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Dienstag, 23. Juni 2026

"Unser" stolzes Nomadenleben

Bis vor 5.000 Jahren
- Tataren, Kalmücken, Kirgisen, Mongolen setzen es fort bis heute ...
- Sie zeigen: Wie könnte - auch mit Wildpferden - "Pferde-Management" ausgesehen haben?

Seit wir sicher wissen, wann, wo und wie das Urvolk der Späten Urindogermanen um 3.300 v. Ztr. als Nomadenvolk am Mittleren Dnjepr gelebt hat (Stg2024, a, b), werden alle Völker, die bis ins späte 19. oder noch bis ins 21. Jahrhundert als Nomadenvölker gelebt haben oder sogar noch leben, für uns hochgradig interessant. 

Abb. 1: Nomadenlager der Mongolen, fotografiert von dem Schweizer Abenteuer-Schriftsteller Bruno Blum (geb. 1967) im Jahr 2010 (Alam) -Typische Raumverteilung von Nomaden-Lagern in der Steppe - Wenn sich von solchen Nomadenlagern ausgehend die Menschen bei zentralen Grabhügeln mit Rinderwagen sammeln, können wohl leicht sternförmige Wege entstehen (wie für den Mittleren Dnjepr 3.300 v. Ztr. festgestellt)

Weil sie alle etwas aussagen können darüber, wie die Urindogermanen an der Mittleren Wolga um 4.500 v. Ztr. und am Mittleren Dnjepr um 3.300 v. Ztr. und von dort ausgehend in vielen Teilen Eurasiens eigentlich gelebt haben.

Dazu sollen im vorliegenden Beitrag einige "Bildeindrücke" und einige für uns neue Überlegungen zusammen gestellt werden. Auch über die KI können wir viele Fragen klären, die wir uns bislang noch nie bewußt gemacht hatten.

Was für ein Blick über die Weiten eines Nomadenlagers (Abb. 1 und 11)! Schafe in einer riesigen Herde gehalten, frei laufende Pferde, eingezäunte Pferde, rauchende Jurten, Weite, vereinzelt Rinder. Was für ein vielfältiges Leben!

Dazu folgen weiter unten noch weitere - historische - Abbildungen. Aber zuvor noch einige Überlegungen bezüglich der Pferdehaltung bei den Frühen und bei den Späten Urindogermanen in der Nordschwarzmeersteppe, die wir uns erst aus Anlaß der Veröffentlichung dieses Blogbeitrages bewußt machen. 

Unsere heutigen Pferde wurden domestiziert - erst - um 2.200 v. Ztr. im Nordschwarzmeerraum (Stg2021).

Das heißt, sowohl bei den Frühen Urindogermanen an der Mittleren Wolga wie bei den Späten Urindogermanen am Mittleren Dnjepr spielen zwar "Pferde" eine Rolle. Aber es handelte sich - im heutigen Sinne - um Wildpferde, nicht um domestizierte Pferde. Diese Wildpferde wurden als Opfertiere zusammen mit domestizierten Schafen und Rindern niedergelegt. Ihre Rolle wird auch deutlich an den weit verbreiteten Wildpferdekopf-Zeptern, die wir hier auf dem Blog schon behandelt haben.

Auch aufgrund vieler anderer Umstände kann es nicht anders sein, als daß es schon spätestens seit 4.500 v. Ztr. ein "Pferde-Management" (1) gegeben hat bezüglich dieser Wildpferde.

Nomadenleben bei den Kirgisen im Tienshan

Wie "Pferde-Management" - auch für Wildpferde - ausgesehen haben kann, kann man - unter anderem - bei traditionell lebenden Kirgisen lernen (2). Diese arbeiten zwar mit domestizierten Pferden. Aber ihre Pferde bewegen sich die meiste Zeit des Jahres "wild" auf den Weiden. Für die Wanderung zu den Hochweiden, die innerhalb des Tianshan auf 3.000 Meter Höhe 150 Kilometer entfernt liegen, werden die Leithengste eingefangen (2, 7'11). Damit sie nicht miteinander um ihre jeweiligen Herden kämpfen, werden sie während der Wanderung von den Pferdehirten geritten. 

Von den Kirgisen kann man also lernen, wie auch domestizierte Pferde noch heute wie Herdentiere auf die Weide "getrieben" und dort gemolken werden (2). Um die Stuten melken zu können, werden ihre Fohlen eingefangen und angepflockt. Wenn dann ihre Mütter sich zu ihnen gesellen, können sie ruhig gemolken werden, obwohl sie gar nicht angebunden sind.

Auf Youtube findet sich eine hinreißende Dokumentation von echtem, wildem Nomadenleben wie es in Kirgistan noch am Beginn des 21. Jahrhundert gelebt wird (2).

Man ist hingerissen von dieser Freiheit eines Nomadenvolkes, von all den vielen Tieren, von der Landschaft, von ihrer Wildheit.

Vor allem die Lebenshaltung, die große Freiheit und Ungebundenheit unserer Vorfahren, des Volkes der Späten Urindogermanen der Jamnaja-Kultur am Mittleren Dnjepr kann man über eine solche Dokumentation vielleicht besser verstehen. 

Abb. 2: Angepflockte Fohlen und ihre Mütter in der Tschuja-Steppe im Altai (fotografiert von Alexandr Frolov, 13. Juli 2016) (Wiki)

Auch die Kirgisen haben diese nomadische Lebensweise - vermutlich - indirekt und über viele Umwege von dem Volk der Späten Urindogermanen vom Mittleren Dnjepr geerbt. Auch sie stammen in Teilen von diesem Urvolk ab.

Denn die Späten Urindogermanen lebten diese Lebensweise als Steppennomaden erstmals in voller Ausprägung, wenn auch damals noch mit Wildpferden (Przewalski-Pferden). Aber ansonsten auch schon mit Schafen, Ziegen und Rindern. Sie waren ja die "Erfinder" dieser Lebensweise. Der Lebensraum Steppe, der zuvor kaum von Menschen genutzt wurde, wurde ja durch sie und die von ihnen erfundene Lebensweise erst ganz neu erschlossen.

Fast ist man versucht zu sagen: Wir Deutschen, wir europäischen Völker - wenn gar nichts mehr geht, wenn alles zuschanden ist, die Umwelt zerstört ist, die moderne Wirtschaft, die moderne Lebensweise zusammen bricht - womöglich kehren wir dann zu unseren Ursprüngen zurück, zu unseren Ursprüngen als Nomadenvolk. 

"Digitale Nomaden" gibt es sowieso schon in rauen Mengen. Dieser Lebensstil braucht ja nicht nur hedonistisch gelebt werden. Er kann - womöglich - auch familienfreundlich gelebt werden. Und nur eine familienfreundliche Lebensweise ist auch eine zukunftsträchtige Lebensweise, eine "evolutionsstabile" Lebensweise. Wer darauf nicht achtet, ist zum demographischen Aussterben verdammt - so wie die heutigen Deutschen und alle anderen Völker in nördlichen Breitengraden. Ihr biologisches und damit auch kulturelles Überleben scheint ihnen egal zu sein. Und dann gibt es in diesen Völkern auch noch "patriotische" Politiker, "Populisten", "Rechtskonservative", die sich selbst und ihren Völkern einreden, es bräuchte im Wesentlichen nur das Kreuz auf dem Wahlzettel an der richtigen Stelle gesetzt werden, dann wäre das Überleben der Völker der nördlichen Breitengrade gesichert. Was für ein Hohn.

Alle unsere Vorfahren waren insgesamt "familienfreundlich". Wie Europäer heute sind die Nachkommen der kinderreichen Bauernfamilien der Frühen Neuzeit. 

Abb. 3: Grasende Pferde mit Fußfesseln in Kirgistan im inneren Tienshan-Gebirge (Wiki, a) nördlich der Taklamakan - Blick auf den Fluß Naryn im Naturschutzgebiet Naryn in Kirgistan (fotografiert von Abujoy, 18. August 2018)

Aber hat denn nicht mancher schon diesen inneren Ruf verspürt: Laßt uns der Zivilisation den Rücken kehren. Laßt uns zurück kehren in die Wildheit der Berge, in die Wildheit der Steppen, der großen Einsamkeiten. Laßt uns allein sein mit unseren Tieren, mit den Wolken, mit der Sonne und dem Wind. Und - damit - mit Gott. 

Laßt uns auch zurück kehren zur Hochachtung der Mütter, wie sie Steppennomaden Jahrtausende lang selbstverständlich war (siehe dazu auch z.B. die Doku "Nomadenleben in der Mongolei" [SWR2018]). 

Laßt uns verfluchen all die "Zivilisation", die seither diesen Planeten umgibt - wie ein Grauen ...

"Pferde-Management"

Noch einige Gedanken zum oben genannten "Pferde-Management": Wildpferde könnten auch mit Hilfe von Fußfesseln (Wiki) gehalten worden sein. Oder sie könnten angepflockt gehalten worden sein (Abb. 2) so wie andere Weidetiere auch. Hinweise auf die Nutzung von Fußfesseln gibt es, so finden wir es auf Wikipedia erwähnt, aus dem Alten Ägypten, bei den Skythen des 4. Jahrhunderts v. Ztr. und auch bei den antiken Persern (Wiki). Weiter unten werden wir uns von der KI noch erklären lassen, wie traditionelle Nomadenvölker Pferde an Fußfesseln und an das Anpflocken gewöhnen.

So können Anhaltspunkte gesammelt werden dafür, wie auch schon Wildpferde ab 4.500 v. Ztr. gehalten worden sein können und wie mit ihnen "Pferde-Management" betrieben worden sein kann (1).

Da wir heute zumeist in einer siedlungsdichten, lauten, schreckhaften Umgebung leben, wo man Pferde nicht frei in der Herde laufen lassen kann, liegen all diese Dinge gar nicht mehr in unserem Vorstellungsbereich. Und deshalb scheinen sich auch die Archäologen seit Jahren so schwer damit zu tun, Erklärungen dafür zu finden, wie das genannte "Pferde-Management" mit Wildpferden eigentlich konkret ausgesehen haben könnte. Auf die Anhaltspunkte, die wir im vorliegenden Blogartikel zusammen tragen, sind wir durch eigenes Nachdenken gekommen, wir haben sie nicht irgendwo in der Literatur gelesen.

Abb. 4: Nomadenlager - In: "Vollständige Völkergalerie in getreuen Abbildungen aller Nationen" aus dem Jahr 1833, herausgegeben von H. O. F. Goedsche (Bildgsforsch) (Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation - inzwischen abgeschaltet)

Die in Abbildung 2 genannte Tschuja-Steppe ist übrigens eine siebzig Kilometer lange, bis zu vierzig Kilometer breite Hochgebirgssenke. Sie liegt in der russischen Altai-Republik in Sibirien. Sie liegt auf einer Höhe von 1.750 bis 1.850 Metern. Sie gilt als der kälteste und trockenste Ort des russischen Altais. Die Hochebene ist zudem reich an archäologischen Schätzen. Es finden sich zahlreiche alte Grabstätten, Steinkreise, Felszeichnungen (Petroglyphen) und Artefakte aus der Stein- bis Eisenzeit. (Nach KI.) 

Nomaden! Nomaden!

1833 wurde in Deutschland heraus gebracht eine "Vollständige Völkergalerie in getreuen Abbildungen aller Nationen mit ausführlicher Beschreibung derselben" (3).

Der Herausgeber war Hermann Goedsche (1816-1878) (Wiki). Dies war ein Schlesier und äußerst zwielichtiger Mitarbeiter des preußischen Geheimdienstes. Er ging mit sehr seichten, Sensations-heischenden Romanen seinem Gelderwerb nach. Sein Sensations-heischender Roman "Der Judenfriedhof von Prag" konnte - dementsprechend - zu einem der Ausgangspunkte für die sogenannten "Zionistischen Protokolle" werden.  

Seine "Völkergalerie" war wohl ebenfalls Teil seines Gelderwerbs (3). In dieser finden sich jedoch auch zum Teil sehr eindrucksvolle Abbildungen vom Leben von Nomadenvölker, die es im 19. Jahrhundert noch in ursprünglicherer Form gab als später (Abb. 4).

Was für ein vielfältiges Leben auch hier: Jurten werden aufgebaut, Fahnen werden aufgerichtet, Heiligtümer gibt es, Kamele werden als Lasttiere genutzt, einachsige Karren sieht man.

Abb. 5: "Lager der Kalmücken" - In: "Vollständige Völkergalerie in getreuen Abbildungen aller Nationen" aus dem Jahr 1840, herausgegeben von H. O. F. Goedsche

Ähnlich die Abbildung "Lager der Kalmücken". Ein kalmückisches Dorf wird gezeigt mit vielen Ghers, Menschen, Kamelen, Pferden, Ziegen und weiterem Vieh (Abb. 5). In der Ferne schlängelt sich ein Fluß durch die Ebene (das sieht man erst auf Abb. 6, weshalb wir auch diese einstellen). Flüsse und ihr Wasserstand waren zentral für Nomadenvölker in der Steppe (auch noch für die Arier in Nordindien - wie man zum Beispiel aus der Rigveda weiß, wo die "Sturmgötter" eingeladen wurden, auf daß sie Regen bringen und die Flüsse anschwellen lassen).

"KI, wie halten Steppennomaden Pferde?"

