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Sonntag, 23. April 2023

Völkergeschichte - Aus der Sicht von Mathilde Ludendorff (II)

Erörterungswürdiges und völlig Überlebtes in ihrem Buch "Die Volksseele und ihre Machtgestalter" (1933)
Teil 2:
- Gingen die antiken Griechen am Dionysos-Kult zugrunde?
- Gingen die antiken Griechen an der Stoa zugrunde?

1933 brachte Mathilde Ludendorff als sechsten Band ihres philosophischen Werkes das Buch "Die Volksseele und ihre Machtgestalter - Eine Philosophie der Geschichte" heraus (4). Zwar setzt sie sich in diesem Buch auch ausdrücklich mit Karl Ludwig Schemann und dessen damals neuester Buchveröffentlichung (2) auseinander.*) Aber erst ein genauer Textvergleich macht deutlich, daß sie von Karl Ludwig Schemann mehr Sichtweisen auf das Volk der Sumerer und auf das Volk der antiken Griechen übernommen hat, als sie dann schlußendlich innerhalb ihres eigenen Textes kenntlich macht.

Abb. 1: Die Laokoon-Gruppe, eines der berühmtesten Kunstwerke der europäischen Geschichte (Wiki) - Sie wurde von den Bildhauern Hagesandros, Polydoros und Athanadoros aus Rhodos geschaffen - In einem Zeitraum zwischen 200 v. Ztr. und 79 n. Ztr. (denn Plinius der Ältere, der 79 n. Ztr. in Pompeij starb, erwähnte dieses Kunstwerk) - Eine Kultur, die ein solches Kunstwerk hervorbringt, ist höchst kraftvoll und lebendig

Außerdem macht der Textvergleich deutlich, daß sie die oft schon simplifizierenden Ausführungen von Karl Ludwig Schemann noch einmal zusätzlich versimplifiziert. All das tritt ebenfalls erst ins helle Licht der Aufmerksamkeit, seit wir über das Werden und Vergehen der antiken Griechen durch die Archäogenetik so viel mehr Fragen haben als bislang schon Antworten gegeben worden sind und als - offensichtlich auch im Rahmen der "Rasseforschung" der 1930er Jahre - hatten gegeben werden können. Denn deren Vertreter lieferten in ihren Antworten - aus heutiger Sicht - mehr Wirrwarr als echte und gute Einsichten.

"Geschichtliche Randbemerkungen" 

Bevor wir aber all das beleuchten, mag es sinnvoll sein, sich daran zu erinnern, was Mathilde Ludendorff selbst in der Einleitung ihres Buches schreibt zum Verhältnis zwischen den grundlegenden Erkenntnissen, die es enthält und ihrer Erläuterung anhand geschichtlicher Beispiele wie sie diese etwa dem Buch von Karl Ludwig Schemann entnommen hat. Wohl mit einer gewissen Vorahnung schrieb sie dort schon (4, S. 66):

Uns soll es genügen, nur an einem Mindestmaß von Hinweisen auf Einzelgeschehnisse der Weltgeschichte die Übereinstimmung (der Grunderkenntnisse) mit der Tatsächlichkeit zu beleuchten.

Sie, schreibt, sie will mit ihrem Buch kein Geschichtsbuch schreiben mit "philosophischen Randbemerkungen", sondern vielmehr ...

... ein philosophisches Buch mit gelegentlichen, nicht als Beweis, sondern zur Erleichterung des Verständnisses angeführten geschichtlichen Randbemerkungen.

Da diese geschichtlichen Randbemerkungen wie wir sehen werden, mitunter deutlich mehr Unsinn als Sinn enthalten können, ist es natürlich wichtig, von diesen Vorbemerkungen zu wissen. Sie hält es nämlich durchaus auch für möglich, daß ... 

... eines dieser Beispiele sich etwa in Zukunft als eine irrige Feststellung der Geschichtsforscher erweisen

könnte. Und diese Vorahnung sollte sie natürlich auch keinesfalls trügen. Sie schreibt dazu (4, S. 66f):

Der Philosoph ist auf diesem Gebiete (der Geschichtsforschung) Laie und ist darauf angewiesen, sich an die gemeldeten Ereignisse zu halten. Muß ein solches Beispiel aus solchen Gründen als ungeeignet fallen,

so muß das, so schreibt sie weiter, nicht zwangsläufig Schlußfolgerungen in Bezug auf die von ihr gegebenen Grunderkenntnisse mit sich bringen. Und sie schreibt (4, S. 67):

Gerade durch unsere Beschränkung (auf wenige anschauliche Beispiele) wird ein Wunsch des Schaffenden erfüllt, nämlich durch sein Werk andere zum Schaffen anzufeuern. Besonders der dritte Teil des Buches, der sich mehr auf das Gebiet der Erfahrung der Völker begibt und häufiger geschichtliche Ereignisse heranzieht, kann solche Anregungen geben.

Soweit uns bekannt, ist ihr Buch bis heute selten als eine solche "Anfeuerung" aufgefaßt worden. Eine solche Anfeuerung könnte ja auch gut und gerne parallel gehen, ja müssen, mit einer grundlegenderen kritischen Betrachtung aller Inhalte ihres Buches, womöglich auch mit einer sehr grundlegenden Infragestellung fast aller Inhalte ihres Buches. Erst dadurch kommt man ja selbst ins "Schaffen". 

Im folgenden wollen wir einige jener "Beispiele" anführen, einige jener "irrigen Feststellungen", die als Erläuterung und Veranschaulichung der Grunderkenntnisse dieses Buches sicherlich "entfallen müssen".

Mathilde Ludendorff zieht die Völker der Sumerer und Babylonier als erläuternde Beispiele heran. Das kann an dieser Stelle zunächst übergangen werden (ist aber auch für sich sehr interessant). 

Mathilde Ludendorff über die antiken Griechen

Ihre Ausführungen über die antiken Griechen sind dann erneut stärker von Karl Ludwig Schemann beeinflußt als man das diesen Ausführungen auf den ersten Blick ansieht. Sie schreibt über (4, S. 447, Archive) ...

... die entartende Wirkung, welche Höhlengötter der Pelasger auf das griechische Volk hatten. Weit Bescheideneres in der Annahme von Fremdgut als die Babylonier versuchten hier die Griechen. Nur wenig Fremdkost nahmen sie auf, behielten sogar die eigene Kost noch bei, und sie entarteten dennoch an dem Fremdgute.

Hier stellt sich im Grunde sogleich die Frage: Woran wäre denn diese "Entartung" erkennbar?!? Die antiken Griechen waren ein Volk edler Menschen und Kulturschaffender bis in die Spätzeit hinein, bis sogar noch in das Byzantinische Reich hinein (man lese doch etwa Prokops Geschichte des Wandalenkrieges). Woran wäre erkennbar, daß das Volk der Griechen "entartet" wäre, daß es seelische Lebendigkeit verloren hätte? Ist das antike Volk der Griechen nicht in der Vollkraft seiner seelischen Lebendigkeit zugrunde gegangen? Ist das nicht der Umstand, der hier viel eher zu benennen ist, und der dann nach seinen Ursachen hin auszuleuchten wäre? Wie? Man kann auch an seelischer Lebendigkeit zugrunde gehen? Nicht doch! - Aber lesen wir weiter (4, S. 447, Archive):

Welch ein Unterschied in der Widerstandskraft der beiden Rassegruppen fällt uns hier auf! Nur aus der bekannten Duldsamkeit der Rassen der "Lichtlehren" heraus (...) glaubten sie (die Griechen), Bestandteile der Religion der Pelasger, so zum Beispiel besonders auch den Gott Dionysos, den Gott der ausgelassenen Sinnenlust, zu ihren Göttern auf den Olymp nehmen zu können.

Wie wenig Sinn macht es heute, so zu sprechen, wo wir wissen, daß schon die mykenischen Griechen nur zu 20 % Steppengenetik in sich trugen. Es war keine "Duldsamkeit", die diese Indogermanen dazu brachte, "Bestandteile der Religion der Pelasger zu ihren Göttern auf den Olymp nehmen zu können". Es war vielmehr höchst erstaunlich, daß das Volk der Pelasger sich dazu bereit fand, eine in Grundzügen indogermanische Religion und Gottauffassung - höchstwahrscheinlich unter Zwang - anzunehmen, die für es eine "Fremdreligion" war. Und zwar nicht zuletzt auch unter Zwang, da uns die Archäologen von einem umfangreichen Zerstörungshorizont berichten, der mit der Ankunft der Indogemanen in Griechenland verbunden war.

Abb. 2: Der sterbende Gallier - Aufgestellt in Pergamon um 230 v. Ztr. (Fotograf: Jean-Christophe Benoist [Wiki])

Und es ist im Grunde mehr als selbstverständlich, daß die vorindogermanischen Völker Griechelands ("Pelasger" und andere), die sich mit den hereinkommenden "Hyperboräern" vermischt hatten, nicht nur deren indogermanisches Kulturgut übernahmen, sondern zugleich auch zäh an althergebrachtem Kulturgut festgehalten haben. Ob dazu ausgerechnet Dionysos gehört hat, mag ebenfalls dahin stehen. Man könnte - im Interpretationsrahmen von Hölderlin und ggfs. auch Nietzsche - meinen, daß die weit verbreitete Verehrung des Dionysos dem Übermut entsprang, der Überschwenglichkeit, die dem "südlichen Menschen" eigen ist, wenn er mit der zügelnden und zugleich hochreißenden seelischen Kraft der apollinischen Geisteshaltung der Indogermanen konfrontiert wird (um all das hier einmal in aller Kürze nur ins Unreine hinein als Hypothese zu formulieren). Aber hören wir weiter (4, S. 447, Archive):

Sie (die Griechen) stellen ihn (Dionysos) neben Apoll, den beherrschten, schönen Lichtgott. Aber schon diese an sich geringfügig erscheinende Gabe der anderen Rasse hatte eine volksvereheerende Wirkung.

Erneut: Woran sollte diese erkennbar sein? Noch nicht einmal die Römer, denen wir in den Ausgrabungen von Pompeji um 79 n. Ztr. als stark hellenisierte Kultur begegnen, sind über Jahrhunderte hinweg an dieser "Fremdkost" zugrunde gegangen. Vielmehr haben auch sie sich ihre seelische Lebendigkeit über Jahrhunderte erhalten - freilich in zunehmendem Ringen mit all der Sinneslust, die in der griechischen Kultur zugleich auch enthalten ist. Aber dieses "Ringen" wurde erst notwendig, als allmählich der seelische Überschwang, Übermut, die Emphase in den Völkern der Mittelmeerwelt verloren gingen. Als sie einem Sündenbewußtsein und einer Zerknirschung sondergleichen wichen. Und beide letztere haben wir bis heute nicht völlig überwunden. ("Warum so bedrückt?" fragte einmal der Historiker Hellmut Diwald die Deutschen in einer Buchveröffentlichung des Jahres 1992. Ein Blick in die Spätantike und in das Mittelalter hinein hätten ihm eigentlich ausreichend Antworten geben können.)

Auf jeden Fall ist die griechische Kultur schon von ihren Anfängen bei Homer her ohne ihre schöne freie Sinneslust doch gar nicht als jene Kultur zu denken und zu deuten als die wir sie als eine so außerordentliche kennen und schätzen gelernt haben und als die sie sich bis heute als Alternativkultur zum christlichen Zeitalter geltend gemacht hat und geltend machen darf.**) Wie kann man an dieser Erkenntnis so außerordentlich gleichgültig vorbei gehen wie es hier Mathilde Ludendorff zu tun scheint? Hatte sie denn nicht selbst Altgriechisch gelernt für ihr Abitur? Warum zeigt sie hier so wenig Verständnis für die griechische Antike? Wir wollen gleich die Antwort geben: Weil ihr der materialistische Rassegedanke im Wege steht, der in Bezug auf die antiken Griechen mehr Unkenntnis als zusätzliche Erkenntnis mit sich brachte. Und offenbar auch, weil sie - mit den "Rasseforschern" ihrer Zeit - nicht versuchte, die antiken Griechen aus ihrer Zeit heraus zu verstehen, sondern auf sie mit der Brille ihres eigenen Zeitalters schaute. Irgendwie vergleichbare "Todesgefahren" wie man sie in den 1930er Jahren für das Volk der Deutschen sah (schädliche Religionen, Weltbürgerideologien etc.), wollte man auch bei den antiken Griechen finden, anstatt diese Kultur erst einmal aus sich selbst heraus zu verstehen, da sie ja doch - womöglich - auch unter ganz anderen seelischen Gesetzen gestanden haben könnte als unsere abendländische Kultur (und nichts, wirklich nichts ist naheliegender, als daß sie es tat. Zumal nach der kulturphilosophischen Deutung von Mathilde Ludendorff selbst - siehe "Absturz der Religionen vom Gotterleben").) - Aber hören wir weiter (4, S. 447, Archive):

Freilich war es nicht die Fremdkost allein, die einen so raschen Untergang auslöste.

Einen so raschen Untergang? Sprache und Genetik hielten sich in Kontinuität in Griechenland bis zur Zuwanderung durch die Slawen aus dem Norden in der Spätantike. (Und zum Hohn auf alle gar zu materialistischen "Rassetheorien" erhöhte diese slawische Zuwanderung sogar den Steppengenetik-Anteil in Griechenland, wobei sie aber zugleich tatsächlich die Restbestände antik-griechischen Lebens zugrunde gehen ließ.) Aber weiter:

Denn sie (die Fremdkost) konnte erst aufgenommen werden, als die Wahlkraft der Volksseele kaum mehr gehört wurde, als die Rassereinheit nicht mehr voll bestand. (...) So war also von zwei Seiten über das Volk die Todesgefahr herangenaht, entsprach doch das Erlebnis der Minne, wie das semitische Volk sie zeigte, dem Gotte der Pelasger, dem Dionysos, weit mehr als dem Griechengott Apoll. So lockte denn das eine zu dem anderen hin, und die Griechen gingen rasch an dem Dionysos-Kult zugrunde. (...)
Die Geschichte beschreibt uns die Entartung der Griechen als "Verweichlichung" (siehe Holms "Griechische Geschichte" Band 1). Die alten achäischen Helden hatten unheldische Nachfahren und konnten von gesunden nordischen Stämmen, die später einwanderten, unterworfen werden. Das gleiche Schicksal erlitten dann diese aus dem Norden von den Bergen nach Süden kommenden gesunden Stämme der Dorier und Jonier auch wieder. Anfangs lebten sie in strenger Selbstzucht und glichen in heldischer Tatkraft und Bedürfnislosigkeit noch ganz jenen unverdorbenen Ahnen der später so verweichlichten Achäer. Unter die gleichen Einflüsse semitischer Völker gestellt, erlitten sie aber allmählich ganz das gleiche Schicksal wie diese.

Dazu mehrere Bemerkungen. Erstens zunächst noch einmal zu der hier postulierten "Rassereinheit": In jener Geschichtsepoche, in der Mathilde Ludendorff lebte, ging man - wie oben schon erläutert - davon aus, daß die Menschen in Skandinavien in weiten Teilen unvermischte Repräsentanten der indogermanischen Herkunftsgruppe waren. Heute wissen wir, daß sie nur zu etwa 50 % Schnurkeramik- (bzw. Jamnaja-, bzw. Steppen-)Genetik in sich tragen, während die andere Hälfte sich zusammensetzt aus der mittelneolithischen Genetik Europas, deren Erbe aus grob 70 % anatolisch-neolithischer Genetik und 30 % westeuropäischer Jäger-Sammler-Genetik besteht.

Abb. 3: Die Tötung Dirkes durch ihre Stiefsöhne - Geschaffen von Apollonios von Tralleis auf Rhodos, Ende des 2. Jhdts. v. Ztr., importiert nach Rom um 0 v./n. Ztr., ausgegraben in den Bädern des Caracalla 1546 (Wiki) - Archäologisches Nationalmuseum Neapel (Fotograf: Marie-Lan Nguyen [Wiki])

Wenn dies aber als ein Grad für "Unvermischtheit der Herkunftsgruppe" gelten soll (nach der Auffassung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts), dann könnte in der Tat gesagt werden, daß die Griechen Nordgriechenlands um 2.200 v. Ztr., die 50 % Jamanaja-Genetik aufwiesen, "unvermischt" waren. In Südgriechenland gab es während der Bronzezeit Menschen mit 20 %, mit 10 % und mit 0 % Jamnaja-Genetik. Während der Eisenzeit und der klassischen Zeit trugen die antiken Griechen einheitlich acht Prozent Jamanaja-(also Steppen-)Genetik in sich. Als solche brachten sie die kulturellen Höchstleistungen der Menschheitsgeschichte hervor, die wir an ihnen so bewundern. Und als solche dauerten sie bis in die Spätantike fort.

"Rassemischung" hat also hier bestenfalls zu kulturellen Höchstleistungen der Menschheitsgeschichte beigetragen, nicht zum Untergang eines Volkes, das solche Höchstleistungen hervor gebracht hat.

Zum zweiten: Will man jene Griechen, die im Heer Alexanders mitzogen, "unheldisch" nennen? Das einzige, was den Griechen fehlte, war "das Vaterländische" wie es Hölderlin nannte. Es war allein ihre politische Uneinigkeit, die sie überwindbar machte. Sonst wären die Makedonen an ihnen genauso gescheitert wie zwei Jahrhunderte zuvor das persische Großreich. Das ist doch ganz klar. Jedenfalls ist überhaupt nicht übersehbar, warum ausgerechnet der Dionysos-Kult die Griechen zu sehr verweichlicht haben soll. Dieser wurde ja auch schon zur Zeit der Perserkriege gelebt. Nein, die Mäßigung ihres heldischen Willens und ihrer Kriegslüsternheit untereinander durch "das Vaterländische" fehlte ihnen. Das war es, was am meisten zu den Niederlagen gegen Alexander beitrug.

