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Sonntag, 22. März 2026

Kaiser Heinrich II. - Er hatte germanische und keltische Vorfahren

Er starb im Jahr 1024
- Archäogenetische Erkenntnisse aus dem Kaiergrab zu Bamberg

Der deutsche Kaiser Heinrich II. (973-1024) (Wiki) ist im Jahr 1002 zum deutschen König gekrönt worden. 

Abb. 1: Krönungsbild von Heinrich II., von ihm selbst in Auftrag gegeben wohl bald nach seinem Regierungsantritt im Jahr 1002, enthalten im "Sakramentar Heinrichs II." (Wiki)

In den Jahren danach hat er von dieser Zeremonie ein "Krönungsbild" anfertigen lassen (Abb. 1). Es dürfte sich also um ein einigermaßen authentischen Bild des Königs handeln. Dem Krönungsbild waren die Worte beigegeben (Wiki):

Siehe, von Gott wird gekrönt und gesegnet
der fromme, durch den Stamm seiner Ahnen hoch gerühmte König Heinrich.
(...)
Ein Engel bringt die Lanze und wehrt dadurch ängstliche Sorge von ihm ab;
der andere übergibt ihm das Schwert, mit dem er Furcht verbreiten wird.

Angst und Furcht sind vorherrschende Gefühle des Mittelalters. Selbst bei einem König. König Heinrich II. hatte von Anfang an mit Widersachern zu tun und mußte diese nach und nach nieder ringen. Es gab sie in Schwaben, es gab sie im sächsischen Adel. Auch der polnische König Boleslaw Chrobry wollte den deutschen König nicht als Oberhaupt anerkennen, sondern sah sich ihm als gleichberechtigt an - unterstützt von Teilen des sächsischen Adels.  

Abb. 2: Thronbild des Königs Heinrich II., von ihm selbst in Auftrag gegeben wohl bald nach seinem Regierungsantritt im Jahr 1002, enthalten im "Sakramentar Heinrichs II." (Wiki)

Das Krönungs- und das Thronbild stellen die wichtigsten Seiten in dem 358-seitigen, von Heinrich II. in Auftrag gegebenen "Sakramentar" statt, das viele Jahrhunderte als Schenkung Heinrichs II. zum Domschatz von Bamberg gehörte, das aber in Regensburg angefertigt worden war. Da der Kaiser kinderlos starb, breitete sich die für das Mittelalter typische Legende aus, der Kaiser habe während seiner Ehe in "Keuschheit" gelebt. (Kinder zu haben, ist also weniger keusch.) Und diese Legende trug 120 Jahre nach seinem Tod dazu bei, daß der Kaiser Heinrich II. vom Papst in Rom zu einem Heiligen erklärt worden ist. Sicher hatte es auch tagespolitische Gründe, daß Heinrich II. gerade im Jahr 1146 heilig gesprochen wurde. In der Heiligsprechung des Papstes steht die genannte Legende im Vordergrund (Wiki):

Jetzt aber haben wir vieles […] erfahren über seine Keuschheit, über die Gründung der Bamberger Kirche und vieler anderer, auch über die Wiederherstellung bischöflicher Sitze und die vielfältige Freigebigkeit seiner Spenden, über die Bekehrung König Stephans und ganz Ungarns, von ihm herbeigeführt durch Gottes Hilfe, über seinen glorreichen Tod und über mehrere Wunder nach seinem Tod, geschehen in Gegenwart seines Leibes. Darunter halten wir besonders bemerkenswert, daß er nach Empfang von Krone und Zepter des Reiches nicht kaiserlich, sondern geistlich lebte und daß er in rechtmäßiger Ehegemeinschaft, wie wohl nur wenige bis ans Lebensende unversehrte Keuschheit bewahrte.

Nun, damit stehen wir tief im "Mittelalter". 

Eine neue archäogenetische Studie 

Warum beschäftigen wir uns mit Kaiser Heinrich II.? Seine sterblichen Reste in Bamberg sind neuerdings ebenso wie die von seinem Großonkel Kaiser Otto I. von Archäogenetikern untersucht worden (1).