Beim weiteren Umsinnen der Frage, wie Steppennomaden eigentlich leben, fragen wir die KI einfach einmal "Wie halten Steppennomaden Pferde?" Und wir sehen, daß die KI sehr brauchbar ist, um sich mit ihr über solche Fragen zu unterhalten, denn wir erhalten die Antwort:

Steppennomaden, wie zum Beispiel in der Mongolei, halten Pferde traditionell als robuste Herdentiere im Freien. Die Tiere leben ganzjährig in weitläufigen Herden auf der Steppe, trotzen extremen Witterungsbedingungen ohne künstliche Unterstände und versorgen sich selbst durch das Grasen von kargem Steppengras, ohne zusätzliches Kraftfutter. Die Haltung der Steppenpferde zeichnet sich durch folgende Kernpunkte aus: Ganzjährige Freilandhaltung: Die Pferde leben das ganze Jahr über ungeschützt im Freien. Sie trotzen eisigen Temperaturen von oft unter -30°C im Winter und starker Hitze im Sommer. Durch ihr dichtes Winterfell sind sie perfekt isoliert. Natürliche Herdenstruktur: Die Tiere leben in natürlichen Sozialverbänden, die von erfahrenen Leitstuten angeführt werden. Hengste verteidigen ihre Stuten und den Nachwuchs. Dieses Herdenleben ist essenziell für das psychische Wohlbefinden der Pferde. Keine Zufütterung: Nomaden füttern selten Heu oder Kraftfutter zu. Die Pferde müssen den ganzen Tag wandern, um den kargen, aber faserreichen Bewuchs der Steppe aufzunehmen. Ihr Verdauungssystem ist exakt auf diese stetige, kleine Nahrungsaufnahme eingestellt. Große Bewegungsfreiheit: Als Lauftiere legen die Pferde täglich weite Strecken bei der Futtersuche zurück. Dies verhindert den Abbau von Muskeln und erhält den gesamten Bewegungsapparat gesund.

Und so fragen wir die KI willkürlich weiter "Woher wissen Steppennomaden, welche Tiere ihnen gehören?"  

Abb. 6: "Lager der Kalmücken" - In: "Vollständige Völkergalerie in getreuen Abbildungen aller Nationen" aus dem Jahr 1840, herausgegeben von H. O. F. Goedsche (andere Version von Abbildung 5)

Und wir erhalten die Antwort:

Steppennomaden wissen primär durch traditionelle Brandzeichen (Tamga), feine Einschnitte an den Ohren sowie durch eine phänomenale persönliche Kenntnis jedes einzelnen Tieres, wem welche Pferde gehören. Da es in der Steppe keine Zäune gibt und sich Herden vermischen können, beruht ihr System auf jahrtausendealten Methoden. Die Zuordnung der Tiere basiert auf drei wesentlichen Säulen: Die Tamga (Brandzeichen): Jede Nomadenfamilie oder jeder Clan besitzt ein eigenes, seit Generationen überliefertes Symbol, die sogenannte Tamga. Dieses Zeichen wird jungen Pferden im Herbst auf den Oberschenkel eingebrannt. Die Symbole stellen oft Himmelskörper (Sonne, Mond), religiöse Zeichen oder Tiere dar und sind in der Region einzigartig. Imts (Ohrmarkierungen): Da Brandzeichen im dichten Winterfell manchmal schwer zu erkennen sind, nutzen Nomaden zusätzlich kleine, spezifische Schnitte oder Kerben an den Ohren der Tiere (Imts). Jede Familie schneidet ein individuelles Muster (z. B. eine kleine Kerbe links oder eine Spitze rechts), das sich auch auf Distanz oder im Winter schnell überprüfen läßt. Fotografisches Gedächtnis der Hirten: Die wichtigste Säule ist das persönliche Wissen. Nomaden wachsen mit ihren Tieren auf und kennen jedes einzelne Pferd genau. Sie unterscheiden sie fehlerfrei an Nuancen in der Fellfarbe, der Beinstellung, Wirbeln im Haar, Kopfformen oder dem individuellen Verhalten.
Das Branding selbst ist keine rein bürokratische Angelegenheit, sondern ein zentrales kulturelles Ereignis: Wenn im Herbst die Fohlen alt genug sind, kommen benachbarte Nomadenfamilien zu einem großen Fest zusammen. Es wird gemeinsam gefeiert, während die Erfahrensten die Tamga mit glühendem Eisen präzise aufsetzen. Das Zeichen gilt als unumstößlicher Eigentumsbeweis auf den offenen Weiden.

Eine weitere historische, völkerkundliche Abbildung zeigt drei Jurten der Kalmücken, wir bringen sie hier in zwei Versionen (Abb. 7 und 8).  

Abb. 7: Ein Lager der Kalmücken, aus: "A Trip up the Volga", 1875 (4)

Wir fragen die KI weiter "Welche Rolle spielen Fußfesseln und Anpflocken?" Und wir erhalten die Antwort:

Fußfesseln und das Anpflocken sind für Steppennomaden die wichtigsten Methoden, um Pferde gezielt am Weglaufen zu hindern, da es in der Steppe keine Zäune gibt. Während die Hauptherde frei läuft, sichern diese Techniken die Reit- und Arbeitspferde für den täglichen Zugriff. Die beiden Methoden erfüllen im Alltag der Nomaden unterschiedliche, präzise Aufgaben: Das Fesseln der Beine (Tschidur / Shidur) Das Fesseln der Beine (Tschidur genannt) ist die flexibelste Art der Sicherung auf offenem Gelände. Funktionsweise: Zwei Vorderbeine oder ein Vorder- und ein Hinterbein werden mit einem weichen Leder- oder Seilriemen eng miteinander verbunden. Zweck: Das Pferd kann sich dadurch nicht mehr im Galopp oder Trab fortbewegen. Es kann sich nur noch in kleinen, hüpfenden Schritten vorwärtsbewegen. Vorteil: Die Pferde können trotz der Einschränkung die ganze Nacht über grasen und sich frei bewegen, entfernen sich aber nur wenige Kilometer vom Camp. Der Hirte kann sie morgens problemlos zu Fuß einholen.
Das Anpflocken (Uurgatscht / Schatzi) Das Anpflocken an einem Holzpfahl oder einer langen Bodenleine wird für den direkten, schnellen Einsatz genutzt. Funktionsweise: Ein Pferd wird mit einem langen Strick am Halfter an einem in den Boden gerammten Holzpfahl (Gadas) festgebunden. Oft wird auch eine lange Leine zwischen zwei Pfählen gespannt, an der mehrere Pferde nebeneinander angebunden werden. Zweck: Dies betrifft meist die Reitpferde, die für den aktuellen Tag oder die anstehende Hütearbeit gebraucht werden, sowie die Stuten während des Melkens. Besonderheit bei Fohlen: Häufig werden tagsüber nur die Fohlen angepflockt. Da die Mutterstuten ihre Fohlen niemals im Stich lassen, bleibt die gesamte Herde dadurch freiwillig in der Nähe des Camps, ohne daß man die ausgewachsenen Tiere einsperren muß. Durch diese Kombination aus Bewegungseinschränkung und psychologischer Bindung (Mutter-Fohlen-Instinkt) behalten die Nomaden die volle Kontrolle über Hunderte von Tieren, ohne einen einzigen Meter Zaun bauen zu müssen. Möchtest du wissen, wie die Nomaden die Pferde schonend an diese Fesseln gewöhnen, oder interessiert dich, wie das Melken der Stuten mithilfe dieser Methode abläuft?

Auch hier lernen wir wieder sehr viel Neues. 

Abb. 8: Ein Lager der Kalmücken, aus: "A Trip up the Volga", 1875 (4) (andere Version von Abbildung 7)

Da wir die Grundzüge der Antwort auf die letztere, von der KI vorgeschlagene Frage schon in obiger Filmdokumentation kennen lernten, wollen wir über die erstere von ihr vorgeschlagene Frage mehr wissen und erfahren: 

Steppennomaden gewöhnen junge Pferde primär durch Geduld, langsame Gewöhnung an Berührungen an den Beinen und die Nutzung extrem weicher Materialien an die Fußfesseln (Tschidur). Da ein panisches Pferd sich verletzen oder das Vertrauen zum Menschen verlieren würde, erfolgt dieser Prozeß schrittweise und meist im Alter von zwei bis drei Jahren, wenn das Pferd auch an Sattel und Reiter gewöhnt wird. Der Gewöhnungsprozeß folgt einem traditionellen, schonenden Ablauf: Desensibilisierung der Beine: Bevor überhaupt ein Seil fixiert wird, streichen die Nomaden den Jungpferden bei der täglichen Pflege intensiv über die Beine. Das Pferd lernt dadurch, daß Berührungen an den Hufen und Fesseln keine Gefahr bedeuten und es die Beine stillhalten muß. Weiche Materialien: Für das Training werden niemals harte oder einschneidende Seile verwendet. Nomaden nutzen geflochtenes, weiches Pferdehaar, weichgeklopftes Leder oder dicke, elastische Stoffbänder. Dies verhindert schmerzhafte Scheuerstellen oder Hautverletzungen. Das erste Fixieren unter Aufsicht: Beim ersten Mal wird die Fessel meist im Beisein der Mutterstute oder in der vertrauten Nähe des Camps angelegt. Der Hirte bleibt direkt am Pferd. Macht das Tier einen Satz, hält das weiche Material stand, ohne einzuschneiden, und der Mensch beruhigt das Tier sofort mit der Stimme. Lernen durch Nachahmung: Jungpferde schauen sich das Verhalten bei den älteren, erfahrenen Herdenmitgliedern ab. Wenn das Jungpferd sieht, daß die Leitstuten und Wallache mit den Fesseln völlig entspannt grasen, verliert es schnell die Angst vor der Bewegungseinschränkung. Kurze Trainingseinheiten: Anfangs bleibt das Pferd nur für wenige Minuten gefesselt, während es abgelenkt ist (z. B. beim Fressen). Die Dauer wird von Tag zu Tag gesteigert, bis das Pferd gelernt hat, das Gewicht fließend von einem Bein auf das andere zu verlagern und sich in kurzen, koordinierten Hüpfern fortzubewegen. Schon nach wenigen Tagen haben die Pferde die Mechanik verstanden. Sie akzeptieren die Fessel als Signal, daß nun "Ruhezeit" oder "Weidezeit" im Camp-Bereich angesagt ist, und geraten nicht mehr in Panik.

Eine Fotografie zeigt eindrucksvoll die Weiten der Kalmücken-Steppe (Abb. 9). 

Abb. 9: Kalmückische Steppe (Fotograf: dsandzhiev [Pix])

Stammt von hier das "angeborene" Gefühl für Weite bei den Indogermanen? Ihre angeborene Sehnsucht nach Weite, Größe, Schönheit? Hieß nicht noch ein Wikinger-Wort: "Littila sanda, littila saeva littil ero ged guma," was auf Deutsch heißt: "Am engen Strand, an enger See wird eng des Menschen Sinn."

Die Germanen - Das Volk der Freiheit

Ist nicht genau das das "Neue", jene völlig neue Mentalität, Weltauffassung, die - womöglich - die Indogermanen in eine durch die Seßhaftigkeit und den Ackerbau "klein" und "eng" gewordene Welt hinein brauchten, "zurück" brachten? Sinn für Größe und Weite? Werden deshalb die Indogermanen und die Germanen (von Hegel und anderen) als "das Volk der Freiheit" erachtet? Weil sie sich ihre Mentalität selbst als Ackerbauern, selbst als Städter erhalten haben - jedenfalls immer dann, wenn sie sich auf sich selbst besinnen und wenn sie sich nicht durch orientalische oder christliche "Engherzigkeiten", "Verkniffenheiten", "Verschwommenheiten" davon abbringen lassen?

Diese Sehnsucht nach Klarheit - kommt sie hierher? Wurde sie in den Weiten dieser Steppen geboren? Fand hier die Geburt moderner Philosophie statt, moderner Wissenschaft? Klassischer Musik?

Abb. 10: Tataren in der Steppe - "Ein wanderndes Dorflager - Aul der Kundorofskischen Tataren in der Nogayischen Steppe", Kupferstich von Christian G. H. Geißler, 1793, koloriert erschienen 1812 (Stckh) (aus Abschluß-Folie in: Yt)

Eine weitere historische Abbildung vom Nomadenleben (Abb. 10): "Tataren in der Steppe". Es wird ein "wanderndes Dorf" gezeigt. Jurten werden unzerlegt auf Karren gepackt und weiter transportiert. Auch hier werden vor allem zweirädrige Karren genutzt. In der Bildmitte sehen wir, wenn wir uns nicht irren, sogar ein Getreidefeld, von dem die Nomaden ihre Tiere abhalten mußten.

So ähnlich könnte es auch ausgesehen haben, als die Schnurkeramiker nach Europa kamen. Sie bewohnten "wandernde Dörfer" abseits der ackerbautreibenden Kulturen, mußten dabei aber Rücksicht nehmen auf die ackerbautreibenden Kugelamphoren-Leute (archäologisch nachgewiesen etwa in der Weichselniederung in Kujawien [Stg2021]). (Ähnlich auch die indogermanische Kura-Araxes-Kultur in Anatolien.)