Wir können uns also all diesen Charakterisierungen zur Entstehung und zum Untergang der antik-griechischen Kultur durch Mathilde Ludendorff (oder Karl Ludwig Schemann) nicht anschließen. Sie entspringen gänzlich einem Kenntnisstand und einem Weltbild, die abgetan sind. Fast möchte man fragen: Wie kann man so scheeläugig auf die antik-griechische Kultur schauen? Das haben bestenfalls Römer getan. Griechen selbst haben das nie getan. Sie standen weit erhaben über einem solchen scheeläugigen Blick auf Dionysos. Das hat doch auch der von Mathilde Ludendorff ansonsten hoch geschätzte Friedrich Nietzsche nie getan. Man versteht an dieser Stelle vieles nicht.

Abb. 4: Statue des Demosthenes (384-322 v. Ztr.) - geschaffen von dem athenischen Bildhauer Polyeuktos um 280 v. Ztr. (Fotograf: Marie-Lan Nguyen [Wiki])

Es wäre zum dritten noch einmal zu fragen, warum Mathilde Ludendorff sich hier ausgerechnet auf Adolf Holm (1830-1900) (Wiki) (WikiSource) bezieht (8). Er hat die letzten Jahre seines Lebens in Freiburg i. B. verbracht, wo Mathilde Ludendorff  knapp zehn Jahre später Studentin war. Vielleicht war sie dort in Berührung mit der Familie Holm gekommen? Immerhin wird auch heute noch das Urteil gültig sein, das 1972 über ihn ausgesprochen wurde (Gerhard Baader in NDB 1972):

Seine in Neapel entstandene „Griechische Geschichte“ (4 Bände, 1884–91) verherrlicht ebenso wie die von Curtius die griechische Polis, deren Bedeutung er auch für die nachklassische Zeit hervorgehoben hat. Aber nicht dieses Werk, das von der beginnenden wissenschaftlichen Umwälzung am Ende des 19. Jahrhunderts noch unberührt war, sondern Holms Forschungen über sizilianische Geschichte und Landeskunde fügen ihn in die Reihe der großen Historiker des 19. Jahrhunderts ein.

Es stellt sich aber als nächstes auch noch die Frage, warum Mathilde Ludendorff ausgerechnet auf den ersten Band des genannten Werkes verweist. Dieser behandelt die antiken Griechen nur bis zum 6. Jhdt. v. Ztr., also bis zu den Perserkriegen. Und ein Volk, das wir die Perserkriege führen sehen, wird niemand als verweichlicht ansehen wollen. Weder im allgemeiner gehaltenen Vorwort, noch in der Einleitung dieses Bandes finden wir das Phänomen der Verweichlichung überhaupt angesprochen. Die einzige Stelle innerhalb dieses 1. Bandes, in der das Wort Verweichlichung benutzt wird, handelt dann vielmehr von dem persischen Stamm der Meder, den Gegnern der Griechen (8; GB S. 392):

Die Meder, ursprünglich einfach in ihren Sitten und kräftig, waren bald dem Schicksale verfallen, welchem kein Stamm des Orients entgeht, und dem auch die Perser schnell anheim fallen sollten, der Verweichlichung in Folge zu großer Macht und zu großen Reichtums.

Auch noch im dritten Band dieses Werkes finden wir das Wort verweichlicht an keiner besonders grundsätzlichen und allgemein gehaltenen Stelle (GB). Was aber am schwersten wiegt: In dem Band "Kulturgeschichte des klassischen Altertums" aus dem Jahr 1897 (9) sagt eben dieser Adolf Holm das genaue Gegenteil in Bezug auf die Griechen auch noch des 2. Jahrhunderts v. Ztr. als das, was Mathilde Ludendorff ihm als Erkenntnis zuschreibt! Er schreibt über die von anderen Autoren behauptete Verweichlichung der Griechen in dieser Zeit (9, S. 133-135) (GB):

Man spricht, wenn man so scharf urteilt, wie wir soeben gesehen haben, besonders von Athen und von Sparta. Von Sparta ist das nun nicht wahr; Beweise dafür sind Agis und Kleomenes; aber daß es auch von Athen gilt, das haben manche Kämpfe der Athener zur Erlangung ihrer Freiheit vom makedonischen Joche bewiesen, die hier nicht erzählt werden können, und ganz falsch ist es, wenn man gesagt hat, die Westgriechen in Italien und Sizilien, die von Tyrannen gepeinigt waren, seien kräftiger und weniger verweichlicht gewesen.

Gerade der Autor Holm ist ja einer, der das Leben der Polisgriechen auch noch in nachklassischer Zeit zu schätzen weiß. Und diesen Ausführungen kann man auch heute weitgehend folgen. Im übrigen muß an dieser Stelle nicht tiefer in die Thematik eingestiegen werden, um zu sehen, daß es jeweils an den Maßstäben des einzelnen Historikers liegt, was er als "verweichlicht" ansehen will und was nicht. (Natürlich waren die Spartaner zur Zeit der genannten Agis und Kleomenes auch "verweichlicht". Aber erstens gab es Gegenkräfte und zweitens können mit einer solchen Bezeichnung immer noch sehr viele Abstufungen verbunden sein, bevor man dorthin kommt, was man sich im Jahr 1933 oder heute unter "verweichlicht" so im Allgemeinen und Besonderen vorstellen könnte.)

Insgesamt drängt sich aber der Eindruck auf, als habe sich Mathilde Ludendorff, indem sie das antike Griechenvolk als Beispiel für grundlegendere Aussagen ihres Werkes heranzog, einfach auffallend wenig Mühe gegeben, die Dinge zunächst auf der Sachebene zu klären. Sie hat sich vielmehr mit flüchtigen - nein: viel mehr gar zu flüchtigen - Literatur-Eindrücken zum Thema zufrieden gegeben. Eine solche Arbeitsweise kann man - unseres Erachtens - bei Mathilde Ludendorff nur sehr selten antreffen. Vielleicht darf man diese gar zu flüchtige Arbeitsweise einfach nur als eine Aufforderung an künftige Generationen verstehen, diese Dinge nun doch einmal gründlicher und angemessener zu klären.

Kosmopolitismus und Stoa im hellenistischen Zeitalter

Diese flüchtige Arbeitsweise sehen wir auch, wenn wir lesen, daß Mathilde Ludendorff die philosophische Richtung der "Stoa" als völkerschädigende Lehre heraus stellt, die zum Untergang der antik-griechischen Kultur sehr wesentlich beigetragen habe. (Man lese dazu auch den Nachtrag zu diesem Beitrag ganz unten.) Sie scheint in der Stoa etwas so ähnliches finden zu wollen wie es - zu ihrer eigenen Zeit - der Kommunismus darstellte oder das Christentum. Leopold von Ranke hingegen beurteilte die Stoa in ganz anderem Sinne (siehe ganz unten). 

Nach Mathilde Ludendorff (und Schemann) soll die Stoa dem Christentum "voraus" gegangen sein. All das mutet uns mehr als unhistorisch geurteilt an. Nein, mehr noch: Die Ausführungen muten geradezu grotesk und absurd an. Leopold von Ranke nimmt für die römische Kaiserzeit tatsächlich an, daß die Stoa auch als politische Lehre in weitesten Kreisen Beachtung gefunden hätte. Aber er stellt sie als eine kulturerhaltende Erscheinung dar, nicht als eine kulturzerstörende. 

Um diese Dinge einzuordnen, muß voraus geschickt werden: Das griechische Denken und Handeln in Bezug auf Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen Völkern und Kulturkreisen war sehr differenziert und individuell sehr unterschiedlich. Davon kann man sich einen Eindruck verschaffen im dem Abschnitt "Menschheitsidee" in dem Wikipedia-Artikel "Alexanderreich" (Wiki). In diesem Abschnitt wird ausgeführt, daß der Einheitsgedanke (homonoia) ursprünglich darauf gerichtet war, Frieden zwischen den sich zerfleischenden Poleisgriechen herzustellen (er war also Ausdruck des von Hölderlin benannten "Vaterländischen". Es wird aber dann ausgeführt, daß dieser Einheitsgedanke in der Praxis - von Alexander auf sein Reich angewendet, ganz andere Folgen hatte (Wiki):

Der Einheitsgedanke (homonoia) lebte fort, wobei es zur Ironie der Geschichte gehört, daß er in den Völkerschaften der hellenistischen Staaten Asiens und Ägyptens verwirklicht werden konnte und nicht in den Stadtstaaten des klassischen Hellas, wo er ursprünglich propagiert worden war. Im Orient kämpften zukünftig nicht mehr Völkerschaften, sondern Dynastien gegeneinander, während sich in Griechenland der alte Zwist zwischen Städten und Städtebünden, zwischen Poleisgriechen und Makedonen fortsetzte. Eine dauerhafte Eintracht konnte sich hier erst unter römischer Kontrolle einstellen. 

Eine homonia zwischen allen Hellenen wäre so notwendig gewesen, um Alexander abzuwehren. Sie war von Demosthenes gefordert worden. Sie wurde aber bei den Poleisgriechen erst durch die makedonische und römische Fremdherrschaft und durch die "pax romana" hergestellt, während ihr Grundgedanke als "Menschheitsidee" die hellenistischen Nachfolgereiche tatsächlich und erfolgreich ideologisch überwölbte. Die Lebenswirklichkeit in den Nachfolgereichen des Alexanderreiches war aber außerdem - wie in dem genannten Artikel ausgeführt wird - geprägt sowohl von dem Weiterbestehen von Parallelgesellschaften (siehe als Beispiel die halbautonomen Juden in Judäa), wie von allgemeiner Hellenisierung, sowie von Vermischung zwischen Hellenen und "Barbaren".

Diogenes in der Tonne - Ausgerechnet er förderte den Untergang der antiken Griechen? - ???

Auf Wikipedia lesen wir über den griechischen Philosophen Diogenes von Sinope (413-323 v. Ztr.) (Wiki) (den "Diognenes in der Tonne") und die mit ihm beginnende Geschichte des Kosmopolitismus (Wiki):

Diogenes von Sinope bezeichnete sich erstmals als Weltbürger. So wie er in seinen Anfängen in der griechisch-hellenischen Ideengeschichte zu finden ist, war der Kosmopolitismus zunächst eine mehr individualistische Lebensphilosophie, die mit der Sichtweise des Kynismus verbunden war. In der Philosophenschule der Stoiker (Zenon, Seneca, Mark Aurel und andere) wurde er auch zu einer Ethik weiterentwickelt.

Der Stoa (Wiki) wird im allgemeinen - und im besonderen der "mittleren Stoa", nämlich der seit römischer Zeit - ein "kosmopolitischer Ansatz" zugesprochen. Der hier genannte Philosoph Diogenes von Sinope war ein Schüler des Athener Philosophen Antisthenes (445-365 v. Ztr.) (Wiki), der wiederum ein Schüler des Sokrates war. Ganz richtig wird ausgeführt, daß unter solchen frühen Philosophen der Kosmopolitismus eher eine rein "individualistische" Lebensphilosophie darstellte, die sich deshalb - soweit übersehbar - auch nicht besonders moralisch über andere erhob, weil andere in der betreffenden Frage anderer Meinung waren, und die aber vor allem nicht große Menschenzahlen oder Gesellschaften in ihrem Handeln beeinflußte. 

Aus den Wikipedia-Artikeln zu den genannten Philosophen geht auch hervor, daß man über ihre Lehre eigentlich gar nichts besonders viel Zuverlässiges weiß, da die meisten ihrer Schriften verloren gegangen sind und da das meiste über sie nur aus den Behauptungen Dritter bekannt ist, die sich zudem oft untereinander widersprechen. Die Quellenlage ist bezüglich dieser Philosophen also sehr brüchig und unzuverlässig.

Der genannte Philosoph Zenon von Kition (333-261 v. Ztr.) (Wiki) gilt dann als der Begründer der Stoa. Er wurde um 333 v. Ztr. geboren, also zu der Zeit als Alexander der Große den Nahen Osten eroberte und die hellenistischen Reiche begründete. Zu der Lebenswirklichkeit der hellenistischen Reiche, in denen Menschen unterschiedlichster kultureller und religiöser Herkunft zusammen lebten, paßte nun wahrlich eine Anschauung wie der Kosmopolitismus besser als jede andere Lebensanschauung. Diese Lebensanschauung wurde gelebt, ob es nun dafür eine philosophische Lehre gab oder nicht. Als ideologische Rechtfertigung für das Leben dieses Kosmopolitismus diente am ehesten noch der oben erwähnte "Einheitsgedanke". Natürlich mögen auch mancherlei philosophische Lehren, die zu diesem Leben paßten, aufgegriffen und weiter entwickelt worden sein. Das mag auch für die Stoa gelten. Aber daß ausgerechnet die Stoa deshalb eine Entwicklung beschleunigt hätte, die sich sowieso schon im Gange befand, erscheint doch insgesamt wenig einleuchtend.

Beim Kosmopolitismus, bei der damaligen weltbürgerlichen Haltung handelte es sich längst um eine Lebenswirklichkeit, die, um verwirklicht zu sein, gar keiner expliziteren, ihr zugrunde liegenden philosophischen Lehre bedurfte. Die Rolle philosophischer Lehren für das Alltagsleben wird für die große Mehrheit der Menschen der damaligen Zeit überhaupt eher als gering einzuschätzen sein. Abgesehen davon, daß man überhaupt - sozusagen - "philosophisch" geleitet lebte, bzw. philosophierend lebte, jeder individuell für sich, soweit er überhaupt Philosophie trieb.

All dies auch noch zusätzlich um so weniger als die Griechen klassischer Zeit schon seit vielen Jahrhunderten fast überall, wo sie Kolonien im Mittelmeerraum und im Schwarzen Meer gegründet hatten, auf andere Völker und Kulturen getroffen waren und sich selbst entweder an die Kultur vor Ort angepaßt hatten oder umgekehrt die Kultur vor Ort dazu brachten, sich an ihre griechische Kultur anzupassen. Außerdem kamen durch den Handel mit den Kolonien ebenso wie durch Sklavenhandel über Jahrhunderte hinweg immer wieder Menschen anderer kultureller Herkunft in das Kernland Griechenlands. Man denke etwa daran, daß Orpheus, der Begründer der nicht unbedeutenden orphischen Bewegung in Griechenland mit ihrer urindogermanischen Lehre vom Weltei als Ursprung der Welt, als Thraker galt. 

Und wir wissen erst seit kurzem, daß die Thraker eine Genetik aufwiesen, die hinsichtlich des proportionalen Anteils ihrer Herkunftsgruppen derjenigen der antiken Griechen glich. Ebenso die Philister und Phönizier. In klassischer, antiker Zeit gab es also eine sehr einheitliche Genetik im gesamten östlichen Mittelmeerraum. Wenn also Thraker oder Philister "Hellenen" wurden, dann veränderte sich das Band zwischen Genen und Kultur, das schon in Griechenland bestand, gar nicht. Es gab dasselbe Wechselverhältnis zwischen Genetik und Kultur. Die seelische Grundstimmung der antiken Griechen konnte also durch die Hellenisierung vieler Völker weiter geführt werden, auch wenn es im griechischen Kernland aufgrund von Kinderarmut zeitweise zu Bevölkerungsrückgängen kam.   

All das ist sehr ähnlich wie in den letzten tausend Jahren in Mitteleuropa, wo ja auch die kulturellen Unterschiede mitunter sehr groß sein konnten. Man denke etwa an die Unterschiede zwischen den germanischen und den slawischen Völkern. Gleichzeitig war und ist aber die Zusammensetzung der Herkunftsgruppen zwischen benachbarten Völker sehr ähnlich. Wenn also ein Pole "eingedeutscht" wird, ändert das an der genetischen Zusammensetzung der Deutschen vergleichsweise ebenso wenig wie es etwas an der genetischen Zusammensetzung der Polen ändert, wenn ein Deutscher "polonisiert" wird. Und ähnlich sind die Verhältnisse für den östlichen Mittelmeerraum in der Antike zu beurteilen.

Auf jeden Fall hatte es also schon seit Jahrhunderten sehr viel kulturelle, gegenseitige Beeinflussungen und Anpassungen gegeben, wobei zu sagen ist, daß sich die kulturelle Identität der antiken Griechen dadurch insgesamt nur wenig verändert hat, zumindest in dem Zeitraum, den wir durch Schriftkultur überblicken. Dazu war sie auch in sich selbst viel zu seelisch lebendig und kulturschöpferisch. Und dazu waren sich die Griechen ihrer eigenen Kultur viel zu sicher und dazu hatten sie auch ein recht klares Urteil darüber, was sie selbst von all den umliegenden "Barbaren" unterschied. Sogar ein ihnen sehr ähnliches Volk wie die Makedonen erachteten sie ja als "Barbaren", ebenso die Thraker oder die Phönzier oder die Lyder oder die Perser. Am meisten Hochachtung dürften sie noch vor der alten Hochkultur der Ägypter gehabt haben, wohin die griechischen Gelehrten von früher Zeit an immer wieder gereist sind, um dort zu lernen.

