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Donnerstag, 2. Januar 2025

Sogder - BMAC- und Steppen-Genetik

Hier auf dem Blog haben wir uns in früheren Jahren sehr häufig mit dem Volk der Sogder (6. Jhdt. v. Ztr.-11. Jhdt. n. Ztr.) (Wiki) beschäftigt. Die Sogder sind jenes Volk, dem die Ehefrau Alexanders des Großen, Roxana, angehörte, dessen Hauptstadt Samarkand war, und das Jahrhunderte lang über die Seidenstraße hinweg mit Kamelkarawanen Fernhandel mit dem Tang-zeitlichen China trieb, und deren Angehörige deshalb in China ein beliebtes Motiv der Tang-zeitlichen Kunst gewesen sind. Denn sie brachten die Chinesen offenbar zum Schmunzeln, da sie so ganz anders aussahen und sich eventuell auch so ganz anders verhielten als man das in China kannte (s. Beiträge vor allem zwischen 2007 bis 2009: Stge: Sogder).

Abb. 1: Sogdische Musiker auf einem Kamel, Xi'an, 723 n. Ztr. (ein beliebtes Kunstmotiv im Tang-zeitlichen China) - Tang-zeitliche Sancai-Porzellan-Figur, ausgestellt im Nationalmuseum von China in Peking (Wiki, a) (Fotograf Gary Todd)

Nun ist erstmals eine Studie zur Archäogenetik der Sogder erschienen. Und zwar wird ein Tang-zeitlicher Chinese untersucht, benannt "Sute1", dessen Urgroßvater offensichtlich ein Sogder war (1). Wir lesen in der Studie (zit. n. Nrken19):

Diese Modelle passen erfolgreich zum genetischen Profil von SUTE1 und enthüllen einen vorherrschenden Beitrag von Populationen des Gelben Flusses (87-99 %), kombiniert mit kleineren Beiträgen aus Zentralasien und der westeurasischen Steppe, einschließlich Western_Steppe-MLBA (6,3-8,1 %), BMAC-verwandter Abstammung (6,2-8,5 %), Afanasievo (6,9-9 %), Sarmatians_450BCE (8,3-12,3 %) und Andronovo.SG.
These models successfully fit SUTE1's genetic profile, revealing a predominant contribution from Yellow River populations (87-99 %), combined with minor contributions from Central Asia and the Western Eurasian Steppe, including Western_Steppe-MLBA (6,3-8,1 %), BMAC-related ancestry (6,2-8,5 %), Afanasievo (6,9-9 %), Sarmatians_450BCE (8,3-12,3 %) and Andronovo.SG.

Das Individuum trug also etwa 10 % Herkunft der Sogder mit sich. Und wenn wir es recht verstehen, setzte sich die Sogder-Herkunft zusammen aus BMAC-Genetik und Anteilen von Jamnaja-, Schnurkeramik-oder gar sarmatischer Genetik (also indogermanische Völker). Die BMAC-Genetik ist die Genetik der erst in den letzten Jahrzehnten bekannt gewordenen Marghiana-, bzw. Oasen-Kultur, die wir in früheren Blogartikeln behandelt haben (z.B. Stg19, Stg20).

Abb. 2: Skulptur eines Saken aus der antiken Stadt Chaltschajan (Wiki), 400 Kilometer südlich von Samarkand, heute Usbekistan, 1. Jhdt. n. Ztr. (s. Stgen22)

In Twitter-Kommentaren lesen wir dazu ergänzend (s. Nrken19):

Er ist kein wirklicher Sogder, eine wirklich sogdische Familie ist die Shi-Familienbestattung, die ihm genetisch nahe steht, und der Grund, warum dieser Mann so nah zu der sogdischen Shi-Familie begraben ist, könnte eine frühere Eheverbindung sein. Ich vermute, daß die im Shi-Familiengrab neben ihm Bestatteten mehr BMAC- und Steppen-Genetik in sich trugen. Vorläufige physiologische Untersuchungen legen nahe, daß sie Kaukasier waren, und sie hatten Grabinschriften, die klar besagen, daß sie Sogdier waren. Außerdem wurde letzten Monat ein sogdischer Familienname „an“安 veröffentlicht.
He is not a really Sogdian, really Sogdian family is shi family burial that is closer to him (being dna testing) and the reason why this man is buried so close to the Sogdian shi family may be due to a previous marriage relationship. I suspect that shi family tomb next to him had more bmac and step (ancestry). Preliminary physiology suggests that they were Caucasian, and they had clear epitaphs stating that they were Sogdian. also a Sogdian family surname “an”安was published last month.

Wir hatten schon in früheren Blogartikeln behandelt, daß Sogder hohe Beamtenstellen im Tang-zeitlichen China einnehmen konnten, also Mandarine waren und deshalb zum Teil auch sehr prächtige Grabstätten erhielten.

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  1. Zhang, Jiashuo, et al. "Unraveling the origins of the sogdians: Evidence of genetic admixture between ancient central and East Asians." Journal of Archaeological Science: Reports 61 (2025): 104957 (Sciencedirect).

Donnerstag, 10. Mai 2007

Die Sogder, ein "Schlüsselvolk" zwischen Griechenland und China

Selbst einem sehr belesenen und kulturbewußten Europäer wird heute das Volk der Sogder ein sehr unbekanntes Volk sein. Aber durch neue Forschungen gewinnt seine Kultur immer mehr Profil, um nicht zu sagen: seine Bedeutung für die Weltgeschichte überhaupt wird allmählich schärfer erkennbar.

Abb. 1: Nachbildungen von Soldaten des persischen Heeres, die beiden rechts Sogder

Die Sogder waren ein Volk im nordöstlichsten Teil des Persischen Weltreiches. Sie bewohnten spätestens seit dem 7. Jahrhundert v. Ztr. die "tausend" befestigen Städte der Provinz ("Satrapie") Baktrien mit den Hauptstädten Samarkand und Baktra. Dies ist eine Gegend im heutigen nördlichen Afghanistan, Tadschikistan und Usbekistan. Die Provinz galt damals als ungeheuer reich und wohlhabend. (Die Kultur der Sogder stellt darum auch heute einen wichtigen Bestandteil des kulturellen Erbes dar, auf das Tadschikistan und Usbekistan stolz sind, und auf das sie auch große touristische Hoffnungen setzen.) Die Soldaten der Sogder, die ihre Herkunft von einem indogermanischen, den Skythen und anderen iranischen Völkern verwandten Steppenkrieger-Volk nicht verleugnen können, waren über tausend Jahre hinweg in den Nachbar-Völkern und -Reichen immer an den für sie typischen Mützen mit Ohrenklappen erkennbar. (Auf dem Foto die beiden rechts - Nachbildungen von Soldaten der persischen Armee.) Auch Spitzhüte sind für sie typisch. (Siehe unten.)

Die nördlichen Nachbarn der Sogden waren die nomadisch lebenden Steppenkrieger der Saken und Massageten. Den stolzen Perser-Kriegern gelang es nicht, die Massageten zu unterwerfen. In harten Kämpfen fügte die massagetische Königin Tomiris dem Perserkönig Cyrus dem Großen eine schwere Niederlage zu und ließ seinen Kopf in einen Lederbeutel vollgefüllt mit Blut stecken, um seinen "Blutdurst" zu stillen, wie sie sagte. So berichtet es zumindest der griechische Geschichtsschreiber Herodot. (Netzverweis) Die Sogder gehörten seit 540 v. Ztr. zum persischen Weltreich. Baktrien "war berühmt für seine Fruchtbarkeit und seinen Reichtum. Es wurde daher auch das 'Reich der 1000 Städte' genannt, wobei der Urbanisierungsgrad Baktriens wohl auch sehr hoch war. Das Land war außerdem für seine Pferde berühmt, die baktrische Reiterei stellte denn auch einen wichtigen Bestandteil des persischen Heeres dar." (Wikipedia)

490 v. Ztr. kämpften die Sogder auch bei Marathon und Salamis, um Griechenland dem Perserreich zu unterwerfen - bekanntermaßen erfolglos. Als der Makedonen-König Alexander "im Gegenzug" das Perserreich unterwarf, kam er als letztes 327 v. Ztr. auch nach Baktrien, wohin der letzte Perserkönig geflohen war, und wo dieser auch ums Leben kam. Eine in der Nähe von Samarkand gelegenen Festung, der berühmte "Sogdische Felsen" (Wikipedia engl., dt.) wurde von Alexander belagert. Die Belagerten höhnten, nur wenn er Flügel hätte, könne er ihre Festung erobern. Doch es gelang kletterkundigen Soldaten Alexanders auch ohne Flügel, in der Nacht die Burgzinnen zu erkletterten und die Belagerer in die Festung hineinzulassen. Hier lernte Alexander die 16-jährige Roxane kennen, eine sogdische Prinzessin, deren Vater als Satrap über Baktrien geherrscht hatte, und der diese Stellung nun auch unter Alexander beibehalten sollte. Roxane soll den makedonischen Soldaten Alexanders neben der Perserkönigin als die schönste Frau vorgekommen sein, die ihnen im ganzen Perserreich begegnet sei. Alexander heiratete Roxane, die später neben zwei weiteren Nebenfrauen seine Lieblingsfrau blieb. Bei der Heirat überging Alexander auch seine vorherige griechische Geliebte. (Netzverweis 1, 2) Die Heirat zwischen Alexander und Roxane ist ein beliebtes Motiv der europäischen Malerei, Literatur und Oper. Willibald Gluck schrieb eine letztere zu diesem Thema. Auch das Kino hat sich dieses farbenprächtigen historischen Themas an der Grenze zwischen vielfältigen Kulturen angenommen. (Nach dem Tod von Alexander wurde Roxane ermordet, nachdem sie selbst andere ermordet hatte.)