Abb. 2: Das heutige geographische Vorkommen der mitochondrialen Haplogruppen der Kaiser Otto I. und Heinrich II. 

Beide tragen danach die Y-chromosomale Haplogruppe R1b-FTA63331 in sich, was ein starker Hinweis darauf ist, daß es sich tatsächlich um die Gebeine dieser beiden historischen Personen handelt, und daß sie über die männliche Linie miteinander verwandt sind. Diese Haplogruppe tragen heute 17.000 Männer in Deutschland in sich, sowie 2000 in den Niederlanden und 1600 in Dänemark. Es handelt sich also um eine Haplogruppe, wie sie typisch ist für Menschen mit vorwiegend germanischen Vorfahren. Vielleicht kann damit auch in Zusammenhang gebracht werden die Blondheit des Kaisers Heinrich II. (s. Abb. 1).

Die mitochondrialen, über die mütterlichen Vorfahren weitergegebenen Haplogruppen der beiden deutschen Kaiser sind jedoch deutlich unterschieden (1) (s. Abb. 2). Die mütterliche Linie von Otto I. stammt ebenfalls aus dem germanischen Bereich, während die heutige Häufigkeitsverteilung der mütterliche Linie von Kaiser Heinrich II. wohl recht deutlich auf den keltischen Bereich verweist. Die Zuweisung zur germanischen und keltischen Völkergruppe und zu damit verbundenen Körpermerkmalen wird in der Studie selbst nicht vorgenommen, sie scheint uns aber naheliegend.

Abb. 3: Verwandtschaftsverhältnis zwischen Otto I. und Heinrich II. (aus 1)

Die Mutter von Kaiser Heinrich II. war Gisela von Burgund (Wiki). Deren Mutter hinwiederum war eine Adelana, über die wenig bekannt ist (Wiki). Es ist doch wahrscheinlich, daß sie eine Angehörige des burgundischen Hochadels war so wie wohl die meisten Ehepartner in der väterlichen Vorfahren-Linie der Gisela von Burgund. Diese väterliche Vorfahren-Linie kann nämlich bis zu Welf I. zurück geführt werden, dem Begründer der Welfen-Dynastie. Diese Vorfahren-Linie hat, soweit uns übersehbar, vorwiegend in Burgund gelebt und geheiratet. Somit könnte man schlußfolgern, daß der burgundische Hochadel des Mittelalters - zumindest in Teilen - Vorfahren in der keltischen Völkergruppe hatte. Vielleicht kann damit in Zusammenhang gebracht werden die dunkle Augenfarbe des Kaisers Heinrich II. (s. Abb. 1 und 2).

Der Dom zu Bamberg

Das Andenken des Kaisers Heinrich II. wird insbesondere im Dom zu Bamberg gepflegt, auf dessen Begründung dieser Dom zurück geht, und in dem dieser Kaiser zusammen mit seiner Frau im zentralen Grab bestattet ist. 

Abb. 4: Der Bamberger Reiter (Wiki) - Aufgestellt im Bamberger Dom im Jahr 1237

Dieser Dom übt immer wieder neu seine Faszination aus insbesondere um des Bamberger Reiters willen, der hier 1237 aufgestellt worden ist (Abb. 4)(FK2018), zweihundert Jahre nach dem Tod Kaiser Heinrichs II. und in unmittelbarer Nähe seines Grabes.

Heinrich liebte die Königspfalz in Bamberg. Er hat sie deshalb 1007 - gegen erhebliche Widerstände von Seiten des Bischofs von Würzburg - zum Bistum Bamberg erhoben. Er setzte hier seinen Kanzler als ersten Bischof ein. Um seiner Heiligsprechung willen und um der sonstigen Erinnerung an den Kaiser in Bamberg ist dort 1237 wohl der Bamberger Reiter aufgestellt worden, vielleicht zur Erinnerung an Zeiten, in denen es weniger Unfrieden und Hader innerhalb des Deutschen Reiches und mit dem Papst in Rom gegeben hat als in der Gegenwart des Jahres 1237. Eine Deutung zum Bamberger Reiter lautet (Wiki):