Nur in den "Perserkriegen" haben sich die antiken Griechen einmal sehr ausgeprägt militärisch mit anderen Kulturen auseinandersetzen müssen, und zwar zeitgleich sowohl mit dem persischen Großreich im Osten wie mit dem Großreich von Karthago im Westen - nämlich die griechischen Kolonien auf Sizilien. Ansonsten führten die antiken griechischen Poleis vor allem Kriege untereinander, insbesondere im Peloponnesischen Krieg Athen und seine Verbündeten gegen Sparta und seine Verbündeten.

Inhärent gab es also schon seit Jahrhunderten innerhalb der griechischen Kultur ein Spannungsverhältnis zwischen der Hochwertung der eigenen kulturellen Identität und einer sehr großzügigen, "weltbürgerlichen" Haltung. Eine weltbürgerliche Lebenshaltung läßt sich vergleichsweise leicht leben, wenn die eigene Kultur eine außerordentlich fruchtbare und lebendige ist. Erst wenn die eigene Kultur verknöchert und unlebendig wird, wird ihr auch eine weltbürgerliche Haltung zur Gefahr. Diesen Umstand hat es für die antik-griechische Kultur nie gegeben. Sie ist im Zustand höchster Lebendigkeit und kultureller Fruchtbarkeit untergegangen. Noch in der Zeit der politischen Knechtschaft durch die Makedonen und durch Rom blieb die antik-griechische Kultur in einer Weise seelisch lebendig wie es das das christliche Abendland bis heute noch nie kennen gelernt hat. Noch ihre letzten Vertreter - nennen wir Plutarch oder Plotin und andere - standen geistig, kulturell, intellektuell, moralisch turmhoch nicht nur über zeitgleichen Kulturen anderer geographischer Räume, sondern über dem kulturellen Niveau aller anderen Zeitepochen der Menschheit überhaupt.

Ist alles gleich - Plutarch, ... Gobineau?

Immerhin: Das Pendel zwischen ethnozentrischer und weltbürgerlicher Haltung mußte natürlich deutlich zugunsten der letzteren ausschlagen, nachdem Alexander der Große die antiken Griechen unterworfen hatte und ihre Kultur zugleich über den gesamten Nahen Osten hinweg ausgebreitet hat, nachdem die antiken Griechen politisch mehr Objekte als Subjekte der Weltgeschichte geworden waren. Ihre Würde haben sie sich auch noch in ihrer politischen Ohnmacht erhalten, auch wenn sich die Römer nicht zu schade waren, sie in ethnozentrischer Überheblichkeit "Griechlein" zu nennen. Aber wenn ein Plutarch ein "Griechlein" war - wie möchte man dann eigentlich ein beliebiges "Abendländerlein" nennen? 

Versteht man nicht, daß wir es hier mit ganz verschiedenen Größenmaßstäben zu tun haben, wenn es um das Maßnehmen bezüglich seelischer Lebendigkeit geht? Das Jahrhundert, in dem ein Mißanthrop wie Arthur de Gobineau möglich war, möchte man auf eine Stufe stellen mit einem Jahrhundert, in dem ein Plutarch möglich war? - ??? Wer das für denkbar hält, lasse sich von Friedrich Schiller darüber belehren, wie er über das seinige "tintenklecksende Jahrhundert" gedacht hat. Dann könnte ein solcher Nachdenkender - womöglich - gesunden.***)

Plutarch - um 70 n. Ztr.

/ Ergänzung 19.7.23 / Als wir die letzten Zeilen schrieben, war uns noch gar nicht klar, daß auch die weiteren Ausführungen sehr viel mit Plutarch zu tun haben. In der Schrift "Vom Glück oder von der Tapferkeit Alexanders" hat nämlich dieser griechische Schriftsteller Plutarch (45-125 n. Ztr.) (Wiki) ausführlich die Verdienste Alexanders des Großen erörtert. In einem Abschnitt dieser Schrift meint er, Alexander habe mehr für die Bildung und Zivilisiertheit der Welt getan als alle großen Philosophen Griechenlands zusammen genommen. Und auf diesen Abschnitt beziehen sich dann Droysen, Schemann und Mathilde Ludendorff. Deshalb ist es sicherlich gut, ihn im Original zu kennen (hier nach einer Übersetzung aus dem Jahr 1786) (11, S. 298ff): 

Wenn demnach die Philosophen sich am meisten darauf einbilden, daß sie rohe und ungeschlachte Gemüter verfeinern und umbilden, so kann auch Alexander, der dergleichen Veränderungen bei unzähligen Völkern und viehischen Naturen bewirkt hat, mit Fug und Recht für den größten Philosophen gehalten werden. Jene so sehr bewunderte Regierungsform Zeno's, des Stifters der stoischen Sekte, läßt sich füglich auf diesen Hauptpunkt zusammen ziehen, daß wir nicht mehr in Städte und Völker geteilt wohnen, noch durch besondere Gerechtsame voneinander getrennt seien, sondern alle und jede Menschen für unsere Mitbürger und Landsleute ansehen sollen, so daß wie bei einer auf gemeinschaftlicher Trift weidenden Herde durchgängig einerlei Lebensart und Ordnung herrsche. Zeno konnte wohl, da er dieses schrieb, keine andere Absicht haben als einen Traum oder ein Bild eines nach philosophischen Gründen wohl eingerichteten Staates darzustellen; Alexander aber hat es wirklich zur Ausführung gebracht. Ohne sich an Aristoteles Rat zu kehren, daß er die Griechen als Heerführer, die Barbaren als Despot beherrschen und jene wie Freunde und Verwandten verehren, diese wie Tiere und Pflanzen behandeln sollte, wodurch er gewiß sein Reich mit Unruhen, Landesverweisungen und gefährlichen Empörungen würde angefüllt haben - betrachtete er sich als einen von den Göttern geschickten Versöhner und Friedensstifter, brauchte bei denen, die seinen Vorstellungen kein Gehör gaben, Gewalt, und suchte die Völker der ganzen Welt in einen einzigen Staat zu vereinigen, indem er gleichsam in dem Becher der Freundschaft Lebensarten, Sitten, Gebräuche und eheliche Verbindungen unter einander mischte. Er befahl allen, die Erde als ihr Vaterland, sein Lager als das Schloß und die Residenz, die Guten als Verwandte und die Bösen als Fremdlinge anzusehen; auch die Griechen und Barbaren nicht mehr durch Kleidungen und Waffen von einander abzusondern, sondern die Tugend und das Laster zu Unterscheidungszeichen derselben zu machen, und dagegen Kleidung, Kost, Ehe und Lebensart für gemeinschaftlich zu halten, weil alles dies durch das Blut und die Kinder vermischt wäre. (...)
Sehr gerne hätte ich bei jener vortrefflichen und heiligen Hochzeitfeier einen Zeugen abgeben mögen, da Alexander in einem einzigen mit Gold bedeckten Zelte an einem gemeinschaftlichen Herd und Tische hundert persische Bräute und ebenso viel griechische und makedonische Bräutigame versammelte und (...) dieselben paarweise miteinander verband, so daß er zwar der Bräutigam nur einer einzigen, aber zugleich auch der Brautführer, der Vater und Ehestifter aller übrigen war. Mit Freuden würde ich da ausgerufen haben. Sieh uunwissender, hirnloser Xerxes! der du so viel vergebliche Mühe auf die Brücke über den Helespont gewendet hast, auf solche Art pflegen vernünftige Könige Asien mit Europa zu verbinden.

Im letzten Absatz wird auf die Massenhochzeit von Susa im Jahr 324 v. Ztr. (Wiki) Bezug genommen. Man hat das Gefühl und es deutet sich schon in diesem Ausschnitt an, daß vieles in dieser Schrift vor allem um des Argumentierens willen geschrieben ist. Für Plutarch waren diese Ausführungen nur ein kleiner Teil einer Fülle von anderen Beispielen dafür, daß Alexander der Große durch Taten mehr für die Philosophie an sich in der Welt getan hätte als die Philosophen nur durch ihre Worte und als auch andere Staats- und Heerführer - wie Xerxes - durch ihre Taten.

Ob man in das Ruhmeslied des Plutarch selbst mit einstimmen möchte, mag ja jeder für sich entscheiden. Was Schiller an Plutarch begeistert hat, begeistert uns auch an diesen Zeilen, nämlich daß er in all seinen biographischen Darstellungen den Edelsinn des Dargestellten heraus arbeitet, hier erkennbar daran, daß Plutarch ausführt, daß Alexander die Menschen nicht mehr nach ihrer Volkszugehörigkeit unterscheiden will, sondern danach, ob sie edelgesinnte Menschen sind. Wir bringen dieses Originalzitat deshalb, weil wir im weiteren den Weg seines Inhaltes über den deutschen Historiker Droysen und über den "Rasseforscher" Schemann bis hin zu Mathilde Ludendorff weiter verfolgen wollen.

Droysen - um 1843

Der deutsche Historiker Johann Gustav Droysen hat seine "Geschichte des Hellenismus" erstmals 1843 heraus gebracht. In dieser schreibt er über das Griechenland zur Zeit des Todes von Alexander dem Großen (10, S. 17):

Wie weit von seinen Anfängen hinweg ist nun der hellenische "Staat", er ist sich selbst nicht mehr gleich. (...) Die Zeit, wo man nur Athener, Spartaner, Tarentiner, nur Bürger sein konnte, ist vorüber; es ist die Sphäre des Privatlebens möglich geworden und die verwandelte Stimmung findet in Epikurs Lehre ihren Ausdruck und Zusammenhalt. Ja noch in umfassenderer Weise sinkt die alte Beschränktheit. Im Anfang war die sprödeste Absonderung der kleinen und kleinsten Stadtgebiete; schon der Bürger der Nachbarstadt war ein Fremder, war ein Feind, soweit nicht besondere Verträge oder heilige Vereinigungen den Frieden schützten; dann erwachte die Vorstellung des gemeinsamen Griechentums: desto schärfer empfand man den Gegensatz gegen die Barbaren; noch Aristoteles sagt: sie sind geboren Sklaven zu sein; er riet Alexander, die Griechen als Feldherr, die Barbaren als Herr zu behandeln, für jene als für Freunde und Verwandte zu sorgen, mit diesen wie mit Pflanzen und Tieren zu verfahren. Auch dieser, der letzte naturbestimmte Gegensatz mußte sinken. Alexander begann das große Werk; "Allen befahl er", sagt ein alter Schriftsteller (Verweis auf Plutarch), "als ihre Vaterstadt die Welt, als deren Akropolis das Lager, als Verwandte die Wackeren, als Fremdlinge die Schlechten anzusehen." "Und die vielbewunderte Politik Zenons, des Begründers der stoischen Schule", sagt derselbe Autor, "läßt sich füglich in diese Hauptlehre zusammenziehen: daß wir nicht mehr nach Städten und Gauen getrennt, jeder durch eigene Gerechtsame gesondert wohnen, sondern alle Menschen für unsere Gaugenossen und Mitbürger halten sollen und Ein Leben und Eine Ordnung sei wie in einer vereint weidenden, auf allgemeinsamer Trift sich nährenden Herde."

Es ist natürlich klar, daß die Ausführungen von Plutarch bei "Rasseforschern" des 20. Jahrhunderts auf größten Widerwillen stoßen mußten. Diese schöpften allerdings nicht aus den Originalquellen, sondern gaben sich mit Sekundärliteratur zufrieden. 

K. L. Schemann - 1930

Im Jahr 1930 stützt sich der struppig behaarte Freiburger Professor und Gobineau-Übersetzer Karl Ludwig Schemann (s. Abb. 5) in seinem damals erschienenen Buch "Hauptepochen und Hauptvölker der Geschichte in ihrer Stellung zur Rasse" (2) auf die eben zitierten Ausführungen von Droysen, wenn er darin die Bedeutung der Lehre der Stoa für den Kosmpolitismus im hellenistischen Zeitalter herauszuarbeiten versucht. 

Abb. 5: Karl Ludwig Schemann
Sehr präzise allerdings hat er die Ausführungen von Droysen dabei nicht gelesen. Vielmehr formuliert er die klaren Ausführungen von Droysen zu Wirrwarr um und verdreht sie zu klaren Falschbehauptungen. Eine wilde Vergröberung ist es schon, wenn er die weltbürgerliche Haltung der Stoa als eine "Übergangserscheinung" in Richtung Christentum kennzeichnet (2; Bd. 2, 1930, S. 144). Eine solche, so schreibt er, ...

... waren die letzten Ausläufer der griechischen Philosophie, war insbesondere der Stoizismus.

Natürlich hatten wir gesehen, daß auch Leopold von Ranke Jesus Christus in dieses kosmopolitisch denkende Umfeld hinein setzt. Dennoch ist es völliger Blödsinn, die Stoa als "letzte Ausläufer der griechischen Philosophie" zu bezeichnen. Schemann schlägt dem Leser solche Behauptungen fast wie zum Hohn um die Ohren. Das ist strotzender Unverstand. Und man muß sich sagen: Offenbar war in den 1930er Jahren vieles an Dummheit gerechtfertigt. Und es wurde noch nicht einmal als solches erkannt, wenn es denn nur aus der - vermeintlich - "rechten" Gesinnung heraus verfaßt worden war. 

Wie kann Schemann denn überhaupt nach dieser Behauptung den Schüler des Sokrates, Antisthenes, erwähnen, wo zuvor noch von den "letzten Ausläufern der griechischen Philosophie" die Rede war? Alles strotzender, blühender, undifferenzierter Unsinn. Die letzten Ausläufer der griechischen Philosophie sind bekanntlich in der Spätantike zu suchen, etwa bei dem oben erwähnten Marc Aurel, der im übrigen als Kaiser von Rom in seinen Kriegen durch seine Taten zeigte, daß dessen "weltbürgerliche Haltung" für ihn die Erwartung mit einschloß, daß sich feindliche Völker, auch Barbaren, der "Pax Romana" zu unterwerfen hätten. Damit wies auch dessen weltbürgerliche Haltung einen viel zu klaren und eindeutigen ethnozentrischen Kern auf. Einen ethnozentrischen Kern, der übrigens ebenso den Taten Alexanders des Großen zugrunde lag, und der hierbei allzu leicht übergangen wird.

Auch Alexander der Große erachtete andere Menschen nur insoweit als "Weltbürger" als sie sich seiner politischen Macht nicht feindlich entgegen stellten und als sie - zum Beispiel - bereit waren, das Griechische als Amtssprache zu sprechen. Dann hat er sie gerne als Weltbürger angesehen. Das sollte man durchaus im Hinterkopf behalten. Der struppig behaarte Schemann schreibt dann ebenso fehlerhaft weiter (2; Bd. 2, 1930, S. 144):

Schon der Begründer der kynischen Schule, Antisthenes, schloß in seiner Lehre die Nationalität sowohl in politischer wie in religiöser Beziehung aus und wollte nur noch ethische Gesetze anerkennen. Sein Jünger Diogenes sprach auf die Frage nach seiner Abstammung mit unter den ersten das denkwürdige Wort aus, er sei ein Weltbürger. Aber erst die Stoiker haben diese Anschauung methodisch ausgebildet und in ihr System aufgenommen. Plutarch konnte die Lehre Zenons dahin zusammenziehen, "daß wir nicht mehr nach Städten und Gauen getrennt, jeder durch eigene Gerechtsame gesondert wohnen, sondern alle Menschen für unsere Gaugenossen und Mitbürger halten sollten und ein Leben und eine Ordnung sei wie in einer vereint weidenden, auf allgemeinsamer Trift sich nährenden Herde". Und dessen gelehriger Schüler auf dem Throne des Welteroberers ließ darauf an alle seine Völker das Gebot ergehen, "als ihre Vaterstadt die Welt, als deren Akropolis das Lager, als Verwandte die Wackeren, als Fremdlinge die Schlechten anzusehen".

Der hier genannte "gelehrige Schüler auf dem Throne des Welteroberers" soll Alexander der Große sein. Daß er es gewesen sei, könnte sich schon aus dem Zitat des Plutarch aufdrängen, wenn man sich nicht die Lebensdaten des genannten Zenon von Kition (333-261 v. Ztr.) klar machen würde. Aus diesen geht hervor, daß Alexander der Große kein Schüler von Zenon gewesen sein konnte. Eine weiteres, sehr schmähliches, äußerst ungenaues Lesen der oben angeführten Ausführungen von Droysen (und/oder Plutarch) durch Schemann, ein polternder Unsinn. Alexander der Große hat also das genannte Gebot unabhängig von Zenon ergehen lassen, nicht: "darauf". Höchstens könnte gesagt werden (und so war es von Plutarch gemeint), daß "Philosophen des Wortes" wie Zenon "träumten", was "Philosophen der Tat" wie Alexander umsetzten. Auch Plutarch scheint sich an dieser Stelle nicht klar gemacht zu haben, daß das Aufwachsen des Zenon innerhalb der hellenistischen Großreiche mit dazu beigetragen haben wird, daß er eine solche Lehre überhaupt formuliert haben wird. Diese Ungenauigkeiten des Herrn Schemann müssen empören, um so mehr, als diese dann von seiner Mitstreiterin Mathilde Ludendorff völlig ungebremst und ungeprüft übernommen werden.

Man kann nur den Kopf schütteln und sich sagen, daß Mathilde Ludendorff weit unter ihrem sonstigen Niveau bleibt, wenn sie sich in den angeführten Fragen ausgerechnet auf diese sehr rüpelhaft anmutenden Ausführungen von Karl Ludwig Schemann bezieht, und wenn sie aus diesen Ausführungen auch noch Schlußfolgerungen ableitet, die viel weitreichender sind als das, was Schemann selbst mit diesen hatte nahelegen wollen. 