So hatten die Sogder früh Verbindungen bis nach Makedonien und Griechenland, während sie später mindestens ebenso enge Verbindungen bis nach Zentralchina hinein und zum chinesischen Kaiserhof haben sollten. Also nach dem Land jenseits des "Himmelsgebirges" (Tian-shan), das das Tarim-Becken von der Wüste Gobi und Zentralchina trennt.

Abb. 2: Der Tian-shan, das Himmelsgebirge am Ostrand des Tarim-Beckens

Diese Verbindungen werden der Wissenschaft und der interessierten Öffentlichkeit erst in den letzten Jahren immer deutlicher und klarer in ihrem ganzen Umfang bewusst. 1999 wurde das Grab von Yu Hong in Taiyuan, in einer zentralchinesischen Provinz am Gelben Fluss, ausgegraben und entpuppte sich als das Grab des Führers ("Sabao") der Sogden innerhalb des chinesischen Reiches, der im Jahr 592 n. Ztr. starb und mit einer chinesischen Adeligen verheiratet war, die auch mit ihm begraben wurde. Während man in seinen Knochen aus molekular-genetischer Sicht einen typischen europäischen Haplotypen fand, fand man in denen seiner mit ihm bestatteten Frau einen typischen ostasiatischen Haplotypen (siehe Studium generale 1, 2, 3).

Im Jahr 2000 grub man in der chinesischen Provinz Xian das Grab eines weiteren Führers ("Sabao's") der Sogden im chinesischen Reich aus, von Anjia (An Jia), der zwischen 517 bis 579 n. Ztr. lebte. Sein Grab war ebenso wie das von Yu Hong mit prächtigen Darstellungen (Wandmalereien) geschmückt. (Markus Mode) (Siehe Fotos und Erläuterung weiter unten.) Und im Jahr 2003 wurde in der Provinz Xian "das spektakulärste von allen", ein Grab des Sogders Squire Shi aus der Zeit der "Nördlichen Zhou", entdeckt. Von all diesen "spektakulären Funden" bekommt derzeit die westliche Welt immer nur sehr verspätet und spärlich Kunde.

Abb. 3: Chinesische Kunst der Tang-Zeit: Kamelreitender Sogder

Schaut man sich aber überhaupt die chinesische Kunst und Kultur jener Zeit, der Tang-Zeit, genauer an, so wird einem bewußt, welche gar nicht geringe Rolle "Ausländer" - und unter diesen vor allem die Sogder - im damaligen chinesischen Reich spielten. An den Adelshöfen und am Kaiserhof stellten sie die in China damals beliebtesten Schauspielertruppen, Komödianten, Tänzer und Musikanten. Außerdem lieferten sie als Fernhandelskaufleute in Handelszügen von der sogdischen Hauptstadt Samarkand aus mit vielen hundert Kamelen kommend viele begehrte ausländische Waren nach China. Außerdem dienten sie als politische Gesandte des chinesischen Kaiserhofes.

Hier (Abb. 3) zunächst ein Kamel-reitender Sogder - ausgewiesen durch seine europäischen Gesichtszüge und seinen spitzen Hut, zugleich - aus chinesischer Sicht - als Komödiant dargestellt

Dazu gehörig wohl diese heitere Gruppe mit einem Affen auf einem Kamel (Abb. 4).

Abb. 4: Chinesische Kunst der Tang-Zeit

Hier eine weitere typische Komödianten-Darstellung eines Sogders wie man sie in den Museen der Welt häufig als Objekte chinesischer Kunst findet (viele weitere Beispiele unter 1, siehe Literaturverzeichnis unten) (Abb. 5).

Abb. 5: Chinesische Kunst der Tang-Zeit

Die folgende Figur wurde 1973 in Astana nahe Turfan im Tarim-Becken gefunden (Abb. 6).

Abb. 6: Chinesische Kunst der Tang-Zeit

Aber das ist nur eine kleine Auswahl. - Schon über Jahrhunderte hin verfügten die Sogder über besondere politische Beziehungen zu den Hunnen, jenem alttürkischen Volk, das ursprünglich im Altai-Gebirge beheimatet war und bekanntermaßen 375 n. Ztr. die Goten in Russland unterwarf und damit die europäische, germanische Völkerwanderung auslöste. Ihr König war Attila und residierte auf seinem hölzernen Königshof in Ungarn. Diese Hunnen hatten schon Jahrhunderte lang vorher das chinesische Reich von Norden her bedrängt, ebenso die Tocharer im Tarim-Becken (Talimakan-Wüste) und schließlich die Sogder in Baktrien, wohin sich offenbar auch Reste der im Tarimbecken von den Hunnen unterworfenen Tocharer geflüchtet hatten (Wiki):

141 – 129 v. Chr. war Baktrien von den Yüe-tschi" (das sind die Tocharer aus dem Tarim-Becken) besetzt. Auf Hermaios (letzter griechischer König von Baktrien) folgte im 1. Jahrhundert v. Chr. ein nichtgriechischer König, Kadphizes (Kushana, Yüe-tschi-Reich).

Das heißt, ab 141 v. Ztr. wurden die Sogder mindestens einige Jahrzehnte lang von den Tocharern aus dem Tarim-Becken regiert.

In Wandgemälden im ausgegrabenen Alt-Samarkand finden sich die sehr speziellen Beziehungen von sieben sogdischen Städten (Fürstentümern) zum hunnischen Königshof dargestellt (von Markus Mode, Halle, eingehend ausgewertet). Die politischen (und kulturellen) Verflechtungen zwischen den Hunnen und Sogdern waren wohl in Mittelasien ähnlich eng wie in Europa zwischen den Hunnen und den germanischen Völkern der Völkerwanderung. Der Sogder Anjia nun leitete eine chinesische Gesandtschaft, die mit den Hunnen verhandelte. Als solcher ging er in die chinesische Geschichte ein. Und das ist auch auf den Wandgemälden seines Grabes dargestellt (Abb. 7).

Abb. 7: Chinesische Kunst der Tang-Zeit - Wandrelief aus dem Grab des Anjia 

Markus Mode schreibt dazu:

Eine besonders interessante Szene aus An Jias Bilderwelt findet sich auf dem rechts abgebildeten oberen Feld einer der Reliefplatten (hier Abb. 7 und 8): Zwei Reiter begegnen einander in einer baumbewachsenen Landschaft. Rechts sieht man den Sabao An Jia, erkennbar an seiner Kappe. Ihm gegenüber erscheint ein Reiter mit langen schwarzen Haaren und streckt dem Sabao die Hand entgegen. An Jia begrüßt ihn seinerseits mit einem goldenen Gefäß, in dem sich Früchte (?) befinden. Ganz offensichtlich handelt es sich bei dem linken Reiter um einen Vertreter der

  (Alt-)Türk(en, bzw. Hunnen oder Awaren).

An seiner Seite steht ein Stammesgenosse, während An Jia von zwei unberittenen Sogdern begleitet wird. Die Begegnung ist keine zufällige. Es handelt sich um ein offizielles Treffen, welches die Aufnahme von Verhandlungen einleitet. Diese Verhandlungen sind dann im unteren Teil der gleichen Reliefplatte wiedergegeben.

Dargestellt auf der nächsten Abbildung (Abb. 8).

Abb. 8: Chinesische Kunst der Tang-Zeit - Wandrelief aus dem Grab des Anjia

Überhaupt kann vermutet werden, dass das Volk der Sogder, nachdem es sich intensiver hat "hellenisieren" lassen als umliegende Völker, in Mittel- und Ostasien eine vielleicht vergleichbare Rolle als Kulturvermittler einnahm, wie im Westen (im Römischen Reich) die Griechen. Zu den Sogdern flüchteten sich auch die im Westen verfolgte Sekte der Manichäer. Und diese Manichäer breiteten sich mit den Sogdern dann ins Tarimbecken und weiter nach China hinein aus, wo sie bis in die Zeit Marco Polos hinein Bedeutung behielten (Netzverweis). Hier ein Gemälde, das Manichäer in China darstellt, teilweise mit europäischen Gesichtszügen (Abb. 9).

Abb. 9: Manichäer in China

Nicht nur reisten Sogder nach China, auch Chinesen bereisten das Land der Sogder und berichteten beeindruckt (Sariam):

Laut dem chinesischen Mönch und Pilger Xuan Zang aus dem 7. Jahrhundert war die Hälfte der sogdischen Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig, die andere Hälfte betrieb Handel. (...) Mit fünf Jahren begannen die Jungen zu lernen, und als junge Erwachsene wurden sie zum Erlernen des Handels geschickt. Mit 20 Jahren zogen die jungen Männer in benachbarte Gebiete, um dort gewinnbringenden Handel zu treiben.
According to Chinese monk-pilgrim of the 7th century Xuan Zang, half of Sogdian population was engaged in farming, whereas the other half carried on trade. (...) At the age of five, the boys studied books, and after getting their teens they were sent to learn trading. Having reached their 20th year, young men went to neighboring lands to engage in profitable trade.

