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Donnerstag, 27. Februar 2025

Ich habe 43,6 % Steppengenetik - Und bin ein Mitteleuropäer wie es sie seit der Bronzezeit gibt

Meine Herkunftsgruppen-Analyse von MyHeritage 

Ich trage in mir:

  • 43,6 % Steppengenetik (Jamnaja-Genetik) und
  • 56,4 % Genetik mittelneolithischer Bauern

Das dürfte das aussagekräftigste Ergebnis der neuen Ancient Origin-Analyse von MyHeritage sein (s. MyHerYt). 

Abb. 1: Germanen - In dem Gemälde "Willibrord predigt den Friesen das Christentum" von 1885 - Ausschnitt aus einem Wandgemälde von Georg Sturm (1855-1923) im Rijksmuseum in Amsterdam (Wiki

Und das Ergebnis dürfte typisch sein für einen Mitteleuropäer wie mich (s. Abb. 1-3). In Nordeuropa ist der Steppengenetik-Anteil noch etwas höher, in Südeuropa ist er niedriger. 

Vergleich mit anderen Familienangehörigen

/ Ergänzung 6.3.25 / Die Auswertung zu den Genen von anderen Menschen in meinem Umfeld sehen folgendermaßen aus:

  • Meine Mutter hat 39,6 % Steppengenetik und 60,4 % mittelneolithische Bauerngenetik  
  • die Mutter meines Kindes hat 36,8 % Steppengenetik und 63,2 % mittelneolithische Bauerngenetik 
  • unser gemeinsames Kind hat 39,4 % Steppengenetik und 60,6 % mittelneolithische Bauerngenetik.

Wenn ich mir die genannten Menschen an meinem Auge vorüber ziehen lasse, kommt mir sofort der Gedanke, daß man den Anteil an Steppengenetik den Menschen auf den ersten Blick ansehen könnte. Diese Daten bringen mich auch auf den Gedanken, daß mein Vater mehr Steppengenetik in sich getragen gehabt haben könnte als ich. Denn bei meiner Tochter sehe ich, daß sie in ihrem Steppengenetik-Anteil ziemlich genau auf der Mitte liegt zwischen ihren Eltern. Insofern könnte ich diesbezüglich selbst auf der Mitte liegen zwischen meinen Eltern. Dementsprechend könnte mein Vater 47,6 % Steppengenetik in sich getragen haben (siehe Abb. 5).*)

Außerdem gibt es noch eine Nachfahrin von Pommern, Friesen und Schlesiern in meinem Umfeld. Diese hat zwei Prozent mehr Steppengenetik als ich: 

  • 45,4 % Steppengenetik (Jamnaja-Genetik) und
  • 54,4 % Genetik mittelneolithischer Bauern

Sie ist blond und hager, ihr Vater stammt aus Stolp in Pommern, ihre Mutter hat Herkunft sowohl aus Friesland, außerdem aus Sachsen-Anhalt und Schlesien. 

Abb. 2: Der sterbende Gallier - Aufgestellt in Pergamon um 230 v. Ztr. (Fotograf: Jean-Christophe Benoist [Wiki]) - Seine Vorfahren könnten als Volker in Oberfranken und Thüringen gelebt haben

Von anderen Consumer-Genetics-Anbietern gibt es das ja schon länger - nun wird ein solches genetisches Analyse-Werkzeug auch von MyHeritage zur Verfügung gestellt. Für alle, die bei dieser Firma ihre Gen-Daten haben sequenzieren lassen oder die sie dort hoch geladen haben. 

Mit diesem Analyse-Werkzeug, kann man sich seine genetischen Herkunftsanteile von geschichtlich, bzw. archäologisch bekannten Herkunftsvölkern und -gruppen angeben lassen. 

Die "Ancient Origin"-Analyse von MyHeritage

Also ein Werkzeug, das über die früheren nur sehr groben Herkunftsangaben sehr deutlich hinaus geht und das die sequenzierten Gendaten in Bezug setzt zu den Ergebnissen der archäogenetischen Forschung der letzten zehn Jahre über die vielen archäogenetisch umschriebenen Völker. 

Es wird neben den eingangs genannten Herkunftsangaben auch eine Aufteilung nach Herkunftsgruppen für die Bronzezeit zur Verfügung gestellt. Ebenso wird eine Aufteilung nach Herkunftsgruppen für die Eisenzeit, die Römerzeit und das Mittelalter zur Verfügung gestellt. Soweit ich sehe, bedürfen die jeweiligen Angaben um so mehr der Kommentierung und Deutung, um so näher sie der Gegenwart kommen. Außerdem werden Widersprüche zwischen den Angaben zu den einzelnen Epochen deutlich. Diese kann ich vorderhand noch nicht alle klären. 

Nach dieser Analyse habe ich - gemessen an den eisenzeitlichen Herkunftsgruppen:

  • 22 % Herkunft von Germanen
  • 55,6 % Herkunft von Kelten (Festland) und
  • 22,4 % Herkunft von Slawen und Balten

Alle drei genannten Herkunftsgruppen haben unterschiedliche Anteile von Steppengenetik (Kelten weniger als Germanen) und mittelneolithischer Bauengenetik (Kelten mehr als Germanen) (s. Abb. 3), so daß diese Angaben mit der Angabe für die Bronzezeit grundsätzlich in Einklang gebracht werden kann.

Abb. 3: Die genetischen Herkunftsanteile der europäischen Völker aus der "Formierungsphase" Europas (6000 bis 2000 v. Ztr.)

Außerdem wird deutlich - worauf ich erst jüngst hier auf dem Blog aufmerksam gemacht habe (Stg2024) - daß der Herkunftsanteil der Kelten bei vielen Deutschen vergleichsweise hoch ist, ein Umstand, der im kulturellen Gedächtnis der Deutschen noch nie im Vordergrund stand, da sie eine germanische Sprache sprechen. Das Erbe der "Keltoromanen" ist auch in deutschen Museen reichhaltig, aber vergleichsweise stiefmütterlich aufbereitet von Seiten der deutschen Archäologen. In Frankreich ist man da viel weiter. (Deshalb habe ich Blogartikel über diese Keltoromanen in Deutschland noch nicht abschließen können.)

55 % Kelten-Herkunft würde bedeuten, daß ich vorwiegend süddeutscher Herkunft wäre. Allerdings beträgt mein österreichischer Herkunftsanteil, wenn ich mir meinen persönlichen - durch Kirchenbücher und Familienüberlieferung erstellten - Stammbaum anschaue, nur 12,5 %, wozu noch 3,125 % norditalienische Abstammung und 3,125 % ungarische Abstammung kommen. Somit käme ich auf Herkunft aus der Region südlich des Mains und der Donau von ungefähr 19 %. Und somit sollte der Herkunftsanteil der Kelten bei mir wohl etwas niedriger ausfallen als für einen typischen Süddeutschen.

Der hier angegebene slawische Anteil, der durch die Archäogenetik inzwischen auch immer genauer charakterisiert wird (s. Stg2024) erscheint mir vergleichsweise hoch. Väterlicherseits stamme ich seit Jahrhunderten aus einer kleinen Region im Westhavelland (dem "Elb-Havel-Winkel"). Dort haben sich im Hochmittelalter flämische Zuwanderer mit slawischen Havel-Fischern und -Bauern vermischt, die in den sogenannten "Kiezen" lebten, den Siedlungsstellen, denen sich die deutschen Siedler oft anschlossen in den Städten und auf den Dörfern. / Ergänzung 12.11.25: Inzwischen ist ja klar geworden, daß die Slawen tatsächlich bis zur Elbe gesiedelt haben und daß deshalb ein erheblicher Herkunftsanteil östlich der Elbe heute immer noch auf sie zurück geht. / Mütterlicherseits stamme ich, wie gesagt, zu 12,5 % von oberösterreichischen und vielleicht zu 3,125 % von ungarischen Bauern ab. Auch dort wird eine Vermischung mit vor Ort siedelnden Slawen angenommen werden können.  

Als römerzeitliche Herkunftsgruppen werden mir dann genannt:

  • 51,8 % Germanen
  • 24,6 % römisches Pannonien (also Kelten) und
  • 20,2 % Slawen

Warum hier die Herkunftsanteile zwischen Germanen und Kelten plötzlich gegenüber der Eisenzeit vertauscht sind, weiß ich nicht. Da ich mütterlicherseits zu 6,25 % zusätzlich von einer Familie aus Aachen abstamme, eine Region, in der sich Kelten und Germanen vermischt haben, könnte ich - rein vom Stammbaum her - schon gut und gerne zu 25 % von Kelten abstammen.

Abb. 4: Die Hauptkomponentenanalyse bei MyHeritage zeigt: Der Autor ist genetisch ein Deutscher - Genetisch verortet zwischen Skandinavien, Österreich, Böhmen und den Niederlanden

Von den mittelalterlichen Herkunftsgruppen her gesehen, wird mir gesagt, ich würde abstammen zu:

  • 36,4 % von den mittelalterlichen Germanen
  • 31,4 % von den mittelalterlichen Slawen
  • 16,6 % aus dem mittelalterlichen Frankreich
  • 15,6 % aus dem mittelalterlichen Italien

Tatsächlich weise ich laut Stammbaum aber nur 3,125 % italienische Herkunft auf, nämlich Abstammung von der venezianischen Adelsfamilie Nobile Cigogna über die mütterliche Linie.

Vorfahren aus dem mittelalterlichen Frankreich sind vordergründig in meinem Familienstammbaum nicht zu erkennen. Vielleicht überschneidet sich diese Angabe mit jenen flämischen und holländischen Siedlern, die im Hochmittelalter in das Havelland gekommen sind. Und in diesem Sinne könnte ich dann doch aus dem mittelalterlichen Frankreich abstammen (obwohl jene genannten Gegenden im Mittelalter gar nicht zu Frankreich gehörten). Vor drei Jahren habe ich immerhin noch die französische Adelsfamilie de la Barre im 17. Jahrhundert im Stammbaum meiner (mütterlichen) baltischen Vorfahren entdeckt (Prl2022). Vielleicht gibt es ja Vorfahren solcher Art noch mehr.

Dann gibt es noch die Angabe, ich könnte abstammen zu

  • 81 % von der Aunjetitzer Kultur und zu
  • 19 % von der Glockenbecher-Kultur

Letzteres sind die Kelten wie wir wissen. Das könnte mit meiner persönlichen Stammbaum-Analyse (siehe oben) gut zusammen passen.

