmehr ...
...
ein philosophisches Buch mit gelegentlichen, nicht als Beweis, sondern
zur Erleichterung des Verständnisses angeführten geschichtlichen
Randbemerkungen.
Da diese geschichtlichen
Randbemerkungen wie wir sehen werden, mitunter deutlich mehr Unsinn als
Sinn enthalten können, ist es natürlich wichtig, von diesen
Vorbemerkungen zu wissen. Sie hält es nämlich durchaus auch für möglich,
daß ...
... eines dieser Beispiele sich etwa in Zukunft als eine irrige Feststellung der Geschichtsforscher erweisen
könnte. Und diese Vorahnung sollte sie natürlich auch keinesfalls trügen. Sie schreibt dazu (4, S. 66f):
Der
Philosoph ist auf diesem Gebiete (der Geschichtsforschung) Laie und ist
darauf angewiesen, sich an die gemeldeten Ereignisse zu halten. Muß ein
solches Beispiel aus solchen Gründen als ungeeignet fallen,
so
muß das, so schreibt sie weiter, nicht zwangsläufig Schlußfolgerungen
in Bezug auf die von ihr gegebenen Grunderkenntnisse mit sich bringen.
Und sie schreibt (4, S. 67):
Gerade durch unsere
Beschränkung (auf wenige anschauliche Beispiele) wird ein Wunsch des
Schaffenden erfüllt, nämlich durch sein Werk andere zum Schaffen
anzufeuern. Besonders der dritte Teil des Buches, der sich mehr auf das
Gebiet der Erfahrung der Völker begibt und häufiger geschichtliche
Ereignisse heranzieht, kann solche Anregungen geben.
Soweit
uns bekannt, ist ihr Buch bis heute selten als eine solche "Anfeuerung"
aufgefaßt worden. Eine solche Anfeuerung könnte ja auch gut und gerne
parallel gehen, ja müssen, mit einer grundlegenderen kritischen
Betrachtung aller Inhalte ihres Buches, womöglich auch mit einer sehr grundlegenden
Infragestellung fast aller Inhalte ihres Buches. Erst dadurch kommt
man ja selbst ins "Schaffen".
Im folgenden wollen wir einige jener "Beispiele" anführen, einige jener "irrigen Feststellungen", die als Erläuterung und Veranschaulichung der Grunderkenntnisse dieses Buches sicherlich "entfallen müssen".
Mathilde
Ludendorff zieht die Völker der Sumerer und Babylonier als erläuternde
Beispiele heran. Das kann an dieser Stelle zunächst übergangen werden
(ist aber auch für sich sehr interessant).
Mathilde Ludendorff über die antiken Griechen
Ihre Ausführungen über die
antiken Griechen sind dann erneut stärker von Karl Ludwig Schemann
beeinflußt als man das diesen Ausführungen auf den ersten Blick ansieht.
Sie schreibt über (4, S. 447, Archive) ...
...
die entartende Wirkung, welche Höhlengötter der Pelasger auf das
griechische Volk hatten. Weit Bescheideneres in der Annahme von Fremdgut
als die Babylonier versuchten hier die Griechen. Nur wenig Fremdkost
nahmen sie auf, behielten sogar die eigene Kost noch bei, und sie
entarteten dennoch an dem Fremdgute.
Hier stellt
sich im Grunde sogleich die Frage: Woran wäre denn diese "Entartung"
erkennbar?!? Die antiken Griechen waren ein Volk edler Menschen und
Kulturschaffender bis in die Spätzeit hinein, bis sogar noch in das
Byzantinische Reich hinein (man lese doch etwa Prokops Geschichte des
Wandalenkrieges). Woran wäre erkennbar, daß das Volk der Griechen
"entartet" wäre, daß es seelische Lebendigkeit verloren hätte? Ist
das antike Volk der Griechen nicht in der Vollkraft seiner seelischen
Lebendigkeit zugrunde gegangen? Ist das nicht der Umstand, der hier viel
eher zu benennen ist, und der dann nach seinen Ursachen hin
auszuleuchten wäre? Wie? Man kann auch an seelischer Lebendigkeit zugrunde gehen? Nicht doch! - Aber lesen wir weiter (4, S. 447, Archive):
Welch
ein Unterschied in der Widerstandskraft der beiden Rassegruppen fällt
uns hier auf! Nur aus der bekannten Duldsamkeit der Rassen der
"Lichtlehren" heraus (...) glaubten sie (die Griechen), Bestandteile der
Religion der Pelasger, so zum Beispiel besonders auch den Gott
Dionysos, den Gott der ausgelassenen Sinnenlust, zu ihren Göttern auf
den Olymp nehmen zu können.
Wie wenig Sinn macht es
heute, so zu sprechen, wo wir wissen, daß schon die mykenischen
Griechen nur zu 20 % Steppengenetik in sich trugen. Es war keine
"Duldsamkeit", die diese Indogermanen dazu brachte, "Bestandteile der
Religion der Pelasger zu ihren Göttern auf den Olymp nehmen zu können".
Es war vielmehr höchst erstaunlich, daß das Volk der Pelasger sich dazu
bereit fand, eine in Grundzügen indogermanische Religion und
Gottauffassung - höchstwahrscheinlich unter Zwang - anzunehmen, die für
es eine "Fremdreligion" war. Und zwar nicht zuletzt auch unter Zwang, da
uns die Archäologen von einem umfangreichen Zerstörungshorizont
berichten, der mit der Ankunft der Indogemanen in Griechenland verbunden
war.
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Abb. 2: Der sterbende Gallier - Aufgestellt in Pergamon um 230 v. Ztr. (Fotograf: Jean-Christophe Benoist [Wiki])
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Und
es ist im Grunde mehr als selbstverständlich, daß die
vorindogermanischen Völker Griechelands ("Pelasger" und andere), die
sich mit den hereinkommenden "Hyperboräern" vermischt hatten, nicht nur
deren indogermanisches Kulturgut übernahmen, sondern zugleich auch zäh
an althergebrachtem Kulturgut festgehalten haben. Ob dazu ausgerechnet
Dionysos gehört hat, mag ebenfalls dahin stehen. Man könnte - im
Interpretationsrahmen von Hölderlin und ggfs. auch Nietzsche - meinen,
daß die weit verbreitete Verehrung des Dionysos dem Übermut entsprang,
der Überschwenglichkeit, die dem "südlichen Menschen" eigen ist, wenn er
mit der zügelnden und zugleich hochreißenden seelischen Kraft der
apollinischen Geisteshaltung der Indogermanen konfrontiert wird (um all
das hier einmal in aller Kürze nur ins Unreine hinein als Hypothese zu
formulieren). Aber hören wir weiter (4, S. 447, Archive):
Sie
(die Griechen) stellen ihn (Dionysos) neben Apoll, den beherrschten,
schönen Lichtgott. Aber schon diese an sich geringfügig erscheinende
Gabe der anderen Rasse hatte eine volksvereheerende Wirkung.
Erneut:
Woran sollte diese erkennbar sein? Noch nicht einmal die Römer, denen
wir in den Ausgrabungen von Pompeji um 79 n. Ztr. als stark
hellenisierte Kultur begegnen, sind über Jahrhunderte hinweg an dieser
"Fremdkost" zugrunde gegangen. Vielmehr haben auch sie sich ihre
seelische Lebendigkeit über Jahrhunderte erhalten - freilich in
zunehmendem Ringen mit all der Sinneslust, die in der griechischen
Kultur zugleich auch enthalten ist. Aber dieses "Ringen" wurde
erst notwendig, als allmählich der seelische Überschwang, Übermut, die
Emphase in den Völkern der Mittelmeerwelt verloren gingen. Als sie einem
Sündenbewußtsein und einer Zerknirschung sondergleichen wichen. Und
beide letztere haben wir bis heute nicht völlig überwunden. ("Warum so
bedrückt?" fragte einmal der Historiker Hellmut Diwald die Deutschen in
einer Buchveröffentlichung des Jahres 1992. Ein Blick in die Spätantike
und in das Mittelalter hinein hätten ihm eigentlich ausreichend
Antworten geben können.)
Auf
jeden Fall ist die griechische Kultur schon von ihren Anfängen bei
Homer her ohne ihre schöne freie Sinneslust doch gar nicht als jene
Kultur zu denken und zu deuten als die wir sie als eine so
außerordentliche kennen und schätzen gelernt haben und als die sie sich
bis heute als Alternativkultur zum christlichen Zeitalter geltend
gemacht hat und geltend machen darf.**) Wie kann man an dieser
Erkenntnis so außerordentlich gleichgültig vorbei gehen wie es hier
Mathilde Ludendorff zu tun scheint? Hatte sie denn nicht selbst
Altgriechisch gelernt für ihr Abitur? Warum zeigt sie hier so wenig
Verständnis für die griechische Antike? Wir wollen gleich die Antwort
geben: Weil ihr der materialistische Rassegedanke im Wege steht, der in
Bezug auf die antiken Griechen mehr Unkenntnis als zusätzliche Erkenntnis
mit sich brachte. Und offenbar auch, weil sie - mit den
"Rasseforschern" ihrer Zeit - nicht versuchte, die antiken Griechen aus
ihrer Zeit heraus zu verstehen, sondern auf sie mit der Brille ihres
eigenen Zeitalters schaute. Irgendwie vergleichbare "Todesgefahren" wie
man sie in den 1930er Jahren für das Volk der Deutschen sah (schädliche
Religionen, Weltbürgerideologien etc.), wollte man auch bei den antiken
Griechen finden, anstatt diese Kultur erst einmal aus sich selbst heraus
zu verstehen, da sie ja doch - womöglich - auch unter ganz anderen
seelischen Gesetzen gestanden haben könnte als unsere abendländische
Kultur (und nichts, wirklich nichts ist naheliegender, als daß sie es
tat. Zumal nach der kulturphilosophischen Deutung von Mathilde
Ludendorff selbst - siehe "Absturz der Religionen vom Gotterleben").) -
Aber hören wir weiter (4, S. 447, Archive):
Freilich war es nicht die Fremdkost allein, die einen so raschen Untergang auslöste.
Einen
so raschen Untergang? Sprache und Genetik hielten sich in Kontinuität
in Griechenland bis zur Zuwanderung durch die Slawen aus dem Norden in
der Spätantike. (Und zum Hohn auf alle gar zu materialistischen
"Rassetheorien" erhöhte diese slawische Zuwanderung sogar den
Steppengenetik-Anteil in Griechenland, wobei sie aber zugleich
tatsächlich die Restbestände antik-griechischen Lebens zugrunde gehen
ließ.) Aber weiter:
Denn sie (die Fremdkost) konnte erst aufgenommen werden, als die Wahlkraft der Volksseele kaum mehr gehört wurde, als die Rassereinheit nicht mehr voll bestand.