Aber in gleicher Weise vermittelten die Sogder auch den Buddhismus Indiens nach China und von dort weiter nach Korea und Japan. Und dementsprechend gibt es manche Darstellungen in China von dem ältesten Schülers des Buddha, Kasyapa, der mit ausgeprägt europäischen Körpermerkmalen dargestellt, fast karikiert wird (lange Ohren, spitze Nase, spitzes Kinn etc.) (Netzverweis) (Abb. 10).

Abb. 10: Der älteste Schüler Buddha's, Kasyapa

Der Buddhismus wurde also in China - zumindest am Anfang - klar als eine ausländische Religion empfunden, die man dementsprechend auch mit "Ausländern" in Verbindung brachte. Der Historiker Hans Wilhelm Haussig weist immer wieder auf Kulturelemente hin, die von den Sogdern über die Chinesen bis nach Korea und zu den Yajoi-Japanern hin Verbreitung fanden. So die von den Sogdern sehr früh von den Römern übernommenen rechteckigen Schilde und andere Rüstungsteile. So auch "goldene Mützen", die nicht nur Verwandtschaft mit ähnlichen in Japan, sondern - wie mir scheint - auch mit solchen der heutigen tibetischen Mönche aufzeigen.

(Der Stellung Tibets zwischen den damaligen Völkern und Kulturen müsste man noch einmal gesondert nachgehen. Ihre Gesandten tauchen oft auf chinesischen Darstellungen gemeinsam mit sogdischen Gesandten am chinesischen Kaiserhof auf. Zum Beispiel auf der folgenden Abbildung [Abb. 11], auf der neben einem Sogder auch ein Tibeter dargestellt zu sein scheint.)

Abb. 11: Gesandte am chinesischen Kaiserhof der Tang-Zeit

Wie deutlich werden soll, kann man sich einen guten Eindruck von den Sogdern verschaffen, wenn man ihre Darstellungen in der Kunst kennt (Suchwort "Sogdian"), vor allem auch in der - bislang wenig bekannt gebliebenen - chinesischen. Es ist dabei auch folgendes von Interesse: 690 n. Ztr. wurde der chinesische Kaiser Qian Long in einem ungeheuer prächtigen Grab bestattet.

Abb. 12: Grab des chinesisches Kaisers Qian Long (690 n. Ztr.)

An der Kilometer-langen Straße, die zu diesem Grab hinführte (siehe folgende Abb. 12 bis 14), stehen aufgereiht die Vertreter der trauernden Völker und Provinzen des Kaiserreiches.

Abb. 13: Grab des chinesisches Kaisers Qian Long (690 n. Ztr.)

61 Figuren mit ausländischen ("europäischen") Gesichtern wurden zwischenzeitlich die Köpfe abgeschlagen. Dies geschah, weil chinesische Bauern einmal diese "Ausländer" in einer Dürreperiode für ihre Nöte verantwortlich machten. (Netzverweis).

Abb. 14: Grab des chinesisches Kaisers Qian Long (690 n. Ztr.)

Dies zeigt eine sehr typische Reaktion, die Jahrhunderte lang in China gegen alles Ausländische vorherrschte. Aber noch das Grab seiner Enkeltochter, der Prinzessin Yongtai, die 705 n. Ztr. starb (Abb. 15 bis 18), weist neben all den chinesischen Hofdamen, die auf den Wänden dargestellt sind, als Figur einen "ausländischen Besucher" zu Pferde auf (Abb. 18).

Solche Zusammenstellungen von Kunstwerken vermitteln einen ersten Eindruck von der zahlenmäßigen Bedeutung von "Ausländern" am chinesischen Kaiserhof der Tang-Zeit.

Abb. 15: Grab der chinesischen Kaiserenkelin Yongai (705 n. Ztr.)

Daß China einstmals in umfangreicherem Maße kulturell und politisch vom Ausland beeinflußt, ja oft sogar regiert worden ist, wurde im traditionellen Geschichtsbild der Chinesen Jahrhunderte lang sehr vehement verdrängt und unterschlagen.

Abb. 16: Grab der chinesischen Kaiserenkelin Yongai (705 n. Ztr.)

Dieses Vorgehen ist noch heute in China nicht völlig überwunden. Deshalb darf vermutet werden, dass jene Zeugnisse, die auf ausländische Einflüsse in China aufmerksam machen, noch heute gar nicht vollständig zu überblicken sind, da man gegenwärtig erst angefangen hat, sie systematischer historisch aufzuarbeiten (vgl. Netzverweis).

Abb. 17: Grab der chinesischen Kaiserenkelin Yongai (705 n. Ztr.)

China befindet sich diesbezüglich derzeit in einer tiefgreifenden Umwälzung seines eigenen Geschichtsbildes. Und diese Umwälzung seines Geschichtsbildes betrifft auch Umwälzungen im Geschichtsbild der Menschheit überhaupt, da viele an China angrenzende Völker davon betroffen sind, die bislang kaum in das Kulturbewusstsein der Menschheit getreten sind und die erst über Zeugnisse der chinesischen Kultur umfangreicher bekannt werden können.

712 eroberten die Araber Samarkand nach heftiger Gegenwehr der Einwohner. Sie zerstörten die ganze alte Kultur der Sogder mit ihren Palästen, Bibliotheken und Manuskripten. Es sind mit diesem Beitrag erst wenige Teilausschnitte von dem gebracht, was über die sogdische Kultur bekannt ist.

Abb. 18: Aus dem Grab der chinesischen Kaiserenkelin Yongai (705 n. Ztr.)

Noch bis in 17. Jahrhundert hatte die sogdische Sprache weite Verbreitung in Tadschikistan. Heute gibt es nur noch 2.000 Sprecher im Hochgebirge, die Jagnaben. Ihre Sprache hat sich wahrscheinlich deshalb so lange halten können, weil sie sich lange gegen die Islamisierung gewehrt haben. Von den Jagnaben sagen die Tadschiken:

Sie sind mit der Axt zum Islam bekehrt worden.

Auch nach 1920 blieben die Jagnaben stolz auf ihre Sprache und Identität (Verweis).

Abb. 19: Die berühmte Seidenstraße

Eine Persönliche Ergänzung, 29.11.2014

Hans-Wilhelm Haussig (1916-1994)

Als ich 1990 bis 1992 an der Freien Universität Berlin Geschichte studierte, besuchte ich, wenn ich es recht in Erinnerung habe, bei Semesterbeginn auch ein- oder zweimal ein Seminar von Hans-Wilhelm Haussig (1916-1994) (Wiki). Wie ich gerade sehe, ist er 1994 gestorben und erhielt auch einen Nachruf in der FAZ (5). Daß er ein "Orchideenfach" vertrat, war klar und auch ablesbar an der mäßigen Zahl der Studenten im Seminar. Das alles wirkte damals auf mich ein wenig "schrullig", besonders und eigenartig. Aber damals war ich mir der Bedeutung seiner Themen noch nicht bewußt - so wie ich es mir mit diesem Blogbeitrag bewußt mache. Eigentlich sehr schade.

Ist meine Erinnerung richtig, daß Herr Haussig aus einem Berg von mit ganz kleiner Schrift eigenhändig beschriebenen Zetteln vortrug, und daß man sich nie ganz sicher war, wer den Sieg davon tragen würde in seinem Kampf mit dem reichen Material und der Gedankenfülle, die er vortragen wollte, nämlich er als Vortragender oder ob nicht viel mehr das Material und die Gedankenfülle, die er vortragen wollte, ihn knapp dabei waren "zuzudecken" - ?

Abb. 20: Hans Wilhelm Haussig - Kunst und Archäologie der Seidenstraße (1994)

Und sprach aus ihm nicht auch ein Gefühl der "Zurückgesetztheit", das Gefühl, ein Fach und Themen zu vertreten, die viel mehr Aufmerksamkeit von Seiten der Öffentlichkeit verdient hätten, als sie es erfuhren? Womöglich sind meine Erinnerungen nicht ganz falsch, heißt es doch schon einleitend in dem Nachruf in der FAZ (5):

Hans Wilhelm Haussig war als Wissenschaftler ein Wanderer zwischen den Welten und den Kulturen. Seinen Arbeiten haftete manches Mal etwas Schillerndes an, wie es bei Grenzgängern mitunter nicht ausbleibt.

Ich glaube, heute, nachdem dieser Blogartikel geschrieben wurde, würde ich ihm und seinen Ausführungen mit viel größerem Verständnis und viel größerer Aufmerksamkeit folgen, als ich es damals getan habe. Dieser Blogartikel sei deshalb - nachträglich - auch gewidmet dem Andenken eines sicherlich bedeutungsvollen - und eines wahrscheinlich auch oft verkannten und zurückgesetzten - liebenswürdigen Forschers.

