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Freitag, 14. Januar 2022

Lauter Sternenkinder ....

... und Sternenkinderstuben 
In der nächsten "Nachbarschaft" der Sonne

Soeben ist eine neue Studie in "Nature" erschienen: "Die Sternentstehung nahe der Sonne wird angetrieben durch die Ausdehnung der Lokalen Blase" (1-5). Was für ein Titel. Mit beiden Themen, nämlich erstens Sternenentstehung und zweitens Lokale Blase hatten wir uns hier auf dem Blog vor genau zwei Jahren schon beschäftigt. Aber jetzt werden beide Themen in einem kurzen Titel miteinander verknüpft. Unglaublich spannend. Wir zitieren hier zunächst nur die Kurzzusammenfassung im Inhaltsverzeichnis der Zeitschriften-Ausgabe (1):

Dreidimensionale Analysen der Nachbarschaft der Sonne zeigen, daß nahezu alle Sternentstehungsgebiete, die sich in der Nähe der Sonne finden, auf der Oberfläche der Lokalen Blase liegen, die zur Ausdehnung gebracht wurde durch Supernovae vor 14 Millionen Jahren."
Three-dimensional analysis of the solar neighbourhood shows that nearly all star-forming regions near the Sun lie on the surface of the Local Bubble, which was inflated by supernovae about 14 million years ago."

Hier ist zunächst wichtig, mit was für einer außergewöhnlich kurzen Zeitspanne wir es zu tun haben: 14 Millionen Jahre. Damit kommen wir in die Zeitspanne, in der sich die Menschenaffen von den anderen Affenarten getrennt haben. Das ist aus Sicht der Evolution eine doch vergleichsweise kurze Zeitspanne. Aus Sicht der Kosmologie sowieso.

Es sei zunächst auch noch eine kurze Rückschau eingeschoben: Vor genau zwei Jahren haben wir uns hier auf dem Blog zum ersten mal mit all den neuen Erkenntnissen der letzten Jahrzehnte über Sternentstehungsgebiete in diesem Weltall beschäftigt. Zu all den offenen Fragen rund um die Geschichte unserer Lokalen Blase erwarteten wir in diesem weitere, künftige Klärungen (4). Und genau diese erwartete Klärung ist zu nicht geringen Teilen jetzt da.

In der ansonsten üblichen Zusammenfassung der Studie heißt es (1):

Nahezu alle Sternentstehungsgebiete in der Nähe der Sonne liegen auf der Oberfläche der Lokalen Blase und ihre jungen Sterne zeigen eine Bewegung, die vornehmlich senkrecht gerichtet ist zu der Oberfläche der Blase.
We find that nearly all of the star-forming complexes in the solar vicinity lie on the surface of the Local Bubble and that their young stars show outward expansion mainly perpendicular to the bubble’s surface.

Nächster Satz (1):

Indem von der Bewegungsrichtung dieser jungen Sterne zurück extrapoliert wird, erhalten wir ein Bild, in dem der Ursprung der Lokalen Blase in einer Häufung von Sternengeburten bestand, gefolgt von Sternentoden (Supernovae), die sich nahe des Zentrums der Blase ereigneten, und die vor etwa 14 Millionen Jahren begannen.
Tracebacks of these young stars’ motions support a picture in which the origin of the Local Bubble was a burst of stellar birth and then death (supernovae) taking place near the bubble’s centre beginning approximately 14 Myr ago.

Von 15 Supernova-Explosionen im Zentrum der Blase vor 14 Millionen Jahren geht die Studie aus (2).

Es handelt sich also um ein Geschehen, dessen Überbleibsel sich in unserer unmittelbaren Nähe befinden. Nächster Satz (1):

Die Ausdehnung der Lokalen Blase, die  durch diese Supernovae bewirkt wurde, fegte die interstellare Materie an den äußeren Rand. Dieser hat sich inzwischen fragmentiert und ist kollabiert in die wichtigsten nahegelegenen Molekülwolken, was hinwiederum einen robusten Beobachtungsbeleg darstellt für die Theorie der Entstehung von Sternen, die durch Supernovae angetrieben wird.
The expansion of the Local Bubble created by the supernovae swept up the ambient interstellar medium into an extended shell that has now fragmented and collapsed into the most prominent nearby molecular clouds, in turn providing robust observational support for the theory of supernova-driven star formation.

Was für ein unerwartetes, unerhört komplexes Geschehen in der unmittelbaren Nähe von uns und unserer Sonne. Kein Menschenaffe hat etwas davon mitbekommen. Oder haben sie diese Supernovae vor 14 Millionen Jahren am Nachthimmel gesehen? Auf jeden Fall hat kein Menschenaffe, kein Affenmensch, kein Vormensch und kein Homo sapiens sapiens bis zum Jahr 2021, bzw. bis zum Anfang des Jahres 2022 etwas geahnt von einem solchen Geschehen. 

In unserer jetzigen unmittelbaren Nachbarschaft.

Die ersten Sternentstehungsgebiete dieses Weltalls hatten wir zunächst sehr, sehr weit draußen im Weltall beobachtet, in anderen Galaxien, womöglich auch in anderen Galaxienarmen, angefangen vor grob fünfzig Jahren (4). Aber jetzt wissen wir, daß wir - ganz in der Nähe von Orion, Beteigeuze und Siebengestirn, den für uns hellsten Sternen unseres Galaxienarmes, bzw. womöglich sogar unserer Lokalen Blase (4) - unsichtbar von wabernden Sternentstehungsgebieten umgeben sind, die uns noch viel näher liegen als die meisten Sterne der Milchstraße, die wir sonst am Himmel sehen. Sie liegten sowieso viel näher als die vielen anderen Sternentstehungsgebiete in anderen Galaxien wie etwa der Whirlpool-Galaxie, der Antennen-Galaxie und wie sie alle heißen (4). Nein, stattdessen: direkt vor unserer "Haustür" dasselbe Geschehen.

Mehrere Kinderstuben von Sternen. Und wir ahnten Millionen von Jahren nichts.

Erwähnt werden muß, was in dem folgenden, kurzen Video (3) wunderbar zur Darstellung kommt, daß sich unsere Sonne und ihre Planeten zum Zeitpunkt der Supernovae vor 14 Millionen Jahren ausreichend weit entfernt befunden hatten, so daß sie von diesen nicht betroffen gewesen waren. Es hätte ja auch sonst sehr schnell vorbei sein können mit unserer Fröhlichkeit der Sternenbeobachtungen, bzw. mit unseren Vorfahren vor 14 Millionen Jahren, deren Existenz unsere heutige Sternenbeobachtung ermöglichte. Nämlich wenn sich unser Sonnensystem schon damals dort befunden hätte, wo es sich jetzt befindet. Dorthin ist es erst im Laufe der letzten 14 Millionen Jahre hingewandert.

Aber war das für die Evolution hier auf der Erde nicht, na, sagen wir mal "ganz schön riskant", so durch unsere Heimatgalaxie und ihre Galaxien-Arme und Blasen zu driften, wobei die Wahrscheinlichkeit doch womöglich nicht ganz so gering sein wird, in die Nähe einer Supernova zu kommen, wenn unsere Sonne sich heute in einem Bereich befindet, an dem vor 14 Millionen Jahren Supernovae mit ihren Explosionen alles Leben auf den Planeten umgebender Sterne sofort ausgelöscht hätten? Wieviel Glück mußte die Sonne auf ihrem Weg durch die Milchstraße eigentlich haben in den letzten drei Milliarden Jahren (10 mal 10 mal wieviele Millionen Jahre ...), damit sich das Leben auf dieser Erde dennoch so "behütet" weiter entwickeln konnte wie bislang geschehen? Darüber werden wir in den nächsten Jahrzehnten sicherlich noch manches erfahren. Vielleicht auch über so manches "Nahtod-Ereignis" auf unserem Planeten, da eben doch eine Supernova vergleichsweise nah an uns herangekommen sein mag in dieser unserer von Sternentstehungsgebieten vibrierenden Heimatgalaxie.

Die Sonne hat jedenfalls bei ihrer Wanderung durch die Milchstraße jenen Ring von Molekülwolken am Außenrand unserer Lokalen Blase vor etwa 5 Millionen Jahren passiert (2, 3). Wir wundern uns nicht, daß niemand von unseren Vorfahren davon etwas mitbekommen hat. So ganz ohne astronomische Forschung blieben sie natürlich völlig ahnunglos. Diese Unglücklichen. Nur wir, wir dürfen - jetzt - davon erfahren. Ist das nicht ein unglaublicher Segen? Die Auswirkung einer unglaublichen "Wachheit" in diesem Universum, die an einem so außerordentlichen Ort wie der Erde sich kund tut nach so unendlich langer Zeit erst? Haben wir nicht allen Grund diese Wachheit zu zelebrieren, zu segnen, sie wie ein Heiligtum innerhalb dieses Universums zu pflegen? Geben "Fridays for Future" diesem Segen ausreichend Ausdruck? Sind "Fridays for Future" von einem religiösen Gehalt erfüllt, der angemessen wäre dem, was wir da erfahren - im Angesicht der Sterne? Was für ein Geschehen (2):

Sieben Sternentstehungsregionen identifizierte das Team auf der Oberfläche der Blase.

Und nun das Ganze noch in einem etwas detaillierteren Bericht

Und in einem Berich von Nadja Potbregar erfahren wir dankenswerter Weise noch weitere Details des neuen Kenntnisstandes (5):

Die beiden mit rund 20 Millionen Jahren ältesten Sternbildungsregionen unserer nahen Umgebung, Upper Centaurus Lupus und Upper Centaurus Crux, lagen einst im Zentrum der lokalen Blase. Damals jedoch bestand diese noch nicht. Dies änderte sich erst vor rund 14 Millionen Jahren, als erste massereiche Sterne dieser beiden Zonen explodierten.
Darauf folgte eine Kette von 14 bis 20 Supernovae, deren Strahlung, Schockwellen und nach außen rasenden Gase das interstellare Medium immer weiter nach außen schoben. Nach Schätzungen des Forschungsteams könnten dadurch insgesamt rund 1,4 Millionen Sonnenmassen an Staub und Gas aus der lokalen Blase verdrängt worden sein. 

1,4 Millionen Sonnen könnten also - theoretisch - aus der hier verdrängten Materie entstehen. Nur allein in unserer Lokalen Blase. Was für ein Geschehen. Und weiter (5):

Dies wiederum löste mehrere Phasen intensiver Sternbildung in den dadurch komprimierten Randzonen aus. Die 3D-Rekonstruktion zeigt, wann welche Sternenwiege entstand: „Nach der Geburt der lokalen Blase vor wahrscheinlich 14 Millionen Jahren sehen wir vier Epochen der Sternbildung auf der Oberfläche dieser sich ausdehnenden Blase“, berichten die Astronomen. Dabei entstanden vor rund zehn Millionen Jahren zuerst die Sterne in den Formationen Upper Scorpius und Ophiuchus.
Vor sechs Millionen Jahren folgte die Corona Australis und die älteren Sterne der Taurus-Wolke. Vor zwei Millionen Jahren begann dann die Sternbildung in Lupus und Chamäleon, sowie eine zweite Phase der Sternbildung in der Taurus-Wolke. In der Zeit seither entstanden dann die Molekülwolken, die in der heutigen Grenzzone der lokalen Blase liegen. „Zum ersten Mal können wir erklären, was die ganze nahe Sternbildung ausgelöst hat“, sagt Zucker. 

Wir wissen aus unserem früheren Blogartikel, daß sich für die meisten Sternentstehungen innerhalb dieses Weltalls Galaxien zuvor "küssen" müssen und Hochzeit miteinander halten müssen. Ob nicht auch die Sternentstehungen in unserer Lokalen Blase zur Voraussetzung hatten, daß es Liebestänze gab und gibt zwischen unserer Heimatgalaxie und jener kleinen Nachbargalaxie, mit der sich unsere inzwischen verschmolzen hat, diese Frage scheint in der Studie selbst noch nicht aufgeworfen worden zu sein - oder von Seiten der berichtenden Wissenschaftsjournalisten. Aber auch diesbezüglich sind wir natürlich auf Antworten gespannt.

// Dies ist der fünfte Beitrag in unserer 
Blogartikel-Serie "Wir sind Sternenstaub"
 Die anderen Beiträge:

_______

  1. Zucker, C., Goodman, A.A., Alves, J. et al. Star formation near the Sun is driven by expansion of the Local Bubble. Nature (2022), 12.1.2022, https://doi.org/10.1038/s41586-021-04286-5
  2. Rainer Kayser: Die Geschichte der Lokalen Blase, 12.01.2022, https://www.weltderphysik.de/gebiet/universum/news/2022/die-geschichte-der-lokalen-blase/
  3. A Bubbly Origin for Stars Around the Sun. Space Telescope Science Institute, 12.01.2022, https://youtu.be/HGZQ4SmDxcQ.
  4. Bading, Ingo: "Ähnlich den Kokon's der Insekten" - Sternentstehungstheorien und ihre empirische Überprüfung - Ein Blick in die Kinderstube von Sternen und Sternhaufen - 1994 ist er erstmals möglich geworden [Zweiter Beitrag aus unserer Blogartikel-Serie "Wir sind Sternenstaub"], 24. Dezember 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/12/ahnlich-den-kokons-der-insekten.html
  5. Podbregar, Nadja: 2022, https://www.scinexx.de/news/kosmos/sonnensystem-liegt-in-galaktischer-blase/ 

Freitag, 3. Dezember 2021

Planetensysteme - Der "Freak" sind wir und nicht die anderen

Die Rare Earth-Hypothese - Sie erhält neue Argumente

Über 500 Planetensysteme in unserer näheren Sternen-Nachbarschaft sind inzwischen erforscht worden (1, 2) (Abb. 1). Sie weisen eine große Vielfalt auf (2). Aber verglichen mit diesen hunderten von Planetensystemen, so schält sich gegenwärtig in der Forschung heraus, scheint unser Sonnensystem viel weniger regelhaft zu sein, viel weniger "Prototyp" zu sein, als man das bislang so ohne weitere Anhaltspunkte hatte annehmen und erwarten können. Unser Sonnensystem scheint viel mehr ein "Freak" zu sein, eine Ausnahmeerscheinung. Der "New Scientist" fragt dementsprechend (1):

"... instead of being the archetypal solar system, are we actually the freak ..."

Diese Frage zielt natürlich in die Richtung, daß man bislang all die vielen neu entdeckten Planetensysteme für "Freaks" gehalten hatte, da sie - im Vergleich zu unserem Sonnensystem - so ungewöhnlich anmuteten. Da aber all diese "ungewöhnlichen" Planetensysteme viel häufiger zu sein scheinen als unser eigenes, schält sich nun viel mehr umgekehrt die Frage heraus, ob nicht all die anderen die Regel sind und wir "der Freak". Der dazugehörige Artikel ist leider hinter einer Zahlschranke verborgen.

Abb. 1: Der Ausschnitt der Milchstraße, in dem bislang Planetensysteme erforscht werden konnten (Wiki)

Aber die Frage ist eine sehr spannende. Wir fühlen uns bei ihr natürlich sofort an die vielen Argumente rund um die Rare-Earth-Hypothese (Wiki, engl) erinnert. Und deshalb versuchen wir, uns auf Wikipedia dazu die ersten Zusammenhänge zusammen zu suchen. Dort steht zu lesen (Wiki):

"Verglichen mit vielen anderen Planetensystemen stellt das Sonnensystem eine Ausnahme darin dar, daß es in ihm keine Planeten im Innern der Merkur-Umlaufbahn gibt. Unser Sonnensystem besitzt auch keine Super-Erden (...). Ungewöhnlicherweise besitzt es nur kleine Gesteins-Planeten und große Gas-Riesen; in anderen Planetensystemen sind Zwischengrößen typisch - sowohl hinsichtlich von Gesteins- wie Gasplaneten - so daß es keine "Lücken" zwischen ihnen gibt wie das zwischen der Größe der Erde und des Neptuns beobachtet werden kann (...). Außerdem haben diese Super-Erden (in anderen Planetensystemen in der Regel) eine engere Umlaufbahn als Merkur. Das führt zu der Hypothese, daß es in der Anfangsphase der Planetensysteme viele Planeten mit enger Umlaufbahn gibt, und daß die typische Abfolge ihrer Zusammenstöße zu einer Zusammenballung ihrer Masse zu wenigen größeren Planeten führt. Aber im Sonnensystem führten die Zusammenstöße zu ihrer Zerstörung und zu ihrem Hinausschleudern.
Die Umlaufbahnen der Planeten im Sonnensystem sind nahezu kreisrund. Verglichen mit anderen Planetensystemen haben sie eine kleinere Umlauf-Exzentrizität (sie sind weniger elliptisch). Obwohl es Versuche gibt, dies in Teilen mit einem Fehler in der Beobachtungsmethode zu erklären (...), sind die genauen Ursachen hierfür bislang ungeklärt geblieben."
"Compared to many other planetary systems, the Solar System stands out in lacking planets interior to the orbit of Mercury. The known Solar System also lacks super-Earths (Planet Nine could be a super-Earth beyond the known Solar System). Uncommonly, it has only small rocky planets and large gas giants; elsewhere planets of intermediate size are typical - both rocky and gas - so there is no "gap" as seen between the size of Earth and of Neptune (with a radius 3.8 times as large). Also, these super-Earths have closer orbits than Mercury. This led to the hypothesis that all planetary systems start with many close-in planets, and that typically a sequence of their collisions causes consolidation of mass into few larger planets, but in case of the Solar System the collisions caused their destruction and ejection.
The orbits of Solar System planets are nearly circular. Compared to other systems, they have smaller orbital eccentricity. Although there are attempts to explain it partly with a bias in the radial-velocity detection method and partly with long interactions of a quite high number of planets, the exact causes remain undetermined." 

Und dabei wäre natürlich noch zusätzlich noch zu klären wie repräsentativ eigentlich jener kleine Ausschnitt unserer Galaxie ist, den wir bislang auf über 500 Planetensysteme hin haben untersuchen können (Abb. 1). Und zwar dies einmal in Hinsicht auf unsere eigene Galaxie und zum anderen in Hinsicht auf die vielen Milliarden anderen Galaxien in unserem Universum (Wiki).