(...) So war also von zwei Seiten über das Volk die Todesgefahr
herangenaht, entsprach doch das Erlebnis der Minne, wie das semitische
Volk sie zeigte, dem Gotte der Pelasger, dem Dionysos, weit mehr als dem
Griechengott Apoll. So lockte denn das eine zu dem anderen hin, und die
Griechen gingen rasch an dem Dionysos-Kult zugrunde. (...)
Die
Geschichte beschreibt uns die Entartung der Griechen als
"Verweichlichung" (siehe Holms "Griechische Geschichte" Band 1). Die
alten achäischen Helden hatten unheldische Nachfahren und konnten von
gesunden nordischen Stämmen, die später einwanderten, unterworfen
werden. Das gleiche Schicksal erlitten dann diese aus dem Norden von den
Bergen nach Süden kommenden gesunden Stämme der Dorier und Jonier auch
wieder. Anfangs lebten sie in strenger Selbstzucht und glichen in
heldischer Tatkraft und Bedürfnislosigkeit noch ganz jenen unverdorbenen
Ahnen der später so verweichlichten Achäer. Unter die gleichen
Einflüsse semitischer Völker gestellt, erlitten sie aber allmählich ganz
das gleiche Schicksal wie diese.
Dazu mehrere
Bemerkungen. Erstens zunächst noch einmal zu der hier postulierten
"Rassereinheit": In jener Geschichtsepoche, in der Mathilde Ludendorff
lebte, ging man - wie oben schon erläutert - davon aus, daß die Menschen
in Skandinavien in weiten Teilen unvermischte Repräsentanten der
indogermanischen Herkunftsgruppe waren. Heute wissen wir, daß sie nur zu
etwa 50 % Schnurkeramik- (bzw. Jamnaja-, bzw. Steppen-)Genetik in sich
tragen, während die andere Hälfte sich zusammensetzt aus der
mittelneolithischen Genetik Europas, deren Erbe aus grob 70 %
anatolisch-neolithischer Genetik und 30 % westeuropäischer
Jäger-Sammler-Genetik besteht.
 |
| Abb. 3: Die Tötung Dirkes durch ihre Stiefsöhne - Geschaffen von Apollonios
von Tralleis auf Rhodos, Ende des 2. Jhdts. v. Ztr., importiert nach Rom um 0 v./n. Ztr., ausgegraben in den Bädern des Caracalla 1546 (Wiki) - Archäologisches Nationalmuseum Neapel (Fotograf: Marie-Lan Nguyen [Wiki]) |
Wenn
dies aber als ein Grad für "Unvermischtheit der Herkunftsgruppe" gelten
soll (nach der Auffassung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts), dann
könnte in der Tat gesagt werden, daß die Griechen Nordgriechenlands um
2.200 v. Ztr., die 50 % Jamanaja-Genetik aufwiesen, "unvermischt" waren.
In Südgriechenland gab es während der Bronzezeit Menschen mit 20 %, mit
10 % und mit 0 % Jamnaja-Genetik. Während der Eisenzeit und der
klassischen Zeit trugen die antiken Griechen einheitlich acht Prozent
Jamanaja-(also Steppen-)Genetik in sich. Als solche brachten sie die
kulturellen Höchstleistungen der Menschheitsgeschichte hervor, die wir
an ihnen so bewundern. Und als solche dauerten sie bis in die Spätantike
fort.
"Rassemischung" hat also hier bestenfalls zu kulturellen
Höchstleistungen der Menschheitsgeschichte beigetragen, nicht zum
Untergang eines Volkes, das solche Höchstleistungen hervor gebracht hat.
Zum
zweiten: Will man jene Griechen, die im Heer Alexanders mitzogen,
"unheldisch" nennen? Das einzige, was den Griechen fehlte, war "das
Vaterländische" wie es Hölderlin nannte. Es war allein ihre politische
Uneinigkeit, die sie überwindbar machte. Sonst wären die Makedonen an
ihnen genauso gescheitert wie zwei Jahrhunderte zuvor das persische
Großreich. Das ist doch ganz klar. Jedenfalls ist überhaupt nicht
übersehbar, warum ausgerechnet der Dionysos-Kult die Griechen zu sehr
verweichlicht haben soll. Dieser wurde ja auch schon zur Zeit der
Perserkriege gelebt. Nein, die Mäßigung ihres heldischen Willens und
ihrer Kriegslüsternheit untereinander durch "das Vaterländische" fehlte
ihnen. Das war es, was am meisten zu den Niederlagen gegen Alexander
beitrug.
Wir können uns also all diesen Charakterisierungen
zur Entstehung und zum Untergang der antik-griechischen Kultur durch
Mathilde Ludendorff (oder Karl Ludwig Schemann) nicht anschließen. Sie
entspringen gänzlich einem Kenntnisstand und einem Weltbild, die abgetan
sind. Fast möchte man fragen: Wie kann man so scheeläugig auf die
antik-griechische Kultur schauen? Das haben bestenfalls Römer getan.
Griechen selbst haben das nie getan. Sie standen weit erhaben über einem
solchen scheeläugigen Blick auf Dionysos. Das hat doch auch der von
Mathilde Ludendorff ansonsten hoch geschätzte Friedrich Nietzsche nie
getan. Man versteht an dieser Stelle vieles nicht.
 |
| Abb. 4: Statue des Demosthenes (384-322 v. Ztr.) - geschaffen von dem
athenischen Bildhauer Polyeuktos um 280 v. Ztr. (Fotograf: Marie-Lan
Nguyen [Wiki]) |
Es wäre zum dritten noch einmal zu fragen, warum Mathilde Ludendorff sich hier ausgerechnet auf Adolf Holm (1830-1900) (Wiki) (WikiSource)
bezieht (8). Er hat die letzten Jahre seines Lebens in Freiburg i. B.
verbracht, wo Mathilde Ludendorff knapp zehn Jahre später Studentin
war. Vielleicht war sie dort in Berührung mit der Familie Holm gekommen?
Immerhin wird auch heute noch das Urteil gültig sein, das 1972 über ihn
ausgesprochen wurde (Gerhard Baader in NDB 1972):
Seine
in Neapel entstandene „Griechische Geschichte“ (4 Bände, 1884–91)
verherrlicht ebenso wie die von Curtius die griechische Polis, deren
Bedeutung er auch für die nachklassische Zeit hervorgehoben hat. Aber
nicht dieses Werk, das von der beginnenden wissenschaftlichen Umwälzung
am Ende des 19. Jahrhunderts noch unberührt war, sondern Holms Forschungen
über sizilianische Geschichte und Landeskunde fügen ihn in die Reihe
der großen Historiker des 19. Jahrhunderts ein.
Es
stellt sich aber als nächstes auch noch die Frage, warum Mathilde
Ludendorff ausgerechnet auf den ersten Band des genannten Werkes
verweist. Dieser behandelt die antiken Griechen nur bis zum 6. Jhdt. v.
Ztr., also bis zu den Perserkriegen. Und ein Volk, das wir die
Perserkriege führen sehen, wird niemand als verweichlicht ansehen
wollen. Weder im allgemeiner gehaltenen Vorwort, noch in der Einleitung
dieses Bandes finden wir das Phänomen der Verweichlichung überhaupt
angesprochen. Die einzige Stelle innerhalb dieses 1. Bandes, in der das
Wort Verweichlichung benutzt wird, handelt dann vielmehr von dem
persischen Stamm der Meder, den Gegnern der Griechen (8; GB S. 392):
Die
Meder, ursprünglich einfach in ihren Sitten und kräftig, waren bald dem
Schicksale verfallen, welchem kein Stamm des Orients entgeht, und dem
auch die Perser schnell anheim fallen sollten, der Verweichlichung in
Folge zu großer Macht und zu großen Reichtums.
Auch
noch im dritten Band dieses Werkes finden wir das Wort verweichlicht an
keiner besonders grundsätzlichen und allgemein gehaltenen Stelle (GB).
Was aber am schwersten wiegt: In dem Band "Kulturgeschichte des
klassischen Altertums" aus dem Jahr 1897 (9) sagt eben dieser Adolf Holm das genaue
Gegenteil in Bezug auf die Griechen auch noch des 2. Jahrhunderts v.
Ztr. als das, was Mathilde Ludendorff ihm als Erkenntnis zuschreibt! Er schreibt über die von anderen Autoren behauptete
Verweichlichung der Griechen in dieser Zeit (9, S. 133-135) (GB):
Man
spricht, wenn man so scharf urteilt, wie wir soeben gesehen haben,
besonders von Athen und von Sparta. Von Sparta ist das nun nicht wahr;
Beweise dafür sind Agis und Kleomenes; aber daß es auch von Athen gilt,
das haben manche Kämpfe der Athener zur Erlangung ihrer Freiheit vom
makedonischen Joche bewiesen, die hier nicht erzählt werden können, und
ganz falsch ist es, wenn man gesagt hat, die Westgriechen in Italien und
Sizilien, die von Tyrannen gepeinigt waren, seien kräftiger und weniger
verweichlicht gewesen.
Gerade der Autor Holm
ist ja einer, der das Leben der Polisgriechen auch noch in
nachklassischer Zeit zu schätzen weiß. Und diesen Ausführungen kann man
auch heute weitgehend folgen. Im übrigen muß an dieser Stelle nicht
tiefer in die Thematik eingestiegen werden, um zu sehen, daß es jeweils
an den Maßstäben des einzelnen Historikers liegt, was er als
"verweichlicht" ansehen will und was nicht. (Natürlich waren die
Spartaner zur Zeit der genannten Agis und Kleomenes auch
"verweichlicht". Aber erstens gab es Gegenkräfte und zweitens können mit
einer solchen Bezeichnung immer noch sehr viele Abstufungen verbunden
sein, bevor man dorthin kommt, was man sich im Jahr 1933 oder heute
unter "verweichlicht" so im Allgemeinen und Besonderen vorstellen
könnte.)