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Literatur:
  1. Haussig, Hans Wilhelm: Archäologie und Kunst der Seidenstraße. Wissenschaftl. Buchgesellschaft, Darmstadt 1992 (Bildband, Zusammenstellung von Kunstobjekten verteilt in vielen Museen der Erde)
  2. Haussig, Hans Wilhelm: Die Geschichte Zentralasiens und der Seidenstraße in vorislamischer Zeit. Wiss. Buchgesellschaft, Darmstadt (2. Aufl.) 1992
  3. Mode, Markus: Sogdien und die Herrscher der Welt. Türken, Sassaniden und Chinesen in Historiengemälden des 7. Jahrhunderts n. Chr. aus Alt-Samarkand. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 1993
  4. Stawskij, Boris J.: Die Völker Mittelasiens im Lichte ihrer Kunstdenkmäler. Archäologische Reise durch die Geschichte Alt-Mittelasiens. Keil Verlag, Bonn 1982
  5. Clauss, Manfred: Grenzgänger Hans Wilhelm Haussig gestorben. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 09.05.1994, S. 038 (Feuilleton)

Montag, 14. Mai 2007

Als die Sogder "in" waren in China

Sogder als Mandarine

In früheren Beiträgen wurde das Volk der Sogder und seine speziellen Beziehungen zum chinesischen Reich während der Tang-Zeit thematisiert. (Studium generale 1, 2, 3, 4 ) Das dort schon thematisierte Wort "Sabao" ist ein sogdisches Wort, das ursprünglich aus dem Indischen stammt und den Führer einer (Fernhandels-)Karawane bezeichnet. Es bezeichnet auch den Leiter einer Gilde von Kaufleuten (1, S. 151).

Abb. 1: Sogdische Musiker auf einem Kamel, Xi'an, 723 n. Ztr. (ein beliebtes Kunstmotiv im Tang-zeitlichen China) - Tang-zeitliche Sancai-Porzellan-Figur, ausgestellt im Nationalmuseum von China in Peking (Wiki, a) (Fotograf Gary Todd)

 Im chinesischen Reich bekam aber nun dieses Wort eine erheblich größere Bedeutung. Der "Sabao" wurde als ein Staatsamt in die reguläre chinesische Staatsverwaltung eingegliedert. Ein Sabao bekleidete das Amt eines Mandarins. Er war der Leiter einer Gemeinde von mindestens 200 sogdischen Haushalten in einer beliebigen chinesischen Reichsstadt oder Provinz. Diese sogdischen Gemeinden verteilten sich über das ganze chinesische Reich bis zur koreanischen Grenze. Alle diese Sabao's im ganzen chinesischen Reich unterstanden dem (sogdischen) Sabao der chinesischen Hauptstadt, der zugleich (vielleicht nicht immer aber doch recht häufig) Minister für auswärtige Angelegenheiten und Auslands-Handel war und auch Leiter der ausländischen religiösen Kulte (1, S. 149).

Die ganze Bedeutung der sogdischen Volksgruppe innerhalb des Tang-zeitlichen chinesischen Reiches wird aber erst deutlich, wenn man sich anschaut, ab welcher Verwaltungseinheit für die chinesische Bevölkerung ein Mandarin eingesetzt wurde. Es war dies der Distrikt. Die chinesischen "Bürgermeister" einer beliebigen (befestigten) Stadt hatten keinen Mandarin-Status, während dieser offenbar schon den sogdischen "Bürgermeistern" von Gemeinden sozusagen mit "Dorfgröße" (eben 200 Haushalten) zugesprochen wurde. (1, S. 152) Das heißt, daß diese Gemeinden aus chinesischer Sicht aus hoch qualifizierten Menschen bestanden haben mußten. Diese und andere Umstände führten auch dazu, daß es im Jahr 785 4.000 westliche diplomatische Beamte (und Emigranten, bzw. Flüchtlinge) gab, die auf den Gehaltslisten des chinesischen Reiches standen. Ein großer Teil davon waren ohne Zweifel Sogder (1, S. 141).

Diese sogdischen Gemeinden im chinesischen Reich nun hatten eine weitreichende Selbstverwaltung, eigene Gerichtsbarkeit, eigene Steuereinnahmen, eigene religiöse Kulte. Man hat dementsprechend archäologisch inzwischen neun Gräber oder - mit diesen verwandte? - "Wohnungs-Sitzbänke" (?) des 6. Jahrhunderts gefunden, die entweder sogdisch waren oder unter sogdischem Einfluß standen und man befindet sich noch mitten in der Erforschungs- und Entdeckungsphase, da einige davon erst vor wenigen Jahren ausgegraben wurden (1, S. 148).

Warum diese Vorzugs- und Sonderbehandlung?

Aber warum genoß diese sogdische Volksgruppe im chinesischen Reich eine solche Sonder- und Vorzugsbehandlung? Das liegt höchstwahrscheinlich daran, daß vieles von dem, was die Sogder auf ihren Karawanenzügen aus dem Westen (aus Samarkand, aus der Provinz Ferghana, aus dem Tarimbecken, aus Indien) mitbrachten - nicht zuletzt sich selbst -, einfach "in" war im tangzeitlichen China, das heißt, in "Chinas goldenem Zeitalter". (2) Schon in früheren Jahrhunderten waren es die Pferde gewesen, die aus den Pferde-reichen Provinzen im Westen (Gansu, Tarimbecken, Fergahna) nach China eingeführt wurden, bzw. von den sinisierten türkischen Adelsfamilien im Nordwesten des chinesischen Reiches mitgebracht worden waren. (Die chinesische Kaiserfamilie der Li soll selbst von türkischen Adelsfamilien des Nordwestens abstammen.)

Abb. 2: Skulptur eines Saken aus der antiken Stadt Chaltschajan (Wiki), gelegen 400 km südlich von Samarkand, heute Usbekistan, 1. Jhdt. n. Ztr. (s. Stgen2022)

Während die feineren, zeitweise vor den türkischen (hunnischen) Angriffen nach Süden geflüchteten, chinesischen Adelsgeschlechter im Süden auf die "barbarischen" Adelskreise des Nordens anfangs noch herabsahen, bei denen es üblich war, daß sogar die Frauen ritten und das tocharische (oder indische) Polospiel spielten, (sogar der Kaiser spielte mit), konnte sich die chinesische Gesellschaft, vor allem der Adel, mit den Jahren offenbar immer weniger den suggestiven Einflüssen der westlichen Kultur entziehen. (So einfach sind die Parallelen zu heute nicht zu ziehen. Denn diese damalige "westliche Kultur" ist mit der heutigen "westlichen Kultur" doch überhaupt nicht zu vergleichen. Fast zögert man, in Bezug auf heute von "Kultur" zu sprechen.)

Sogdisch war "in"

In der riesigen, neu errichteten Reichshauptstadt (gelegen in der traditionellen, chinesischen Hauptstadt-Provinz Xian), in Changan, lebten zwei Drittel der dort ansässigen Sogder rund um den "westlichen Markt" und den "östlichen Markt". (2, S. 34 - 44) In der Nähe des letzeren lag das "Nobelstadt"-Viertel, wo die Adelsvillen lagen. Zeitweise hatten die Chinesen bei den sogdischen Geldverleihern so viel Geld geliehen, daß die chinesische Regierung einschritt. (1, S. 139f) Die sogdischen Schenken-Mädchen wurden vielfach von chinesischen Dichtern besungen. (1, S. 140) Man aß "sogdisch". Man hörte sogdische Musik. Man sah sich sogdische Schauspiele an. Man parfümierte sich sogdisch. Die Vereinigung der Parfüm-Hersteller der zweitgrößten Stadt des Reiches, Luoyang, hatte im Jahr 689 19 Mitglieder, von denen mindestens fünf Sogder waren, darunter sowohl der Vorsitzende wie auch sein Sektretär. (1, S. 141) Mönche, Priester und Soldaten lebten in den sogdischen Gemeinden. (1, S. 141) Man tanzte "sogdisch". Auf Wunsch der Kaiserin führte ein sogdischer General ihr einen typischen sogdischen Wirbeltanz vor, den dann auch der Kaiser selbst lernen wollte. Später, im Jahr 755, machte dann ausgerechnet dieser General - An Lushan, sein Vater war Sogder, seine Mutter Türkin - einen großen Aufstand (2, S. 32f).

Original-Dokumente der Sogder hat man bislang wenige. Aber im Jahr 1907 machte der berühmte britische Entdeckungs-Reisende Aurel Stein 90 Kilometer westlich der chinesischen Stadt Dunhang (auf dem Weg Richtung südliches Tarimbecken) in einem uralten verfallenen Grenzturm der "Großen Mauer" eine ungeheuer aufregende Entdeckung. Er fand fünf sogdische Briefe aus dem Jahr 313. Obwohl sie hauptsächlich politische Themen und Handels-Themen behandeln, wird deutlich, wie die Art der Kommunikation zwischen den sogdischen Gemeinden zu jener Zeit zwischen der chinesischen Hauptstadt und Samarkand aussah. Die Sogder beschäftigten natürlich auch viele Sklaven und unterschieden deutlich zwischen Freien und Unfreien. Möglich oder wahrscheinlich, daß viele sogdische Handelsbeauftragte und Briefüberbringer Unfreie gewesen sind.

Der Hunneneinfall von 313

Zwei Jahre vor dem Jahr 313 hatten die Hunnen einen fürchterlichen Einfall ins chinesische Reich gemacht und der bedeutendste unter den fünf Briefen, der aus der chinesischen West-Provinz Gansu nach Samarkand gerichtet war (1, S. 43 - 45), berichtet von der Hungersnot in der chinesischen Hauptstadt, von der Flucht des chinesischen Kaisers und von der eigenen Bedrohtheit an Leib und Leben durch Hunger, Krankheit, Alter und Überfall. Das war nicht unbedingt die typischste Situtation, in der wir uns die Sogder in China vorstellen werden dürfen, aber wohl zumindest eine "typische" Ausnahmesituation.