Abb. 11: Jurten von Nomaden, Schafe und Kamele im Kanas-Tal im Altaigebirge, nahe der äußersten Nordspitze der Provinz Xinjiang an der Grenze zu Kasachstan, der Mongolei und Rußland. Das Kanas-Tal ist die Heimat einer großen Bevölkerungsgruppe ethnischer Tuwiner und Kasachen, von denen viele als Nomaden leben (Fotografin Leisa Tyler, 30.5.2005 [LT])

Wir fragen die KI noch "Welche Tiere werden zum Schlachten ausgewählt?" Und wir erhalten die Antwort:

Für die Schlachtung wählen Steppennomaden primär ausgewachsene, unfruchtbare oder ältere männliche Tiere (oft Wallache), die im Spätherbst optimal fettgeweidet sind. Da Nomaden respektvoll mit ihren Herden leben, basiert die Auswahl auf einem strengen wirtschaftlichen und ökologischen System, das die Fortpflanzung und das Überleben der Herde im Winter sichert. Die Kriterien für die Auswahl der Schlachttiere umfassen folgende Punkte: Der Ernährungszustand (Der Fettanteil): Das wichtigste Kriterium ist der Fettstatus des Tieres im Spätherbst. In der Steppe gilt Fett als überlebenswichtiger Energielieferant für den Menschen im eisigen Winter. Ausgewählt werden Tiere, die sich über den Sommer eine dicke Fettschicht anfressen konnten. Das Geschlecht und die Rolle in der Herde: Bevorzugt werden ältere Wallache (kastrierte Hengste) oder junge, überschüssige Hengste geschlachtet, die nicht für die Zucht benötigt werden. Kostbare Zuchthengste und fruchtbare Mutterstuten stehen unter absolutem Schutz und werden fast nie geschlachtet. Das Alter: Sehr junge Fohlen werden aus wirtschaftlichen Gründen geschont. Das ideale Schlachtalter für Pferde liegt meist zwischen 5 und 10 Jahren, wenn das Tier ausgewachsen ist, viel Fleisch anberaumt hat, aber das Fleisch noch zart genug ist. Auch altersschwache Tiere, die den harten Winter ohnehin nicht überleben würden, werden ausgewählt. Trächtigkeits-Ausschluß: Eine tragende Stute zu schlachten, gilt in der nomadischen Kultur als schweres Tabu und schlechtes Omen, da damit zwei Leben gleichzeitig ausgelöscht würden. Die Fruchtbarkeit wird vor der Auswahl genau geprüft. Die Schlachtung findet fast ausschließlich im Spätherbst (November/Dezember) statt. Zu dieser Zeit sind die Tiere am fettesten, und der einsetzende Frost dient als natürlicher Gefrierschrank, um das Fleisch über die harten Wintermonate haltbar zu machen, ohne daß Konservierungsstoffe benötigt werden. Möchtest du mehr über die schmerzfreie, traditionelle Schlachtmethode der Nomaden erfahren?

Ja, das wollen wir. Und wir erhalten die Antwort:

Die traditionelle Schlachtmethode der Steppennomaden ist darauf ausgelegt, dem Tier so wenig Angst und Schmerz wie möglich zuzufügen. Aus tiefem Respekt vor dem Pferd, das als heilig und als bester Freund des Menschen gilt, wird die Schlachtung ruhig, schnell und völlig ohne Blutvergießen auf dem offenen Boden durchgeführt. Diese Methode basiert auf jahrhundertelanger Erfahrung und läuft nach folgenden Schritten ab: Beruhigung des Tieres: Das ausgewählte Pferd wird nicht fixiert oder in eine Enge getrieben, was Panik auslösen würde. Ein vertrauter Hirte führt das Tier ruhig zu einem sauberen Platz abseits der restlichen Herde. Die Herde darf den Vorgang nicht sehen, um Unruhe zu vermeiden. Das sanfte Ablegen: Das Pferd wird mithilfe von Seilen vorsichtig und ohne Hektik auf die Seite gelegt. Die Nomaden sprechen dabei leise mit dem Tier, um es bis zum Schluß zu beruhigen. Der präzise Schnitt (Der Brustschnitt): Der Schlachter setzt mit einem sehr scharfen Messer einen kleinen, gezielten Schnitt in die Brusthaut nahe dem Herzen. Das Durchtrennen der Aorta: Der Schlachter führt seine Hand vorsichtig durch diesen kleinen Schnitt direkt in den Brustraum ein und drückt oder trennt die Hauptschlagader (Aorta) direkt am Herzen ab. Sekundenschneller Tod: Durch das Kappen der Aorta fällt der Blutdruck im Gehirn des Pferdes sofort auf Null ab. Das Tier verliert innerhalb weniger Sekunden das Bewußtsein und schläft schmerzfrei ein, ohne einen Todeskampf oder Todesangst zu erleiden. Kulturelle Tabus und Regeln: Diese Methode unterscheidet sich grundlegend von westlichen Schlachthöfen und ist durch strenge kulturelle Gesetze geregelt: Kein Blutvergießen auf die Erde: Das Blut sammelt sich komplett im inneren Brustraum des Tieres. Es gilt in der Nomadenkultur als schweres Tabu und Beleidigung der Erde, das Blut eines Tieres unkontrolliert auf den Boden fließen zu lassen. Später wird das Blut sauber abgeschöpft und vollständig zu Blutwurst verarbeitet. Dankbarkeit: Vor und während der Schlachtung bitten die Nomaden den Geist des Tieres um Verzeihung und bedanken sich dafür, daß es der Familie das Überleben sichert.


/ Erster Entwurf 7.12.2024 /

____________________

  1. Hans J . J . G . Holm: Pre-DOM2 Horses in the Corded Ware Culture: A Necessary Correction to the Current DOM2 Narrative. 2026, Zenodo (Acad2026)
  2. Mertin, Wolfgang: Die neuen Nomaden von Kirgisistan (360° - GEO Reportage) MedienKontor / ARTE, 2009 (Yt)
  3. Goedsche, Friedrich Wilhelm: Vollständige Völkergalerie in getreuen Abbildungen aller Nationen mit ausführlicher Beschreibung derselben. Bd. 2. Abtg. 2. Meißen [1833]
  4. Munro-Butler-Johnstone, Henry Alexander (1837-1902) (Wiki): The fair of Nijni-novgorod and a trip up the Volga, 1875; auch unter dem Titel "Trip up the volga to the fair of Nijni-novgorod". With thirteen illustrations. Porter & Coates, Philadelphia 

Sonntag, 18. Mai 2025

Der älteste, bekannte Glockenbecher-Mann lebte bei Soissons in Nordfrankreich

Entstand die Glockenbecher-Kultur im Aisne-Tal oder in Flandern (2.500 v. Ztr.)

Der bislang älteste, bekannte Glockenbecher-Mann lebte 115 Kilometer nordöstlich des heutigen Paris in der Nähe des heutigen Soissons (GMaps), so eine im März 2025 veröffentlichte Studie aus dem Labor von Eske Willerslev in Dänemark (1) (s. Stg3/25). Die Glockenbecher-Kultur ist autochthon am Niederrhein entstanden, so eine im Mai 2025 veröffentlichte Studie aus dem Labor von David Reich in den USA (Stg5/25). Also wo nun? Diese Frage treibt uns um. 

Abb. 1: Im Jahr 2023 vorliegende archäogenetische Daten zur Glockenbecher-Kultur - Nordfrankreich als weißer Fleck (aus: 4)

Schon 2023 vermutete man die Urheimat der Glockenbecher-Kultur in Nordfrankreich, allerdings gab es damals aus dieser Region noch keine archäogenetischen Daten (s. Abb. 1) (aus: 4). Die genannten neuen Veröffentlichungen ändern diese Situation - zumindest ein wenig.

Allerdings muß von Seiten eines Laien immer noch ein bisschen wild gesucht werden, bis er alle verfügbaren Daten über den in der Literatur erwähnten Fund und seine Örtlichkeit zusammen hat - über das bis dato offenbar älteste, bekannte Glockenbecher-Grab (1-3).

Im Text der Studie (1) ist als Alter angegeben "4463" (vor heute). Mit diesem Suchwort finden wir in den Datenanhängen der Studie das folgendermaßen gekennzeichnete Individuum (1):

"CBV95.brunel_2020_pnas | La Bouche−−Vesle | France_Neolithic_Campaniforme | R1b | 4463"

Der hier angegebene Fundort „La Bouche à Vesle“ führt zunächst nicht weiter, da es sich bloß um die Bezeichnung eines Flurstückes handelt (wie wir später erfahren). Und solche finden sich bekanntlich nicht auf Google Maps. Aber man hätte den Ortsnamen ja auch einmal einfach übersetzen können, er lautet "Die Mündung der Vesle", also Mündung des Flusses Vesle (in die Aisne). Daß es so einfach sein könnte, wird uns erst später klar. Schließlich führt die Angabe "brunel_2020_pnas" weiter. Es ist dies nämlich die Studie, in der die archäogenetischen Daten dieses Fundes zum ersten mal veröffentlicht worden sind (2), und zwar unter der Kennzeichnung "CBV95".

Der frühste Glockenbecher-Fund im Aisne-Tal (2.500 v. Ztr.)

Über das Suchwort „La Bouche à Vesle“ fand sich zumindest zunächst einmal ein Bericht der französischen Denkmalbehörde über die diesbezügliche Ausgrabung (Neolitiqueblog2016):

Im Dorf Ciry-Salsogne auf dem Flurstück „La Bouche à Vesle“ wurde eine auf etwa 2.574/2.452 v. Ztr. datierte Einzelbestattung aus der Glockenbecher-Kultur entdeckt. (...) Bei dem Verstorbenen handelt es sich um einen jungen, erwachsenen Mann im Alter von 20 bis 22 Jahren. Ihm ist ein für die damalige Zeit typischer Becher, ein Feuerstein-Messer und ein Hirschgeweihobjekt beigegeben worden (ein langes, bogenförmiges Daubensegment). Der Feuersteindolch wurde links vom Verstorbenen abgelegt; gemessen an der Stumpfheit seiner Kante und der sekundären Retusche ist er sehr häufig verwendet worden.

Das Flurstück liegt also an der Mündung der Vesle in die Aisne. Die Vesle kommt von Reims her, der Stadt, die fünfzig Kilometer weiter östlich liegt. An ihrer durch die beiden Flußläufe geschützten Mündung fanden die Archäologen eine Siedlung aus der späten Hallstatt-Zeit. Sie bestand aus mindestens 16 Gebäuden, umgeben von einer Palisade (AdlFI1999). Unabhängig von diesen Funden wurde dann hier auch das 2000 Jahre ältere, bis dato älteste Grab der Glockenbecher-Kultur entdeckt. 

Abb. 2: Ein 15 cm hoher Becher als Beigabe - Aus dem bis dato ältesten Glockenbecher-Grab weltweit im Aisne-Tal (aus: Neolitiqueblog2016)

In der archäologischen Studie, in der dieser Fund 2011 veröffentlicht wurde, heißt es (3): 

Im Jahr 2000 wurde ein Grab aus der Glockenbecherzeit entdeckt im nördlichen Teil des Dorfes Ciry-Salsogne im Aisne-Tal rund ein Dutzend Kilometer östlich der Stadt Soissons. Das Flurstück „La Bouche à Vesle“ liegt an der Vesle, in der Nähe der Mündung in die Aisne. Das untersuchte Flurstück (30 ha) besteht insgesamt aus einer ebene Fläche mit kiesigem Untergrund, geeignet für menschliche Besiedlung. Durch jüngste und frühere archäologische Eingriffe wurden zahlreiche Strukturen sowohl aus der Frühgeschichte als auch aus der Geschichte freigelegt (Desenne et al., 2000). Eine Rodung auf zwei Hektar ergab nun dieses isolierte Grab (Struktur 95) inmitten von Strukturen aus der Bronze- und Latènezeit. In der Umgebung wurden sonst keine Strukturen, Außenbestattungen oder anderen Bestattungen entdeckt (Desenne et al., 2000). (...) Eine Datierung durch das Groninger Labor ergab für dieses Grab eine Zeitstellung von 2574-2452 v. Ztr..

Die Veröffentlichung der archäogenetischen Daten zu diesem 20-jährigen Mann der Glockenbecher-Kultur erfolgte dann im Jahr 2020 (2) (Abb. 3, 4). 

Abb. 3: "CBV95" - Das bislang älteste, bekannte Glockenbecher-Individuum, das sich nahe von Soissons in Nordfrankreich fand, hatte offenbar ausschließlich Steppenherkunft (aus 2)

In der Studie heißt es (2):

Wir präsentieren zwei mit der Glockenbecherkultur assoziierte Individuen (CBV95 und PEI2), die wir zusammen mit bereits beschriebenen zeitgenössischen Individuen aus Europa, einschließlich Frankreich, analysiert haben (10). Mit der Glockenbecherkultur assoziierte französische Individuen weisen ein breites Spektrum an Steppenabstammungsanteilen auf (Abb. 1C und 2D). CBV95 in Nordfrankreich weist in unserem Datensatz den höchsten Anteil an Allelen der Jamnaja-Kultur auf und gehört zur Y-Chromosom-Haplogruppe R1b (Abb. 1C und 2D und SI-Anhang, Abb. S4-5), was den frühesten klaren Beweis für die Präsenz dieser Haplogruppe in Frankreich um 2500 v. Ztr. darstellt (Datensatz S10). Diese Linie wurde mit der Ankunft von Migranten aus der Steppe in Mitteleuropa während des Spätneolithikums in Verbindung gebracht und wurde in anderen Teilen Europas und bei mit der Glockenbecherkultur assoziierten Individuen aus Südfrankreich beschrieben, während sie auf der Iberischen Halbinsel vor der Bronzezeit fast nicht vorhanden war (10, 13).
We report two Bell Beaker-associated individuals (CBV95 and PEI2), that we coanalyzed with previously reported contemporaneous individuals from Europe, including France (10). French Beaker-associated individuals display a wide range of steppe-ancestry proportions (Figs. 1C and 2D). CBV95 in northern France derives the highest proportion of alleles from the Yamnaya in our dataset, and belongs to Y-chromosome haplogroup R1b (Figs. 1C and 2D and SI Appendix, Fig. S4-5), providing the earliest clear evidence of the presence of this haplogroup in France around 2500 BCE (Dataset S10). This lineage was associated with the arrival of migrants from the steppe in central Europe during the Late Neolithic, and was described in other parts of Europe and in Bell Beaker-associated individuals from southern France, while being almost absent in Iberia prior to the Bronze Age (10, 13).