Insgesamt drängt sich aber der Eindruck auf, als habe
sich Mathilde Ludendorff, indem sie das antike Griechenvolk als Beispiel
für grundlegendere Aussagen ihres Werkes heranzog, einfach auffallend
wenig Mühe gegeben, die Dinge zunächst auf der Sachebene zu klären. Sie
hat sich vielmehr mit flüchtigen - nein: viel mehr gar zu flüchtigen -
Literatur-Eindrücken zum Thema zufrieden gegeben. Eine solche
Arbeitsweise kann man - unseres Erachtens - bei Mathilde Ludendorff nur
sehr selten antreffen. Vielleicht darf man diese gar zu flüchtige
Arbeitsweise einfach nur als eine Aufforderung an künftige Generationen
verstehen, diese Dinge nun doch einmal gründlicher und angemessener zu
klären.
Kosmopolitismus und Stoa im hellenistischen Zeitalter
Diese
flüchtige Arbeitsweise sehen wir auch, wenn wir lesen, daß Mathilde
Ludendorff die philosophische Richtung der "Stoa" als völkerschädigende
Lehre heraus stellt, die zum Untergang der antik-griechischen Kultur
sehr wesentlich beigetragen habe. (Man lese dazu auch den Nachtrag zu
diesem Beitrag ganz unten.) Sie scheint in der Stoa etwas so ähnliches
finden zu wollen wie es - zu ihrer eigenen Zeit - der Kommunismus
darstellte oder das Christentum. Leopold von Ranke hingegen beurteilte
die Stoa in ganz anderem Sinne (siehe ganz unten).
Nach Mathilde
Ludendorff (und Schemann) soll die Stoa dem Christentum "voraus"
gegangen sein. All das mutet uns mehr als unhistorisch geurteilt an.
Nein, mehr noch: Die Ausführungen muten geradezu grotesk und absurd an.
Leopold von Ranke nimmt für die römische Kaiserzeit tatsächlich an, daß
die Stoa auch als politische Lehre in weitesten Kreisen Beachtung
gefunden hätte. Aber er stellt sie als eine kulturerhaltende Erscheinung
dar, nicht als eine kulturzerstörende.
Um diese Dinge
einzuordnen, muß voraus geschickt werden: Das griechische Denken und
Handeln in Bezug auf Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen Völkern
und Kulturkreisen war sehr differenziert und individuell sehr
unterschiedlich. Davon kann man sich einen Eindruck verschaffen im dem
Abschnitt "Menschheitsidee" in dem Wikipedia-Artikel "Alexanderreich" (Wiki).
In diesem Abschnitt wird ausgeführt, daß der Einheitsgedanke (homonoia)
ursprünglich darauf gerichtet war, Frieden zwischen den sich
zerfleischenden Poleisgriechen herzustellen (er war also Ausdruck des
von Hölderlin benannten "Vaterländischen". Es wird aber dann ausgeführt,
daß dieser Einheitsgedanke in der Praxis - von Alexander auf sein Reich angewendet, ganz andere Folgen hatte (Wiki):
Der
Einheitsgedanke (homonoia) lebte fort, wobei es zur Ironie der
Geschichte gehört, daß er in den Völkerschaften der hellenistischen
Staaten Asiens und Ägyptens verwirklicht werden konnte und nicht in den
Stadtstaaten des klassischen Hellas, wo er ursprünglich propagiert
worden war. Im Orient kämpften zukünftig nicht mehr
Völkerschaften, sondern Dynastien gegeneinander, während sich in
Griechenland der alte Zwist zwischen Städten und Städtebünden, zwischen
Poleisgriechen und Makedonen fortsetzte. Eine dauerhafte Eintracht
konnte sich hier erst unter römischer Kontrolle einstellen.
Eine
homonia zwischen allen Hellenen wäre so notwendig gewesen, um Alexander
abzuwehren. Sie war von Demosthenes gefordert worden. Sie wurde aber
bei den Poleisgriechen erst durch die makedonische und römische
Fremdherrschaft und durch die "pax romana" hergestellt, während ihr
Grundgedanke als "Menschheitsidee" die hellenistischen Nachfolgereiche
tatsächlich und erfolgreich ideologisch überwölbte. Die
Lebenswirklichkeit in den Nachfolgereichen des Alexanderreiches war aber
außerdem - wie in dem genannten Artikel ausgeführt wird - geprägt
sowohl von dem Weiterbestehen von Parallelgesellschaften (siehe als
Beispiel die halbautonomen Juden in Judäa), wie von allgemeiner
Hellenisierung, sowie von Vermischung zwischen Hellenen und "Barbaren".
Diogenes in der Tonne - Ausgerechnet er förderte den Untergang der antiken Griechen? - ???
Auf Wikipedia lesen wir über den griechischen Philosophen Diogenes von Sinope (413-323 v. Ztr.) (Wiki) (den "Diognenes in der Tonne") und die mit ihm beginnende Geschichte des Kosmopolitismus (Wiki):
Diogenes
von Sinope bezeichnete sich erstmals als Weltbürger. So wie er in
seinen Anfängen in der griechisch-hellenischen Ideengeschichte zu finden
ist, war der Kosmopolitismus zunächst eine mehr individualistische
Lebensphilosophie, die mit der Sichtweise des Kynismus verbunden war. In
der Philosophenschule der Stoiker (Zenon, Seneca, Mark Aurel und
andere) wurde er auch zu einer Ethik weiterentwickelt.
Der Stoa (Wiki)
wird im allgemeinen - und im besonderen der "mittleren Stoa", nämlich
der seit römischer Zeit - ein "kosmopolitischer Ansatz" zugesprochen.
Der hier genannte Philosoph Diogenes von Sinope war ein Schüler des
Athener Philosophen Antisthenes (445-365 v. Ztr.) (Wiki),
der wiederum ein Schüler des Sokrates war. Ganz richtig wird
ausgeführt, daß unter solchen frühen Philosophen der Kosmopolitismus
eher eine rein "individualistische" Lebensphilosophie darstellte, die
sich deshalb - soweit übersehbar - auch nicht besonders moralisch über
andere erhob, weil andere in der betreffenden Frage anderer Meinung
waren, und die aber vor allem nicht große Menschenzahlen oder
Gesellschaften in ihrem Handeln beeinflußte.
Aus den
Wikipedia-Artikeln zu den genannten Philosophen geht auch hervor, daß
man über ihre Lehre eigentlich gar nichts besonders viel Zuverlässiges
weiß, da die meisten ihrer Schriften verloren gegangen sind und da das
meiste über sie nur aus den Behauptungen Dritter bekannt ist, die sich
zudem oft untereinander widersprechen. Die Quellenlage ist bezüglich
dieser Philosophen also sehr brüchig und unzuverlässig.
Der genannte Philosoph Zenon von Kition (333-261 v. Ztr.) (Wiki)
gilt dann als der Begründer der Stoa. Er wurde um 333 v. Ztr. geboren,
also zu der Zeit als Alexander der Große den Nahen Osten eroberte und
die hellenistischen Reiche begründete. Zu der Lebenswirklichkeit der
hellenistischen Reiche, in denen Menschen unterschiedlichster
kultureller und religiöser Herkunft zusammen lebten, paßte nun wahrlich
eine Anschauung wie der Kosmopolitismus besser als jede andere
Lebensanschauung. Diese Lebensanschauung wurde gelebt, ob es nun dafür
eine philosophische Lehre gab oder nicht. Als ideologische
Rechtfertigung für das Leben dieses Kosmopolitismus diente am ehesten
noch der oben erwähnte "Einheitsgedanke". Natürlich mögen auch
mancherlei philosophische Lehren, die zu diesem Leben paßten,
aufgegriffen und weiter entwickelt worden sein. Das mag auch für die
Stoa gelten. Aber daß ausgerechnet die Stoa deshalb eine Entwicklung
beschleunigt hätte, die sich sowieso schon im Gange befand, erscheint
doch insgesamt wenig einleuchtend.
Beim Kosmopolitismus, bei
der damaligen weltbürgerlichen Haltung handelte es sich längst um eine
Lebenswirklichkeit, die, um verwirklicht zu sein, gar keiner
expliziteren, ihr zugrunde liegenden philosophischen Lehre bedurfte. Die
Rolle philosophischer Lehren für das Alltagsleben wird für die große
Mehrheit der Menschen der damaligen Zeit überhaupt eher als gering
einzuschätzen sein. Abgesehen davon, daß man überhaupt - sozusagen -
"philosophisch" geleitet lebte, bzw. philosophierend lebte, jeder
individuell für sich, soweit er überhaupt Philosophie trieb.
All
dies auch noch zusätzlich um so weniger als die Griechen klassischer
Zeit schon seit vielen Jahrhunderten fast überall, wo sie Kolonien im
Mittelmeerraum und im Schwarzen Meer gegründet hatten, auf andere Völker
und Kulturen getroffen waren und sich selbst entweder an die Kultur vor
Ort angepaßt hatten oder umgekehrt die Kultur vor Ort dazu brachten, sich
an ihre griechische Kultur anzupassen. Außerdem kamen durch den Handel
mit den Kolonien ebenso wie durch Sklavenhandel über Jahrhunderte hinweg
immer wieder Menschen anderer kultureller Herkunft in das Kernland
Griechenlands. Man denke etwa daran, daß Orpheus, der Begründer der
nicht unbedeutenden orphischen Bewegung in Griechenland mit ihrer
urindogermanischen Lehre vom Weltei als Ursprung der Welt, als Thraker
galt.
Und wir wissen erst seit kurzem, daß die Thraker eine
Genetik aufwiesen, die hinsichtlich des proportionalen Anteils ihrer
Herkunftsgruppen derjenigen der antiken Griechen glich. Ebenso die
Philister und Phönizier. In klassischer, antiker Zeit gab es also eine
sehr einheitliche Genetik im gesamten östlichen Mittelmeerraum. Wenn
also Thraker oder Philister "Hellenen" wurden, dann veränderte sich das
Band zwischen Genen und Kultur, das schon in Griechenland bestand, gar
nicht. Es gab dasselbe Wechselverhältnis zwischen Genetik und Kultur.
Die seelische Grundstimmung der antiken Griechen konnte also durch die
Hellenisierung vieler Völker weiter geführt werden, auch wenn es im
griechischen Kernland aufgrund von Kinderarmut zeitweise zu
Bevölkerungsrückgängen kam.
All das ist sehr ähnlich wie in den
letzten tausend Jahren in Mitteleuropa, wo ja auch die kulturellen
Unterschiede mitunter sehr groß sein konnten. Man denke etwa an die
Unterschiede zwischen den germanischen und den slawischen Völkern.