Kennzeichnend ist, wie der Briefschreiber immer von Sogdern schreibt, die nach China "hinein" oder aus China "heraus" kommen. Man war sich offenbar einer deutlichen Kulturscheide im Bereich der Provinz Gansu damals bewußt. Natürlich war das chinesische Reich selbst schon damals viel dichter besiedelt mit Millionenstädten als die Oasen-Siedlungen des Tarimbeckens und anderer Gegenden, durch die die sogdischen Karawanen damals ziehen mußten. Damals war allerdings auch das Tarimbecken noch weitaus dichter besiedelt als heute, da sich inzwischen dort die Wüste sehr stark ausgeweitet hat. Um 400 berichtet ein chinesischer Mönch, der nach Indien reiste, über die Oasen des Tarimbeckens, daß jede "ihre eigene, besondere, barbarische Sprache hatte". (2, S. 61) Hier lebten damals Sogder, Tocharer, Türken, Inder, Chinesen.

Der sogdische Briefschreiber sagt nun 313 sinngemäß: Es ist gegenwärtig keinerlei Profit zu erwarten aus dem Handel mit China. Ich habe zum Teil schon seit Jahren keine Nachricht mehr bekommen von Sogdern, die nach China "hinein" gingen. Er spricht von "hundert Freien aus Samarkand", die "hinein" gegangen wären und von weiteren vierzig Männern. Er spricht davon, daß viele Sogder und auch Inder in der chinesischen Hauptstadt (zusammen mit den Chinesen) des Hungers gestorben seien. "Jeden Tag rechne ich selbst damit, getötet oder ausgeraubt zu werden." Aber er sei zu alt und zu krank, um noch eine weite Reise antreten zu können (1, S. 43 - 45).

Zwei andere Briefe sind wahrscheinlich nicht nach Samarkand gerichtet, sondern möglicherweise nach Loushan am Lopnor-See. Sie stammen von einer Frau, Miunai, der erste an ihre Mutter, Catisa, der zweite an ihren Ehemann, Nanai-dhat, mit einem Postskriptum von ihrer Tochter Saina. (1, S. 47) Auch ein weiterer Brief berichtet aus einer Nordwest-Provinz Chinas im Jahr 313 sinngemäß: Ich bin hier völlig isoliert, es kommt keine Karwane nach hier und es geht keine von hier fort (1, S. 50).

Schriftum:

  1. La Vaissiere, Etienne de: Sogdian Traders. A history. Leiden 2005 (Handbuch der Orientalistik, Band 10)
  2. Kuhn, Dieter (Hg.): Chinas Goldenes Zeitalter. Die Tang-Dynastie (618 - 907 n. Chr.) und das kulturelle Erbe der Seidenstraße. Edition Braus, Museum für Kunst und Kulturgeschichte der Stadt Dortmund 1993 (Ausstellungsband)

Mittwoch, 30. August 2017

Die Jagnoben und Usbeken sind Nachkommen der indogermanischen Sogder

Obwohl sie sprachlich türkisch sind
- Die wenigen Überreste der großen Vergangenheit indoarischer Völker im Mittleren Osten

In Usbekistan leben heute 22 Millionen Usbeken, mehrere Millionen Usbeken leben in angrenzenden Ländern, insbesondere in Afghanistan.

Abb. 1: Frauen des Volksstamms der Jagnoben - Auf Fotografien der Jagnoben sieht man häufiger eher westlich-europäisch anmutende Menschen zwischen "muslimisch" anmutenden Menschen. Erstere insbesonders werden Nachkommen der Sogder sein. - Vor dem Hintergrund der großen Vergangenheit der Sogder liest sich das Schicksal der heutigen Jagnoben(Wiki), die ein untergehendes Volk sind, mehr als erschütternd 

In einer neuen Studie (1) wurde der genauere Umfang der genetischen und sprachlichen Unterschiede zwischen 11 turksprachigen und 10 indo-iranisch-sprachigen Lokalstämmen in Usbekistan, Tadjikistan und Kirgistan untersucht. Zu den untersuchten Turkvölkern gehörten mehrere Lokalstämme der Kasachen, der Kirgisen, der Karakaplaken und der Usbeken ("UZA"), insgesamt 11. Zu den untersuchten indo-iranischen Völkern gehörten mehrere Lokalstämme der Tadschiken, sowie die Bewohner des abgelegenen Yagnob-Tales ("TJY"), insgesamt 10.

Interessanterweise ergibt sich nun als erstes Ergebnis, daß die indo-iranischen Lokalstämme dieses Raumes - also vor allem die Tadschiken - deutlich größere genetische Unterschiede untereinander aufweisen als die genannten turksprachigen Lokalstämme dieses Raumes sie untereinander aufweisen (1):

Wie frühere Studien gezeigt haben, wiesen die indoiranisch sprechenden Populationen höhere genetische Differenzierungsgrade auf als die turksprachigen Populationen. Tatsächlich unterschieden sich 47 von 55 paarweisen FST-Werten bei den 10 indoiranisch sprechenden Populationen signifikant von Null, während dies bei den neun turksprachigen Bevölkerungsgruppen nur bei 14 von 45 paarweisen FST-Werten der Fall war.
"As shown in previous studies, the Indo-Iranian speaking populations had higher genetic differentiation levels than the Turkic speaking populations. Indeed, 47 pairwise FST values out of 55 were significantly different from zero for the 10 IndoIranian speaking populations, while it was the case for only 14 pairwise FST out of 45 for the nine Turkic speaking populations."

Der Grund dafür wird zunächst darin gesucht werden können, daß die genetische Aufspaltung der indo-iranischen Stämme viele hundert, wenn nicht tausend Jahre älter sein kann als die Aufspaltung der genannten Turkstämme, die ja nicht älter als 2000 Jahre alt sein wird. Aber für diesen Umstand kann es natürlich auch noch viele andere Gründe geben, die man womöglich erst kennt, wenn man sich mit der Kulturgeschichte dieses Raumes eingehender beschäftigt hat.

Sprachlich waren alle Turkvölker natürlich miteinander mehr verwandt als mit den indo-iranischen Sprachen. Genetisch aber steht - vielleicht überraschend - das Turkvolk er Usbeken ("UZA") näher zu den indo-iranischen Stämmen als zu den sprachlich verwandteren Turkvölkern. Und das, obwohl die Usbeken sogar das zweitgrößte Turkvolk in der Welt überhaupt bilden (!) (1):

Die turksprachige Varietät UZA war anderen Turksprachenvarianten näher als indoiranischen Varianten, aber die UZA-Population war genetisch näher an indoiranisch sprechenden Populationen als an anderen turksprachigen Populationen.
The Turkic linguistic variety UZA was found closer to other Turkic varieties than to Indo-Iranian varieties, but the UZA population was genetically closer to Indo-Iranian speaking populations than to other Turkic speaking populations.

Es handelt sich also bei den Usbeken zu nicht geringen Teilen um Nachkommen des indogermanischen Volkes der Sogder - so wie es sich bei den Uiguren in den Oasenstädten der Seidenstraße genetisch etwa zur Hälfte um Nachkommen des indogermanischen westsibirischen Volkes der Tocharer handelt.

Den Sogdern und ihrem Kamel-Fernhandel bis ins kaiserliche China der Tang-Zeit hinein sind hier auf dem Blog in früheren Jahren ja schon viele Blogbeiträge gewidmet worden (siehe Schlagwort "Sogder"). Ebenso den ursprünglich westsibirischen Bewohnern der Oasenstädte in der Taklamakan (unter anderem Tocharer). Die Sogder fanden als auffällige europäische Menschentypen in der Tang-Zeit viele Darstellungen in der chinesischen Kunst und sie stiegen dort bis in den Ministerrang auf.

Abb. 2: Von Samarkand in Usbekistan ins Jagnob-Tal in Tadschikistan sind es 230 Kilometer

Die Bewohner des abgelegenen Jagnob-Tales hingegen weisen laut der neuen Studie weder sprachlich noch genetisch besonders große Nähe zu einer der beiden großen Sprachgruppen auf, stehen also noch heute mehr für sich:

Die TJY-Bevölkerung schien sowohl sprachlich als auch genetisch von den anderen indoiranischsprachigen Bevölkerungen (...) und noch weiter von den turksprachigen Bevölkerungen entfernt zu sein.
The TJY population seemed both linguistically and genetically distant from the other Indo-Iranian speaking populations (...) and even more distant from the Turkic speaking populations.

Die in abgelegenen Bergtälern lebenden Jagnoben (Wiki) werden sowohl sprachlich als auch genetisch als letzte Nachkommen der Sogder gehandelt (Wiki). Sie leben in Bergtälern 230 Kilometer östlich von Samarkand (GMaps). 