Abb. 5: Meine Eltern aus Anlaß ihrer Verlobung Anfang 1965 in Salzburg

Die Aunjetitzer Kultur hatte schon ein genetisches Profil, das dem der heutigen Deutschen offenbar sehr nahe kommt, auch wenn größere Teile dieses Volkes scheinbar - zumindest aus dem Weichselland - abgewandert sind und dort danach dann genetisch nicht mehr feststellbar waren (s. Stg2025).

Was die Urvölker Europas betrifft, habe ich nach dieser "Ancient Origins"-Analyse:

  • 38,2 % anatolisch-neolithische Herkunft
  • 18,2 % Herkunft von kaukasischen Jägern und Sammlern (über die Steppengenetik)
  • 43,6 % Herkunft von ost- und westeuropäischen Jägern und Sammlern

Warum letztere in einen Topf geworfen werden, weiß ich nicht. Zu "Steppengenetik", bzw. hier genannt "Westliche Steppengenetik" wird noch ausgeführt, wobei neueste archäogenetische Forschungsergebnisse des letzten Jahres mit einfließen, die hier auf dem Blog breit referiert worden sind:

Die Jamnaya-Kultur, die zwischen 3300 und 2600 v. Ztr. an der pontisch-kaspischen Steppe blühte, war durch einen Hirten-Lebensstil geprägt, der sich auf die Tierhaltung und die Nutzung von Fahrzeugen mit Rädern konzentrierte, die weite Migrationen ermöglichten. Genetische Studien zeigen, daß die Jamnaja aus einer Mischung verschiedener eneolithischer Populationen abstammten, wobei etwa 80 % ihrer Abstammung auf eine Bevölkerung aus der Unteren Wolga-Region zurückgeht, anstatt von einer einfachen Mischung aus östlichen Jäger und Sammler- und kaukasischen Jäger und Sammler-bezogenen Quellen.

Das bedürfte noch etwas genauerer Erläuterung: Da die Vorgänger der Srednij-Stog-Kultur am Mittleren Dnjepr Menschen waren, die westeuropäische und osteuropäische Jäger-Sammler-Genetik in sich getragen haben und da das urindogermanische Mittel-Wolga-Volk sich mit kaukasus-anatolischen Hirten nördlich des Kaukasus zur Maikop-Kultur vermischt hat, und sich dann als solche in das Gebiet am Mittleren Dnjepr ausgebreitet hat und sich dort wieder zu 20 % mit den Einheimischen vermischt hat, hat sich der bei den Maikop-Leuten gesunkene Herkunftsanteil osteuropäischer Jäger und Sammler bei der Ethnogenese der Jamnaja wieder erhöht. So entstand am Mittleren Dnjepr das "Späte Urvolk der Indogermanen", die Jamnaja.

Ein Pommern- und Friesenkind

/Weiter Ergänzung 6.3.25 / Unter anderem wohl aufgrund des höheren Steppengenetik-Anteils trägt das oben genannte Pommern- und Friesenkind auch drei Prozent mehr kaukasische Jäger-Sammler-Genetik in sich als ich, nämlich 21,2 %. Für die Eisenzeit werden ihr als Herkunftsgruppen genannt:

  • 72,2 % Herkunft von Germanen
  • 22,2 % Herkunft von Kelten (Festland) und
  • 5,6 % Herkunft von Slawen und Balten

Das ist viel mehr eisenzeitlich Herkunft von Germanen und viel weniger Herkunft von Kelten als bei mir. Und das ist auffallender Weise viel weniger eisenzeitliche Herkunft von Slawen und Balten als bei mir, der ich väterlicherseits aus dem Havelland stamme. Ich selbst habe 22,4 % eisenzeitliche Herkunft von Slawen und Balten (!). Und das, obwohl die Stolper Großmutter dieses Pommern- und Friesenkindes auch noch einen eindeutig slawischen Familiennamen trug, nämlich Nemitz (Prbl2022). Soll man daraus die Schlußfolgerung ziehen, daß die Pommern ("Pomeranen") auch schon vor der deutschen Ostsiedlung und während sie eine slawische Sprache gesprochen haben, genetisch gar nicht vorwiegend Slawen waren, sondern Germanen? Die Frage wird man mal im Hinterkopf behalten dürfen.

Auch für die Römerzeit bleibt es bei ihr bei 

  • 71,6 % Germanen
  • 16,2 % römisches Pannonien (also Kelten) und
  • 12,2 % Slawen

Das ist also viel weniger im Widerspruch zur der Angabe zur Eisenzeit als bei mir. Für das Mittelalter ist dann jedoch der Herkunftsanteil der Slawen

  • 54,8 % von den mittelalterlichen Germanen
  • 22,2 % von den mittelalterlichen Slawen
  • 21,6 % aus dem mittelalterlichen Frankreich
  • 1,4 % aus dem mittelalterlichen Italien

Daraus soll schlau werden, wer will - ich werde es nicht. Eine so widersprüchliche Angabe zum slawischen Herkunftsanteil zeigt schon, daß hier noch nicht alles richtig zugeordnet sein kann was die Herkunftsanteile betrifft.

Aber nahe liegender Weise steht sie nach anderer Analyse den nordischen Wikingern genetisch am nächsten, insbesondere denen auf der Insel Funen. Und ebenso der Aunjetitzer Kultur.

Zusammenfassend möchte ich sagen: Den Anteil an Steppengenetik sehen wir unseren Mitmenschen grob auf den ersten Blick an. Auf den ersten Blick sehen wir, ob der Mensch eher Richtung Südeuropa oder eher Richtung Nordeuropa weist (s. Abb. 5). Und dieser Eindruck wird von Seiten der Genetik durch den jeweiligen Anteil an Steppengenetik, bzw. mittelneolithischer Bauern-Genetik recht deutlich bestätigt./ 

/ Ergänzung 15.6.2026 / Man kann die Herkunft eines Menschen wie er typischerweise seit 3000 Jahren in Mitteleuropa lebt, auch folgendermaßen aufschlüsseln: Die "Steppengenetik" der Jamnaja läßt sich zurück führen auf 45 % mesolithisch-nordeuropäische Herkunft und auf 55 % neolithisch-iranisch-anatolische Herkunft (Stg2024). Die mittelneolithische Bauernherkunft kann grob zurück geführt werden auf 20 % mesolithisch-nordeuropäische Herkunft und auf 80 % neolithisch-iranisch-anatolische Herkunft.  

  • Knapp die Hälfte der 43,6 % Steppengenetik ist nordeuropäische Herkunft, also bei mir dann grob 20 % und
  • etwa ein Fünftel (20 Prozent) der 56,4 mittelneolithischer Bauerngenetik ist nordeuropäischer Herkunft, also bei mir dann grob 11,2 %. (5,64 x 2)

20 % plus 11,2 % ergeben zusammen 31,5 %. Man kann also grob sagen, daß ein typische Mitteleuropäer seit dreitausend Jahren etwa ein Drittel mesolithisch-nordeuropäische Herkunft in sich trägt. Über dieses Drittel der Herkunft der heutigen Mitteleuropäer ist ihre blaue Augen- und blonde Haarfarbe auf sie gekommen, ebenso das weltweit vergleichsweise häufige Vorkommen von Trägern der Sensibilitäts- oder "Zweifler"-Variante des COMT-Genes (also der Met-Variante) (s. Piffer2026, Stg2019)

  

/ Ergänzungen, Textumstellungen: 12.11.25,
Ergänzung: 15.6.2026 /

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*) Um von der Mutter meines Kindes zu unserem Kind zu kommen, müssen 2,6 % Steppengenetik hinzugezählt werden, um von von unserem Kind zu mir zu kommen, müssen 4,2 % Steppengenetik hinzugezählt werden. Entsprechend müssen, um von meiner Mutter zu mir zu kommen, 4 % Steppengenetik hinzugezählt werden, das könnte heißen, daß nochmal mindestens 4 % hinzugezählt werden müssen, um von mir zu meinem Vater zu kommen. Somit könnte mein Vater 47,6 % Steppengenetik in sich getragen haben. (Ergänzt 12.11.25) 

Dienstag, 23. November 2021

Genetische Risiko-Veranlagung für Covid 19 - In Indien

Meine Gene, Teil 12

Jüngst wurde wieder einmal über einen neu entdeckten, angeborenen Häufigkeitsunterschied für Krankheitsverläufe bei Menschen unterschiedlicher geographischer Herkunftsräume berichtet (1-3). Diesmal geht es um Covid19. Träger einer bestimmten Variante eines bestimmten Haplotyps (SNPedia) haben unter 60 Jahren ein doppelt so hohes Risiko, an Covid19 zu sterben als Träger einer anderen Variante desselben (1-3).

Symbolbild: Intensivstation (hier in Sao Paolo) (Wiki)

Da möchte man ja eigentlich gleich in seinem eigenen Gen-Datensatz und in denen seiner Angehörigen schauen, mit welchem Risiko man da bei jedem einzelnen zu rechnen haben könnte.*)

Aber leider finden wir dieses SNP ("rs17713054") weder in den uns verfügbaren familiären Gen-Datensätzen bei 23andme, noch in den uns verfügbaren Datensätzen, die von MyHeritage sequenziert wurden. Die große, allseits gelobte und propagierte Internetseite von 23andme, die ja immerhin seit Herbst letzten Jahres Zeit dafür gehabt hat, bringt uns zu dem Suchwort "rs17713054" gar kein Ergebnis. Wieder einmal ein Hinweis darauf, daß die Qualität der Dienstleistungen dieser - sicherlich nicht unnützlichen Firma - doch auch leicht überschätzt werden können.

Immerhin geben viele Nutzer auf der Graswurzel-Seite OpenSNP die für sie sequenzierten Basen bei diesem SNP an (4). Die meisten dortigen Nutzer sind - unserer Erfahrung nach - europäischer Herkunft. Und die von uns dort in schnellem Überblick ausgewertete Zufalls-Stichprobe ergibt 16 Nutzer mit der harmlosen Variante GG, vier Nutzer mit der Risiko-Variante AG und einen Nutzer mit der Risiko-Variante AA (4).