Aber machen wir uns vielleicht auch eines klar: Seit dem Versailler Vertrag und der Ideologie, die propagandistisch hinter ihm stand, galt das "weltbürgerliche Denken" unter völkischen Denkern wie Schemann und Mathilde Ludendorff als durch und durch kontaminiert. Sie konnten offenbar das weltbürgerliche Denken der Antike nur noch durch die Brille ihrer eigenen Zeit sehen und konnten in Vertretern dieses Denkens dementsprechend nur minderwertige Geistesgrößen sehen. Man sieht hier doch schon sehr deutlich, wie Zeitgeist auf historische Urteilsfähigkeit abfärben kann.

/ Ergänzung 4.5.23: Man kann das Ganze vielleicht auch so einordnen: Die in den 1920er Jahren innerhalb und außerhalb der völkischen Bewegung im engeren Sinne schnell an Boden gewinnende "Rasseforschung" wurde als so "modern" empfunden und ging zugleich mit einer subjektiv empfundenen Sicherheit im historischen Urteil einher, die - wie wir deutlich genug aus dem Nachhinein sehen - im Angesicht des vagen damaligen Kenntnisstandes überhaupt keine Berechtigung hatte, die aber zugleich die Früchte von mehr als hundert Jahren außerordentlich hochachtender, geistiger Auseinandersetzung mit der antik-griechischen Kultur von Winckelmann bis mindestens Nietzsche in elegantem großzügigem Schwung außerordentlich leichtfertiger Nichtbeachtung anheim fallen ließ. Es ist wirklich mehr als unschön, das zu beobachten. Man möchte es geradezu - in den Worten der Zeit um 1933 - als "Kulturschande", "Kulturverlust" ersten Grades bezeichnen. /   

Insgesamt hätte doch zu den behandelten Fragen, so scheint uns, schon damals ein viel breiterer Ansatz gewählt werden können und darum müssen, als er sowohl von Schemann wie dann - noch verstärkt - von Mathilde Ludendorff gewählt worden ist zur Erklärung dafür, daß es heute keine antiken Griechen mehr gibt. Die griechischen Stadtstaaten haben sich in einem mörderischen Peloponnesischen Krieg gegenseitig zu Tode gerungen. Eine Stadt gegen die andere. Daß unter diesen Umständen sich Griechen Gedanken gemacht haben darüber, ob dieser ausgeprägte Stadt-Patriotismus hilfreich ist für das Überleben der freien griechischen Kultur, ist mehr als nur nachvollziehbar. Eher wundert man sich, daß dieses Nachdenken erst so spät eingesetzt hat. Man erkannte viel zu spät die Gefahr, die durch die Makedonen im Norden drohte, so sehr waren die Griechen mit sich selbst beschäftigt (übrigens auch noch hundert Jahre später als die Römer die Vorherrschaft in der Ägäis gewannen). Alexander der Große war dann der "große Jäger" (Hölderlin), der nicht nur der griechischen Freiheit den Garaus gemacht hat, sondern der die griechische Kultur insgesamt - langfristig gesehen - zu Tode gehetzt hat. 

Betont sei: Sowohl der Philosoph Sokrates wie der Philosoph Antisthenes sind für ihren Stadtstaat Athen als einfache Hopliten in den Krieg gezogen. In ihren Taten spiegelt sich also kein Weltbürgertum, ebenso wenig wie in den Taten der späteren, angeblich weltbürgerlichen Anhänger der Stoa. Antisthenes hat in der Schlacht von Tangara im Jahr 426 v. Ztr., die siegreich für die Athener ausging, mit Auszeichnung gekämpft. Als Kosmopolit, ja, sogar als weitblickender Hellene hätte er sich jeder Kampfhandlung zwischen zwei griechischen Stadtstaaten anstatt dessen vielmehr bewußt entziehen müssen, so gut er konnte, um des "Vaterländischen" willen, um der Einigkeit der Griechen untereinander willen. So möchte man aus dem Nachhinein sagen.

Mathilde Ludendorff - 1933

Schemann und Mathilde Ludendorff liefern aufgrund der Zeitbedingtheit ihres Denkens in diesen Fragen Wirrwarr zu der Frage, woran die antik-griechische Kultur zugrunde gegangen sei. Mathilde Ludendorff behandelt nämlich im letzten Teil ihres Buches "Die Volksseele und ihre Machtgestalter" in ganz enger Anlehnung an Karl Ludwig Schemann die antik-griechische Philosophen-Schule der Stoa ebenfalls als eine Art Vorläufer-Lehre des Christentums (4, S. 456):

... Die Stoa. (...) Antisthenes hatte den ersten Ruck aus der festen völkischen Verankerung veranlaßt durch seine verhängnisvolle Lehre, die er in der Kynischen Schule predigte. Er wollte weder politisch noch religiös eine Nationalität anerkennen; da die meisten Völker Nationalgottheiten verehrten, so bedeutete das nichts geringeres als die Verführung zur Zerstörung der Einheit von Blut und Glaube. (...) Nur moralische Gesetze, gleich gestaltet für alle Völker, sollten noch bestehen.

Das ist - wie gesagt - Wirrwarr. An diesen Ausführungen ist so gut wie alles "schief und krumm". Hatte denn vor Antisthenes eine "feste völkische Verankerung" bestanden bei den antiken Griechen so wie noch zu der Zeit der Perserkriege? Gerade diese "völkische Verankerung" fehlt doch dem Beurteiler des historischen Geschehens. Wäre sie gegeben gewesen, hätten sich die antiken Griechen doch nicht so fürchterlich gegenseitig zerfleischt wie sie es Jahrzehnte lang getan haben. 

Überhaupt möchte man meinen, daß eine so "abendländisch-nüchtern" aufgefaßte unterstellte "feste völkische Verankerung" einer Kultur wie jener der feurigen antiken Griechen gar nicht recht gerecht werden will. Wir sehen im übrigen eine solche auch nicht bei den germanischen Stämmen der Völkerwanderungszeit. Die Archäogenetik belehrt uns, daß in der Regel schon die erste Generation der Zuwanderer sich südlich des Limes mit der dort einheimischen Bevölkerung vermischt hat. Aus dieser Vermischung entstanden die Bayern, die Schwaben, die Lombarden, die Franken und so weiter, entstanden also "wir", wir Deutschen. Wie will man also auch dort von einer "festen völkischen Verankerung" sprechen? Sie war dort eben so wenig gegeben wie bei den antiken Griechen - mit oder ohne Stoa!  

Aristophanes - "Der Friede" (421 v. Ztr.)

In einer Komödie wie "Der Friede" von Aristophanes aus dem Jahr 421 v. Ztr. (Wiki) wird doch deutlich, wie die Griechen innerlich gerungen haben damit, die Kriegslüsternheit der Polei gegeneinander endlich zu überwinden. Deutlich genug geht aus ihr hervor, daß sie sich bewußt waren, daß diese von großem Schaden ist. Deutlich genug geht andererseits hervor, daß es nicht gelang, diese Kriegslüsternheit zu überwinden. In der Komödie wird Lamachos, der damalige kriegslustige Feldherr Athens erwähnt, der Feind des Friedens (Gutenb):

Auf, Gesamthellenen, laßt uns helfen jetzt, wenn irgend sonst; 
Abgetan sei jede Fehde, fern des Krieges blut'ger Tanz! 
Denn die Sonne leuchtet heute feindlich auch für Lamachos.
Was dazu von uns gescheh'n muß, sage du, werkmeist're du: 
Denn die Hände ruh'n zu lassen, ist mir heut unmöglich, traun, 
Bis der Himmel höchste Göttin und die rebenfreundlichste
Wir mit Hebeln und Maschinen an das Licht heraufgebracht.

Nämlich die Friedensgöttin. Und diese wird dann angefleht (Gutenb):

Nein, zeige dich ganz in voller Gestalt,
Wie's Edlen geziemt, uns Liebenden hier,
Die dreizehn Jahre bereits um dich
Das Verlangen verzehrt!
O löse den Kampf und der Schlachten Gedröhn,
Und du sollst Kampflöserin heißen!
Auch halte von uns die Verdächtigung fern,
Die mit glattem Geschwätz
Im Geheimen den Mann reizt wider den Mann;
Und vereine das Volk der Hellenen so fest
Mit der Freundschaft Kitt, wie's anfangs war,
Und versöhnlicher Sinn und mildes Verzeih'n
Durchströme das Herz, daß reich sich der Markt
Anfülle mit Gut, mit Knoblauch, groß,
Frühgurken, Granaten und Äpfeln, zugleich
Mit Mäntelchen, klein, für der Knechte Bedarf!
Von Böotien her laß Tauben für uns,
Zaunschlüpfer und Gäns' und Enten herein,
Auch Körbe mit Aal vom kopaischen See,
Um die wir gedrängt laut markten und schrei'n. (...)
Dies Hochgelobte, dies gewähr' auf unser Flehn!

Wir können jedenfalls nicht sehen wie eine im besten Fall individualistische Lebensphilosophie eines Antisthenes (die im übrigen so besonders gut gar nicht belegt ist), daß ausgerechnet und insbesondere diese eine "feste völkische Verankerung" bei den Hellenen gelöst haben sollte. Eine solche Deutung entspringt Wirrwarr und schafft Wirrwarr. Die inneren Lebensgesetze der antik-griechischen Kultur scheinen uns doch in ganz anderen Sphären angesiedelt und verankert zu sein, als daß man ihnen mit solchen Ausführungen wie sie Mathilde Ludendorff hier tätigt, auch nur ansatzweise gerecht werden könne. Uns scheint hier doch die Rolle eines Antisthenes viel zu sehr überbewertet zu sein im Angesicht großer, verheerender politischer Entwicklungen im antiken Griechenland während des Peloponnesischen Krieges. Mathilde Ludendorff schreibt dann weiter, ebenfalls in enger Anlehnung an Schemann (4, S. 456):

Sein Jünger Diogenes ging denn auch einen gewaltigen Schritt weiter. Er wollte nichts wissen von völkischer Absonderung und beantwortete die Frage nach seiner Abstammung mit der Antwort, daß er ein Weltbürger sei.

Nun gut, es war eben jener "Diogenes in der Tonne", der von seinen Mitmenschen oft belächelt wurde. Ausgerechnet er oder Seinesgleichen sollten fähig gewesen sein, eine feste völkische Verankerung innerhalb des Volkes der Griechen zu untergraben? Wo doch sogar die Rolle eines Aristoteles als Lehrer Alexanders des Großen kaum festgelegt werden kann dahingehend, ob seine Lehren irgendeinen Einfluß auf Alexander hatten. Wer hätte denn im antiken Griechenland auf Philosophen gehört, wenn es um tagesaktuelle Taten ging? Darüber beklagen sich doch die Philosophen immer wieder - in der Antike wie in der Neuzeit - daß die politisch Mächtigen eben nicht die Philosophen zu Rate ziehen. Sie konnten also - umgekehrt - auch kein Unheil stiften, wie hier voraus gesetzt wird.

Sokrates mußte den Schirlingsbecher trinken, weil man ihm unterstellte, die Jugend zu Gottlosigkeit zu verführen. Was unberechtigterweise geschah. Die Gottlosigkeit also fürchteten die antiken Griechen. Aber sie befürchteten doch nicht mangelnden Stadt-Patriotismus.

/ 18.4.2026 - Im übrigen könnte der leise Verdacht aufkommen, daß hier philosophischen Lehren ähnliche gesellschaftspolitische "Wirkungen" zugesprochen wird wie den großen "Ideologien" des 19. und 20. Jahrhunderts oder auch wie bewußt "installierten" Religionen wie dem Judentum und Christentum. - Könnte an solchen Beispielen nicht noch einmal schärfer heraus gearbeitet werden, was Ideologien und bewußt installierte Religionen von philosophischen Lehren (und natürlich gewachsenen Religionen) unterscheidet? In einem ersten Zugriff könnte man sagen: Bei "Ideologien" und bewußt installierten Religionen steht nicht das "reine" Erkenntnisinteresse selbst, sondern stehen bestimmte gesellschaftspolitische Absichten im Vordergrund. Bei philosophischen Lehren ist es umgekehrt. Schemannn und Mathilde Ludendorff behandeln jedoch philosophische Lehren als wären sie Ideologien oder bewußt installierte Religionen. /

Wüster, polternder Wirrwarr - Mathilde Ludendorff verwechselt den Philosophen Zenon mit Woodrow Wilson 

Uns bleibt deshalb nichts anderes übrig als uns zu freuen an der Antwort des Diogenes, die er Alexander dem Großen gegeben haben soll als dieser ihn fragte, was er für ihn tun könne: "Geh mir aus der Sonne." Das ist der rechte Männerstolz vor dem Königsthron eines Welteroberers. Und das auch noch aus einer Tonne heraus. Es ist uns bewußt, daß wir mit all diesen unseren Ausführungen den Wirrwarr von Schemann und Mathilde Ludendorff bezüglich dieser Fragen immer noch nicht genug aus den Angeln gehoben und gekennzeichnet haben. Dieser Beitrag ist diesbezüglich deshalb nur als ein erster Zugriff zu bewerten. Die Verhöhnung gesunden geschichtlichen Denkens, die uns hier Schemann und Mathilde Ludendorff zumuten, ist auch mit diesem Beitrag noch nicht ausreichend gekennzeichnet.

Mathilde Ludendorff schreibt weiter - wieder in enger Anlehnung an Schemann (4, S. 456):

Der Phönizier Zenon baute sie (die Stoa) zu einem System der Zerstörung der Stammeseigenart weiter aus und gründete eine Schule für diese verheerend wirkende Lehre.

Ja, das ist reiner Unfug. Die Stammeseigenart der Griechen - oder der Phönizier - wäre durch die Lehre der Stoa zerstört worden? Wir können absolut nicht folgen. Hier liegen völlige Fehlbewertungen vor. Kein Philosoph und keine philosophische Richtung hatten in der Antike eine solche Macht oder einen solchen politischen Einfluß, daß sie das auch nur ansatzweise gekonnt hätten. Und selbst wenn sie es gekonnt hätten, wäre die Wirkung nicht die hier unterstellte gewesen. Mathilde Ludendorff verwechselt hier Zenon mit Woodrow Wilson oder ähnlichen Gestalten. Und das ist ganz grober Unfug. Sie schreibt dann weiter in diesem Wirrwarr, wobei ihr dann doch eine Ahnung gekommen zu sein scheint, daß ein wenig mehr Differenzierung notwendig sein könnte (4, S. 456):

Unendel ist freilich auch die Stoa nicht zu nennen, aber unendlich dürftig, arm an gottlebendigem Gehalt. In der Stoa haben wir ein Erzeugnis menschenfreundlicher, edler Gesinnung, gepaart mit völlig verkümmertem Erleben der Volksseele und ebenso verkümmerten Gotterleben zu sehen.

Wie stechen diese Sätze doch so deutlich ab von der vornehmen Behandlung, die Leopold von Ranke der geschichtlichen Bedeutung der Stoa angedeihen läßt (siehe Ergänzung ganz unten). Was für Sätze! Wie ganz und gar unmöglich geschrieben und geurteilt.

Man muß doch nur zwei Seiten - etwa im dtv-Atlas Philosophie - über die Stoa lesen, um zu erkennen, daß diese unsäglich kruden Benennungen ausgerechnet der Stoa als Ursache für den Untergang der antiken griechischen Kultur der reinste absurde Spuk und Wirrwarr sind. Man ist entsetzt, auf solche Beurteilungen zu stoßen innerhalb des Schaffens einer Autorin, deren Urteilsfähigkeit man sonst über sehr weite Strecken ihres geistigen Schaffens keineswegs besonders grundlegend infrage stellen möchte.

Der dtv-Atlas macht sogar - im Gegenteil - vielmehr sehr schnell klar, daß die Philosophie der Stoa als Gesamterscheinung vielen Grundaussagen der Philosophie Mathilde Ludendorffs unglaublich nahe steht. Mathilde Ludendorff kann sich gar nicht mit der Stoa beschäftigt haben, wenn sie solche Aussagen trifft. Solche Worte zeugen aber vielmehr zusätzlich von einem völligen Unverständnis der antik-griechischen Kultur als einer Gesamterscheinung, zeugen von einem Unverständnis für die Rolle, die in dieser einzelne philosophische Strömungen spielten und nicht spielten. Es ist hier völlig unmöglich, auch nur ansatzweise zu folgen.

Die antik-griechischen Menschen waren bis zum Ende der antik-griechischen Kultur fest in derselben verwurzelt. Sie haben ihre Kultur gelebt, ganz egal, welcher philosophischen Richtung sie angehörten. Sie hatten ein lebendiges, sprudelndes Gotterleben. Sie waren kulturschöpferisch. Man schaue sich um in Pompeji. So viel Schönheit auf so engem Raum. Das hat es nie wieder in der Weltgeschichte gegeben. Und "Pompeji" war überall, war über den gesamten Mittelmeerraum verbreitet. Diese Menschen hatten auch ein lebendiges Erleben der Volksseele, nur daß diese Volksseele eben nun - nach der Untergang der Poliswelt - die kulturelle Einheit aller Hellenen und hellenisch Gesinnten war. Im Angesicht der Gefahr durch das Christentum bäumte sich diese Volksseele ein letztes mal auf - verkörpert in Kaiser Julian dem Abrünnigen (siehe Ergänzung ganz unten). 

