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Donnerstag, 31. Januar 2008

Menschenopfer bei den Maya - warum?

Gibt es angeborene Verhaltensneigungen zu Gewaltbereitschaft bei Menschen?

In einer halbprivaten Email-Diskussionsrunde, die sich durch die Diskussionen auf "Abgefischt" herausgebildet hat, wies Herr Ingo-Wolf Kittel auf einen neuen Artikel im "Spiegel" über Menschenopfer bei den Maya hin. (Spiegel) Und er fragte dazu:
Welche"individuelle angeborene Verhaltensneigungen", gemeinsame "Veranlagung" oder womöglich sogar "Gene" muss man für die Entwicklung und Aufrechterhaltung nachstehend geschilderte religiöser Riten annehmen und worin waren sie adaptiv?
Michael Blume hat auf seinem Blog schon seine Antwort gegeben, der ich weitgehend zustimmen kann. Meine Antwort will ich (auch noch einmal) hier hineinstellen.

(Hm, ob man für solche Diskussionen nicht einen gemeinsamen Blog eröffnen sollte, Michael, Herr Kittel, Lars ..., Herr Dahl, wo man dann alles "gebündelt" hätte?)

Insbesondere bin ich zur Antwort aufgefordert worden, als Herr Kittel seine Frage nach Michael's Antwort präzisierte und Bezug nahm auf unsere jüngste Diskussion hier auf dem Blog rund um den Selbstmörder-Stamm der Suruahe (siehe Kommentare zu ---> diesem Beitrag). Herr Kittel schrieb:
Superantwort, Michael, Klasse, bin beeindruckt - meine Fragerichtung ging jedoch weiter in Richtung der von Ingo II (Bading...) für alles und jedes Tun und Reagieren von uns Menschen (wie von den Triebpsychologen des 19 Jh.'s schon...) in Anspruch genommene Konstrukt einer (von ihm sogar "individuell" für möglich gehaltenen!) "angeborenen Verhaltensneigung"...
Dazu schrieb ich nun:
Hallo an die Runde

- und an meinen Namensvetter insbesondere!

offenbar versuchen Sie, Herr Kittel, mit ziemlich heftigen völkerkundlichen, bzw. religionsgeschichtlichen Schilderungen ein naturalistisches Welt- und Menschenbild aus den Angeln zu heben. (- ?) Wir hatten das Thema ja bei mir auf dem Blog kurz andiskutiert.

Aber worauf wollen Sie hinaus?

Glauben Sie, es ist diskreditierend für ein solches Menschen- und Weltbild, wenn festgestellt werden muß, daß es auch für alle Unmoral, für alles Verbrecherische, was Menschen tun, angeborene Verhaltensneigungen gibt? Natürlich gibt es die? Was haben Sie denn gedacht?

Von der Soziobiologie wird das Thema schon lange diskutiert und erforscht. Eine der frühesten deutschsprachigen Veröffentlichungen zum Thema war die des Göttinger Anthropologen Christian Vogel "Vom Töten zum Mord". Ich habe in meinem Blog eigens eine Rubrik/Kategorie "Boshaftigkeit", unter der ich Forschungen zu dieser Thematik, wenn ich irgendwo auf sie stoße, behandele. (siehe auch: St. gen.) Es war der Freund von William D. Hamilton, George Price, der erstmals darauf kam, daß in den mathematischen Gleichungen zur Erklärung der Evolution von Altruismus auch die Erklärung zur Evolution von Boshaftigkeit ("spite") versteckt sind. (George Price ist eine interessante Erscheinung - siehe "Narrow Roads of Gene Land" von Hamilton.)

Es wird erforscht, warum die Empfängniswahrscheinlichkeit bei Frauen, die vergewaltigt werden, statistisch größer ist, als bei solchen, die im Einverständnis mit dem männlichen Partner zeugen. Es wird erforscht, warum Stiefeltern statistisch gesehen eher dazu neigen, Stiefkinder zu ermorden als andere. Ich hatte erst jüngst auch wieder eine neue deutschsprachige Veröffentlichung zu diesem Thema in der Hand, sie war mir aber zu ekelhaft, habe das nicht vertiefend gelesen. Es war eine Übersetzung des neuen Buches von David M. Buss über die Frage, warum offenbar "der Mörder in uns" steckt. ... (Amazon) ("Warum wir zum Töten programmiert sind", lautet der etwas marktschreierische Untertitel. Ich kann und will dieses Buch nicht empfehlen, will nur sagen, daß dort wahrscheinlich auch manches Wertvollere zum jüngsten Forschungsstand bezüglich dieser Thematik zusammen getragen sein dürfte.)

Aber ich wies ja z.B. insbesondere schon darauf hin, daß bei einigen amerikanischen Ureinwohner-Stämmen (heutigen) der weltweit höchste Anteil von Trägern der erblichen Neigung zu ADHS gefunden wurde. Ähnliches gilt für ein sogenanntes "Krieger"-Gen (MAOA), das offenbar Gewaltbereitschaft fördert (z.B. bei den [früher] kriegerischen Maori auf Neuseeland zu hohen Prozentsätzen verbreitet mit klar sichtbaren gesellschaftlichen Folgen auch heute noch - aber zuerst von Kölner Humangenetikern in einer niederländischen Familie entdeckt).

Die südamerikanischen Yanömamö sind ja auch sehr kriegerische Stämme, bei denen ein hoher Prozentsatz der Menschen (viel höher als in der New Yorker Bronx oder während des Zweiten Weltkrieges in Europa oder Asien) eines nicht-friedlichen Todes, sprich durch Gewalteinwirkung in Gruppenauseinandersetzungen oder Ehestreitigkeit oder ähnlichem ums Leben kommt. Die Frage, warum evolutionär gesehen die Menschen offenbar heute nicht mehr so stark dazu neigen, durch Gewalteinwirkung ums Leben zu kommen wie bei den Naturvölkern, hat der bekannte Evolutionspsychologe Steven Pinker im letzten Jahr auf "The Edge" (und anderswo) sehr grundlegend aufgeworfen. Sie ist sehr interessant.

Jedenfalls paßt in all solche Verhaltensdispositionen die geschilderte Religiosität der Maya sehr gut hinein. (Und natürlich nicht nur diese.)

Ich will meine Thesen (formuliert u.a. auf "Abgefischt") sogar sehr deutlich erweitern und präzsieren: Ich nehme sogar sehr heftig an, daß das Christentum (genauso wie der Buddhismus und der Konfuzianismus) genau Selektion gegen solche genetischen Dispositionen in Richtung Gewaltbereitschaft und -neigung betrieben hat. Diese "Ideologien" haben "Zivilisierung" bewirkt, ohne die arbeitsteilige Gesellschaften mit dichter Besiedlungsdichte wohl nicht besonders gut funktionieren.

Die Bergpredigt von Jesus wird sehr wohl genetische Auswirkungen gehabt haben, wie ich sehr stark vermute. Denn - wie gesagt - selbst in der Bronx wird heute nicht mehr das erreicht, was in Naturvölkern in vielen Teilen der Erde eher die Regel als die Ausnahme war. Sicherlich handelte es sich nicht nur um genetische Selektion, sicherlich reichte vielfach auch die Ausbreitung neuerer "Meme" (neuer kultureller, religiöser) Vorstellungen und Ethiken aus.

Wie der Gen-/Umwelt-Anteil bei einer solchen menschlichen Eigenschaft wie Gewaltbereitschaft einzuschätzen ist, dazu habe ich noch nicht so viel gezielt nachgelesen, darüber gibt es aber sicherlich auch schon viele Studien.

Samstag, 14. Dezember 2024

Selige Insel der Aphrodite - Zypern

Das bilderreiche Zypern
- Eine kleine Auswahl von Werken der Kunstgeschichte Zyperns 3.000 v. Ztr. bis 300 n. Ztr.

Zypern (Wiki) - die Insel weist bis in die hellenistische Zeit hinein einen eigenen kulturellen Stil auf. Er ist nicht nur früh beeinflußt von der griechischen Kultur, sondern zugleich auch von den Phöniziern an der Levanteküste, von Nordmesopotamien her, von Ägypten her und von den ursprünglichen zypriotischen Vorfahren her. 

Abb. 1: Frauenkopf aus Zypern, Terrakotta, 4. Jhdt. v. Ztr. (Met)

Dadurch entsteht - insbesondere während der Eisenzeit und während des archaischen Zeitalters Griechenlands (700 bis 500 v. Ztr.) - auf Zypern ein ganz eigenes kulturelles Gepräge. Diesem soll im folgenden ein wenig nachgegangen werden anhand einer kleinen Auswahl aussagekräftiger Werke aus der Kunstgeschichte Zyperns. 

Wertvolle Sammlungen zur Kunstgeschichte Zyperns finden sich unter anderem im Cypros-Museum in Nikosia (Wiki) (Vici), im Medelhavsmuseet in Stockholm (WikiCom) und auch im Metropolitan Museum of Art in New York (Bens2015). Letzteres Museum hat seine Bestände dankenswerter und vorbildlicher Weise schon in mehreren Bänden sowohl in Buchform als auch parallel online dokumentiert. So unter anderem in einem Band über seine Sammlung von Steinskulpturen (Met) und ebenso in einem Band über seine Sammlung von Terrakotta-Figuren (Met) von Zypern.

Archaische Zeit (700 bis 500 v. Ztr.)

Wie wir im letzten Artikel (Stgen24) gesehen haben, siedeln indogermanische Griechen auf Zypern seit etwa 2.100 v. Ztr., also im Grunde ebenso lang wie sie in der Ägäis gesiedelt haben. Es kamen während der Bronze- und Eisenzeit aber immer wieder neue griechische Kolonisten aus der Ägäis nach Zypern dazu (s. Abb. 19). 

Abb. 2: Jünglingskopf, Zypern, um 600 v. Ztr. (Met)

ChatGPT antwortet auf die Frage, warum es im 6. Jahrhundert v. Ztr. so viel wertvolle Kunst auf Zypern gibt unter anderem (ChatGPT):

... 3. Kulturelle Vielfalt
Im 6. Jahrhundert v. Ztr. war Zypern ein Schmelztiegel verschiedener Völker und Kulturen. Phönizier, Griechen, Assyrer und Ägypter hatten alle Einfluß auf die Insel. Diese Mischung führte zu einer einzigartigen Kunstszene, die Elemente verschiedener Traditionen in sich vereinte, wie etwa die Verbindung von ägyptischen Motiven mit griechischer Formensprache oder phönizischen Ornamenten.
4. Religion und Kult
Zypern war ein Zentrum religiöser Aktivität, insbesondere in der Verehrung der Göttin Aphrodite, die in der griechischen Mythologie mit Zypern assoziiert wird. Zahlreiche Tempel und Heiligtümer wurden errichtet, die mit wertvollen Kunstwerken geschmückt wurden, darunter Skulpturen, Keramik und Metallarbeiten. Die religiöse Kunst hatte oft einen hohen symbolischen und ästhetischen Wert.
5. Politische Stabilität
Im 6. Jahrhundert v. Ztr. war Zypern relativ stabil, insbesondere unter der Herrschaft der lokalen Königreiche, die als Vasallen der Großmächte (z. B. Assyrer und später Perser) eine gewisse Autonomie genießen konnten. Diese Stabilität begünstigte wirtschaftliche Prosperität und kulturelle Blütezeiten.
6. Technologische und künstlerische Innovationen
Die Künstler auf Zypern beherrschten fortschrittliche Techniken in der Metallbearbeitung, Keramikproduktion und Bildhauerei. Diese Fähigkeiten ermöglichten es ihnen, komplexe und beeindruckende Kunstwerke zu schaffen, die über die Jahrhunderte hinweg geschätzt wurden.
Die Kunst Zyperns aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. spiegelt somit die zentrale Rolle der Insel als Drehscheibe für Handel, Kultur und Religion wider, was die Werke sowohl in historischer als auch künstlerischer Hinsicht besonders wertvoll macht.