Abb.: Weltweite Häufigkeitsverteilung der angeborenen Risikovariante für Covid19 ("rs17713054") (aus 1)

Der Begründer der Archäogenetik, Svaante Pääbo vom Max Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig, war es, der vor einem Jahr auf dieses SNP erstmals in einer Nature-Studie hingewiesen hat (1). Er, der das Genom der Neandertaler einstmals sequenziert hat, führt aus, daß wir die ursprüngliche Version (AA) und zugleich Risiko-Variante vom Neandertaler geerbt haben. Und er führt dann weiter aus (1):

Der ursprüngliche Neandertaler-Haplotyp tritt in Südasien mit einer Allel-Häufigkeit von 30 %, in Europa mit einer Allel-Häufigkeit von 8 %, unter gemischten Amerikanern mit einer Allel-Häufigkeit von 4 % und in noch geringerer Allel-Häufigkeit in Ostasien auf. ... 50 % der Menschen in Südasien tragen mindestens eine Kopie des Risikohaplotyps, während 16 % der Menschen in Europa und 9 % der vermischten Amerikaner mindestens eine Kopie des Risikohplotyps tragen. Die höchste Häufigkeit tritt in Bangladesch auf, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung mindestens eine Kopie des Neanderthaler-Risikohaplotyps aufwiest und wo 13 % für diesen Haplotypen homozygot sind.
The Neanderthal core haplotype occurs in south Asia at an allele frequency of 30%, in Europe at an allele frequency of 8%, among admixed Americans with an allele frequency of 4% and at lower allele frequencies in east Asia (Fig. 3). In terms of carrier frequencies, we find that 50% of people in South Asia carry at least one copy of the risk haplotype, whereas 16% of people in Europe and 9% of admixed American individuals carry at least one copy of the risk haplotype. The highest carrier frequency occurs in Bangladesh, where more than half the population (63%) carries at least one copy of the Neanderthal risk haplotype and 13% is homozygous for the haplotype.

Natürlich stellt sich natürlich die Frage, warum dieser Haplotyp für den Neanderthaler vorteilhaft war, aber weder für seine parallel lebenden Zeitgenossen in Afrika, noch für den zeitgleichen Denisova-Menschen in Asien. Pääbo und Koautor schreiben dazu (1):

Es ist bemerkenswert, daß dieser Neanderthaler-Risikohaplotyp mit einer Häufigkeit von 30 % in Südasien vorkommt, während er in Ostasien so gut wie gar nicht vorkommt. Dieser große Unterschied in den Allel-Häufigkeiten zwischen Süd- und Ostasien ist ungewöhnlich und legt nahe, daß er in der Vergangenheit einer Selektion unterworfen war. Tatsächlich haben frühere Studien nahegelegt, daß der Neanderthaler-Haplotyp in Bangladesch positiv selektiert worden ist. Zur Zeit können wir über die Gründe nur spekulieren - eine Möglichkeit ist Schutz gegen anderen Krankheitserreger.
It is notable that the Neanderthal risk haplotype occurs at a frequency of 30% in south Asia whereas it is almost absent in east Asia (Fig. 3). This extent of difference in allele frequencies between south and east Asia is unusual (P = 0.006, Extended Data Fig. 5) and indicates that it may have been affected by selection in the past. Indeed, previous studies have suggested that the Neanderthal haplotype has been positively selected in Bangladesh. At this point, we can only speculate about the reason for this—one possibility is protection against other pathogens.

Es könnte auch sein, daß es in der Vergangenheit in Ostasien Selektionsfaktoren gegeben hat, aufgrund deren diese Risikovariante dort bis heute nicht überlebt hat, schreibt Pääbo.

Auffällig ist auch, daß diese Risikovariante heute in Südostasien ähnlich häufig verbreitet ist wie in Indien, obwohl dort doch die Menschen ansonste eher Denosva-Herkunftsanteile in sich tragen, keine Neandertaler-Herkunftsanteile.

Es könnte sich auch die Frage stellen, ob es nicht noch mehr solcher angeborenen Risikovarianten für Covid 19 gibt weltweit. Aber es scheint sicher zu sein, daß die hier behandelte Variante für die größten angeborenen Unterschiede weltweit verantwortlich ist diesbezüglich.

Wichtig ist uns zunächst einmal auch: Menschen afrikanischer Herkunft, die sonst bezüglich von Krankheiten eher häufiger Risiko-Varianten in sich tragen, wären in diesem Fall nicht von der Humanevolution benachteiligt worden.

Also noch einmal: Dieser Haplotyp fand sich in Neandertalern aus Kroatien, er fand sich nicht bei Denisova-Menschen in Asien (1).

Eigentlich sollte man doch jetzt seine Gene auf diese Risiko-Variante nach-sequenzieren können. Dem Bloginhaber ist vorderhand nicht bekannt, ob das irgendeine Firma anbietet. MyHeritage und 23andme hatten diese Variante ja bisher nicht auf dem Schirm.

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*) Aus diesem Grund gehört dieser Blogartikel in die von uns im Jahr 2011 hier auf dem Blog begonnene Blogartikel-Serie "Meine Gene". Der letzte dazu erschienene Blog-Artikel war Teil 11. Er ist im Oktober 2019 erschienen (10/2019). 

________________

  1. Zeberg/Pääbo, Svaante: The major genetic risk factor for severe COVID-19 is inherited from Neanderthals, Nature, 30.9.2020, https://www.nature.com/articles/s41586-020-2818-3 
  2. Identification of LZTFL1 as a candidate effector gene at a COVID-19 risk locus, Nature Genetics, 4. November 2021, https://www.nature.com/articles/s41588-021-00955-3
  3. Podbregar, Nadine: Covid-19: Risiko-Genvariante erhöht Sterberisiko 15. November 2021, https://www.wissenschaft.de/gesundheit-medizin/covid-19-risiko-genvariante-erhoeht-sterberisiko/
  4. https://opensnp.org/snps/rs17713054

Mittwoch, 2. Oktober 2019

Wie funktionieren Völker? - Das Verständnis erleichtert eine neue "Family Tree"-Funktion bei "23andme"


- Ein Rap-Musiker zeigt auf: Wir sind (meistens) Nachkommen kinderreicher Familien, die vor drei oder vier Generationen gelebt haben
- Diese Einsicht werden künftig immer mehr Menschen gewinnen: über Gensequenzierung

Aus der Reihe "Meine Gene", Teil 11

Kinder machen die Welt interessant. Kinderreiche Familien machen Familienforschung interessant. Denn wo Kinder sind, da ist Leben. Und wo viele Kinder sind, da ist viel Leben. Darüber kann sich bald jeder belehren lassen, der seine Gene bei 23andme sequenzieren läßt. Diese Erkenntnis ist inzwischen sogar in der Rap-Musik angekommen. In dieser wurde jüngst der Kinderreichtum eines burischen, evangelischen Pfarrhauses aus der Zeit um 1820 in Südafrika, sowie deren vielfältige Nachkommenschaft gefeiert (1).

So etwas kann aber inzwischen fast jeder auch für sich selbst und seine eigenen Vorfahren tun. (Ich für meinen Teil muß jetzt nur noch Rap-Musik lernen ....) Und wir sollten das alle tun und unsere Vorfahren feiern. Denn ohne sie und ihre aufopferungsvolle Bereitschaft, Kinder aufzuziehen, gäbe es uns alle nicht. Und das wäre doch eigentlich sehr schade. Oder wie es einmal ein deutscher Schriftsteller formulierte*):

"Ich bin das elfte Kind meiner Eltern. Und so lange ich Freude am Leben habe, bin ich geschworener Feind des Zehn-Kinder-Systems."

Wer von Kindheit an natürlicherweise in einem größeren Kreis von Verwandten aufwächst, der weiß womöglich den Wert von Verwandtschaft gar nicht wirklich zu schätzen. Aber auf diesen können auch immer einmal wieder bewegende Schicksale von Adoptivkindern aufmerksam machen (6).

Im folgenden sei von Seiten der Vorfahren des Blogautors ein Beispiel erläutert, eine in Ansätzen vergleichbare Geschichte erzählt wie jene genannte aus der Rap-Musik: Am 14. Januar 1858 wurde in  Stoke-on-Trent in Stafford in England eine Ehe geschlossen zwischen dem nachmaligen Forschungsreisenden Henry W. Morley (1834-1917) (Abb. 1), der in Leeds in England getauft worden war und in Quito in Ecuador gestorben ist, und Elizabeth Locker (1834-1909) (Abb. 2), die aus Uttoxeter in Staffordshire stammte, und die 1909 in Southampton an der englischen Kanalküste gestorben ist. Das Ehepaar lebte zunächst in Neuseeland als Farmer. Später ging der Ehemann als Forschungsreisender nach Südamerika. Ihre zehn Kinder (!) heirateten in alle Welt. Sie hatten vermutlich eine höhere Schulbildung genossen. Denn die älteste Tochter heiratete einen zeitweise in Deutschland tätigen englischen Diplomaten, eine ihrer Schwestern einen deutschen Arzt, der in Oberschlesien in der Funktion als Leibarzt des Fürsten Pleß tätig war.

Abb. 3: Nachkommen des kinderreichen Ehepaares William und Elizabeth Morley (die beiden Fragezeichen ganz oben rechts) (von 23andme) - Rekonstruiert werden nur die herkunftsmäßigen Zusammenhänge zwischen Menschen, die ihre Gene bei 23andme haben sequenzieren lassen und zu höheren Graden miteinander verwandt sind. Das sind in diesem Falle - bislang - Nachkommen von drei Kindern des Ehepaares

Es handelte sich bei den Kindern unter anderem um die Geschwister Alice, Elizabeth, Emma, Charlotte, Frances, Mary, John, Eliza, Lydia, Evely und Henry. (In den Unterlagen sind mehr als zehn Kinder aufgeführt, vermutlich haben nicht alle das Erwachsenenalter erreicht.) Diese vielen Kinder haben viele Nachfahren bis heute hinterlassen. Der Autor dieser Zeilen hat sogar seine Mitochondrien von Elizabeth Locker geerbt, weil seine Mutter in ungebrochener weiblicher Linie von ihr und einer ihrer Töchter abstammt (Abb. 6).