Wie mag es sich Mathilde Ludendorff überhaupt vorgestellt haben, daß edle Gesinnung mit verkümmertem Gotterleben verbunden gewesen sein sollte? Wir können an dieser Stelle überhaupt nicht folgen. Diese Worte sind für uns ein Widerspruch in sich. Im weiteren lesen wir bei ihr, daß der "der junge Welteroberer Alexander" "Anhänger der Stoa" gewesen wäre. Ohne die Ausführungen von Schemann mit Hilfe des Brockhaus zu überprüfen, übernimmt sie hier seinen oben schon gekennzeichneten Irrtum! Zur Zeit Alexander's gab es keine Stoa. Im folgenden wäre also richtiger eher zu lesen "Soweit die Anhänger des Kosmopolitismus". In diesem Sinne nun die weiteren Ausführungen Mathilde Ludendorffs (4, S. 458):

Soweit die Anhänger der Stoa, wie z.B. der junge Welteroberer Alexander, nordischen Blutes waren, befriedigte sie die rein verneinende Einstellung der völkischen Eigenart gegenüber nicht, vor allem sagte die wahllose Allerweltsliebe ihnen nicht voll zu. So hören wir denn schon bei Alexander, daß er in der Menschenliebe einen Unterschied zwischen den Menschen machen möchte. Das sittlich Hochstehende sollte sittlich näherstehen als das Verworfene, und er ließ an alle seine Völker das Gebot ergehen:

"Als ihre Vaterstadt die Welt, als Akropolis das Lager, als Verwandte alle Wackeren, als Fremde alle Schlechten"

anzusehen.

Mit diesem Satz ist zum ersten mal ein Fünkchen von dem herrlichen, weltbewegenden Geist Alexanders des Großen erfaßt. Ein Fünkchen. Dieser Satz ist wie eine Insel im Wirrwarr der ihn umgebenden Ausführungen. Hier und nur hier sind wir bei Griechenland. Ganz bei Griechenland. Dies ist Griechenland in der Ausformung, in der es so weitreichende kulturgeschichtliche Wirkung entfaltete.

Deshalb auch sind diese Ausführungen rot hervorhoben. Das hier enthaltene Zitat Alexanders des Großen hat Schemann aus Droysen's "Geschichte des Hellenismus" entnommen (10, S. 17) und Droysen hat es den Ausführungen von Plutarch entnommen (11). 

Wir brechen an dieser Stelle zunächst einmal ab. 

Die Ausführungen dieses Blogbeitrages möchten als ein "Arbeitspapier" verstanden sein, das darum bemüht ist, "Zeitbedingtes" von weiterhin gültigen Erkenntnissen innerhalb des genannten Buches zu scheiden. Als "Work in Progress". Das kann sicherlich noch besser gemacht werden als das bisher in diesen Ausführungen geschehen ist und wir werden den vorliegenden Text nach und nach überarbeiten, ergänzen und verbessern.

Der Hellenismus als das vornehmste Bollwerk gegen das Christentum

Ergänzung 4.5.23: Zu einer differenzierten Beurteilung der geschichtlichen Rolle der Stoa mag man auch Ausführungen von Leopold von Ranke heranziehen, die in dem Kapitel "Der Hellenismus und der Ideenkreis Julians" seines 1. Bandes "Weltgeschichte" enthalten sind. Er behandelt hier den "Hellenismus" des Zeitalters des Kaisers Julian als letztes "Bollwerk" gegen das Christentum. Es handelt sich erneut um hinreißende Ausführungen. Ranke schreibt:

Bei den lateinischen Autoren, die aus dieser Zeit stammen, namentlich den Lobrednern der Kaiser, walten die Ideen des republikanischen und imperialistischen Rom vor. Und noch umfassender war der Widerstand des mit der allgemeinen Kultur verschmolzenen Hellenismus. Überall wurden die Klassiker gelesen, es gab eine Anzahl von Institutionen, in denen sich der alte gräko-romanische Geist repräsentierte.

Also: Noch zu dieser Zeit war die antik-griechische Kultur lebendig, sprudelte geradezu vor Leben. Und zwar immer noch fast in ihrer schönsten Form, denn sie hatte hundert Jahre zuvor noch den Philosophen Plotin (205-270) (Wiki) hervor gebracht, den Ranke dann ausführlich und hinreißend behandelt. Aber zunächst einmal weiter im Text:

Das vornehmste Bollwerk des Hellenismus bildeten die Rhetorenschulen, welche sich über das ganze Reich ausbreiteten. (...) Aus diesen Schulen nun war damals ein neues philosophisches System hervorgegangen, das dem Christentum entgegentrat und gar bald auch zu einer politischen Macht erwuchs. Anknüpfend an die alte Philosophie, suchte es den veränderten Bedürfnissen und Gesinnungen der Zeit gerecht zu werden. Wir dürfen nicht versäumen, ihm ein Wort der Erörterung zu widmen. 
Auf der von Platon und Aristoteles gelegten Grundlage waren in Griechenland in einem Moment bürgerlicher Unruhen andere Schulen entstanden, welche systematisch entwickelt nach Rom vordrangen und hier jahrhundertelang die Geister anregten und beschäftigten; die Stoa behielt die Oberhand. Die Lehrmeinungen der Stoiker aber waren nicht rein theoretischer Art (...). Die öffentlichen Angelegenheiten konnten ihrer nicht entbehren, ebensowenig wie die Stoiker des Verhältnisses zu demselben. Zuerst die Opposition gegen das Kaisertum, dann aber auch das Kaisertum selbst beruhten auf philosophischen Überzeugungen, die sich auf eine oder die andere Weise mit dem Götterglauben ausglichen; sie haben die innere Tatkraft genährt und gehoben. Damit war es aber nun im Laufe des dritten Jahrhunderts zu Ende gegangen. (....) Das gesamte öffentliche Leben wurde tumultarisch, verwirrt, unsicher. Für eine auf philosophischen Überzeugungen beruhende Teilnahme an demselben gab es keinen Platz mehr. Eine Schule entstand, deren Prinzip es war, davon völlig zu abstrahieren.

Hiermit ist also gesagt, daß die philosophischen Überzeugungen, die man aus der Stoa abgeleitet hat, die "innere Tatkraft genährt und gehoben" hat und somit zur Aufrechterhaltung und Verteidigung der freien, heidnisch-antiken Geistes- und Lebenswelt, nach außen verteidigt durch das Römische Weltreich, beigetragen hat. Auch Ranke also beurteilt die Stoa nicht als eine Geistesrichtung, die zur Untergrabung und zum Untergang der antiken Kulturen beigetragen hätte - im Gegenteil. Und im Anschluß an diese "einleitenden" Ausführungen behandelt Ranke dann in diesem Kapitel als zentrale Gestalten den Philosophen Plotinus (205-270 n. Ztr.) und den Kaiser Julian den Abrünnigen (331-363 n. Ztr.), der von den philosophischen Gedanken Plotins erfüllt gewesen ist:

Aus dem Leben des Plotinus (...) nimmt man mit Erstaunen ab, wie mannigfaltig über alle Bezirke des östlichen Reiches hin der Verkehr war, in welchem die Gelehrten, besonders die Philosophen, miteinander standen.

Also immer noch: höchste kulturelle und geistige Lebendigkeit in der antiken griechischsprachigen Welt. Und zwei Seiten weiter schreibt Ranke:

So geschah es, daß die ganze Macht der alten Bildung sich dem Christentum entgegensetzte und eine starke Partei gründete. (...) Seinen Homer hatte Julian später unaufhörlich auf der Zunge.

Möchte man nicht Julian sein, der Abtrünnige, wenn man ihn als so machtvoll dargestellt findet bei einem Leopold von Ranke? Wenn man denn schon in diesem Zeitalter hätte leben sollen!?  Auch uns scheint es noch heute so, als ob Widerstand gegen die völkerzerstörenden Tendenzen des assyrischen Geistes nur möglich ist, wenn man "seinen Homer unaufhörlich auf der Zunge" hätte .... Was sonst? So wie Goethe, Schiller und Hölderlin und all die anderen Kulturheroen der Deutschen und des Abendlandes, zu denen wir aufblicken als die Retter des Vaterlandes in kultureller Hinsicht. 

Ergänzung 13.5.23: Die Geschichte der Hellenistischen Skulptur (Wiki) zeigt ebenso wie lebendig, kraftvoll und künstlerisch fruchtbar die griechische Kultur noch im 2. Jahrhundert v. Ztr. gewesen ist. Eine große Fülle bedeutendster Kunstwerke sind uns aus dieser Zeit überliefert, aus der wir für diesen Beitrag einige wenige ausgewählt haben. (Abb. 1 bis 4). 

Ergänzung 28.10.25: Wir lesen etwa auch über das kulturelle Leben in der griechisch-römischen Welt (Wiki/fr):

Die Gebiete des römischen Ostens mit griechischer Kultur bewahrten ein sehr dynamisches intellektuelles Leben, das durch die römische Herrschaft unberührt blieb, da die Römer im Allgemeinen den herausragenden Charakter der griechischsprachigen Kultur anerkannten. Im Allgemeinen weist die Kultur dieser Periode viele Elemente der Kontinuität mit der vorhergehenden Phase auf. (...) Die griechischsprachige Literaturproduktion der Römerzeit ist durch ihre große Vielfalt und Produktivität gekennzeichnet. Die Autoren schufen oft anspruchsvolle Werke mit vielen Bänden. (...) Auf dem Gebiet der Philosophie ist diese Periode insbesondere durch die Werke von Epiktet geprägt, der ursprünglich aus Hierapolis in Phrygien stammte und hauptsächlich in Nikopolis in Epirus lehrte. Er war eine bedeutende Figur des Stoizismus und beeinflußte den Kaiser-Philosophen Marcus Aurelius. Diese Strömung erfreut sich, wie ihr Rivale, der Epikureismus, unter den Gelehrten der griechisch-römischen Welt großer Beliebtheit. Der Polygraph Plutarch (46–120), gebürtig aus Chaironeia in Böotien, der in Athen Mathematik und Philosophie studierte und in Delphi als Priester diente, schuf ein beeindruckendes und vielfältiges Werk, von dem die Parallelbiographien, eine wichtige Quelle über das Leben der großen Persönlichkeiten der griechischen und römischen Geschichte, sowie verschiedene Werke zu literarischen, moralischen, praktischen und persönlichen Themen die berühmtesten sind. (...) Zumindest in bestimmten kulturellen Aspekten haben wir es mit einem „griechisch-römischen Reich“ zu tun, einer Formel, die von P. Veyne vorgeschlagen wurde, für den „Rom ein Volk ist, dessen Kultur die eines anderen Volkes war, nämlich Hellas “.

/ Ergänzungen 
entsprechend 
der Lit.angaben 
10 und 11: 
19.7.23 /

_________________

*) Schemann hatte schon seit 1919 in Verbindung mit Erich Ludendorff gestanden (StgrNat2019).
**) Hat denn Sokrates in der Antike nur um der Seelenruhe willen, mit der er den Schierlingsbecher trank, so viel Bewunderung genossen? Nein, unter anderem auch deshalb, weil der schöne Alkibiades eine ganze Nacht lang das Bett mit ihm geteilt hat, ohne daß Sokrates sich von ihm hat verführen lassen. Man kann doch diese Seite der antik-griechischen Kultur nicht einfach in Bausch und Bogen übergehen oder einfach nur als "Verfallserscheinungen" deuten. - Und auch hier wieder war Hölderlin fähig, eine angemessene Deutung des Geschehens zu geben (Wiki). Eine Deutung, die der Gesamtheit der antik-griechischen Kultur in vollem Maße gerecht wird.
***) "Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Saeculum, wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Menschen!" (Schiller, Die Räuber, 1781, 1. Akt, 2. Szene) (Zeno)

_______

  1. Ranke, Leopold: Die römischen Päpste. Bd. 1. Berlin 1834 (Textarchiv)
  2. Schemann, Ludwig: Hauptepochen und Hauptvölker der Geschichte in ihrer Stellung zur Rasse. Zweiter Teil von: Die Rasse in den Geisteswissenchaften. Studien zur Geschichte des Rassegedankens. J. F. Lehmann's Verlag, München 1930 (GB
  3. Ludendorff, Mathilde: Erlösung von Jesu Christo. Ludendorffs Verlag, München 1931 (GB)
  4. Ludendorff, Mathilde: Die Volksseele und ihre Machtgestalter. Eine Philosophie der Geschichte. Erstauflage 1933 (GB); Verlag Hohe Warte, Pähl 1955 (Archive
  5. Ludendorff, Mathilde: Das Gottlied der Völker. Eine Philosophie der Kultur. Ludendorffs Verlag, München 1935; Verlag Hohe Warte, Pähl 2007 (Archive
  6. Dahn, Felix: Die Bataver. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 69 n. Chr.). 1876 (GB); 1890
  7. Yonatan Adler: The Origins of Judaism. An Archaeological-Historical Reappraisal (The Anchor Yale Bible Reference Library) Yale University Press, 15. November 2022 (AmzGB)
  8. Holm, Adolf: Griechische Geschichte von ihrem Ursprunge bis zum Untergange der Selbstständigkeit des griechischen Volkes. Berlin Bd. 1, 1886; Bd. 2, 1889; Bd. 3, 1891; Bd. 4, 1894
  9. Holm, Adolf: Die Griechen. In: Adolf Holm, Wilhelm Deecke, Wilhelm Soltau: Kulturgeschichte des klassischen Altertums. Friesenhahn, Leipzig 1897, S. 1-160 (GB)
  10. Droysen, Johann Gustav: Geschichte des Hellenismus. Geschichte der Epigonen. 1. Halbband. Friedrich Andreas Perthes, Gotha 1877 (2. Auflage) (GB)
  11. Plutarchs moralische Abhandlungen. Übers. von Johann Friedrich Salomon Kaltwasser. 9 Bände. Johann Christian Hermann, Frankfurt am Main 1783-1800, Band 3, 1786 (GB)
  12. Ranke, Leopold von: Weltgeschichte. Die Geschichte der abendländischen Welt von den ältesten historischen Völkergruppen bis zu den Zeiten des Übergangs zur modernen Welt. Band 1: Von den ältesten historischen Völkergruppen bis zur Emanzipation der germanischen Völker. Emil Vollmer Verlag - Phaidon Verlag, Esssen o.J.

Völkergeschichte - Aus der Sicht von Mathilde Ludendorff (I)

Erörterungswürdiges und völlig Überlebtes in ihrem Buch "Die Volksseele und ihre Machtgestalter" (1933)

Das Buch "Die Volksseele und ihre Machtgestalter - Eine Philosophie der Geschichte" von Mathilde Ludendorff (1877-1966) aus dem Jahr 1933 enthält grundlegende Aussagen und Deutungen

  1. zur Geschichtsphilosophie (zum "Sinn" der Geschichte), 
  2. zur Gruppenpsychologie und zum Ethnozentrismus (Was ist "Volksseele"? Wie macht sie sich geltend?).
  3. Außerdem werden die grundlegenderen Deutungen zu 1. und 2. erläutert durch nur wenige ausgewählte Beispiele aus der Völkergeschichte seit der Bronzezeit.

Innerhalb dieses Buches muß den unter 1. und 2. genannten grundlegenderen Gedanken ein ganz anderer Stellenwert zugesprochen werden als einigen oft außerordentlich unglücklich, ja, sogar maßlos schlecht ausgewählten Beispielen aus der Völkergeschichte, die zur Erläuterung dieser grundlegenden Gedanken herangezogen werden. Dies betrifft insbesondere Erläuterungen von Grundgedanken anhand der antik-griechischen Kultur.

Abb. 1: Leopold von Ranke - "Geschichten der romanischen und germanischen Völker von 1494 bis 1515" - Das geniale Erstlingswerk von 1824

Mathilde Ludendorff war keine Physikerin, hat sich aber dennoch 1923 grundlegende Intuitionen zur Entstehung des Universums zugetraut, die im Nachgang von der empirischen Forschung zu großen Teilen bestätigt, zu geringeren Teilen widerlegt worden sind. Etwa die Intuition, daß das Universum einen Anfang in der Zeit hatte (was erst 1927 erstmals von Physikern wie Lemaitre erörtert wurde). Etwa die Intuition, daß sich Komplexität in unserem Universum über Phasenübergänge entfaltet (was erst seit den frühen 1970er Jahren von der Physik besser verstanden worden ist). Auch die Benennung, an welchen Stellen der Entwicklung Phasenübergänge zu beschreiben sind. Und so noch vieles andere mehr. 

Parallel dazu, daß Mathilde Ludendorff keine Physikerin war, kann auch gesagt werden, daß Mathilde Ludendorff keine Historikerin war. Entsprechend müssen grundlegendere philosophische und psychologische Intuitionen getrennt werden von der oft allzu zeitverhafteten Erläuterung dieser Intuitionen mit Hilfe von Beispielen aus der Völkergeschichte.

Soweit uns bekannt, ist ihr Buch zur Philosophie der Geschichte noch selten umfassender mit den Ergebnissen der empirischen Forschung seither konfrontiert worden. Solange die Erkenntnisse der Archäogenetik über die Völkergeschichte noch nicht gewonnen worden waren - wie dies seit 2015 geschieht - hat es wohl auch noch keine gute Grundlage für eine solche kritische Betrachtung und Konfrontation mit der Empirie gegeben. Die meisten in ihrem Buch aufgeworfenen Deutungen konnten - zumindest in letzter Instanz - bislang nicht empirisch überprüft werden. Durch die Archäogenetik ist das nun ganz anders geworden.

Nach der Philosophie von Mathilde Ludendorff ist der höchste Wert in diesem Weltall die kulturelle Vielfalt der Völker auf dieser Erde, das "Gottlied der Völker" - wie ihr diesbezügliches siebtes philosophisches Werk benannt ist, das den Abschluß ihrer sieben grundlegenden philosophischen Werke bildet.