Auf jeden Fall scheint die Rare-Earth-Hypothese (Wiki, engl) einmal aufs Neue sie bekräftigende Argumente zu bekommen. Zeit, für sie ein neues Label hier auf dem Blog einzuführen und ältere Blogartikel zu diesem Thema dazu mit zu verlinken.

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  1. Clark, Stuart: Is our solar system a cosmic oddity? Evidence from exoplanets says yes, 1 December 2021, https://www.newscientist.com/article/mg25233630-600-is-our-solar-system-a-cosmic-oddity-evidence-from-exoplanets-says-yes/
  2. von Rauchhaupt, Ulrich: Die Vielfalt der Planetensysteme. FAZ, 2013, https://www.faz.net/aktuell/wissen/kepler-entdeckungen-die-vielfalt-der-planetensysteme-13834322.html

Donnerstag, 21. Januar 2021

Mensch, merk dir: Du bist Morast ....

Sterne - Leben - Astrobiologie

/ Vierter Beitrag in unserer Aufsatz-Reihe "Wir sind Sternenstaub" / 

An der Grenze zwischen Sein und Nichtsein

Ist es nich ein geradezu erstaunlicher Umstand, daß der Tod im Leben der Sterne die aller größte Bedeutung hat? Erst der Tod gebar - sogar bei den Sternen - das "Leben". Schon in der Sternenwelt gilt das Gebot: Sterbt und ihr werdet wieder geboren. Aber: Sterbt. So sprechen die Sterne. Und sie schaffen dabei den Stoff, "aus dem wir sind", wir sterblichen Menschen, wir Wesen aus Sternenstaub.

Ein Stern wird "alt" und "grämlich". Er sinkt in sich zusammen. Er gehorcht nur noch den Gesetzen der Schwerkraft. Aber dieses In-sich-Zusammen-Fallen, dieses In-sich-Zusammen-Sinken, dieses Dahinwelken, sie bewirken ein noch stärkeres Verbacken von chemischen Elementen im Innern eines solchen Sterns zu noch schwereren Elementen. Und daraus entspringt - später, viel, viel später - sprudelnde Lebendigkeit. Hier auf unserer Erde. Und womöglich anderswo im Kosmos.

Ist das die Lehre der Sterne: Laßt euch auf das Sterben ein, sinkt in euch zusammen? Laßt euch fallen - ihr werdet wieder geboren - ? Gehorcht den Gesetzen der Schwerkraft, des Sterbens?

Sind sie womöglich voller Philosophie, die Sterne? Haben sie womöglich - mehr "Leben" als wir, wir Menschen hier unten auf Erden?

Menschen, Philosophen, die sich Anfang der 1940er Jahre mit einer philosophischen Schau, mit einer philosophischen Deutung und Einordnung des damaligen Kenntnisstandes in der Physik beschäftigten, mit einer philosophisch geschauten "Schöpfungsgeschichte" - sie wußten ja noch gar nicht, daß der Tod im Leben der Sterne geradezu die größte Bedeutung hat für die Entstehung der chemischen Elemente, für die Entstehung eben jenes "Stoffes", aus dem wir sind. Wie wesentlich wäre so manchem von ihnen gerade auch diese Erkenntnis gewesen. Wo doch schon so mancher unter ihnen der Einführung des Alterstodes in der Organismenwelt eine so ungeheuer Leben erweckende Kraft zugesprochen hatte, eine Kraft, die sogar für die Höherentwicklung in der Organismenwelt vor allem verantwortlich gewesen sein soll, so der Grundgedanke: Der Alterstod als Widersacher des Lebens, der durch diesen "Stachel" "höheres" Leben hervor bringt. Und genau dieselben Grundzüge nun auch in der Sternenwelt?!

Welche immense - geradezu philosophische - Bedeutung erhält durch diesen Umstand nun die geradezu "einfachste" Universalkraft des Universums zugesprochen, die Schwerkraft, die Gravitation. Ist sie nicht zugleich auch jene Kraft, die einerseits sowohl das Entstehen der chemischen Elemente ermöglicht, die dabei aber in ihrer Kraft so groß werden kann, daß sie Sein in Nichts umwandeln kann, Materie in Neutronensterne oder in Schwarze Löcher, denen nichts mehr entkommen kann, Materie in Weiße und Rote Zwerge, die sich wie "erstarrte Sternenevolution" darstellen - denn sie werden sich niemals mehr während der gesamten Dauer des Universums noch verändern. In der Schwerkraft steckt so viel Tod, so viel Tendenz zum Nichts, zum Nichtsein. Und dennoch: In dieser Tendenz zum Nichtsein "gebiert" sich - im Widerspiel mit den atomaren Kernkräften der chemischen Elemente, mit der Entzündung ihres Feuers - der Aufstieg zu höherer chemischer Komplexität in diesem Weltall.

Welche ungeheure, doppelte Wirkung geht von dieser Schwerkraft aus. Sie schenkt "Leben". Sie schenkt Tod. Sie repräsentiert "Dasein" ja geradezu als jene Kraft, die von "Dasein" schlechthin, von Materie ausgeht. Und sie repräsentiert den Tod, den Schlund, in den alles hinein gezogen wird, in dem alles erstarrt, in dem alle weitere Entwicklung ein Ende hat. Die Schwerkraft steht also ebenso an der Wiege des Seins (der chemischen Elemente) wie am Totenbett des Seins (an allem Ende allen materiellen Seins). Die Materie birgt - durch die Schwerkraft, die sie ausübt, auch auf sich selbst - ihren eigenen Tod in sich. 

Was für ein aufrüttelnder Zusammenhang. Das Sein an sich scheint sich auf einem schmalen Grat zwischen Sein und Nichtseins entlang zu bewegen. Das Sein schafft - aus sich selbst heraus - alles Sein. Und es schafft - aus sich selbst heraus - alles Nichtsein.

"Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage," mag sich das Sein schon ganz am Anfang seines Seins gefagt haben ... Aber: Wie nobel, wie edel muß Sein sein, wenn es sein eigenes Dasein - so ohne weiteres und ohne alle Umschweife - sogleich auch wieder so stark infrage stellen kann, in Nichtsein umwandeln kann. Wozu Sein? Um möglichst schnell zurück zu kehren zum Nichtsein - ? Um möglichst schnell zurück zu kehren zum Ursprung? So würden es Hölderlin - und vor ihm schon Sophokles benennen.*)

Womöglich hätte das Sein nur einen schmalen Tritt vom Wege abgehen müssen - und es hätte sich sogleich wieder zum Nichtsein umgewandelt. Daß sich das Nichtsein überhaupt - gegen die Kräfte der Schwerkraft - zum Sein "aufschaukeln" konnte (in einem von den Physiker seit 1981 "inflationär" genannten Prozeß) (Wiki) - es wird das als ein aufwühlendes Geschehen erachtet werden können. Bevor die Schwerkraft das Sein wieder "verschlucken" konnte, hatte sich das Sein gegenüber ihr, der Schwerkraft schon behauptet, durchgesetzt, entwickelt und aus sich heraus Veränderungsmöglichkeiten geschöpft. Aber wer weiß, für wie lang. An vielen Stellen im Kosmos (in Neutronensternen und Schwarzen Löchern, in Roten und Weißen Zwergen) ist das Sein schon wieder erstarrt, hat das Nichtsein oder die Tendenz zum Nichtsein, zur Erstattung schon wieder die Führung übernommen und gibt das Schritttempo an hinüber in die Welt des Nichtseins.

Die Schlüsselrolle des Elements Kohlenstoff

Die Periodentafel der Elemente - sie kennen wir alle noch aus der Schule. Es gibt aber eine vielleicht noch viel spannendere Abwandlung dieser Periodentafel der Elemente, in der der Ursprung der jeweiligen Elemente innerhalb des Kosmos zur Darstellung kommt (Abb. 1).

Abb. 1: Ursprung der Elemente im Ksomos (Universität von Ohio)

Diese Periodentafel erläutert den Ursprung all der auf ihr verzeichneten chemischen Elemente unseres Sonnensystems, unseres Seins, indem sie aufzeigt, wo und wann die unterschiedlichen Grundbausteine allen Seins, die chemischen Elemente jeweils entstanden sind.**) 

Diese neue Form der Periodentafel der Elemente kann dem philosophisch Denkenden allerhand zu denken geben. Wir müssen uns aber die Tatsachen zum Verständnis dieser Tafel erst zusammen suchen. Es kommt hier zunächst zur Darstellung, daß aller Wasserstoff in unserem Universum und der allergrößte Teil des Heliums in ihm gleich nach dem Urknall entstanden sind (siehe dunkelblau: "Big Bang Fusion"). Die Elemente Beryllium (Be) und Bor (B) sind dann aber wiederum erst durch die Atomkernspaltung durch Kosmische Strahlung oberhalb der Erdatmosphäre entstanden (siehe lila: "cosmic ray fission"). Sie sind deshalb keine sehr alten Elemente in unserem Universum, in unserer Galaxis, in unserem Sonnensystem, sondern vergleichsweise jungen Datums. Zu dem chemischen Element "Bor" lesen wir (Wiki):

Wie die beiden im Periodensystem vorangehenden Elemente Lithium und Beryllium ist auch Bor ein im Sonnensystem auffallend seltenes Element. Die Seltenheit dieser drei Elemente erklärt sich daraus, daß sie keine Produkte der stellaren Kernfusionen sind, die zur Elemententstehung (Nukleosynthese) führen. Das Wasserstoffbrennen führt zu Heliumatomen, das darauffolgende Heliumbrennen (der Drei-Alpha-Prozeß) schon zu Kohlenstoffatomen. Bor entsteht ausschließlich bei der Spallation (Spaltung) schwerer Atomkerne durch kosmische Strahlung.

Erstaunlicherweise ist der so lebenselementare Kohlenstoff also schon das dritte Element, das im Universum überhaupt gebildet worden ist. Dabei ist er zugleich das erste Element, das nicht im Universum insgesamt entstanden ist, sondern in Sternen "gebrannt", zusammen gebacken wurde. Daß auf diesen Umstand in Artikeln auf Wikipedia so wenig Augenmerk gerichtet ist und geradezu nur wie "nebenbei" mitgeteilt wird, zeigt, daß die Wissenschafts-Interessierten, die sich mit diesen Themen auf Wikipedia - und anderwärts - beschäftigen, die von ihnen erforschten Tatsachen nicht gerade besonders eifrig von grundlegenderen philosophischen Gesichtspunkten her zu ordnen bemüht sind.

Daß die Schlüsselrolle des Elementes Kohlenstoff, die für die Entstehung des Lebens in diesem Universum längst erkannt ist, nicht in ebensolcher Weise für die Entstehung aller Elemente schwerer als Helium in den Mittelpunkt von Betrachtungen gestellt wird irgendwo, dieser Umstand darf schon als sehr bemerkenswert erachtet werden und darf als ein Zeichen erachtet werden dafür, wie wenig heutige Naturwissenschafts-Interessierte das Bedürfnis haben, die von ihnen erforschten Tatsachen von einem höher gelegenen philosophischen Standpunkt aus nun noch einmal besonders zu betrachten und zu ordnen. Sie sind dafür offenbar zu tief in der Erforschung der Details des Seins verstrickt und verlieren den Überblick im Großen, den Zusammenhang aus den Augen.

Wohl uns also, daß es neben Naturwissenschafts-Interessierten auch noch naturwissenschaftsnahe Philosophen und Philosophie-Interessierte gibt. 

Die Geburt unserer Welt

Jedenfalls: Die Entstehung des Elementes Kohlenstoff geschah - und geschieht - in dem eben genannten "Drei-Alpha-Prozeß" (Wiki):

Durch den Drei-Alpha-Prozeß (3α-Prozeß) werden im Inneren von Sternen drei Helium-Kerne (α-Teilchen) durch Kernfusionsreaktionen in Kohlenstoff umgewandelt und senden dabei Gammastrahlung aus. Dies wird auch als Heliumbrennen oder, nach seinem Entdecker Edwin Salpeter, als Salpeter-Prozeß bezeichnet.

Das Heliumbrennen. Es ist das eigentlich ein mehr als nur banal klingender Name. Was aber ist mit ihm alles benannt. Was verdanken wir ihm? Nichts geringeres als unsere Existenz. Dieses "Heliumbrennen" gehört zu den vielen "Geburtsstunden" innerhalb unseres Kosmos dazu, denen wir allen - nacheinander - unsere Existenz zu verdanken haben, ohne die wir nicht wären. Wäre diese Kette von Wiedergeburten und Neugeburten (der Entstehung des Universums selbst, der Entstehung der chemischen Elemente, der Entstehung von Galaxien, Sternen und Planeten, der Entstehung von Leben, der Entstehung von Vielzellern, der Entstehung sozialer Komplexität, der Entstehung von Wissenschaft) nur an einer Stelle ihrer langen Reihe unterbrochen - es gäbe uns nicht in der Form, in der es uns heute gibt.

"Heliumbrennen" ist auf den ersten Blick also ein geradezu nichtssagender, nüchterner wissenschaftlicher Begriff. Aber handelt es sich nicht um viel mehr? Vollzieht sich in dem hier Benannten nicht eigentlich so ungeheuer viel mehr als in diesem Begriff enthalten zu sein scheint? In ihm entsteht eine ganze Welt. Während des Heliumbrennens vollzieht sich tatsächlich: die Geburt unserer Welt. Zumindest jener Welt wie wir sie kennen. Es vollzieht sich in ihm die Geburt eines neuen Zeitalters. Des Zeitalters der schwereren chemischen Elemente und alles dessen, was aus ihnen an molekularer Komplexität entstehen kann.

Der Entdecker des Heliumbrennens, der schon genannte Edwin Salpeter (1924-2008) (Wiki, engl) stammte aus einer Familie jüdischer Herkunft in Wien. Mit dieser wanderte er 1939 - nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich - nach Australien aus. Dort studierte er Physik, diese so außerordentlich edle wissenschaftliche Disziplin, die sich mit dem womöglich Erhabensten beschäftigt, das es gibt: nämlich mit unserem Sein. Was lesen wir da (Wiki):

1951 schlug Salpeter vor, daß Sterne Helium-4 mit dem Drei-Alpha-Prozeß in Kohlenstoff-12 brennen können, alledings durch ein wenig stabiles Zwischenstadium von Beryllium-8, was die Kohlenstoff-Produktion in Sternen erklären half.
In 1951 Salpeter suggested that stars could burn helium-4 into carbon-12 with the Triple-alpha process not directly, but through an intermediate metastable state of beryllium-8, which helped to explain the carbon production in stars.

Und weiter (Wiki):

Der Drei-Alpha-Prozeß kann nur bei Temperaturen über 100 Millionen Kelvin ablaufen und setzt das reiche Vorhandensein von Helium voraus. Daher tritt er normalerweise nur in den Zentren von Sternen in späten Phasen ihrer Entwicklung auf, in denen ein höherer Druck und höhere Temperaturen als momentan in der Sonne herrschen und bereits ausreichend Helium durch Proton-Proton-Reaktionen oder den Bethe-Weizsäcker-Zyklus (CNO-Zyklus) erzeugt wurde. Bei den notwendigen Temperaturen sind alle beteiligten Atomkerne vollständig ionisiert, d. h. ohne Elektronenhülle.  Die Sonne wird erst beim Eintritt in die letzte Phase ihres Lebenszyklus, in etwa 4 Milliarden Jahren, in der Lage sein, das so genannte Heliumbrennen („Verbrennen“ von Helium) zu starten, nachdem in ihrem Kernbereich der ganze Wasserstoff durch das Wasserstoffbrennen zu Helium fusioniert wurde. Der erhöhte Strahlungsdruck während des Heliumbrennens führt zu einem Aufblähen der äußeren Sonnenschichten, die sich nun wegen der größeren Oberfläche abkühlen, woraufhin sich das Strahlungsspektrum der Photosphäre der Sonne zu längeren Wellenlängen verschiebt. Ein Stern in diesem Zustand wird darum als roter Riese bezeichnet.

"Vollständig ionisiert, d. h. ohne Elektronenhülle" - damit ist gesagt: Selbst Atome müssen erst wieder zu "Kindern" wieder, in den ursprünglichsten, ihnen möglichen Zustand zurück kehren, um "bedeutender" zu werden, um komplexer zu werden. Alles Notwendige, Große, Wesentliche wurzelt eben im Kindlichen, im Einfachen oder auch Einfachsten, in Atomkernen, die ihrer Elektronenhülle entblößt sind. 

Mensch, merk dir: Du bist Morast

Unsere Welt "wie wir sie kennen" ist also das Produkt alter Sterne, sie ist sozusagen der Überrest "alter Sterne". So wie Leben aus Morast geboren wird, aus verrotteten, alten Pflanzenteilen im Boden, zerfressen und verdaut von Würmern, so entstand und entsteht "Sein wie wir es kennen" aus "verrotteten", alten Sternen. Wir sind Morast. Wir sind "Abfall". Merke es Dir, du Mensch. Und überhebe dich nicht. Du bist - wie dein Heimatplanet - ein wilder Fleckenteppich von Überresten ausgebrannter Sterne. Bilde dir nur nichts ein. Leuchten, mein lieber Mensch, wirkliches Leuchten sieht anders aus. Dir gelingt es höchstens noch, "Funken aus der Asche" zu schlagen.  Aber mit einer Temperatur von 100 Millionen Kelvin zu leuchten, das gelingt dir nicht. Oh, wie arm du bist, Mensch. Die jungen, lebenskräftigen Sterne oben am Himmel, sie lachen dich alle aus, du Mensch aus Moder, Asche, Staub und Morast. Du Häufchen erkalteter Asche, die die Begeisterung der Sterne, die das Lodern hell jauchzender Sterne zurück gelassen hat.

Wir Menschen sind Asche, wir sind "Spätlinge".