Da die Figur in einer Kirche aufgestellt und keine Grabfigur ist, soll es sich wegen des Baldachins um einen Heiligen handeln. Könige, die Beziehungen zu Bamberg haben und zugleich heiliggesprochen wurden, sind Heinrich II. (1146 heiliggesprochen), der im Dom begraben ist, sowie Stephan I., der mit Heinrich II. verschwägert war, 1083 heiliggesprochen und im Bamberger Dom verehrt wurde. Heinrich war nicht nur römisch-deutscher König, sondern auch Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, und wäre als Kaiser dargestellt worden. Deshalb ist Stephan wahrscheinlicher, wofür die Verwandtschaftsbeziehungen Bischofs Ekbert von Andechs-Meranien, in dessen Amtszeit die Skulptur vermutlich aufgestellt wurde, nach Ungarn sprechen. Der Reiter sei eine Form des Dankes für das Asyl, das Ekbert nach dem Königsmord 1208 bei Andreas II. bis zu seiner Rehabilitierung genoß.

Die Schwester Ekberts war mit dem König von Ungarn verheiratet. Dann würde dazu womöglich auch die weitere Deutung passen (Wiki):

Es wird angenommen, daß der heutige räumliche Bezug zum Doppelgrab des Kaiserpaars Heinrich II. und Kunigunde und zum Fürstenportal Teil der ursprünglichen Anlage und damit in die Deutung einzubeziehen ist: Nach der räumlichen Anordnung ist der steinerne König imaginär durch dieses Portal hineingeritten und hält, dem früheren Grab des Kaiserpaars huldigend zugewandt, inne.

Ekbert war später ein Anhänger Kaiser Friedrichs II. und dessen Statthalter für Österreich. Es ist ja naheliegend, daß König Stephan zur Grablegung Heinrichs II. als dessen Schwager anwesend gewesen ist - zusammen mit der Schwester Heinrichs II.. Oder daß beide später nach Bamberg gekommen sind, um das Grab des Bruders und Schwagers zu besuchen. Da Stephan verehrt wird als derjenige, der den Ungarn das Christentum gebracht hat, mußten ihm und seinen Nachfolgern die Verbindungen nach Deutschland und Bamberg wichtig sein - ebenso wie es natürlich umgekehrt ein Anliegen des Bamberger Bistums gewesen war, die Christianisierung der Ungarn zu fördern und durch Heiligsprechungen zu würdigen.

Das Reiterstandbild bewahrt auch mit diesen Deutungen seine einzigartige Würde. Vom Künstler wurde in ihm das Idealbild eines Herrschers geschaffen wie es zur Stauferzeit erlebt werden konnte.

1499 bis 1513 wurde das "Hochgrab" für das Kaiserpaar durch den Bildhauer Tilman Riemenschneider aus Würzburg geschaffen (Wiki). Es ist wieder von ganz eigenem künstlerischen Wert. Man kann die steinernen Riemenschneider-Reliefs fast noch besser durch Fotografien auf sich wirken lassen als vor Ort in der Kirche (WikiC). Die Riemenschneider-Reliefs machen noch einmal deutlich, wie viele Sagen sich rund um das Leben des Kaiserpaares im Laufe der Jahrhunderte woben, sicherlich gefördert durch die katholische Kirche. Auch in diesen Reliefs geht es um die eheliche "Keuschheit" des Kaiserpaares.

Abb. 5: Relief von Tilman Riemenschneider am Kaisergrab in Bamberg: Der Legende nach lief die Gattin Heinrichs II. über heiße Platten, um zu beweisen, daß sie nicht fremd gegangen war - Man spürt hindurch, daß der Künstler der Meinung war, daß sich die verdächtigenden Männer ihres Verdachtes mehr zu schämen hatten als die verdächtigte Frau

Die von Riemenschneider geschaffenen Figuren sind - wie in allen seinen Werken - ergreifend.