Zu fragen wäre, ob im 6. Jahrhundert v. Ztr. auf allen Teilen der Insel Arkadisch-kyprisches Griechisch (Wiki) gesprochen wurde, das die Mykener wohl schon um 2.100 v. Ztr. nach Zypern gebracht haben.

Abb. 3: Frauenkopf, Zypern, um 490 v. Ztr. (Met)

ChatGPT sagt dazu:

Im 6. Jahrhundert v. Chr. wurde nicht auf allen Teilen Zyperns ausschließlich arkadisch-kyprisches Griechisch gesprochen. Die Sprachlandschaft der Insel war zu dieser Zeit vielfältig und spiegelte die kulturellen und politischen Einflüsse wider, denen Zypern ausgesetzt war. Hier sind die wichtigsten Punkte dazu:
1. Arkadisch-kyprisches Griechisch
Arkadisch-kyprisches Griechisch war eine wichtige Sprache auf Zypern und gehört zu den ältesten griechischen Dialekten. Es entwickelte sich aus der mykenischen Sprache der Bronzezeit und wurde insbesondere in den griechischen Stadtstaaten der Insel gesprochen, etwa in Paphos, Kourion und Salamis. Dieser Dialekt war eng mit der Sprache der mykenischen Zeit verbunden, da die ersten griechischsprachigen Siedler während der mykenischen Migrationen nach Zypern kamen (um 1200 v. Chr.).
2. Phönizisch
Neben dem arkadisch-kyprischen Griechisch war Phönizisch auf Zypern weit verbreitet, insbesondere in Städten wie Kition. Die Phönizier siedelten ab dem 9. Jahrhundert v. Ztr. auf der Insel und hatten erheblichen kulturellen und politischen Einfluß. Phönizisch wurde vor allem in den phönizischen Gemeinden und deren Umgebung gesprochen und geschrieben.

Aber es hielten sich auch noch Nachkommen vorindogemanischer Einheimischer auf Zypern.

Abb. 4: Männerkopf, Zypern, zwischen 500 und 400 v. Ztr., Museum Nikosia (Vici) (fotografiert von Ab Langereis 2022) (Fotografie vom Verfasser dieser Zeilen aufgehellt) 

ChatGPT führt nämlich weiter aus: 

3. Eteokyprisch
Eteokyprisch, die Sprache der vorgriechischen Bevölkerung Zyperns, wurde ebenfalls in einigen Teilen der Insel verwendet. Sie ist durch Inschriften überliefert, die in der zyprischen Silbenschrift verfaßt sind, und stellt eine nicht-griechische Sprache dar, die möglicherweise mit anderen anatolischen Sprachen verwandt ist. Im 6. Jahrhundert v. Ztr. war Eteokyprisch bereits auf wenige Gebiete beschränkt und wurde allmählich von griechischen und phönizischen Sprachen verdrängt.
4. Einfluß der Großmächte
Im 6. Jahrhundert v. Ztr. stand Zypern unter der Vorherrschaft verschiedener Großmächte, darunter die Assyrer, Ägypter und später die Perser. Diese Herrschaftswechsel brachten auch kulturelle und sprachliche Einflüsse mit sich. Zwar waren die einheimischen Sprachen dominant, aber die Sprachen der herrschenden Mächte wurden in administrativen oder diplomatischen Kontexten verwendet.

Es fühlt sich unheimlich an, sich hinsichtlich solcher komplexer Fragen "nur" auf ChatGPT zu verlassen. Aber die hier gegebenen Antworten klingen alle plausibel. 

Abb. 5: Büste, Zypern, zwischen 500 und 400 v. Ztr., Museum Nikosia (Vici) (fotografiert von Jona Lendering; von uns nachbearbeitet)

Bei der Fülle der auf Zypern geschaffenen Kunst kommt es auch dazu, daß bei vielen Kunstwerken (nicht hier im Artikel gebracht) der Eindruck entsteht, man habe es nicht mit dem Zentrum einer bestimmten Kunstentwicklung zu tun, sondern eher mit der Peripherie. Also so wie etwa die provinzialrömische Kunst oft eine gröbere, minderwertigere Nachahmung der hochwertigen Kunst im Zentrum des Römischen Reiches darstellte (die wiederum in der Tradition der griechischen Kunstauffassung stand).

Klassische Zeit

Ein solcher Eindruck entsteht oft auch von der Kunst auf Zypern. Wir greifen hier in den Abbildungen aber vor allem solche Kunstwerke heraus, die von der Qualität her über einem solchen Durchschnitt stehen. 

Abb. 6: Eine Porträtbüste aus Terrakotta (aus Vassos 1975) - Eine sehr ähnliche fand sich in einem Heiligtum in Pomos in Nordwestzypern, datiert auf 400 bis 310 v. Ztr. (Met)

An dem Perserkrieg (500-494 v. Ztr.) (Wiki), dem Freiheitskrieg der griechischen Poliswelt gegen das Persische Großreich, beteiligten sich auch die griechischen Städte auf Zypern, insbesondere die dortige Stadt Salamis im Osten Zyperns. 

Als die Perser mit Hilfe der Phönizier Truppen auf die Insel übersetzten, entsandte Griechenland eine Hilfsflotte nach Zypern (Wiki). Diese Flotte besiegte die mit den Persern verbündete phönizische Flotte. Allerdings wurde der König von Salamis in der Landschlacht geschlagen und verlor in ihr sein Leben. Zypern blieb bis zum Siegeszug Alexanders des Großen unter persischer Herrschaft.  

Abb. 7: Statue eines jungen Mannes, Zypern, um 350 v. Ztr. (s. Met)

Zu der Wahrheit über die "Insel der Schönheit und der Aphrodite" gehört auch der Umstand, daß sich dort noch im 4. Jahrhundert v. Ztr. - inmitten der übrigen reichen kulturellen Überlieferung - ein Skulpturen-Typ findet, von dem wir im vorliegenden Artikel keine Abbildung bringen. 

Die "Tempel-Jungen" - Vermutlich phönizische Kinderopfer

In ihm ist rituelle männliche Nacktheit dargestellt. Dieser Skulpturen-Typ wird "Temple boys" genannt, zu Deutsch also "Temple-Jungen". Es gibt unter dieser Fundgruppe vereinzelt auch weibliche Skulpturen. Es handelt sich um Steinskulpturen (z.B.: Met), mitunter auch um Skulpturen aus Terrakotta (z.B.: Met). 

Eine solche Figur fand sich auch im Libanon, wo sie eine phönizische Inschrift trug, in der sie als Gabe eines Königs von Sidon benannt ist (Wiki). Diese Figuren stammen also mit großer Wahrscheinlichkeit aus dem kulturellen Bereich der Phönizier. Daß diese "Tempel-Jungen" in Zusammenhang damit zu stellen sind, daß unter den Phöniziern und Karthagern Kinderopfer sehr selbstverständlich gebräuchlich waren, erscheint eigentlich mehr als naheliegend, wenn man sich die reichen, überlieferten antiken Schriftzeugnisse für die Existenz dieser karthagischen und phönizischen Kinderopfer durchsieht (Wiki).

Merkwürdigerweise werden beide Themen - phönizische Kinderopfer und "temple boys" Von dem genannten Fund im Libanon und einer entsprechenden phönizischen kulturellen Einordnung weiß ChatGPT nichts.*) Aber man findet Beispiele für sie auch in der Region des vormaligen Karthago (s. Wiki). Auffällig erscheint ja, daß diese "Tempel-Jungen" oft mit einer Art Priesterornat bekleidet sind. Vielleicht stellten sie auch Priesternachwuchs dar.

/ Einfügung 12.7.25/ Mit dem Wissen um die phönizischen Kinderopfer bekommen diese Kinderdarstellungen allerdings einen mehr als schalen Beigeschmack. Da diese Umstände aber einfach auch ein Teil der Wahrheit jener Welt sind, in der sich die antiken Griechen bewegten, zumindest auf Zypern, müssen wir dazu zitieren, was zu diesem Thema auf Wikipedia an umfangreichen Zeugnissen zu lesen ist (Wiki):

Die Praxis der Kinderopferung unter kanaanitischen Gruppen wird durch zahlreiche Quellen aus über einem Jahrtausend belegt. Ein Beispiel hierfür sind die Schriften von Diodorus Siculus.

Diodorus Siculus schreibt (zit. n. (Wiki): 

"Sie behaupteten auch, Kronos habe sich gegen sie gewandt, da sie früher gewohnt waren, diesem Gott ihre edelsten Söhne zu opfern. In jüngerer Zeit aber hatten sie heimlich Kinder gekauft, aufgezogen und zum Opfer geschickt. Bei einer Untersuchung stellte sich heraus, daß einige der Opfer heimlich ausgetauscht worden waren. In ihrem Eifer, das Versäumnis wiedergutzumachen, wählten sie zweihundert der edelsten Kinder aus und opferten sie öffentlich. Andere, die unter Verdacht standen, opferten sich freiwillig, nicht weniger als dreihundert an der Zahl. In der Stadt befand sich ein bronzenes Bildnis des Kronos, das seine Hände mit den Handflächen nach oben zum Boden geneigt ausstreckte, sodaß jedes der Kinder, wenn es darauf gelegt wurde, herunterrollte und in eine Art klaffende Feuergrube fiel. Wahrscheinlich hat Euripides daraus die mythische Geschichte abgeleitet, die in seinen Werken über das Opfer auf Tauris zu finden ist. Darin stellt er Iphigenie dar, die von Orestes gefragt wird: 'Aber was Grab wird mich empfangen, wenn ich sterbe? Ein heiliges Feuer im Inneren und ein breiter Graben der Erde.' Auch die aus der antiken Mythologie überlieferte Geschichte der Griechen, daß Kronos seine eigenen Kinder umbrachte, scheint bei den Karthagern durch diese Feier im Gedächtnis geblieben zu sein.“

Aber es werden auch noch viele andere Zeugnisse gebracht.