Gleichzeitig war und ist aber die Zusammensetzung der Herkunftsgruppen
zwischen benachbarten Völker sehr ähnlich. Wenn also ein Pole
"eingedeutscht" wird, ändert das an der genetischen Zusammensetzung der
Deutschen vergleichsweise ebenso wenig wie es etwas an der genetischen
Zusammensetzung der Polen ändert, wenn ein Deutscher "polonisiert" wird.
Und ähnlich sind die Verhältnisse für den östlichen Mittelmeerraum in
der Antike zu beurteilen.
Auf jeden Fall hatte es also schon
seit Jahrhunderten sehr viel kulturelle, gegenseitige Beeinflussungen
und Anpassungen gegeben, wobei zu sagen ist, daß sich die kulturelle
Identität der antiken Griechen dadurch insgesamt nur wenig verändert
hat, zumindest in dem Zeitraum, den wir durch Schriftkultur überblicken.
Dazu war sie auch in sich selbst viel zu seelisch lebendig und
kulturschöpferisch. Und dazu waren sich die Griechen ihrer eigenen
Kultur viel zu sicher und dazu hatten sie auch ein recht klares Urteil
darüber, was sie selbst von all den umliegenden "Barbaren" unterschied.
Sogar ein ihnen sehr ähnliches Volk wie die Makedonen erachteten sie ja
als "Barbaren", ebenso die Thraker oder die Phönzier oder die Lyder oder
die Perser. Am meisten Hochachtung dürften sie noch vor der alten
Hochkultur der Ägypter gehabt haben, wohin die griechischen Gelehrten
von früher Zeit an immer wieder gereist sind, um dort zu lernen.
Nur
in den "Perserkriegen" haben sich die antiken Griechen einmal sehr
ausgeprägt militärisch mit anderen Kulturen auseinandersetzen müssen,
und zwar zeitgleich sowohl mit dem persischen Großreich im Osten wie mit
dem Großreich von Karthago im Westen - nämlich die griechischen
Kolonien auf Sizilien. Ansonsten führten die antiken griechischen Poleis
vor allem Kriege untereinander, insbesondere im Peloponnesischen Krieg
Athen und seine Verbündeten gegen Sparta und seine Verbündeten.
Inhärent
gab es also schon seit Jahrhunderten innerhalb der griechischen Kultur
ein Spannungsverhältnis zwischen der Hochwertung der eigenen kulturellen
Identität und einer sehr großzügigen, "weltbürgerlichen" Haltung. Eine
weltbürgerliche Lebenshaltung läßt sich vergleichsweise leicht leben,
wenn die eigene Kultur eine außerordentlich fruchtbare und lebendige
ist. Erst wenn die eigene Kultur verknöchert und unlebendig wird, wird
ihr auch eine weltbürgerliche Haltung zur Gefahr. Diesen Umstand hat es
für die antik-griechische Kultur nie gegeben. Sie ist im Zustand
höchster Lebendigkeit und kultureller Fruchtbarkeit untergegangen. Noch
in der Zeit der politischen Knechtschaft durch die Makedonen und durch
Rom blieb die antik-griechische Kultur in einer Weise seelisch lebendig
wie es das das christliche Abendland bis heute noch nie kennen gelernt
hat. Noch ihre letzten Vertreter - nennen wir Plutarch oder
Plotin und andere - standen geistig, kulturell, intellektuell, moralisch
turmhoch nicht nur über zeitgleichen Kulturen anderer geographischer
Räume, sondern über dem kulturellen Niveau aller anderen Zeitepochen der
Menschheit überhaupt.
Ist alles gleich - Plutarch, ... Gobineau?
Immerhin:
Das Pendel zwischen ethnozentrischer und weltbürgerlicher Haltung mußte
natürlich deutlich zugunsten der letzteren ausschlagen, nachdem
Alexander der Große die antiken Griechen unterworfen hatte und ihre
Kultur zugleich über den gesamten Nahen Osten hinweg ausgebreitet hat,
nachdem die antiken Griechen politisch mehr Objekte als Subjekte der
Weltgeschichte geworden waren. Ihre Würde haben sie sich auch noch in ihrer politischen Ohnmacht erhalten,
auch wenn sich die Römer nicht zu schade waren, sie in ethnozentrischer
Überheblichkeit "Griechlein" zu nennen. Aber wenn ein Plutarch ein
"Griechlein" war - wie möchte man dann eigentlich ein beliebiges
"Abendländerlein" nennen?
Versteht man nicht, daß wir es hier mit
ganz verschiedenen Größenmaßstäben zu tun haben, wenn es um das
Maßnehmen bezüglich seelischer Lebendigkeit geht? Das Jahrhundert, in
dem ein Mißanthrop wie Arthur de Gobineau möglich war, möchte man auf
eine Stufe stellen mit einem Jahrhundert, in dem ein Plutarch möglich
war? - ??? Wer das für denkbar hält, lasse sich von Friedrich Schiller
darüber belehren, wie er über das seinige "tintenklecksende Jahrhundert" gedacht hat. Dann könnte ein solcher Nachdenkender - womöglich - gesunden.***)
Plutarch - um 70 n. Ztr.
/
Ergänzung 19.7.23 / Als wir die letzten Zeilen schrieben, war uns noch
gar nicht klar, daß auch die weiteren Ausführungen sehr viel mit
Plutarch zu tun haben. In der Schrift "Vom Glück oder von der Tapferkeit
Alexanders" hat nämlich dieser griechische Schriftsteller Plutarch
(45-125 n. Ztr.) (Wiki)
ausführlich die Verdienste Alexanders des Großen erörtert. In einem
Abschnitt dieser Schrift meint er, Alexander habe mehr für die Bildung
und Zivilisiertheit der Welt getan als alle großen Philosophen
Griechenlands zusammen genommen. Und auf diesen Abschnitt beziehen sich
dann Droysen, Schemann und Mathilde Ludendorff. Deshalb ist es
sicherlich gut, ihn im Original zu kennen (hier nach einer Übersetzung aus
dem Jahr 1786) (11, S. 298ff):
Wenn
demnach die Philosophen sich am meisten darauf einbilden, daß sie rohe
und ungeschlachte Gemüter verfeinern und umbilden, so kann auch
Alexander, der dergleichen Veränderungen bei unzähligen Völkern und
viehischen Naturen bewirkt hat, mit Fug und Recht für den größten
Philosophen gehalten werden. Jene so sehr bewunderte Regierungsform
Zeno's, des Stifters der stoischen Sekte, läßt sich füglich auf diesen
Hauptpunkt zusammen ziehen, daß wir nicht mehr in Städte und Völker
geteilt wohnen, noch durch besondere Gerechtsame voneinander getrennt
seien, sondern alle und jede Menschen für unsere Mitbürger und
Landsleute ansehen sollen, so daß wie bei einer auf gemeinschaftlicher
Trift weidenden Herde durchgängig einerlei Lebensart und Ordnung
herrsche. Zeno
konnte wohl, da er dieses schrieb, keine andere Absicht haben als einen
Traum oder ein Bild eines nach philosophischen Gründen wohl
eingerichteten Staates darzustellen; Alexander aber hat es wirklich zur
Ausführung gebracht. Ohne sich an Aristoteles Rat zu kehren,
daß er die Griechen als Heerführer, die Barbaren als Despot beherrschen
und jene wie Freunde und Verwandten verehren, diese wie Tiere und
Pflanzen behandeln sollte, wodurch er gewiß sein Reich mit Unruhen,
Landesverweisungen und gefährlichen Empörungen würde angefüllt haben -
betrachtete er sich als einen von den Göttern geschickten Versöhner und
Friedensstifter, brauchte bei denen, die seinen Vorstellungen kein Gehör
gaben, Gewalt, und suchte die Völker der ganzen Welt in einen einzigen
Staat zu vereinigen, indem er gleichsam in dem Becher der Freundschaft
Lebensarten, Sitten, Gebräuche und eheliche Verbindungen unter einander
mischte. Er
befahl allen, die Erde als ihr Vaterland, sein Lager als das Schloß und
die Residenz, die Guten als Verwandte und die Bösen als Fremdlinge
anzusehen; auch die Griechen und Barbaren nicht mehr durch
Kleidungen und Waffen von einander abzusondern, sondern die Tugend und
das Laster zu Unterscheidungszeichen derselben zu machen, und dagegen
Kleidung, Kost, Ehe und Lebensart für gemeinschaftlich zu halten, weil
alles dies durch das Blut und die Kinder vermischt wäre. (...)
Sehr
gerne hätte ich bei jener vortrefflichen und heiligen Hochzeitfeier
einen Zeugen abgeben mögen, da Alexander in einem einzigen mit Gold
bedeckten Zelte an einem gemeinschaftlichen Herd und Tische hundert
persische Bräute und ebenso viel griechische und makedonische Bräutigame
versammelte und (...) dieselben paarweise miteinander verband, so daß
er zwar der Bräutigam nur einer einzigen, aber zugleich auch der
Brautführer, der Vater und Ehestifter aller übrigen war. Mit Freuden
würde ich da ausgerufen haben. Sieh uunwissender, hirnloser Xerxes! der
du so viel vergebliche Mühe auf die Brücke über den Helespont gewendet
hast, auf solche Art pflegen vernünftige Könige Asien mit Europa zu
verbinden.
Im letzten Absatz wird auf die Massenhochzeit von Susa im Jahr 324 v. Ztr. (Wiki)
Bezug genommen. Man hat das Gefühl und es deutet sich schon in diesem
Ausschnitt an, daß vieles in dieser Schrift vor allem um des
Argumentierens willen geschrieben ist. Für Plutarch waren diese
Ausführungen nur ein kleiner Teil einer Fülle von anderen Beispielen
dafür, daß Alexander der Große durch Taten mehr für die Philosophie an
sich in der Welt getan hätte als die Philosophen nur durch ihre Worte
und als auch andere Staats- und Heerführer - wie Xerxes - durch ihre
Taten.
Ob man in das Ruhmeslied des Plutarch selbst mit einstimmen
möchte, mag ja jeder für sich entscheiden. Was Schiller an Plutarch
begeistert hat, begeistert uns auch an diesen Zeilen, nämlich daß er in
all seinen biographischen Darstellungen den Edelsinn des Dargestellten
heraus arbeitet, hier erkennbar daran, daß Plutarch ausführt, daß
Alexander die Menschen nicht mehr nach ihrer Volkszugehörigkeit
unterscheiden will, sondern danach, ob sie edelgesinnte Menschen sind.
Wir bringen dieses Originalzitat deshalb, weil wir im weiteren den Weg
seines Inhaltes über den deutschen Historiker Droysen und über den
"Rasseforscher" Schemann bis hin zu Mathilde Ludendorff weiter verfolgen
wollen.