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  1. Reconstructing their genomes confirms the historically attested genealogy of the two medieval emperors Otto I (the Great) and Heinrich II (Saint Henry) Harald Ringbauer, Thomas Wozniak, Joerg Feuchter, Goran Runfeldt, Raffaela Angelina Bianco, Ganyu Zhang, Kay Pruefer, Joerg Orschiedt, Annika Simm, Paul Maier, Michael Sager, Veit Dresely, Johannes Krause, Harald Meller and Donat Wehner. bioRxiv. posted 20 March 2026, 10.64898/2026.03.18.712637 (biorxiv2026)

Montag, 16. Dezember 2024

Notre Dame - Kunstwerke von Weltrang entdeckt

Bislang unbekannte mittelalterliche Skulpturen entdeckt (1230/1260)
- Der Lettner von Notre Dame und sein Figurenschmuck - Eine Wiederentdeckung

Sie sind weltberühmt - die Stifterfiguren des Naumburger Meisters im Naumburger Dom (Wiki). Erst wenn man sie sich vor Ort anschaut, wird einem bewußt, daß derselbe Künstler, der um 1250 herum diese Stifterfiguren als reifes Werk geschaffen hat, im Naumburger Dom auch den Figurenschmuck des sogenannten "Westlettners" geschaffen hat (s. Abb. 3) (s. GAj2010WikiCom). 

Abb. 1: Figur des um 1230 geschaffenen und 1699 abgebrochenen Lettners in Notre Dame (Foto von Denis Gliksman im Auftrag von Inrap)

Der Westlettner ist - unberechtigterweise - viel weniger bekannt. Stifterfiguren und Westlettner bilden aber innerhalb des Naumburger Domes sozusagen ein "Gesamtkunstwerk".

Der Naumburger Meister (1200-1270) (Wiki) hat um 1240 auch den Westlettner des Mainzer Domes geschaffen. Dieser war dem Heiligen Martin gewidmet. Der Mainzer Westlettner ist 1683 abgebrochen worden. Dabei wurden wichtige Kunstwerke des Naumburger Meisters gerettet: So "Die Verdammten in Ketten" (Wiki), der "Mainzer Kopf mit der Binde" (DDB, Rev, Fli) und "Der Heilige Martin teilt seinen Mantel mit einem Bettler" ("Bassenheimer Reiter") (Wiki).

Wir können uns alle noch erinnern: Im April 2019 brannte in Paris der Dachstuhl von Notre Dame - lichterloh (Wiki). Das Feuer war nur schwer einzudämmen und drohte, den gesamten Dom zu zerstören. Die Bilder gingen um die Welt. Ein Wahrzeichen des Abendlandes stand in Brand. Entsetzt schaute die Welt auf solche Bilder. Sie lösten unmittelbar Trauer aus. Oder war es Untergangsstimmung? Man bekam ein Gefühl für die Verletzlichkeit unserer Kultur. Und es wurde zugleich sichtbar, wie sehr wir Menschen doch alle in Liebe verbunden sind mit dem Großen in dem, was wir "Kultur" und "kulturelle Vergangenheit", "Überlieferung" nennen. Eine Verbundenheit, die im Grunde auf einer ganz vorrationalen Ebene angesiedelt ist. Eine Verbundenheit, die gar nicht einmal besonders viel Wissen voraussetzt. 

Es mag daran erinnert werden, wie es beispielsweise dem deutschen Schriftsteller Gerhard Hauptmann erging, als er den Untergang Dresdens 1945 erlebte. Die Worte, die er dabei nieder schrieb, sind damals im Rundfunk verlesen worden. "Ich weine. Man stoße sich nicht an dem Wort weinen ..." (1, 2) 

Aber der Brand von Notre Dame hatte ungeahnte Folgen. Bevor die schweren Baugerüste für den geplanten Wiederaufbau aufgestellt wurden, mußte - routinemäßig - der Fußboden unter der Vierung des Querschiffes archäologisch erforscht werden. Im April 2022 berichtete die nationale Archäologiebehörde Frankreichs (Wiki), die Grabung sei vom 2. Februar bis 8. April 2022 durchgeführt worden. Es seien gefunden worden (Inrap04/22), ...

... zahlreiche Elemente des mittelalterlichen Lettners (zerstört während der Herrschaft Ludwigs XIV.). (Sie) befanden sich in einem außergewöhnlichen Erhaltungszustand.