Es wird dann noch die Angabe gemacht (1):

Vermischungsmodelle erbrachten überraschenderweise Villabruna nicht als Herkunftsanteil für CBV95 oder PEI2, was sich von bisher bekannten Individuen aus der Jungsteinzeit unterscheidet.
Surprisingly, the admixture model did not include Villabruna as an ancestry source for either CBV95 or PEI2, which differs from previously known Late Neolithic individuals.

Für CBV95 wollen wir das gelten lassen. Aber diese Aussage kontrastiert ja doch mit den Ergebnissen aus dem David Reich-Labor, wonach die westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft konstitutiv für die Ethnogenese der Glockenbecher-Kultur gewesen sein soll (Stg5/25). Wie auch immer sich dieser Widerspruch auflösen wird!*) Wenn es im Aisne-Tal um 2.500 v. Ztr. noch Menschen mit reiner Jamnaja-Genetik gab, obwohl sich die Schnurkeramik-Leute in Europa seit 500 Jahren mit Einheimischen vermischt hatten, sollte dieser Umstand auch auf eine genetisch sehr konservativ gebliebene indogermanische Bevölkerung im Aisne-Tal verweisen.

In einer weiteren der Studie beigegebenen Grafik wird "CBV95" dann als Ausgangspunkt gewählt der europaweiten Glockenbecher-Ausbreitung (Abb. 4): Ihm stehen genetisch zunächst Glockenbecher-Individuen, die in Deutschland und Großbritannien gefunden wurden, am nächsten. 

Abb. 4: Die Vermischung der Glockenbecher-Leute während ihrer Ausbreitung über Europa - CBV96 steht dem Ursprung am nächsten (aus: 1) ("D statistics of the form D(Mbuti, Test; Yamnaya_Samara, Anatolia_Neolithic) for individuals associated with the Bell Beaker cultural complex")

Glockenbecher-Individuen, die auf der iberischen Halbinsel gefunden wurden, sind genetisch weiter von ihm entfernt. Die unterschiedliche genetische Nähe ergibt sich wohl jeweils vor allem aufgrund der Vermischung mit jeweils einheimischen Vorbevölkerungen.

Ein Fürstensitz der Michelsberger Kultur im Vesle-Tal in Nordfrankreich (4.200 v. Ztr.)

Das Aisne-Tal in Nordfrankreich und das Tal des Vesle, die von Süden kommend in die Aisne mündet, werden seit vielen Jahren archäologisch erforscht. Ein regionales Zentrum der Michelsberger Kultur aus der Zeit um 4.200 v. Ztr. fand sich nahe Jonchery-sur-Vesles, 30 Kilometer von der Mündung der Vesle flußaufwärts entfernt (Neolitiqueblog2016):

Die bedeutendste Stätte aus dem Mittelneolithikum ist die von Jonchery-sur-Vesles (Michelsberg-Kultur, etwa 4.200 v. Ztr.). Ihre Ausgrabung wurde 2003 abgeschlossen. Es handelt sich bei ihr um eine Einfriedung mit einer Innenfläche von 5 Hektar. Diese besteht aus 4 bis 5 konzentrischen Gräben (also 3.500 Meter Gräben) mit einer oder mit zwei inneren Palisaden (also 1.500 Meter Palisaden, für die 600 Bäume gefällt werden mußten). Die archäologischen Funde sind bedeutsam (sie betragen 1 Tonne Keramik!) und sie zeugen von einem Ort mit einem bestimmten Zweck, vielleicht für zeremonielle Zwecke oder um die umliegenden Dorfgemeinschaften zusammenzubringen (Markt?). Neben dieser Fundstelle wurden für das Mittelneolithikum rund zwanzig weitere Fundstellen identifiziert.

Es dürfte sich um einen Fürstensitz am Westrand der Michelsberger Kultur (4.400 bis 3.500 v. Ztr) (Wiki) gehandelt haben, deren Volk sich von Ostbayern bis Nordfrankreich ausgebreitet hatte, und die dann von der Wartberg- und der Trichterbecher-Kultur abgelöst wurde. Rund um diese Ortschaft wurden Megalithgräber angelegt und genutzt zum Spätneolithikum, so daß auch das älteste Glockenbecher-Individuum an der Mündung der Vesle in Zusammenhang mit diesem kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Zentrum gestanden haben kann. Bekanntlich haben sich ja die Schnurkeramiker schon 500 Jahre vorher im Weichselraum mit ihren Herden in den Randbereichen der Ackerbauern-Siedlungen aufgehalten (ebenso zeitgleich die Indogermanen in Anatolien, die Kura-Araxes-Kultur). 

Die Gegend bei Soissons - Ort von Entscheidungsschlachten des Ersten Weltkrieges

Die Gegend um Soissons weist eine reiche Geschichte auf (Wiki), schon in der Zeit der Gallischen Kriege des Julius Caesar. Der Zeithistoriker denkt vor allem an das Geschehen des Ersten Weltkrieges in dieser Region. Die Deutschen hatten sich im September 1914 entsprechend des Schlieffen-Planes im vollen Siegeslauf auf Paris befunden. Sie hatten nur noch wenig Gegenwehr vorgefunden, als sie überraschend hinter Soissons, hinter die Vesle und hinter Reims zurück gingen. Dies war ein Vorgang, der unter der Bezeichnung "Wunder an der Marne" in die Geschichte einging (Wiki), und der sich in der Zeit zwischen dem 9. und 13. September 1914 vollzog (s. Abb. 5). 

Eine entscheidende Rolle bei der Verwirklichung dieses "Wunders" spielte ein Oberstleutnant Richard Hentsch, der als Abgesandter des von Rudolf Steiner okkult beratenen deutschen Generalstabschefs Hellmuth von Moltke zwischen den Hauptquartieren der vormarschierenden deutschen Armeen wechselte und der der jeweils nächsten Armee, zu der er kam, von einer angeblich sehr pessimistischen Sicht auf die Lage berichtete auf Seiten jener Armee, von der er gerade kam. Diese pessimistische Sicht hatte bei dieser aber gar nicht vorgelegen. Da nun plötzlich jede der vormarschierenden Armeen befürchtete, vom Gegner auf den Flügeln angegriffen und umfaßt zu werden, gingen alle vormarschierenden Armeen nun ziemlich gleichzeitig zurück. Ein ziemlich "verrückter" Vorgang. 

Abb. 5: Das Wunder an der Marne im September 1914

Erneut trat diese Regionen in den Mittelpunkt des Geschehens unter anderem im entscheidenden, letzten Jahr des Ersten Weltkrieges, im Jahr 1918. Mit einer gewaltigen deutschen Frühjahrsoffensive (Wiki) wollte der deutsche General Erich Ludendorff (1865-1937), der Sieger der Schlacht von Tannenberg in Ostpreußen im Jahr 1914, noch einmal die Lage zugunsten des Deutschen Reiches wenden. Die Deutschen erreichten unter seiner Führung an der Westfront auch den größten Geländegewinn seit 1914, jedoch nicht den heiß erstrebten Durchbruch nach Paris. Die erste Phase dieser Schlacht dauerte vom 21. März bis 5. April 1918. Die Deutschen waren in dieser etwas weiter nördlich von St. Quentin bis kurz vor Amiens durchgestoßen. Die zweite Phase dieser Schlacht spielte sich erneut rund um Soissons und um die Täler der Aisne und der Vesle ab. Vom 27. Mai bis zum 6. Juni griffen die Deutschen auf der Front von Reims an westwärts gen Süden an. Sie eroberten Soissons und den gesamten Flußlauf der Vesle von Reims abwärts, und zwar ein zweites mal seit 1914. Sie stießen bis Chauteaux Thierry und bis zum Wald von Villers-Cotterêts durch (Wiki). Entsprechend dieses Kriegsverlaufs heißt es über Soissons auch (Wiki):

Im Ersten Weltkrieg (1914-1918) wurde die Stadt zweimal von deutschen Truppen besetzt und durch Artilleriefeuer von beiden Seiten zu drei Vierteln zerstört. 

Über das Jahr 1914 heißt es (Wiki):

Am 13. September griffen die Zuaven und Schützen von General Quiquandon den „Hügel 132“ an, der Soissons im Norden überblickt, jedoch ohne Erfolg. Nach den Angriffen am 14., 17., 23. und 30. September gelang es den Angreifern nicht, die Verteidiger zu vertreiben, die sich in diesen von Senken durchzogenen Hügeln eingegraben hatten und die sich zu hervorragenden Beobachtungsposten und Stellungen für die Bombardierung von Soissons entwickelten. (...) Die fortschreitende Zerstörung der Stadt veranlaßte das französische Kommando Anfang Januar 1915 zu einem Angriff, um die Stadt zu befreien. Es ist die Schlacht von Crouy. Am 8. Januar griffen ein Bataillon Jäger und ein Bataillon marokkanischer Schützen mit Unterstützung der 55. Division an und es gelang ihnen, auf dem „Sporn 132“ Fuß zu fassen. Die Front stabilisierte sich nördlich der Stadt, die bis 1917 schwer bombardiert wurde. 
Henri Barbusse schrieb dort "Le Feu".
Während der Meutereien von 1917 marschierten Soldaten durch die Stadt, die sich nach der verheerenden Offensive am Chemin des Dames geweigert hatten, an die Front zu gehen. (...)
29. Mai 1918: Die marokkanische Division und das Marschregiment der Fremdenlegion werden per Lastwagen in den Westen des gerade in Feindeshand gefallenen Soissons transportiert. Ziel war es, seinen Vormarsch in Richtung Villers-Cotterêts zu blockieren, indem man Stellung auf der Montagne de Paris einnahmen. Der Angriff begann am frühen Morgen nach einem kurzen, aber heftigen Artilleriefeuer. Der zahlenmäßig deutlich überlegene Feind konnte in den Stellungen der Legion Fuß fassen. Die Legionäre waren gezwungen, ihre Munition zu schonen, und verloren in den zweitägigen Kämpfen 47 Mann, 219 wurden verwundet und 70 wurden vermißt. Dennoch gelang es dem Marschregiment der Fremdenlegion, seine Stellungen zu halten und den deutschen Vormarsch in seinem Abschnitt zu blockieren.

Soweit nur ein kurzer Ausschnitt aus diesem dramatischen Geschehen, der natürlich beliebig erweitert werden könnte (s.a. Abb. 6).

Soldatenfriedhof Soupir an der Asine

Elf Kilometer westlich der Mündung der Vesle in die Aisne wurde der deutsche Soldatenfriedhof Soupir angelegt. Auf ihm liegen (Volksbund) ...

... mehr als 11.000 Gefallene aus den Gefechten, die vom September 1914 bis zum Oktober 1918 tobten. Allein 5.955 Tote ruhen in einem Gemeinschaftsgrab.

Daneben ist ein französischer Soldatenfriedhof angelegt worden. Auf ihm liegen (Volksbund... 

7.236 französische Soldaten aus den Schlachten des Ersten Weltkrieges zwischen Soissons und Reims, an der Aisne, der Vesle und der Marne sowie um den Chemin-des-Dames.

Die meisten der hier bestatteten Soldaten werden, sofern sie nicht allein germanischer Herkunft aus Norddeutschland waren, zu größeren Teilen auch jene Glockenbecher-Herkunft in sich getragen haben, die womöglich genau in dieser Region an der Aisne - oder weiter nördlich bis hoch nach Flandern - entstanden ist.

Abb. 6: Landschafts- und Geschichtseindruck - Der Fluß Aisne - "Französischer Angriff auf die deutschen Stellungen im Norden der Aisne - April und Mai 1917" - Gemalt von François Flameng 1917 (Wiki

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*) Jedenfalls steht diese Angabe auch in Widerspruch zu Angaben im sonstigen Internet über die Herkunftszusammensetzung dieses Individuums (nach ExploreyourDNA):

73.15 % Yamnaya_RUS_Samara (Jamnaja-Steppenhirten)
16.60 % TUR_Barcin_N (anatolisch-neolithische Bauern)
10.25 % WHG (westeuropäische Jäger und Sammler)

Eine andere Aufschlüsslung der Herkunft von CBV95 (dnagenetics), wonach er 42 % westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft gehabt hätte, ist dann noch weniger nachvollziehbar (s.a. umap). 