Abb. 8: Kinderkopf aus Terrakotta, Zypern, 3. Jhdt. v. Ztr. (Met)

Plutarch berichtet (zit. n. (Wiki):

"Wäre es für die Karthager nicht viel besser gewesen, von Anfang an Kritias oder Diagoras mit der Ausarbeitung ihres Gesetzeskodex zu beauftragen und so nicht an eine göttliche Macht oder einen Gott zu glauben, statt Opfer darzubringen, wie sie es für Kronos taten? Diese Opfer entsprachen nicht der Art und Weise, die Empedokles in seinem Angriff auf diejenigen beschreibt, die Lebewesen opfern: 'Verwandelt in seiner Gestalt ist der Sohn, den sein frommer Vater liebte, der ihn auf den Altar legt und tötet. Was für eine Torheit!' Nein, sondern mit vollem Wissen und Verstand opferten sie selbst ihre eigenen Kinder, und diejenigen, die keine Kinder hatten, kauften kleine von armen Leuten und schnitten ihnen die Kehle durch, als wären sie Lämmer oder junge Vögel; währenddessen stand die Mutter ohne eine Träne oder ein Stöhnen daneben; aber wenn sie ein einziges Stöhnen ausstieß oder eine einzige Träne fallen ließ, mußte sie das Geld verlieren, und ihr Kind wurde trotzdem geopfert; und der ganze Bereich vor der Statue war erfüllt von lautem Flöten- und Trommellärm, damit die Klageschreie nicht die Ohren des Volkes erreichten."

Platon schreibt (zit. n. (Wiki):

"Bei uns zum Beispiel ist das Menschenopfer nicht legal, sondern unheilig, während die Karthager es als etwas durchführen, das sie für heilig und legal halten, und das auch, wenn einige von ihnen sogar ihre eigenen Söhne dem Kronos opfern, wie du vermutlich selbst gehört hast."

Theophrastus (zit. n. (Wiki):

"Und von da an bis auf den heutigen Tag führen sie unter Beteiligung aller Menschenopfer durch, nicht nur in Arkadien während der Lykaia und in Karthago bis Kronos, sondern sie vergießen auch regelmäßig, in Erinnerung an den üblichen Brauch, das Blut ihrer eigenen Verwandten auf den Altären, obwohl das göttliche Gesetz unter ihnen durch Perirrhanterie und die Verkündigung des Herolds jeden von den Riten ausschließt, der in Friedenszeiten Blut vergossen hat."

Sophokles (zit. n. (Wiki):

„… wurde als … Opfer für die Stadt ausgewählt. Denn seit der Antike hatten die Barbaren den Brauch, Kronos Menschen zu opfern.“

Quintus Curtius Rufus (zit. n. (Wiki):

"Einige schlugen sogar vor, ein seit vielen Jahren unterbrochenes Opfer wieder aufzunehmen, das meiner Meinung nach den Göttern keineswegs gefiel: Saturn einen freigeborenen Jungen zu opfern. Dieses von ihren Gründern überlieferte Sakrileg statt Opfer sollen die Karthager bis zur Zerstörung ihrer Stadt vollzogen haben. Hätten sich die Ältesten, nach deren Rat alles geschah, nicht dagegen ausgesprochen, hätte der schreckliche Aberglaube über die Gnade gesiegt. Doch die Notwendigkeit, erfinderischer als jede Kunst, führte nicht nur die üblichen, sondern auch einige neuartige Verteidigungsmittel ein."

Die Reihe der Zeugnisse ist damit noch keineswegs zu Ende.

Abb. 9: Frauenkopf, vielleicht Artemis, aus hellenistischer Zeit, gefunden in Nea Paphos, Zypern (Vici), Museum Nikosia (fotografiert von Ab Langereis; aufgehellt)

Tertullian (zit. n. (Wiki):

"In Afrika wurden Säuglinge dem Saturn geopfert, und zwar ganz offen, bis hinunter zum Prokonsul des Tiberius, der die Priester selbst nahm und sie an den Bäumen ihres Tempels, in dessen Schatten ihre Verbrechen begangen worden waren, lebendig wie Votivgaben an Kreuzen aufhängte; und die Soldaten meines eigenen Landes, die diesem Prokonsul bei dieser Aufgabe dienten, sind Zeugen davon. Ja, und bis heute dauert dieses heilige Verbrechen im Geheimen an."
Philo von Byblos (zit. n. (Wiki):
"Bei den alten Völkern war es in äußerst gefährlichen Situationen üblich, daß die Herrscher einer Stadt oder Nation, um nicht alle zu verlieren, ihre liebsten Kinder als Sühneopfer den rächenden Gottheiten darbrachten. Die so aufgegebenen Kinder wurden nach einem geheimen Ritual geschlachtet. Kronos nun, den die Phönizier El nennen, der in ihrem Land lebte und nach seinem Tod als Stern des Kronos vergöttlicht wurde, hatte einen einzigen Sohn mit einer einheimischen Braut namens Anobret, und deshalb nannten sie ihn Ieoud. Noch heute trägt bei den Phöniziern der einzige Sohn diesen Namen. Als die schwersten Kriegsgefahren das Land ergriffen, kleidete Kronos seinen Sohn in königliche Gewänder, errichtete einen Altar und opferte ihn."

Lucian (zit. n. (Wiki):

"Es gibt noch eine andere Art des Opferns. Man hängt den Opfertieren einen Kranz um und wirft sie lebendig vom Tor hinunter, so daß die Tiere beim Fallen sterben. Manche werfen sogar ihre Kinder vom Tor hinunter, aber nicht auf die gleiche Weise wie die Tiere. Stattdessen legt man sie auf eine Bahre und läßt sie mit der Hand hinunterfallen. Dabei verspottet man sie und sagt, es seien Ochsen und keine Kinder."
Cleitarchus (zit. n. (Wiki):
"Und Kleitarchos sagt, daß die Phönizier und vor allem die Karthager, die Kronos verehrten, jedes Mal, wenn sie etwas Großes erreichen wollten, durch eines ihrer Kinder ein Gelübde ablegten: Wenn sie die gewünschten Dinge erhalten wollten, würden sie es dem Gott opfern. Sie ließen einen bronzenen Kronos errichten und streckten die Hände über einen bronzenen Ofen, um das Kind zu verbrennen. Die Flamme des brennenden Kindes erreichte seinen Körper, bis es, nachdem seine Glieder geschrumpft waren und sein lächelnder Mund beinahe zu lachen schien, in den Ofen glitt. Daher wird das Grinsen „sardonisches Lachen“ genannt, da sie lachend sterben.“

Porphyr (zit. n. (Wiki):

"Auch die Phönizier pflegten bei großen Katastrophen, sei es durch Kriege, Dürren oder Seuchen, einen ihrer Liebsten zu opfern und ihn Kronos zu weihen. Und die ‚Phönizische Geschichte‘, die Sanchuniathon auf Phönizisch schrieb und die Philo von Byblos in acht Büchern ins Griechische übersetzte, ist voll von solchen Opfern.“

Wir lesen außerdem (Wiki):

In Karthago gibt es einen großen Friedhof mit den Leichen von Kleinkindern und kleinen Tieren. Verfechter von Kinderopfern argumentieren, daß bei Tieropfern auch Kinder geopfert wurden. Neuere archäologische Ausgrabungen ergaben jedoch eine detaillierte Altersaufschlüsselung der begrabenen Kinder. Auf dieser Grundlage und insbesondere aufgrund der Anwesenheit von pränatalen Individuen - also Totgeburten - wird auch argumentiert, daß diese Stätte mit Bestattungen von Kindern übereinstimmt, die eines natürlichen Todes gestorben sind, und zwar in einer Gesellschaft mit hoher Kindersterblichkeit, wie sie vermutlich in Karthago herrschte. Die Daten stützen also die Ansicht, daß Tophets Friedhöfe für Personen waren, die kurz vor oder nach der Geburt starben. Umgekehrt zeigen Patricia Smith und Kollegen von der Hebräischen Universität und der Harvard University anhand von Zahn- und Skelettanalysen im Tophet von Karthago, daß das Sterbealter von Säuglingen (etwa zwei Monate) nicht mit dem erwarteten Alter der natürlichen Sterblichkeit (perinatal) korreliert, was offenbar die These der Kinderopferung stützt. (...) 
Laut Stager und Wolff herrschte 1984 unter Gelehrten Einigkeit darüber, daß karthagische Kinder von ihren Eltern geopfert wurden, die schworen, das nächste Kind zu töten, wenn ihnen die Götter einen Gefallen täten, etwa, daß ihre Warenlieferung sicher in einem fremden Hafen ankäme.

Das sind alles schreckliche Zeugnisse. Und man begreift mit ihnen vielleicht besser als mit vielem anderen, von was sich die antiken Griechen alles abwenden mußten, warum sie in so starker kultureller Abgrenzung standen zu - - - "Barbaren". / Ende Einfügung /

Abb. 10: Aphrodite bewaffnet mit einem Schwert (Venus vitrix), gefunden im "Haus des Theseus" in Nea Paphos, Zypern, 100 bis 300 n. Ztr. (Vici) (fotografiert von Jona Lendering 2022; aufgehellt) (s.a. WikiCom)

Und dennoch und ansonsten: Was für reife, hochwertige, ausgereifte Kunstwerke finden sich auch auf Zypern in der Zeit des Hellenismus und auch des Späthellenismus (Abb. 7 bis 11)!

Eben ganz so wie in allen anderen Teilen des Mittelmeerraumes in dieser Zeit. 

Abb. 11. Bronzestatue des römischen Kaisers Septimius Severus (146-211 n. Ztr.) (W), entdeckt 1928 auf einem Feld nahe des Dorfes Kythrea, wo sich die antike Siedlung Chytroi befand**) (urspr. Fotografie von mir aufgehellt)

/ Zu ergänzende Textteile /

Blick zurück auf die vorindogermanische Zeit Zyperns (7.000 bis 2.100 v. Ztr.)

Die Kultur war auf Zypern anfangs, und zwar schon im Vorkeramikum (Pre-Potery-Neolithic B=PPNB), von Menschen vornehmlich anatolisch-neolithischer Herkunft getragen. In all den Jahrtausenden vor der Ankunft der Indogermanen herrscht auf Zypern vom Zuschnitt des kulturellen Ausdrucks her ein ganz anderer Geist vor. Wir bringen dafür hier nur wenige Beispiele.