Eine Studie aus dem Februar 2019 zu den Jagnoben

Aber sie sind heute ein aussterbendes Volk. Und das heutige Schicksal der Jagnoben mag erschütternd zu sehen sein im Angesicht der großen und langen Vergangenheit dieses indoiranischen Volkes. Neuerdings ist im Jahr 2019 zu den Jagnoben eine eigene Studie erschienen. In dieser heißt es zusammenfassend (2):

Unsere Analysen zeigen, daß die genetische Vielfalt der Jagnoben als Querschnitt eines genetischen Hintergrunds betrachtet werden kann, der in einem großen Gebiet Eurasiens weit verbreitet war, bevor eine Reihe historischer, demografischer Ereignisse die genetische Struktur der in dieser Region lebenden menschlichen Populationen grundlegend änderte.
Our analyses highlighted that the Yaghnobi genetic diversity could be thus considered as a cross-section of a genetic background widespread in a large area of Eurasia before that a series of historical demographic events substantially reshuffled the genetic structure of human populations residing in this region.

Und (2):

Vermischungs-, Outgroup-f3- und D-Statistiken, die auf Grundlage der autosomalen Variation erstellt wurden, untermauerten die Hinweise, die das Y-Chromosom gegeben hatte und wiesen auf einen geringen Anteil an anatolischer neolithischer Abstammung bei den Jagnoben bzw. auf einen hohen Anteil an Steppenabstammung hin, sowie auf eine größere Verwandtschaft mit den Tadschiken als mit den Iranern.
Admixture, outgroup- f3 , and D-statistics computed on autosomal variation corroborated Y-chromosome evidence, pointing respectively to low Anatolian Neolithic and high Steppe ancestry proportions in Yaghnobis, and to their closer affinity with Tajiks than to Iranians.

Die Jagnoben haben also über die väterliche Herkunft einen höheren Anteil indo-iranischer Herkunft ("Steppe ancestry") und sind enger mit den Tadschiken verwandt als mit den Iranern. Weiter heißt es (2):

Angesichts der neuen Fortschritte auf dem Gebiet der Paläogenomik stellt die Möglichkeit zur Analyse alter Exemplare aus diesem Gebiet und insbesondere aus sogdischen Siedlungen einen grundlegenden und empfehlenswerten Beitrag zum Verständnis der genetischen Geschichte der Jagnoben dar.
In the light of the new advances in the field of paleogenomics, a fundamental and advocated contribute to the understanding of the genetic history of Yaghnobis will be represented by the possibility to analyze ancient specimens from that area and in particular from Sogdian settlements.

Auf diese darf man sehr gespannt sein. - - - Die Autoren der 2017er-Studie schrieben zusammenfassend über die Usbeken, bzw. über ihre Vorfahren, die Sogder (1):

Die jüngsten Zuwanderungen türkischsprachiger Bevölkerungen führten wahrscheinlich zu einem sprachlichen Wandel. Dieser Wandel scheint eher auf eine Vermischung des indoiranischen und des turksprachlichen Wortschatzes zurückzuführen zu sein, als auf einen vollständigen sprachlichen Austausch, wie zuvor angenommen. Dabei wurde der turksprachliche Wortschatz stark bevorzugt. Umgekehrt schienen die angenommenen Anteile der von jeder Gruppe geerbten Gene ähnlich zu sein.
The recent Turkic speaking population invasions probably led to a linguistic shift. This shift seems to have resulted from an admixture between the Indo-Iranian and Turkic vocabularies, strongly biased towards the latter, rather than a complete linguistic replacement as previously proposed. Conversely, the estimated proportions of genes inherited from each group appeared to be similar.

Insgesamt wird es sich bei den Usbeken also genetisch tatsächlich um ein ähnliches Mischungsverhältnis handeln wie bei anderen Völkern der Oasenstädte in der Taklamakan. Vielleicht leben also noch heute unter den Usbeken Nachkommen der Verwandten jener berühmten sogdischen Prinzessin Roxane, die Alexander der Große nach der Einnahme von Samarkand (sogdisch "Marakanda") geheiratet hat.

Abb. 3: Usbeken; aus: Erich Zugmayer's "Eine Reise durch Vorderasien im Jahre 1904" (Wien: Verlag Dietrich Reimer, 1905) (Herkunft: Wiki)

Merkwürdig ist, daß die Usbeken heute nur noch wenig Bewußtsein zu haben scheinen davon, daß sie Nachkommen der Sogder sind. Der Islam hat hier - wie in Uigurien - offenbar zu einem völligen Traditionsbruch geführt, vermutlich ähnlich ausgeprägt wie sich die Christen in Europa Jahrhunderte lang kaum noch daran erinnerten, daß sie heidnische, germanische Vorfahren hatten und wer diese waren.


/ Zuerst auf Google-Plus, 30.8.2017;
ergänzt mit (2) 27.2.2019;
leicht überarbeitet: 15.2.25 /

________________________________________________________________
  1. Thouzeau V, Mennecier P, Verdu P, Austerlitz F. 2017 Genetic and linguistic histories in Central Asia inferred using approximate Bayesian computations. Proc. R. Soc. B 284: 20170706. http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/284/1861/20170706
  2. The genetic legacy of the Yaghnobis: A witness of an ancient Eurasian ancestry in the historically reshuffled central Asian gene pool. Autoren: Elisabetta Cilli Stefania Sarno Guido Alberto Gnecchi Ruscone Patrizia Serventi Sara De Fanti Paolo Delaini Paolo Ognibene Gian Pietro Basello Gloria Ravegnini Sabrina Angelini Gianmarco Ferri Davide Gentilini Anna Maria Di Blasio Susi Pelotti Davide Pettener Marco Sazzini Antonio Panaino Donata Luiselli Giorgio Gruppioni. American Journal of Physical Anthropology, First published: 29 January 2019 https://doi.org/10.1002/ajpa.23789

Sonntag, 31. August 2008

Seßhafte Völker verdauen anders - auch in Zentralasien

Zur Verdauungs-Genetik der Völker

Das Enzym NAT2 ist eines der wichtigsten jener Enzyme, die bei Menschen und Säugetieren auf die Verstoffwechselung von Arzneimitteln, Drogen und Giften Einfluß nehmen (also auf Art und Schnelligkeit ihrer Verdauung). Das Enzym beschleunigt die Azetylierung von aromatischen Aminen in Nahrungsmitteln. Der Gen-Ort, der dieses Enzym kodiert, macht Menschen oder andere Säugetiere angeborenermaßen entweder zu schnellen oder zu langsamen "Azetylierern". (Y-Suche: "Azetylierer", Wiki engl.: "Acetylation")

Abb. 1: Kirgise *)

Die Unterscheidung zwischen beiden Menschentypen (schnellen oder langsamen Azetylierern) wird bspw. auch schon in ihrer Bedeutung für die Arbeitsmedizin diskutiert. ("Genetik und Arbeitswelt" 2003, pdf.) Es gibt Hinweise darauf, daß angeborenermaßen schnelle menschliche oder tierliche Azetylisierer ein höheres Risiko haben, an Dickdarm-, Lungen-, Brust- oder Kehlkopf-Krebs zu erkranken, besonders wenn sie lang und gut durchgekochtes Fleisch essen. Umgekehrt gibt es Hinweise darauf, daß langsame menschliche (oder tierliche) Azetylierer ein höheres Risiko haben, an Prostata- oder Harnblasen-Krebs zu erkranken. (1) Offenbar ist bei Menschen der Typ des schnellen Acetylierers der evolutionär ursprünglichere Typ.

In der Humangenetik wird nun vermutet, daß die Veränderung des Lebensstiles von einer nomadischen zu einer seßhaften Lebensweise die Menschen ganz unbewußt vor neue Herausforderungen bezüglich der Azetylierung ihrer Nahrungsmittel gestellt haben könnte. Dies könnte gelten bezüglich des Verdauens von lang und gut durchgekochtem Fleisch. Aber auch andere Herausforderungen an die Körper und ihre Verdauung könnten einen neuen Selektionsdruck (erhöhte oder verringerte Sterblichkeit) in Richtung auf einen bestimmten Azetylierer-Typ hervorgebracht haben.

Humangenetiker aus Paris

Eine internationale Forschergruppe um den französischen Humangenetiker Etienne Patin in Paris ist dieser Frage genauer nachgegangen (1) (Europ. J. of Human Genetics, 28.11.07). Sie verglichen die Gen-Sequenzen, die das NAT2-Gen kodieren, bei wohl immer schon nomadisch lebenden Kirgisen (KRA und KRM) mit denen von erst seit etwa 500 Jahren seßhaft gewordenen Kasachen (KZ) und Usbeken (UZ), sowie mit wahrscheinlich schon seit Jahrtausenden seßhaft lebenden Tadschiken (TJA und TJU) in Zentralasien. (Siehe Karte, TK = seßhafte Turkmenen, die schon in einer früheren Studie untersucht worden waren.)