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  1. Tracing the Spread of Celtic Languages using Ancient Genomics. Hugh McColl, Guus Kroonen, Thomaz Pinotti, John Koch, Johan Ling, Jean-Paul Demoule, Kristian Kristiansen, Martin Sikora and Eske Willerslev (bioRxiv. posted 1 March 2025) 10.1101/2025.02.28.640770
  2. S. Brunel,E.A. Bennett,L. Cardin,D. Garraud,H. Barrand Emam,A. Beylier,B. Boulestin,F. Chenal,E. Ciesielski,F. Convertini,B. Dedet,S. Desbrosse-Degobertiere,S. Desenne,J. Dubouloz,H. Duday,G. Escalon,V. Fabre,E. Gailledrat,M. Gandelin,[...]& M. Pruvost,  Ancient genomes from present-day France unveil 7,000 years of its demographic history, Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 117 (23) 12791-12798, https://doi.org/10.1073/pnas.1918034117 (2020). (PNAS2020)
  3. Lamys Hachem, Pierre Allard, Fabien Convertini, Bruno Robert, Laure Salanova, et al.. La sépulture campaniforme de Ciry-Salsogne ” La Bouche à Vesle ” (Aisne). In: Laure Salanova & Yaramila Tchérémissinoff (Hg): Les sépultures individuelles campaniformes en France, CNRS Editions, pp.21-35, 2011, Gallia Préhistoire. Supplément; 41, 978-2-271-07124-8. ffhalshs-00654008
  4. Ian Armit: A sea change? Mobility, Genetics and the Beaker Complex in Britain. The Transformation of Europe in the Third Millennium BC. International Conference on the Third Millennium BC archaeology in Europe. Riva del Garda, Trento, Italy, 25-28 October 2023 (Yt)

Freitag, 11. Oktober 2024

Brückenkopf Nikopol Februar 1944 - Abschnürung und Ausbruch

Verteidigung und Räumung des Brückenkopfes Nikopol durch das Armeekorps Schörner
- Die Schlacht am Unteren Dnjepr 1943/44 - Teil 3

Der Kampf um den Brückenkopf Nikopol zwischen November 1943 und Februar 1944 hätte - wenn es nach dem Willen des befehlenden Generals Erich von Manstein gegangen wäre - nicht mit dem Verlust alles eingesetzten deutschen Materials an schweren Waffen und Fahrzeugen, der Ausrüstung von elf Divisionen enden müssen so wie es dann Mitte Februar 1944 geschehen ist, da die Fahrzeuge auf dem Rückzug im Schlamm stecken geblieben sind und aufgegeben werden mußten. Manstein hatte eine rechtzeitige Räumung des Brückenkopfes vorgeschlagen. Der Oberbefehlshaber Adolf Hitler hatte sich dagegen entschieden.

Abb. 1: "Nikopol 1944" (Reibt) - Deutsche Panzer - vermutlich auf dem Weg, die Durchbrüche der Sowjets von Norden her auf den Brückenkopf zu stoppen oder zu verlangsamen

Im folgenden soll ein grober Überblick über die Abläufe gegeben werden. Es wird deutlich werden, daß an vielen Stellen noch viele Einzelheiten hinzugefügt werden könnten. Zu viele Divisionen waren beteiligt. Zu wechselnd das Bild, an zu vielen unterschiedlichen Orten gleichzeitig vollzog sich das Geschehen.

Aber es haben sich doch auch erstaunlich viele Amateur-Fotografien von deutschen Soldaten aus den Kämpfen rund um Nikopol - und zum Teil auch Kriwoi Rog - erhalten. Sie werden gegenwärtig von ukrainischen Lokalhistorikern vor Ort gesammelt (s. z.B. Reibert). Auch viele Todesanzeigen von gefallenen deutschen Soldaten in deutschen Zeitungen, die in der Region gefallen sind, sind da zusammen gestellt. Zumindest für Kriwoi Rog wird auch die deutsche Besatzungszeit von örtlichen Historikern, Journalisten und Interessierten aufgearbeitet. Das von Lokalhistorikern gezeichnete Bild ist da mitunter doch facettenreicher ist als man es bislang gekannt und vermutet hatte.

Eine erste Phase der freundlichen Zusammenarbeit zwischen den Deutschen und den ukrainischen Nationalisten bis Winter 1942, die eine umfangreiche Förderung des ukrainischen Kultur- und Bildungswesens mit einschloß, wird da unterschieden von einer zweiten Phase, in der man deutscherseits den Ukrainern keine Schulbildung mehr über das 14. Lebensjahr hinaus zugestehen wollte (Literatur dazu schon im letzten Beitrag).

Zu der deutschen Besatzungspolitik innerhalb der Ukraine gibt es also auf den ersten Blick kein einheitliches Bild. Offenbar sind die ukrainischen Nationalisten - im Gegensatz zu der freundschaftlichen Zusammenarbeit mit Erich Ludendorff im Jahr 1918 - im Jahr 1941 sehr früh auf sehr deutliche Distanz gegangen zu einer Zusammenarbeit mit den Deutschen. Sie wurden von deutscher Seite vor den Kopf gestoßen, als gleich am Anfang des Krieges gegen die Sowjetunion deutlich wurde, daß von deutscher Seite aus die Gründung eines ukrainischen Staates nicht vorgesehen war. Dieser Umstand spiegelt sich unter anderem in der Geschichte des Bataillons Nachtigall (Wiki) wieder. Auf dem ukrainischen Wikipedia-Artikel zur "Organisation ukrainischer Nationalisten" (OUN) wird all das schon vergleichsweise differenziert dargestellt (Wiki):

Deutschen Dokumenten zufolge änderte sich die Situation nach (einer Zeit) der loyalen Haltung der OUN und einer gewissen Zusammenarbeit mit der "Abwehr" (dem deutschen militärischen Geheimdienst) in der Anfangszeit des Zweiten Weltkriegs im August-September 1941 radikal. Die erste Welle von Massenverhaftungen von Mitgliedern der OUN(b) erfolgte auf geheimen Befehl des Chefs des RSHA, Reinhard Heydrich. 1.500 Menschen wurden verhaftet, mehrere Hundert davon in Wolhynien. Bis November 1941 hatten sich die Beziehungen zwischen der OUN (b) und Deutschland so stark verschlechtert, daß am 25. November 1941 eine geheime Weisung der deutschen Polizei „014-UdSSR“ erlassen wurde, aus der hervorgeht, daß die Gruppe um Bandera einen Aufstand im Reichskommissariat vorbereiten würde und daß alle als Plünderer zu verhaften, zu verhören und zu eliminieren seien.

In Kriwoi Rog dauerte allerdings die freundschaftliche Zusammenarbeit - nach den örtlichen Historikern - zumindest was die Förderung des ukrainischen Kultur- und Bildungssektors von deutscher Seite aus betrifft, noch bis zum Winter 1942 an. Auf solche Umstände ist unserer Kenntnis nach in der deutschen öffentlichen Berichterstattung noch nie hingewiesen worden. Vielleicht ist das in deutschsprachiger wissenschaftlicher Spezialliteratur vergraben. Am ehesten finden sich noch Hinweise z.B. auf die 14. Waffen-SS-Grenadier-Division „Galizien“ (Wiki), deren Angehörige Ende 1943 im Raum um Lemberg rekrutiert worden sind, und an die vor Ort gelegentlich in den letzten Jahren noch erinnert wird (Welt/oD).

Der Angriff zum Abschnüren des Brückenkopfes Nikopol ab 30. Januar 1943

Aber nun zu den deutschen Verteidigungsbemühungen im Brückenkopf von Nikopol 1943/44. An der Nordfront des Brückenkopfes Nikopol verteidigte nordöstlich von Kriwoi Rog das LVII. Panzerkorps, an dessen rechtem Flügel die 62. Inf. Div. stand, sowie beiderseits der Ortschaft Sofijewka (Wiki) (GMaps) am Fluß Kamenka die hessische 15. Inf. Div. (letztere mit ihrem 106. und 81. Gren. Reg.). Dann folgte weiter östlich das deutsche XXX. Armeekorps mit der 123. Inf. Div. (nicht eingezeichnet) und der 16. Pz.Gren.Div. an seinem linken Flügel (Willmer1968) (s. Abb. 2). Beim XXX. Armeekorps wurde Ende Januar von deutscher Seite her entsprechend der Feindaufklärung der gefährlichste, massivste Durchbruch erwartet.

Abb. 2: Der Angriff an der Nordfront des Brückenkopfes am 30. Januar 1944 auf das LVII. Panzerkorps und das XXX. Armeekorps - Von Westen nach Osten gehörten zum LVII. PzK die 62. Inf. Div. und die 15. Inf. Div. (mit 106. und 81. Gren. Reg.). Dann folgt das XXX. AK mit 123. Inf. Div. (nicht eingezeichnet) und 16. Pz. Div. (aus: Willmer1968)

Nach einer Divisionsgeschichte der 15. Infanterie-Division aus dem Jahr 1968 wird festgehalten (n. Willmer1968):

Am 30. Januar 1944 beginnt Punkt 4:00 Uhr bei völliger Dunkelheit mit einem gewaltigen Trommelfeuer die Schlacht. Die Lage der Einschläge war vom Divisionsgefechtsstand Juliewka durch die hellen Aufflammungen genau zu beobachten. Sie lagen in großer Ausdehnung rechts von der 15. I.D. im Abschnitt des XXX. Armeekorps und beim linken Nachbar, der 62. I.D.. Mittendrin lag - "in ein unheimliches Dunkel gehüllt" (Willemer) - der Abschnitt der 15. Infanteriedivision.

Womöglich hatte man sowjetischerseits erkannt, daß der Bereich der 15. Infanteriedivision keine "Schwachstelle" innerhalb der deutschen Front darstellte, da sie als besonders kampfstark galt. Weiter heißt es (n. Willmer1968):

Bei Dämmerungsbeginn legte der Gegner das Artilleriefeuer in die Tiefe und der Angriff begann. Die rechte Nachbardivision der 15., die 123. I.D. wird nur vom Ausläufer des Angriffs getroffen und hält stand. Dagegen gelingt den Sowjets ein Einbruch im Abschnitt der 16. Panzergrenadierdivision, die sich nach rechts an die 123. I.D. anschließt. Auch beim linken Nachbarn der 15., bei der 62. I.D., gelingt dem Gegner der Einbruch. Bald steht er tief im Kampffeld. Der Anschluß der 62. I.D. an das rechts anschließende G.R. 106 geht verloren. Daraufhin bildet das Flügelbataillon des G.R. 106 einen Abwehrhaken und hält so als Eckpfeiler der Front den ganzen Tag über gegen laufende Angriffe stand.

Nun kamen von deutscher Seite Panzer-Einheiten wie solche auf Abb. 1 fotografiert zum Einsatz (n. Willmer1968):

Die 6. Armee setzte daraufhin eine gepanzerte Kampfgruppe, bestehend aus der 9. und 23. Panzerdivision mit wenigen Panzern in Marsch. Diese wird unter dem Befehl der 15. I.D. im Raum der linken Nachbardivision (62.) zum Gegenangriff angesetzt. "Die Division begrüßt diese Entlastung, versteht aber nicht, warum die gepanzerte Gruppe nicht in dem weit gefährlicheren Angriffsraum des XXX. A.K. zum Einsatz kommt." (Willemer, S. 167) (...)
Am 30. Januar setzt Tauwetter ein, so daß die Wege verschlammen und die Zuführung der gepanzerten Eingreifreserve verzögert wird. Der Gegenangriff kommt somit erst am 31. Januar in Gang. Obwohl er nicht voll durch schlägt, werden die sowjetischen Angriffsspitzen zurück geworfen und die Abwehrfront der 62. I.D. gefestigt. Am Abend des selben Tages wird die Panzergruppe dann schließlich doch noch zum XXX. A.K. in Marsch gesetzt. Hier steht der sowjetische Angreifer mittlerweile kurz vor dem Durchbruch. Am 1. Februar 1944 greift der Feind sowohl beim XXX. A.K., bei der 62. I.D. und auch im Abschnitt der 15. I.D. an, deren Divisionsreserven längst auf dem linken Flügel eingesetzt wurden. Die Division kann zwar ihre Stellungen behaupten, muß sich aber mit Rücksicht auf die Gesamtentwicklung auf eine Sehnenstellung zurückziehen. Am 2. Februar tobt der Großkampf auf der gesamten Front; nur mit Mühe kann die 15. I.D. ihre Stellungen halten.

Die sowjetischen Angriffe sind - wie schon erwartet worden war - so massiv, daß die deutsche Front insgesamt zurück genommen werden muß (n. Willmer1968):

Vor allem beim XXX. Armeekorps hat sich die Lage schließlich so verschärft, daß am Morgen des 3. Februar um 3:30 Uhr bei der Division der Befehl zum Zurückgehen eingeht. (...) Die Truppe mußte auf den völlig verschlammten Wegen 7-10 km weit in die rückwärtige Stellung geführt werden. Bei Tagesanbruch war dies geschafft, die ganze Division befand sich abwehrbereit in der Ursula-Stellung.

Nun stand die 15. ID westlich von Juliewka (ukr. Nowojuliwka) (GMaps). 300 Meter westlich des Dorfausgangs vom heutigen Nowojuliewka sieht man auf Google Maps einen Grabhügel. Südöstlich des Dorfes Wyssoke Pole (GMaps) findet sich ebenfalls ein Grabhügel. Vielleicht ist letzterer der "Grabhügel 5,7" auf dem linken Flügel der 15. ID., der, wie wir im folgenden hören werden, "ständig ein Krisenpunkt" bleibt. In der Gegend gibt es aber sicherlich noch weitere Grabhügel, die dafür infrage kommen könnten. 

Abb. 3: Rücknahme der Front der 62. und 15. Infanteriedivision auf die "Ursula-Stellung" nordöstlich von Kriwoi Rog (aus: Willmer1968)

Aber die Notwendigkeit weiterer, umfangreicher Rücknahmen der Front deutet sich an, auf die von der Divisionsführung vorausschauend reagiert wird (n. Willmer1968):

Inzwischen waren aber die Sowjets beim deutschen XXX. Armeekorps durchgebrochen, und der Gegner bedrohte somit die rechte Divisionsflanke. Von dieser Sorge getrieben, ließ die Divisionsführung eine Sehenstellung in der Schleife des Flusses Ingulez südlich von Krivoi Rog erkunden und ausbauen. Außerdem werden alle nicht unbedingt benötigten Trosse als Sicherheitsbesatzung zum Südufer des Ingulez verlegt. So soll verhindert werden, daß die um Krivoi Rog stehenden deutschen Kräfte im Falle eines feindlichen Durchbruches abgeschnitten werden.