Damit wären also nun die "dying low mass stars" erläutert aus Abbildung 1 (gelb). Sie lassen den in ihnen entstandenen Kohlenstoff in den sogenannten "Planetaren Nebeln" zurück. In ihnen wabert - quasi als Asche - der Kohlenstoff und Stickstoff, der sich dann auch bei der Entstehung unserer Erde mit in das Gemenge mischte. Aber nicht nur das. Dieser Kohlenstoff war sogar Voraussetzung dafür, daß alle weiteren Elemente in diesem Universum überhaupt entstehen konnten. Der Kohlenstoff - was für ein geniales chemisches Element. Er spielt eine Schlüsselrolle nicht nur für die Entstehung des Lebens in diesem Universum, sondern viel früher schon auch für die Entstehung der Elemente in ihm. Was wären wir ohne ihn? Für alle "nachfolgenden" Fusionsreaktionen, insbesondere auch für den schon 1937/39 entdeckten Bethe-Weizsäcker-Zyklus bildet er, sein Vorhandensein, bildet das Vorhandensein von Kohlenstoff die Voraussetzung (Wiki):

Da nach gegenwärtiger Meinung beim Urknall kein Kohlenstoff entstehen konnte, war es den Sternen der ersten Generation (Population III) unmöglich, Energie auf diese Art (des Bethe-Weizsäcker-Zyklus) zu erzeugen. In den Spätphasen der Sternentwicklung entsteht jedoch in den Sternen Kohlenstoff durch den Drei-Alpha-Prozeß (...), der danach zum einen als Katalysator zur Verfügung steht, zum anderen durch Supernovae an das interstellare Medium abgegeben wird, aus dem sich neue Sterne bilden.  Sterne späterer Generationen enthalten daher bereits am Anfang ihrer Entwicklung Kohlenstoff.

Der Bethe-Weizsäcker-Zyklus ist dann die dominante Fusionsreaktion in allen Sternen, die mehr als 1,3-mal größer sind als die Sonne (Wiki) und die der Sternenpopulationen (Sternengenerationen) II und I angehören.

Abb. 2: Schalenbrennen (Wiki)
 

Die weiteren Stadien der Entstehung schwerer Elemente werden dann durch das sogenannte "Schalenbrennen" beschrieben (Wiki). Auch hier wird wieder deutlich, daß die Welt "wie wir sie kennen", erst entstand, als die wirkliche Begeisterung, verkörpert in jungen, jubelnden, hell leuchtenden Sternen schon wieder dahin war, als Sterne alt und träge, müde und matt wurden. Mensch, erkennst du dein Wesen? Merkst Du, aus welchem "Stoff" du bist? Ja, merke auf (Wiki):

Als Schalenbrennen bezeichnet man einen Vorgang in einem alternden Stern. Die Energieerzeugung durch Wasserstoffbrennen verlagert sich vom innersten Volumen in die Peripherie, während im Kern zunächst Helium zu Kohlenstoff und später dann ggf. noch weitere schwerere Elemente fusioniert werden.

Es ist wie im Herbst der Natur, wenn alle Pflanzen noch einmal in aller Leuchtkraft erstrahlen, wenn in diesem Strahlen aber schon ihre Mattheit, ihre Ermattung zu spüren und zu erspüren ist. Und weshalb all ihr Leuchten zugleich auch schon mit so viel Trauer verbunden ist. Frühling, Aufblühen ist etwas anderes als jener Prozeß, der uns hervorbrachte, als der Prozeß, der jenen "Stoff" hervorbrachte, aus dem wir sind. Merkst du etwas, Mensch? Du bist ein "Spätling". Verstehst du nun, woher all deine Müdigkeit kommt? Sie kommt daher, daß du eben nicht Stern bist in der Blüte seiner Jahre. Daß du auch nicht Stoff von Sternen bist in der Blüte ihrer Jahre.

Denn in der Blüte von Sternen, da gibt es ja nur Wasserstoffbrennen, das heilige Feuer des Ursprungs, das heiligste, reinste Feuer des Universums. An so heiligem Feuer hast Du keinen Anteil, du Mensch - es sei denn, du blickst hinauf zur Sonne, zu Helios, wie er in erhabener Majestät die Planeten um sich herum ziehen läßt - und auf einem derselben uns Winzlinge beleuchtet, erwärmt, erfreut - mit diesem Feuer. In seiner großen Freigibigkeit. Ja, blicke auf: Da ist Jugend, da ist Frische, da ist Blüte. Dort glüht der Stoff der Jugend. Aber nicht du, Mensch. Der Stoff der Jugend, der Sternen-Jugend ist nicht der Stoff, aus dem du gemacht bist.

Diese von uns gewählten Worte mögen leicht exaltiert und gar zu pathetisch klingen. Aber im Nachhinein erhalten wir Unterstützung in unserer pathetischen Haltung durch niemand geringeren als den Begründer der Urknall-Theorie, nämlich durch Georges Lemaître (1894-1966), der schon 1950 schrieb (zit. n. S. 82):

"Wir stehen auf einem Haufen ausgekühlter Asche, sehen den verblassenden Glanz der Sterne und versuchen, die vergangene Herrlichkeit aus der Anfangszeit des Universums zu rekonstruieren."
Auch er also spricht von der ... "vergangenen Herrlichkeit aus der Anfangszeit des Universums". Das ist eine Perspektive, die uns weiterführend erscheint, die uns philosophisch zu sein scheint.

Der tiefste Brand unseres Seins

Die Jugend und Blüte eines Sterns manifestieren sich in seinem Strahlungsdruck und in seinem Gasdruck, die von innen heraus jener Schwerkraft, die den Stern zum In-sich-Zusammen-Sinken bringen will, zum Erlöschen bringen will, entgegen wirken. Leben, die Lebenskraft von Sternen steht hier gegen den Tod, gegen die Gravitation, die, hervorgerufen von der großen Masse des Sterns, auf diesen selbst zurückwirkt. Wie verrückt das ist: Sein eigenes Sein wirkt für ihn selbst als lebensbedrohend. Um so größer er ist, um so größer die Gefahr, an der eigenen Größe zugrunde zu gehen. Oh, die Sterne sind voller Philosophie. Man muß nur einmal anfangen, die Gedanken etwas loser am Zügel laufen zu lassen ....

Leben und Tod halten sich über viele Jahrmillionen oder Jahrmilliarden Jahre des Bestehens eines Sterns die Waage. Dem Sternentod setzt er mit seinen Fusionsreaktionen im Innern das Leben entgegen. Er leuchtet und brennt und leuchtet und brennt konstant.

Wenn er aber - nach Jahrmillionen langem Leuchten, Strahlen und Brennen - "ausgebrannt" ist, wirken Strahlungsdruck und Gaskraft der Schwerkraft nicht mehr in dem Maße entgegen. Die Schwerkraft bewirkt, daß der Stern in sich zusammen sinkt. Dabei steigen Temperatur und Dichte innerhalb des Sterns erneut an. Diese sind nun sogar so stark, daß statt des Wasserstoffbrennens das Heliumbrennen einsetzt (wenn denn der Stern genügend Masse besitzt, wenn also die Schwerkraft groß genug ist). Diese Kernfusionsreaktionen des Heliumbrennens im Kern des Sterns bewirken eine Erhöhung der Temperatur auch in seiner äußeren Hülle, wo nun ebenfalls Heliumbrennen einsetzt. 

Auch diese Fusionsreaktion gelangt an ihr Ende, wiederum übernimmt die Schwerkraft die Regie der Lebensgesetze im Stern und noch einmal wird das Innerste des Sterns durch sein "In-sich-Zusammen-Sinken" stärker zusammen gebacken. Ein grandioses Bild: Ein Greis sackt in sich zusammen und dieses Zusammensacken ist von einer solchen elementaren Heftigkeit, daß in ihm Neues, neue chemische Elemente entstehen. Die erlöschende Lebensenergie des Greises reicht immer noch aus oder gerade sie weist erst die Fähigkeit auf, so viel Neues zu schaffen. Dort im Innern beginnt nun das Kohlenstoffbrennen (und zwar wenn der Stern mehr als 9 Sonnenmassen groß ist). Hierbei entstehen die Elemente Sauerstoff, Magnesium (Mg) und Neon (Ne).

Noch einmal: Der Stern wird "alt" und "grämlich". Er sinkt in sich zusammen. Er gehorcht nur noch den Gesetzen der Schwerkraft. Aber dieses In-sich-Zusammen-Sinken bewirkt ein noch stärkeres Verbacken von chemischen Elementen in ihm zu noch schwereren. Aber auch das Kohlenstoffbrennen gelangt nach einigen tausend Jahren zum Erliegen. Es folgen - je nach Größe des Ausgangssterns - noch Neonbrennen, Sauerstoffbrennen und - als letzte Stufe - das Siliciumbrennen. Was für ein Geschehen, dem wir unsere Existenz verdanken: Sterne werden alt und grämlich, sinken in sich zusammen und erschaffen eine neue Welt (Wiki):

Das Siliciumbrennen stellt das Ende der Fusionsprozesse dar. Der Vorrat an Kernbrennstoff im Inneren wird beim Siliciumbrennen je nach Masse des Sterns in wenigen Stunden bis zu wenigen Tagen aufgebraucht, und dem Gravitationskollaps folgt die Explosion des Sterns in einer Supernova.

Alle Elemente die so schwer oder schwerer sind als Sauerstoff, sind in massereichen Sternen entstanden und haben sich durch ihre Explosion verbreitet.

Wir sehen auch oben in Abbildung 1: Die Elemente schwerer als Silicium (Si) stammen aus explodierenden Weißen Zwergen. Weiße Zwerge (Wiki) ...

sind die heißen Kerne Roter Riesen, die übrig bleiben, wenn jene ihre äußere Hülle abstoßen.

Jene Weißen Zwerge, die explodieren, sind also die Überreste von Sternen, die vielfache Sonnenmasse hatten und deshalb so viele schwere Elemente - durch ihr Schalenbrennen - erzeugen konnten. Kohlenstoff und Stickstoff hingegen sind vor allem entstanden in langsam sterbenden Sternen von der Masse der Sonne oder wenig größer.

In Minute 9'30 zeigt Matthias Steinmetz, wie klein der Ausschnitt der Sternregion in der Milchstraße ist, den wir am Nachthimmel mit bloßem Auge sehen können (8). Vor allem aber erklärt er im zweiten Teil seines Vortrages, wie der Forschungssatellit Gaia (Wiki), der 2013 ins All geschossen wurde, schon heute die Erforschung der Geschichte der Milchstraße revolutioniert hat (8).

Abb. 3: Künstlerische Darstellung der Entwicklung eines Sternes von der Größe der Sonne von links nach rechts - Aus einer Gaswolke heraus langsam Wasserstoff zu Helium verbrennend, über Milliarden Jahre recht konstant leuchtend, um sich dann vom "Unterriesen" zum "Roten Riesen" aufzublähen, bis die äußere Hülle abgeworfen wird und zu einem "Planetarischen Nebel" wird, während der Stern selbst als Weißer Zwerg endet. Und zurück läßt er "den Staub, aus dem wir sind" (Geschaffen von: ESO/S. Steinhöfel) (Wiki)

Rote Zwerge - Keiner von ihnen ist jemals gestorben

Schon im ersten Beitrag dieser Reihe war erwähnt worden, daß die meisten Sterne unserer Galaxie und in unserer näheren Umgebung mit dem Auge unsichtbare "Rote Zwerge" sind, die höchstens 60 % der Sonnenmasse aufweisen. Diese Roten Zwerge scheinen für die Entstehung der chemischen Elemente in diesem Universum überhaupt keine Rolle zu spielen (Wiki):

Es wurde noch kein sterbender Roter Zwerg entdeckt, da das Universum erst 13,7 Milliarden Jahre alt ist. Ein Rätsel, das bis heute noch nicht gelöst ist, ist das Fehlen von roten Sternen, die keine Metalle enthalten (andere Elemente als Wasserstoff und Helium). Die erste Generation von Sternen dürfte nach der Urknall-Theorie nur aus Wasserstoff, Helium und Spuren von Lithium bestehen. Entstanden zu dieser Zeit Rote Zwerge, müßten sie heute noch existieren. Jedoch wurde kein Roter Zwerg gefunden, der nur aus den genannten Elementen besteht. Die bevorzugte Erklärung dafür ist, daß ohne schwere Elemente nur große und bis heute unbeobachtete Sterne der Sternpopulation III entstehen konnten, die ihren Energievorrat schnell aufbrauchten. Dabei hinterließen sie Elemente, aus denen sich Rote Zwerge bilden konnten. Eine andere Möglichkeit wäre, daß Rote Zwerge ohne Metalle dunkel und selten seien. Da dies dem Evolutionsmodell von Sternen widerspricht, wird diese Theorie als unwahrscheinlich betrachtet.

Zu derselben Frage lesen wir auf dem englischen Wikipedia (Wiki):

Alle beobachteten Roten Zwerge enthalten "Metalle", also Elemente schwerer als Wasserstoff und Helium. Aus dem Urknall-Modell ist abzuleiten, daß die erste Generation der Sterne nur Wasserstoff und Helium enthalten, sowie kleine Mengen von Lithium und daß sie deshalb sehr niedrige Metallizität aufweisen. Mit ihrer extrem langen Lebensdauer sollte jeder Rote Zwerg, der Teil der ersten Sternengeneration (der Population III-Sterne) war, heute immer noch existieren. Rote Zwerge mit niedriger Metallizität sind aber sehr selten. Das heute akzeptierte Modell für die chemische Evolution des Universums stellt diese Seltenheit von Metall-armen Roten Zwergen in Rechnung, indem angenommen wird, daß in der Metall-armen Umwelt des frühen Universums nur Riesensterne entstanden sind. Da Riesensterne ihr kurzes Leben in Supernova-Explosionen beenden, verbreiteten sie jene schwereren Elemente, die für die Entstehung kleinerer Sterne benötigt werden. Während die grundlegende Seltenheit von alten, Metall-armen Roten Zwergen von Seiten der Theorie her erwartet wird, können die empirischen Beobachtungen sogar noch weniger feststellen als von der Theorie her erwartbar wäre. Es wird angenommen, daß es an der bloßen Schwierigkeit liegt, Objekte so schwach leuchtender Art zu entdecken wie Rote Zwerge, die für diese Diskrepanz verantwortlich sind. Aber auch verbesserte Beobachtungsmethoden haben diese Diskrepanz bislang nur bestätigen können.
All observed red dwarfs contain "metals", which in astronomy are elements heavier than hydrogen and helium. The Big Bang model predicts that the first generation of stars should have only hydrogen, helium, and trace amounts of lithium, and hence would be of low metallicity. With their extreme lifespans, any red dwarfs that were a part of that first generation (population III stars) should still exist today. Low-metallicity red dwarfs, however, are rare. The accepted model for the chemical evolution of the universe anticipates such a scarcity of metal-poor dwarf stars because only giant stars are thought to have formed in the metal-poor environment of the early universe. As giant stars end their short lives in supernova explosions, they spew out the heavier elements needed to form smaller stars. Therefore, dwarfs became more common as the universe aged and became enriched in metals. While the basic scarcity of ancient metal-poor red dwarfs is expected, observations have detected even fewer than predicted. The sheer difficulty of detecting objects as dim as red dwarfs was thought to account for this discrepancy, but improved detection methods have only confirmed the discrepancy.

Wir haben es also mit einer Frage zu tun, die von der Forschung bislang nicht abschließend hat geklärt werden können. Viel wichtiger ist aber für uns festzuhalten, daß die Roten Zwerge aufgrund ihrer langen Lebensdauer überhaupt nichts zur Evolution der chemischen Elemente in Galaxien beitragen. Zu dieser Evolution der chemischen Elemente in Galaxien tragen also nur Sterne von der Größe unserer Sonne und größer bei. 

Ein vielleicht nicht uninteressanter Umstand. Damit blicken wir nun aber mit um so erhöhter Aufmerksamkeit zu den "Roten Riesen".

Manchen Fragen dazu wollen wir künftig noch weiter nachgehen: Haben alle Spiralgalaxien eine ähnliche Häufigkeitszusammensetzung von Riesensternen, normalen Sternen und Zwergsternen? Oder unterscheiden sich die Spiralgalaxien auch in diesem Merkmal? Welche Faktoren sorgen dafür, ob mehr Riesensterne, mehr normale Sterne und mehr Zwergsterne entstehen? Welche Abfolge von Sterngenerationen innerhalb einer Galaxie ist überhaupt notwendig, um die Metallizität unseres Sonnensystems zu erzeugen? Bedarf es dazu einer ganzen Galaxie oder reicht es, wenn dazu "regional" in einzelnen Spiralarmen die günstigsten Bedingungen vorherrschen, die günstigste Abfolge von Sterngenerationen entstehen? Wie gut wird überhaupt der in Supernova-Explosionen und durch Sternenwinde ausgebreitete "Sternenstaub" innerhalb einer Galaxie miteinander vermischt? Vermischen zum Beispiel unterschiedliche Spiralarme den in ihnen entstandenen Sternenstaub mit dem in anderen Spiralarmen entstandenen Sternenstaub? Fragen über Fragen. Vorerst wissen wir nicht, ob die Wissenschaft zu ihnen allen schon gute Antworten weiß. Vermutlich ist sie dann aber wenigstens derzeit auf gutem Wege, solche Antworten bald zu finden. Denn durch die Auswertung der durch den Forschungssatelliten Gaia gesammelten Daten werden ja viele neue Einsichten in näherer Zukunft noch erwartet.

Zur Entstehung erdähnlicher Planeten ist zu viel Metallizität auch nicht gut

Nun kommt aber zunächst noch einmal ein sehr zentral erscheinender Gedanke. Zu viel Metallizität in einer Milchstraße scheint nämlich auch nicht gut zu sein für die Entstehung erdähnlicher Planeten. Darauf hatten wir schon im vorhergehenden Beitrag vergestreut hingewiesen. Der dort auch schon zitierte Astro-Blogger vom Blog "Alpha Cephei" schreibt dazu (Wiss.de 2019):

Sterne in offenen Sternhaufen, den Kinderstuben der Sterne, liegen mit -0,6 bis 0,2 im Bereich zwischen 0,25- und 1,6-facher Metallizität der Sonne (d.h. die Metallizität des Gases in der Milchstraße ist seit der Entstehung der Sonne nur noch wenig angestiegen, davor jedoch enorm, was auf eine heftige Sternentstehung in der jungen Milchstraße hindeutet [...]).  Daraus folgt, daß die Milchstraße einst aus sehr metallarmem Wasserstoff-Helium-Gas entstand und mit der Zeit immer mehr Metalle hinzu kamen. Man geht davon aus, daß es zu Beginn noch metallärmere Sterne einer Population III gegeben haben muß, die so rein waren, daß sie riesengroß werden konnten.