Es wurden die Gensequenzen für NAT2 von mindestens 50 Personen pro genannter Gruppierung untersucht. Von den Kirgisen vermuten die Forscher, daß sie immer schon Nomaden waren, weil sie ursprünglich aus Südsibirien stammen, wo der Ackerbau geschichtlich erst sehr spät und spärlich eingeführt worden ist. "Ihre Nahrung besteht vornehmlich aus Fleisch," schreiben die Forscher - und weiter:

Es ist allgemein anerkannt, dass die Usbeken und Kasachen ursprünglich Nomaden waren, die im 14./15. bzw. im 20. Jahrhundert sesshaft wurden. Heute sind sie Ackerbauern, deren Ernährung hauptsächlich auf Fleisch und Milchprodukten basiert. Im Gegensatz dazu betreiben die Tadschiken schon seit Langem Ackerbau; sie sind möglicherweise Nachfahren jener Bevölkerungsgruppen, die in dieser Region den Übergang zur neolithischen Lebensweise vollzogen (vor etwa 4000 bis 3000 Jahren). Sie leben als sesshafte Ackerbauern und betreiben Rinderzucht. Ihre Ernährung ist – anders als bei den zuvor genannten Bevölkerungsgruppen – weniger stark vom Fleischkonsum geprägt.
It is widely accepted that the Uzbeks and the Kazakhs were nomads who became sedentarized in the 14–15th century and the 20th century, respectively. They are now agriculturalists and have a diet based mainly on meat and dairy (- also Fleisch- und Milchprodukten). By contrast, the Tajiks are long-term agriculturalists and may represent the descendants of people who made the Neolithic transition in this area (approx. 4000–3000 years ago). They are sedentary agriculturalists rearing cattle. Their food diet is less dominated by meat consumption, contrary to the other populations cited above.

Die Ernährung ist also bei den Tadschiken weniger von Fleisch dominiert als bei den anderen genannten Populationen.

Die Forschungsergebnisse

Die Forscher fanden reinerbig schnelle Azetylierer zu:

- 21 % bei den Kirgisen, zu
- 16 % bei den Usbeken, zu
- 11 % bei den Kasachen und zu
- 8 % bei den Tadschiken und Turkmenen. (Tabelle 2 der Studie)

Falls die oben genannten historischen Annahmen zur Lebensweise stimmen sollten, wäre das ein sehr aussagekräftiges Ergebnis!

Sie fanden genauso eindeutig umgekehrt reinerbig langsame Azetylierer zu etwa

  • 60 % bei den Tadschiken,
  • 44 % bei den Turkmenen,
  • 35 % bei den Kasachen und etwa
  • 28 % bei den Kirgisen. (Tabelle 2)
  • "Mischtypen", also Menschen, die auf ihrem einen Chromosom die Version für schnellen Azetylierer und auf ihrem anderen Chromosom die Version für langsamen Azetylierer hatten, fanden sich zu e50 % bei Kasachen, Usbeken und Kirgisen aber nur zu etwa
  • 30 % bei Tadschiken. (Tabelle 2)

In diesen finden sich also bei den Tadschiken doppelt so viele wie bei den nomadisch oder erst "kürzlich" seßhaft gewordenen zentralasiatischen Völkern. Wurden nur einfache Chromosomen-Sätze betrachtet (also Haplotypen, von denen jeder Mensch zwei hat), so fanden die Forscher die einzige Version des Gens für einen schnellen Azetylierer (NAT2*4), nämlich die ursprüngliche Version dieses Gens, bei 47 % der Haplotypen der Kirgisen, bei 42 % der Haplotypen der Usbeken und bei 38 % der Haplotypen der Kasachen, bei 31 % der Haplotypen der Turkmenen und nur bei 24 % der Haplotypen der Tadschiken. (Tabelle 1 der Studie)

Die Verteilung der diversen neu evolutierten Versionen dieses Gens, die angeborenermaßen langsame Aztylierer hervorbringen (also die Versionen NAT2*12A, *5A, *5B, *5C, *6A, *7B), erwies sich noch als deutlich schwieriger zu interpretieren, zeigte aber eine ebenfalls sehr charakteristisch Verteilung auf. Beispielsweise fand sich die Version NAT2*7B, die sich auch sonst im wesentlichen nur in ost-eurasischen Bevölkerungen findet, bei 23 % der Haplotypen der Kasachen aber nur bei 4 % der Haplotypen der Tadschiken, während die Version NAT2*5B ebenso viele Haplotypen der Kasachen wie der Tadschiken aufwiesen (23, bzw. 24 %).

NAT2*6A fand sich vor allem bei den Tadschiken (etwa 42 %), während wieder abgestuft Usbeken 31 %, Turkmenen 30 %, Kirgisen 25 % und Kasachen nur 13 % aufwiesen. (Tabelle 1 der Studie)

All das - und noch mehr - deutet in jedem Fall auf eine jeweils sehr charakteristische Populationsgenetik und damit historische Demographie dieser Völker hin und macht einmal auf's Neue klar, wie sehr sich auch über Jahrhunderte benachbart wohnende Völker - wahrscheinlich vornehmlich aufgrund unterschiedlicher früherer Populations-Flaschenhälse und aufgrund kultureller Heiratsgrenzen - dennoch deutlich genetisch in Häufigkeits-Verteilungen unterscheiden können.


Die Forscher schreiben:
These significant differences in the frequency distribution of slow/fast acetylation phenotypes depending on lifestyle (...) strongly suggest that being slow acetylator has been an advantage in long-term agriculturalist populations in Central Asia.

Ähnliche Unterschiede haben sie ein Jahr zuvor auch schon für Afrika südlich der Sahara veröffentlicht, wie sie erwähnen, nämlich zwischen den ackerbau-treibenden Bantu-Völkern und den dortigen Jäger-Sammler-Völkern.

Die eigentlichen Selektionsfaktoren sind derzeit noch kaum bekannt und können nur vermutet werden - entsprechend der bekannten Tatsachen aus den einleitenden Ausführungen. Auffällig ist noch, daß das Koppelungs-Ungleichgewicht ("Linkage disequilibrium" = LD) für die entsprechenden Gene bei den Kirgisen viel höher ist als bei den Tadschiken, obwohl doch davon ausgegangen wurde, daß die Kirgisen vornehmlich die ursprüngliche Gen-Variante tragen würden und die Tadschiken die abgeleitete, evolutionär jüngere, deren LD dann eigentlich größer sein müßte. Also auch hier gibt es noch widersprüchliche Tatsachen, die vielleicht damit erklärt werden können, daß die Tadschiken von ganz anderen geschichtlichen "Rest-Misch-Bevölkerungen" abstammen als die vielleicht vor viel kürzerer Zeit aus kleineren Ausgangspopulationen hervorgegangenen Kirgisen. (?)

Die Sogder und ähnliche Völker Vorfahren der Tadschiken?

Zu der Bevölkerungs-Geschichte der Tadschiken noch einige Anmerkungen aus meinem eigenen, jüngsthin erworbenen Wissens-Bestand. Sie leben - offenbar schon seit vielen Jahrtausenden - in einem Gebiet, in dem noch vor 1.500 Jahren das in chinesischen Kunstwerken häufig dargestellte und sehr europäisch aussehende Volk der Sogder gelebt hat. Auch deren Hauptstadt war Samarkand (siehe Karte oben). Die Sogder lebten in den reichen Fürstentümern und Städten der damaligen "Sogdiana", in "Baktrien" (nördliches Afghanistan und Tadschikistan) und in der Ferghana. Und sie waren jenes Fernhandels-Volk, das in langen Karawanen bis nach Korea, China, Indien und Byzanz, sowie zu den Hunnen im Altai-Gebirge und möglicherweise bis an die heutige deutsche Ostsee über Jahrhunderte hinweg Fernhandel getrieben hat. In China lebten sie in "Ausländer-Kolonien" und nahmen hohe Staatsbeamten-Stellen ein.

Diesem Volk entstammte auch die sogdische Prinzessin Roxanne, die Alexander der Große bei der Eroberung des Perserreiches auf seinem Zug durch diese Gebiete (nach der Eroberung der Burg ihres Vaters in der Nähe Samarkands) heiratete. (Siehe viele frühere Studium generale-Beiträge zu den Sogdern aus dem letzten Jahr, vor allem diese: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7)

Ob und in welchem Ausmaß und in welchen Völkern diese zu großen Teilen sicherlich ausgestorbenen Sogder heute noch Nachkommen hinterlassen haben, ist meines Wissens bislang kaum erforscht, bzw. überhaupt als Fragestellung erfaßt. Von den östlich den Sogdern benachbart wohnenden Tocharern wird manchmal vermutet, daß sie ihr genetisches Erbe den heute dort lebenden Uiguren vermacht haben könnten, die europäischer aussehen als die Han-Chinesen. Vielleicht kann also ähnliches teilweise auch von den Tadschiken bezüglich des Vorgänger-Volkes der Sogder vermutet werden. Die europäischen Gene der Sogder und Tocharer könnten übrigens in der chinesischen Geschichte der letzten 1.500 Jahre, wie von dem chinesischen Humangenetiker Bruce Lahn vor einigen Jahren gegenüber Henry Harpending vermutet worden war, durch "Selektion gegen rebellische (ADHS-)Charaktere" sehr weitgehend wieder verloren gegangen sein.

Die Sogder waren sehr nahe verwandt den ihnen weiter nördlich benachbart wohnenden, ebenfalls hellhaarig und europäisch aussehenden skythischen Völkerschaften, die größtenteils nomadisch lebten. Die Sogder selbst aber waren grundsätzlich ein seßhaftes Volk, das von Ackerbau (und eben Fernhandel) lebte. Von den Kirgisen wird man sicherlich vermuten dürfen, daß sie von diesen nomadisch lebenden Skythen und zum Teil von den hunnisch-mongolischen Völkerschaften abstammen, die ursprünglich im Altai-Gebirge beheimatet waren.