PPNB auf Zypern - Anatolisch-neolithisch geprägt

In einer von uns ansonsten schon in früheren Jahren ausgewerteten archäogenetischen Studie aus dem Jahr 2022 hieß es zu Zypern (1):

Der höchste Anteil anatolisch-neolithischer Herkunft findet sich in neolithisch-anatolischen Bevölkerungen ebenso wie in frühen bäuerlichen Bevölkerungen auf Zypern. (...) Die Tier-Reste des PPNB auf Zypern und die Benutzung von Obsidian aus Anatolien als Rohmaterial legt Verbindungen mit dem mittleren und südlichen Anatolien nahe. Und die genetischen Daten erhöhen das Gewicht dieser Hinweise zugunsten eines Szenarios, daß die Hauptherkunft der ersten Bauern auf Zypern auf Anatolien zurück führt.
The highest proportion of Anatolian Neolithic-related ancestry is observed in Neolithic Anatolian populations as well as the early farmers of Cyprus. (...) The high Anatolian-related ancestry in Cyprus revealed by this model (Fig. 2) and subsequent analyses (Fig. 3) sheds light on debates about the origins of the people who spread Pre-Pottery Neolithic culture to Cyprus. Parallels in subsistence, technology, settlement organization, and ideological indicators (15) suggest close contacts between Pre-Pottery Neolithic B people in Cyprus and on the mainland (13), but the geographic source of the Cypriot Pre-Pottery Neolithic populations has been unclear, with many possible points of origin (20). An inland Middle Euphrates source has been suggested on the basis of architectural and artifactual similarities (14, 21). However, the faunal record at Cypriot Pre-Pottery Neolithic B sites and the use of Anatolian obsidian as raw material suggest linkages with Central and Southern Anatolia (15), and the genetic data increase the weight of evidence in favor of this scenario of a primary source in Anatolia.

Damit mehren sich Hinweise, daß die anatolisch-neolithische Herkunftsgruppe - sozusagen - am frühesten "umtriebig" gewesen ist und die bis dahin weiträumigsten Ausbreitungs- und Siedlungsbewegungen hinter sich gebracht hat. Sie war im vorkeramischen Neolithikum am Oberen Tigris ebenso "mit dabei" wie auf Zypern. Wenig später bringt sie ihre demographische Fruchtbarkeit an die Küsten fast des gesamten Mittelmeeres und über den gesamten Balkan hinweg bis zum Nordrand der europäischen Mittelgebirge und später bis nach Skandinavien und England.

Abb. 12: Model eines urtümlichen Tempels auf Zypern (aus Kotsiatis-Marki im mittleren Zypern) (aus: Webb/Frankel2010)

Mit der Kupferzeit (ab 5.500 v. Ztr.) (Wiki) bekommt Zypern eine ganz besondere Stellung innerhalb des Kupferhandels der damaligen Welt. Die ältesten Kupfer-Artefakte auf Zypern datieren allerdings erst auf 4.000 v. Ztr., das ist die Zeit, als die Urindogermanen von der Wolga an die Donau kamen, und die Länder der Herkunft des Kupfers, das sie damals schon an der Wolga benutzten, zu besiedeln. Zeitgleich wird Kupfer also auch auf Zypern bedeutsam.

Der Name Zypern selbst leitet sich ja ab von dem griechischen Wort für Kupfer, "kupros" (FergusMurray). Zypern galt dann bis in die Bronze- und Eisenzeit hinein als "das" Kupferland schlechthin. Die Kupferlagerstätten Zyperns liegen auf den Nordhängen im mittleren Zypern. Noch heute wird auf Zypern Kupfer in großem Umfang auf Abraumhalden maschinell abgebaut. Dabei sind auch viele archäologische Abbaustätten zerstört worden. 

Abb. 13: Typische Terrakotta-Figur auf Zypern um 1450/1200 v. Ztr., Metropolitan Museum of Art (Met)

Am Ende der Bronzezeit erlebte Zypern zwei Wellen griechischer Besiedlung. Die erste Welle der griechischen Kolonien-Bildung auf der Insel der Aphrodite begann ab etwa 1400 v. Ztr.. Ab dieser Zeit wird auch mykenische Keramik Massenware auf Zypern (Wiki).

Zypern spielt in der griechischen Mythologie eine wichtige Rolle. Es ist der Geburtsort von Aphrodite und Adonis, es ist die Heimat von König Kinyras, Teukros und Pygmalion. 

Zwischen 1450 und 1200 v. Ztr. finden sich auf Zypern auch viele Frauen-Terrakotta-Figurinen mit Vogelköpfen (z.B. Met).

Abb. 14: Terrakotta-Wand-Brett, Zypern, um 1000 v. Ztr. (Met) 

Bei den Hethitern, in Ugarit und in Ägypten sind Zypern und der dort herrschende König um 1300 v. Ztr. bekannt. Das belegen entsprechende Schriftquellen aus dieser Zeit (Wiki). Es handelte sich offenbar um ein einziges, selbstständiges Königreich.

Die Phönizier kommen nach Zypern

Eine weitere große griechische Besiedlungswelle soll nach dem Zusammenbruch des mykenischen Griechenland in der Spätbronzezeit zwischen 1100 und 1050 v. Ztr. stattgefunden haben; der überwiegend griechische Charakter der Insel soll erst aus dieser Zeit stammen. 

Für eine frühe Anwesenheit der Phönizier in Kition gibt es literarische Belege. Sie deuten darauf hin, daß Zypern zu Beginn des 10. Jahrhunderts v. Ztr. unter thyrischer Herrschaft stand.

Abb. 15: Terrakotta-Figur aus der Gegend von Larnaka, wohl 6. Jhdt. v. Ztr., Pierides-Museum in Larnaka auf Zypern (Wiki) (aus Vassos 1975)

Aus dem spätbronzezeitlichen und eisenzeitlichen Zypern ist dann eine Fülle von Skulpturenfunden überliefert, insbesondere Terrakotta-Figuren, die bislang kaum Wertschätzung und einen Platz im kulturellen Gedächtnis gefunden haben. Sie sind offensichtlich Ausdruck der mykenischen, griechischen, phönizischen und letztlich zypriotischen Kultur. Eine große Zahl solcher Skulpturen stammt aus Agia Irini (900-600 v. Ztr.) (Wiki) (HeidiTrautmann2014). 

Wir können zu diesem Thema an dieser Stelle bisher noch gar keine erschöpfende Behandlung geben. Vielleicht kann sie künftig nachgetragen werden.

Es finden sich außerdem phönizisch beeinflußte Skulpturen, die dasselbe "ionische Lächeln" zeigen wie die frühgriechischen Skulpturen. Insgesamt zeigen sie aber zugleich auch eine ganz eigene kulturelle Charakteristik, die sich sonst für diese Zeit nirgendwo im Mittelmeer-Raum findet (s. z.B. WikiCom, WikiCom, s. LauraSwantek2018).

Abb. 16: Kopf eines Beamten, Fürsten, Königs oder Statthalters aus dem Levanteraum um 700 v. Ztr. (Met)

Die Stadt Kition (Wiki), an der östlichen Südküste der Insel gelegen, ist um 1200 v. Ztr. mit mykenischen Mauern befestigt worden. Im 8. Jahrhundert v. Ztr. wurde die Stadt von den Phöniziern erobert, deren Könige hier bis 312 v. Ztr. hier herrschten (Wiki):

Kition war ein Vasallenstaat Sidons; Flavius Josephus berichtet (wiederum nach Menander), daß König Elulaios von Sidon um 730 die aufständische Stadt Kition unterwarf. Sanherib ernannte nach seinen Annalen als Statthalter in Kition einen gewissen Ittobaal als Nachfolger des Lulî (Elulaios?), der von den Assyrern hingerichtet worden war.

In Kition war auch eine Sargon-Stele aufgestellt, deren Original sich heute im Vorderasiatischen Museum in Berlin befindet (Wiki):

Die Stele stand vermutlich auf der Akropolis von Kition und beschreibt den Sieg von Sargon II. (721-705 v. Ztr.) von Assyrien 707/709 v. Ztr. über die sieben Königreiche der Insel Ia' im Gebiet von Iadnana oder Atnana. Dieser Sieg wird auch in seinen Annalen in Chorsabad beschrieben:
„[…] und ebenso hörten die sieben Könige des Landes Ia von den Taten, die ich in dem Lande Kaldu und im Land Hatti unablässig vollbrachte, und das Herz schlug ihnen im Halse, und Angst überwältigte sie […] So brachten sie Gold, Silber und Gegenstände aus Ebenholz und Buchsbaum, Produkte ihres Landes, zu mir nach Babylon und küßten mir die Füße.“ (...)
Wie die assyrische Verwaltung Zyperns aussah, ist unbekannt. (...) Da die Assyrer keine eigene Seemacht besaßen, beschränkte man sich vielleicht darauf, den Tribut einzuziehen und überließ die Herrschaft vor Ort einheimischen Königen. Man nimmt an, daß Kition, eine Gründung von Sidon, der Sitz des assyrischen Statthalters war.

(s.a. VordAsiaMBerlin). Der letzte König von Kition hat sich Alexander dem Großen unterworfen hat und ist von ihm als Statthalter eingesetzt worden. In Kition wurde in jener Zeit, 333 v. Ztr., Zenon, der Begründer der Stoa geboren.

Karten-Anhang

/ Zu ergänzende Textteile /

Abb. 17: Die zehn Königreiche des eisenzeitlichen Zypern (Wiki)

/ Zu ergänzende Textteile /

Abb. 18: Die zehn Königreiche von Zypern im 8. Jhdt. v. Ztr. (aus D. W. Rupp, 'Puttin' on the Ritz. Manifestations of High Status in Iron Age Cyprus', in E. Peltenburg (ed.), Early Society in Cyprus, Edinburgh 1989, 347 fig. 38.5) (ucl.uk)

äöklök

Abb. 19: Griechische Kolonien auf Zypern und ihre Herkunft (aus: Panayiotis Georgiou; Cyprus within the Ancient Greek World) (Wiki)

Die Indogermanisierung Griechenlands ab 2.200 v. Ztr. war für viele Teile Griechenlands - vermutlich vergleichbar zum zeitgleichen Geschehen in Armenien - schwer traumatisch. Auch Zypern erreichte schon um 2.200 v. Ztr. Steppengenetik. Die traumatische Erfahrung dieser Indogermanisierung mag zum Beispiel einen Widerhall finden im Marsyas-Mythos. Aber es muß zugleich auch festgestellt werden, daß schon kurz nach dieser Indogermanisierung viele Gesellschaftsbereiche im mykenischen Griechenland von einer unglaublichen Lebensfreude, Lebenskraft und Lebenszugewandtheit durchdrungen waren. Wie sonst wollte man die mykenische Kolonienbildung schon während der Bronzezeit entlang der Adria und bis Zypern (Abb. 19) erklären wollen?

Es mag sich ein Vergleich aufdrängen mit der Christianisierung der Deutschen. Diese Christianisierung war zumindest in Teilen eine traumatische Erfahrung. Am deutlichsten in Sachsen um 800 v. Ztr. durch Karl den Großen, also im heutigen Westfalen und Niedersachsen. Doch nur zweihundert Jahre später sind es gerade die Sachsen, die in der deutschen Ostsiedlung unglaublich viel gesellschaftliches, lebenszugewandtes, lebensfreudiges Potential entfaltet haben.