"Die Metallizität des Gases in der Milchstraße ist seit der Entstehung der Sonne nur noch wenig angestiegen" - was für ein wichtiger, entscheidender Satz. Spiralgalaxien können also Jahrmilliarden lang existieren, ohne daß die in ihnen statthabende Sternentstehung noch besonders viel zum ansteigen des Anteils der schweren Elemente beiträgt. Damit wird einmal erneut deutlich, wie abwechslungsreich das "Leben", die Entwicklung von Galaxien ist, welche sehr unterschiedlichen "Lebensphasen" sie zu durchlaufen scheinen. Darüber würde man gerne auch noch mehr und Genaueres wissen.

Der letzte Satz des Zitates heißt im Umkehrschluß auch: Entstehen Sterne aus Gasen mit hoher Metallizität, brauchen sie weniger groß zu sein, Masse zu besitzen, um noch mehr Metallizität im Laufe ihres Lebens hervorbringen zu können. Auch diesem Umstand möchte man gerne noch genauer nachgehen.

Jedenfalls nimmt tatsächlich auch der Blogger von "Alpha Cephei" an, daß es in der jungen Milchstraße durch Kollisionen zu einer Vervielfachung der Sternentstehung gekommen war, also einer solchen, der damit dann vermutlich auch wir selbst unser Dasein verdanken. Weil durch die damalige vervielfachte Sternentstehungsrate die Metallizität in unserer Milchstraße viel schneller ansteigen konnte als sie das seither getan zu haben scheint.

Ein Forschungsergebnis des Jahres 2014 besagt aber nun, daß auch eine gar zu hohe Metallizität keineswegs besonders günstig sein muß für die Entstehung erdähnlicher Planeten (5). Die Astronomen beobachten nämlich ein häufigeres Auftreten so genannter "heißer Jupiter" bei Sternen mit einem hohen Anteil an schweren Elementen (5). Und bekanntlich ist der Jupiter nicht "erdähnlich", sondern ein Gasplanet. Die Forscher selbst schreiben (6):

Hier berichten wir von der Metallizität (...) von mehr als 400 Sternen, die von 600 angenommenen Exoplaneten-Kandidaten umgeben sind. Wir finden, daß die Exoplaneten kategorisiert werden können in drei Populationen definiert nach unterschiedlichen Metallizitäts-Regionen. Wir interpretieren diese Regionen als solche mit den Entstehungsregimen von erdähnlichen Planeten (mit Radien unter 1,7 Erdradien), Gasplaneten mit steinernen Kernen (Radien größer als 3,9 Erdradien) und Eis- oder Gas-Riesenplaneten (Radien größer als 3,9 Erdradien). Diese Unterschiede korrespondieren gut mit solchen, die von dynamischen Masseeinschätzungen abgeleitet werden können, was nahelegt, daß die Metallizität des Sterns mit Planeten, die eine Annäherung ist an das ursprüngliche feste Inventar in der protoplanetaren Scheibe, eine Schlüssel-Zusammensetzung darstellt, das die Struktur der Planetensysteme reguliert.
Originaltext: Here we report the metallicities (that is, the abundances of elements heavier than hydrogen and helium) of more than 400 stars hosting 600 exoplanet candidates, and find that the exoplanets can be categorized into three populations defined by statistically distinct (∼4.5σ) metallicity regions. We interpret these regions as reflecting the formation regimes of terrestrial-like planets (radii less than 1.7 Earth radii), gas dwarf planets with rocky cores and hydrogen–helium envelopes (radii between 1.7 and 3.9 Earth radii) and ice or gas giant planets (radii greater than 3.9 Earth radii). These transitions correspond well with those inferred from dynamical mass estimates, implying that host star metallicity, which is a proxy for the initial solids inventory of the protoplanetary disk, is a key ingredient regulating the structure of planetary systems.

In der Einleitung heißt es dann (6):

Die gut bekannte Tendenz, daß heiße Jupiter häufiger um Metall-reiche Sterne kreisen, ist durch zahlreiche Studien bestätigt worden. Obwohl jüngst gezeigt worden ist, daß kleine Planeten aus einem weiten Bereich von Metallizitäten von Sternen hervorgehen können, sind die Metallizitäten von Sternen mit kleinen Planeten im Durchschnitt niedriger als die von Gasriesen. Dieser Umstand legt nahe, daß es subtile Unterschiede in den Metallizitäten von Sternen geben könnte, die von kleinen Exoplaneten umgeben sind, und dieser Umstand könnte weiterhin in Verbindung gebracht werden mit bestimmten physikalischen Eigenschaften der dem zugrunde liegenden Planeten-Populationen.
Originaltext: The well-established tendency for hot Jupiters to be more frequently found orbiting metal-rich stars has been confirmed by a number of studies. Although it has recently been shown that small planets form for a wide range of host star metallicities, he metallicities of stars with small planets are on average lower than those of gas giants. This suggests that subtle differences may exist in the metallicities of the host stars of small exoplanets, and this, in turn, may be linked to distinct physical properties of the underlying planet populations.

Daraus würde folgen: Sollte die Metallizität künftig innerhalb der Spiralgalaxien noch steigen, würde dabei die Wahrscheintlichkeit, daß erdähnliche Planeten entstehen können, sinken. Was dann eben in Bezug gesetzt werden kann zur Zeitdauer der habitablen Epoche innerhalb des Bestehens unseres Universums.

Im letzten Beitrag hatten wir gelernt, wie sich durch das Zusammentreffen von Galaxien die Sterngeburtenrate um das bis zu 33-Fache erhöhen kann und wie dadurch der Anteil der schweren Elemente in diesen Galaxien besonders leicht und schnell anwachsen kann. 

Wir wollen nun dem Zusammenhang zwischen dem Anteil schwerer Elemente und der Entstehung von Leben in einer Galaxie oder in einem Galaxie-Bereich, in einer galaktischen habitablen Zone noch genauer nachgehen.

Zunächst einmal: Über den Weg unseres Sonnensystems und unserer Erde durch unsere Galaxie in den letzten fünf Milliarden Jahren kann die Forschung, soweit erkennbar, bislang noch vergleichsweise wenig sagen (1). 1999 haben deutsche Forscher - umstrittene - Hinweise darauf veröffentlicht, daß geringe Überreste einer Supernova, die sich vor vielen Millionen Jahren ereignet haben könnte, den Weg zu unserer Erde gefunden haben könnten (2). In einer Art Jux-Wissenschaftsvideo wurden kürzlich "Theorien" vorgestellt, wie man unser ganzes Sonnensystems "wegschieben" könnte, wenn es bei seiner Wanderung durch die Spiralarme der Milchstraße in die Nähe eines gefährlichen Supernova-Ausbruchs geraten sollte (12). Immerhin macht es die Frage bewußt, wie unser Sonnensystems dies eigentlich in den letzten 4,5 Milliarden Jahren vermieden hat. War das nur ein großer Glücksfall? Oder war es sowieso eher unwahrscheinlich in die Nähe einer Supernova zu geraten, da es eben heute so viel weniger Sternentstehungs-Aktivität in unserer Milchstraße gibt?

Wir wollen uns nun aber vor allem auch vor Augen halten, daß Habitabilität in einer Galaxie nicht in aller erster Linie durch die so wichtigen Supernova-Ereignisse entsteht, die die Metallizität in einer Galaxie erhöhen, sondern durch das Ausbrennen von Roten Riesen, die einstmals Sterne waren von der Größe der Sonne oder etwas größer (3):

Der größte Teil der schweren Elemente, vor allem Kohlenstoff stammt vornehmlich von nuklearen Prozessen in Sternen, die nicht größer sind als wenige Sonnenmassen, die sich relativ langsam entwickeln, und die ihre Produkte eher in dem Sternenwind eines Roten Riesen und in Planetarischen Nebeln verbreiten als in Supernova-Ereignissen.
The bulk of the heavy elements, and notably much of the carbon, come primarily from nuclear processes in stars of no more than a few solar masses, which evolve relatively slowly and release their products in red-giant winds and planetary nebulae rather than in supernova events.

Hier lernen wir also, daß Rote Riesen und ihre Produkte, Planetarische Nebel noch bedeutsamer sind für das Anwachsen des Anteils schwerer Elemente in einer Galaxie als Supernova-Ereignisse. Insgesamt scheint es da tatsächlich doch einer bunten Vielfalt von Sterntypen und Stern-Entwicklungsgeschichten zu bedürfen, um jene Metallizität hervorzubringen, die wir heute in unserer Milchstraße und in unserem Sonnensystem beobachten.

Um an dieser Stelle noch Mißverständnisse zu vermeiden: Planetarische Nebel (Wiki) haben nichts mit Planeten zu tun. Es handelt sich bei diesem Begriff um eine rein historische Bezeichnung. Ein "Planetarischer Nebel" ist vielmehr der übrig gebliebenen Nebel eines zunächst sich aufblähenden und dann in sich zusammen sinkenden Sterns von einer oder mehreren Sonnenmassen, also eines Sterns, der sich zuvor zu einem Roten Riesen aufgebläht hatte (Wiki):

Planetarische Nebel spielen eine entscheidende Rolle in der chemischen Evolution der Galaxis, da das abgestoßene Material die interstellare Materie mit schweren Elementen wie Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Calcium und anderen Reaktionsprodukten der stellaren Kernfusion anreichert. In anderen Galaxien sind planetarische Nebel manchmal die einzigen beobachtbaren Objekte, die genug Information liefern, um etwas über die chemische Zusammensetzung zu erfahren. (...) Planetarische Nebel bestehen zu nennenswerten Teilen auch aus Elementen wie Kohlenstoff, Stickstoff und Sauerstoff, mit denen sie das interstellare Medium anreichern.
Abb. 4: Die Zunahme der schweren Elemente (der "Metallizität") während der Geschichte einer Galaxie

Und weiter (3):

Sterne im Halo (Zentrum) einer Galaxie und vermutlich ebenso Sterne im dickeren Teil der Galaxienscheibe haben vermutlich nicht ausreichend schwere Elemente in ihren protostellaren Hüllen, um aus ihnen erdähnliche Planeten hervorgehen lassen zu können. Einen sicheren Weg zu verstehen, welche Anreicherung an schweren Elementen ausreichend ist, um genügend Wahrscheinlichkeit zu schaffen für die Entstehung eines erdähnlichen Planeten in einer protoplanetaren Scheibe, besitzen wir derzeit noch nicht. Zumindest 50 % der Menge schwerer Elemente, die die Sonne besitzt, scheint dafür nicht unrealistisch zu sein und soll hier angenommen werden. Wenn diese Annahme korrekt ist, dann wären dafür nur wenige Sterne qualifiziert, bevor die Galaxie die Hälfte ihres gegenwärtigen Alters erreicht hätte, also etwa vor 7 Milliarden Jahren.
Halo stars, and perhaps also the thick disk stars, may have had insufficient metals in their protostellar envelopes to make Earth-like planets. We have no sure way of knowing what level of metal enrichment is necessary to load the dice in favour of terrestrial planet formation in a protoplanetary disk; a figure of at least 50% of solar seems not unreasonable and will be assumed here. If this is correct, then few if any stars would have qualified until the Galaxy was about half its present age, i.e. until roughly 7 Gyr ago.

Und weiter (3):

Eine bemerkenswerte Tatsache ist hinsichtlich unseres eigenen Sonnensystems in Rechnung zu stellen. Unser Sonnensystem ist überreich an schweren Elementen verglichen mit den durchschnittlichen interstellaren Anteilen zur Zeit seiner Entstehung vor 4,6 Milliarden Jahren. Tatsächlich ist der Anteil an schweren Elementen der Sonne vergleichbar mit heutigen interstellaren Anteilen. Das Zustandekommen dieser Anomalie ist noch nicht sehr gut verstanden (....). Auf jeden Fall haben diese Umstände zu einem vielfältigen Angebot an Rohmaterial geführt in jener Sonnen-Wolke, von der die Erde und seine Biosphäre gebildet worden sind.
When we consider our own Solar System, a remarkable fact has to be taken into account. The Solar System is substantially over-abundant in metals compared with average interstellar abundances at the time of its formation 4.6 Gyr ago. Indeed, solar abundances are similar to present interstellar abundances. The origin of this anomaly is not well understood (...). In any case, this circumstance must have resulted in a plentiful supply of raw materials in the solar nebula from which to form the Earth and its biosphere.

Wir merken, daß wir uns hier in Bereichen bewegen, die von der Forschung noch nicht abschließend haben geklärt werden können. Die Erklärung des hier umsonnenen Umstandes, daß die Metallizität der Sonne der Metallizität unserer Milchstraße ähnelt, obwohl in unserer Milchstraße nach der Entstehung des Sonnensystems sich doch durch Sternentstehung noch mehr Metallizität hätte ansammeln können, scheint noch nicht widerspruchsfrei zu gelingen. Aber vielleicht hat ja der oben zitierte Astroblogger Alpha Cephei recht, wenn er meint, daß das daran liegt, daß die heutige Sternentstehungsrate in unserer Galaxie vernachlässigbar wäre zu jener, die es in der Frühgeschichte unserer Galaxie gegeben hat. Sollte das von den Astrophysikern noch nicht berechnet worden sein? Welche Erhöhung der Metallizität in einer Galaxie eine 33-fach erhöhte Sternentstehungsrate mit sich bringt? Und ob sich die Metallizität einer Galaxie über Jahrmilliarden noch großartig ändern kann, wenn nur noch eine 33-fach niedrigere Sternentstehungsrate vorliegt?

"Rare Earth"-Hypothese

All das sind Fragen, die nicht zuletzt in den Themenbereich der Astrobiologie (Wiki) fallen, die aber besonders intensiv rund um die sogenannte "Rare Earth-"Hypothese erörtert werden, die im Jahr 2000 aufgestellt worden ist. Einer ihrer Gedankengänge lautet (Wiki):

Ein bewohnbares Planetensystem muß seine begünstigte Position (innerhalb ihres Galaxienarmes, ihrer Galaxie) lange genug beibehalten, damit dort komplexes Leben evolvieren kann. Ein Stern mit einer exzentrischen (elliptischen oder hyperbolischen) galaktischen Umlaufbahn wird sich durch einige Spiralarme hindurch bewegen, die (für Leben) ungünstige Regionen mit hoher Sternendichte darstellen; deshalb muß ein Leben-tragender Stern eine galaktische Umlaufbahn aufweisen, die fast kreisrund ist, zusammen mit einer engen Synchronisation zwischen der galaktischen Umlaufgeschwindigkeit des Sternes selbst und seines Spiralarms.
A habitable planetary system must maintain its favorable location long enough for complex life to evolve. A star with an eccentric (elliptic or hyperbolic) galactic orbit will pass through some spiral arms, unfavorable regions of high star density; thus a life-bearing star must have a galactic orbit that is nearly circular, with a close synchronization between the orbital velocity of the star and of the spiral arms.

Womit doch gesagt wäre: Er muß in seinem eigenen Spiralarm bleiben. (Wobei noch zu klären wäre, wie sich Spiralarme überhaupt im Verlauf der Geschichte einer Galaxie verändern.) Das sind jedenfalls Gedanken, die von der Faktenlage her - wie wir oben sahen - noch wenig geklärt sind, die aber natürlich zunächst recht viel Plausibilität für sich haben. Wir lesen aber nun weiter (Wiki):

Die Umlaufbahn der Sonne um das Zentrum der Milchstraße ist tatsächlich fast perfekt kreisrund mit einer Periode von 226 Millionen Jahren, womit sie genauso lange braucht wie die Galaxie selbst für einen Umlauf. Die Mehrheit der Sterne in Balkenspiralgalaxien [Wiki] befinden sich aber sowieso eher in den Spiralarmen als im Halo (Zentrum) und bewegen sich auf Umlaufbahnen, die durch die Gravitation aufeinander abgestimmt ist, so daß die Umlaufbahn der Sonne keineswegs ungewöhnlich ist. (...) Die Astronomin Karen Masters hat aber im Gegensatz dazu berechnet, daß die Umlaufbahn der Sonne sie ungefähr alle 100 Millionen Jahre durch durch einen (neuen) Spiralarm führt. Einige Forscher vermuten, daß einige Massenaussterbeereignisse auf der Erde mit dem früheren Durchlauf durch Spiralarme korrespondieren.
The orbit of the Sun around the center of the Milky Way is indeed almost perfectly circular, with a period of 226 Ma (million years), closely matching the rotational period of the galaxy. However, the majority of stars in barred spiral galaxies populate the spiral arms rather than the halo and tend to move in gravitationally aligned orbits, so there is little that is unusual about the Sun's orbit. (...) Astronomer Karen Masters has calculated that the orbit of the Sun takes it through a major spiral arm approximately every 100 million years. Some researchers have suggested that several mass extinctions do correspond with previous crossings of the spiral arms.

Masters bezieht sich dabei aber auf eine Arbeit aus dem Jahr 1978. Sie macht klar, was für unterschiedliche Sichtweisen es heute noch zu dem Weg unseres Sonnensystems durch unsere Galaxie geben kann (4):

Ungefähr alle 100 Millionen Jahre durchlaufen wir einen Spiralarm, wobei wir zehn Millionen Jahre brauchen, um einen zu durchwandern. Während des Durchlaufs dürfte es eine höhere Rate an "nahegelegenen" Supernova-Ereignissen geben oder womöglich anderen sogenannten "Umwelt-Beeinträchtigungen", die das Klima hier auf der Erde beeinflussen könnten. Es gibt einen interessanten Review-Artikel darüber (und andere äußere Einflüsse auf das Klima der Erde mit Bezug zu möglichen Ursachen für das Aussterben der Dinosaurier), von dem ich die meisten meiner Zahlenangaben beziehe. Er stammt von Russell und ist 1978 im "Annual Review of Earth and Planetary Science" erschienen.
We pass through a major spiral arm about every 100 million years, taking about 10 million years to go through. During the transit, there would be a higher rate of 'nearby' supernova and possibly other so called 'environmental stresses' which could alter the climate of the Earth. There is an interesting review of this (and other external influences on the climate of the Earth with reference to possible causes of the extinction of the dinosaurs) from which I get most of my figures. It's Russell, 1978 in the Annual Review of Earth and Planetary Science.