Die neue "Family Tree"-Funktion bei 23andme

Auf 23andme gibt es neuerdings in der Beta-Version einen "Family Tree, auf dem allein über genetische Daten "automatisch" rekonstruiert ist, über welche Wege man mit seinen "DNA-Verwandten " verwandt ist (also mit näheren oder entfernteren Verwandten, die bei 23andme ihre Gene haben sequenzieren, bzw. genauer: "typisieren" lassen) (2). Dieser "Family Tree" (zu übersetzen vielleicht mit "Verwandtschafts-Baum") ermöglicht es, familiengeschichtliche und verwandtschaftliche Zusammenhänge zu verstehen, die man zuvor nicht gleich auf den ersten Blick - und ohne (gemeinsame) Ahnenforschung schon einmal gar nicht - hätte verstehen können. In meinem Fall ist es so: Da ich schon einige wenige "Unbekannte" der "Gleichung mit vielen Unbekannten" in diesem "Family Tree" (Abb. 3) rekonstruiert habe (durch Austausch mit einigen der DNA-Verwandten über unsere etwaige gemeinsame Herkunft), sind hier nun in der Grafik weitere "Unbekannte" für mich viel leichter zu rekonstruieren und zu ergänzen.

Abb. 1: H. Morley

Und darüber verstehe ich zum ersten mal mir bislang schleierhafte Zusammenhänge zwischen mir und mir schon seit Jahren auf 23andme angezeigten "DNA-Verwandten", die auf meine Anfragen bisher nicht geantwortet hatten. Ich verstehe nämlich, daß auch diese - mit mir - Nachkommen aus der eben genannten Ehe sind. Vielleicht wissen sie das selbst (noch) nicht und ich könnte es ihnen jetzt erklären, ... wenn sie mir antworten würden.

Abb. 2: E. Locker

Nämlich: Die älteste Tochter des genannten Ehepaars war Alice, verheiratete Hadgkinson, die 1858 in Sneulou Mautra in Neuseeland geboren worden war. Von dieser stammen (mindestens) zwei mir namentlich bekannte DNA-Verwandte ab, die mir auf "23andme" angezeigt werden, darunter Sylvia aus Ontario in Kanada, mit der ich darüber geschrieben habe und worüber ich schon berichtet habe (3). Der Ehemann von Alice, ein Hadgkinson, war im auswärtigen, diplomatischen Dienst in Deutschland tätig, so schrieb mir Sylvia, deshalb ist auch einer seiner Söhne in Deutschland geboren worden. 

Abb. 4: Mary
Abb. 5: Jakob

Alice hatte eine Schwester Mary (Abb. 4), die 1864 in Otahuhu in Auckland auf Neuseeland geboren worden war, und die meine Ururgroßmutter ist. Sie wird in unserer Familienchronik folgendermaßen beschrieben:

"Haare braun, Augen tiefblau, mittelgroß, schlank. Charakter: sehr lebhaft, temperamentvoll, phantasievoll."

Mary hat (wohl) ihre Schwester Alice, die Diplomaten-Ehefrau, in Deutschland besucht und dabei ihren nachmaligen Ehemann Jakob Paul (Abb. 5) kennengelernt, einen Arzt mit dem im damaligen Baltikum verbreiteten adligen Familiennamen von Samson-Himmelstjerna. Er war aufgewachsen in Reval (heute Tallin). Sie ist die Großmutter meiner Großmutter. Ihr Ehemann Jakob war Leibarzt des Fürsten Pleß in Pleß in Oberschlesien. Dort ist noch meine eigene Großmutter 1910 geboren worden (weil ihre Mutter sich von ihrem Vater hatte entbinden lassen). Meine Großmutter ist aber nicht nur in Schlesien geboren, sondern ihr Vater mit dem Familiennamen Willner stammte mit allen seinen Vorfahren ebenfalls aus Schlesien, genauer, aus Wüstewaltersdorf.

Von den Nachkommen meiner Willner-Verwandten nun, wo es auch die eine oder andere kinderreiche Familie gegeben hat, und die meines Wissens zumindest in großen Teilen in Deutschland und Österreich leben, haben offenbar noch nicht sehr viele ihre Gene sequenzieren lassen, weder bei MyHeritage noch auf 23andme. Bei dieser Gelegenheit ist man fast versucht zu sagen: "Leute, Verwandte, der 'gesellschaftliche Druck' steigt. Eure Verwandten wissen allmählich, was ihr tut oder nicht tut, nämlich, ob ihr eure Gene sequenzieren laßt und das Wissen darüber teilt oder nicht. Ihr schließt euch nicht an, ihr haltet euch abseits. Wir sehen euch!" (- Naja, nicht ganz ernst gemeint.)

Beziehungsweise - in Anlehnung an George Orwell: "Your relatives are watching you!" War es nicht schon immer so, daß die liebe Verwandtschaft ein Auge hatte auf ihre Anverwandten? Das ist nun wieder häufiger und leichter möglich. Und das ist sicher besser (!!!), als wenn es "Big Brother" tut, der bestimmt vieles ist - aber kein echter Bruder. Immer mehr jedenfalls wird sich künftig der erstaunte Blick verschieben von jenen unter den eigenen näheren und entfernteren Verwandten, die ihre Gene "schon" haben sequenzieren lassen hin zu jenen, die das "immer noch nicht" getan haben.

Entfernt Verwandte meinerseits über die schon erwähnte von Samson-Himmelstjerna-Linie leben heute in London und haben ihre Gene schon sequenziert (4). Sie werden aber bisher auf dem Family Tree (Abb. 3) gar nicht angezeigt. Vermutlich hat das seinen Grund darin, daß der Verwandtschaftsgrad mit ihnen (0,36 %) zu gering ist. Würden sie mit erfaßt, würde es vermutlich auf dem "Family Tree" schnell sehr unübersichtlich werden. Aber es handelt sich ja erst um die Beta-Version ....

Eure Verwandten sehen Euch

Sylvia erzählte, daß man sich in ihrer Familie einer entfernten deutschen Verwandtschaft bewußt gewesen war (3) und auch in der Generation meiner Mutter war dieses Wissen noch vorhanden dahingehend, daß man von einer Tante erzählte, die in England leben würde. Dieses Wissen wird jetzt kräftig erneuert durch - - - 23andme.

Die gemeinsamen Gene von Sylvia und mir liegen auf den Chromosomen 16 und 17. Und das ist die Erkenntnis, die einem bei dieser Gelegenheit zum ersten bewußt wurde: Man kann also sagen, daß unsere gemeinsamen Vorfahren, die Eheleute Morley/Locker auch diese Gene auf Chromosom 16 und 17 hatten. Jetzt müßte man nur noch schauen, welche Gene das sind und man wüßte schon wieder einiges mehr über die Erbmerkmale dieser Vorfahren. Und man merkt dabei: Um so mehr Menschen mitmachen bei DNA-Sequenzierungen und ihr Wissen teilen, um so mehr kann man auch über die Gene ganz entfernter Vorfahren heraus bekommen. Und man kann lernen, welche angeborenen Eigenschaften man teilt und welche nicht.

Nun jedenfalls stelle ich über den automatisch erstellten "Family Tree" fest, daß es noch ein weiteres Geschwisterteil aus dieser eingangs genannten Morley-Familie gibt, von denen DNA-Verwandte abstammen, die mir auf 23andme schon seit Jahren angezeigt werden, nämlich die Geschwister Rodd E. und Tanya G., mit denen ich fast 1 % gemeinsame Gene habe (0,97 % und 0,99 %). Und vielleicht hat der Algorithmus, mit dem dieser "Family Tree" erstellt wurde aufgrund von Alterangaben von DNA-Verwandten und durchschnittlichem Generationenabstand auch schon die Altersreihenfolge der Morley-Geschwister rekonstruieren können, von denen wir alle abstammen. Sie sind jedenfalls in diesem Falle, soweit ich sehe, dem Alter nach von rechts nach links aufgereiht. (Denn die älteste war Alice und eine der älteren Mary. Und ich wüßte sonst nicht, warum sich in der Darstellung die Stammbäume von Rodd und Tanya einerseits und mir andererseits überkreuzen sollten.)

Allerdings stelle ich bei genauerem Hinschauen fest, daß der "Family Tree" eine Generation unterschlagen hat, nämlich die Mutter meiner Großmutter. An Stelle der Mutter wird gleich die Großmutter meiner Großmutter angezeigt. Das habe ich auch gleich als "Feedback" an 23andme gemeldet.

Mit Rodd und Tanya teile ich unter anderem Gene auf den Chromosomen 12 und 17. Damit ergänzen ihre Gene weiterhin die Kenntnis des Gen-Satzes unserer gemeinsamen Vorfahren Henry und Elizabeth Morley, denn zu 16 und 17 kommt nun noch - mindestens - ein gemeinsamer Abschnitt auf 12 dazu. Auffallen könnten einem noch die großen Unterschiede im Anteil gemeinsamer Gene zwischen uns entfernten Verwandten. Während ich mit Robert 1,25 % Gene teile, habe ich mit seiner Cousine Sylvia nur 0,68 % gemeinsam. Mit Rodd und Tanya hinwiederum fast 1 % gemeinsame Gene. Robert und Sylvia sind aber über eine Generation weniger hinweg mit mir verwandt als Rodd und Tanya. Aber wie gerade gesehen, scheint der Family Tree sich derzeit noch leicht um eine Generation verrechnen zu können.

Wenn es dieselbe Funktion auch auf MyHeritage geben wird, werden auch die Zusammenhänge unter den vielen Nachkommen der genannten von Samson-Himmelstjerna's viel leichter und schneller zu rekonstruieren sein, die dort ihre Gene haben sequenzieren lassen. Auch mit einigen von denen habe ich mich ja schon geschrieben und versucht, die Verzweigungen gemeinsamer Stammbäume zu rekonstruieren (4). Aber, huh!, das war schon verdammt kompliziert, zum Teil. Und nicht alles ist da geklärt (4).

Abb. 6: Meine Mutter (Jg. 1941) mit meiner Urgroßmutter (mütterliche Linie), geborene von Samson-Himmelstjerna, im Mai 1965 in Wien vor dem Weinheber-Gedenkstein ("Doch den Kranz der Heimat gebt mir Wien ...")