Die potentielle Unsterblichkeit der Völker

Der vielleicht wesentlichste Grundgedanke ihres vorhergehenden Buches "Die Volksseele und ihre Machtgestalter" ist der Gedanke von der "potentiellen Unsterblichkeit der Völker". Dieser Gedanke wird dem Grundgedanken des Werkes "Der Untergang des Abendlandes" von Oswald Spengler aus dem Jahr 1919 entgegen gestellt, das einen gesetzmäßigen Alterstod von Völkern postuliert hatte. Das heißt, nach Mathilde Ludendorff sind Völker potentiell unsterblich - so wie die ursprünglichsten Lebewesen auf der Erde, die Einzeller. Potentiell unsterblich heißt allerdings - wie bei den Einzellern - nicht, daß nicht dennoch die große Mehrheit aller Völker im Verlauf der Geschichte irgendwann einen "Unfalltod" oder "Krankheitstod" sterben kann - oder sich gar in fast freudigem, heldischen Überschwang in die Arme des Völkertodes werfen kann (wie vergleichsweise viele indogermanische Völker, darunter auch die antiken Griechen). Es heißt das aber, daß die Geschichte von Völkern von sehr unterschiedlicher Dauer sein kann.

Abb. 2: Leopold von Ranke - Spanische Geschichte (1827)

So sehen wir für die Geschichte der germanischen Völkergruppe in Nordeuropa eine sprachliche, kulturelle und genetische Kontinuität seit fünftausend Jahren (seit der Zuwanderung der Schnurkeramiker und Glockenbecherleute nach Nordeuropa). Das ist - im Angesicht der vorausgehenden Untergänge von Völkern auch in Nordeuropa, sowie dann vielen parallelen im südlicheren Europa schon eine sehr lange Lebensdauer.

Für die chinesische Kultur deutet sich eine vermutlich noch größere sprachliche, kulturelle und genetische Kontinuität an, die bis in die Eiszeit zurück reichen könnte. Ebenso wie für die Klicksprachen-Völker, die Buschleute im heutigen südlichen Afrika. Und so vermutlich noch vereinzelt für manche andere Völker und Völkergruppen, bzw. für Reste von ihnen (etwa die finno-ugrische, die von dem Völkerkundler Lennart Meri erforscht worden ist).

Durch diese Beispiele scheint uns Oswald Spengler widerlegt. Und es scheint, als ob der Gedanke der potentiellen Unsterblichkeit der Völker, den Mathilde Ludendorff ausgesprochen hat, als empirisch bestätigt gelten kann. Auf jeden Fall ist er einer der Gedanken, um derentwillen dieses Buch heute noch als eröterungswürdig gelten kann.

Gibt es Todesgefahren für Völker? - Wenn ja, welche sind es?

Wenn Völker aber potentiell unsterblich sind und wenn menschliches Handeln verantwortlich dafür ist, ob Völker überleben oder nicht, dann stellt sich als nächstes die Frage: Woran sterben eigentlich Völker und Kulturen? Dieser Frage geht die Forschung spätestens seit Joseph A. Tainter's wertvoller Untersuchung "The Collapse of Complex Societies" nach. Dieses Werk vertrat die These, daß es einer "Mindestproduktion innovativen Wandels" bedürfe, wenn komplexe Gesellschaften im Verlauf ihrer Geschichte nicht scheitern und zugrunde gehen sollen.

Auch Mathilde Ludendorff stellt sich in ihrem Buch die Frage, welche Gefahren es für das Gottlied der Völker gibt und für das Überleben einer einzelnen Stimme, eines einzelnen Volkes innerhalb dieses Gottliedes. Als Todesgefahren nennt sie in ihrem Buch (1):

  1. Die Unvollkommenheit der Menschenseele
  2. Die Rassemischung (also Vermischung von Herkunftsgruppen)
  3. Fremdglaube (bzw. allgemeiner: Fremdkultur)

An dieser Stelle sollen diese drei Punkte nur als Umrisse genannt werden. Aber schon an dieser Stelle müssen wir aus heutiger Sicht gleich viele Einwendungen machen. Zunächst einmal sehen wir, daß so gut wie alle Völker weltweit - mit nur ganz wenigen Ausnahmen - das Ergebnis von "Rassemischung" sind, das Ergebnis von Vermischung von Herkunftsgruppen. Das sah auch Mathilde Ludendorff - dem Prinzip nach - schon so. Allerdings war zu ihrer Zeit das genaue Bild dazu im Grunde bestenfalls schemenhaft erahnbar, wenn nicht sogar gänzlich unbekannt.

So ging sie etwa - mit samt der "Rasseforschung" ihrer Zeit - von einer "Reinrassigkeit" der blonden und blauäugigen Germanen in Skandinavien aus, während wir heute sehen, daß die Skandinavier seit fünftausend Jahren nur den größten indogermanischen Steppengenetik-Anteil unter allen Völkern weltweit aufweisen - nämlich von etwa 50 %. Und wir wissen zugleich, daß auch dieser Steppengenetik-Anteil selbst wieder eine 50/50-Mischung von zwei sehr unterschiedlichen Herkunftsgruppen war, die aus dem östlichen Nordeuropa und vom Südufer des Kaspischen Meeres kommend an der Mittleren Wolga zusammen stießen.

Abb. 3: Leopold von Ranke - "Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation" (1839-1847)

/ Ergänzung 2.2.2025: Nur ein Jahr nach Erscheinen dieses Artikels ist das Bild der Ethnogenese der Jamnaja-Kultur ab 3.300 v. Ztr. am Mittleren Dnjepr, der Späten Urindogermanen, die die Vorfahren aller außer-anatolischen indogermanischen Völker darstellen noch deutlich komplexer geworden (s. Stg2024 ff). Grob gesagt, erfolgte Vermischung der Frühen Urindogermanen von der Mittleren Wolga ab 4.000 v. Ztr. mit iranisch-anatolisch-neolithischen Völkern in der Manych-Senke der Kalmücken-Steppe und schließlich deren tlw. "Rückvermischung" mit osteuropäisch-westeuropäischen Jägern und Sammlern weiter im Norden am Mittleren Dnjepr, wodurch sich deren osteuropäische Jäger-Sammler-Komponente wieder erhöhte. /

Mit solchen Vermischungen von Herkunftsgruppen kam es - davon kann und muß ausgegangen werden - fast immer auch zur Entstehung neuer Muttersprachen, sprich neuer Völker. Die Vermischung von Herkunftsgruppen hat also zunächst einmal die kulturelle Vielfalt der Menschenvölker weltweit - so wie sie heute besteht - nicht gefährdet, sondern hervor gebracht. Das ist eine außerordentlich wesentliche Erkenntnis.*) Diese Erkenntnis macht aber nur Sinn, wenn man sich zugleich bewußt macht, daß solche kurze Phasen von Vermischung einher gehen mit langen Phasen, in denen es zu keiner oder nur sehr geringer Vermischung kommt. Diese letztere Erscheinung findet oft viel weniger Beachtung. Aber sie kann schon an einem Paradebeispiel der Völkergeschichte aufgezeigt werden, nämlich den aschkenasischen Juden: Sie haben ungefähr tausend Jahre die Vermischung mit anderen Völkern sehr bewußt vermieden. Dennoch hat es während ihrer Ethnogenese Vermischungen mit nichtjüdischen Bevölkerungsanteilen (offenbar in Mittelitalien) gegeben wie wir heute wissen.  

"Günstige" oder "ungünstige" Vermischungen, Beeinflussungen - Die Beispiele der Hunnen und der Assyrer 

Nachdem dies festgestellt ist, macht es möglicherweise Sinn, in einem zweiten Schritt zu sagen, daß wir in der Völkergeschichte genetische und/oder kulturelle Vermischungen und gegenseitige Beeinflussungen von Herkunftsgruppen sehen, die sich günstiger auf die kulturelle (und zivilisatorische) Weiterentwicklung in der Menschheitsgeschichte und die Erhaltung der Völker ausgewirkt haben und solche, die sich weniger günstig auf diese Weiterentwicklung ausgewirkt haben. Auch das hat Mathilde Ludendorff - im Prinzip - schon so gesehen und formuliert. Allerdings war es zu ihrer Zeit auch hierzu völlig unmöglich, genauere Kenntnis zu erlangen.

So wissen wir heute, daß die indogermanischen Völker in Asien in der Bronzezeit über viele Jahrhunderte, oft Jahrtausende vergleichsweise unvermischt neben den dortigen westsibirischen und mongolischen Stämmen und neben dem chinesischen Volk gelebt haben und dabei auch zivilisatorische und kulturelle Neuerungen und Weiterentwicklungen in diese Region mit hinein gebracht haben, bzw. innerhalb derselben weiter gegeben haben von Ost nach West oder von Westen nach Osten.

Schließlich kam es aber - insbesondere in der Eisenzeit und in der Antike - zu einer auch genetischen Vermischung von indogermanischen Skythen und Sarmaten mit westsibirischen Völkern, mit iranisch-neolithischen Bauern, mit Mongolen und Chinesen, aus denen dann die Hunnen, Awaren, Bulgaren, Turkvölker und Landnahme-Ungarn als kriegerische Reitervölker hervor gegangen sind. Soweit übersehbar, haben sich diese vermischten Reitervölker - insgesamt gesehen - oft mehr zerstörend als aufbauend in der Völkergeschichte geltend gemacht.

Aber: In Abwehr dieser Reitervölker kam es wiederum auch zu Weiterentwicklungen. Das Volk der Deutschen formierte sich in Abwehr der Landnahme-Ungarn. Das byzantinische Weltreich bewahrte das Erbe der Antike bis zum Ende des Mittelalters in Abwehr dieser Reitervölker.

Jedes dieser einstigen Reitervölker und jener großen Völker, die nachmals aus ihnen hervor gegangen sind, stellt im übrigen einen kulturellen Wert an sich dar, ist eine Stimme im reichen Gottlied der Völker, ganz unabhängig von seinem Beitrag zur Weiterentwicklung in der Menschheitsgeschichte.

Ebenso kann vielleicht gesagt werden, daß sich die kulturelle Beeinflussung der orientalischen Völker an Euphrat und Tigris durch indogermanische Geisteshaltung und Kulturelemente wie sie durch die dortige Fremdherrschaft der von indogermanischer Kultur und Lebensweise beeinflußten Hurriter, Mitanni, Hethiter und ähnlicher Völker hinein getragen worden war während der Bronze- und Eisenzeit, insgesamt gesehen mehr zerstörend denn aufbauend ausgewirkt hat. Vermutlich angeregt durch die Fremdherrschaft dieser vom Kaukasus her eindringenden Völker sind nämlich - unter anderem - die furchtbaren, völkerzerstörenden Reiche von Urartu und der Assyrer entstanden. Und als ein Spätprodukt ist der völkerzerstörende Geistes des Assyrer-Reiches dann in die Schriften des Alten Testaments eingeflossen, die die Grundlage bildeten für jene religiöse Priesterdiktatur, die die Hasmonäer, bzw. Makkabäer den hellenisierten Juden Judäas um 150 v. Ztr. aufgezwungen haben (Zwang zur Beschneidung unter Todesstrafe) (7).

Nach den neuesten Forschungen des israelischen Archäologen Yonathan Adler (7) gibt es keine älteren Belege für die Praktizierung jenes Monotheismus, der in der Zeit ab 150 v. Ztr. und erst mit Hilfe der Schriften des Alten Testamentes in vergleichsweise kurzer Zeit und in zugleich furchtbarer Weise im Volk der Judäer durchgesetzt wurde, und der dabei "ein Volk mit einer Mission" schuf wie das Volk der Juden als einigermaßen einzigartig bis heute in der Weltgeschichte da steht. Niemals zuvor und niemals nachher ist einem Volk in einer solchen Weise eine sehr bewußt durchstrukturierte "Mission" aufgezwungen worden, wie sie seither dann auch über zweitausend Jahre hinweg gelebt worden ist. 

Dieser Umstand ist in dem Buch "Die Volksseele und ihre Machtgestalter" zum Teil schon sehr treffend charakterisiert worden und die diesbezüglichen Ausführungen passen noch sehr gut zum heutigen Forschungsstand (4, S. 460-462). Das kann an anderer Stelle noch einmal ausführlicher erörtert werden. Überhaupt scheint diese Auseinandersetzung Mathilde Ludendorffs mit den gruppenevolutionären Strategien des Judentums viel zu ihrer Gruppenpsychologie insgesamt beigetragen zu haben. Für die Juden ist Fremdglaube ja tatsächlich Todesgefahr. Für die Juden ist genetische Vermischung mit anderen Völkern ja tatsächlich Todesgefahr (wenngleich sie sie dennoch praktiziert haben - aber immer nur kurzzeitig, dosiert und begrenzt - so wie man das ja auch sonst in der Völkergeschichte sieht).

Abb. 4: Leopold von Ranke - "Zwölf Bücher preußischer Geschichte" (1847-1848, 1878/1879)

Die Indogermanen waren - im Vergleich dazu - zwar ebenfalls Völker mit einer weltgeschichtlichen Mission. Sie waren sich dieser aber - vermutlich - niemals so bewußt wie die Juden. Und sie haben sich diese Mission auch - bis Ende des 19. Jahrhhunderts - niemals wirklich bewußt gemacht. Dieses Bewußtmachen einer weltgeschichtlichen Mission der Indogermanen, sprich der sogenannten "nordischen Rasse" wurde dann der völkischen Bewegung seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem Anliegen.

Der assyrische, völkerzerstörende Geist des Alten Testaments hat dann - in Form von Christentum und Islam - weitere umfangreiche weltgeschichtliche Wirkungen entfaltet bis heute. Er wurde in der Neuzeit noch einmal methodisch verfeinert durch verdeckt arbeitende Okkultlogen wie der Freimaurerei, dem Jesuitenorden und davon abgeleiteten, weltweit agierenden, geheimen, elitären, satanistischen und pädokriminellen Okkultlogen (die wir auf unserem Parallelblog ausführlich behandelt haben).

Christentum und Islam haben den Untergang Roms nicht aufgehalten - vermutlich viel eher beschleunigt. Sie werden aber auch nicht als der Hauptfaktor für den Untergang der germanischen Völker der Völkerwanderung genannt werden können. Die Neuentstehung von Völkern danach haben sie ebenfalls eher gefördert als verhindert. Das deutsche Volk beispielsweise ist von Anfang an als ein christliches Volk entstanden - auch gemeinsam mit dem damaligen Reichskirchensystem. Und so auch die meisten anderen Völker Europas. Das Christentum gehört - über die Muttersprache - zur "kulturellen DNA" der Deutschen dazu, in welchem Umfang und ob mehr zum Schaden oder mehr zum Nutzen der Deutschen, wird an dieser Stelle gar nicht entschieden werden müssen. (Das wird vermutlich auch erst in der Zukunft abschließender zu beurteilen sein.**)).

Aber die Tatsache, daß diese christliche, kulturelle "DNA" vorhanden ist, wird schon daran erkennbar, daß sich auch die Deutschen als Zerstörer vieler heidnischer Völker östlich der Elbe bis hin zu den Pruzzen in Preußen betätigt haben. Sie waren dabei ebenfalls angetrieben von der letztlich assyrischen Emphase zur Bestrafung und Zerstörung von Völkern in Ausführung eines angeblichen "Willen Gottes". Sie waren dabei ähnlich kulturzerstörend tätig wie die Spanier in Mittel- und Südamerika. Dessen darf man sich gerne bewußt sein. Auch als Deutscher.

Wir sehen heute also klarer als das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts möglich war, daß kulturelle und genetische Vermischung in der Weltgeschichte fast immer beides mit sich gebracht haben, nämlich sowohl Möglichkeiten (für genetische und kulturelle Evolution) wie Gefahren (hinsichtlich des Abbruchs genetischer und kultureller Evolution). Das sah - dem Prinzip nach - auch schon Mathilde Ludendorff so. Auch sie sprach von günstigen und ungünstigen kulturellen und genetischen Vermischungen und Beeinflussungen. Sie sprach sogar vom "Sinn der tausendjährigen Unheilszeit", nämlich der Herrschaft des Christentums, der darin gelegen hätte, daß die Entwicklung von Wissenschaft, Kunst und Philosophie durch diese als fremd und unangemessen empfundene christliche Gottvorstellung beschleunigt worden wäre. So behandelt in ihrem kleinen Büchlein "Deutscher Gottglaube" von 1927.

Diesen grundlegenden Gedanken hat sie aber nicht mit in ihre "Philosophie der Geschichte" aus dem Jahr 1933 übernommen. In dieser sind deshalb - und ansonsten - die Schwerpunkt-Legungen oft noch ganz andere als sie sich nach heutigem Kenntnisstand nahelegen würden. Uns heute drängt sich viel stärker als vielleicht zu ihrer Zeit jene weltgeschichtliche "Dialektik" auf, die schon Hölderlin - und prägnanter sein Jugendfreund Hegel philosophisch ausformuliert haben, sowie jene "List der Vernunft" in der Weltgeschichte, über die sie all die Unvollkommenheiten der Menschenseele "nutzt", um über die vielen darüber ausgebildeten "Umwege" dennoch an ihr "Ziel" zu kommen (nämlich kulturelle Weiterentwicklung). Das heißt: ohne völkerzerstörende Kräfte würden sich die Völker der Welt von sich aus - vermutlich - gar nicht ausreichend aufgerufen fühlen und dazu aufraffen, sich um ihre Erhaltung zu kümmern. Also auch zerstörende Kräfte können in letzter Instanz zur Beschleunigung von Entwicklung beitragen. In diesem Sinne ordnen auch sie sich in ein Geschichtsbild ein, das schon von Leopold von Ranke gegeben worden ist (wie wir gleich sehen werden). 