Solche Umstände mögen deutlich machen, daß in in so mancher gesellschaftlichen Traumatisierung auch Chancen enthalten sein mögen.

_________

*) ChatGPT sagt zu der Frage "Was ist ein temple boy?" unter anderem: " 'Temple Boys' wurden in verschiedenen Tempelanlagen auf Zypern gefunden, besonders in Paphos, Kition und anderen religiösen Zentren der Insel. Diese Fundorte deuten darauf hin, daß sie eine wichtige Rolle im kultischen Leben der zypriotischen Bevölkerung spielten. 'Temple Boys' sind typisch für die zypriotische Kunst und spiegeln die lokale Tradition der Herstellung von Terrakottafiguren wider. Die genaue Bedeutung der 'Temple Boys' ist nicht abschließend geklärt, aber sie werden oft als Votivgaben interpretiert, die in Heiligtümern deponiert wurden. Die Figuren sind ein Beispiel für die Mischung kultureller Einflüsse auf der Insel, da sie stilistisch sowohl griechische als auch östliche Merkmale zeigen."
**) Die Skulptur wurde der Öffentlichkeit erst ab 1976 restauriert präsentiert im Zypernmuseum Nikosia (DAllsop) (WikiCom). Die glanzvollste Fotografie dieser Skulptur stammt von Peter Schickert (Lk) - steht aber leider unter Copyright (s.a. Vici).

________________

  1. Lazaridis I, Alpaslan-Roodenberg S, (...) Pinhasi R, Reich D (2022) Ancient DNA from Mesopotamia suggests distinct Pre-Pottery and Pottery Neolithic migrations into Anatolia. Science 377, 982-7, 25.8.2022 (pdf) (Anhänge)
  2. Karageorghis Vassos: Cypriote antiquities in the Pierides collection, Larnaca, Cyprus. Um 1975 (Biblio)
  3. John Bedell: Faces from Ancient Cyprus (Bensozia2015)
  4. Webb, Jennifer M., Knapp, Arthur B.: Rethinking Middle Bronze Age Communities on Cyprus: “Egalitarian” and Isolated or Complex and Interconnected?. J Archaeol Res 29, 203–253 (2021). https://doi.org/10.1007/s10814-020-09148-8; Published 14 September 2020 (Resg)

Freitag, 19. April 2024

Zuhören ist Heilig

Traumaheilung, gesellschaftliche Heilung durch - Zuhören 
- Das zieht sich durch die Völkergeschichte bis heute
- Vermutlich war das auch die Bedeutung der "großen Ohren" bei den Kelten

Weltgeschichte ist vor allem eines: Traumatisieren und Heilen. Warum das so ist, soll an dieser Stelle nicht geklärt werden. Was man aber inzwischen - als Historiker und Forscher - verstanden haben kann, ist schlicht die Tatsache, daß Weltgeschichte das schon immer war: Traumatisieren und Heilen. Die Rinderzüchter der Turkana in Ostafrika machen seit Jahrhunderten, nein, sicher seit Jahrtausenden nichts anderes: Traumatisieren und Heilen (8). Aber eines wird man bei ihnen nicht finden: Null-Bock-Stimmung und Ohne-mich-Haltung. Wo letztere Haltungen zur Mehrheitshaltung werden, steht eine Gesellschaft am Abgrund und vor dem unmittelbaren Ende.

Abb. 1: Orpheus unter den Thrakern, Mitte 5. Jhdt. v. Ztr., Athen - Rotfigurige Vasenmalerei - Orpheus mit siebensaitiger Lyra dargestellt

Wir Deutschen konnten nach der Traumatisierungen des Dreißigjährigen Krieges wieder heilen. Können wir das auch heute - nach den Traumatisierungen des 20. Jahrhunderts? 

Aus Zusammenhängen rund um die Heilung von Entwicklungs- und Bindungstraumata heraus wird neuerdings auf die heilsame Bedeutung des Zuhörens hingewiesen: "Zuhören ist Heilig" (1).

Dieser Umstand gibt einem schon 2021 hier auf dem Blog erschienenen Artikel (Stgen2021) eine ganz neue, erweiterte Bedeutung, bzw. "Rahmung" und Kontextualisierung. 

Anstatt also einen von den etwa zehn Artikelentwürfen zum Thema Traumaheilung endlich veröffentlichensreif zu machen, die in den letzten Jahren hier für diesen Blog erarbeitet worden sind, stellen wir zunächst einmal den Blogartikel von 2021 mit dieser neuen thematischen Rahmung erneut ein.

[Einfügung 3.5.24] ... Und zwei Wochen nach der Neuveröffentlichung dieses Artikels kommt uns schon wieder ein neuer Gedanke: Müssen wir Deutschen, um zu heilen, zunächst einmal nur erst wieder "Das Heilige" finden? Denn "das Heilige" "heilt" - wie die beiden Worte, die aus einem Wortstamm stammen, ja schon sagen. Hören wir doch nur unserer eigenen Muttersprache hinterher: "Das Heilige" "heilt". .... Das wäre ein weiterer Gedankengang, in dessen Rahmung die folgenden Ausführungen gestellt werden könnten. [Ende Einfügung]

Schon 2003 sind Bücher erschienen wie "Odysseus in America - Combat Trauma and the Trials of Homecoming", zu Deutsch also: "Odysseus in Deutschland - Kriegstraumata und die Versuche des Nachhausekommens". Es stammt von dem US-amerikanischen Traumatherapeuten Jonathan Shay (geb. 1947) (Wiki). Schon letztes Jahr hatten wir in diesem Zusammenhang das Zitat gebracht (zit. n. Stgen2023):

Stellen Sie sich einen von der normalen Gesellschaft isolierten Ort vor, dessen Bewohner einen erschöpften, mittellosen Veteranen aufnehmen, ihm Kleidung geben, ihm zu Essen geben und baden, ihre ganze Aufmerksamkeit seiner Anwesenheit widmen, für Geschenke, Unterhaltung und sportliche Erholung sorgen und zusehen, wie er in Tränen ausbricht, wenn er an seine Vergangenheit erinnert wird, die sich seine persönliche Geschichte aufmerksam anhören, die ihn sogar nach weiteren Einzelheiten fragen und die ihn weiter reisen lassen mit einem Vorrat an Reichtümern versehen, die er bei seiner Rückkehr nach Hause verwenden kann. Wie könnte man einen solchen Ort nennen? Ein Sanatorium? Eine Reha-Einrichtung?

So entnommen dem Aufsatz "Phäaken-Therapie in der Odyssee des Homer" von 2014 (9). Das Wesentliche in diesem Prozeß ist das Mitteilen und das Zuhören. Wenn in unserer Familie vom Krieg erzählt wurde, dann wurden alle ganz still. Alle waren beim Erzählenden, beim Erzählten. Es war viel Schreckliches passiert.

Aber es gab und gibt Familien, in denen über Generationen hinweg über Krieg nicht gesprochen wurde. Entweder wurde gar nichts mitgeteilt oder die Art der Mitteilung hat jene, die hören sollten, überfordert, was erneut zu Schweigen führt. Die Frage, wie wir miteinander ins Sprechen kommen, ins "Ehrliche Mitteilen" ist eine ganz entscheidende Frage für jede Gesellschaft, die leben, überleben will und nicht zugrunde gehen will. 

Über die Vorgeschichte der Völker lernen wir gerade, daß sie voller Grausamkeit war. Daß immer wieder ganze Völker sprichwörtlich ausgerottet wurden oder - aufgrund irgendwelcher Umstände - ausgestorben sind. Und angesichts all dieses Schrecklichen fragt man sich: Wie sind die Menschen damals eigentlich alle mit den vielen Traumen umgegangen? Wie konnten sie diese heilen, um wieder lebensfähig zu sein? Es ist vielleicht sehr spannend, daß es gerade der keltische Kulturbereich zu sein scheint, in dem dem Hören, dem Zuhören offenbar ein größerer Wert zugemessen worden ist. Die Kelten waren Indogermanen, sie waren - wie andere Völker weltweit - Kopfjäger, sie kannten Gefangenenmorde, Menschenopfer. Sie haben in Kriegen untereinander viel Traumata angerichtet - und ebenso auch gegenüber anderen Völkern und Kulturbereichen. Wie konnten sie all die Traumata verarbeiten? Und ebenso so viele andere Völker?   

"Er tat seinen Mund auf und sprach," lautet eine Formulierung, die sich schon in den Dichtungen Babyloniens findet (7, S. 215). 

Sprechen und Zuhören waren in vielen Völkern der Vorgeschichte heilige Akte. Das "Höret, was ich euch zu sagen habe" mag auch eine Formulierung gewesen sein, mit der in der Völkergeschichte Jahrtausende lang das Reden von Mensch zu Mensch eingeleitet worden ist. 

Für den vorgeschichtlichen Menschen war also - weitaus mehr als für den heutigen - sowohl das Sprechen wie das Hören ein bedeutungsvolles Ereignis. Alles kulturelle Wissen wurde - so war dem Menschen der Vorzeit bewußt - über das Hören weiter gegeben an die nächste Generation. Auch die Gesänge etwa des Orpheus oder des Homer waren ja für die Ohren von Hörenden bestimmt, nicht für die Augen von Lesenden. Nicht zuletzt deshalb sicherlich auch ihr "hoher Ton". Diese Gesänge wurden deklamiert, sie wurden vorgetragen, sie versetzten in eine andere, "gehobene" Erlebens-Sphäre. Und sie sollten dies. Sie sollten "wieder klingen" bei den Menschen, in die Stille, in den Raum hinein, den diese Menschen ihnen gaben - durch Zuhören.

Die Kelten kannten einen Gott der Beredsamkeit, Ogmios. Dieser wurde zwar als sehr alt dargestellt. Aber er verfügte dennoch über die Kraft, die Menschen über "Ketten" von seinem Mund bis zu ihren Ohren hinter sich her zu ziehen.**)

Die Macht des Gesanges - Orpheus

Nicht die Macht der Beredsamkeit, aber die Macht des Gesanges ist ja der Kerninhalt der Orpheus-Verehrung in der Antike. Auf einer der ältesten Darstellungen, die uns von Orpheus aus der Antike überliefert sind, sind alle Dargestellten als Hörende dargestellt (Abb. 3). Die Verehrung von Orpheus hat in der Antike eine ebenso große Rolle gespielt wie die Verehrung des Homer. Davon war in der Antike sogar eine ganze religionsgeschichtliche Bewegung getragen gewesen, auf die dann - deshalb - auch noch die Juden und Christen in aneignender oder polemischer Weise Bezug genommen haben (Stgen2022). Wenn Orpheus seine "Stimme erhob", lauschten nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere, die Pflanzen, selbst die Steine bekamen Ohren.

Man erinnere sich auch an die getragenen, inhaltsschweren Worte (antik-)griechischer Tragödien. Das Sagen und das Hören - sie hatten Gewicht, sie waren voller Inhalt.