Wir wollen an dieser Stelle nicht zu klären versuchen, wie viel Spekulation und wie viel gesichertes Wissen sich hinter diesen Worten verbirgt. Vermutlich verbirgt sich hinter ihnen wesentlich mehr Spekulation denn gesicherten Wissens, denn wie wir hörten, kommen andere Astronomen bezüglich der Umlaufbahn unserer Sonne um das galaktische Zentrum zu anderen Einschätzungen. Es wäre an dieser Stelle zu fragen, wie gut erforscht es eigentlich ist, welche unterschiedlichen Umlaufbahnen Sterne um das Zentrum einer Spiralgalaxie haben können und wie häufig es vorkommt, daß Sterne ihren eigenen Spiralarm während der normalen Existenz einer Galaxie verlassen. Zu all dem wird wohl die Auswertung der durch den Forschungssatelliten Gaia gesammelten Daten in näherer Zukunft neue Einsichten vermitteln.

Daß die Umlaufbahnen von Sternen in einer Galaxie durch die Begegnung oder den Zusammenstoß mit einer anderen Galaxien "durcheinander" gewirbelt werden können, steht ja außer Frage. Deshalb wird man auch von dieser Sichtweise her sagen dürfen, daß Begegnungen mit anderen Galaxien besser lange vor der Entstehung von Leben oder lange nach dem Verlöschen von Leben in einer Galaxie statthaben "sollten", damit eine Galaxie genügend Konstanz für die Evolution von Leben auf einem oder mehreren von Planeten aufrecht erhalten kann, die jene ihrer Sterne umkreisen, die eine vergleichsweise konstante Lebendauer aufweisen (so wie unsere heiß geliebte Sonne).

Noch ein weiteres wichtiges Faktum zu solchen Fragen. Sehr spannend ist nämlich auch die folgende Überlegung (Wiki):

Ungefähr 77 % der beobachteten Galaxien weisen Spiralstruktur auf,  zwei Drittel von all diesen Spiralgalaxien weisen eine Balkenstruktur [Wiki] auf und mehr als die Hälfte von ihnen weisen - wie die Milchstraße - zahlreiche Spiralarme auf. Unsere eigene Galaxie ist nach der "Rare Earth"-Hypothese ungewöhnlich ruhig und dämmrig, wodurch sie nur 7 % ihrer Art repräsentiert. Aber selbst damit würde sie immer noch mehr als 200 Milliarden Galaxien im bekannten Universum repräsentieren.
Approximately 77% of observed galaxies are spiral, two-thirds of all spiral galaxies are barred, and more than half, like the Milky Way, exhibit multiple arms. According to Rare Earth, our own galaxy is unusually quiet and dim (see below), representing just 7% of its kind. Even so, this would still represent more than 200 billion galaxies in the known universe.  

Das soll wohl heißen: Wenn wir denn nach weiterem Leben in diesem Universum suchen, dann sollten wir in diesen 200 Milliarden Galaxien suchen, die "ungewöhnlich ruhig und dämmrig" sind. Denn solche, so wird hier - plausibel - postuliert, ist besonders geeignet, Leben in sich bergen zu können, das, wie wir von unserem Planeten wissen, gerne einmal 3 Milliarden Jahre lang Anlaufzeit benötigt, um Fahrt aufzunehmen, und um "höheres Leben" zu entwickeln.

Supernova, Neutronenstern ...

Um so mehr man sich mit dem heutigen Stand der astrophysikalischen Forschung beschäftigt, um so mehr wird einem deutlich, was man alles noch wissen sollte, um wirklich einen gründlichen "Überblick" über diesen zu besitzen. Deshalb werden weitere Beiträge als Fortsetzung dieser Reihe "Wir sind Sternenstaub" folgen. In diesen werden wir uns unter anderem mit Supernava-Ereignissen noch genauer beschäftigen. Große Sterne sterben in Pracht und Herrlichkeit - als Supernova (13). Jedes Jahr werden heute von den Astronomen weltweit über tausend Supernova-Ereignisse im Weltall festgestellt (Wiki):

Wie oft Supernovae in einer Galaxie auftreten, hängt davon ab, wie viele Sterne in ihr neu entstehen. Denn sehr massereiche Sterne, die in Supernovae enden, haben eine nach astronomischen Zeitmaßstäben nur kurze Lebensdauer von einigen zehn Millionen Jahren. Für die Milchstraße werden etwa 20 ± 8 Supernovae pro Jahrtausend geschätzt, wovon im letzten Jahrtausend sechs beobachtet wurden. Etwa zwei Drittel der galaktischen Supernovae blieben durch die Extinktion (Lichtabsorption) der galaktischen Scheibe verborgen.

Wie unsere Erde und unser Sonnensystem bloß drei Milliarden Jahre lang es geschafft haben, keiner Supernova-Explosion gar zu nahe zu kommen? Auch diese Frage ist - wie wir oben sahen - noch keineswegs annähernd geklärt. - Einen herrlichen Nebel hinterläßt eine solche Supernova als "Supernovaüberrest". In einem solchen Nebel - wie etwa dem Krebsnebel - verbergen sich dann gerne einmal ziemlich "unheimliche" blitzartig pulsierende Neutronensterne, Pulsare (14). ...

Wie unheimlich unser Weltall doch ist.

Die Schilderung eines solchen Pulsars (14, S. 15-20) kann einem deutlich machen, daß "Habitabilität" - Bewohnbarkeit durch Lebewesen - bei weitem nicht das einzige Merkmal ist, durch das sich unser Weltall charakterisieren läßt. Das extreme - und außerordentlich exzentrische Gegenteil solcher Habilität - ist ebenso verwirklicht. Der Eingang zur Hölle - er findet sich etwa, wenn wir das Zentrum des Krebsnebels erforschen (14). Und der Übergang vom Sein zum Nichtsein, von "aufgefalteter", sich herrlich entfaltender Materie hin zu extrem zusammen geballter Materie (Neutronenstern) scheint sich ebenso herrlich und vielfältig zu vollziehen, wie der Übergang vom Nichtsein zum Sein. Womit wir zum Ausgangsgedanken dieses Beitrags zurückgekehrt sind. Wer sich eine annäherungsweise Anschauung dessen verschafft hat, was ein "Neutronenstern" ist (14), der wird - vielleicht - auch eine noch bessere Ahnung dessen gewinnen können, was die weitere Steigerung von Nichtsein in unserem Weltall angeht, nämlich eine Ahnung dessen, was "Schwarze Löcher" eigentlich sind, diese unheimlichen Schwerkraft-Monster, die alles verschlucken.

Das Drama des menschlichen Lebens mit all seiner Herrlichkeit und all seinen "Abgründen", dieses Drama findet sich am Sternenhimmel wieder in "konvergenten" "Entsprechungen" wie sie sich kein menschliches Hirn hätte ausdenken können, von denen wir aber sofort erahnen können, daß Dante oder Shakespeare keine Probleme gehabt hätten, zu sagen: Die Astrophysiker des 21. Jahrhunderts haben recht. Nichts entspricht Dasein an sich mehr als jene Dramatik, als jene unendlich vielfältigen Dramen, die wir am Sternenhimmel beobachten können.***) Wir hatten recht und werden immer recht behalten:

"Sein oder Nichtsein - das ist hier die Frage!"

 

// Dies ist der vierte Beitrag in unserer 
Blogartikel-Serie "Wir sind Sternenstaub"
 Die anderen Beiträge:

 

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*) Um das Zitat im Wortlaut zu bringen:
Nie geboren zu sein:
Höheres denkt kein Geist.
Doch das Zweite ist dies:
Schnell zu kehren zum Ursprung.
So der griechische Dichter Sophokles in der Tragödie "Ödipus auf Kolonos". Friedrich Hölderlin wählte dieses Wort als Vorspruch des zweiten Bandes seines Romans "Hyperion".
**) Dem Astrophysikers Matthias Steinmetz - Göttingen - ist für den Hinweis auf diese Tafel in einem interessanten Vortrag aus dem letzten Jahr (8), und zwar dort in Minute 19'10 zu danken.
***) Schön übrigens auch wie der Astrophyisker Joseph Gassner jüngst einen seiner Vorträge abschloß (11): "Aus Staub wurdest du, zu Staub wirst du wieder werden." (1. Mose 3, 19) Ja, die moderne Astrophysik lehrt wieder den Respekt vor den alten religiösen und kulturellen Überlieferungen, sie lehrt uns wieder, was groß ist - und was zu klein und läppisch ist, um überhaupt irgendein Wort darüber zu verlieren.

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  1. Battersby, Stephen: Earth's wild ride: Our voyage through the Milky Way. New Scientist, 30 November 2011, https://www.newscientist.com/article/mg21228411-500-earths-wild-ride-our-voyage-through-the-milky-way/.
  2. Indication for Supernova Produced 60Fe Activity on Earth. K. Knie, G. Korschinek, T. Faestermann, C. Wallner, J. Scholten, and W. Hillebrandt. In: Phys. Rev. Lett. 83, 18, Published 5 July 1999, https://journals.aps.org/prl/abstract/10.1103/PhysRevLett.83.18
  3. Doug Whittet: Galactic metallicity and the origin of planets (and life). Astronomy & Geophysics, October/November 1997 Vol 38 Issue 5, Seite 8, https://academic.oup.com/astrogeo/article/38/5/8/213061.
  4. Masters, Karin: How often does the Sun pass through a spiral arm in the Milky Way?, April 2016, http://curious.astro.cornell.edu/physics/55-our-solar-system/the-sun/the-sun-in-the-milky-way/207-how-often-does-the-sun-pass-through-a-spiral-arm-in-the-milky-way-intermediate
  5. Rainer Kayser: Häufigkeit schwerer Elemente entscheidet über Planetenradien, 28.05.2014, https://www.weltderphysik.de/gebiet/universum/news/2014/schwere-elemente-planetenentstehung/.
  6. L. A. Buchhave et al.: Three regimes of extrasolar planet radius inferred from host star metallicities, Nature, 2014, https://www.nature.com/articles/nature13254, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4048851/.
  7. Gab es den Urknall wirklich? In 7 Teilen. Scienceblogs, 2019, https://scienceblogs.de/alpha-cephei/2019/03/27/gab-es-den-urknall-wirklich-uebersicht/.
  8. Matthias Steinmetz: Wie ist die Milchstraße entstanden? Galaktische Ausgrabungen. Live im Hörsaal, 27.10.2019, https://youtu.be/Mxdn6k2-cyM.
  9. Pockock, Peter (leitende Textredaktion): Der Kosmos. Reise durch das Universum. Time-Life Bücher, Amsterdam 1989 [engl. 1988]
  10. Urban, Karl: 1,8 Milliarden Sterne. AstroGeo Podcast, 18. Dez 2020, https://scilogs.spektrum.de/astrogeo/astrogeo-podcast-18-milliarden-sterne/
  11. Gaßner, Josef M.: Adlernebel • Säulen der Schöpfung • NGC6611 • IC4703 • M16 • Einblicke ins Weltall, 11.12.2020, https://youtu.be/ZLtnJtnehCM
  12. Laßt uns das Sonnensystem verschieben! - Der Stellarantrieb. In: Dinge Erklärt - Kurzgesagt (1,16 Mio. Abonnenten), 13.01.2021, https://youtu.be/dEesh2R0M94
  13. v. Buttlar, Johannes: Supernova. Die jüngsten kosmischen Entdeckungen. Die Geburt eines neuen Weltbildes. Herbig Verlagsbuchhandlung, München, Berlin 1988 
  14. Greenstein, George: Der gefrorene Stern. Pulsare, Schwarze Löcher und das Schicksal des Alls. dtv 1988 [englische Original: 1983; Econ Verlag, Düsseldorf 1985]

Donnerstag, 31. Dezember 2020

Starburst-Galaxien ...

... und ihre bis zu 33-fach erhöhte Sternentstehungsrate
- Zusammenstöße von Galaxien mit anderen - Sie intensivierten die Entstehung schwerer Elemente
 
/ Dritter Beitrag in der unserer Reihe "Wir sind Sternenstaub" /

Küßten sich zwei Galaxien - und aus diesem Kuß gingen hunderte, ja tausende von jungen, hellen, fröhlichen Sternenkindern hervor. So könnten wir die folgende Geschichte erzählen. Aber wir wollen in der Sprache der Wissenschaft bleiben und sagen (Wiki):

Die meisten Galaxien erfahren wahrscheinlich im Verlauf ihrer (Milliarde Jahre langen) Existenz mindestens einmal ein sehr bedeutsames Zusammentreffen mit einer weiteren Galaxie.
Original: Most galaxies probably undergo at least one significant collision in their lifetimes.

Und aus einem solchen Zusammentreffen entstehen "Starburst-Galaxien" (Wiki). Was für ein Name: Starburst-Galaxie. "Burst" heißt auf Deutsch: platzen, ausbrechen, explodieren. Mit "Starburst" ist aber hier gar nicht das Explodieren von Sternen gemeint. (Das wäre ja erst das Ende eines Sterns und nicht alle Sterne enden als eine solche Explosion, als Supernova - wenn auch deren Auftreten in dieser Art von Galaxie ebenfalls häufiger zu beobachten ist.) Vielmehr ist hier damit gemeint die deutliche Erhöhung von Sternentstehungsraten innerhalb einer Galaxie. Sie kann sich durch das Zusammentreffen von Galaxien um das 33-fache erhöhen gegenüber den gewöhnlichen Lebensphasen einer Galaxie.

Abb. 1: Sternentstehungsgebiete in der Whirlpool-Galaxie M 51 (Wiki) - Die vielen hellen, rosa gefärbten Stellen sind Sternentstehungsgebiete. Die Galaxie wabert von Sterngeburten (Aufnahme vom Hubble-Weltraumteleskop)

Der Grund liegt in den "Gezeiten-Wirkungen", die dabei ausgelöst werden, also in den Wirkungen, die die Gravitation der beiden Galaxien auf das in den beiden Galaxien wabernde interstellare Medium ausübt. Der dadurch erhöhte Druck innerhalb der Wolken des interstellaren Mediums bewirkt die erhöhten Sternentstehungsraten.

Starburst-Galaxien sind mithin der eigentliche Schwangerschaftszustand einer Galaxie. Starburst-Galaxien feiern Hochzeit, mitunter in einem erhabenen, hingebungsvollen Taumel (Abb. 1 und 2). Aber eben so ist die Rate der Sternentode in solchen Galaxien erhöht, also - unter anderem - von Supernova-Ereignissen, sowie von der Produktion Roter Riesen und Roter Zwerge. Sprich, das ganze "Leben" einer Galaxie ist in Starburst-Galaxien vervielfältig, erhöht, beschleunigt. Sie befinden sich in einem ganz anderen "Erregungszustand". 

Eine Starburst-Galaxie wabert von Sterngeburten und Sternentoden. Unter diesen Sternentoden gibt es auch viele Rote Riesen, die "rußen" und die dabei besonders viel "lebenswichtigen" Kohlenstoff erzeugen und diesen in jenen sogenannten "Planetarischen Nebeln" zurücklassen, die sie von sich abstoßen, wenn sie zu Weißen Zwergen erlöschen. Die wichtigste Folge von einem solchen vervielfältigten Geschehen von Sterngeburten und Sternensterben der verschiedensten Art ist: Die "Metallizität" der Galaxie, der Anteil an schweren Elementen in ihr steigt. Und diese Metallizität gilt als Voraussetzung dafür, daß auf Planeten, die um Sterne kreisen, Leben entstehen kann.

Allerdings ist es ebenfalls wohl noch keineswegs besonders genau bestimmt, wie hoch die Metallizität insgesamt sein muß, damit protoplanetare Scheiben, Planeten und auf ihnen Leben entstehen kann. Hierzu erscheinen zur Zeit immer wieder neue Forschungsartikel. Auf einige von ihnen werden wir im nachfolgenden Beitrag noch genauer eingehen. Auch erscheinen gerade erst seit 2018 Forschungsartikel, die aufzeigen können, welche Kollisionsgeschichte, also welche "Starburst"-Geschichte eigentlich unsere eigene Milchstraße hinter sich hat. Dazu am Ende diess Beitrages mehr. Erst wollen wir noch einige Grundlagen legen.

Sterne der "Populationen III" und "II" werden als die älteren Sterngenerationen in den Galaxien unseres Universums bezeichnet (s. Anmerkung 1). Um so älter die Sterne in den Galaxien unseres Weltalls sind, um so geringer ist ihre "Metallizität". "Metallizität" ist geradezu der Zentralbegriff für die Fragestellung unserer Beitragsreihe "Wir sind Sternenstaub". Denn in welcher Weise wir Sternenstaub sind, hängt immer und immer nur wieder von der jeweiligen "Metallizität" eines Sterns, bzw. der Molekülwolke ab, aus der dieser Stern entsteht. "Metallizität" nun ist (Wiki) ...

... eine Bezeichnung für die Häufigkeit der schweren chemischen Elemente in Sternen. Als "Metalle" werden dabei (...) alle Elemente außer Wasserstoff und Helium bezeichnet, seltener die Elemente ab Kohlenstoff, also ab einer Kernladungszahl von sechs. (...) Sterne mit niedriger Metallizität (Population II) sind in einem früheren Entwicklungsstadium des Universums entstanden, als erst wenige "Metalle" vorhanden waren. Sterne mit hoher Metallizität (Population I) sind zu einem späteren Zeitpunkt aus der mit schweren Elementen angereicherten "Asche" früherer Sternengenerationen entstanden.

Es war der deutsche, Hamburger Astronom Walter Baade (1893-1960), der während des Zweiten Weltkrieges in den USA die Grundlagen zu diesen Erkenntnissen legen konnte, da er als deutscher Emigrant nicht zu kriegswichtigen Forschungsarbeiten herangezogen wurde und so im Gegensatz zu seinen US-amerikanischen Astronomie-Kollegen in aller Ruhe astronomische Forschungen dort betreiben konnte (s. Anhang 1). Wie kommt es nun, daß Sterngenerationen aufeinander folgen können in der Geschichte der Galaxien unseres Universums? 