Wille und Erleben - Geschichte und Kultur

Mathilde Ludendorff gibt im weiteren die philosophische Deutung, daß das Wesen der Geschichte der "Wille" sei, während das Wesen der Kultur das "Erleben" sei, das Gotterleben. Wille ist Anspannung, Erleben findet im entspannten Raum statt. Nach diesen Kriterien hat sie ihre beiden Bücher zur Philosophie der Geschichte und zur Philosophie der Kultur getrennt.  Diese Trennung mag aus dieser Sicht viel Berechtigung haben. Mathilde Ludendorff sagt aber auch selbst, daß einer solchen philosophischen Trennung über weite Strecken etwas Willkürliches anhaften muß, da diese Trennung im bunten und vielfältigen Leben der Völker eben nicht verwirklicht ist, sondern recht häufig verwischt in Erscheinung tritt. Der kontemplative Staatsmann und Philosoph kann im nächsten Augenblick an die Spitze seines Heeres treten, um Krieg zu führen und er wechselt doch im Feldlager jeden Abend erneut in die Kontemplation über. Und wir sehen von heute aus das Willkürliche einer solchen Trennung womöglich noch schärfer als man das 1933 sehen konnte.

Diese Trennung muß insbesondere dem Historiker als allzu willkürlich erscheinen. Dem Kulturwissenschaftler (Völkerkundler usw.) werden durch sie quasi alle herrlichen und "schönen" Seiten der Weltgeschichte "übergeben". Er darf Weltgeschichte quasi "feiern" und in ihr "schwelgen", während der Historiker - jedenfalls entsprechend dieser Trennung - vornehmlich mit all den unvollkommenen, ja verbrecherischen Willenskräften in der Weltgeschichte befaßt ist, die sich in ihr ja dann in so reichem Umfang geltend machen (nach Mathilde Ludendorff). So spricht Mathilde Ludendorff beispielsweise - und sicherlich sehr richtig - etwa von "der größten Gefahr für die Gotteinsicht der Völker, nämlich das gottferne Geschehen der Geschichte" (13, S. 10).

Eine seelische, überwölbende Einheit in allem Völkerleben

Bei dieser Trennung gerät unter anderem die Tatsache aus dem Blick, daß es - auch nach Mathilde Ludendorff - eine seelische Einheit in allem Völkerleben und in allem Geschichtsgeschehen gibt, das alle unvollkomenen Willenskräfte, die sich in der Weltgeschichte austoben mögen, überwölbt. Diese Einheit mag leichter für Zeitalter erahnbar sein, die nicht - wie das heutige - bestimmt sind von der "Todesnot des Göttlichen auf dieser Erde" (durch die Ausbreitung des Materialismus).

Abb. 5: Leopold von Ranke - Der Begründer der Geschichtswissenschaft als Wissenschaft

Jedenfalls war es glücklicherweise insbesondere der Begründer der Geschichtswissenschaft als Wissenschaft selbst, nämlich Leopold von Ranke (1795-1886) (Wiki), der diese alles überwölbende Einheit, Schönheit und Harmonie in allem geschichtlichen Völkerleben als grundlegende Tatsache in seinen Werken heraus gearbeitet hat. Seine Betrachtungen zur Völkergeschichte sind diesbezüglich unter anderem bestimmt von dem Grundgedanken des "Gleichgewichtes der Mächte" in allem Geschichtegeschehen und Völkerleben. Dieser Grundgedanke hat ja unter anderem auch in der Innen- und Außenpolitik Bismarcks - oder schon zuvor in der europäischen Politik Großbritanniens oder der europäischen Politik der Republik Venedig - jeweils eine große Rolle gespielt. Dieser Grundgedanke geht davon aus, daß sich in der Geschichte immer wieder ein Gleichgewicht der weltbeherrschenden Mächte quasi von selbst einstellt, weil sich die jeweils unterlegenen Mächte gegen die siegreiche, dominierende Macht verbünden, um die eigene Selbstständigkeit zu bewahren. In diesem Gedanken von dem Gleichgewicht der Mächte spiegelt sich also - in letzter Instanz - ein Einheitsgedanke in allem geschichtlichen Geschehen wieder.

Und auch Mathilde Ludendorff hat dieses Bündnis freier Völker im Angesicht drohender Übermacht als ein wesentliches Hilfsmittel zur Erhaltung des Lebens und der Freiheit der Völker benannt (besonders betont noch einmal in ihren Aufsätzen aus der Zeit um 1940, die nach 1945 unter dem Titel "Blätter, die vom Baum der Erkenntnis fielen" als Zeitschriftenbeiträge veröffentlicht worden sind und nachmals - unvollständig - in zwei kleinen Bändchen philosophischer Essays: "Vom wahren Leben" und "Von der Moral des Lebens") (S. 23). Dieser Grundgedanke liegt letztlich auch der oben genannten geschichtlichen "Dialektik" zugrunde, nach der eine weltgeschichtliche Kraft immer wieder erneut unweigerlich eine Gegenkraft auf den Plan ruft.

"Der Einfluß des Gotterlebens auf die Geschichte - Er ist größer als jeder andere"

Wir möchten nun vor allem postulieren, daß die wahrscheinlich wichtigsten Grundgedanken zur Deutung der Geschichte der Völker nach Mathilde Ludendorff die beiden folgenden sind:

"Ohnmacht der Geschichte gegenüber dem Gotterleben"

(so ist benannt das letzte Kapitel von "Die Volksseele und ihre Machtgestalter" und er wird auch schon in früheren Kapiteln angesprochen) und

"Der Absturz der Religionen vom Gotterleben".

(so ist benannt das viertletzte Kapitel in dem nachfolgenden Buch "Das Gottlied der Völker"), also: (4; 1955, S. 304ff, S. 499ff) (Archive) und (5; 2007, S. 338ff) (Archive).

Die hier benannten zwei bis drei Kapitel machen bewußt, daß Weltgeschichte - vor allem - danach einzuteilen ist, wie gotterfüllt die jeweiligen, zu betrachtenden Geschichtsepochen waren und wie dementspechend auch die Seelengesetze einzuordnen sind, nach denen die in diesen Geschichtsepochen lebenden Völker gelebt haben. Und dies jeweils erkennbar an der von ihnen jeweils gelebten Kultur, bzw. Religiosität, bzw. den Sittengesetzen, nach denen sie leben oder lebten (4, S. 304ff).

Mathilde Ludendorff benennt hier sozusagen als den "Grundtrend" der Weltgeschichte seit Entstehung des anatomisch modernen Menschen den "Absturz der Religionen vom Gotterleben", der sich bis zum Heraufkommen des Monotheismus in der Weltgeschichte immer mehr beschleunigt hat, und dem sich als Gegenkraft entgegenstellt das "geschichtliche Werden der Gotterkenntnis". Damit ist gemeint, die "Wahrheit als Ganzes", die "Einheit des Wissens" wie sie in modernen Wissensgesellschaften heraus gearbeitet wird samt einer angemessenen, gültigen philosophischen Deutung dieser Ganzheit des Wissens und der kulturellen Erfahrung der Menschheit.

Abb. 6: Leopold von Ranke - "Französische Geschichte, vornehmlich im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert" (1852-1861)

Womöglich würde es mancherlei Berechtigung haben, wenn man - soweit es um eine Philosophie der Geschichte geht - die hier genannten zwei oder drei Kapitel an den Anfang einer solchen Philosophie stellen würde und wenn unter dem großen Rahmen der Inhalte dieser zwei oder drei Kapitel alles andere eingeordnet werden würde. Wobei dann als nächster Grundgedanke zu behandeln wäre, der "Sinn von tausendjährigen Unheilzeiten", durch die Weltgeschichte immer einmal wieder beschleunigt worden sein mag.

Dann erst würde der "große Wurf" sichtbar werden, der uns in der Geschichtsphilosophie von Mathilde Ludendorff enthalten zu sein scheint. Dieser sollte nach und nach noch deutlicher heraus gearbeitet werden. Im erstgenannten Kapitel schreibt sie etwa (4, S. 507):

Schon ahnten wir die Tatsächlichkeit der völligen Erhabenheit dessen, was des Lebens eigentlichen Wert und seelische Fülle ausmacht, nämlich des Gotterlebens gegenüber allem geschichtlichen Geschehen.

Geschichte ist - nach Mathilde Ludendorff - Machtentfaltung (also von Willenskräften) im Sinne der Volkserhaltung. Sie ist also ein Ringen um Macht, ein Kräftemessen. Die Unvollkommenheit der Menschenseele tobt sich nach ihr innerhalb des bunten Straußes an menschlichen Willenskräften mehr und folgenreicher aus als in jedem anderen Lebensbereich, und zwar insbesondere in Form von Machtgier, Machtmißbrauch, die die Machtentfaltung im Sinne der Volkserhaltung weit überschreiten, oft in der verbrecherischen Weise von Zwangs- und Gewaltherrschaft. Und dennoch (4, S. 512):

Ohnmächtig steht sie (die in diesem Sinne gestaltete Geschichte) diesem Reich der göttlichen Freiheit der Menschenseele gegenüber.

Sie betont in diesem Zusammenhang auch die Möglichkeit des Freitodes des Menschen im Angesicht gottwidriger, unwürdiger Lebenslagen. Das Buch entstand im Zeitalter des Stalinismus. Mathilde Ludendorff wußte, wovon sie sprach.***) Und im Jahr 1945 etwa haben Menschen in so gut wie allen deutschen Städten und Dörfern östlich der Elbe und östlich des Bayerischen Waldes von dieser Möglichkeit des Freitodes Gebrauch gemacht. Fast jede Dorfgeschichte kündet von solchen Menschen und von ganzen Familien. Zwei Dörfer vom Heimatdorf des Verfassers dieser Zeilen entfernt zeigt man sich noch jenen Feldrand, an dem sich eine ganze Bauernfamilie im Mai 1945 das Leben genommen hat.

Arthur de Gobineau, der Mißanthrop

Die Betonung der Beachtung des Umstandes, daß genetisch unterschiedliche Herkunftsgruppen zu unterschiedlichen Anteilen an der Geschichte der Völker und Kulturen weltweit beigetragen haben, sowie eine damit betonte "Ungleichheit" solcher Herkunftsgruppen wird in der Regel zurück geführt auf das Buch von Arthur de Gobineau "Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen" aus dem Jahr 1855.

Seit ihm gibt es nicht mehr nur ein Volk mit einer Mission in der Weltgeschichte, nämlich die Juden, sondern auch noch eine andere Völkergruppe, nämlich die Arier, die Indogermanen, die "nordische Rasse". Die durch ihn begründete Forschungsrichtung wurde bis 1945 sehr selbstverständlich "Rasseforschung" genannt. Da es uns nicht um Begriffe, sondern um die Dinge selbst geht, werden wir diesen Begriff im folgenden nur unter Anführungszeichen verwenden. Denn deutlich genug wird immer mehr, daß diese sogenannte "Rasseforschung" sich - aus heutiger Sicht - sehr weitgehend in einem eher vor- oder halbwissenschaftlichen Stadium abgespielt hat (zumindest von dem heutigen Wissen der Archäogenentik aus geurteilt).

Wir haben auf unserem Blog schon aufgezeigt, daß schon Friedrich Hölderlin sich Gedanken gemacht hat über den "südlichen Menschen" und die Gesetzmäßigkeiten seines Seelenlebens im Vergleich zu dem Menschen des Abendlandes und dessen Gesetzmäßigkeiten des Seelenlebens. Es bedurfte dazu also gar keiner "Rasseforschung" im eigentlichen Sinne.

Abb. 7: Leopold von Ranke - "Englische Geschichte, vornehmlich im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert" (1859-1869)

Friedrich Hölderlin ist ein Beispiel dafür, daß es keiner Abwertung einer (auch) genetisch zu umreißenden Herkunftsgruppe bedarf, um Unterschieden in den seelischen Gesetzmäßigkeiten von Kulturräumen und Kulturepochen nachzugehen. Ein weiteres Beispiel wäre der Begründer der modernen Geschichtswissenschaft Leopold von Ranke, dessen Erstlingswerk aus dem Jahr 1824 ebenfalls mit dieser Unterschiedlichkeit befaßt ist wie schon aus seinem Titel hervorgeht: "Geschichten der romanischen und germanischen Völker von 1494 bis 1514".

Der große Respekt vor der Andersartigkeit anderer Völker und Kulturen, anderer Zeitepochen und kultureller Großräume, von dem das Denken dieser beiden genannten Denker getragen war, ging in der Zeit danach innerhalb der abendländischen Kulturgeschichte in sehr weitgehendem Umfang verloren, häufig am deutlichsten im Bereich der sogenannten "Rasseforschung", die oft in sehr überheblicher Weise glaubte, den "Schlüssel zur Weltgeschichte" gefunden zu haben, wobei sie gar nicht merkte, wie stark sie dabei - oft fast gegen ihren Willen - in ein materialistisches Fahrwasser hinein geriet. Zum Beispiel die antik-griechische Kultur - das sehen wir heute besser als jemals - wird, angekränkelt vom Zeitgeist des Materialismus niemals angemessen zu erfassen sein. Der zersetzende Zeitgeist des Materialismus bewirkte aber eine oft viel zu isoliert ethnozentrische Sichtweise und Deutung vieler Erscheinungen der Völkergeschichte, die insbesondere wurzelte in einer Beachtung der bis dahin weniger hervorgehobenen Rolle der Herkunftsgruppe der Indogermanen in derselben.

Galten also bis dahin die Juden als "das Volk des Heils" - mit entsprechender Abwertung anderer Völker, insbesondere wenn sie "Heiden" waren - wurden nun die Indogermanen als "das Volk des Heils" heraus gestellt - mit entsprechender Abwertung anderer, nichtindogermanischer Völker.

Schon G. F. W. Hegel hatte in seinen Frühschriften, die geprägt waren von seinem geistigen Austausch mit seinem Jugendfreund Friedrich Hölderlin, gefragt "Ist denn Judäa der Teutschen Vaterland?" Die übermäßige, ethnozentrische Betonung des "Heiligen Landes" Israel durch die christliche Religion des Abendlandes bewirkte in den Jahrzehnten, in denen diese Religion an Überzeugungskraft verlor, eine Gegenreaktion in einer übermäßigen ethnozentrischen Betonung der als weltgeschichtliche Gegenkraft zum Judentum empfundenen Völkergruppe, nämlich der Germanen und der Indogermanen, die auch als "Arier" bezeichnet wurden (Wiki).

Abb. 8: Leopold von Ranke - "Weltgeschichte" (1881-1888)

In der Tradition dieser Geistesrichtung steht nun ganz klar auch das Denken der völkischen Hintergrundpolitikkritikerin und naturwissenschaftsnahen Philosophin Mathilde Ludendorff. Dieses Denken war stark geprägt von Religionskritik, insbesondere Kritik an den monotheistischen Religionen und zugleich - was das Geschichtsbild betrifft - orientiert an Zeitgenossen und Vorläufern wie dem Gobineau-Übersetzer Karl Ludwig Schemann (1852-1938) (Wiki)***), an dem Popularisierer der Ergebnisse der Forschungen zur Kultur Babyloniens Friedrich Delitzsch (1850-1922) (Wiki) und damit - in letzter Instanz - an dem Denken des "Begründers" der "Rasseforschung" Arthur de Gobineau. 

Was von dem Denken dieser vier Denker vor dem Kenntnisstand von heute zur Rolle der Herkunftsgruppen in der Völkergeschichte Bestand hat, was völlig fehlerhafter Ausfluß eines seelenlosen, materialistischen Zeitalters, eines übertrieben ethnozentrischen Denkens in Gegenreaktion gegen den Monotheismus war, auch psychologisch Folge der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg war, und was zugleich auch Folge eines damaligen, noch völlig unzureichenden Kenntnisstandes über die lange Dauer der Völkergeschichte war, was erst mit Heraufkommen der C14-Methode ab 1950 erkannt werden konnte, all das herauszuarbeiten, ist seit dem Heraufkommen der Archäogenetik dringender geworden als jemals zuvor. In den Rahmen der Klärung der diesbezüglichen wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenhänge stellt sich auch der vorliegende Beitrag.

"... wie ward die Erde plötzlich so öde an freien Völkern!"

Es mag sinnvoll sein, einer solchen Klärung ein Wort von Leopold von Ranke voranzustellen, das gewiß seine Gültigkeit bewahrt hat über alle Untiefen des 20. Jahrhunderts hinweg, und das die Grundstimmung aller genannten Denker bei der Betrachtung der Völkergeschichte auf einen Nenner bringen wird. In der Einleitung zu seinem Werk "Die römischen Päpste", erschienen 1834, fallen die Worte:

... wie ward die Erde plötzlich so öde an freien Völkern!