Ein zauberhafter, farbiger Kopf fand sich unter dem entdeckten Abraumschutt des Lettners (Abb. 1, 2) (Tw). Ein Kunstwerk aus der Zeit zwischen 1230 und 1260, genau aus derselben Schaffensperiode wie der des berühmten Naumburger Meisters (Wiki) in Deutschland. Die gezeigten Bilder erregten nicht nur in der Kunstwelt höchstes Erstaunen, sondern auch unter sonstigen Kulturinteressierten. Letztere mögen auf Facebook über solche Fotos gestolpert sein (so wie der Verfasser dieser Zeilen). Und sie mögen danach fragen lassen, worum es sich hier eigentlich handelt (s.a. FSSPX). Um die historischen Zusammenhänge zu verstehen, sei noch einmal genauer über die Geschichte von Notre Dame de Paris nachgelesen (Wiki):

Im Jahr 1699 wurden auf Wunsch Ludwigs  XIV. und seines Vaters Ludwig  XIII. tiefgreifende Veränderungen an der Innenausstattung der Kathedrale, insbesondere am Chor, vorgenommen. Der Architekt Robert de Cotte ließ den Lettner (der durch ein vergoldetes schmiedeeisernes Tor mit Goldfalzen ersetzt wurde) und einen Teil der Hochreliefs der Zäune abreißen, um den Chor zum Chorumgang hin zu öffnen, indem er sie durch Gitter ersetzte, um die vollständige Neugestaltung des Chores im Stil der damaligen Zeit zu ermöglichen - so wie dies bei vielen anderen gotischen Kathedralen in ganz Europa im 17. und 18. Jahrhundert geschah. ...

Wir hörten schon davon, daß ähnliches zuvor auch schon im Mainzer Dom geschehen war. 

Abb. 2: Figur des um 1230 geschaffenen und 1699 abgebrochenen Lettners in Notre Dame (Foto von Hamid Azmoun im Auftrag von Inrap)

Die Frage stellt sich nun auch: Was eigentlich sind "Lettner"? Welche Funktion haben sie? Seit dem 6. Jahrhundert entstand in der christlichen Priesterschaft das Bedürfnis, in großen Kirchen den eigentlichen Chor und Altarraum einer Kirche und die dort dem Gott ergeben dienenden Priester von der sündigen Welt der Nichtpriester zu trennen. Diese Trennung war im Mittelalter in kleinen Dorfkirchen oft schon dadurch erreicht, daß das sündige Volk von außerhalb der Kirche dem Gottesdienst im Innern folgte (Wiki). Man bedenke doch auch, daß der Blick in das schöne Gesicht einer weltlichen Dame einen Kleriker während des Gottesdienstes völlig aus der alleinigen Besinnung auf das Göttliche hin reißen kann. Also, solche Lettner sind schon notwendig (Wiki):

Bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts war der Lettner eines der Hauptelemente des liturgischen Lebens der Gläubigen. Er stellt eine Trennung vom Klerus dar und bildet mit der Chorumfassung eine Art Kirche in der Kirche (...). Der Chorraum bleibt den Gläubigen durch einen Lettner verborgen, doch bleibt er ihnen zugleich durch das Singen von Hymnen und Prosa zugänglich.

Vielleicht wurde so auch der Eindruck des "Geheimnisvollen", "Außerweltlichen" der Zeremonien der Priester hinter dem Lettner erhöht. Das sündige Volk der Laien konnte auf diese Weise noch stärker erschauern über das Geheimnisvolle, Erhabene jenseits des Lettners im "Allerheiligsten" der Kirche, dort, von wo aus nur noch Gesang zu hören war. Der Gesang erscholl quasi schon vom "Jenseits" her, vom erhofften Paradies her, natürlich einem Priester-Paradies.

Die Reformation brachte auch innerhalb der katholischen Kirche eine Änderung bezüglich solcher Dinge. Die bis dahin abgehobene für sich wirkende Priesterschaft mußte sich fortan mehr als bisher ins Handwerk schauen lassen, wenn ihnen die Gläubigen nicht gänzlich davon laufen sollten. Nach der vom Konzil von Trient in der Mitte des 16. Jahrhunderts eingeführten Liturgiereform (Wiki) ...