"Whirlpool-" und wilde "Antennen-Galaxien"

Als Beispiel für eine Galaxie mit besonders vielen aktiven Sternentstehungsgebieten wird oft die "Whirlpool-Galaxie" (Wiki) angeführt (Abb. 1). Sie ist 25 Millionen Lichtjahre von uns entfernt und seit weit über hundert Jahren ein beliebtes Beobachtungsobjekt für Amateur-Astronomen. Die Whirlpool-Galaxie war auch jene Galaxie, bei der 1845 ein irischer Adliger zum ersten mal die Spiralstruktur von Galaxien entdeckt hat. Zuvor hatte man von allen Galaxien angenommen, daß es sich um bloße Sternenhaufen handeln würde ohne weitere innere Struktur.

Als zwei weitere bekannte Starburst-Galaxien, die im Erscheinungsbild zudem noch in mehrfachster Hinsicht eindrucksvoll sind, gelten die "Antennen-Galaxien" (Wiki) (Abb. 2). Welcher menschliche Künstler hätte auf die Idee kommen können, sich ein solches herrisches, stolzes, völlg exzentrisches Geschehen vorzustellen und zu malen? Fast möchte man es angesichts eines solchen Bildes als bedauernd ansehen, daß unsere eigene Galaxie - nach derzeitigem Kenntnisstand - eine solche völlig außer sich geratene Geschichte nicht hinter sich hat (siehe unten).

Abb. 2: In herrischer, wilder, erhabener, stolzer Selbstaufgabe befindlich: Zwei der bekanntesten Starburst-Galaxien, die beiden "Antennen-Galaxien" (Wiki)

Bleiben wir aber zunächst bei der Whirlpool-Galaxie. Sie hat - obwohl man das auf den ersten Blick gar nicht als wichtig nimmt - einen nahen, "wechselwirkenden" Begleiter, die Begleitgalaxie NGC 5195 (in Abb. 1 am rechten Bildrand). Dieser nahe "wechselwirkende" Begleiter ist nun keineswegs so unwichtig als wie man ihn auf den ersten Blick erachten würde. Er erst macht diese Galaxie zu einer wirklich interessanten, "Sternen-schwangeren" Galaxie. Wie nämlich die Forschung seit den frühen 1970er Jahren immer besser versteht, ist ein solcher Begleiter keineswegs bloß eine "Nebensache" für die Lebensgeschichte von Galaxien und den darin geborenen Sternen.

Denn insbesondere solcher Wechselwirkungen mit anderen Galaxien scheint es zu bedürfen, um die Sternentstehungsrate in einer Galaxie um ein solches Vielfaches zu erhöhen, daß sie zu einer "Starburst-Galaxie" wird.

Sollte die Monogamie-These auf die Galaxien-Welt erweitert werden?

Mit großem Erstaunen fragt man: Warum hat sich die Natur so etwas ausgedacht? Kann etwa die "Monogamie-These" zur Evolution von Komplexität in der Organismenwelt, die wir hier auf dem Blog schon umfangreich behandelt haben, erweitert werden auf die Sternenwelt? Immer wieder stehen wir fasziniert vor neuen, höchst erstaunlichen Tatsachen, nun auch in der Sternenwelt. Hören wir weiter über die "Whirlpool-Galaxie" (Wiki):

In M 51 findet derzeit eine außergewöhnlich aktive Sternentstehung statt, die vermutlich durch die Gezeitenwechselwirkung mit NGC 5195 verursacht wird. Deswegen hat die Galaxie einen hohen Anteil junger und massereicher Sterne, die aber mit einigen Millionen Jahren nur vergleichsweise kurzlebig sein werden. In M 51 wurden innerhalb von 17 Jahren drei Supernovae beobachtet.

Massereiche Sterne heißt: Sie werden in einigen Millionen Jahren in einer Supernova enden. Und das heißt wiederum: In diesen Sternen wird jene Metallizität produziert und dann mitsamt der Supernova im jeweiligen Galaxienarm verteilt, die notwendig ist, damit sich die Metallizität der Sterne allmählich innerhalb der Entwicklung unseres Universums erhöhen kann und damit vermutlich zugleich auch die Fähigkeit und Wahrscheinlichkeit, daß auf jenen Planetensystemen, die die daraus entstehenden Sterne begleiten, Leben entstehen kann. Über - für Leben bewohnbare - "Habitable Zonen" in Galaxien erfahren wir (Wiki):

So wird gesprochen (...) von einer habitablen Zone einer Galaxie, in der sich bereits genügend schwere Elemente gebildet haben, aber andererseits nicht zu viele Supernova-Explosionen ereignen.

Das Konzept der galaktischen, habitablen Zone wurde erstmals 2001 von dem Astrophysiker Guillermo Gonzales formuliert (4). Das heißt, Starburst-Galaxien eignen sich zwar zur Anreicherung schwerer Elemente. Weil es in ihnen aber auch so viele Supernova-Explosionen gibt, ist in ihnen die Entstehung und Milliarden Jahre lange Fortexistenz von Leben weniger wahrscheinlich (Wiki):

Ursprünglich bezog sich dies Konzept (englisch galactic habitable zone, GHZ) nur auf den chemischen Entwicklungsstand einer galaktischen Region, wonach genügend schwere Elemente in einer Region einer Galaxie vorhanden sein müssen, damit Leben entstehen kann. (...) In den inneren Regionen einer Galaxie läuft diese Nukleosynthese schneller ab als in den äußeren Regionen, weswegen man einen maximalen Radius der galaktischen habitablen Zone definieren kann.  Später kam als weiteres Kriterium hierzu die Sternbildungsrate in der jeweiligen Region einer Galaxie hinzu. Befindet sich ein Stern mit einem Planeten zu dicht an einer Supernovaexplosion, die bevorzugt in Regionen mit aktiver Sternbildung stattfinden, wird dadurch die Atmosphäre des Planeten zu sehr gestört und der Planet zu starker kosmischer Strahlung ausgesetzt, als daß sich Leben dauerhaft entwickeln könnte. Für Spiralgalaxien wie der Milchstraße steigt die Supernovarate zu den inneren Regionen einer Galaxie hin an. Daher kann man auch einen inneren Radius der galaktischen habitablen Zone angeben. Das bedeutet, daß die galaktische habitable Zone einer Spiralgalaxie wie der Milchstraße einen Ring um das Zentrum der Galaxie bildet. Innerhalb dieses Rings ist die Sterndichte zu hoch, außerhalb ist die Dichte zu gering, als daß genug Sterne schon genug schwere Elemente produziert haben. Im Laufe der Zeit vergrößert sich der Bereich jedoch nach außen. Andererseits sind viele dieser Parameter sehr unsicher, sodaß es auch durchaus möglich sein kann, daß die gesamte Milchstraße in diesem Sinne „bewohnbar“ ist.

Wie gut - oder: welch Zufall! - daß unsere Galaxie, die Milchstraße vermutlich ihre letzte Galaxien-Kollision schon vor 9 Milliarden Jahre hatte und seither - verglichen mit anderen Galaxien - auf eine außergewöhnlich ruhige Lebensgeschichte zurück blicken kann (siehe unten). Wie gut für uns, offenbar. Zu viel Exzentrik hätte - womöglich - unsere Existenz gefährdet.

Abb. 3: Wenn sich Galaxien küssen .... entstehen besonders viele neue, kleine, helle Sternenkinder - Galaxien aber sind "Lebenskünstler" mit den vielfältigsten Kußtechniken .... (Wiki)

 

Gibt es erst seit 5 Milliarden Jahren ausreichende Metallizität in unserem Universum für Leben?

Bei dieser Gelegenheit erfahren wir, daß auch das "kosmische habitable Zeitalter" begrenzt sein könnte (Wiki):

Dem Konzept des habitablen Alters des Universums (englisch cosmic habitable age, CHA) liegen die chemische Entwicklung der Galaxien seit dem Urknall und die Erkenntnisse über die Strukturentwicklung der Galaxien und Galaxienhaufen zugrunde. Ausgehend von den Erfahrungen der chemischen Evolution auf der Erde kann im Universum seit mindestens 3,5 Milliarden Jahren Leben existieren und wahrscheinlich seit höchstens 5 Milliarden Jahren. Andererseits wird sich in Zukunft die Nukleosynthese durch Sterne soweit verlangsamen, daß in voraussichtlich 10 bis 20 Milliarden Jahren geologisch wichtige radioaktive Elemente nicht mehr in ausreichender Menge im interstellaren Medium vorhanden sein werden, um auf einem neu entstandenen Planeten Plattentektonik in Gang zu halten und ihn so durch den Carbonat-Silicat-Zyklus für die Bildung von Leben im Sinne der zirkumstellaren habitablen Zone geeignet zu machen.

In der Tat scheint die Forschung das Zeitfenster für das Entstehen von Leben in unserem Universum immer mehr zu verkleinern. ... Sollten am Ende wir die einzige Zivilisation im Universum sein, um derentwillen dasselbe entstanden ist? Da sagen natürlich alle "nüchternen" Naturwissenschaftler nach 500 Jahren Demütigung des menschlichen "Mittelpunktwahnes" innerhalb unseres Universums: Welch vermessene Überheblichkeit, so zu denken! Aber warum Überheblichkeit? Womöglich würde damit erst das "Prinzip Verantwortung", formuliert von Philosophen wie Hans Jonas sein volles Gewicht bekommen. Wenn man bedenkt, daß so viel Exzentrik in unserem Universum vom atomar Kleinen bis zum universal Großen nur allein um unseretwillen sich in Szene gesetzt haben könne - sollte das nicht Einfluß auf das menschliche Selbstverständnis haben können? Und zwar nicht in Richtung Überheblichkeit, nein, ganz im Gegenteil. Vielmehr in Richtung: Demut. Universum, welche Gedanken gibst du uns ein, während wir deinen Gesetzen nachspüren? - - - Auf der Whirlpool-Galaxie sind nun all die "rosa" Pünktchen überall verteilt, die "ultravioletten" Sternentstehungsgebiete (s. Abb. 1). Über sie lesen wir (Wiki):

Der ultraviolette Spektralbereich wird von den Spiralarmen von M 51 dominiert. Das liegt daran, daß dort aktive Sternentstehungsgebiete liegen und somit viele junge Sterne früher Typen, also besonders heiße Sterne, existieren, die im Ultraviolett stark strahlen. Das Sternentstehungsgebiet im Spiralarm zwischen M 51 und dem Begleiter ist besonders deutlich zu sehen. Die Sterne der Begleitgalaxie sind in diesem Spektralbereich dagegen so gut wie unsichtbar. 

Es ist doch in der Tat besonders spannend, daß unter den vielen aktiven Sternentstehungsgebieten in der Whirlpool-Galaxie sich die größte Häufigkeit derselben in der nächsten Nähe zum Galaxien-Begleiter findet. Was für eine "Anregung" geht von diesem unauffälligen Begleiter aus! Ist man da nicht erinnert an die "Wallfahrt" der "Frommen Helene", ausgeführt, um dem Kindersegen in einer kinderlosen Ehe auf die Sprünge zu helfen? Hören wir kurz hinein (W. Busch):

Aber dort im Sonnenscheine
Geht Helene traurig-heiter,
Sozusagen, ganz alleine,
Denn ihr einziger Begleiter,
Still verklärt im Sonnenglanz,
Ist der gute Vetter Franz ...

... Durch solch einen unauffälligen Begleiter kann der Kindersegen in einer Ehe dann doch wieder in Schwung kommen. Doch kehren wir aus dem Bereich des "Allzumenschlichen" zurück in die Sternenwelt ...

Wiederkehrende "Schöpfungsmelodien"

Wechselwirkungen einer Spiralgalaxie mit einer anderen - so verstehen die Astronomen seit Anfang der 1970er Jahre also immer besser - rufen besonders viele Sternentstehungsgebiete hervor (Wiki). Es ist also, als bedürfe es auch in der Sternenwelt - wie im Leben der meisten Pflanzen- und Tierarten, sowie der Menschen - der Begegnung mit einem zweiten Elternteil, der "Anregung" durch dieses, damit "Nachkommen" - in diesem Falle Sternenkinder - in besonders großer Häufigkeit entstehen können (- und warum sollte das denn auch immer ausgerechnet der "gesetzlich Vorgesehene" sein?). Und immer wieder drängt sich die Frage auf: Warum sich wohl die Natur das so und nicht anders ausgedacht hat? Warum wir wohl immer wieder auf solche "wiederkehrenden Melodien" innerhalb der Kosmologie und Evolution stoßen? Wir vertiefen uns weiter in die Thematik und lesen (1):

"Galaxienkollisionen beginnen als eleganter Walzer in den enormen Räumen und Zeitspannen der Galaxienwelt", schreibt Curtis Struck von der Iowa State University in seiner Monographie zum Thema. "Und sie enden wie Paarungen von Gottesanbeterinnen oder wie der Wettbewerb zwischen Firmen: indem die größere die kleinere schluckt."

Das heißt, indem eine Verschmelzung beider Galaxien miteinander stattfindet. Aber es geschieht noch Erstaunlicheres (1):

So dramatische Folgen Kollision und Verschmelzung für eine Galaxie hat, ihre Sterne wechseln lediglich das Umfeld. Im Extremfall werden sie vielleicht in den intergalaktischen Raum geschleudert, bleiben ansonsten aber unbehelligt. Warum, könne man sich klarmachen, schreibt Curtis Struck, wenn man die Maßstäbe in Gedanken so weit schrumpfen läßt, daß ein Stern nur noch so groß ist wie ein Sandkorn. Die Milchstraße hätte dann den Durchmesser der Mondbahn, aber zwischen ihren sandkorngroßen Sternen befände sich im Mittel 140 Kilometer leerer Raum. Treffen zwei derart lockere Sandwolken aufeinander, ist eine Kollision zweier Körner extrem unwahrscheinlich. Anders sieht es für Gas- und Staubwolken aus. Sie werden bei einer Galaxienkollision in großem Umfang so weit verdichtet, daß sie an vielen Stellen unter ihrer eigenen Schwerkraft kollabieren und neue Sterne entstehen. Das ist der Grund für das viele Blau und Rosa in Bildern interagierender oder frisch verschmolzener Galaxien: Blau strahlen kurzlebige Riesensterne, und rosa leuchten Gaswolken, die von deren Ultraviolettlicht beschienen werden. Beides sind charakteristische Phänomene in Sternentstehungsgebieten.

Hier werden wir wieder an die Größenverhältnisse der Umlaufbahn der Elektronen um den Atomkern in der Welt des atomar Kleinsten erinnert. Auch diese kehren als "wiederkehrende Schöpfungsmelodie" im Strukturaufbau des Universums - offenbar - wieder. Die hier zu benennenden entscheidenden Zusammenhänge sind noch einmal im Klappentext zum hier zitierten Buch von Curtis Struck aus dem Jahr 2011 benannt (2):

Begegnungen von Galaxien miteinander sind der Schlüsselvorgang für den Bau von Galaxien. Sie geben den Anstoß für die Sternenentstehung und damit für den Aufbau von schwereren Elementen, die die Entstehung von Planeten und Sonnensystemen erlauben.
Galaxy collisions are the key process in building galaxies, triggering the formation of stars and the build-up of heavy elements that allow the formation of planets and solar systems. 

Wir wollen es an dieser Stelle unentschieden lassen, ob es wirklich erlaubt ist, eine solche Aussagen in einer solchen allgemeinen Form zu treffen. Aber wenn es so wäre, wäre noch einmal die Frage zu stellen: Warum ist unser Universum aus sich selbst heraus so durchgestaltet, daß solche "wiederkehrenden Melodien" in ihm zu finden sind? Daß - offenbar - die häufigste Form der Sternenentstehung nicht - sozusagen - "asexueller" Natur ist? Warum beruht - womöglich - sogar unsere eigene Existenz darauf, daß die Sternenentstehung in unserer Galaxie einstmals angestoßen, angeregt worden war durch Wechselwirkung mit anderen Galaxien? Was für ein faszinierender Gedanke.

Galaxien-Kollisionen - Im frühen Universum deutlich häufiger als heute

Um so mehr wir begeistert sind von unserer eigenen Existenz, mit um so mehr Liebe werden wir auf jene "anregenden" Vorgänge der Begegnung und Verschmelzung von Galaxien schauen, die einstmals - - - die Wahrscheinlichkeit, die Möglichkeit von Leben auch in unserer Galaxie erhöht haben werden. Brüder und Schwestern dort in fernen Galaxien, geheiligt seien jene Vorgänge, denen ihr, denen wir unser Dasein verdanken. Preiset das Universum, preiset das Leben, fühlt Euch erhoben beim Anblick der Sterne. Wir lernen weiter (Wiki):

Heute finden sich nur noch etwa eine bis zwei von hundert Galaxien im direkten Prozeß einer Verschmelzung. Es deutet Vieles darauf hin, daß in der Zeit etwa eine Milliarde Jahre nach dem Urknall die damals häufigen Zwerggalaxien vielfach miteinander verschmolzen. (...)
Verschmelzungen von Galaxien dauern mehrere hundert Millionen Jahre bis 1,5 Milliarden Jahre, die Beruhigungsprozesse dauern noch wesentlich länger. Dabei nähern sich die Objekte zunächst einander an und umkreisen sich. Hier spielt es eine Rolle, wie groß bzw. wie schwer die Galaxien im Vergleich zueinander sind. Die Bezugspunkte für die Kreisbahnen sind hier die Zentren (Kerne) der Sterneninseln. Die Umkreisungen werden dann immer enger. In den meisten Fällen durchdringen sich die Galaxien dabei mehrmals gegenseitig, bevor sie schließlich verschmelzen. Durch das gegenseitige Durchdringen werden die ursprünglichen Formen gesprengt und es wird Materie wie Gas und Sterne ausgetauscht. Die Schwerkraft muß ausreichen, um die zerrissenen Galaxien zusammenzuhalten. Im anderen Fall driften sie nach dem ersten Durchdringen auseinander. 