Aber alles das ist bislang nur möglich mit mittel-entfernter Verwandtschaft meinerseits mütterlicherseits, weil es eben hier viele solcher Verwandte im englischsprachigen Raum gibt. Es wird erkennbar, daß dort das Sequenzieren seiner Gene schon häufiger geschieht, weil es viel populärer ist als hier bei uns in Deutschland. Deutsche und österreichische Nachkommen des Vaters meiner Großmutter mütterlicherseits, ebenso wie Verwandte meines Vaters - ursprünglich alles Bauern im Elb-Havel-Winkel - und deren Nachkommen haben sich noch auffallend weniger häufig sequenzieren lassen. Mit Ausnahme des von mir schon behandelten Andreas T. (3), mit dem ich zwar "irgendwie" verwandt bin, da wir aus derselben Region stammen, aber wir konnten den genauen Zusammenhang bislang nicht rekonstruieren, und das obwohl wir sogar mehrere gemeinsame Familiennamen unter unseren Vorfahren haben. Diese Verwandtschaft über meinen Vater dürfte größtenteils in Deutschland leben und es dürfte typisch sein für das zerknirschte - und auf alles skeptisch schauende - Deutschland, daß hier die Menschen noch viel weniger häufig ihre Gene haben sequenzieren lassen und ihr diesbezügliches Wissen mit anderen teilen.

Aber es wird erkennbar, daß diese neue "Family Tree"-Funktion vieles erleichtern wird künftig. Man kann dann auf einen Blick sehen, welche und wie viele mittelentfernte (und ggfs. auch entfernte) Verwandte man hat und aufgrund welcher Zusammenhänge. Das, was heute für das Volk auf Island schon zur Verfügung steht (zum Teil sogar zurückreichend bis ins Frühmittelalter), wird dann allmählich weltweit möglich sein (wenn auch größtenteils vorerst nicht ganz so weit zurückreichend).

Es wird dabei dann die Rolle kinderreicher Familien sichtbar werden, die in der Historischen Demographie und in der Populationsgenetik schon lange bekannt ist (5). Nämlich die Erkenntnis: Im Wesentlichen stammen wir alle von kinderreichen Familien in früheren Generationen ab. Sie tragen in viel größerem Ausmaß zur der von den Populationsgenetikern so genannten "Effektiven Populationsgröße" (Wiki) bei als alle übrigen Familien. Das darf man alles sehr spannend finden. Das hat nämlich schon viele kenntnisreiche Demographen und Bevölkerungswissenschaftler veranlaßt zu fordern, daß es demographisch hinsichtlich der Zukunft von Völkern und Kulturen insbesondere darauf ankommt, kinderreiche Familien zu fördern, also Familien ab drei und mehr Kindern.

Mein Buch

Und um zu dieser Erkenntnis zu gelangen aufgrund der eigenen DNA-Verwandten muß man künftig seine eigenen Vorfahren und deren vielfältige Nachfahren immer weniger in erster Linie durch Ahnen-Forschung in Kirchenbüchern und sonstigen schriftlichen oder mündlichen Überlieferungen rekonstruieren (zumindest jedenfalls, um so mehr Verwandte man findet, die das schon für ihre eigenen Vorfahren getan haben).  Das könnte doch eigentlich auch all jene hellhörig machen, die nicht aus Familien wie meiner stammen, in der schon seit vielen Jahrzehnten Ahnenforschung aus Kirchenbüchern und aus Familienüberlieferung heraus eifrig betrieben wird.

Und aus allem werden wir lernen: Wir stehen in einer langen Reihe von Vorfahren, die ihr Leben immer weiter gegeben haben. Und wir werden uns von ihnen allen, also von hunderten, von tausenden von Vorfahren die Frage gefallen lassen dürfen: "Du willst der letzte sein in unserer langen Reihe?"

Mit diesem Blogartikel ist vorläufig das letzte Kapitel meines Buches "Meine Gene - Forschungsreise in unentdeckte Länder" fertig gestellt, nämlich das 11. Kapitel. Deshalb im folgenden einmal eine Übersicht über die anderen, bisher schon auf diesem Blog erschienenen Kapitel, alle verschlagwortet unter dem Stichwort "Meine Gene" und alle kostenlos einsehbar:

  • Genomforschung für alle! (Einleitung) (Sept. 2011)
  • Meine Gene - Teil 1 (Mai 2016)
  • Meine Gene - Teil 2 (Mai 2017)
  • Meine Gene - Teil 3 (Mai 2017)
  • Meine DNA-Verwandten (Feb. 2018)
  • Meine Londoner Verwandtschaft (Okt. 2018)
  • Unsere Gene, unsere besten Heiratspartner (Okt. 2018)
  • Robert Plomin und die polygenetische Revolution (Jan. 2019)
  • Mein erster Archäogenetik-Test (April 2019)
  • Meine ersten "Polygenic Score's" (Juni 2019)
  • Krieger oder Zweifler - Was bist du? (Sept. 2019)
  • Kinderreichtum und Familienforschung in der Rap-Musik (Okt. 2019)

Ein Teil des Stammbaumes von allem Leben

[Ergänzung 25.1.2022] MyHeritage, 23andme und andere Firmen arbeiten an nutzerfreundlichen, Visualisierungen, Veranschaulichungen der genetischen Verwandtschafts-Verhältnisse näherer und entfererer Art, das heißt, sie arbeiten mit Stammbäumen. Eine Veranschaulichung des Stammbaumes allen Lebens ist auf der Seite https://www.onezoom.org/ veröffentlicht worden, ein virtueller Baum des Lebens (7, 8). Da kommt der Gedanke auf, daß man den Stammbaum jedes einzelnen Menschen an diesen virtuellen Baum des Lebens anschließen könnte, daß man sie verknüpfen könnte, wodurch die Humanevolution und die Evolution von Völkern und Stämmen auf dieser Erde noch übersichtlicher veranschaulicht werden könnte. Das heißt, es wären die Australopithecinen einzutragen, Homo habilis, Homo erectus, Homo neandertalensis, Homo sapiens sapiens einzutragen, sowie jeweilige "Seitenlinien". Bei den eiszeitlichen Vorfahren würden sich die jeweiligen Stammbaum-Zweige von heute lebenden Menschen trennen, hin zu jenen, die heute in Afrika leben, hin zu jenen, die heute in Asien leben, hin zu jenen, die heute in Europa leben. Es Wären dann die neolithischen und bronzezeitlichen Vorfahren einzutragen und schließlich würde der virtuelle Baum des Lebens und des menschlichen Lebens einmünden in den virtuellen Baum des bronzezeitlichen Europa und von dort über die verschlungenen Pfade des Mittelalters zu jedem einzelnen Menschen von uns heute.

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*) Wilhelm Pleyer (1901-1974) in seiner Kindheits-Geschichte "Tal der Kindheit". (Nach der Erinnerung zitiert.)


/ Ergänzungen: 
8.10.2019, 25.1.2022 /
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  1. Blume, Michael: Evolution und Religionsdemografie im Rap Guide to Religion von Baba Brinkman, 15.9.2019, https://scilogs.spektrum.de/natur-des-glaubens/evolution-und-religionsdemografie-im-rap-guide-to-religion-von-baba-brinkman/; das Video: https://youtu.be/WvSds8vTIZo
  2. thednageek: 23andMe Introduces the Automated Family Tree, October 1, 2019, https://thednageek.com/23andme-introduces-the-automated-family-tree/ 
  3. Bading, Ingo: Meine DNA-Verwandten, 9.2.2018, https://studgendeutsch.blogspot .com/2018/02/meine-dna-verwandten.html
  4. Bading, Ingo: Meine Londoner Verwandtschaft,  27. Oktober 2018, https://studgendeutsch.blogspot .com/2018/10/mitmach-genetik-meine-gene-teil-4.html
  5. Chaunu, Pierre: Die verhütete Zukunft. Seewald, Stuttgart 1981 
  6. Silvia: Koreanische Schwestern finden „The Missing Piece“ im neuen Dokumentarfilm von MyHeritage, 11. September 2019, https://blog.myheritage.de/2019/09/koreanische-schwestern-finden-the-missing-piece-im-neuen-dokumentarfilm-von-myheritage/
  7. Virtueller Baum des Lebens präsentiert die Arten der Erde, 16.12.2021, https://www.derstandard.de/story/2000131958523/virtueller-baum-des-lebens-praesentiert-die-arten-der-erde
  8. "Baum des Lebens" komplett: 2,2 Millionen Spezies auf einen Blick, 12/2021, https://www.heise.de/news/Baum-des-Lebens-komplett-2-2-Millionen-Spezies-auf-einen-Blick-6299106.html 

Montag, 16. September 2019

Krieger oder Zweifler - Was bist du?

Schau Dir Dein COMT-Gen an!
Nämlich: das SNP rs4680

Aus der Reihe "Meine Gene", Teil 10

Ein guter Bekannter, der in der Prignitz, das heißt im Norden des Bundeslandes Brandenburg, wohnhaft ist, wo vermutlich auch seine Vorfahren lebten, hat sich von meinen Veröffentlichungen dazu anregen lassen, seine Gene sequenzieren zu lassen. Dabei ist er auf spannende Ergebnisse gekommen, die es ihm erleichtern, seine Persönlichkeitsstruktur zu verstehen. 

Auch mir selbst wird dadurch erleichtert, die Persönlichkeitsstruktur von Mitmenschen zu verstehen, nachdem ich begonnen habe, mich mit dem von ihm entdeckten Thema zu beschäftigen.

Abb. 1: Unter den Europäern gibt es mehr "Zweifler" (A/A) als unter den Afrikanern und Asiaten (1)

Die Geschichte beginnt im Mai dieses Jahres, da hatte er mir geschrieben:

Hallo Ingo, ich habe meine DNA-Ergebnisse von myheritage nun bekommen und war gleich hellauf begeistert, über die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben können. 

Und dazu führte er noch einiges weitere aus.*) Heute aber, im September dieses Jahres, schreibt er mir:

Hallo Ingo,

ich habe jetzt meine ganze Familie bei myheritage analysieren lassen. Die Ergebnisse der Herkunft sind spannend, aber die Erforschung der eigenen SNPs sind auch sehr interessant und aufschlußreich. Und nun komme ich auch gleich zu meinem Anliegen. Ich habe mich jetzt ausgiebig mit dem SNP rs4680 beschäftigt. Dieses SNP ist Teil des COMT Gens, welches für ein Enzym kodiert, das den Dopaminabbau im präfrontalen Kortex steuert. Ich bin Träger der "Risikovariante" AA. Das heißt, daß die Fähigkeit des COMT-Enzyms nur eine Leistung von 25% gegenüber der GG Variante besitzt. AA Träger sind für Depression, Angsterkrankung und Streß anfälliger, da das Dopamin dafür sorgt, daß besonders nach streßreichen Erlebnissen die Gedanken länger um diese kreisen und sich eine Grübelstimmung einstellt. Rumination und Perseveration sollen hier als Stichwörter erwähnt sein. Dem gegenüber stehen die GG Träger, welche schneller wieder auf andere Gedanken kommen können.