Das Hören fand auch nicht nur von Mensch zu Mensch statt. Die Stimme der Götter wurde über das Hören vernehmlich. In der Ilias hören die Helden die Stimmen von Göttinen und Göttern. In der Bibel sprechen Gott, Engel und Teufel mit dem handelnden Personal. Sie raten ihnen zu, sie raten ihnen ab, sie drohen, sie verheißen, sie verdammen, sie belohnen. Etwas milder als in der Bibel findet das Gespräch zwischen Menschen und Göttern in der Edda statt. Auch in deutschen Heldensagen findet sich Vergleichbares: Held Siegfried "hört" die Stimmen der Vögel, nachdem er im Drachenblut gebadet hat. Dieser enge Austausch von Menschen und Göttern ist übrigens auch schon für Sargon von Akkad (2356 bis 2300 v. Ztr.) bezeugt (Wiki):

Die Sumerische Sargonlegende handelt davon, daß die Göttin Inanna beschlossen hat, daß Sargon König werden soll. So treten Vorzeichen dafür auf, daß der Mundschenk den regierenden Herrscher ablösen wird. Alle Gegenmaßnahmen, die Ur-Zababa ergreift, werden von der Göttin vereitelt. 

Eine Göttin greift hier ebenso selbstverständlich in die Handlungen der Menschen ein - und ebenso entscheidend - wie noch über tausend Jahre später in der "Ilias", bzw. wie zweittausend Jahre später in der Bibel.

Auch daß man sich im Zweifelsfall gegenüber verführerischen Gesängen, Reden und Ratschlägen schützen muß, die "Ohren verstopfen" muß, wußten schon die Menschen der Vorzeit und der Antike. Odysseus verstopfte sich die Ohren vor den Gesängen der Sirenen (GAj2021). Unter den germanischen Göttern war Loki derjenige, der "das meiste Übel rät".

Die großen Ohren des Keltenfürsten vom Glauberg - entdeckt 1994

Warum sollte es es angesichts dieser Bedeutung des Hörens für den vorgeschichtlichen Menschen eigentlich verwundern, daß ein solches Hören auch einmal in vergleichsweise frühen Phasen der Kunst zur Darstellung gekommen ist (Beispiele: Abb. 1, 2)?

Abb. 2: Die Sandsteinfigur des Fürsten vom Glauberg in Mittelhessen, 500 v. Ztr. (Wiki)

Die "großen Ohren" der 1994 entdeckten Steinfigur des Keltenfürsten vom Glauberg in Mittelhessen aus der Zeit um 500 v. Ztr. (Wiki): Könnte es - endlich - eine etwas befriedigendere Erklärung geben für die wunderlich "großen Ohren" dieser Steinfigur? Womöglich sogar eine sehr gute, sehr befriedigende, einleuchtende, nun, auch naheliegende Erklärung?

Dem Wikipedia-Artikel zur sogenannten "Keltischen Blattkrone" (Wiki), mit dem diese Steinfigur - wie andere solche Steinfiguren ähnlicher Zeit - geschmückt zu sein scheint, ist nämlich zu entnehmen, daß eine besonders plausible Erklärung für diese Kopfbedeckung zwar noch keineswegs gefunden worden ist. Das war uns ja auch bekannt. Neuerdings finden wir aber auf dem Wikipedia-Artikel auch den - für uns neuen - Hinweis auf das "Reinheimer Pferdchen", das sich auf dem Deckel der "Reinheimer Kanne" findet, enthalten in einem keltischen Fürstinnengrab bei Reinheim im Saarland aus der Zeit um 370 v. Ztr. (Wiki). Und dieses Pferdchen nun - - - weist ebenfalls "große Ohren" auf (Wiki) (Abb. 1).

Dieser Befund ist eindrucksvoll.

Als wenn dieses Pferdchen nicht geradezu als ein Sinnbild für das Hören in der Vorgeschichte gelten könnte. Unser Gedanke: Vielleicht sind "große Ohren" einfach ein Zeichen dafür, daß eine mächtige Gottheit, mit der der Fürst in Verbindung steht, "alles hört" und deshalb - wie das Dichterpferd Pegasus - "inspiriert" ist, möglicherweise vor allem vom Rauschen der Blätter der Bäume Heiliger Haine.

Denn: Es werden ja auch Blätter in Zusammenhang mit diesem Kopfschmuck angedeutet und der Baumkult der Kelten ist ja auch sonst gut bekannt (4). Erst vor vier Wochen beschäftigten wir uns hier auf dem Blog mit den keltoromanischen Jupiter-Giganten-Säulen, in denen die Erinnerung an die vormalige, gut bezeugte Verehrung Heiliger Bäume durch die Kelten nachklingt (4).  

Ein Zeichen für "der Seherin Gesicht" .... ?

Weiterer Gedanke: Womöglich sind die großen Ohren ein Zeichen für der "Seherin Gesicht" (Wiki), die ja auch einen - - - Eschenbaum (Wiki) kennt. Und wie wunderbar, jetzt schon auf Wikipedia sehr schnell den Text der Edda-Übersetzung von Simrock aus dem Jahr 1876 zugänglich zu haben. Wir HÖREN (!!!) ihrer "Schau" (zit. n. Wiki) .....

Allen Edeln   gebiet ich Andacht,  
Hohen und Niedern   von Heimdalls Geschlecht;
Ich will Walvaters   Wirken künden,
Die ältesten Sagen,   der ich mich entsinne.

(...)
Eine Esche weiß ich,   heißt Yggdrasil,
Den hohen Baum netzt   weißer Nebel; 
Daher kommt der Tau,   der in die Täler fällt.
Immergrün steht er   am Brunnen der Urd.
 
Daher kommen Frauen,   vielwissende, 
Drei aus dem See   dort unterm Wipfel.
Urd heißt die eine,   die andre Werdandi: 
Sie schnitten Stäbe;   Skuld hieß die dritte.
Sie legten Lose,   das Leben bestimmten sie
Den Geschlechtern der Menschen,   das Schicksal verkündend.
 
Allein saß sie außen,   da der Alte kam,
Der grübelnde Ase,   und ihr ins Auge sah.
Warum fragt ihr mich?   was erforscht ihr mich?
 
Alles weiß ich, Odin,   wo du dein Auge bargst:
In der vielbekannten   Quelle Mimirs.
Met trinkt Mimir   allmorgentlich
Aus Walvaters Pfand!   wißt ihr was das bedeutet?

Ihr gab Heervater   Halsband und Ringe
Für goldene Sprüche   und spähenden Sinn.
Denn weit und breit sah sie   über die Welten all.

An anderer Stelle in den Edda-Überlieferungen werden die Inhalte dieser Schau noch einmal in Prosa-Form erläutert (Wiki): 

... Da fragte Gangleri: Wo ist der Götter vornehmster und heiligster Aufenthalt? Har antwortete: Das ist bei der Esche Yggdrasils: da sollen die Götter täglich Gericht halten. Da fragte Gangleri: Was ist von diesem Ort zu berichten? Da antwortete Jafnhar: Diese Esche ist der größte und beste von allen Bäumen: seine Zweige breiten sich über die ganze Welt und reichen hinauf über den Himmel. Drei Wurzeln halten den Baum aufrecht, die sich weit ausdehnen: die eine zu den Asen, die andere zu den Hrimthursen, wo vormals Ginnungagap war; die dritte steht über Niflheim, und unter dieser Wurzel ist Hwergelmir und Nidhöggr nagt von unten auf an ihr. Bei der andern Wurzel hingegen, welche sich zu den Hrimthursen erstreckt, ist Mimirs Brunnen, worin Weisheit und Verstand verborgen sind. Der Eigner des Brunnens heißt Mimir, und ist voller Weisheit, weil er täglich von dem Brunnen aus dem Giallarhorn trinkt. Einst kam Allvater dahin und verlangte einen Trunk aus dem Brunnen, erhielt ihn aber nicht eher bis er sein Auge zum Pfand setzte. So heißt es in der Wöluspa:
Alles weiß ich, Odin,   wo dein Auge blieb: 
In der vielbekannten   Quelle Mimirs. 
Met trinkt Mimir   jeden Morgen 
Aus Walvaters Pfand:   wißt ihr was das bedeutet?  
Unter der dritten Wurzel der Esche, die zum Himmel geht, ist ein Brunnen, der sehr heilig ist, Urds Brunnen genannt: da haben die Götter ihre Gerichtsstätte. (...) Dies Wasser ist so heilig, daß alles, was in den Brunnen kommt, so weiß wird wie die Haut, die inwendig in der Eierschale liegt.

Wir sehen hier, daß im germanischen Mythos der Gott Odin ein Auge lassen mußte, um "sehend" zu werden, um Weisheit zu erlangen. Wenn hier dem Auge eine solch große Bedeutung zugemessen worden ist, um allwissend zu werden - warum sollte dann nicht - in verwandten indogermanischen, kulturellen Zusammenhängen - auch dem Ohr eine große Rolle zugemessen worden sein beim Erlangen von Weisheit? Nebenbei sei erwähnt, daß dieser Welteneschen-Mythos auch in der Philosophie des 20. Jahrhunderts Deutung gefunden hat (6).

Abb. 3: Ein Hörender - Das Reinheimer Pferdchen (Saarland) aus der Zeit um 370 v. Ztr. (Replikat) (Wiki)

Und sind dem Mythos in den weiteren Ausführungen nicht auch alle die Pferde - mit Namen - wichtig, auf denen die Götter zum Rat an der Weltenesche reiten? Nur Thor geht zu Fuß. Ach, und das "Reinheimer Pferdchen" ist ja auch ein Pferd (Abb. 1). Es lauscht mit dem Gesicht eines Menschen und den Ohren - womöglich - eines Gottes. Aber worauf? 

Wäre es nicht ein schöner Gedanke, mit den großen Ohren eines klugen Pferdes auf "der Seherin Gesicht" zu hören ....? In früheren Jahrtausenden fühlten sich die Menschen den Tieren womöglich noch mehr verbunden. Sie sprachen ihnen heilige Bedeutung zu, den Pferden, den Vögeln. Aber was erfahren wir noch, wenn mit "big ears prehistory" und ähnlichen Worten suchen? Ausgerechnet im 6. Jahrhundert v. Ztr. beginnen mehrere griechische Völkerkundler und Geographen, zuerst Sylax, von "Panoti", von "Ohrenmenschen" zu berichten (Wiki):

Skylax schreibt den Panoti schaufelgroße Ohren zu, laut Ktesias reichen deren Ohren um den Rücken und bis zum Ellenbogen. Nach Megastehenes schlafen diese Menschen auch auf ihren Ohren. Spätere klassische Autoren wiesen den Panoti als Heimat eine Insel im nördlichen Ozean zu oder ließen sie in Skytien leben. 

Auch Plinius der Ältere schreibt von ihnen (Wiki).