Ist es nicht fast so, als würden hier Annäherungsprozesse zwischen Einzellern beschrieben? Auch hier finden wir Zellannäherung (Wiki), Konjugation (Austausch von DNA) (Wiki) und Kopulation (Verschmelzung) (Wiki), bzw. Endosymbiose (Wiki) (so ja etwa auch bei der Verschmelzung von Samenzelle und Eizelle bei der Entstehung eines neuen Lebewesens). Und erinnern all diese Vorgänge nicht auch an Verhalten von Tieren und von Menschen bei der "Paarung" - mit den Verhaltensübergängen von freundschaftlicher Annäherung, von "Umwerben", "Umtanzen" über Zurückgehen in die Distanz bis hin zum Austausch von Gedanken, Gefühlen, Umschmeicheln - bis hin zur Verschmelzung zweier Wesen in einer geschlechtlichen Vereinigung? Auch so manchen Flüssen haben die Menschen ja solche Verschmelzungen zugeschrieben. Erinnert sei etwa an den Weserstein bei Hannoversch Münden. Das zugehörige kleine Gedicht lautet (Wiki):

Wo Werra sich und Fulda küssen
Sie ihre Namen büßen müssen,
Und hier entsteht durch diesen Kuß
Deutsch bis zum Meer der Weser Fluß.

Wohl uns, wenn wir noch Poesie in der Natur sehen können. Über die Verschmelzungsphase zweier Galaxien ist zu erfahren (Wiki):

Die Bewegungen der Galaxien zueinander geraten in immer kreisförmigere und engere Bahnen, was die Zusammenstöße der Gaswolken intensiviert. Daraus bildet sich unter hohem Druck eine dichte Gaswolke im Zentrum. Diese Wolke wird durch den hohen Druck instabil und fällt zusammen. Dabei bildet das Gas neue Sterne. Auf diese Weise entstehen extrem viele Sterne, was in dieser Form Sternentstehungsausbruch (englisch Starburst) genannt wird. Ein großer Anteil des Gases wird durch die gewaltigen Energien der neuen Sterne aus dem Sternensystem hinaus geblasen. Es verbleiben viele Sterne und wenig Gas. Dadurch können in diesen Galaxien später lange keine oder fast keine neuen Sterne mehr entstehen. Eine auf diese Art neu gebildete Galaxie besteht also aus gemeinsam alternden Sternen, wobei kaum mehr jüngere Sterne nachkommen. Bei der Verschmelzung von größeren Galaxien entstehen meist elliptische Galaxien (vgl. Abschnitt über die kosmologische Hierarchie). In den heutigen elliptischen Galaxien befinden sich daher fast ausschließlich sehr alte Sterne gleicher Generation (Sternpopulation) mit ähnlicher Masse wie die Sonne. In anderen Galaxietypen sind sowohl unterschiedliche Sternpopulationen als auch höhere Mengen an Gas vorhanden.

Zwei besonders eindrucksvolle, wilde, "herrische" Starburst-Galaxien sind die Antennen-Galaxien. Ihre Vereinigung erscheint stolz, kühn, herrisch, voller herrlicher Leidenschaft (Abb. 2). Ganze Hymnen, möchte man schreiben beim Anblick der Vereinigung dieser beiden Galaxien. Bislang hat die Forschung "leider" nicht festgestellt, daß es bei den frühen Kollisionen der Milchstraße ähnlich herrisch und - sozusagen: "gleichberechtigt" - zugegangen wäre (siehe unten).

Es sei wiederholt: In einer solchen Starburst-Galaxie ist die Sternentstehungsrate bis zu 33 mal höher als in Galaxien während ihrer "normalen" Lebensphase (Wiki):

Galaxien, die sich in der Mitte eines Starburst, eines Ausbruchs von Sternengeburten befinden, zeigen regelmäßig entweder Gezeitenschweife, die ein Hinweis auf ein enges Zusammentreffen mit einer anderen Galaxie sind oder sie befinden sich in der Mitte eines Verschmelzungsvorgangs selbst. (...) Es ist gezeigt worden, daß eine starke Korrelation besteht zwischen dem asymetrischen Aufbau einer Galaxie und der Jugend ihrer Sternpopulation. Um so asymetrischer die Galaxien sind, um so jüngere, zentrale Sternenpopulationen haben sie. Da Asymetrien durch Gezeiten-Wechselwirkungen und Verschmelzungen zwischen Galaxien entstehen können, ist dieses Ergebnis ein weiterer Hinweis darauf, daß Verschmelzungen und Gezeiten-Wechselwirkungen zentrale Sterngeburten in einer Galaxie auslösen können und den Ausbruch von Sterngeburten beschleunigen können. (...) Starburst-Galaxien scheinen in unserem Teil des Universums sehr selten zu sein und sind viel häufiger weiter entfernt - dies legt nahe, daß es Milliarden von Jahren früher mehr von ihnen gegeben hat.
Original: Galaxies in the midst of a starburst frequently show tidal tails, an indication of a close encounter with another galaxy, or are in the midst of a merger.(...) It has been shown that there is a strong correlation between the lopsidedness of a galaxy and the youth of its stellar population, with more lopsided galaxies having younger central stellar populations. As lopsidedness can be caused by tidal interactions and mergers between galaxies, this result gives further evidence that mergers and tidal interactions can induce central star formation in a galaxy and drive a starburst. (...) Starburst galaxies seem to be quite rare in our local universe, and are more common further away - indicating that there were more of them billions of years ago.
Der erste Teil des Zitats bezieht sich auf eine Arbeit aus dem Jahr 2009 (3). Um so deformierter und asymetrischer also die Galaxien bei einem Zusammentreffen und Verschmelzen werden, um so mehr neue Sterne entstehen. In der Studie aus dem Jahr 2009 ist auch eine Studie aus dem Jahr 2004 zitiert, in der es heißt (4):
Wir finden eine enge Korrelation zwischen der Sternenmasse und der Metallizität (einer Galaxie) über 3 Größenordnungen in der Sternenmasse hinweg und einen Faktor von 10 in der Metallizität.
We find a tight (±0.1 dex) correlation between stellar mass and metallicity spanning over 3 orders of magnitude in stellar mass and a factor of 10 in metallicity. 

Das heißt also:  Um so mehr Sterne sich in einer Galaxie der Masse nach finden, um so mehr schwere Elemente finden sich in ihr. Dabei kann die Metallizität um den Faktor 10 erhöht sein, wenn die Sternenmasse höher wird. Viele Sterne in einer Galaxie bedeuten also zugleich viele schwere Elemente in ihr. Deshalb wird es auch einen ähnlichen Zusammenhang geben mit der Helligkeit einer Galaxie: Um so heller eine Galaxie ist, um so mehr schwere Elemente finden sich in ihr (Wiki) ("Metallicity has a positive correlation with the absolute magnitude (luminosity) of a galaxy.") Aufgrund der Verschmelzungen von Galaxien vor allem in der Frühzeit des Universums sind Galaxien heute in der Regel größer und schwerer als damals.

Abb.: Eineinhalb Jahre nach Erscheinen dieses Beitrages ist das Thema auch in der deutschsprachigen Wissenschaftspresse angekommen (Spektrum der Wissenschaft 3/2022)

In unserer Milchstraße entstehen heute nur etwa zehn neue Sterne pro Jahr. In 12,2 Milliarden Lichtjahren Entfernung aber wurde 2008 eine Galaxie aus der Frühzeit unseres Universums entdeckt, ihr Name schon ist Programm: "Baby Boom-Galaxie" (Wiki). In ihr entstehen bis zu 4.000 Sterne pro Jahr. Also eine um mehr als das Hundertfache erhöhte Sternbildungsrate.

Die Hochzeiten unserer eigenen Galaxie ....

Ganz so spektakulär wie auf den Abbildungen 1 bis 3 scheint es bei den Verschmelzungsereignissen unserer eigenen Galaxie vor 11 bis 9 Milliarden Jahren - nach den bisherigen Forschungen - nicht zugegangen zu sein. Aber zu diesem Thema sind seit 2018 auch erst die ersten belastbaren Studien erschienen. Angesichts all der bisherigen Feststellungen in diesem Beitrag war ja schon lange im Hinterkopf die Frage entstanden, ob es denn auch Hinweise darauf gibt, daß auch die Milchstraße in ihrer Geschichte schon solche "anregenden", "erregenden" Begegnungen mit anderen Galaxien hatte. Und auf dem Blog "Alpha Cephei" des Astrophysik-Bloggers "Alderamin" (Jg. 1964), dessen Blogartikel gerne auch einmal von "Bild der Wissenschaft" übernommen werden, werden wir fündig. Er schrieb im letzten Jahr zunächst (7) (Alpha 2019):

Heutige Galaxien sind größer und erleiden weniger Kollisionen als im frühen Universum. Die Kollisionen haben die Galaxien durcheinander gewirbelt und aufgebläht, und da die Abstände im Weltall gewachsen sind, geschehen heute viel weniger Kollisionen als im frühen Universum.

Für die Milchstraße sind - gerade erst im Jahr 2018 - zwei frühe Kollisionen nachgewiesen worden (7) (Alpha 2019):

In vergangenen Artikeln hatte ich schon beschrieben, daß auch die Milchstraße offenbar kleine und größere Galaxien verschluckt hat.

Aha, so lesen wir ganz überrascht. Und am angegebenen Ort lesen wir dann weiter (8):

Man weiß aus dem Alter der ältesten Roten und Weißen Zwerge, daß die Milchstraßenscheibe ungefähr zwischen 11 und 8 Milliarden Jahre vor unserer Zeit entstanden sein muß. Der Halo aus Sternen und Dunkler Materie, der die Milchstraße umgibt, muß noch älter sein, das Alter der Kugelsternhaufen liegt zwischen 11 und 13 Milliarden Jahren, nur wenig jünger als das Weltalter von knapp 14 Milliarden Jahren überhaupt. (...) Die Autoren proklamieren den Einschlag einer Galaxie in der Milchstraße von rund 50 Milliarden Sonnenmassen beginnend vor ca. 11 Milliarden Jahren.

Hierzu sei erläutert: Unsere Milchstraße wiegt heute 1,5 Billionen, sprich 1.500 Milliarden Sonnenmassen. Eine Galaxie mit "nur" 50 Milliarden Sonnenmassen ist im Vergleich dazu also eine solche, die recht leicht zu "verspeisen" war. Da wir aber schon anhand des Beispiels der Whirlpool-Galaxie gesehen haben, das auch kleinere, unaufälligere Begleiter eine Galaxie in einen großen Erregungszustand versetzen können, muß das hier erforschte Ereignis vor 11 Milliarden Jahren keineswegs so unbedeutend gewesen sein als es auf den ersten Augenmerk anmuten mag. (Wir können es nicht unterlassen darauf hinzuweisen, daß auch kleingewachsene Ponyhengste hochbeinige Stuten in starke Erregung versetzen können.)

Der Astronomie-Satellit Gaia revolutioniert die Astronomie

"Aleramin" beendet seine Ausführungen in Teil 1 seines Beitrages mit den Worten (8):

Ist es nicht ungemein faszinierend, wie der Astronomie-Satellit Gaia die Astronomie revolutioniert? Zusammen mit den Daten anderer Kataloge wie des SDSS läßt sich Astro-Archäologie der Milchstraße betreiben und die Ausgrabungen in den Daten lassen die Relikte längst vergangener Ereignisse erkennen. Gaia ist viel mehr als ein einfacher Astrometriesatellit zur Messung von Sternörtern - sie ist eine Big-Data-Maschine, in deren Archiv noch viele Schätze auf ihre Ausgrabung warten. 

Aleramin faßt die Erkenntnisse des Teiles 1 einleitend im Teil 2 noch einmal folgendermaßen zusammen (8):

Im ersten Teil der Astro-Archäologie haben wir davon erfahren, daß ein englisches Forscherteam die Spuren einer Kollision der Milchstraße mit einer großen Galaxie in den Gaia-DR2-Daten gefunden hat, deren Sterne heute noch auf stark elliptischen Bahnen um das Zentrum der Milchstraße kreisen, die sie weit hinaus in deren Halo tragen.

Noch einmal: Trotz der kleinen Masse dieser Galaxie kann durchaus eine bedeutende Erregung für unsere Galaxie von ihr damals ausgegangen sein. Das behandelt Aleramin aber leider noch gar nicht besonders. Er führt dann über eine zweite Studie des Jahres 2018 aus, die einen weiteren Zusammenstoß vor 10 bis 9 Milliarden Jahren postuliert (8):

Aus dem Metallgehalt schließen die Autoren, daß die “blauen” Sterne aus einer Galaxie mit einer kleineren Sternentstehungsrate als die Milchstraße entstanden sind, die etwa 600 Millionen Sonnenmassen an Sternmasse (ohne Dunkle Materie) gehabt haben soll - etwa die Masse der Kleinen Magellanschen Wolke. Mit dunkler Materie wären es ca. 2,4 Milliarden Sonnenmassen, etwa 1/4 der mutmaßlichen Masse der dicken Scheibe der Milchstraße zur Zeit der Kollision (10 Milliarden Sonnenmassen), was ausgereicht haben dürfte, diese so aufzuheizen, wie wir sie heute vorfinden. Etwa 30.000 Sterne in der Sonnenumgebung gehören zur “blauen” Population. Bis zu 80% der Halosterne könnten auf diese Kollision zurückgehen, schätzt Autorin Helmi. Nicht weniger als 13 Kugelsternhaufen bewegen sich synchron zu den Sternen der eingefangenen Galaxie und dürften von ihr beigetragen worden sein. 

Die Worte "was ausgereicht haben dürfte, diese so aufzuheizen, wie wir sie heute vorfinden" deuten an, daß Aleramin sich durchaus bewußt ist, daß die interstellaren Gase eine bedeutende Anregung durch diese Verschmelzung erfahren haben. Es wäre dann eben noch zu fragen, wie sich das auf die Sternentstehungsrate in unserer Galaxie insgesamt - damals (oder bis heute) - ausgewirkt hat. Immerhin, unsere eigene Sonne wurde erst vor 4,7 Milliarden Jahren geboren, sicherlich aus einer vorhergehenden Sternengeneration, die als Supernova oder als Planetarische Nebel geendet haben. Aber diese vorhergehende Sternengeneration, die könnte doch von jenen Verschmelzungsprozessen vor 11 bis 9 Milliarden Jahren in ihrer Entstehung ausgelöst worden sein. Immerhin wäre das doch ein spannender Gedanke.

Die Autoren selbst benennen die hier behandelte Studie aus dem Jahr 2018 mit dem Titel "Der Zusammenstoß, der die Entstehung des inneren Sternenhalos und der dicken Scheibe der Milchstraße bewirkte" ("The merger that led to the formation of the Milky Way's inner stellar halo and thick disk"). Der Galaxie, die damals mit der Milchstraße verschmolzen ist, und die sie in einen erhöhten Erregungszustand versetzt hat, haben sie den Namen "Gaia Enceladus" gegeben. Gaia Enceladus, dürfen wir dir danken, daß du mitgewirkt hast an unserer Existenz? Gäbe es uns, wenn es dich nicht gegeben hätte?

Mit dem für uns zentralen Suchwort "Metallizität" stoßen wir aber auf eine noch neuere Forschungsstudie, in der die Milchstraße und ihre frühen Verschmelzungsereignisse durch Galaxien-Simulationen inzwischen weiter erforscht worden ist (9) (MPG 2020):

Um der hochgeordneten Rotation der Sterne in der Milchstraße zu entsprechen, müssen die simulierten Galaxien in den letzten 12 Milliarden Jahren eine sehr "ruhige" Verschmelzungsgeschichte gehabt haben.

Also kein herrischer Verschmelzungsprozeß wie in den Antennen-Galaxien. Wie schade. Aber die exzentrischsten Lebensäußerungen sind ja auch nicht immer diejenigen, die die nachhaltigsten Ergebnisse mit sich bringen. Kinderreiche Familien fallen auch in der Menschenwelt in der Regel am wenigsten durch Exzentrizität auf (sagen wir einmal: in Normalzeiten der Weltgeschichte zumindest). Wir lesen weiter (9):

Das heißt, daß keine massereiche Galaxie (größer als 10% der Masse der Milchstraße) in dieser Zeit mit der Galaxie verschmolzen sein kann. Die Begründung hierfür ist, daß die Bahnen ihrer Sterne durcheinander geraten, wenn eine massereiche Galaxie mit einer anderen verschmilzt. Dies würde zu einer weniger geordneten Bewegung und damit zu einer höheren Geschwindigkeitsdispersion führen. (...) Die Wissenschaftler des MPA können jetzt mit dieser Studie eine obere Grenze für die Masse von Gaia Enceladus angeben: Gaia Enceladus kann maximal 10% so massereich wie die Milchstraße gewesen sein, wahrscheinlich war ihre Masse aber nur 3% der Milchstraße.

Es ist spannend, wie hier die Forschung nach und nach voranschreitet. Und keineswegs zu langsam. Wir wollen uns vornehmen, solche Dinge hier auf dem Blog künftig im Auge zu behalten.

Junge Sterne - Sie sind aus der Asche alter Sterne entstanden

Nun noch einige weitere Überlegungen. Unsere Sonne ist aus der Asche früherer Sternengenerationen entstanden. Man wird fragen dürfen, wie vieler Sternengenerationen es eigentlich bedurfte, um die Metallizität unserer Sonne hervorzubringen. Aber es gibt auch einen Stern, der ist zwar nur 190 Lichtjahre von uns entfernt, dennoch aber schon 14,5 Milliarden Jahre alt. Er weist nur eine sehr geringe "Metallizität" auf ("HD 140283" - s. Wiki). Schon 1951 wurde beobachtet, daß er beträchtlich weniger Metalle aufweist als die Sonne (Wiki):

Moderne spektroskopische Analysen haben einen Anteil an Eisen vorgefunden, der um den Faktor 250 geringer ist als der Eisenanteil der Sonne.
Modern spectroscopic analyses find an iron content about a factor of 250 lower than that of the Sun.