Die GG und AA Träger werden deshalb auch als Warrior (Krieger) (GG) und Worrier (Zweifler) (AA) bezeichnet. Dieses SNP ist ein in seiner Wirkung sehr gut erforschtes SNP, deshalb gäbe es noch viel mehr zu erwähnen. Du bist übrigens AG Träger. Das habe ich bei OpenSNP nachgeschaut. Der Wildtyp ist übrigens GG. Interessant ist auch die Verteilung von rs4680 in der Bevölkerung. In europäischen Völkern gibt es eine gleichmäßige Verteilung von je 25% für AA und GG, und 50% für AG. In Afrika dagegen ist die AA Variante nur zu knapp 9% verbreitet. Dafür überwiegt die GG Variante mit etwa 53% (1; Graphik unten auf der Seite).

Nun habe ich mir Gedanken zur gesellschaftlichen Bedeutung dieses SNP gemacht. Du bist ja ein Mensch, der das Christentum eher abzulehnen scheint. Ich bin ihm recht aufgeschlossen gegenüber. Das liegt nicht zuletzt an seiner Tiefgründigkeit, die bei intensiverer Betrachtung zum Vorschein kommt. Auch hier gäbe es viel zu sagen, doch ich will mich nur auf einige Beispiele beschränken. Die Beichte setzt ein intensives Auseinandersetzen mit sich und seinen Taten voraus, welches wohl durch ein Wiederkauen von Gedanken an das eigene Fehlverhalten begünstigt wird. "Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa" (meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld) wird in der katholischen Kirche oft von den Gläubigen bekannt. In Österreich soll sich noch der Brauch erhalten haben sich dabei auf die eigene Brust zu schlagen.

Deshalb glaube ich, daß sich das Christentum besonders in Europa ausbreiten konnte, weil es eben in seiner Philosophie ganz besonders 25% der Bevölkerung in deren mentalen Verfassung ansprechen konnte. Die ersten Christen in Rom mußten sich aus Angst vor Verfolgung in den Katakomben treffen. Und überirdisch wurden die Gladiatorenkämpfe bejubelt. Zwei völlig unterschiedliche Empfindungsebenen lassen sich so erkennen. Der lebensfrohe, ungestüme Welteroberer und der in sich gekehrte, selbstreflektierende Denker. Eben der Warrior und der Worrier. Meine Theorie ist nun, daß dieses SNP weit mehr zur Geschichte Europas beigetragen hat, als uns bewußt ist. Geschichte ist stets eine Verschiebung der Macht gewesen, doch oftmals kamen auch neue Gedanken mit den neuen Mächten. Insbesondere die Verdrängung der europäischen Kulturen durch den christlichen Glauben und wieder die Abkehr von demselben durch die Aufklärung, aber auch durch Ideologien, wie dem Kommunismus, der die Tat der Arbeit und nicht das Gebet als Schlüssel zum Heil pries.  Vielleicht ist dieses SNP, womöglich unter vielen anderen, ein ewiger potentieller Auslöser für Zwist im eigenen Volk. Gerade auch, weil es quantitativ so ausgewogen ist und unserem Volk einen manisch-depressiven Charakter zu verleihen scheint. Was hältst du von meinen Gedanken?

Diese Gedanken finde ich außerordentlich spannend. Als erstes möchte ich dazu bemerken, daß es auch umgekehrt gewesen sein kann, daß nämlich die Einführung des Christentums es begünstigt haben könnte, daß Menschen mit AA kinderreicher waren im Verhältnis zu Menschen mit GG. Womöglich könnte eine solche These schon anhand der Daten der Wikinger-Studie, die in diesem Sommer veröffentlicht wurde, und über die hier auf dem Blog schon berichtet wurde (2, 3), überprüft werden. Wäre dies nicht durch die Einführung des Christentums bewirkt worden, müßte es ja andere Selektionsfaktoren geben, die es bewirkt haben, daß in Europa und Indien der Anteil der AA-Zweifler größer ist als in Afrika und Asien.

/ Einfügung 15.6.2026 / Zu der Thematik des vorliegenden Blogartikels gibt es inzwischen einen ganz neuen Wissensstand (s. Piffer2026). Aufgrund dieses Wissensstandes ist heute bekannt, daß die Met-Variante des COMT-Genes im Mesolithikum bei den Jägern und Sammler Nordeuropas sogar zu 100 % verbreitet war, während nur 30 % der ersten Bauern Europas diese Met-Variante mit nach Europa herein brachten. Diese Met-Variante ist also etwas so typisch Nordeuropäisches wie auch die blaue Augen- und blonde Haarfarbe. Durch diesen neuen Wissensstand erübrigen sich die Erörterungen im vorliegenden Blogartikel keineswegs. Denn es ist noch in keiner Weise geklärt, warum die Häufigkeit der Met-Variante in Nordeuropa nach der Eiszeit so häufig war wie sie sonst nirgendwo in der Welt war oder ist. / Ende Einfügung /

Gibt es einen Zusammenhang mit Religiosität?

In einer weiteren Zuschrift ergänzte er:

Ich habe meine Theorie, daß rs4680 auf die religiöse Geschichte Europas Einfluß hatte, untermauern wollen und bin auf den Gedanken gekommen, bei OpenSNP die OpenHuman Sammlung von Rohdaten nach rs4680 zu durchsuchen und das Ergebnis in Verbindung mit den Angaben der Nutzer zu ihrer religiösen Einstellung zu bringen. Ich habe mir etliche Rohdatensätze heruntergeladen und diese dank einiger Konsolenbefehle meines Linuxsystems schnell nach dem SNP durchsuchen können. Das Ergebnis möchte ich dir gerne mitteilen.

Als erstes interessierten mich die SNPs derer, die sich selber als Atheisten bezeichnet haben. Ich konnte 110 Datensätze verwenden. Das Ergebnis lautet:

GG 38 (34,5%)
AG 43 (39,0%)
AA 29 (26,4%)

Auch wenn das noch zu wenig Datensätze sind, um eine klare Aussage zu treffen, so gibt es eine klare Verschiebung der Häufigkeit nach Richtung GG. So wie ich es erwartet habe. Als nächstes schaute ich nach den bekennenden Christen. Leider waren nur 15 Datensätze verwendbar. Das Ergebnis lautet:

GG 2 (13,3%)
AG 8 (53,3%)
AA 5 (33,3%)

Auch hier bestätigte sich mein Verdacht. Die Agnostiker machen 26 Datensätze aus. Das Ergebnis lautet:

GG  6 (23,1%)
AG 12 (46,2%)
AA  8 (30,8%)

Agnostiker sind in meinen Augen Menschen, die offen für Religion und Spiritualität sind, sich aber aus den verschiedensten Gründen nie für eine Religion entscheiden konnten. Sie sind daher religiösen Menschen eher zuzuordnen, als bekennenden Atheisten. Wenn man die Gruppen jetzt einteilt in strenge Atheisten, deren Religionsablehnung ein klares Bekenntnis zur Ungläubigkeit ist, und auf der anderen Seite und Christen und Agnostiker als Spiritualität Suchende, so kommt die Gruppe der Christen und Atheisten zusammen auf folgendes Ergebnis für 41 Datensätze:

GG  8 (19,5%)
AG 20 (48,8%)
AA 13 (31,7%)

Auch hier ist eine klare Tendenz Richtung AA zu erkennen. Die letzte und ebenfalls wichtige Gruppe, ist die derjenigen, die bei Religion einfach No angegeben haben. Quasi die Personen, denen Religion egal ist, die keinen Glauben, auch nicht den Glauben des Unglaubens der Atheisten. Denn in dieser Gruppe ist die Verteilung so, wie das SNP in der Bevölkerung verteilt ist. 33 Datensätze ergeben:

GG  8 (24,2%)
AG 16 (48,5%)
AA  9 (27,3%)

Ich werde demnächst noch Datensätze nach dem Punkt spirituelles Interesse durchsuchen. Bin schon auf die Ergebnisse gespannt.

Wenn mein Bekannter so weiter macht, sollte er sich mal an die eine oder andere deutsche Forschungsgruppe wenden, die ähnliche Anliegen verfolgt. Ich halte diese Forschungsansätze allemal für wert, daß man ihnen weiter nachgeht. Die Anregung, sich mit rs4680 zu beschäftigen, erhielt er übrigens hier (5) (ab Minute 20).

Ich selbst habe AG, ebenso meine Mutter und meine Tochter. Die Mutter meiner Tochter hat allerdings GG. (Vielleicht paßt das zu dem Umstand, daß letztere im Gegensatz zu mir 18 % südeuropäische Gene hat und sogar 1,7 % afrikanische Gene. 15 % südeuropäische Gene hat aber auch meine Mutter**)).

Eine iranische Studie aus dem letzten Jahr fand bei 100 an Schizophrenie Erkrankten und 100 bipolar Erkrankten einen deutlichen Zusammenhang zwischen SNP rs4680 und Schizophrenie (4):

AA- Schizophrenie: 94      Bipolar: 67      Kontrollgruppe: 74
GG                            0                   10                                 1
AG                           6                    23                                25

Sonderbar ist allerdings der hohe Anteil von AA in den 100 psychisch Gesunden der Kontrollgruppe. Ob dieser typisch ist für den südwestlichen Iran? Die Forscher schreiben noch dazu (4):
Viele Wissenschaftler haben den rs4680-Polymorphismus des COMT-Genes studiert. Die Verbindung der Variante mit Schizophrenie ist komplex und könnte auch von der genetischen Substruktur menschlicher Populationen beeinflußt sein.
Many researchers have studied the rs4680 polymorphism of COMT gene. The association of this variant with SCZ is complex and might be influenced by genetic substructure of human populations (Glatt et al., 2003).

Neulich im Radio übrigens hörte ich ein Interview zum Thema Angst, das ich ganz interessant fand (6). Insbesondere das Beispiel mit dem Boxer darin ab Minute 6 fand ich interessant. Hier geht es darum, daß auch Ängste und Zweifel in etwas Produktives umgewandelt werden können, bzw. vielleicht gerade erst diese. Und dazu fällt mir ein, daß es nach einer Forschungsstudie von vor allerhand Jahren in Ostasien viel mehr genetische Anlagen zu Depression gibt als in Europa, tatsächlich erkrankt sind an Depression aber viel mehr Menschen in Europa als in Asien. Die vertretene Forschungsthese dazu lautet: Die hohe Veranlagung zu Depression führt zur Ausbildung einer Kultur in Ostasien (der Konsenskultur), die dafür sorgt, daß die Menschen ihre Depression besser im Griff behalten können (nun, traditionell zumindest, in jüngster Zeit vielleicht auch nicht mehr so). Da bei uns es aber gar nicht eine SO starke Neigung zu Depression gibt wie in Asien, geht unsere Kultur viel sorgloser damit um.