Wir wollen hier der Schilderung nicht mehr im einzelnen folgen. Im weiteren Verlauf verteidigte die 15. Infanterie-Division dann am Ostrand von Kriwoi Rog (Abb. 4) und ist dann unter zähen Abwehrkämpfen durch die Stadt Kriwoi Rog zurück nach Westen gegangen. 

Abb. 4: Kriwoi Rog während der deutschen Besatzung - Eine der ersten Farbaufnahmen der Stadt (aus: HistoryKR2023)

Im Wehrmachtbericht wurde die Division in diesen Tagen zum Stolz ihrer Angehörigen zwei mal erwähnt (n. Willmer1968):

"23.2. Die Stadt Krivoi Rog wurde nach erbitterten Kämpfen und nach Zerstörung aller kriegswichtigen Anlagen geräumt."

Und (n. Willmer1968):

"26.2. Im Südabschnitt der Ostfront hat sich die hessische 15. I.D. unter Führung von Generalmajor Sperl hervorragend bewährt."

Soweit können wir bislang mit diesem Bericht an das Kampfgeschehen vor Ort "heranzoomen". In der weiter gefaßten kriegsgeschichtlichen Darstellung von Major Dr. Frenck, festgehalten noch im Mai 1944, werden die geschilderten Ereignisse noch etwas anders dargestellt (Frenck1944, S. 20f):

Am 30.1. um 5.00 Uhr früh trat die sowjetische 3. ukrainische Front (...) an der Nordfront der Armee zu dem erwarteten Durchbruchsangriff zum Dnjepr an. Er nahm am ersten Tag einen unerwarteten Verlauf. Denn sein Schwergewicht lag zwar im Abschnitt des XXX. Armeekorps westlich des Busuluk (...), führte aber gerade dort trotz eines einstündigen Trommelfeuers von stärksten Außmaßen (...) zu keinem Erfolg. Seine nur durch schwächere Panzergruppen unterstützte massierte Infanterie wurde schon in den Bereitstellungen durch das wirksame eigene Artilleriefeuer soweit zerschlagen, daß es zu keinem zusammenhängenden Angriff auf breiter Front kam. (...) Das XXX. Armeekorps mit der 16. Panzergrenadier-Division, der 123. und 46. Infanteriedivision erzielten einen vollen Abwehrerfolg.

Das war - wie wir gesehen haben - von der Führung der 15. Infanterie-Division vor Ort etwas anders eingeschätzt worden. Frenck schreibt dann über die Gegend weiter westlich, und zwar östlich des Flusses Saksahan (Ssakssagan) (Frenck1944, S. 21ff): 

Dahingegen glückte den Sowjets zwischen Selenyj Gai und Kamenopol ostwärts des Ssakssagan mit dem geringen Aufwand von 3 Divisionen ein Überraschungserfolg. Die 62. Infanterie-Division, durch das starke Vorbereitungsfeuer offenbar sehr stark mitgenommen, hielt dem Druck nicht stand und konnte nach Verlust von 1/3 ihrer Gefechtsstärke die 8 km breite und 6 km tiefe Einbruchsstelle gerade noch notdürftig abriegeln.

Die beiden hier genannten Ortschaften finden sich heute unter "Kamjane Pole" und "Selenyi Hai" (GMaps), das heißt, westlich von Sofijewka (heute "Sofijiwka") am Fluß Kamenka. Der Angriff vom 30. Januar 1944 an der Nordfront auf die Sehne des Brückenkopfes und die weitere Entwicklung des Angriffes findet sich auch auf der folgenden Karte dargestellt (Abb. 5).


Abb. 5: Der entscheidende sowjetische Angriff an der Nordfront der deutschen Brückenkopfes Nikopol in Richtung Apostolowo - Er zwang schließlich zur Aufgabe des Brückenkopfes (Wiki)

Frenck schreibt weiter - wir bringen nur grobe Ausrisse aus seiner Darstellung (Frenck1944, S. 21ff):

Die Lage bekam ein völlig verändertes Bild, als der Feind am 31.1. seine örtlichen Einbrüche beim XXX. Armeekorps (...) unter Einsatz von etwa 130 Panzern zu einem 12 km breiten und 4 km tiefen Einbruch nach Süden und Südwesten erweitern konnte. (...) Das XXX. Armeekorps (...) schoß 70 Panzer ab und verhinderte einen Durchbruch.

Dennoch, so Frenck (Frenck1944, S. 21ff) ... 

... stand der Feind damit nur noch 30 km vor den für die Gruppe Schörner, insbesondere den Brückenkopf entscheidenden Verbindungen. (...) Der Flaschenhals am Dnjepr-Knie wurde immer enger. Die Bewegungsfähigkeit aller Fahrzeuge und schweren Waffen näherte sich im Schlamm dem Nullpunkt. Die Infanteristen wateten bis zum Stiefelschaft im Dreck.

Wenn man es recht versteht, befindet sich heute an dem Ort der genannten Kämpfe 12 Kilometer westlich des Busuluk eine sowjetische Kriegsgräberstätte (s. Abb. 7).

Abb. 6: Nordfront des Brückenkopfes Nikopol am 1. Januar 1944 (LdW) - Ganz links die 62. Infanterie-Division zwischen den Flüssen Ssakssagan und Kamenka

Sie befindet sich zwischen den Dörfern Petrowe und Schyroke auf dem Gelände des ehemaligen Dorfes Vysokoye (WCom) (GMaps):

Massengrab sowjetischer Soldaten, die bei der Befreiung gefallen sind im November 1943 - Januar 1944. 5061 Menschen wurden begraben, geborgen in der Steppe zwischen den Dörfern Shiroke (Menzhinka) und Petrovo. (...) Im Zeitraum 2010-2016 wurden 867 Überreste sowjetischer Soldaten begraben.

Siehe auch (Yt). Die künstlerische Gestaltung der Kriegsgräberstätte möchte man sogar als ansprechend charakterisieren (Abb. 7). Ob ihr Pathos allerdings der angemessene Ausdruck für einen Sieg des Kommunismus in der Ukraine ist, mag aus heutiger Sicht doch sehr dahin stehen. Wenn wir die Lagekarte vom 1. Januar 44 richtig lesen, hat in dieser Ortschaft die deutsche 16. Panzergrenadier-Division verteidigt (Abb. 6).

Abb. 7: Kriegsgräberstätte auf dem Gelände des ehemaligen Dorfes Vysokoye, 12 Kilometer westlich des Flusses Basuluk (Wiki)

Der Befehlshaber der Armeegruppe Schörner, General Schörner, hat nun am 1. Februar erneut die Räumung des Brückenkopfes Nikopol beantragt.

Keine Genehmigung zur Räumung des Brückenkopfes, 31. Januar 1944

Immer noch wurde diese nicht erteilt. Es wurde ebenso wenig genehmigt, daß die 3. Gebirgsdivision aus dem Brückenkopf insgesamt heraus gezogen würde (Frenck1944, S. 24):

Die Armee stellte daraufhin die 3. Gebirgsdivision als Reserve in die Tiefe des Brückenkopfes.

Das heißt, die 3. Gebirgsdivision, die südlich von Nikopol und vom dortigen Dnjepr den Brückenkopf verteidigte, dürfte schon zu diesem Zeitpunkt nach Norden über den Dnjepr herüber geholt worden sein. Bei diesem Anlaß werden viele Fotografien entstanden sein (Abb. 8 bis 12). Aber die Verlegung, bei denen viel fotografiert wurde, waren nicht die eigentlichen Kampflagen, die voraus gingen, und die auch sehr schnell wieder folgen sollten. Denn die Lage für die Armeegruppe wurde nun schnell bedrohlicher (Frenck1944, S. 24):

Am 2. Februar verlor die 15. Infanterie-Division Kamenka. (...) Bei Scholochowo war der Flaschenhals bis auf wenige Kilometer zu. 

Das Dorf Scholochowo (Wiki) (GMaps) liegt am Zusammenfluß des Busuluk mit der Solonaja (Ssolenaja). Scholochowo liegt 36 Kilometer nordwestlich von Nikopol auf dem Weg nach Krivoy Rog. Vierzehn Kilometer hinter Scholochow Richtung Krivoy Rog liegt das erwähnte Dorf Kamenka. 

Abb. 8: 3. Gebirgsdivision: "2 cm-Flak auf Selbstfahrlafette der Divisions-Fla-Kompanie. Kampf im Nikopol-Brückenkopf, Winter 1943/44. Alles verschlammt, kaum noch ein Vorwärtskommen"

Bei diesen Gegenden handelt es sich um eine archäologisch inzwischen bestens erforscht Region der Urheimat der Späten Urindogermanen, der Jamanaja-Kultur, der Vorfahren aller heutigen Europäer (s. Stgen2024). Auch auf Wikipedia findet sich die Angabe (Wiki):

In der Nähe von Scholochowo wurden Siedlungen und ein Grabhügel aus der Bronzezeit (III. - Anfang des I. Jahrtausends v. Ztr.) und eine Stätte aus der skythisch-sarmatischen Zeit (IV.-II. Jahrhundert v. Ztr.) entdeckt. In den 1976 ausgegrabenen Hügeln wurden reiche skythische Gräber gefunden. Es wurden Überreste der Siedlung der Tschernjachiw-Kultur des 4. Jahrhunderts entdeckt.

Mit Tschernjachiw-Kultur wird archäologischerseits das Volk der Goten benannt, die sich - zusammen mit ihren sagenhaften Königen - in dieser Region die Schlachten mit den Hunnen lieferten, die sie verloren haben. 

Am 3. Februar 1944 endlich wurde die Aufgabe des Brückenkopfes Nikopol von der obersten deutschen Führung genehmigt. 

Beginn des Abzuges aus Nikopol, 3. Februar 1944

Nächstes Angriffsziel der Sowjets war zu diesem Zeitpunkt schon - nachdem sie Scholochowo und Kamenka eingenommen hatten: Apostolowo (Frenck1944, S. 28):

Die mit schwachen Kräften auf weiter Flur allein kämpfende 9. Panzerdivision verteidigte die Stadt am 5.2. zusammen mit der eingesetzten Heeres-Flak und Alarmeinheiten bis zum letzten Schuß. (...) Erst als die Stadt von Osten und Westen vor der Einschließung stand und die Rohre der Flak nach der letzten Granate gesprengt worden waren, ging die Division mit 7 Panzern, im übrigen ohne Fahrzeuge und Nachrichten-Mittel zu Fuß beiderseits der Bahn hinhaltend kämpfend in Richtung Kronau zurück, um sich dort neu zu ordnen und zu munitionieren.

Hier wird nun wieder ein deutsches Dorf genannt. 

Abb. 9: Handschriftlich steht auf der Rückseite: "Unsere drei Trossfahrzeuge während der Überfahrt über die Nikopolbrücke, 3.2.44" (Reibt)

Es handelt sich um das deutsche Kolonisten-Dorf Kronau (Wiki) (GMaps). Es bis Herbst 1943 Teil der deutschen Mennonitensiedlung Kronau am Inguletz, die zu diesem Zeitpunkt schon eine bewegte Geschichte hinter sich hatte. Als Teil der Gesamtgeschichte der Ukraine im 20. Jahrhundert hatte sie alles erlebt, was es in dieser so zu erleben galt: Bürgerkrieg, Massaker ganzer Dörfer, Hungersnöte, Deportationen der Männer und vieles andere mehr. In einem künftigen Blogbeitrag soll das genauer behandelt werden. Frenck schreibt weiter (Frenck1944):

Die Armee, fast bewegungsunfähig (...), nur noch auf den zu Fuß durch den Schlamm watenden Grenadier, das Tragtier des Gebirgsjägers, das Pferd, die wenigen schlammbeweglichen Panzer und Zugmaschinen sowie auf die Transport-Ju's angewiesen, wandelte zwei bittere Wochen hindurch am Rande des Abgrundes. Himmel und Hölle hatten sich gegen sie verschworen. Die Wegelage steigerte sich von Stunde zu Stunde mehr zur Katastrophe. Im zähen Schlamm blieb ein Kraftfahrzeug nach dem anderen liegen. (...) Ein großer Teil aller Räder-Kraftfahrzeuge im Kampfraum mußte bereits als verloren angesehen werden.

Das Glück der Armeegruppe Schörner war, so schreibt Frenck, daß die Sowjets ihre Angriffsspitzen des Durchbruch-Angriffs teilten - Richtung Kriwoi Rog und Richtung Nikopol. Außerdem blieben sie selbst im Schlamm stecken. So gelang es den Sowjets zwar nicht, den Kessel vollständig abzuschnüren.  

Aber es mußten dennoch schwere und verlustreiche Ausbruchkämpfe am schmalen Durchbruch von Seiten mehrerer jener deutschen Divisionen geführt werden, die auch schon an der Molotschna und an der Südfront des Brückenkopfes in monatelangen schweren Abwehrkämpfen gestanden hatten. So unter anderem in Ortschaften wie Kostromka und Solotaja Balka am Dnjepr-Knie, in denen es heute große sowjetische Kriegsgräber-Gedenkstätten gibt.

Abb. 10: Handschriftlich steht auf der Rückseite: "Die rettende Nikopol-Brücke, Aufnahme 3.2.44. Im Hintergrund die Stadt" (Reibt)

Die dritte Gebirgsdivision konnte nun noch per Bahn Richtung Scholochowo und Kamenka gefahren werden. Sie wurde an der dortigen Front am 4. Februar ausgeladen und konnte noch am selben Tag und am Folgetag die Verteidigung dort aufnehmen (Frenck1944, S. 31):

258. I.D. drückte im Angriff den aus Scholochowo auf Alexandrowka vorstoßenden Feind zurück, 3. Geb. Div. schlug bei Hp.Tok mit Panzern angreifenden Feind zurück, so daß Flaschenhals an der Kamenka offen blieb.