Der Eisenanteil ist für die Astronomen in den Spektrallinien am leichtesten zu bestimmen. Der Massenanteil des Eisens an der Sonnenmasse beträgt etwa 0,16 %. Unsere Sonne ist 4,5 Milliarden Jahre alt. Das Alter von Sternen, die nur 0,04 % Eisenanteil aufweisen, wird auf 11,75 Milliarden Jahre geschätzt, das Alter von Sternen, die 0,4 % Eisenanteil aufweisen, wird auf 2,4 Milliarden Jahre geschätzt. Das Alter von Sternen, die 5 % Eisenanteil aufweisen, wird auf 550.000 Jahre geschätzt (Wiki). Schon hier wollen wir festhalten, daß es einen Anteil an schweren Elementen in unserer Galaxie und andernorts in unserem Weltall gibt, der in dieser Größe gar nicht notwendig war, um das Leben im Umkreis unserer Sonne hervorzubringen. Es gibt neuere Studien, die auf diesen Umstand auch noch auf andere Weise stoßen. Im nächsten Beitrag werden wir nämlich eine Forschungsstudie behandeln, nach der zu viele schwere Elemente in einem Stern keine erdähnlichen  Planten in seiner protoplanetaren Scheibe hervorbringen kann, sondern eher Gasriesen (siehe nächster Beitrag).

Allgemein heißt das jedenfalls: Es findet eine ständige Aufeinanderfolge der Neuentstehung von Sternen und Supernoven statt, nach denen aus der dabei entstehenden Asche neue Sterne entstehen, die dann einen höheren Anteil an Eisen aufweisen. Das scheint fast vorauszusetzen, daß das interstellare Medium, aus dem neue Sterne entstehen, insgesamt ständig durchmischt wird innerhalb einer Galaxie, daß also der Eisengehalt im interstellaren Medium insgesamt ständig wächst. Es scheint auch vorauszusetzen, daß das interstellare Medium insgesamt größtenteils die Asche früherer Sterne darstellt. Galaxien produzieren jedenfalls insgesamt in sich immer mehr schwere Elemente (Wiki):

Die Mehrzahl der Elemente im Universum, die schwerer sind als Wasserstoff und Helium ("Metalle"), werden während der Sternentwicklung im Innern der Sterne gebildet. Im Verlauf der Zeit verteilen Sternenwinde und Supernoven die Metalle in der näheren Umgebung, reichern damit das interstellare Medium an und stellen recyclebares Material zur Geburt neuer Sterne zur Verfügung.
Original: The majority of elements heavier than hydrogen and helium in the Universe ("metals", hereafter) are formed in the cores of stars as they evolve. Over time, stellar winds and supernovae deposit the metals into the surrounding environment, enriching the interstellar medium and providing recycling materials for the birth of new stars.

Was für ein Geschehen. Wir sind also in der Tat die "Kinder" vielfacher Wiedergeburten von Anteilen schwerer Elemente in Sternen. Wenn diese Wiedergeburten allerdings über das Ziel hinaus schießen, wie das seit Entstehung unserer Sonne und unserer Erde immer häufiger in diesem Weltall geschieht, scheint die Wahrscheinlichkeit, daß aus der dabei entstehenden Metallizität noch erdähnliche Planeten entstehen können, wieder zu sinken (siehe nächster Beitrag). Was für ein geradezu "unheimliches" Geschehen!!! Aber weiter (Wiki):

Unterschiede in dem Anteil chemischer Elemente in unterschiedlichen Sterntypen, basierend auf ihren Spektraleigenschaften, die später ihrer Metallizität zugeschrieben wurden, brachten den Astronomen Walter Baade 1944 dahin, zwei unterschiedliche Populationen von Sternen vorzuschlagen. Diese wurden bekannt als Population I (reich an Metallen) und Population II (arm an Metallen). Eine dritte Sternpopulation wurde 1978 als Population III eingeführt. Diese extrem metallarmen Sterne wurden theoretisch postuliert als die "erstgeborenen" Sterne, die in unserem Universum entstanden sind.
Original: Observed changes in the chemical abundances of different types of stars, based on the spectral peculiarities that were later attributed to metallicity, led astronomer Walter Baade in 1944 to propose the existence of two different populations of stars. These became commonly known as Population I (metal-rich) and Population II (metal-poor) stars. A third stellar population was introduced in 1978, known as Population III stars. These extremely metal-poor stars were theorised to have been the "first-born" stars created in the Universe. 

Wir haben also in Galaxien - und so auch in dem Orion-Spiralarm unserer Spiralgalaxie, in dem wir leben -  ein buntes Nebeneinander sowohl sehr junger wie sehr alter Sterne. Eine Galaxie ist also ein brodelnder Kessel von Sterngeburten, von langlebigen Sternen aber auch von Sternen, die sich in der Spät- und Endphase ihrer Existenz befinden, die vielleicht Überreste von Supernoven sind. Allerdings: Die meisten Sterne der Milchstraße - Rote Zwerge - sind schon vor langer Zeit entstanden, sie sind sehr alt und noch keiner von ihnen ist gestorben. Welchen "Zweck" sie wohl haben? Sie tragen nicht zur Metallizität einer Galaxie bei. Sie sind einfach nur "da". Womöglich dienen sie der Stabilität einer Galaxie? Ihrer Formgebung?

Die konkrete Frage für uns lautet allerdings weiterhin: Aus der Asche welcher Sonnen, welcher Sterne sind wir hervorgegangen? Gibt es diese Sterne noch? Im womöglich ausgebrannten Zustand als Weiße Zwerge? Sollten wir ihnen Dankbarkeit bezeugen, daß sie einstmals die Möglichkeiten unserer Existenz schufen, daß wir Sein von ihrem Sein waren in dem brodelnden Kessel ihrer Sternen-Schwangerschaft? Wo ist ganz konkret unser Mutterstern innerhalb unserer Muttergalaxie? Oder auch: Wie viele Muttersterne trugen zu unserer Existenz bei, wie viele Muttersterne besaßen und schufen einst jene schweren Elemente, aus denen unsere Sonne und unsere Erde entstanden sind? Diese Fragen konnten wir bislang in diesem Blogbeitrag noch gar nicht beantworten. Und sie scheinen so konkret auch beim derzeitigen Forschungsstand noch gar nicht beantwortbar zu sein. Es deutet sich aber an, daß die Forschung sich immer näher an konkrete Antworten heran tastet.

Unser Orion-Spiralarm

Die Milchstraße, unsere Heimatgalaxie ist 13,6 Milliarden Jahre alt. Unsere Sonne, die erst 4,5 Milliarden Jahre alt ist, ist also ein sehr junges Kind dieser Galaxie. Aber freilich gibt es auch Kinder, die noch viel jünger als unsere Sonne sind. Die meisten Sterne in unserer Galaxie (Rote Zwerge) sollen aber schon gleich zu Anfang in ihr entstanden sein.

Für einen Umlauf um das Zentrum braucht ein Galaxienarm - und somit auch unser Orionarm - 240 Millionen Jahre. Seit es einfaches, einzelliges Leben auf unserer Erde gibt, hat sich also unser Orionarm - und womöglich mit unserem Sonnensystem - erst vier mal um das Zentrum der Milchstraße gedreht.

In den 3,5 Milliarden Jahren davor, in der es unser Sonnensystem ebenfalls schon gab, hat sich unser Orion-Spiralarm also entsprechend zwölf bis 15 mal um das Zentrum gedreht.

Aber jene Sterne dieses Orionarmes, die heute am hellsten an unserem Nachthimmel erstrahlen, die Sterne des Sternbildes Plejaden, gibt es dort erst seit höchstens der Hälfte eines Umlaufs um das Zentrum der Milchstraße, nämlich erst seit 125 Millionen Jahren. Beteigeuze im Sternbild Orion ist gar erst 8 Millionen Jahre alt. In unserer Galaxie gibt es somit Sterne, die fast so alt sind wie das Universum selbst (oft unsichtbar, oft in vergleichsweise großer Nähe zur Sonne) und es gibt Sterne, die erst 8 Millionen Jahre alt sind. 

Höhere Metalliziät erleichtert die Bildung kleinerer Sterne

Abschließend sei noch einmal der Astrophysiker Josef M. Gaßner zitiert. Er erklärt mit Hilfe der Strahlungskühlung die Auswirkung der Metallzität einer Molekülwolke auf die Art der Sternentstehung in ihr ("St., Weltall u. d. Leb." 2017):

Der entscheidende Einfluß der Metallizität eines Sterns auf seine Lebensdauer geschieht bereits bei der Entstehung. Schwere Elemente und deren Molekülverbindungen bieten eine Menge unterschiedlicher Energieniveaus, die angeregt werden können und anschließend durch Strahlungsemission wieder in den Grundzustand fallen. Diese Strahlung kann aus einer kollabierenden protostellaren Wolke entweichen und bestimmt somit entscheidend die Kühlung. Effektive Kühlung führt dazu, daß auch kleinere Wolkengebiete erfolgreich zu Sternen kollabieren. Umgekehrt benötigen Wolken niedriger Metallizität extreme Massen um die weniger effektiv gekühlten Bereiche mit brachialer Gravitationsgewalt doch noch zum Stern zu zwingen ... 

Wir lernen damit: Die Metallizität einer Molekülwolke hat Einfluß auf die größere oder geringere Wahrscheinlichkeit, mit der in ihr Sternen entstehen. In der Urzeit des Universums und seiner Galaxien bedurfte es also viel größerer Molekülwolken, um Sterne entstehen zu lassen als in späteren Zeiten. Gaßner weiter:

Ergo: niedrige Metallizität führt zu massereichen Sternen, die nur kurz leben, weil ihre Temperatur im Inneren das Fusionskarussell kräftig drehen - insbesondere auch den CNO-Zyklus. Hohe Metallizität ermöglicht massearme Sterne, die ihren Brennstoff vergleichsweise sparsam verheizen und lange leben....

Mit letzteren sind wohl insbesondere auch Rote Zwerge gemeint, von denen noch keiner bislang im Universum ausgebrannt ist, und von denen sich viele in der stellaren "Umgebung" unseres Sonnensystems befinden. 

Was für ein grandioses Bild, was für ein grandioser Vorlauf, um in einem Universum "habitable" Zonen zu schaffen.

In einem weiteren, vierten Beitrag unserer Reihe "Wir sind Sternenstaub" wollen wir einigen angerissenen Fragen in diesem Fragenkreis noch vertiefter nachgehen.

Wir bewegen uns mit diesen Beiträgen ganz auf den Spuren des großen deutschen Philosophen Immanuel Kant, der sein Buch "Kritik der prakischen Vernunft" 1788 mit den Worten abgeschlossen hat (Zeno):

"Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt, oder im Überschwenglichen, außer meinem Gesichtskreise, suchen und bloß vermuten; ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewußtsein meiner Existenz. Das erste fängt von dem Platze an, den ich in der äußern Sinnenwelt einnehme, und erweitert die Verknüpfung, darin ich stehe, ins unabsehlich-Große mit Welten über Welten und Systemen von Systemen, überdem noch in grenzenlose Zeiten ihrer periodischen Bewegung, deren Anfang und Fortdauer. Das zweite fängt von meinem unsichtbaren Selbst, meiner Persönlichkeit, an, und stellt mich in einer Welt dar, die wahre Unendlichkeit hat, aber nur dem Verstande spürbar ist, und mit welcher (dadurch aber auch zugleich mit allen jenen sichtbaren Welten) ich mich nicht, wie dort, in bloß zufälliger, sondern allgemeiner und notwendiger Verknüpfung erkenne. Der erstere Anblick einer zahllosen Weltenmenge vernichtet gleichsam meine Wichtigkeit, als eines tierischen Geschöpfs, das die Materie, daraus es ward, dem Planeten (einem bloßen Punkt im Weltall) wieder zurückgeben muß, nachdem es eine kurze Zeit (man weiß nicht wie) mit Lebenskraft versehen gewesen. Der zweite erhebt dagegen meinen Wert, als einer Intelligenz, unendlich, durch meine Persönlichkeit, in welcher das moralische Gesetz mir ein von der Tierheit und selbst von der ganzen Sinnenwelt unabhängiges Leben offenbart, wenigstens so viel sich aus der zweckmäßigen Bestimmung meines Daseins durch dieses Gesetz, welche nicht auf Bedingungen und Grenzen dieses Lebens eingeschränkt ist, sondern ins Unendliche geht, abnehmen läßt."

Sogar schon der Blick in die Sterne läßt uns heute unsere Existenz nicht mehr bloß in ihrer zufälligen, sondern ebenfalls auch in ihrer allgemeinen und notwendigen Verknüpfung erkennen. Mit wie viel mehr Berechtigung können wir dann auf die Erfüllung der zweiten Verheißung von Immanuel Kant hoffen, das moralische Gesetz in uns, das uns leitet - oder leiten sollte - immer besser und besser verstehen zu lernen. 

Ergänzung, 10.6.21: Auch "Spektrum der Wissenschaft" hat sich des Themas inzwischen angenommen. Es ist hier sogar von einem "Lebenszyklus der Galaxien" die Rede (10). Worauf sich hier das Wort "Lebenszyklus" bezieht, wird in diesem Podcast aber noch gar nicht so recht klar. Es sind hier wohl eher die Lebenszyklen einzelner Sterne und Sterngenerationen gemeint, die sich innerhalb der Galaxien vollziehen.

_____________________

Anmerkung 1: Über die Arbeit des Hamburger Astronomen Walter Baade (1893-1960) in den USA während des Zweiten Weltkrieges ist zu erfahren (Wiki):

Baade untersuchte die Strukturen der Milchstraße und entdeckte, daß unsere Galaxis aus Sternen zweier unterschiedlicher Populationen besteht.

Die entsprechende Arbeit veröffentlichte Baade 1944.  Heute weiß man, daß es prinzipiell drei unterschiedliche Stern-Populationen gibt. Die älteste als "Population III" benannte wird aber nur theoretisch angenommen aufgrund der Zusammensetzung der ältesten Sterne der "Population II", Beobachtungsdaten liegen zu "Population III" noch nicht vor (Wiki):

Bereits kurz nach dem Urknall gab es Sterne, die aufgrund ihrer großen Masse schnell in Paarinstabilitätssupernovae endeten und dabei jene Metalle bildeten und in den Raum schleuderten, die sich schon in den ältesten Sternen der Populationen II finden. Sollten damals auch vereinzelt massearme Sterne gebildet worden sein, so werden sie als kalte Zwerge die noch hypothetische Population III bilden.

Über die hier erwähnte zweitälteste Sternenpopulation II erfahren wir (Wiki): 

Sterne der Population II sind an ihrer geringeren Metallizität zu identifizieren (...). Sie sind überwiegend älter als sechs Milliarden Jahre und finden sich, oft in Kugelsternhaufen, im ausgedehnten galaktischen Halo, dessen Dichte zum galaktischen Zentrum hin zunimmt.

Über die jüngste Sternen-Population I ist zu erfahren (Wiki):

Im Band der Milchstraße, der galaktischen Scheibe, gehören die meisten Sterne zur Population I. Dies sind relativ junge, stabil leuchtende Sterne, die sich auf annähernden Kreisbahnen um das galaktische Zentrum bewegen, meist in den Spiralarmen. Sterne der Population I enthalten einen relativ hohen Anteil schwerer Elemente, die in früheren Sterngenerationen entstanden sind und Metalllinien im Spektrum verursachen.

 

/ Ergänzt 7.3.2022 /

// Dies ist der dritte Beitrag in unserer 
Blogartikel-Serie "Wir sind Sternenstaub"
 Die anderen Beiträge:

_______________________

  1. Rauchhaupt, Ulf von: Tanz der Welten. FAZ, 26.10.2018, https://www.faz.net/aktuell/wissen/weltraum/tanz-der-welten-wenn-galaxien-kollidieren-15852274.html
  2. Struck, Curtis: Galaxy Collisions. Forging New Worlds from Cosmic Crashes. Springer Praxis Books. 2011 (Amazon
  3. Reichard, T.A.; Heckman, T.M. (January 2009). "The Lopsidedness of Present-Day Galaxies: Connections to the Formation of Stars, the Chemical Evolution of Galaxies, and the Growth of Black Holes". The Astrophysical Journal. 691 (2): 1005–1020. arXiv:0809.3310. doi:10.1088/0004-637X/691/2/1005
  4. Tremonti, C. A. et al. 2004, ApJ, 613, 898, https://iopscience.iop.org/article/10.1086/423264.
  5. Guillermo Gonzalez, Donald Brownlee, Peter Ward: The Galactic Habitable Zone: Galactic Chemical Evolution. In: Icarus. Band 152, 2001, S. 185–200, https://arxiv.org/abs/astro-ph/0103165.
  6. Gonzalez, Guillermo: The Priviledged Planet. How our place in the Universe was designed for discovery. 2004
  7. Alderamin: Gab es den Urknall wirklich? In 7 Teilen. "Alpha Cephei"-Scienceblog, 2019, https://scienceblogs.de/alpha-cephei/2019/03/27/gab-es-den-urknall-wirklich-uebersicht/.
  8. Alderamin: Galaktische Astro-Archäologie mit Gaia, 2018, https://scienceblogs.de/alpha-cephei/2018/11/11/galaktische-astro-archaeologie-mit-gaia-teil-1/, https://scienceblogs.de/alpha-cephei/2018/11/22/galaktische-astro-archaeologie-mit-gaia-teil-2/.
  9. Fragkoudi, Francesca: Unsere Milchstraße - keine typische Spiralgalaxie, 1. Januar 2020, https://www.mpa-garching.mpg.de/799158/hl202001.
  10. Marc Zimmer und Mike Beckers: Wie Sterne und Galaxien entstehen - Lebenszyklus der Galaxien, Spektrum-Podcast, 4.6.21, https://www.spektrum.de/podcast/spektrum-podcast-wie-sterne-und-galaxien-entstehen/1881106
  11. Aaron S. Evans und Lee Armus: Wenn Galaxien kollidieren - Im Kosmos stoßen immer wieder Galaxien zusammen - mit dramatischen Folgen. Neue Erkenntnisse über solche Vorgänge enthüllen, 16.2.2022, https://www.spektrum.de/magazin/wenn-galaxien-kollidieren/1974532
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