Droysen - um 1843
Der deutsche Historiker Johann
Gustav Droysen hat seine "Geschichte des Hellenismus" erstmals 1843
heraus gebracht. In dieser schreibt er über das Griechenland zur Zeit
des Todes von Alexander dem Großen (10, S. 17):
Wie weit von seinen Anfängen hinweg ist nun der hellenische "Staat", er ist sich selbst nicht mehr gleich. (...) Die Zeit, wo man nur Athener, Spartaner, Tarentiner, nur Bürger sein konnte, ist vorüber;
es ist die Sphäre des Privatlebens möglich geworden und die verwandelte
Stimmung findet in Epikurs Lehre ihren Ausdruck und Zusammenhalt. Ja
noch in umfassenderer Weise sinkt die alte Beschränktheit. Im Anfang war
die sprödeste Absonderung der kleinen und kleinsten Stadtgebiete; schon
der Bürger der Nachbarstadt war ein Fremder, war ein Feind, soweit
nicht besondere Verträge oder heilige Vereinigungen den Frieden
schützten; dann erwachte die Vorstellung des gemeinsamen Griechentums:
desto schärfer empfand man den Gegensatz gegen die Barbaren; noch
Aristoteles sagt: sie sind geboren Sklaven zu sein; er riet Alexander,
die Griechen als Feldherr, die Barbaren als Herr zu behandeln, für jene
als für Freunde und Verwandte zu sorgen, mit diesen wie mit Pflanzen und
Tieren zu verfahren. Auch dieser, der letzte naturbestimmte Gegensatz
mußte sinken. Alexander begann das große Werk; "Allen befahl er", sagt
ein alter Schriftsteller (Verweis auf Plutarch), "als ihre Vaterstadt
die Welt, als deren Akropolis das Lager, als Verwandte die Wackeren, als
Fremdlinge die Schlechten anzusehen." "Und die vielbewunderte Politik
Zenons, des Begründers der stoischen Schule", sagt derselbe Autor, "läßt
sich füglich in diese Hauptlehre zusammenziehen: daß wir nicht mehr
nach Städten und Gauen getrennt, jeder durch eigene Gerechtsame
gesondert wohnen, sondern alle Menschen für unsere Gaugenossen und
Mitbürger halten sollen und Ein Leben und Eine Ordnung sei wie in einer
vereint weidenden, auf allgemeinsamer Trift sich nährenden Herde."
Es
ist natürlich klar, daß die Ausführungen von Plutarch bei
"Rasseforschern" des 20. Jahrhunderts auf größten Widerwillen stoßen
mußten. Diese schöpften allerdings nicht aus den Originalquellen,
sondern gaben sich mit Sekundärliteratur zufrieden.
K. L. Schemann - 1930
Im
Jahr 1930 stützt sich der struppig behaarte Freiburger Professor und
Gobineau-Übersetzer Karl Ludwig Schemann (s. Abb. 5) in seinem damals
erschienenen Buch "Hauptepochen und Hauptvölker der Geschichte in ihrer
Stellung zur Rasse" (2) auf die eben zitierten Ausführungen von Droysen,
wenn er darin die Bedeutung der Lehre der Stoa für den Kosmpolitismus
im hellenistischen Zeitalter herauszuarbeiten versucht.
 |
Abb. 5: Karl Ludwig Schemann
|
Sehr
präzise allerdings hat er die Ausführungen von Droysen dabei nicht
gelesen. Vielmehr formuliert er die klaren Ausführungen von Droysen zu
Wirrwarr um und verdreht sie zu klaren Falschbehauptungen. Eine wilde
Vergröberung ist es schon, wenn er die weltbürgerliche Haltung der Stoa
als eine "Übergangserscheinung" in Richtung Christentum kennzeichnet (2;
Bd. 2, 1930, S. 144). Eine solche, so schreibt er, ...
... waren die letzten Ausläufer der griechischen
Philosophie, war insbesondere der Stoizismus.
Natürlich
hatten wir gesehen, daß auch Leopold von Ranke Jesus Christus in dieses
kosmopolitisch denkende Umfeld hinein setzt. Dennoch ist es völliger
Blödsinn, die Stoa als "letzte Ausläufer der griechischen Philosophie"
zu bezeichnen. Schemann schlägt dem Leser solche Behauptungen fast wie
zum Hohn um die Ohren. Das ist strotzender Unverstand. Und man muß sich
sagen: Offenbar war in den 1930er Jahren vieles an Dummheit
gerechtfertigt. Und es wurde noch nicht einmal als solches erkannt, wenn
es denn nur aus der - vermeintlich - "rechten" Gesinnung heraus verfaßt
worden war.
Wie kann Schemann denn überhaupt nach dieser
Behauptung den Schüler des Sokrates, Antisthenes, erwähnen, wo zuvor
noch von den "letzten Ausläufern der griechischen Philosophie" die Rede
war? Alles strotzender, blühender, undifferenzierter Unsinn. Die letzten
Ausläufer der griechischen Philosophie sind bekanntlich in der
Spätantike zu suchen, etwa bei dem oben erwähnten Marc Aurel, der im
übrigen als Kaiser von Rom in seinen Kriegen durch seine Taten zeigte,
daß dessen "weltbürgerliche Haltung" für ihn die Erwartung mit
einschloß, daß sich feindliche Völker, auch Barbaren, der "Pax Romana"
zu unterwerfen hätten. Damit wies auch dessen weltbürgerliche Haltung
einen viel zu klaren und eindeutigen ethnozentrischen Kern auf. Einen
ethnozentrischen Kern, der übrigens ebenso den Taten Alexanders des
Großen zugrunde lag, und der hierbei allzu leicht übergangen wird.
Auch
Alexander der Große erachtete andere Menschen nur insoweit als
"Weltbürger" als sie sich seiner politischen Macht nicht feindlich
entgegen stellten und als sie - zum Beispiel - bereit waren, das
Griechische als Amtssprache zu sprechen. Dann hat er sie gerne als
Weltbürger angesehen. Das sollte man durchaus im Hinterkopf behalten.
Der struppig behaarte Schemann schreibt dann ebenso fehlerhaft weiter
(2; Bd. 2, 1930, S. 144):
Schon der Begründer der
kynischen Schule, Antisthenes, schloß in seiner Lehre die Nationalität
sowohl in politischer wie in religiöser Beziehung aus und wollte nur
noch ethische Gesetze anerkennen. Sein Jünger Diogenes sprach auf die
Frage nach seiner Abstammung mit unter den ersten das denkwürdige Wort
aus, er sei ein Weltbürger. Aber erst die Stoiker haben diese Anschauung
methodisch ausgebildet und in ihr System aufgenommen. Plutarch konnte
die Lehre Zenons dahin zusammenziehen, "daß wir nicht mehr nach Städten
und Gauen getrennt, jeder durch eigene Gerechtsame gesondert wohnen,
sondern alle Menschen für unsere Gaugenossen und Mitbürger halten
sollten und ein Leben und eine Ordnung sei wie in einer vereint
weidenden, auf allgemeinsamer Trift sich nährenden Herde". Und dessen
gelehriger Schüler auf dem Throne des Welteroberers ließ darauf an alle
seine Völker das Gebot ergehen, "als ihre Vaterstadt die Welt, als deren
Akropolis das Lager, als Verwandte die Wackeren, als Fremdlinge die
Schlechten anzusehen".
Der hier genannte
"gelehrige Schüler auf dem Throne des Welteroberers" soll Alexander der
Große sein. Daß er es gewesen sei, könnte sich schon aus dem Zitat des
Plutarch aufdrängen, wenn man sich nicht die Lebensdaten des genannten
Zenon von Kition (333-261 v. Ztr.) klar machen würde. Aus diesen geht
hervor, daß Alexander der Große kein Schüler von Zenon gewesen sein
konnte. Eine weiteres, sehr schmähliches, äußerst ungenaues Lesen der
oben angeführten Ausführungen von Droysen (und/oder Plutarch) durch
Schemann, ein polternder Unsinn. Alexander der Große hat also das
genannte Gebot unabhängig von Zenon ergehen lassen, nicht: "darauf".
Höchstens könnte gesagt werden (und so war es von Plutarch gemeint), daß
"Philosophen des Wortes" wie Zenon "träumten", was "Philosophen der
Tat" wie Alexander umsetzten. Auch Plutarch scheint sich an dieser
Stelle nicht klar gemacht zu haben, daß das Aufwachsen des Zenon
innerhalb der hellenistischen Großreiche mit dazu beigetragen haben
wird, daß er eine solche Lehre überhaupt formuliert haben wird. Diese
Ungenauigkeiten des Herrn Schemann müssen empören, um so mehr, als diese
dann von seiner Mitstreiterin Mathilde Ludendorff völlig ungebremst und
ungeprüft übernommen werden.
Man kann nur den Kopf schütteln und
sich sagen, daß Mathilde Ludendorff weit unter ihrem sonstigen Niveau
bleibt, wenn sie sich in den angeführten Fragen ausgerechnet auf diese
sehr rüpelhaft anmutenden Ausführungen von Karl Ludwig Schemann bezieht,
und wenn sie aus diesen Ausführungen auch noch Schlußfolgerungen
ableitet, die viel weitreichender sind als das, was Schemann selbst mit
diesen hatte nahelegen wollen.
Aber machen wir uns vielleicht
auch eines klar: Seit dem Versailler Vertrag und der Ideologie, die
propagandistisch hinter ihm stand, galt das "weltbürgerliche Denken"
unter völkischen Denkern wie Schemann und Mathilde Ludendorff als durch
und durch kontaminiert. Sie konnten offenbar das weltbürgerliche Denken der
Antike nur noch durch die Brille ihrer eigenen Zeit sehen und konnten in Vertretern dieses Denkens dementsprechend nur minderwertige
Geistesgrößen sehen. Man sieht hier doch schon sehr deutlich, wie
Zeitgeist auf historische Urteilsfähigkeit abfärben kann.