Am 6. und 7. Februar wurde der Brückenkopf Lepaticha auf der linken, östlichen Seite des Dnjepr geräumt. 

Abb. 11: Übersetzen über den Dnjepr (aus Rolf Hinze/Rückzugskämpfe) (FdW)

Über diese waren mehrere andere deutsche Divisionen von der Südfront des Brückenkopfes auf die rechtsseitige Dnjepr-Seite hinüber geholt worden (Frenck1944):

Es gingen über den Dnjepr die 335. I.D., Teile 111. I.D. und Masse Art. 97. Jg.Div.. Bildung zweier engster Brückenköpfe Bol. Lepaticha und Ssergejewka. Feind drückte stark nach und erzielte kleine Einbrüche.

Ein Soldat namens Stauch, Angehöriger der hessischen 9. Infanterie-Division, die hier gar nicht genannt wird, aber ebenfalls über Lepaticha zurück ging, fand sogar noch Zeit zu einer künstlerischen Darstellung der auf der Rückzugsstraße im Schlamm stecken gebliebenen Fahrzeuge (Abb. 13). 

Am 8. Februar 1944 waren die Sowjet-Soldaten dann schon selbst über den Dnjepr übergesetzt und es heißt (Frenck1944):   

Gruppe Schörner entschloß sich, am 8.2. durch Angriff 17. und 302. I.D. den Raum Marinskoje - Nowo Woronzowka zu öffnen und mit dem Ausbruch zu beginnen.

Also die Nürnberger 17. Infanterie-Division, die schon bei Alt-Nassau an der Molotschna den Ostwall verteidigt hatte, sowie die mecklenburgische 302. Infanterie-Division, die weiter nördlich den Ostwall verteidigt hatte und die dann die südöstlichste Stellung des Brückenkopfes Nikopol gehalten hatte, sind jetzt Divisionen, die den Ausbruch der Armeegruppe Schörner freikämpfen müssen.

Durchbruch zwischen Kostromka und Solotaja Balka (ab 7. Februar 1944)

Die Ortschaften, denen gegenüber der Weg freigekämpft werden mußte, waren die beiden Ortschaften am Westufer des Dnjepr-Knies (GMaps). 50 Kilometer weiter westlich in Kronau (Wiki) (GMaps) stand die 9. Panzerdivision. Frenck schreibt über den 7. und 8. Februar (Frenck1944, S. 32):

9. Pz.Div. trat mit beweglichen Teilen aus dem Raum Kronau nach Osten an, um in Zusammenwirken mit 97. Jg.Div. Ausbruch Gruppe Schörner zu unterstützen. In Südwestteil von Bol. Kostromka eingedrungen. (...) Stadt Nikopol nach Zerstörung aller wirtschaftlichen und militärischen Einrichtungen planmäßig geräumt. 900 Schwerverwundete aus Nikopol im Bahntransport in die Ausbruchsstelle vorgefahren.

Bei "Bol. Kostromka" handelt es sich um "Bolschaja-Kostromka". Bolschaja ist ein anderen Wort für "groß", so daß der Name gleichbedeutend sein dürfte mit dem heutigen Namen Welyka Kostromka (Wiki), zu Deutsch Groß-Kostromka. Im Norden der Ortschaft gibt es auch noch Klein-Kostromka (Mala Kostomka = Малая Костромка) (Wiki). 

Abb. 12: Dritte Gebirgsdivision in der Nähe von Nikopol - nicht nur Infanterie, sondern auch Kanoniere und Panzerfahrer haben inzwischen ihre Fahrzeuge stehen gelassen und waten im Schlamm zurück

Ähnliche Vorsilben gibt es übrigens für Lepaticha auf der linken Seite des Dnjepr. Auch da gibt es ein Groß-Lepeaicha (Welyka Lepaticha oder Bolschaja Lepaticha) und ein Klein-Lepeticha (Mala Lepeticha). Bei Frenck ist vermutlich falsch von "Bollwerk Kostromka" die Rede. Es wird sich dabei um ein falsches Verständnis der Abkürzung "Bol." handeln.

In Groß-Kostromka soll übrigens ein "Held der Sowjetunion" im tapferen Kampf sein Leben gelassen haben. Er hätte im Kampf 26 deutsche Soldaten mit sich in den Tod genommen, so wird berichtet (Wiki). Das ist eine Art der Heldenverehrung, die es auf deutscher Seite nicht gibt. Soweit übersehbar, ist nie gezählt worden, wie viele feindliche Soldaten ein deutscher Soldat erschossen hat. (Aber wir mögen uns irren.) Bolschaja Kostromka war viele Tage lang schwer umkämpft. Es gibt dort deshalb auch eine sowjetische Kriegsgräberstätte (Drt). In Bolschaja Kostromka wollten die Sowjets der Armeegruppe Schörner von Norden her den Rückzug abschneiden. Das Grenadier-Regiment 21 als Teil der 17. Infanterie-Division half mit, Bolschaja Kostromka zu halten (LdW):

Am 8. Februar 1944 erfolgte zusammen mit der 3. Gebirgs-Division bei Apostolowo ein Gegenangriff nach Norden. Es gelang, eine Verbindung zum eingeschlossenen XVII. Armeekorps herzustellen und zwei Wochen offen zu halten, so daß dieses bei Bolschaja-Kostromka abfließen konnte.

Auch die 302. Infanterie-Division hatte teil an den Kämpfen um Bolschaja-Kostromka. 

Abb. 13: Rückzug des Grenadier-Regiment 116 im Rahmen hessischen 9. Inf. Div. bei Lepeticha Anfang Februar 1944 - Die Fahrzeuge im Schlamm versunken (wwii)

Wir lesen zunächst noch einmal über den Einsatz dieser Division an der Südfront des Brückenkopfes Nikopol und dann bei seiner Räumung (LdW):

Die linke Flanke war an das ca. 15 km breite, dicht bewachsene Flußtal des Dnjepr angelehnt. Das Grenadier-Regiment 570 wurde am Nordufer des Flusses eingesetzt, so daß die Division die verbliebene HKL nur noch stützpunktartig besetzen konnte. In schweren Abwehrkämpfen wurde der linke Flügel der Division von den Uferhöhen am Dnjepr heruntergedrückt. Anschließend festigte sich die Frontlinie in einer nun verkürzten Frontlinie, die bis Januar 1944 gehalten werden konnte. Da die Regimenter von den vorherigen Kämpfen stark geschwächt waren, wurden die III. Bataillone aufgelöst und auf die Regimenter verteilt. Die eigene Frontlinie lag unter beständigen russischen Angriffen.

Und zur großen Lage wechselnd (LdW)

Am 31. Januar und 1. Februar 1944 stieß die 8. russische Gardearmee mit überlegenen Kräften von Norden her in die Brückenkopffront mit der Absicht, den Brückenkopf abzuschnüren. Angesichts der bedrohlichen Lage wurde der Brückenkopf Nikopol aufgegeben. Die Division überschritt als Nachhut die Brücke von Kamenka nach Nikopol. Die von Apostolowo nach Süden vorgehenden russischen Verbände hatten inzwischen Bolschaja-Kostromka genommen und so 11 deutsche Divisionen bis auf eine kleine Lücke von etwa 7 km eingeschlossen. Die 302. Infanterie-Division erhielt den Auftrag, den über Bolschaja-Kostromka vorgestoßenen Feind zurückzuwerfen und Bolschaja-Kostromka zu nehmen, um ein Abfließen der deutschen Verbände zu ermöglichen. Der Angriff der Division begann am 8. Februar mit den bereits eingetroffenen Teilen der Division und führte zur Rückeroberung von Bolschaja-Kostromka. Bis zum 26. Februar 1944 wurde der Ort unter schweren Verlusten gehalten, dann konnten sich die Reste der Division über den Inguletz zurückziehen.

Wie dramatisch sich das Geschehen entwickelte, wird auch daran erkennbar, daß die Sowjets auf der Ostseite der Ausbruchsfront, am Ufer des Dnjepr-Knies bei Solota Balka (GMaps) sehr bald einen Brückenkopf bilden konnten (wie schon erwähnt). Solota Balka liegt in der Luftlinie nur wenige Kilometer nördlich des Stammeszentrums der Späten Urindogermanen bei Michailowka (Mykhailivka) (Wikirussukr), wo, wie wir gleich hören werden, die Sowjets ebenfalls schon gelandet waren. Sie waren ebenso südlich von Michailowka bei der bei Ruine Falz Fein gelandet.

Abb. 14: Karte der Region Nikopol, Dneprowka und Lepaticha, auf der auf der Westseite des Dnjepr auch das Dorf Girly eingetragen ist

Über den 9. und 10. Februar 1944 wird von den sowjetischen Landeköpfen auf der rechten, westlichen Seite des Dnjepr berichtet (Frenck1944, S. 33):

Feind bildete zwischen Michailowka und Solotaja Balka weitere Landeköpfe, um Gruppe Schörner in den Rücken zu fallen und sich mit der nördlichen Angriffsgruppe im Raum Bol. Kostromka zu vereinigen.

Über den 11. und 12. Februar wird berichtet (Frenck1944, S. 34):

Osthälfte von Solotaja Balka genommen. Bereits Masse von 6 Schützen Divisionen und 3 mech. Brigaden des II. Gd.mech.Kps. über den Dnjepr gesetzt. (...) Süd- und Ostteil von Bol. Kostromka genommen. 320. I.D. nahm Höhe 3 km ostwärts Bol. Kostromka.

Und über den 13. und 14. Februar (Frenck1944):

In den feindlichen Landköpfen am Dnjepr, insbesondere bei Ruine Falz Fein und Solotaja Balka heftige Kämpfe. Feind versuchte in letzter Stunde von dort Ausbruch Gruppe Schörner nach Süden zu verhindern. Gruppe Schörner nach Süden abgedreht. (...) Durch einen Großangriff auf Bolschaja Kostromka versuchte Feind heute noch einmal, die Gruppe Schörner abzuschneiden. 97. Jg.Div. und 302. I.D. schlugen Angriff zurück und gewannen im feindbesetzten Nordteil des Ortes Boden.

Um das Dorf Marjanske am Dnjepr-Knie (GMaps) fanden ebenfalls schwere Kämpfe statt (Wiki):

Am 11. Februar 1944 rückte das 179. Regiment (...) in Richtung Marjanske vor, um die Straße nach Nowo Woronzowka zu unterbrechen. Mehr als 70 sowjetische Soldaten starben in den Kämpfen um die Befreiung von Marjanske, darunter: Gardemajor V.I. Fokin, Gardehauptmann A.K. Kamenev, Gardeunterleutnants M.I. T. M. Vorobyov und andere. Im Zentrum des Dorfes liegt ihr Massengrab.

Über den 14. und 15. Februar 1944 ist zu lesen (Frenck1944, S. 34):

Erbittertes Ringen an den Dnjeprlandeköpfen. Tiefer Einbruch bei Solotaja Balka wurde beseitigt, Feind drang in Südteil von Girly ein.

Das Dorf Girly findet sich auf der Karte in Abb. 14. Im weiteren wird die Ortschaft "Werchne Michailowka" erwähnt, das könnte für "Oberes Michailowka" stehen. Es handelt sich jedenfalls um eine Häusergruppe südlich von Nowossemeniwka (GMaps) (s. Abb. 15), die auf Google Maps heute gar nicht mehr ausgewiesen ist. Sie darf nicht verwechselt werden mit dem Dorf Michailowka am Dnjepr-Ufer. Frenck schreibt (Frenck1944):

Feind stieß mit stärkeren Kräften in die Westflanke des IV. A.K. und erzielte auf Werch. Michailowka einen 4 km tiefen Einbruch, saß der Gruppe Schörner damit im Rücken.

Zum 15. und 16. Februar heißt es (Frenck1944, S. 35):

Frost, Besserung der Wege- und Versorgungslage. Da Gruppe Schörner kräftemäßig nicht in der Lage, den tiefen Einbruch bei Werch. Michailowka zu beseitigen, wurden IV. und XVII. A.K. heute Nacht auf die allgemeine Linie Nowo Woronzowka Nord Bolschaja Kostromka zurück genommen.

Damit, so Frenck, war der Ausbruch abgeschlossen.

Abb. 15: Die Ausbruchskämpfe der Armeegruppe Schörner (aus Rolf Hinze/Rückzugskämpfe) (FdW) - Werchne Michailowka liegt nordöstlich von Bolschaja Kostromka - Der sowjetische Brückenkopf zwischen Solotaja Balka und Ruine Falz Fein ist nicht dargestellt   

Das heißt aber nicht, daß die Kämpfe um Bolschaja Kostromka zu Ende gewesen wären. Am 19. Februar 1944 fiel dort bei einem Gegenstoß Karl Pongratz, Angehöriger der 3. Gebirgsdivision (RegioWiki). Ob er einer derjenigen war, der von dem "Helden der Sowjetunion" mit in den Tod genommen worden ist?

Ebenso gingen die Kämpfe westlich von Solotaja Balka weiter. Im Südteil der Ortschaft Chreschtscheniwka (Wiki), von Solotaja Balka einige Kilometer landeinwärts gelegen, gibt es ebenfalls eine sowjetische Kriegsgräberstätte (GMaps). Die dort begrabenen Soldaten werden in den Kämpfen Ende Februar gefallen sein. 

