Mittwoch, 2. Januar 2008

Fotos als politische Druckmittel II


In einem früheren Beitrag (Stud. gen., Okt. '07) wurde über "Fotos als politische Druckmittel" berichtet. Anlaß war ein im Jahr 2006 in der "Zeitschrift für Geschichtswissenschaft" erschienener Aufsatz zu diesem Thema. (1) Es waren dort Fotos behandelt worden, die von der späteren völkischen Lebensreformerin Mathilde Ludendorff (1874 - 1966) lange vor dem Ersten Weltkrieg während ihrer ersten jungen Ehe im Jahr 1904 zusammen mit ihrem damaligen Ehemann angefertigt worden waren.

Merkwürdigerweise hat nun dieser neue Aufsatz sehr viele Quellen und Literatur zur geschichtswissenschaftlichen Analyse und Einordnung dieser Fotos ausführlicher herangezogen, am wenigsten jedoch die naheliegendste Literatur, nämlich die Lebenserinnerungen von Mathilde Ludendorff selbst (2). Im zweiten Band derselben, der 1936 erschienen ist (2), also auch ein paralleles Zeitzeugnis zu diesen Fotos und den politischen Machenschaften mit ihnen darstellt, nimmt Mathilde Ludendorff sehr ausführlich zu der Entstehung dieser Fotos Stellung.

Diese Ausführungen sind nun noch einmal herausgesucht worden und sollen hier weitgehend vollständig gebracht werden zusammen mit einigen in demselben Band enthaltenen Fotos der Verfasserin aus jenen Jahren und zusammen mit Kunstwerken, die im Text erwähnt werden.

Abb. 2: Mathilde Ludendorff, geb. Spieß an der Universität Freiburg, Sommer 1902

Noch eine Bemerkung: Man liest in diesen Lebenserinnerungen von Mathilde Ludendorff sehr gerne, weil sie von einem sehr reichen und sehr erfüllten Menschenleben Kunde geben, und weil man sich allein aufgrund dieser Lebenserinnerungen sehr angezogen fühlen kann von der Menschlichkeit und Warmherzigkeit, von der das Leben jener Frau, die diese Erinnerungen geschrieben hat, erfüllt gewesen sein muß.

Auch ihr Enkelsohn, der deutsche Nachkriegs-Schriftsteller Walter E. Richartz (1927 - 1980), der in der Nähe dieser Frau seine Kindheits- und Jugendjahre verbracht hat, hat niemals verleugnet, daß er seine Großmutter für eine sehr warmherzige Frau gehalten hat. (siehe St. gen. 1, 2) Man wird also diesen Lebenserinnerungen auf vielen Gebieten wohl auch dann noch Sympathie entgegenbringen können, wenn es einem nur schwer gelingt, der von dieser Frau gelehrten Philosophie und Psychologie - im Gesamten oder auch nur in Teilen - etwas abzugewinnen. (Aber siehe dazu auch noch zwei andere Beiträge hier auf dem Blog: 1, 2) Natürlich ist bei allem, was eine solche Frau schreibt, immer der für heutige Ohren auch eigentümliche Duktus einer völkischen Lebensreformerin jener Zeit in Rechnung zu stellen.

Abb. 3: In München-Planegg, Sommer 1905

In ihren Lebenserinnerungen jedenfalls berichtet Mathilde Ludendorff über ihr erstes Ehejahr im Jahr 1904 auf sehr vielen Seiten und mit vielen schönen Erinnerungen. Und dabei kommt sie dann auch auf die Entstehungsgeschichte jener Fotos zu sprechen (2, S. 141 - 143):
(...) Unsere ziemlich leeren Wände waren erster Antrieb, unsere eben erst begonnene Lichtbildkunst gründlich zu fördern. Zunächst lernten wir das Vergrößern von Kunstwerken, die uns besonders eindrucksvoll waren. Dann aber genügte uns das nicht mehr. Wir feuerten unseren Schaffenseifer an den großen Künstlern Henneberg, Kühn und Watzek, die in jenen Jahren das Lichtbild zur Kunst erhoben hatten, an. Wir kauften technische und künstlerische Lehrbücher, um aus den Stufen des häufigen Versagens zu jenen des häufigen Gelingens allmählich emporsteigen zu können. Ganz umgekehrt wie bei der Malerei erweist die Landschaft an sich die größten Schwierigkeiten zu einer künstlerischen Aufnahme durch die Kamera. Der Mensch in der Landschaft, der dem Maler erst auf höchster Stufe gelingt, ist von der Kamera leichter festzuhalten. So ergab es sich ganz von selbst, daß dieses Kunstgebiet uns anfänglich am meisten Erfolg brachte. Die tiefe Einsamkeit der herrlichen Wälder unserer Umgebung erleichterte unsere Ziele. Wie sehr uns der Mensch als Kunstwerk der Schöpfung begeisterte, davon gab ja auch unser Heim von Anbeginn an Zeugnis. Hätten nicht die wirtschaftliche Schwierigkeit unseren Wünschen die engsten Grenzen gesetzt, so wäre es wahrlich nicht bei jenen Abgüssen griechischer Kunstwerke aus der Werkstatt Martinellis geblieben, die wir so eifrig von der harten Weiße des Gips befreit hatten. Wir hätten uns vor allen Dingen ein vollwertiges Abbild des Bildwerks Sindings "Zwei Menschen" ersehnt, das nordischer Minne so hehren Ausdruck verleiht, und mußten wegen der uns unerschwinglich hohen Preise dann mit einem kleinen Lichtbild dieses Bildwerks vorlieb nehmen. So kam es, daß auch unser eigener Schaffenseifer vor allem dem gleichen Gebiete galt. Die Natur hatte uns selbst genügend mit Ebenmaß gesegnet, sodaß wir unser Kunstziel nicht störten. (...) Eine tiefe Freude wurde uns das gemeinsame Kunstschaffen. (...)
Viele Fotos wurden auch, wie sie berichtet, auf nationale und internationale Kunstausstellungen eingesandt und erhielten Preise.