/
Ergänzung 4.5.23: Man kann das Ganze vielleicht auch so einordnen: Die
in den 1920er Jahren innerhalb und außerhalb der völkischen Bewegung im
engeren Sinne schnell an Boden gewinnende "Rasseforschung" wurde als so
"modern" empfunden und ging zugleich mit einer subjektiv empfundenen
Sicherheit im historischen Urteil einher, die - wie wir deutlich genug
aus dem Nachhinein sehen - im Angesicht des vagen damaligen
Kenntnisstandes überhaupt keine Berechtigung hatte, die aber zugleich
die Früchte von mehr als hundert Jahren außerordentlich hochachtender,
geistiger Auseinandersetzung mit der antik-griechischen Kultur von
Winckelmann bis mindestens Nietzsche in elegantem großzügigem Schwung
außerordentlich leichtfertiger Nichtbeachtung anheim fallen ließ. Es ist
wirklich mehr als unschön, das zu beobachten. Man möchte es geradezu -
in den Worten der Zeit um 1933 - als "Kulturschande", "Kulturverlust"
ersten Grades bezeichnen. /
Insgesamt hätte doch zu den
behandelten Fragen, so scheint uns, schon damals ein viel breiterer
Ansatz gewählt werden können und darum müssen, als er sowohl von
Schemann wie dann - noch verstärkt - von Mathilde Ludendorff gewählt
worden ist zur Erklärung dafür, daß es heute keine antiken Griechen mehr
gibt. Die griechischen Stadtstaaten haben sich in einem mörderischen
Peloponnesischen Krieg gegenseitig zu Tode gerungen. Eine Stadt gegen
die andere. Daß unter diesen Umständen sich Griechen Gedanken gemacht
haben darüber, ob dieser ausgeprägte Stadt-Patriotismus hilfreich ist
für das Überleben der freien griechischen Kultur, ist mehr als nur
nachvollziehbar. Eher wundert man sich, daß dieses Nachdenken erst so
spät eingesetzt hat. Man erkannte viel zu spät die Gefahr, die durch die
Makedonen im Norden drohte, so sehr waren die Griechen mit sich selbst
beschäftigt (übrigens auch noch hundert Jahre später als die Römer die
Vorherrschaft in der Ägäis gewannen). Alexander der Große war dann der
"große Jäger" (Hölderlin), der nicht nur der griechischen Freiheit den
Garaus gemacht hat, sondern der die griechische Kultur insgesamt -
langfristig gesehen - zu Tode gehetzt hat.
Betont sei: Sowohl der
Philosoph Sokrates wie der Philosoph Antisthenes sind für ihren
Stadtstaat Athen als einfache Hopliten in den Krieg gezogen. In
ihren Taten spiegelt sich also kein Weltbürgertum, ebenso wenig
wie in den Taten der späteren, angeblich weltbürgerlichen Anhänger der
Stoa. Antisthenes hat in der Schlacht von Tangara im Jahr 426 v. Ztr.,
die siegreich für die Athener ausging, mit Auszeichnung gekämpft. Als
Kosmopolit, ja, sogar als weitblickender Hellene hätte er sich jeder
Kampfhandlung zwischen zwei griechischen Stadtstaaten anstatt dessen
vielmehr bewußt entziehen müssen, so gut er konnte, um des
"Vaterländischen" willen, um der Einigkeit der Griechen untereinander
willen. So möchte man aus dem Nachhinein sagen.
Mathilde Ludendorff - 1933
Schemann
und Mathilde Ludendorff liefern aufgrund der Zeitbedingtheit ihres
Denkens in diesen Fragen Wirrwarr zu der Frage, woran die
antik-griechische Kultur zugrunde gegangen sei. Mathilde Ludendorff
behandelt nämlich im letzten Teil ihres Buches "Die Volksseele und ihre
Machtgestalter" in ganz enger Anlehnung an Karl Ludwig Schemann die
antik-griechische Philosophen-Schule der Stoa ebenfalls als eine Art
Vorläufer-Lehre
des Christentums (4, S. 456):
... Die Stoa. (...)
Antisthenes hatte den ersten Ruck aus der festen völkischen Verankerung
veranlaßt durch seine verhängnisvolle Lehre, die er in der Kynischen
Schule predigte. Er wollte weder politisch noch religiös eine
Nationalität anerkennen; da die meisten Völker Nationalgottheiten
verehrten, so bedeutete das nichts geringeres als die Verführung zur
Zerstörung der Einheit von Blut und Glaube. (...) Nur moralische
Gesetze, gleich gestaltet für alle Völker, sollten noch bestehen.
Das
ist - wie gesagt - Wirrwarr. An diesen Ausführungen ist so gut wie
alles "schief und krumm". Hatte denn vor Antisthenes eine "feste
völkische Verankerung" bestanden bei den antiken Griechen so wie noch zu
der Zeit der Perserkriege? Gerade diese "völkische Verankerung" fehlt
doch dem Beurteiler des historischen Geschehens. Wäre sie gegeben
gewesen, hätten sich die antiken Griechen doch nicht so fürchterlich
gegenseitig zerfleischt wie sie es Jahrzehnte lang getan haben.
Überhaupt
möchte man meinen, daß eine so "abendländisch-nüchtern" aufgefaßte
unterstellte "feste völkische Verankerung" einer Kultur wie jener der
feurigen antiken Griechen gar nicht recht gerecht werden will. Wir sehen
im übrigen eine solche auch nicht bei den germanischen Stämmen der
Völkerwanderungszeit. Die Archäogenetik belehrt uns, daß in der Regel
schon die erste Generation der Zuwanderer sich südlich des Limes mit der
dort einheimischen Bevölkerung vermischt hat. Aus dieser Vermischung
entstanden die Bayern, die Schwaben, die Lombarden, die Franken und so
weiter, entstanden also "wir", wir Deutschen. Wie will man also auch dort von einer "festen völkischen
Verankerung" sprechen? Sie war dort eben so wenig gegeben wie bei den
antiken Griechen - mit oder ohne Stoa!
Aristophanes - "Der Friede" (421 v. Ztr.)
In einer Komödie wie "Der Friede" von Aristophanes aus dem Jahr 421 v. Ztr. (Wiki)
wird doch deutlich, wie die Griechen innerlich gerungen haben damit,
die Kriegslüsternheit der Polei gegeneinander endlich zu überwinden.
Deutlich genug geht aus ihr hervor, daß sie sich bewußt waren, daß diese
von großem Schaden ist. Deutlich genug geht andererseits hervor, daß es
nicht gelang, diese Kriegslüsternheit zu überwinden. In der Komödie
wird Lamachos, der damalige kriegslustige Feldherr Athens erwähnt, der
Feind des Friedens (Gutenb):
Auf, Gesamthellenen, laßt uns helfen jetzt, wenn irgend sonst;
Abgetan sei jede Fehde, fern des Krieges blut'ger Tanz!
Denn die Sonne leuchtet heute feindlich auch für Lamachos.
Was dazu von uns gescheh'n muß, sage du, werkmeist're du:
Denn die Hände ruh'n zu lassen, ist mir heut unmöglich, traun,
Bis der Himmel höchste Göttin und die rebenfreundlichste
Wir mit Hebeln und Maschinen an das Licht heraufgebracht.
Nämlich die Friedensgöttin. Und diese wird dann angefleht (Gutenb):
Nein, zeige dich ganz in voller Gestalt,
Wie's Edlen geziemt, uns Liebenden hier,
Die dreizehn Jahre bereits um dich
Das Verlangen verzehrt!
O löse den Kampf und der Schlachten Gedröhn,
Und du sollst Kampflöserin heißen!
Auch halte von uns die Verdächtigung fern,
Die mit glattem Geschwätz
Im Geheimen den Mann reizt wider den Mann;
Und vereine das Volk der Hellenen so fest
Mit der Freundschaft Kitt, wie's anfangs war,
Und versöhnlicher Sinn und mildes Verzeih'n
Durchströme das Herz, daß reich sich der Markt
Anfülle mit Gut, mit Knoblauch, groß,
Frühgurken, Granaten und Äpfeln, zugleich
Mit Mäntelchen, klein, für der Knechte Bedarf!
Von Böotien her laß Tauben für uns,
Zaunschlüpfer und Gäns' und Enten herein,
Auch Körbe mit Aal vom kopaischen See,
Um die wir gedrängt laut markten und schrei'n. (...)
Dies Hochgelobte, dies gewähr' auf unser Flehn!
Wir
können jedenfalls nicht sehen wie eine im besten Fall
individualistische Lebensphilosophie eines Antisthenes (die im übrigen
so besonders gut gar nicht belegt ist), daß ausgerechnet und
insbesondere diese eine "feste völkische Verankerung" bei den Hellenen
gelöst haben sollte. Eine solche Deutung entspringt Wirrwarr und schafft
Wirrwarr. Die inneren Lebensgesetze der antik-griechischen Kultur
scheinen uns doch in ganz anderen Sphären angesiedelt und verankert zu
sein, als daß man ihnen mit solchen Ausführungen wie sie Mathilde
Ludendorff hier tätigt, auch nur ansatzweise gerecht werden
könne. Uns scheint hier doch die Rolle eines Antisthenes viel zu sehr
überbewertet zu sein im Angesicht großer, verheerender politischer
Entwicklungen im antiken Griechenland während des Peloponnesischen
Krieges. Mathilde Ludendorff schreibt dann weiter, ebenfalls in enger
Anlehnung an Schemann (4, S. 456):
Sein Jünger
Diogenes ging denn auch einen gewaltigen Schritt weiter. Er wollte
nichts wissen von völkischer Absonderung und beantwortete die Frage nach
seiner Abstammung mit der Antwort, daß er ein Weltbürger sei.
Nun
gut, es war eben jener "Diogenes in der Tonne", der von seinen
Mitmenschen oft belächelt wurde. Ausgerechnet er oder Seinesgleichen
sollten fähig gewesen sein, eine feste völkische Verankerung innerhalb
des Volkes der Griechen zu untergraben? Wo doch sogar die Rolle eines
Aristoteles als Lehrer Alexanders des Großen kaum festgelegt werden kann
dahingehend, ob seine Lehren irgendeinen Einfluß auf Alexander hatten.
Wer hätte denn im antiken Griechenland auf Philosophen gehört, wenn es
um tagesaktuelle Taten ging? Darüber beklagen sich doch die Philosophen
immer wieder - in der Antike wie in der Neuzeit - daß die politisch
Mächtigen eben nicht die Philosophen zu Rate ziehen. Sie konnten also -
umgekehrt - auch kein Unheil stiften, wie hier voraus gesetzt wird.
Sokrates
mußte den Schirlingsbecher trinken, weil man ihm unterstellte, die
Jugend zu Gottlosigkeit zu verführen. Was unberechtigterweise geschah.
Die Gottlosigkeit also fürchteten die antiken Griechen. Aber sie
befürchteten doch nicht mangelnden Stadt-Patriotismus.