Und 1994 graben deutsche Archäologen - grob gesehen in jenem "Skythien" - einen solchen ersten "Ohrenmenschen" aus. Auf diese überraschende Übereinstimmung machte übrigens schon ein belgischer Arzt und Forschender 2005/2006 aufmerksam (5).

Ein Wikingerteppich aus dem Jahr 1270 n. Ztr.

Schauen wir uns noch ein wenig weiter um zu Darstellungen von inspirierten Menschen oder Göttern mit "großen Ohren", die - womöglich - in einen solchen Zusammenhang eingeordnet werden könnten. 1909 wurden fünf sehr alte Wandteppiche in einer schwedischen Kirche in Överhogdal gefunden (Wiki). Die Ortschaft liegt 430 Kilometer nördlich von Stockholm. Die Wandteppiche waren um das Jahr 1000 n. Ztr. herum entstanden, also in der Zeit der Christianisierung. Drei von ihnen scheinen in ihrer Mitte die Weltenesche darzustellen. Außerdem finden sich auf zwei dieser Wandteppiche Wikingerschiffe dargestellt und auf drei Wandteppichen unterschiedliche Gebäude: Kirchen, Versammlungsgebäude. Hirsche und Rentiere bilden die weiteren Inhalte der Darstellung (so wie auf berühmten skythischen Teppichen), vielleicht auch Fabelwesen (der achtbeinige Sleipnir?), sowie auch mehrere Reiter. Einer der Teppiche weist aber auch nur Muster auf.

1912 wurde dann aber in einer Kirche in Skog in Schweden, 230 Kilometer nördlich von Stockholm, ein Wandteppich aus der Zeit um 1270 n. Ztr. (Wiki) entdeckt, also aus dem Hochmittelalter und aus jener Zeit, in der christliche Gelehrte in Skandinavien die alten heidnischen Überlieferungen aufschrieben. Dieser Teppich ist vielleicht noch interessanter (Abb. 4).

Abb. 4: Möglicherweise Odin, Thor und Freya - Auf einem Wandteppich in Skog in Schweden, um 1270 n. Ztr.

In der Mitte dieses Wandteppichs scheinen zwei prächtigere Holzgebäude abgebildet zu sein, von denen das rechte einen Glockenturm darstellen dürfte (bekrönt von einem christlichen Kreuz, drei Figuren ziehen an den Glockenseilen). Im linken Gebäude stehen fünf Hauptfiguren, von denen zwei ebenfalls eine kleine Glocke mit einem Glockenseil läuten. Bei den Gebäuden könnte es sich um mittelalterliche skandinavische Stabkirchen handeln, um die sich die Gemeinden versammelt haben. Am Dach der Kirchen befinden sich Drachenköpfe. Die Gebäude scheinen umgeben zu sein von Hühnern. 

Links und rechts von diesem Mittelfeld scheinen größere Fabelwesen abgebildet zu sein, Löwen, Drachen oder Greifen, und zwar auf jeder Seite mindestens sieben, zwischen ihnen jeweils aber noch kleinere Fabelwesen mit denselben Umrissen. Zwischen den Fabelwesen stehen auch weitere menschliche Gestalten. Mit ihnen könnte man versucht haben, "Feinde" der Kirche darzustellen, die den Bestand der Kirche gefährden, vielleicht alte heidnische Kräfte (die ja damals im östlichen Bereich der Ostsee noch recht lebendig waren, übrigens).

Ganz links von den Fabelwesen stehen dann drei mythisch aussehende Gestalten, eine mit einem Beil, eine mit einer Streitaxt und eine dritte vielleicht  mit einer Spindel (?) (Abb. 1). Die Figur mit dem Beil hat nur ein Auge ... Zu ihren Füßen sind zwei Hunde abgebildet, im "Hintergrund" weitere kleinere Menschen und Tiere. Es gibt die Deutung, daß es sich um drei skandinavische Könige handeln könnte. Es gibt aber auch die Deutung, daß es sich um drei heidnische Götter - etwa: Odin, Thor und Freya (oder Freyr) - handeln könnte.

Was besonders auffällig erscheint: Bei allen dreien ist der Bereich der Ohren besonders hervorgehoben - durch irgend eine Art von Kopfschmuck, der nicht besonders leicht zu deuten und zu identifizieren ist. Etwa Hirschgeweihe wie sie - archäologisch vielfach bezeugt - von den mesolithischen Schamanen Nordeuropas und Osteuropas getragen worden sind?

Die Heilige Cäcilia

Wer sich über die Bedeutung des Hörens für die religiöse Haltung im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit interessiert, ist vermutlich immer gut beraten, sich bildenerische Darstellungen der Heiligen Cäcilia (Wiki) aus dieser Zeit durchzusehen.

Sie gilt in christlicher Zeit als die Schutzpatronin der Musik. Wir finden zahllose Gemälde der Kunstgeschichte, in der sie als ein andächtiger, auf die Musik hörender Mensch dargestellt ist. Der religiöse Mensch ist hier vor allem ein hörender Mensch. Das Hören wird als der "innigste" aller Sinne empfunden, die Musik geht von allen Künsten am direktesten zum Herzen. Religiöse Erhebung heißt "stille werden", nach innen hören, heißt aufnahmebereit werden, heißt, "große Ohren" bekommen.

Aber noch ein weiteres kann uns die Kunstgeschichte lehren: Der am innigsten mit Gott verbundene Mensch ist auch kein Hörender mehr. Diesen Umstand mag man sich - etwa - an Menschendarstellungen des Bildhauers und Bildschnitzers Tilman Riemenschneider vor Augen führen: Die Sinne sind hier nicht mehr der "Weg zu Gott". Der Mensch ist Gott, "bei" Gott.

Die Hongshan-Kultur (4.700-2.900 v. Ztr.) in der Mandschurei 

Es sei noch dargestellt, auf welch wunderlichen Wegen wir zu den Gedanken dieses Blogartikels überhaupt gekommen sind.  Wir haben uns mit der weltgeschichtlich womöglich nicht ganz unbedeutenden Hongshan-Kultur (4.700-2.900 v. Ztr.) (Wiki) des Mittelneolithikums in der Mandschurei beschäftigt (Stgen15.11.2021). Hier wird neuerdings der ethnische, genetische und sprachliche Ursprung nicht nur der Koreaner, Japaner, Mongolen und Tungusen vermutet, sondern auch derjenige der Turkvölker. (Übrigens wären das ja auch jene Völker, die ja nicht selten für die Ausbreitung des Odins-Glaubens bis hin zu den germanischen Stämmen im Westen verantwortlich gemacht werden, gemeinsam mit den Sarmaten und Alanen.)

Abb. 5: Tempel- und Grabanlage der Hongshan-Kultur bei Niuheliang (links), sowie zentrales Grab mit  geschnitztem Jadeschmuck von einer anderen Tempel- und Grabanlage (rechts) (Archäologisches Institut von Lianoning, Shenjang 2004) (aus: 2)

Dabei stoßen wir - eher nebenbei - auf eine Studie aus dem Jahr 2006, die auf die eindrucksvolle Tempel-, bzw. Grab-Anlage der Hongshan-Kultur bei Niuheliang (4700-2900 v. Ztr.) (Wiki) aufmerksam macht (2). Ein dort an zentraler Stelle begrabener König hat einen eindrucksvollen Jade-Kopfschmuck getragen (2) (s. Abb. 5).

Bei dem Anblick dieses Königs drängt es sich fast auf, diesen Kopfschmuck in Parallele zu setzen zu dem Kopfschmuck des Urvolkes der Indogermanen wie er sich in indogermanischen Kriegergräbern - wie in Warna in Rumänien oder Giurgiulești in Moldavien - um 4.500 v. Ztr. zeigt (3). Und bei solchen Parallelen möchte man dann gerne einmal einen Beitrag schreiben über solchen eindrucksvollen Kopfschmuck als Kennzeichen einer bestimmten, ursprünglicheren Phase der Kulturentwicklung der Menschheit, der Entwicklung gesellschaftlicher Komplexität in verschiedenen Teilen der Erde.

Und während wir nun noch darüber nachgesonnen haben, erinnerten wir uns an die "großen Ohren" der 1994 entdeckten Steinfigur des Keltenfürsten vom Glauberg in Mittelhessen aus der Zeit um 500 v. Ztr. (Wiki). War das ein Ohrenschmuck?

Zu dem Thema "Kopfschmuck in der Völkerkunde und Vorgeschichte" ganz allgemein wollen wir also bei Gelegenheit hier auf dem Blog auch noch Beiträge schreiben.

Das Hören bei den bronzezeitlichen Hurritern

Ergänzung 10.9.23: Im Königspalast von Urkesch (3.200 bis 1.500 v. Ztr.) (Wiki), einer Stadt in Nordsyrien, die vermutlich von den Hurritern gegründet worden ist, fand sich das folgende Siegel einer dortigen Königin (Abb. 6).

Abb. 6: Siegel aus der Stadt Urukesch, Nordsyrien, grob um 2000 v. Ztr. (?) (Urkesh) 

Wir lesen dazu  (Urkesh) :

Ein Siegel der Königin Uqnitum gibt uns einen Einblick in eine musikalische Darbietung, wie sie im königlichen Palast von Urkesh stattgefunden haben wird. 

Der Akt des Hörens ist auch hier mit Betonung dargestellt. Er scheint für den bronzezeitlichen Menschen also noch etwas sehr Besonderes gewesen zu sein, und zwar womöglich in sehr vielen, sehr unterschiedlichen Kulturen.

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*) Traumatherapeuten weisen also immer häufiger auf den Umstand hin, daß in und mit der Odyssee des Homer Traumaverarbeitung, ja, geradezu Traumatherapie stattfindet (Wiki):

Shay argumentiert, daß PTBS keine Krankheit ist, sondern das Fortbestehen adaptiver Verhaltensweisen, die zum Überleben in einer stressigen Umgebung erforderlich sind. Beispielsweise ist eine emotionale Betäubung in einer Katastrophensituation nützlich und in einer familiären Umgebung ungeeignet, und Vertrauensverlust verbessert das Überleben in einem Gefängnis, nicht jedoch in einer Gemeinschaftsumgebung. Wie Derek Summerfield plädiert auch er gegen eine Etikettierung und bevormundende Behandlung. Shay empfiehlt, daß wir Trauma-Überlebende resozialisieren, um sozial akzeptable Verhaltensmuster zu fördern. Als mögliche Präzedenzfälle nennt er das klassische griechische Theater und die in der Ilias beschriebene kollektive Trauer. In "Odysseus in America" schreibt er über „den Kreis der Kommunalisierung von Traumata“: „Wenn Trauma-Überlebende hören, daß genug von der Wahrheit ihrer Erfahrung verstanden, erinnert und mit genügend Treue nacherzählt wird, um etwas von dieser Wahrheit mitzutragen ... dann wird der Kreis der Vergemeinschaftung geschlossen."
Shay argues that PTSD is not an illness but the persistence of adaptive behaviors needed to survive in a stressful environment. For example, emotional numbing is useful in a disaster situation and maladaptive in a family setting, and loss of trust enhances survival in a prison but not in a community setting. Like Derek Summerfield, he also argues against labeling and patronizing treatment. Shay recommends that we resocialize trauma survivors as a means of promoting socially acceptable behavior patterns.[16] He cites classical Greek theater[12] and the collective mourning described in the Iliad as possible precedents. In Odysseus in America he writes of "the circle of communalization of trauma": "When trauma survivors hear that enough of the truth of their experience has been understood, remembered and retold with enough fidelity to carry some of this truth ... then the circle of communalization is complete." 