Abb. 4: Ärztin an der Klinik, Winter 1912/13

Sie schreibt weiter und gibt mit ihren Worten den Lichtbildern, die im Jahr 2006 erstmals veröffentlicht wurden, eine ganz andere, neue Bedeutung als man dies zunächst hätte erwarten können. Auch könnte der Verfasser des Aufsatzes von 2006 Florian Mildenberger (1) manche dieser Worte zum Anlaß nehmen, sich bezüglich allzu billig und oberflächlich von ihm aufgestellter Thesen und Vermutungen eines anderen zu besinnen.
Jene Bilder von uns in den einsamen Wäldern wählten wir nicht für diese Ausstellungen. Denn es fehlt der Lichtbildkunst das Umdichtenkönnen, das Loslösen von dem Vorwurf, das der Maler in seiner Hand hat. Das Bild wird von dem Einzelpersönlichen daher nicht genug in das Allgemeine erhoben, und so kann es auch niemals für die Allgemeinheit gedacht sein. Es muß denn ganz seltsam zugegangen sein, daß Jahrzehnte später politische Gegner, vor allem auch Pfaffen (nicht Geistliche) beider Konfessionen einige dieser Kunstbilder neben zynischen Bildern ohne jeden Kunstwert als von uns hergestellt unter verkommenen Menschen herumreichten, um damit jene Frau zu verlästern, die dem Volke eine Gotterkenntnis geschenkt hat, vor der ihre Bibellehren nicht mehr bestehen können. Das ahnten wir damals nicht, denn für so verkommen hielten wir unser Volk nicht. Es war verhüllte Zukunft. Aber hätten wir es geahnt, ja, gewußt, nun so hätten wir nicht ein einziges der Bilder ungeschaffen gelassen, nicht ein einziges vernichtet, statt für uns verwahrt, nicht ein einziges mit geringerer Kunstfreude Erscheinung werden lassen. Wohl aber hätte ich in späteren Jahren die Schlüssel zu der Sammlung der Platten besser verwahrt, um das seltsame Verschwinden zu verhindern. Alles, auch das widerlichste Wirken der Verkommenheit kann sinnvoll werden für die Rettung. Es scheiden sich die Völker. Die Reinheit der Germanen trennt sich von jüdisch-orientalischem Geist. Auf der einen Seite die Kunst der Griechen, des Tacitus Schilderung von der hehren Reinheit unserer Ahnen und herrliche Kunstwerke deutscher Meister trotz christlicher Lehren - auf der anderen Seite Juden und Christen mit ihren biblischen Erzählungen, mit ihren Lehren von der Sündhaftigkeit der Menschengestalt, mit oft so unreinem Blick, der nur unreine Begehrlichkeit kennt, und dem Bildwerk, das solcher Einstellung entspricht: "Die Belauschung der Susanne im Bade". Zur Kennzeichnung dieser tiefen Kluft zwischen Deutschsein und Christsein, die gar nicht oft genug dem Volke gezeigt werden kann, hat das hier erwähnte verkommene Verhalten politischer Gegner und Pfaffen und das Ertragen solchen Tuns von Seiten vieler Christen sehr beigetragen. -

So sang dieser Sommer sein jubelndes Lied einer glücklichen deutschen Minne, deutscher Kunst- und Naturfreude, und er hatte noch nicht seine Krönung erfahren, denn die geplante Alpenreise im Herbste stand noch bevor. ...
Abschließend noch zwei Gemälde zum Thema "Susanna beim Bade" - das erste von Lovis Corinth, das zweite von Rembrandt. Man kann den Vergleich des unterschiedlichen Geistes, den die Lebensreformer am Anfang des 20. Jahrhunderts geleitet hat mit jenem Geist, der aus solchen Gemälden spricht, sehr treffend finden. Und ein solcher Vergleich wird auch nicht so ganz unwichtige Themen bezüglich gesellschaftlichen Zusammenlebens heute betreffen ...




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  1. Mildenberger, Florian: Erotik, Polygamie, Muttertum. Die Wandlungen der Mathilde Ludendorff. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Heft 7/8, 2006, S. 621 - 643
  2. Ludendorff, Mathilde: Durch Forschen und Schicksal zum Sinn des Lebens. II. Teil von: Statt Heiligenschein oder Hexenzeichen mein Leben. Mit 12 Abbildungen. Ludendorffs Verlag, München 1937

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