Auch solche Zusammenhänge sollte man im Auge behalten, auch bezüglich des Themas genetische Veranlagung zu Angst und Zweifel.

Es gibt einen Zusammenhang mit Chronischer Erschöpfung

Ergänzung 5.2.23: Menschen mit dem Zweifler-Gen AA haben auch eine angeboren erhöhte Neigung, an chronischer Erschöpfung (CFS) zu erkranken (8):

In Studien mit Fibromyalgie- und CFS-Patienten wurde gezeigt, daß Träger von Sequenzvarianten in den Genen der Catechol-O-Methyltransferase (COMT) und/oder des Serotonintransporters (SLC6A4) signifikant häufiger an Symptomen dieser Krankheiten leiden. 

Und (8):

Der COMT Polymorphismus hat Einfluß auf antipsychotische Therapien insbesondere bei Therapie mit einigen Wirkstoffen der Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI). Darüber hinaus wird über ein gesteigertes Schmerzempfinden bei Trägern der Genvariante berichtet und steht in Zusammenhang mit Symptomen aus dem Formenkreis der Fibromyalgie und des chronischen Erschöpfungssyndroms.

In der israelischen Studie, auf die man sich dabei bezieht, heißt es zunächst (9):

Der val/val-Genotyp zeigt die höchste Aktivität von COMT auf, der met/met-Genotyp zeigt die niedrigste Aktivität von COMT auf, mischerbige Individuen stehen dazwischen. Diese Genotypen sind in Zusammenhang gebracht worden mit einer Reihe von Verhaltenskrankheiten, die komplexe Ursprünge aufweisen.
The alleles are codominant so that individuals with the val/val genotype have the highest activity of COMT, those with the met/met genotype have the lowest activity of COMT, and heterozygous individuals are intermediate. The val 158 met genotypes have been linked to a number of behavioural diseases of complex etiology.

val/val steht also für G/G, met/met steht für AA.

Bei den 208 weiblichen Fibromyalgie-Patienten, die an der Studie teilnahmen, war der val-Genotyp in der gleichen Häufigkeit vertreten wie der met-Genotyp. Das heißt, es gab mischerbige und es gab reinerbige. Aber unter den Reinerbigen gab es ebenso viel GG wie AA.

Bei der Kontrollgruppe hingegen, die aus 186 weiblichen Verwandten ersten Grades der 208 untersuchten Fibromyalgie-Patientinnen bestanden, gab es 61 % val-Genotypen und nur 39 % met-Genotypen. Das heißt, der Anteil der reinerbigen GG-Genotypen (met/met-Genotypen) war bei ihnen deutlich erhöht gegenüber dem Anteil der AA-Genotypen. Oder in anderen Worten (9):

Die met/met und met/val-Genotypen zusammen genommen waren unter den Patientinnen häufiger als in der Kontrollgruppe. Die val/val-Genotypen waren unter den Patientinnen deutlich niedriger als in der Kontrollgruppe.     
The met/met and met/val genotypes together were more highly represented in patients than controls (p=0.024). In addition, val/val genotypes in patients were significantly lower than in the control groups (p=0.04).

Außerdem: Während Patientinnen mit dem met/met-Genotyp auf einer Schmerz-Skala von 0 bis 10 durchschnittlich von 9 Schmerz-Punkten berichten und Patientinnen mit dem val/met-Genotyp von 8,8 Punkten, berichten die Patientinnen mit dem val/val-Genotyp nur von 6,5 Schmerz-Punkten. Wenn solche Menschen - zum Beispiel als Krebs-Patienten - mit Morphium behandelt, dann brauchen allerdings die met/met-Patienten weniger Morphium als die val/val-Patienten (9):

Patienten mit dem val/val-Genotyp brauchten mehr Morphium vergleichen mit Patienten des val/met- und des met/met-Genotyps.
Patients with the val/ val genotype needed more morphine when compared to the val/met and the met/met genotype groups.  

Das scheint zunächst im Widerspruch zu den anderen Ergebnissen zu stehen. Es wird von den Forschern aber dahingehend interpretiert, daß met/met-Patienten schneller, weil sensibler auf Morphium reagieren.

Worin vielleicht implizit schon ein allgemeinerer Heilungsweg enthalten ist: Solche sensiblen Zweifler-Menschen könnten eben auch ganz allgemein nicht nur auf schmerzverstärkende, sondern auch auf schmerzdämpfende Umwelteinflüsse leichter, schneller reagieren. Wofür man im Umgang mit Menschen dieser Erbeigenschaft auch mancherlei Anhaltspunkte finden mag. Es mag unseres Erachtens deshalb sinnvoll sein, dieses Gen nicht das "Zweifler-", sondern das Sensibilitäts-Gen zu nennen.

Ergänzung 17.11.25: Es gibt einen Aufsatz von Davide Piffer, der das hier behandelte Thema 2013 aufgegriffen hat. Wir haben schon seit einem Jahr einen weiteren Blogartikel in Arbeit, in dem das Thema weiter geführt werden soll. 

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*) Er schrieb allgemeiner weiter, deshalb kann es in eine Anmerkung gesetzt werden:
Da du es warst, der mich damals erst auf diese kostengünstigen Anbieter aufmerksam gemacht hat und es dich wahrscheinlich ebenfalls interessieren wird, möchte ich dich auch gerne an meinen Ergebnissen teilhaben lassen. Meine Herkunft schlüsselt sich folgendermaßen auf: 37,6 % Engländer, 21,1 % Nord- und Westeuropäer, 16,8 % Balkanbewohner, 16,4 % Balte und 8,1 % Skandinavier. Eine Mischung, mit der ich sehr gut leben kann. Ich selber hatte mit einem größeren osteuropäischen Teil gerechnet. Deshalb hat mich der englische Anteil völlig überrascht. Mir sind nicht einmal englische Verwandte bekannt.
Nun, da die Angelsachsen vor 1.300 Jahren aus Angeln (Dänemark) und Sachsen zu den britischen Inseln ausgewandert sind und dort bis heute leben, sind sie eben insgesamt recht deutlich mit uns Deutschen verwandt, so möchte man meinen. Auch mit uns Deutschen in Ostelbien, die viele Vorfahren haben, die im Hochmittelalter aus den Niederlanden oder von Flandern aus in das Land östlich der Elbe auswanderten (wo es ja noch heute den "Fläming" gibt). 
**) Die u.a. von niederösterreichischen Bauern und der venezianischen Adelsfamilie Nobile Cicogna abstammt.
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  1. https://www.selfdecode.com/snp/rs4680/
  2. Bading, Ingo: "Polygenetische Risiko-Faktoren" vor 1.000 Jahren - Die Nachfahren der Wikinger blieben sich genetisch gleich in Skandinavien bist heute. 20. Juli 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/07/polygenetische-risiko-faktoren-vor-1000.html
  3. Bading, Ingo: https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/09/wikinger-gene-in-elite-grabern-gropolens.html 
  4. Genetic Variations of DAOA (rs947267 and rs3918342) and COMT Genes (rs165599 and rs4680) in Schizophrenia and Bipolar I Disorder. Leila Ahmadi, Seyed Reza Kazemi Nezhad, Parisima Behbahani, Nilofar Khajeddin, and Mehdi Pourmehdi-Boroujeni. Basic Clin Neurosci. 2018 Nov-Dec; 9(6): 429–438. Published online 2018 Nov 1. doi: 10.32598/bcn.9.6.429, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6359688/ 
  5. Genetische Programmierung - Wie Gene unsere Persönlichkeit beeinflussen. Doku 2015, 11.12.2015, https://youtu.be/z6w678W3p30
  6. Gregor Eisenhauer, Schriftsteller und Nachrufschreiber  ... zu seinem neuen Buch "Wie wir die Angst vor der Angst verlieren". 05.08.2019, https://www.rbb-online.de/rbbkultur/radio/ programm/schema/sendungen /rbbkultur_am_nachmittag/archiv/ 20190805_1505/zu_gast_ 1610.html 
  7. Gregor Eisenhauer: Wie wir die Angst vor der Angst verlieren. Furchtlos in sieben Tagen. DuMont Verlag, 2019 
  8. Schnakenberg, Eckart: Genetische Disposition bei MCS/CFS/Fibromyalgie. IPgD Institut für Pharmakogenetik und genetische Disposition, Peine, https://www.ipgd-labore.de/institut-leistungsspektrum/genetische-disposition/mcs-cfs-fibromyalgie/mcs-cfs-fibromyalgie.html und: https://www.ipgd-labore.de/institut-leistungsspektrum/analysen-a-z/c115/catechol-o-methyltransferase/
  9. Cohen H, Neumann L, Glazer Y, Ebstein RP, Buskila D. The relationship between a common catechol-O-methyltransferase (COMT) polymorphism val(158) met and fibromyalgia. Clin Exp Rheumatol. 2009; 27:51-6 (pdf
  10. Piffer, Davide: Correlation of the COMT Val158Met polymorphism with latitude and a hunter-gather lifestyle suggests culture-gene coevolution and selective pressure on cognition genes due to climate. In: Anthropological Science, 2013, Volume 121, Issue 3, Pages 161-171, Released on J-STAGE December 25, 2013, Advance online publication September 14, 2013, https://www.jstage.jst.go.jp/article/ase/121/3/121_130731/_html/-char/en

Donnerstag, 6. Juni 2019

Meine ersten "Polygenic Scores"

Eine neue Auswertung durch die Firma "Genomelink" (Mai 2019)

Aus der Reihe "Meine Gene", Teil 9

Seine sequenzierten Gendaten kann man bei der Firma "Genomelink" (1) kostenfrei hochladen und auswerten lassen. Das wird - unter anderem - auf Facebook beworben. Aber die hierbei gewonnenen Erkenntnisse (die ich im folgenden referieren werde), darf man nicht zu hoch hängen. Sehr treffend dürfte das folgende Urteil über sie sein (zit. n. 3):
Derzeit können diese Auswertungen eher der Unterhaltung dienen und dazu, ihre Begrenztheit zu verstehen. Ich denke, der wichtigste Nutzen derselben besteht darin, daß sich Menschen mit genetischer Forschung beschäftigen - sagt Yaniv Erlich von DNA.Land
Right now, [these reports are] more just for entertainment and to understand the limitations. I think the main benefit is engaging people with genetic research. - Yaniv Erlich, DNA.Land

Die Firma selbst wird von großen Unternehmen unterstützt und die jungen Firmengründer stellen sich im Internet auch persönlich vor (2). Im folgenden die mir bislang kostenfrei zugänglich gemachten Ergebnisse. soll dabei heißen: "ja, kann ich bestätigen" (anhand meiner selbst und/oder auch meiner genetischen Verwandten). ✗ soll heißen: "hm, kann oder will ich so auf den ersten Blick erst mal nicht bestätigen".  