/ 18.4.2026 - Im übrigen könnte der leise Verdacht aufkommen, daß hier philosophischen Lehren ähnliche gesellschaftspolitische "Wirkungen" zugesprochen wird wie den großen "Ideologien" des 19. und 20. Jahrhunderts oder auch wie bewußt "installierten" Religionen wie dem Judentum und Christentum. - Könnte an solchen Beispielen nicht noch einmal schärfer heraus gearbeitet werden, was Ideologien und bewußt installierte Religionen von philosophischen Lehren (und natürlich gewachsenen Religionen) unterscheidet? In einem ersten Zugriff könnte man sagen: Bei "Ideologien" und bewußt installierten Religionen steht nicht das "reine" Erkenntnisinteresse selbst, sondern stehen bestimmte gesellschaftspolitische Absichten im Vordergrund. Bei philosophischen Lehren ist es umgekehrt. Schemannn und Mathilde Ludendorff behandeln jedoch philosophische Lehren als wären sie Ideologien oder bewußt installierte Religionen. /
Wüster, polternder Wirrwarr - Mathilde Ludendorff verwechselt den Philosophen Zenon mit Woodrow Wilson
Uns
bleibt deshalb nichts anderes übrig als uns zu freuen an der Antwort
des Diogenes, die er Alexander dem Großen gegeben haben soll als dieser
ihn fragte, was er für ihn tun könne: "Geh mir aus der Sonne." Das ist der rechte Männerstolz vor dem Königsthron eines Welteroberers. Und das auch noch
aus einer Tonne heraus. Es ist uns bewußt, daß wir mit all diesen
unseren Ausführungen den Wirrwarr von Schemann und Mathilde Ludendorff
bezüglich dieser Fragen immer noch nicht genug aus den Angeln gehoben
und gekennzeichnet haben. Dieser Beitrag ist diesbezüglich deshalb nur
als ein erster Zugriff zu bewerten. Die Verhöhnung gesunden
geschichtlichen Denkens, die uns hier Schemann und Mathilde Ludendorff
zumuten, ist auch mit diesem Beitrag noch nicht ausreichend
gekennzeichnet.
Mathilde Ludendorff schreibt weiter - wieder in enger
Anlehnung an Schemann (4, S. 456):
Der Phönizier
Zenon baute sie (die Stoa) zu einem System der Zerstörung der
Stammeseigenart weiter aus und gründete eine Schule für diese verheerend
wirkende Lehre.
Ja, das ist reiner Unfug. Die
Stammeseigenart der Griechen - oder der Phönizier - wäre durch die Lehre
der Stoa zerstört worden? Wir können absolut nicht folgen. Hier liegen
völlige Fehlbewertungen vor. Kein Philosoph und keine philosophische
Richtung hatten in der Antike eine solche Macht oder einen solchen
politischen Einfluß, daß sie das auch nur ansatzweise gekonnt hätten.
Und selbst wenn sie es gekonnt hätten, wäre die Wirkung nicht die hier
unterstellte gewesen. Mathilde Ludendorff verwechselt hier Zenon mit
Woodrow Wilson oder ähnlichen Gestalten. Und das ist ganz grober Unfug.
Sie schreibt dann weiter in diesem Wirrwarr, wobei ihr dann doch eine
Ahnung gekommen zu sein scheint, daß ein wenig mehr Differenzierung
notwendig sein könnte (4, S. 456):
Unendel ist
freilich auch die Stoa nicht zu nennen, aber unendlich dürftig, arm an
gottlebendigem Gehalt. In der Stoa haben wir ein Erzeugnis
menschenfreundlicher, edler Gesinnung, gepaart mit völlig verkümmertem
Erleben der Volksseele und ebenso verkümmerten Gotterleben zu sehen.
Wie
stechen diese Sätze doch so deutlich ab von der vornehmen Behandlung,
die Leopold von Ranke der geschichtlichen Bedeutung der Stoa angedeihen
läßt (siehe Ergänzung ganz unten). Was für Sätze! Wie ganz und gar
unmöglich geschrieben und geurteilt.
Man muß doch nur zwei Seiten - etwa im dtv-Atlas Philosophie - über die Stoa
lesen, um zu erkennen, daß diese unsäglich kruden Benennungen
ausgerechnet der Stoa als Ursache für den Untergang der antiken
griechischen Kultur der reinste absurde Spuk und Wirrwarr sind. Man ist
entsetzt, auf solche Beurteilungen zu stoßen innerhalb des Schaffens
einer Autorin, deren Urteilsfähigkeit man sonst über sehr weite Strecken
ihres geistigen Schaffens keineswegs besonders grundlegend infrage
stellen möchte.
Der dtv-Atlas macht sogar - im Gegenteil - vielmehr sehr schnell klar,
daß die Philosophie der Stoa als Gesamterscheinung vielen Grundaussagen
der Philosophie Mathilde Ludendorffs unglaublich nahe steht. Mathilde
Ludendorff kann sich gar nicht mit der Stoa beschäftigt haben, wenn sie
solche Aussagen trifft. Solche Worte zeugen aber vielmehr zusätzlich von
einem völligen Unverständnis der antik-griechischen Kultur als einer
Gesamterscheinung, zeugen von einem Unverständnis für die Rolle, die in
dieser einzelne philosophische Strömungen spielten und nicht spielten.
Es ist hier völlig unmöglich, auch nur ansatzweise zu folgen.
Die
antik-griechischen Menschen waren bis zum Ende der antik-griechischen
Kultur fest in derselben verwurzelt. Sie haben ihre Kultur gelebt, ganz
egal, welcher philosophischen Richtung sie angehörten. Sie hatten ein
lebendiges, sprudelndes Gotterleben. Sie waren kulturschöpferisch. Man
schaue sich um in Pompeji. So viel Schönheit auf so engem Raum. Das hat
es nie wieder in der Weltgeschichte gegeben. Und "Pompeji" war überall,
war über den gesamten Mittelmeerraum verbreitet. Diese Menschen hatten
auch ein lebendiges Erleben der Volksseele, nur daß diese Volksseele
eben nun - nach der Untergang der Poliswelt - die kulturelle Einheit
aller Hellenen und hellenisch Gesinnten war. Im Angesicht der Gefahr
durch das Christentum bäumte sich diese Volksseele ein letztes mal auf -
verkörpert in Kaiser Julian dem Abrünnigen (siehe Ergänzung ganz
unten).
Wie
mag es sich Mathilde Ludendorff überhaupt vorgestellt haben, daß edle
Gesinnung mit verkümmertem Gotterleben verbunden gewesen sein sollte?
Wir können an dieser Stelle überhaupt nicht folgen. Diese Worte sind für
uns ein Widerspruch in sich. Im weiteren lesen wir bei ihr, daß der
"der junge Welteroberer Alexander" "Anhänger der Stoa" gewesen wäre.
Ohne die Ausführungen von Schemann mit Hilfe des Brockhaus zu
überprüfen, übernimmt sie hier seinen oben schon gekennzeichneten
Irrtum! Zur Zeit Alexander's gab es keine Stoa. Im folgenden wäre also
richtiger eher zu lesen "Soweit die Anhänger des Kosmopolitismus". In
diesem Sinne nun die weiteren Ausführungen Mathilde Ludendorffs (4, S.
458):
Soweit die Anhänger der Stoa, wie z.B.
der junge Welteroberer Alexander, nordischen Blutes waren, befriedigte
sie die rein verneinende Einstellung der völkischen Eigenart gegenüber
nicht, vor allem sagte die wahllose Allerweltsliebe ihnen nicht voll zu.
So hören wir denn schon bei
Alexander, daß er in der Menschenliebe einen Unterschied zwischen den
Menschen machen möchte. Das sittlich Hochstehende sollte sittlich
näherstehen als das Verworfene, und er ließ an alle seine Völker das
Gebot ergehen:
"Als ihre Vaterstadt die Welt, als Akropolis das Lager, als Verwandte alle Wackeren, als Fremde alle Schlechten"
anzusehen.
Mit
diesem Satz ist zum ersten mal ein Fünkchen von dem herrlichen,
weltbewegenden Geist Alexanders des Großen erfaßt. Ein Fünkchen. Dieser
Satz ist wie eine Insel im Wirrwarr der ihn umgebenden Ausführungen.
Hier und nur hier sind wir bei Griechenland. Ganz bei Griechenland. Dies
ist Griechenland in der Ausformung, in der es so weitreichende
kulturgeschichtliche Wirkung entfaltete.
Deshalb auch sind diese
Ausführungen rot hervorhoben. Das hier enthaltene Zitat Alexanders des
Großen hat Schemann aus Droysen's "Geschichte des Hellenismus" entnommen
(10, S. 17) und Droysen hat es den Ausführungen von Plutarch entnommen
(11).
Wir brechen an dieser Stelle zunächst einmal ab.
Die
Ausführungen dieses Blogbeitrages möchten als ein "Arbeitspapier"
verstanden sein, das darum bemüht ist, "Zeitbedingtes" von weiterhin
gültigen Erkenntnissen innerhalb des genannten Buches zu scheiden. Als
"Work in Progress". Das kann sicherlich noch besser gemacht werden als
das bisher in diesen Ausführungen geschehen ist und wir werden den
vorliegenden Text nach und nach überarbeiten, ergänzen und verbessern.
Der Hellenismus als das vornehmste Bollwerk gegen das Christentum
Ergänzung
4.5.23: Zu einer differenzierten Beurteilung der geschichtlichen Rolle
der Stoa mag man auch Ausführungen von Leopold von Ranke heranziehen,
die in dem Kapitel "Der Hellenismus und der Ideenkreis Julians" seines
1. Bandes "Weltgeschichte" enthalten sind. Er behandelt hier den
"Hellenismus" des Zeitalters des Kaisers Julian als letztes "Bollwerk"
gegen das Christentum. Es handelt sich erneut um hinreißende
Ausführungen. Ranke schreibt:
Bei den lateinischen
Autoren, die aus dieser Zeit stammen, namentlich den Lobrednern der
Kaiser, walten die Ideen des republikanischen und imperialistischen Rom
vor. Und noch umfassender war der Widerstand des mit der allgemeinen
Kultur verschmolzenen Hellenismus. Überall wurden die Klassiker gelesen,
es gab eine Anzahl von Institutionen, in denen sich der alte
gräko-romanische Geist repräsentierte.