**) [12.5.23, Ergänzung] Über den griechischen Satyriker Lukian von Samosata (120 bis 200 n. Ztr.) (Wiki) ist eine wertvolle Schilderung und Deutung des keltischen Gottes Ogmios überliefert, an der er sich selbst in höherem Alter in seiner Erzählung "Herkules" folgendermaßen aufrichtet (WikiSource): 

Die Gallier nennen den Herkules in ihrer Sprache Ogmius, und geben auf ihren Gemälden diesem Gotte ein höchst abenteuerliches Aussehen. Er erscheint hier als ein hochbetagter Greis mit einer tiefen Glatze und eisgrauen Haaren, so viel er deren noch übrig hat, und einem von Runzeln durchfurchten, und von der Sonne schwarz gebrannten Angesicht, gerade wie sonst alte Seeleute auszusehen pflegen; so daß man einen Charon, Iapetus, oder irgend einen andern Bewohner des Tartarus, kurz alles Andere eher, als einen Herkules in ihm vermuten sollte. Allein ungeachtet dieses Aussehens trägt er doch die ganze Ausrüstung eines Herkules. Er hat die Löwenhaut um, die Keule in der Rechten, den Köcher auf der Schulter, und hält in der Linken den gespannten Bogen – ist also in so weit ganz der echte Herkules.
Ich glaubte anfänglich, die Gallier hätten durch diese seltsame Gestalt die griechischen Götter lächerlich machen, und besonders durch ein solches Gemälde sich an Herkules rächen wollen, weil dieser einst, als er die Abendlande durchzog, um die Herden des Geryones zu suchen, auch ihr Land mit Plünderung heimgesucht hatte.
Doch das Sonderbarste an diesem Bilde kommt noch. Jener hochbetagte Herkules führt nämlich eine ungemein große Menge Menschen hinter sich her, die er sämtlich an den Ohren gebunden hält. Die Bande selbst aber sind ungemein fein gearbeitete Ketten aus Gold und Bernstein, und gleichen dem schönsten Halsgeschmeide. So schwach diese Fesseln sind, denkt doch keiner an Flucht, die doch so leicht wäre. Nicht einmal einiges Widerstreben, dem Zuge zu folgen, zeigen sie; sondern alle laufen munter und lustig hinterher, jauchzen ihrem Führer Beifall zu, und drängen sich sogar vorwärts, so daß die Ketten ganz schlaff an ihnen herabhängen, und es unverkennbar ist, wie leid es ihnen wäre, wenn er sie los ließe. Das Allerseltsamste aber ist, daß der Maler, der ihm die Enden der Ketten nicht in die Hände geben konnte, indem er schon in der einen die Keule, in der andern den Bogen hält, die Zungenspitze des Gottes durchlöchert und sie dort befestigt hat. So zieht nun dieser den ganzen Haufen mit sich, indem er den Kopf nach ihnen zurückdreht und ihnen freundlich zulächelt.
Voller Verwunderung stand ich einst lange vor diesem Gemälde, und fing an ungeduldig zu werden, weil ich es mir nicht zu deuten wußte. Da trat ein in einheimischer Weisheit vermutlich wohl unterrichteter Gallier zu mir, der, wie sich zeigte, auch in unserer Literatur nicht unbewandert war, und das Griechische sehr rein und geläufig sprach. "Ich will," hob er an, "dir das Räthsel dieses Bildes lösen, Fremdling, weil du ja doch, wie ich sehe, damit nicht zurecht kommen kannst. Wisse denn, daß bei uns Galliern nicht Merkur für den Gott der Beredtsamkeit gilt, wie bei euch Griechen, sondern Herkules, weil dieser ja weit stärker ist als jener. Daß er aber als Greis abgebildet ist, darf dich nicht befremden. Denn die Kraft zu reden ist es ja allein, die sich im höheren Alter in ihrer vollen Reife zeigt; wie denn auch eure Dichter sehr richtig sagen: 
"Stets ja flattert das Herz den Jünglingen - -" (Ilias III, 108.) 
Dagegen wird das Alter stets 
"Weit mehr, denn junge Leute, klugen Rat erseh’n".
Fließt ja doch honigsüß die Rede aus dem Mund eures Nestor, und die liebliche Rede der Trojischen Ältesten wird verglichen mit der Lilienblüte: Lilie aber heißt bei euch, wenn ich mich recht erinnere, eine Blumengattung.
Daß also dieser alte Herkules, d. h. die [personifizirte] Beredtsamkeit, die Menschen mittelst ihrer Ohren an seine Zunge gebunden hat und so nach sich zieht, ist, bei der nahen Verwandtschaft der Zunge und der Ohren, nicht zu verwundern. Es liegt durchaus kein Spott gegen ihn darin, daß jene durchlöchert dargestellt ist. Ich erinnere mich, die Verse eines eurer Komiker gelesen zu haben:
"– – – – denn die Zungenspitze ist
Den redesel’gen Leuten allen durchgebohrt."
Überhaupt sind, wir des Glauben, Herkules habe, als ein Mann von großer Weisheit, das meiste, was er getan, nicht sowohl durch Stärke, als durch des Wortes und der Überredung Gewalt ausgeführt. Seine Geschosse sind, dünkt mich, eindringliche, wohlgezielte, schnell treffende Worte, welche tief in den Gemütern der Hörenden haften; wie ihr denn selbst auch von geflügelten Worten sprechet.“ So weit mein Gallier.
Wie mir also neulich mein Entschluß, hier vor euch aufzutreten, das Bedenken erregte, ob es auch geraten sei, in meinen Jahren, und nachdem ich schon seit so langer Zeit meine öffentlichen Vorlesungen eingestellt hatte, mich abermals dem Urteile so vieler Richter auszusetzen, so kam mir recht zur guten Stunde die Erinnerung an jenes Gemälde in den Sinn. Denn ich war in der Tat sehr ängstlich gewesen, man möchte mein Vorhaben für ein jugendliches Wagestück ansehen, das meinem Alter sehr schlecht anstände; und irgend ein Homerischer Jüngling könnte mich mit den Worten schelten:
"Deine Kraft ist gelöst, und mühsames Alter beschwert dich;
Auch ist schwach dein Wagengefährt’ und müde die Rosse" (Ilias VIII, 103.),
einen spottenden Blick dabei auf meine Beine werfend. Aber jetzt brauche ich mich nur an jenen greisenhaften Herkules zu erinnern, um Mut zu Allem zu fühlen, und, als ein Altersgenosse jenes gemalten Gottes, vor einem solchen Wagestück mich nicht mehr zu erblöden.
So fahret denn wohl, Stärke, Schnelligkeit, Schönheit und alle ihr Vorzüge des Körpers: und auch dein Amor, Tejischer Sänger, schwinge immer sein Goldfieder bei’m Anblick meiner erbleichenden Haare, und flattre schneller als ein Adler davon: "was kümmert das den Hippoklides?" Für mich ist’s jetzt an der Zeit, in meinen Vorträgen mich wieder zu verjüngen, und hier eine Kraft zu zeigen, die jetzt erst in ihrer Blüte steht, indem ich so viele Ohren, als ich nur immer kann, an mich fessle, und reichliche Geschosse der Worte entsende, an welchen mein voller Köcher mich keinen Mangel befürchten läßt. - Du siehst, wie ich mich über mein hohes Alter zu trösten weiß. Aber diese Vorstellung gab mir Mut, mein längst angelegt gewesenes Schiffchen wieder flott zu machen, und nach bestem Vermögen ausgerüstet der hohen See abermals anzuvertrauen. Sendet guten Wind zur Fahrt, ihr Götter! Denn mehr als je bedarf ich des günstigen Hauches, der meine Segel schwelle; damit man auch mir einst, wenn ich’s je verdiene, jene Homerischen Worte zurufe:
"Welche stattliche Lende der Greis aus den Lumpen hervor streckt!"

Das sind schöne Worte und immer noch ganz im antik-griechischen Geist des 2. Jahrhunderts n. Ztr. geschrieben, obwohl dieser damals schon in der Ausbreitung von orientalischen Mysterienkulten zugrunde zu gehen begann (s. Wiki). So findet man es auch auf den Wikipedia-Einträgen zu Ogmios erwähnt (Wiki, engl). [Ende Ergänzung] 

__________________

  1. Klein, Gopal Norbert: Zuhören ist Heilig. Traumaheilung, 2018 (Yt)
  2. Patterned variation in prehistoric chiefdoms. Robert D. Drennan, Christian E. Peterson Proceedings of the National Academy of Sciences Mar 2006, 103 (11) 3960-3967; DOI: 10.1073/pnas.0510862103, https://www.pnas.org/content/103/11/3960.
  3. Bading, Ingo: Die Indogermanen des 5. Jahrtausends v. Ztr., 5/2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/05/die-indogermanen-des-5-jahrtausends-v.html
  4. Bading, Ingo:  Die Jupiter-Giganten-Säulen Ein eindrucksvolles Zeugnis der Religionspsychologie und Religionsgeschichte, 18/10/2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/10/die-jupiter-giganten-saulen.html
  5. Tainmont, T.: The Panoti and some other fantastic forms of macrotia. Presented at the meeting of the Royal Belgian Society of Ear, Nose, Throat, Head and Neck Surgery on 17 November 2005. In: B ENT, 2006 (pdf)
  6. Bading, Ingo: "Aus weiter Ferne komm ich her ...", Mai 2016, https://studiengruppe.blogspot.com/2016/05/aus-weiter-ferne-komm-ich-her.html
  7. Greßmann, Hugo (Hrsg.): Altorientalische Texte zum Alten Testament. 1909 (Archive); De Gruyter, Berlin 1926 (GB)
  8. An evolutionary theory of moral injury with insight from Turkana warriors. Matthew R. Zefferman, Sarah Mathew. In: Evolution and Human Behavior, Available online 16 July 2020 (Sciencedirect), https://doi.org/10.1016/j.evolhumbehav.2020.07.003, 
  9. William H. Race: Phaeacian Therapy in Homer’s Odyssey. In: Meineck, P., Konstan, D. (eds) Combat Trauma and the Ancient Greeks. The New Antiquity. Palgrave Macmillan, New York 2014, https://link.springer.com/book/10.1057/9781137398864, Pages 47-66
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