Es dürfte wohl für die große Mehrheit dieser Auswertungen gelten, daß der "polygenic score" viel umfangreicher ausgewertet werden müßte, um wirklich treffsichere Aussagen machen zu können. Diese Auswertung hier dürfte also bloß experimentellen Charakter haben, da sie meist auf weniger als zehn SNP's beruht, während Robert Plomin in seinem Buch (4) aufzeigt, daß hunderte, tausende, zehntausende SNP's pro Merkmal ausgewertet werden müss(t)en, um treffsichere Aussagen machen zu können.

Im Wesentlichen geht es in diesem Blogbeitrag nur darum, für welche Merkmale es überhaupt schon "irgendwelche" Erkenntnisse gibt, und daß sie in der Forschung erforscht werden. Es handelt sich allerdings um völlig provisorische, fast zufällige Aussagen hinsichtlich einer ersten Auswertung diesbezüglich.

A. Persönlichkeitsmerkmale


a) Ich soll geringe Belohungsabhängigkeit besitzen! Das hieße, ich KANN auf Bonbons verzichten im Marshmallow-Test. Das würde ich erst einmal so bestätigen.

b) Ich soll überdurchschnittliche Offenheit besitzen, das heißt laut Wikipedia: "einfallsreich, originell, erfinderisch, phantasievoll, intellektuell neugierig, offen für neue Ideen, interessiert an Ästhetischem wie Kunst, Musik und Poesie, mit Vorliebe für Abwechslung (statt Routine), Neigung zu neuen Aktivitäten, neuen Reisezielen, neuem Essen usw., aufmerksam für eigene und fremde Emotionen". Hm, gut, bestätige ich jetzt erst mal.

c) Ich bin eher unverträglich, sprich weniger verträglich (lt. Wikip. "Menschen mit niedrigen Werten werden als streitbar, egozentrisch, gegensätzlich und misstrauisch gegenüber den Absichten anderer beschrieben. Sie verhalten sich eher wettbewerbsorientiert als kooperativ." Aha, und das Gegenteil: "Personen, die verträglich sind, zeichnen sich durch Altruismus und Hilfsbereitschaft aus. Hohe Werte bei diesem Persönlichkeitsmerkmal sind charakterisiert durch Adjektive wie mitfühlend, nett, warm, vertrauensvoll, hilfsbereit, kooperativ und nachsichtig.") Na, vielen Dank auch. , ✗

d) Ich habe angeblich eine höhere Wahrscheinlichkeit, leichter wütend zu werden. Die Auwertung beruht auf einer Forschungsstudie aus dem Jahr 2014 (ncbi 2014), die man sich daraufhin erst noch mal genauer ansehen müßte. , ✗

e)  Ich habe angeblich eine weniger ausgeprägte Tendenz auf dem Gebiet des "novelity seeking", Neuerungssucht, dem stärkeren Reagieren auf neue Situationen (sprich wandelfroh statt behaarungsfreudig). Dies wird mir gesagt anhand des polygenic score von 10 SNP's, die in europäischen Populationen untersucht wurden. Immerhin. Wenn ich das aber recht mitbekommen habe, ist auch diese Eigenschaft verschaltet in hunderten oder tausenden von SNP's, weshalb auch diese Angabe vorläufig nicht besonders viel bedeuten muß. Übrigens ist das in früheren Beiträgen dieser Serie schon erwähnte - wie man finden kann sehr aussagekräftige - SNP rs1800955 dabei (noch?) gar nicht berücksichtigt. ✗

f) Von sechs aussagekräftigeren SNP's , die in Zusammenhang mit Spielsucht stehen, sagen drei eine geringe Neigung dazu voraus (50 %), eines eine mittlere Neigung dazu voraus (17 %) und zwei eine höhere Neigung dazu voraus (33 %). Ich kann mich nicht erinnern, daß ich jemals auch nur in die Nähe gekommen wäre, spielsüchtig zu werden. Diese Sucht oder die Neigung dazu liegt aber - ich würde sagen - fast bei der Mehrheit meiner näheren jüngeren Verwandten vor. , ✗


Abb. 1: Deine Gene, kleiner Mann (Aufnahme von mir aus dem Jahr 1966)

B. Intelligenz


a) Durchschnittliche allgemeine Intelligenz wird mir vorausgesagt anhand der Auswertung von 2 bei mir schon sequenzierten SNP's aus einer Gruppe von 16 SNP's, die grundsätzlich ausgewertet werden könnten. Es wird noch nicht einmal gesagt in Bezug auf welche Vergleichsgruppe "durchschnittlich". In Bezug auf die Weltbevölkerung? In Bezug auf die Europäer? Jedenfalls soll das auf einen IQ um die 100 hinweisen und damit läge die Voraussage nicht richtig. Aber eine Auswertung von nur 16 SNP's ist sowieso weitgehend ein Nonsens-Ergebnis angesichts der Erkenntnis der letzten vier Jahre, daß dazu 1000e von SNP's ausgewertet werden müssen.

b) Unterdurchschnittliche Intelligenz als Kind ("childhood intelligence"). Das ist eine komische Begrifflichkeit angesichts der Tatsache, daß der IQ zu 80 % angeboren ist und sich über das ganze Leben nicht ändert. "... The referenced study on children aged 6-18 years old ... The aggregate effect of an array of SNPs predicted 22-46% of variance in intelligence." Meine Gene wurden ausgewertet durch Vergleich mit den Ergebnissen dieser Studie von 2014 (an einer europäischen Untersuchungsgruppe), und zwar offenbar nur aufgrund der Tatsache, daß ich für das SNP rs13387221 GG habe. Das ist also mehr oder weniger ein Nonsense-Ergebnis. - Aber hier scheint doch zum ersten mal zumindest der Versuch gemacht worden, für mich einen "polygenic score" betreffend Intelligenz zu erheben. Es geht also weiter in der Forschung und Anwendung. Das kann einem gefallen.

b) Durchschnittliche mathematische Fähigkeiten. ("The ability to do math well, like intelligence, is a complex and highly polygenic trait. This means that many genes are involved.") Und die Aussage hinsichtlich "durchschnittlich" ist nur anhand einer Untersuchung an einer ostasiatischen Versuchsgruppe gewonnen worden (und zwar anhand dieser Studie von 2017), insbesondere anhand von SNP rs11743006, bei dem ich CA habe.

Schon die Aufteilung in unterschiedliche Arten von Intelligenz scheint mir nicht richtig zu sein, denn Intelligenz ist ganz allgemein hoch oder eben nicht hoch.

C. Körpereigenschaften


a) Morgenmensch
b) geringere Wahrscheinlichkeit für Übergewicht
c) größere Ohrmuschel (!!!!)
d) größere Wahrscheinlichkeit für Übelkeit beim Autofahren (so so)
e) höhere Wahrscheinlichkeit für ein überdurchschnittlich langes Leben (festgestellt insbesondere anhand: rs4420638 AA, rs2075650 AA)
f) Hohe Wahrscheinlichkeit, eine Glatze zu bekommen. Mit sechs SNP's kann darüber offenbar schon eine gute Aussage getätigt werden. (Ich selbst habe allerdings mit 53 Jahren erst erste schwache Andeutungen einer solchen.)

D. Sport


a) guter Ausdauersportler

E. Ernährung


a) höhere Wahrscheinlichkeit, Raucher zu werden (kenne ich schon, siehe andere Beiträge aus dieser Artikelserie)
b) überdurchschnittlich viel Vitamin A im Blut
c) geringere Sensibilität für Bittergeschmacksstoffe (schließt auch scharfe Gewürze mit ein, was ich nicht so bestätigen kann)
d) Hühnereiweißallergie ("egg allergy"): Da ich rs5961136 TT habe, wird mir eine geringe Wahrscheinlichkeit dafür voraus gesagt. Vier weitere SNP's, herausgearbeitet anhand einer europäischen Untersuchungsgruppe, sind offenbar von 23andme bei mir nicht sequenziert worden. Jedenfalls:

Mein Fazit: Vieles aus den Bereichen C bis E war mir schon aus früheren Test-Auswertungen bekannt (siehe andere Beiträge in dieser Artikelserie hier auf dem Blog). NEU sind vor allem die Ergebnisse für die Bereiche A und B. Aber da dürfte jeweils der "polygenic score" noch nicht sehr vollständig sein.

Bei den Persönlichkeitsmerkmalen richtet man sich übrigens nach den "Big Five", die einmal in die Psychologie eingeführt worden sind unter maßgeblicher Mitwirkung von Raymond B. Cattell. Seine Philosophie des "Beyondism" hat manche Ähnlichkeit mit derjenigen der deutschen Psychologin Mathilde Ludendorff. Auf ihre Gedanken hat er sich in seinen Frühwerken auch offen und sehr konkret bezogen. (Dieser Umstand ist wissenschaftsgeschichtlich noch so gut wie gar nicht aufgearbeitet ist.)


Ursprünglich erstesllt 12.5.2019;
wird jede Woche um jeweils
eine neue kostenlose Freischaltungen
bei Genomelink ergänzt: 
12./22.5./6.6./12.6./3.7.2019

___________________________________________
  1. https://genomelink.io/
  2. The Idea and People Behind Genomelink - Unleash the Power of DNA Data, 23.4.2018, https://medium.com/genome-link/the-idea-and-people-behind-genome-link-93e0138160e0 
  3. Diana Kwon: What Your DNA Can't Tell You, https://www.the-scientist.com/news-opinion/what-your-dna-cant-tell-you-66523 
  4. Plomin, Robert: Blueprint, 2018
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