Da ist viel ausgesagt mit nur zehn Worten. Ranke bezieht sich dabei auf die Ausbreitung des Römischen Weltreiches. Die Sichtweise, daß völkerzerstörende Großreiche in der Menschheitsgeschichte mehr Fluch als Segen in der Menschheitsgeschichte mit sich gebracht haben und mit sich bringen, wird von allen genannten Denkern geteilt. Schon Friedrich Hölderlin zeigt sich entsetzt über das Auftreten Alexanders des Großen, des "Jägers", der die politische Freiheit und Selbstständigkeit Griechenlands zu Schanden gejagt hatte. Hölderlin läßt entscheidende Teile seines Romans "Hyperion" auf der griechischen Insel Kalauria sich ereignen. Und er schreibt (Gutenb):

Wir saßen einst zusammen auf unsrem Berge, auf einem Steine der alten Stadt dieser Insel und sprachen davon, wie hier der Löwe Demosthenes sein Ende gefunden, wie er hier mit heiligem selbsterwähltem Tode aus den makedonischen Ketten und Dolchen sich zur Freiheit geholfen - Der herrliche Geist ging scherzend aus der Welt, rief einer; warum nicht? sagt ich; er hatte nichts mehr hier zu suchen; Athen war Alexanders Dirne geworden, und die Welt, wie ein Hirsch, von dem großen Jäger zu Tode gehetzt.
O Athen! rief Diotima; ich habe manchmal getrauert, wenn ich dahinaus sah, und aus der blauen Dämmerung mir das Phantom des Olympion aufstieg! ...

Mit so wenigen Worten ist auch hier so viel gesagt. Schon für Friedrich Hölderlin endete also die eigentliche Blütezeit der griechischen Kultur mit Alexander dem Großen. Dieser habe das "edle Wild" der griechische Freiheit zu Tode gehetzt. Im Angesicht des vorangehenden perikleischen Zeitalters und des Wohlstandes, den Athen und andere griechische Stadtstaaten damals in Kriegen untereinander angehäuft hatten, fragte er aber auch (Doc):

Meinest du 
Es solle gehen,
Wie damals? Nämlich sie wollten stiften
Ein Reich der Kunst. Dabei ward aber
Das Vaterländische von ihnen
Versäumet, und erbärmlich ging
Das Griechenland, das schönste, zu Grunde.

Ein verlorenes Bühnenstück von Hölderlin soll von dem Spartanerkönig Agis IV. gehandelt haben, der in jener Zeit mit jugendlichem Ungestüm - aber vergeblich! - eine Restauration der alten spartanischen, kriegerischen Tugenden der Entbehrung und des Mannesmutes in seinem Volk hatte bewirken wollen, der jedoch an der Bequemlichkeit der reich und wohlhabend gewordenen Spartaner gescheitert ist (während zeitgleich in Judäa ein anderes Volk in der Lage war, sich eine Mission zu geben: die Juden).

Das kurze, gebrachte Zitat von Ranke soll noch im größeren Zusammenhang gebracht werden (1):

Überblicken wir den Umkreis der alten Welt in den früheren Jahrhunderten, so finden wir ihn mit einer großen Anzahl unabhängiger Völkerschaften erfüllt. Um das Mittelmeer her (...) wohnen sie: mannigfaltig gesondert, ursprünglich alle enge begrenzt, in lauter freien und eigentümlich eingerichteten Staaten. Die Unabhängigkeit, die sie genießen, ist nicht allein politisch: allenthalben hat sich eine örtliche Religion ausgebildet; die Ideen von Gott und göttlichen Dingen haben sich gleichsam lokalisiert; nationale Gottheiten von den verschiedensten Attributen nehmen die Welt ein; das Gesetz, das ihre Gläubigen beobachten, ist mit dem Staatsgesetz unauflöslich vereinigt. Wir dürfen sagen: diese enge Vereinigung von Staat und Religion, diese zwiefache Freiheit, nur durch stammverwandtschaftliche Verbindungen leicht beschränkt, hatte den größten Anteil an der Bildung des Altertums. Man war in enge Grenzen eingeschlossen, aber innerhalb derselben konnte sich die ganze Fülle eines jugendlichen, sich selber überlassenen Daseins in freien Trieben entwickeln. Wie wurde dies alles so ganz anders als die Macht von Rom emporkam. Alle die Autonomien, welche die Welt erfüllen, sehen wir eine nach der anderen sich beugen und verschwinden: wie ward die Erde plötzlich so öde an freien Völkern.

Wir sehen hier, wie Ranke in der Hochwertung der kulturellen Vielfalt der Menschenvölker mit Mathilde Ludendorff übereinstimmt. Und wir können uns ein Bild machen von dieser vielfältigen Völkerwelt, wenn wir etwa die Völkerbeschreibungen des griechischen Völkerkundlers Herodot lesen. Und wie sehr kann dieses Wort von Leopold von Ranke noch fast 200 Jahre später so kalt und beklemmend ans Herz greifen. Ja, eine blühende, jugendfrische, freie, in ihrer jeweiligen Eigentümlichkeit vielfältige und bunte Völkerwelt weltweit kann nur als kulturelles Ideal der Menschheit gelten, ja, mag als der höchster Wert in diesem Weltall angesehen werden. Und Vernichtung dieser kulturellen Vielfalt - auf welchem Wege auch immer - kann nur als Völkermord in schärfster Weise gegeißelt werden - wie es ja schon lange auch das internationale Völkerrecht - der Rechtstheorie nach - tut. 

Für die naturwissenschaftsnahe Denkerin Mathilde Ludendorff war der Kampf für die Erhaltung der Völkervielfalt weltweit des Einsatzes der Edelsten der Menschheit wert. Sie setzte sich zeitlebens dafür ein. Und von diesem Einsatz, von dem Denken darüber, wie diese Erhaltung möglich ist, sind auch ihre philosophischen Werke durchgehend durchdrungen. Wenn dies der eigentliche Wert ist, um den in der Völkergeschichte gerungen wird, dann muß man um so erschütterter vor der Erscheinung stehen, daß Völker reihenweise der kulturellen Anpassung an Großreichen erlegen sind und weiter erliegen (Sowjetisierung, Amerikanisierung, Globalisierung).

Das Ziel der Weltgeschichte kann nur lauten: Erde, erblühe im Reichtum freier, unabhängiger, selbstständiger, sich gegenseitig am Leben erhaltender Völker!

Leopold von Ranke hat über den Untergang des freien Griechenland unmittelbar nach der Eroberung durch Alexander den Großen geschrieben (Ranke/Weltgeschichte, Bd. 1):

Bei der wärmsten Teilnahme für die Freiheit von Griechenland ist man, die universalen Verhältnisse überlegend, doch versucht, den Ersatz für diesselbe darin zu finden, daß eine wahrhafte Welteinwirkung des griechischen Geistes erst unter der Herrschaft der Makedonen begann.

Hier sehen wir nun eine andere Tendenz in der Weltgeschichte hervor treten und sie auch als bedeutend von Leopold von Ranke benannt: Völker begeistern sich - nach erfolglosem militärischen Widerstand - für eine Kultur, die ihnen ihrer eigenen gegenüber höherwertig erscheint - und auch höherwertig erscheinen muß. Sie wollen plötzlich alle Griechen werden. Auch diese Tendenz gibt es in der Weltgeschichte. Dieser "Sog der Zeit" ging ja so weit, daß sogar die Menschen in Judäa Griechen sein wollten, und daß sie davon nur durch Monotheismus und schärfste Priesterdiktatur abgehalten werden konnten. Insgesamt fällt es einem schwer, diese Tendenz innerhalb der Völkerwelt, Grieche sein zu wollen, so völlig zu verdammen.

Und dieser griechische Geist stellte ja - ohne Zweifel - das Fortschrittlichste dar, was bis dahin von Seiten der Weltgeschichte hervor gebracht worden war. Dieser griechische Geist sollte noch 600 Jahre lang weiter fortbestehen und fortblühen und ein außerordentlich reges Leben entfalten, auch unabhängig von der politischen Freiheit, die die Griechen bis dahin gelebt hatten. Damit ist deutlich genug gezeigt, daß seelisches und kulturelles Leben nicht zwangsläufig an politische Freiheit gebunden ist. Das Schicksal Deutschlands seit dem Hochmittelalter gibt ein Zeugnis für denselben Umstand. Politische Freiheit und Selbstständigkeit und kulturelle Freiheit und Blüte müssen nicht in einem besonders engen Wechselverhältnis zueinander stehen, stehen aber auch nicht völlig unverbunden zueinander. Irgendwann kann ein Volk, das nicht um Leben und politische Freiheit und Selbstständigkeit ringt, auch an seiner eigenen sklavischen, heuchlerischen, läppischen und unengagierten Gesinnung verwesen und zugrunde gehen.

Ranke setzt etwas später weiter fort (1):

Bei aller Teilnahme, die wir dem Untergange so vieler freien Staaten widmen, können wir doch nicht leugnen, daß aus ihrem Ruin unmittelbar ein neues Leben hervorging. Indem die Freiheit unterlag, fielen zugleich die Schranken der engen Nationalitäten. Die Nationen waren überwältigt, zusammen erobert worden, aber eben dadurch vereinigt, verschmolzen. Wie man das Gebiet des Reiches den Erdkreis nannte, so fühlten sich die Einwohner desselben als ein einziges, ein zusammengehörendes Geschlecht. Das menschliche Geschlecht fing an, seine Gemeinschaftlichkeit inne zu werden. In diesem Moment der Weltentwicklung ward Jesus Christus geboren.

Wieder so mitreißende Ausführungen von Leopold von Ranke, gipfelnd in dem Satz: "In diesem Moment der Weltentwicklung ward Jesus Christus geboren." 

Aus heutiger Sicht wäre dazu sagen: Dieser Moment der Weltentwicklung wurde dazu benutzt, einen internationalen Welterlöser zu erfinden, der sich in seinen Reden an die Unterschichten und die Verachteten in der Gesellschaft wandte, der nicht an die edle Gesinnung in der menschlichen Seele appellierte, sondern der die Schwäche und Brüchigkeit des menschlichen Willens zum Gutsein in den Vordergrund stellte, der die Lehre vertrat, der Mensch wäre "böse von Jugend auf" und würde deshalb immer wieder Gottes Strafe teilhaftig werden müssen. Eine wahre Sklavengesinnung (4, S. 460-462).

Tacitus über die Juden

Die Juden wurden dementsprechend von der Bildungsschicht des römischen Reiches auch als etwas gänzlich anderes angesehen als alle übrigen Barbaren, nämlich als welche, die "Haß auf alle Menschen" hätten ("odium humani generis") (s. Wiki). Tacitus berichtet um 100 n. Ztr. über die Juden, sie seien aus Ägypten vertrieben worden (Tac.), ...

... da diese Menschenrasse den Göttern verhaßt sei. (...) Moses aber führte neue Riten ein, die denen der übrigen Sterblichen entgegengesetzt sind, um auch in Zukunft das Volk fest im Griff zu haben. Dort ist alles unheilig, was bei uns heilig ist, andererseits ist bei ihnen erlaubt, was bei uns ein Frevel ist. (...) Diese Riten, aus welchem Grund sie auch immer eingeführt wurden, werden durch ihr Alter verteidigt. Die übrigen Einrichtungen sind unheilvoll, schrecklich und tun sich durch ihre Verderbtheit hervor. (...) Weil sie in Treue fest zueinander stehen, üben sie bei sich selbst Mitleid, aber feindseligen Haß gegenüber allen anderen. (...) Die Ägypter verehren sehr viele Tiere und Bildnisse, die aus Menschen- und Tiergestalt zusammengesetzt sind. Die Juden dagegen glauben nur an eine Gottheit und diese stellen sie sich rein abstrakt vor. Für Frevler halten sie die, die Götterbilder aus vergänglicher Materie und nach menschlichem Aussehen schaffen. Jenes höchste und ewige Wesen kann weder abgebildet werden, noch ist es vergänglich. Daher stellen sie keine Götterbilder in ihren Städten und schon gar nicht in ihren Tempeln auf. Nicht den Königen lassen sie diese Verehrung zuteil werden, ebenso wenig wie sie den Kaisern diese Ehre zukommen lassen.

Tacitus hat in diesen Worten schon sehr viel von den grundlegenden gruppenevolutionären Strategien des Volkes der Juden zusammen gefaßt. Dieses Gefühl der Feindschaft gegenüber "allen", sprich allen Nichtjuden ("Gojim") und mehr noch gegenüber allen Menschen, die nicht an "den einen Gott" der Juden glauben, dieses Gefühl der Feindschaft also hat - nach Tacitus - das Volk der Juden in der Hand der Priester zusammen geschweißt. Die Riten, die - offenbar sehr bewußt - von denen aller anderen Völkern abweichen, "werden durch ihr Alter verteidigt". Das geschieht in den Schriften des Alten Testaments, die wohl erst ab 250 v. Ztr. im Wesentlichen erfunden worden sind (7).

/ Dieser Beitrag wird fortgesetzt
 in einem ---> zweiten Teil. /

_________________

*) / 18.4.2026 - Ob es Sinn macht, in diesem Zusammenhang daran zu erinnern, daß in der Biologie ganz allgemein von der "hybrid fitness" die Rede ist (PlosGen2019), soll an dieser Stelle offen bleiben. Unter diesem Stichwort wird erörtert, daß Mischlinge zwischen zwei Arten oder Unterarten einer Tier- oder Pflanzenart entweder evolutive Vor- oder Nachteile aufweisen können. Das wird auch unter Stichworten wie "Hybride" (Wikiengl) und "Hybrid vigor" oder "Heterosis-Effekt" (Wikiengl) oder "Heterozygote adventage" erörtert. Zu berücksichtigen ist auch, daß ebenso Inzucht evolutive Vor- wie Nachteile haben kann (Stg2007).
**) Nämlich wenn die germanische Völkergruppe an dieser Fremdreligion in letzter Instanz zugrunde gegangen ist oder sich - in heller Empörung über die eigene Unwürdigkeit - von allen verbliebenen unwürdigen Schlacken dieser Fremdreligion - endlich - reinigt.
***) Dabei stellt sie es so dar, als ob es historisch wäre, daß die germanische Seherin Veleda (ADB, Wiki, engl) als Gefangene der Römer in den Tiber gesprungen wäre, um nicht im Triumphzug der Römer durch Rom geführt zu werden. Einen solchen Freitod finden wir aber in den wissenschaftlich gesicherten Angaben zum Leben der Veleda nicht (s. ADB, Wiki, engl). Stattdessen finden wir ihn dargestellt in dem - vermutlich durchaus mitreißend zu lesenden - historischen Roman "Bataver" von Felix Dahn aus dem Jahr 1870 (6; 1876, S. 280). Schon an dieser Stelle bemerken wir, daß es Mathilde Ludendorff in diesem Buch mit der wissenschaftlichen Exaktheit nicht zwangsläufig immer so ganz genau zu nehmen scheint wie man das sonst aus ihren Büchern gewohnt ist. Wir werden - leider - noch weiteres dazu nennen müssen. - Besser gewählte Beispiele wären vielleicht eher die Selbstmorde der Frauen der Kimbern und Teutonen nach verlorener Schlacht gegen die Römer gewesen, die ja gut genug geschichtlich bezeugt sind.

_________________

  1. Ranke, Leopold: Die römischen Päpste. Bd. 1. Berlin 1834 (Textarchiv)
  2. Schemann, Ludwig: Hauptepochen und Hauptvölker der Geschichte in ihrer Stellung zur Rasse. Zweiter Teil von: Die Rasse in den Geisteswissenchaften. Studien zur Geschichte des Rassegedankens. J. F. Lehmann's Verlag, München 1930 (GB
  3. Ludendorff, Mathilde: Erlösung von Jesu Christo. Ludendorffs Verlag, München 1931 (GB)
  4. Ludendorff, Mathilde: Die Volksseele und ihre Machtgestalter. Eine Philosophie der Geschichte. Erstauflage 1933 (GB); Verlag Hohe Warte, Pähl 1955 (Archive
  5. Ludendorff, Mathilde: Das Gottlied der Völker. Eine Philosophie der Kultur. Ludendorffs Verlag, München 1935; Verlag Hohe Warte, Pähl 2007 (Archive
  6. Dahn, Felix: Die Bataver. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 69 n. Chr.). 1876 (GB); 1890
  7. Adler, Yonathan (bzw. Jonathan): The Origins of Judaism. An Archaeological-Historical Reappraisal (The Anchor Yale Bible Reference Library) Yale University Press, 15. November 2022 (AmzGB)
  8. Holm, Adolf: Griechische Geschichte von ihrem Ursprunge bis zum Untergange der Selbstständigkeit des griechischen Volkes. Berlin Bd. 1, 1886; Bd. 2, 1889; Bd. 3, 1891; Bd. 4, 1894
  9. Holm, Adolf: Die Griechen. In: Adolf Holm, Wilhelm Deecke, Wilhelm Soltau: Kulturgeschichte des klassischen Altertums. Friesenhahn, Leipzig 1897, S. 1-160 (GB)
  10. Droysen, Johann Gustav: Geschichte des Hellenismus. Geschichte der Epigonen. 1. Halbband. Friedrich Andreas Perthes, Gotha 1877 (2. Auflage) (GB)
  11. Plutarchs moralische Abhandlungen. Übers. von Johann Friedrich Salomon Kaltwasser. 9 Bände. Johann Christian Hermann, Frankfurt am Main 1783-1800, Band 3, 1786 (GB)
  12. Ranke, Leopold von: Weltgeschichte. Die Geschichte der abendländischen Welt von den ältesten historischen Völkergruppen bis zu den Zeiten des Übergangs zur modernen Welt. Band 1: Von den ältesten historischen Völkergruppen bis zur Emanzipation der germanischen Völker. Emil Vollmer Verlag - Phaidon Verlag, Esssen o.J.
  13. Ludendorff, Mathilde: Das Hohe Lied der göttlichen Wahlkraft. 1943 begonnen. Verlag Hohe Warte, Pähl 1957
  14. Ludendorff, Mathilde: Vom wahren Leben. Philosophische Essays. Verlag Hohe Warte, Pähl 1972 [posthum, zuvor erschienen als "Blätter, die vom Baum der Erkenntnis fielen"]

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