Jüngste Humanevolution

Im ganzen ist die hier behandelte Arbeit jedenfalls eine deutliche Ergänzung zu anderen Ergebnissen auf dem Gebiet der menschlichen Verdauungs-Genetik, in der sich die Völker weltweit sehr deutlich unterscheiden entsprechend der bevorzugten Nahrung, die sie zu sich nehmen (Stud. gen., 16.6.07): In Ostasien kann man aufgrund genetischer Veranlagung Alkohl und Rohmilch wesentlich weniger gut verdauen als in Europa. Völker mit Stärke-reicher Nahrung haben deutlich häufiger Genvarianten, die das Verdauen von Stärke-haltigen Produkten erleichtern, als solche Völker mit weniger Stärke-reicher Nahrung (das Enzym Amylase). (s. Stud. gen., 21.10.07)

Zusammen mit diesem neuen Fall handelt es sich bei all diesen um Beispiele für "jüngste Humanevolution", ein Phänomen, das erst einige Jahre bekannt ist, und das unser Bild vom Menschenaber deutlich verändert, da wir Erkenntnisse zu dieser "jüngsten Humanevolution" nicht nur auf dem Gebiet der Verdauungs-Genetik haben oder der Genetik des äußeren Erscheinungsbildes des Menschen (Haut, Haare, Gesicht, Augen - ihre Farbe und Beschaffenheit, Körpergröße und vieles andere mehr) oder der Genetik der Abwehr von Krankheiten oder der Genetik von Erbkrankheiten, sondern eben auch der Verhaltensgenetik (ADHS, MAOA und anderes) und der Intelligenz-Genetik (charakteristische Verteilung der durchschnittlichen Intelligenz-Werte der Völker weltweit entlang eines Süd-Nord-Gradienten, wobei Vermischung zwischen Völkern durchschnittliche IQ-Werte erbringen auf der Mitte zwischen denen der Ausgangsvölker - genau so wie man es auch von allem erwartet, was man von den sonstigen genannten Genetik-Bereichen kennt, eben hier auch von den mischerbigen Azetylierern). Nochmal die Forscher und was sie in ihrer Einleitung in ihren eigenen Worten schreiben:

Mit dem Aufkommen der Landwirtschaft kamen neuartige Nahrungsmittel hinzu, mit denen das menschliche Genom evolutionär kaum vertraut war. Landwirtschaftlich geprägte Gemeinschaften sahen sich daher neuen Selektionsdrücken gegenüber, die zur Herausbildung genetisch verankerter Phänotypen führten, welche das Überleben des Menschen begünstigten. Neben der Verdauung neuer, energiereicher Nährstoffe mussten Menschen auch eine Vielzahl neuartiger Xenobiotika – darunter Toxine und Karzinogene – entgiften. So verändert beispielsweise die Temperatur bei der Zubereitung von Fleisch und Fisch die Exposition des Menschen gegenüber exogenen Karzinogenen (wie heterozyklischen Aminen und polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen) und erhöht damit das Risiko für Dickdarmkrebs. Dieses Beispiel legt nahe, dass Gene, die an der Entgiftung exogener Moleküle beteiligt sind, eine wichtige Rolle bei der menschlichen Anpassung während des Übergangs von der Jäger-und-Sammler-Lebensweise zur Landwirtschaft gespielt haben könnten.
Zu den Enzymen, die an der Entgiftung von Xenobiotika beteiligt sind, gehört die Arylamin-N-Acetyltransferase 2 (NAT2); dabei handelt es sich um ein Phase-II-Enzym des Arzneimittelstoffwechsels (Drug-Metabolizing Enzyme, DME), das die N-Acetylierung aromatischer Amine katalysiert. Dieses Enzym erlangte zunächst dadurch Bekanntheit, dass es als eines der ersten als Ursache für interindividuelle Unterschiede im Arzneimittelstoffwechsel identifiziert wurde. Funktionelle Polymorphismen des NAT2-Gens führen beim Menschen (wie auch bei anderen Säugetieren) zur Ausprägung von Phänotypen mit schneller oder langsamer Acetylierung. Es wurde bereits nachgewiesen, dass der Acetylierungsstatus Häufigkeit und/oder Schweregrad der Toxizität von Arzneimitteln und Xenobiotika in menschlichen Populationen beeinflusst.
So weisen beispielsweise „langsame Acetylierer“ ein erhöhtes Risiko für eine durch Isoniazid – ein wichtiges Tuberkulosemedikament – ​​verursachte Hepatotoxizität auf, da die hohen und langanhaltenden Konzentrationen des Wirkstoffs im Blutkreislauf toxische Effekte hervorrufen können. Zudem haben langsame Acetylierer ein höheres Risiko für Prostata- und Blasenkrebs nach einer Exposition gegenüber krebserregenden aromatischen Aminen. Umgekehrt weisen „schnelle Acetylierer“ beispielsweise ein erhöhtes Risiko für Dickdarmkrebs (sowie Lungen-, Brust- und Kehlkopfkrebs) auf, wenn sie in hohem Maße heterozyklischen Aminen ausgesetzt sind, die in stark erhitztem Fleisch vorkommen. In diesem Zusammenhang deutet die Beteiligung der Acetylierungsphänotypen am Stoffwechsel verschiedener Xenobiotika darauf hin, dass sie die Fitness menschlicher Populationen beeinflussen. Folglich könnten die durch den Übergang zur Landwirtschaft veränderten Expositionsbedingungen gegenüber toxischen Molekülen und Karzinogenen zu einer Reihe von Veränderungen des Selektionsdrucks auf die entsprechenden Enzyme (DMEs) geführt haben – wie kürzlich am Beispiel des NAT2-Gens gezeigt wurde.
With the advent of agriculture, novel foods were introduced, of which the human genome had little evolutionary experience. Thus, farming communities were challenged by new selective pressures that led to the emergence of genetically transmitted phenotypes increasing human survival. Besides digesting new energy-rich nutrients, humans also had to detoxify a wide range of novel xenobiotics, including toxins and carcinogens. For example, changes in the temperature at which meat and fish are cooked modify human exposure to exogenous carcinogens (heterocyclic amines and polycyclic aromatic hydrocarbons), and therefore, increases the risk of developing colon cancer (= Dickdarm-Krebs). This example suggests that the genes involved in the detoxification of exogenous molecules, generally speaking, might have played an important role in human adaptation during the transition from foraging to farming.
Among the enzymes involved in xenobiotic detoxification, arylamine N-acetyltransferase 2 (NAT2) is a phase II drug-metabolizing enzyme (DME), which catalyses the N acetylation of aromatic amines. This DME reached prominence initially as one of the first enzymes to be recognized as a cause of interindividual variation in drug metabolism. Functional polymorphisms at NAT2 gene segregate in humans and in other mammals into rapid and slow acetylation phenotypes. The acetylation status has been previously shown to modify the frequency and/or the severity of drug and xenobiotic toxicity in human populations.
For example, slow acetylators are at increased risk of hepatotoxicity to isoniazid, a major antitubercular drug, because the high and extended circulating concentration of this drug gives rise to toxic effects in humans. Slow acetylators are also at increased risk for prostate and urinary bladder cancers following exposure to aromatic amine carcinogens. Conversely, for example, fast acetylators are at increased risk for colon cancer (also lung, breast and laryngeal cancers) when individuals are highly exposed to heterocyclic amines found in well-cooked meat. In this context, the involvement of acetylation phenotypes in the metabolism of several xenobiotics suggests that they do change the fitness of human populations. Consequently, the changes in human exposure to toxic molecules and carcinogens introduced by the transition to agriculture might have implied a number of modifications in the selective pressures acting on DMEs, as recently shown for the NAT2 gene.

Im Netz scheint sich nur auf dem Blog von Yann Klimentidis (18.12.07) noch etwas zu dieser Studie zu finden.

Abschließende Bemerkung

Sonst scheint die Wissenschafts-Berichterstattung diese Arbeit "großzügig" übersehen zu haben. Waren ihr die Zusammenhänge zu kompliziert? Ehrlich gesagt, hab ich auch eine ganze Weile daran geknabbert, bis ich sie einigermaßen kapiert hatte. Erst die Tatsache, daß ich zu "Azetylierern" auch im deutschsprachigen Netz zahlreiche Netzfunde fand, gab mir einige Sicherheit, daß hier einigermaßen Wichtiges behandelt sein könnte.

/ ursprünglich veröffentlicht 27.1.2008 /

ResearchBlogging.org


*) Die Fotos dieses Beitrages dienen nur einer eher oberflächlichen Illustrierung der behandelten Völkerschaften, es handelt sich um eher zufällige Netzfunde, ohne jeden Anspruch darauf, besonders repräsentativ zu sein (dazu fehlen mir nämlich doch genauere Kenntnisse zur rezenten physischen Anthropologie dieser Völker).
_______________

  1. Hélène Magalon u.a.: Population genetic diversity of the NAT2 gene supports a role of acetylation in human adaptation to farming in Central Asia. In: European Journal of Human Genetics, (2008) 16, 243–251, published online 28 November 2007Hélène Magalon, Etienne Patin, Frédéric Austerlitz, Tatyana Hegay, Almaz Aldashev, Lluís Quintana-Murci, Evelyne Heyer (2007). Population genetic diversity of the NAT2 gene supports a role of acetylation in human adaptation to farming in Central Asia European Journal of Human Genetics, 16 (2), 243-251 DOI: 10.1038/sj.ejhg.5201963
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