Also: Noch
zu dieser Zeit war die antik-griechische Kultur lebendig, sprudelte
geradezu vor Leben. Und zwar immer noch fast in ihrer schönsten Form,
denn sie hatte hundert Jahre zuvor noch den Philosophen Plotin (205-270) (Wiki) hervor gebracht, den Ranke
dann ausführlich und hinreißend behandelt. Aber zunächst einmal weiter
im Text:
Das vornehmste Bollwerk des
Hellenismus bildeten die Rhetorenschulen, welche sich über das ganze
Reich ausbreiteten. (...) Aus diesen Schulen nun war damals ein neues
philosophisches System hervorgegangen, das dem Christentum entgegentrat
und gar bald auch zu einer politischen Macht erwuchs. Anknüpfend an die
alte Philosophie, suchte es den veränderten Bedürfnissen und Gesinnungen
der Zeit gerecht zu werden. Wir dürfen nicht versäumen, ihm ein Wort
der Erörterung zu widmen.
Auf der von Platon und Aristoteles
gelegten Grundlage waren in Griechenland in einem Moment bürgerlicher
Unruhen andere Schulen entstanden, welche systematisch entwickelt nach
Rom vordrangen und hier jahrhundertelang die Geister anregten und
beschäftigten; die Stoa behielt die Oberhand.
Die Lehrmeinungen der Stoiker aber waren nicht rein theoretischer Art
(...). Die öffentlichen Angelegenheiten konnten ihrer nicht entbehren,
ebensowenig wie die Stoiker des Verhältnisses zu demselben. Zuerst die
Opposition gegen das Kaisertum, dann aber auch das Kaisertum selbst beruhten auf philosophischen Überzeugungen, die sich auf eine oder die andere Weise mit dem Götterglauben ausglichen; sie haben die innere Tatkraft genährt und gehoben.
Damit war es aber nun im Laufe des dritten Jahrhunderts zu Ende
gegangen. (....) Das gesamte öffentliche Leben wurde tumultarisch,
verwirrt, unsicher. Für eine auf philosophischen Überzeugungen beruhende
Teilnahme an demselben gab es keinen Platz mehr. Eine Schule entstand,
deren Prinzip es war, davon völlig zu abstrahieren.
Hiermit
ist also gesagt, daß die philosophischen Überzeugungen, die man aus der
Stoa abgeleitet hat, die "innere Tatkraft genährt und gehoben" hat und
somit zur Aufrechterhaltung und Verteidigung der freien,
heidnisch-antiken Geistes- und Lebenswelt, nach außen verteidigt durch
das Römische Weltreich, beigetragen hat. Auch Ranke also beurteilt die
Stoa nicht als eine Geistesrichtung, die zur Untergrabung und zum
Untergang der antiken Kulturen beigetragen hätte - im Gegenteil. Und im
Anschluß an diese "einleitenden" Ausführungen behandelt Ranke dann in
diesem Kapitel als zentrale Gestalten den Philosophen Plotinus (205-270
n. Ztr.) und den Kaiser Julian den Abrünnigen (331-363 n. Ztr.), der von
den philosophischen Gedanken Plotins erfüllt gewesen ist:
Aus
dem Leben des Plotinus (...) nimmt man mit Erstaunen ab, wie
mannigfaltig über alle Bezirke des östlichen Reiches hin der Verkehr
war, in welchem die Gelehrten, besonders die Philosophen, miteinander
standen.
Also immer noch: höchste kulturelle und
geistige Lebendigkeit in der antiken griechischsprachigen Welt. Und zwei
Seiten weiter schreibt Ranke:
So geschah es, daß die ganze Macht der alten Bildung sich dem Christentum entgegensetzte und eine starke Partei gründete. (...) Seinen Homer hatte Julian später unaufhörlich auf der Zunge.
Möchte man nicht Julian sein, der Abtrünnige,
wenn man ihn als so machtvoll dargestellt findet bei einem
Leopold von Ranke? Wenn man denn schon in diesem Zeitalter hätte leben
sollen!? Auch uns scheint es noch heute so, als ob Widerstand gegen die
völkerzerstörenden Tendenzen des assyrischen Geistes nur möglich ist,
wenn man "seinen Homer unaufhörlich auf der Zunge" hätte .... Was sonst?
So wie Goethe, Schiller und Hölderlin und all die anderen Kulturheroen
der Deutschen und des Abendlandes, zu denen wir aufblicken als die
Retter des Vaterlandes in kultureller Hinsicht.
Ergänzung 13.5.23: Die Geschichte der Hellenistischen Skulptur (Wiki)
zeigt ebenso wie lebendig, kraftvoll und künstlerisch fruchtbar die
griechische Kultur noch im 2. Jahrhundert v. Ztr. gewesen ist. Eine
große Fülle bedeutendster Kunstwerke sind uns aus dieser Zeit
überliefert, aus der wir für diesen Beitrag einige wenige ausgewählt
haben. (Abb. 1 bis 4).
Ergänzung 28.10.25: Wir lesen etwa auch über das kulturelle Leben in der griechisch-römischen Welt (Wiki/fr):
Die Gebiete des römischen Ostens mit griechischer Kultur bewahrten ein sehr dynamisches intellektuelles Leben, das durch die römische Herrschaft unberührt blieb, da die Römer im Allgemeinen den herausragenden Charakter der griechischsprachigen Kultur anerkannten. Im Allgemeinen weist die Kultur dieser Periode viele Elemente der Kontinuität mit der vorhergehenden Phase auf. (...) Die griechischsprachige Literaturproduktion der Römerzeit ist durch ihre große Vielfalt und Produktivität gekennzeichnet. Die Autoren schufen oft anspruchsvolle Werke mit vielen Bänden. (...) Auf dem Gebiet der Philosophie ist diese Periode insbesondere durch die Werke von Epiktet geprägt, der ursprünglich aus Hierapolis in Phrygien stammte und hauptsächlich in Nikopolis in Epirus lehrte. Er war eine bedeutende Figur des Stoizismus und beeinflußte den Kaiser-Philosophen Marcus Aurelius. Diese Strömung erfreut sich, wie ihr Rivale, der Epikureismus, unter den Gelehrten der griechisch-römischen Welt großer Beliebtheit. Der Polygraph Plutarch (46–120), gebürtig aus Chaironeia in Böotien, der in Athen Mathematik und Philosophie studierte und in Delphi als Priester diente, schuf ein beeindruckendes und vielfältiges Werk, von dem die Parallelbiographien, eine wichtige Quelle über das Leben der großen Persönlichkeiten der griechischen und römischen Geschichte, sowie verschiedene Werke zu literarischen, moralischen, praktischen und persönlichen Themen die berühmtesten sind. (...) Zumindest in bestimmten kulturellen Aspekten haben wir es mit einem „griechisch-römischen Reich“ zu tun, einer Formel, die von P. Veyne vorgeschlagen wurde, für den „Rom ein Volk ist, dessen Kultur die eines anderen Volkes war, nämlich Hellas “.
/ Ergänzungen
entsprechend
der Lit.angaben
10 und 11:
19.7.23 /
_________________
*) Schemann hatte schon seit 1919 in Verbindung mit Erich
Ludendorff gestanden (
StgrNat2019).
**)
Hat denn Sokrates in der Antike nur um der Seelenruhe willen, mit der
er den Schierlingsbecher trank, so viel Bewunderung genossen? Nein,
unter anderem auch deshalb, weil der schöne Alkibiades eine ganze Nacht
lang das Bett mit ihm geteilt hat, ohne daß Sokrates sich von ihm hat
verführen lassen. Man kann doch diese Seite der antik-griechischen
Kultur nicht einfach in Bausch und Bogen übergehen oder einfach nur als
"Verfallserscheinungen" deuten. - Und auch hier wieder war Hölderlin
fähig, eine angemessene Deutung des Geschehens zu geben (
Wiki). Eine Deutung, die der Gesamtheit der antik-griechischen Kultur in vollem Maße gerecht wird.
***)
"Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Saeculum, wenn ich in meinem
Plutarch lese von großen Menschen!" (Schiller, Die Räuber, 1781, 1. Akt,
2. Szene) (
Zeno)
_______
- Ranke, Leopold: Die römischen Päpste. Bd. 1. Berlin 1834 (Textarchiv)
- Schemann, Ludwig: Hauptepochen und Hauptvölker der Geschichte in ihrer
Stellung zur Rasse. Zweiter Teil von: Die Rasse in den
Geisteswissenchaften. Studien zur Geschichte des Rassegedankens. J. F.
Lehmann's Verlag, München 1930 (GB)
- Ludendorff, Mathilde: Erlösung von Jesu Christo. Ludendorffs Verlag, München 1931 (GB)
- Ludendorff, Mathilde: Die Volksseele und ihre Machtgestalter. Eine
Philosophie der Geschichte. Erstauflage 1933 (GB); Verlag Hohe Warte, Pähl
1955 (Archive)
- Ludendorff,
Mathilde: Das Gottlied der Völker. Eine Philosophie der Kultur.
Ludendorffs Verlag, München 1935; Verlag Hohe Warte, Pähl 2007 (Archive)
- Dahn, Felix: Die Bataver. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 69 n. Chr.). 1876 (GB); 1890
- Yonatan
Adler: The Origins of Judaism. An Archaeological-Historical Reappraisal
(The Anchor Yale Bible Reference Library) Yale University Press, 15.
November 2022 (Amz, GB)
- Holm,
Adolf: Griechische Geschichte von ihrem Ursprunge bis zum Untergange
der Selbstständigkeit des griechischen Volkes. Berlin Bd. 1, 1886; Bd.
2, 1889; Bd. 3, 1891; Bd. 4, 1894
- Holm, Adolf: Die Griechen.
In: Adolf Holm, Wilhelm Deecke, Wilhelm Soltau: Kulturgeschichte des
klassischen Altertums. Friesenhahn, Leipzig 1897, S. 1-160 (GB)
- Droysen,
Johann Gustav: Geschichte des Hellenismus. Geschichte der Epigonen. 1.
Halbband. Friedrich Andreas Perthes, Gotha 1877 (2. Auflage) (GB)
- Plutarchs
moralische Abhandlungen. Übers. von Johann Friedrich Salomon
Kaltwasser. 9 Bände. Johann Christian Hermann, Frankfurt am Main
1783-1800, Band 3, 1786 (GB)
- Ranke,
Leopold von: Weltgeschichte. Die Geschichte der abendländischen Welt
von den ältesten historischen Völkergruppen bis zu den Zeiten des
Übergangs zur modernen Welt. Band 1: Von den ältesten historischen
Völkergruppen bis zur Emanzipation der germanischen Völker. Emil Vollmer
Verlag - Phaidon Verlag, Esssen o.J.