Abb. 16: Neue Angriffe auf die noch nicht gefestigte deutsche Front bei Schirokoje am 5. März 1944 (aus Rolf Hinze/Rückzugskämpfe) (FdW)

Nach der Aufgabe von Bolschaja Kostromka und weiterer Rücknahme der Front verläuft diese am 5. März schließlich am rechten Dnjepr-Ufer nördlich von Dultschina (heute: Dudtschany) (Wiki) (GMaps) (s. Abb. 16).

Rückblick: Der Ablauf der Räumung von höherer Warte aus gesehen

Über die Schicksale 3. Gebirgs-Division im Brückenkopf heißt es zusammenfassend (Wiki):

Es begann in der ersten Februarhälfte die planmäßige Räumung des Brückenkopfes. Der Rückzug nach Westen war äußerst schwierig, weil tagelanger Regen die Straßen unpassierbar gemacht hatte. Schlamm und Morast behinderten die Rückführung der schweren Waffen, so daß vor allem die Geschütze der Artillerie gesprengt werden mußten.
Bei diesem Rückzug wurde die 3. Gebirgs-Division zum ersten Mal eingekesselt, konnte aber bis zum 12. Februar nach Krassnyj bei Nikolajew ausbrechen. Die Lagekarte des OKH vom 29. Februar 1944 zeigte als Momentaufnahme die angespannte Situation der Heeresgruppe Süd. Die Gebirgs-Division war darauf in einem Raum nordwestlich des ehemaligen Brückenkopfgebietes im Zentrum der Verteidigungslinie des XXIX. Armeekorps zu finden. In der Zeit vom 13. bis 27. Februar zogen sich die Verbände der Gebirgs-Division stets bedrängt von der Roten Armee bis zum Fluß Ingulez zurück. Angelehnt an den Fluß wurde wieder Front gemacht und den nachstoßenden Sowjeteinheiten bis zum 7. März energischer Widerstand entgegengesetzt, ehe aufgrund einer erneuten Überflügelung durch die Rote Armee (Beresnegowatoje-Snigirjower Operation) der Rückzug angetreten werden mußte.

Es kann nun auch noch einmal eine Zusammenfassung der Rückzugsschlacht um Nikopol vom 30. Januar bis 29. Februar 1944 gegeben werden (Wiki):

Das deutsche IV., XVII. und XXIX. Armeekorps befand sich noch in einem östlichen Frontvorsprung an der Dnjepr-Linie. Um die Wehrmacht von der Richtung eines Hauptangriffes aus dem Raum 40 Kilometer nordwestlich von Saporischja abzulenken, begann am 30. Januar von Süden her durch die 5. Stoßarmee eine neue Offensive gegen den Nikopoler Brückenkopf. Um diesen Stoß aufzuhalten, wurden zwei deutsche Panzerdivisionen dorthin verlegt, ein Umstand der bald dem sowjetischen Hauptangriff nützte. Nachdem der Fehler erkannt wurde, wurden die 9. Panzer-Division zurückverlegt, doch der sowjetische Hauptstoß hatte derweil die Verbindung zu dem bei Kriwoi Rog stehenden XXX. Armeekorps abgeschnitten. Am 5. Februar befreite die sowjetische 46. Armee (General Glagolew) die Kleinstadt Apostolowo, rechts von ihr spaltete die 8. Gardearmee (General Tschuikow) die 6. Armee in zwei Teile. General Hollidt befahl daraufhin seinen abgeschnittenen Armeeteilen den Rückzug. Die 4. Ukrainische Front, die am 31. Januar eine Offensive begann, eroberte mit der 3. Gardearmee (General Leljuschenko) den Nikopoler Brückenkopf und befreite am 8. Februar zusammen mit Teilen der 6. Armee der 3. Ukrainischen Front die am nördlichen Dnjepr-Ufer liegende Stadt Nikopol.
Am 11. Februar begann ein Gegenschlag des XXXX. Panzerkorps in Richtung auf Apostolowo, um den noch offenen Korridor entlang des rechten Dnjeprufers für die zurückweichenden deutsche Truppen zu halten. Die sowjetischen Truppen wurden zwar verlangsamt, aber die zurückgehenden Einheiten der Wehrmacht erlitten hohe Verluste. Am 17. Februar setzte die 3. Ukrainische Front ihre Offensive fort, die sowjetische 37. und 46. Armee befreiten am 22. Februar Kriwoi Rog und erreichte zum 29. Februar den Fluß Ingulez.
Die Rote Armee zerschlug zwölf deutsche Divisionen (darunter drei Panzer-Divisionen und eine motorisierte) und eroberte die Mangan- und Eisenerzvorkommen.

Rund um die Ortschaft Apostolowo finden sich wiederum viele Grabhügel der Urindogermanen. Über das hier erwähnte XXX. Armeekorps lesen wir (Wiki):

Zu Beginn 1944 waren dem XXX. Korps die 46., 257., 304., 306. und 387. Infanterie-Division sowie die 16. Panzer-Grenadier-Division unterstellt. Das Oberkommando der übergeordneten 1. Panzerarmee wurde aus dem Dnjepr-Bogen herausgezogen und in die westliche Ukraine umgruppiert. Der Frontabschnitt der 6. Armee (Generaloberst Hollidt) verlängerte sich dadurch vom Brückenkopf Nikopol bis ostwärts Kirowograd, wo das LVII. Panzerkorps als linker Flügel die Front bis nordwestlich Kriwoi Rog verlängerte. Die Russen griffen wieder verstärkt das XXX. A.K. an, die 9. Panzer-Division mußte zur Stützung eingreifen. Einsetzendes Tauwetter machte das Gelände bald unpassierbar, Wasser sickerte in die Unterstände ein. Als die kurzweilig zugewiesene 24. Panzer-Division plötzlich abgezogen wurde, folgte am 31. Januar der Durchbruch der sowjetischen 8. Gardearmee und zweier Panzerkorps auf Apostolowo. Mit großer Mühe gelang es, dem um Kriwoj Rog konzentrierten XXX. Korps am Fluß Ingulez eine Zwischenstellung aufzurichten. Am 22. Februar wurde Kriwoj Rog geräumt, am 26. Februar setzten die erwarteten schweren Angriffe auf den Ingulez-Abschnitt ein.

Detaillierter ist zu erfahren (Wiki):

Hinter der deutschen Frontlinie im Brückenkopf von Nikopol befand sich die sumpfige Überschwemmungsebene des Dnjepr, die im Winter selten zufror. Die einzigen Ausgänge vom Brückenkopf waren eine Behelfsbrücke im nördlichen Sektor östlich von Nikopol und ein Paar einspuriger Pontonbrücken am äußersten südlichen Ende des Brückenkopfes bei Velikaya (Bolshaya) Lepetikha. Der Rest des Sektors der 6. Armee, der nach Norden und leicht nach Osten ausgerichtet war, erstreckte sich zwischen Stellungen 29 km nördlich von Krivoi Rog und 48 km nördlich von Apostolovo, wo die einzige Eisenbahnlinie, die die Armee versorgte, nach Norden und in Richtung Nikopol abzweigte. Die Stellungen verliefen über offene Steppe, die rechtwinklig durch zahlreiche Schluchten und die Wasserläufe von fünf großen Flüssen geteilt war.

In einem sowjetischen Film mit englischen Untertiteln ist die Eroberung der Brückenkopfes von Nikopol Thema (Yt). Die großen Verluste an Waffen und Fahrzeugen aller Art auf deutscher Seite werden in diesem Film heraus gestellt.

Wie man auf deutschen Lagekarten aus dem Januar 1944 für die Kämpfe rund um Nikopol und westwärts Nikopol entnehmen kann, war das gesamte Gebiet des heutigen Kachowka-Stausees eine feuchte Niederung. In dieser Region verteidigte das XXXX. Armeekorps unter dem Gebirgsjäger-General Ferdinand Schörner (1892-1972) (Wiki). Über Schörner lesen wir (Wiki):

Ende Oktober 1943 Monats übernahm Schörner die Führung der in diesem Brückenkopf stehenden drei Korps, die als Gruppe Schörner oder Armeeabteilung Nikopol bezeichnet wurden. Am 17. Februar 1944 erhielt Schörner das Eichenlaub zum Ritterkreuz für die erfolgreiche Räumung des Brückenkopfes bei Nikopol. Allerdings gab er einen Rückzugsbefehl über den Dnjepr so spät, daß die Armeegruppe Nikopol alle ihre Kraftfahrzeuge verlor.

Solche zurückgelassenen deutschen Wehrmachtfahrzeuge mag man auf einem der wenigen zeitgenössischen Fotografien aus dem Februar 1944 von einer Ausfallstraße von Nikopol sehen (s. Abb. 17). 

Abb. 17: Die Überreste des Armeegruppe Schörner - Im Februar-Schlamm des Jahres 1944 stecken geblieben und zurückgelassen: Wehrmachtfahrzeuge rechts und links der Ausbruchstraße von Nikopol nach Frosteinbruch und nach Einnahme durch die Rote Armee, Ende Februar 1944 (Wiki)

Noch genauer lesen wir über dieses von Schörner geführte Armeekorps (Wiki):

Ende Oktober 1943 wurde das Korps bei der 8. Armee eingesetzt, um den ersten sowjetischen Angriff auf Kriwoy Rog abzuschlagen. In dieser Zeit waren unterstellt: 14. und 24. Panzer-Division, 376. Infanterie und Teile der 3. SS-Division Totenkopf. Ab 27. November 1943 wurde das Generalkommando nach ihren Kommandierenden Generalen auch als Gruppe Schörner und ab 1. Februar 1944 als Gruppe von Knobelsdorff bezeichnet. Den ganzen Winter war der Großverband im Rahmen der 1. Panzerarmee zusammen mit dem XVI. Armeekorps für die Verteidigung im Dnjepr-Brückenkopf von Nikopol zuständig. Der übergeordneten Gruppe Schörner (Generalkommando XXXX.) waren dabei Ende 1943 große Teile der 6. Armee taktisch zugeteilt:
XVII. Armeekorps, General der Gebirgstruppe Hans Kreysing
123., 125. und 294. Infanterie-Division
IV. Armeekorps, General der Infanterie Friedrich Mieth
24. Panzer-Division
3. Gebirgs-, 17., 79., 111., 258. und 302. Infanterie-Division
XXIX. Armeekorps, General der Panzertruppe Erich Brandenberger
97. Jäger-, 9. und 335. Infanterie-Division
1944
Nachdem die Rote Armee die Nikopol-Kriwoi Roger Operation vom 10. Januar bis 29. Februar 1944 erfolgreich gegen das deutsche LVII. und LII. Armeekorps begonnen hatte, drohte der Gruppe von Knobelsdorff die Abschneidung aller Verbindungen. Schließlich mußte der Brückenkopf von Nikopol Mitte Februar geräumt werden. Während der zweiten Phase der Dnjepr-Karpaten-Operation mußte sich das Korps ab 5. März 1944 dem allgemeinen deutschen Rückzug durch die südwestliche Ukraine anschließen.

Wenn man es der Lagekarte recht entnimmt, befand sich der Befehlsstand von Schörner zeitweise östlich des Dorfes Marjanske am Nordufer des Dnjepr (GMaps).

Soweit ein grober Überblick über die Abläufe eines höchst vielfältigen Geschehens. Bei Gelegenheit sollen noch weitere Details dem hier gezeichneten Bild hinzugefügt werden. Man erhält als Deutscher ein ganz anderes Verhältnis zu dieser Landschaft, wenn man sich tiefergehender mit solchen Vorgängen beschäftigt, die erst zwei oder drei Generationen zurück liegen. Die Ukraine ist damit nicht mehr "irgendein" Land. Es ist zu viel hier geschehen, es sind zu viele Anstrengungen unternommen worden, als daß es uns jemals wieder ganz gleichgültig lassen könnte, was in dieser Landschaft und den Menschen darin geschieht.

Wir wollen uns in diesem Zusammenhang daran erinnern: Diejenigen Kräfte, die in allen Völkern glaubwürdig für ein gedeihliches Miteinander der Völker stehen, tauchen in der Politik und in den großen Medien im Grunde gar nicht mehr auf. In Politik und Medien weltweit ist eine "Zwischenwelt" entstanden und geschaffen worden, die mit den Lebensinteressen der Völker, für die diese zu sprechen vorgeben, gar nichts mehr zu tun hat. 

Völker Europas, schaut auf die Ukraine. Hier liegen eure Wurzeln. Und ein Land, in dem man wurzelt, das ehrt man.

_____________

  1. Major Dr. Frenck: Die Winterschlachten der 6. Armee im Großen Dnjepr-Bogen, im Brückenkopf Nikopol und im Raum Nikopol-Apostolowo-Kriwoi Rog vom 10.1. bis 18.2.1944. Armee-Oberkommando 6, Mai 1944 (wwii)
  2. Marc: Die Schlacht um Krivoi Rog30. Januar - 22. Februar 1944. Nach: Wilhelm Willemer, Paul Zärban: Die 15. Infanterie-Division im Zweiten Weltkrieg. Selbstverlag, Wiesbaden 1968 (15ID)
  3. Wie Kriwoi Rog während der Besatzung aussah (1941-1944) (HistoryKR2023)
  4. Rolf Hinze: Rückzugskämpfe in der Ukraine 1943/44 (FdW
  5. Lagekarte (wwii).
  6. Sowjetische Wochenschau offenbar über die Einnahme des Brückenkopfes Nikopol Anfang 1944 (Yt)
  7. Roman Digger: Wilde Amateur-Ausgrabungen am Brückenkopf Nikopol (Yt)
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