... muß der Chorraum nun für die Gläubigen sichtbar sein, damit sie dem Amt leichter folgen können. Der Lettner muß dazu verschoben werden (oft auf die Rückseite der Westfassade, wo er als Orgelempore dient) oder er muß ganz verschwinden, eine Bewegung, die der französische Abt Thiers (1636-1703), genannt der Kanzelprediger, förderte. Während die Kanzel den Lettner ersetzte, wurde letzterer in den folgenden Jahrhunderten verlegt oder zerstört, manchmal sogar noch im 19. Jahrhundert.

Das letztere Schicksal erfuhr also 1683 nicht nur der Westlettner im Mainzer Dom, sondern 1699 auch der Lettner von Notre Dame in Paris. Interessanterweise blieben Lettner in anglikanischen und protestantischen Kirchen viel häufiger erhalten. Sie wurden dazu genutzt, um hier eine Orgel einzubauen oder auch zur Aufstellung des Kirchenchores. Vielleicht gab es hier auch eine größere Scheu, ein so wertvolles Kunstwerk einfach abzureißen? Vielleicht sah man einfach gar nicht die Notwendigkeit, da die protestantischen Pfarrer sowieso verheiratet waren und dem Volk damit viel näher standen. 

Abb. 3: Der Westlettner im Naumburger Dom, Gesamtansicht (Wiki) (dahinter stehen die Stifterfiguren)

Über den Lettner in Notre Dame de Paris wurde dann 2022 noch weiter ausgeführt (Inrap04/22):

Die um 1230 erbaute monumentale Chorschranke, die den Chor (den Geistlichen vorbehalten) vom Kirchenschiff (den Gläubigen vorbehaltener Raum) trennte, wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts abgerissen, um neuen liturgischen Erfordernissen gerecht zu werden. Unter Ludwig XIV. wurde der Lettner, der das Querschiff vom Chor trennte, abgerissen. Heute sind nur noch Teile des Lettners entlang der Seitenwände des Chores erhalten, im Norden (datiert aus dem 13. Jahrhundert ) und im Süden (datiert aus dem 14. Jahrhundert ), heute "Chorumfriedung" genannt.
Von der verzierten und mit Skulpturen versehenen Wand sind nur noch wenige Elemente erhalten, die während der Arbeit des Architekten Viollet-le-Duc (1814-1879) ans Licht gekommen waren, und die im Louvre aufbewahrt werden, sowie einige Blöcke in den Lapidarium-Reservaten der Kathedrale. Dank der Ausgrabungen wurden nun mehrere hundert Lapidarelemente mit einem Gewicht von mehreren hundert Gramm bis fast 400 kg gefunden, die im östlichen Bereich des Querschiffs vergraben waren. (...)
Im Gegensatz zu den im Louvre aufbewahrten Fragmenten fallen die (neuen) Fragmente durch ihre Polychromie auf, wobei die Farben manchmal durch Ergänzungen, Reparaturen, das Aufbringen von Blattgold usw. überlagert werden.

Diese Entdeckungen geben einen ganz neuen Blick frei auf die Kunstgeschichte des Hochmittelalters und des 13. Jahrhunderts. Es wird deutlicher als jemals zuvor, daß der Naumburger Meister Anregungen zu seiner Kunst aus Frankreich bekommen hat, bzw. im gleichen Sinne tätig war wie die zeitgleichen Künstler in Frankreich. Außerdem fragt man sich angesichts solcher Funde, was unter dem Fußboden deutscher Kirchen und Dome alles noch an wertvollsten Kunstwerken begraben sein mag. Womöglich gar Kunstwerke des Naumburger Meisters oder des Bildhauers des Bamberger Reiters.

Abb. 4: Adelheid von Burgund (932-973), Kaiserin des Deutschen Reiches, Stifterfigur im Meißner Dom, geschaffen 1250/60 vom "Naumburger Meister" (Wiki)

Es gab dann noch weitere Berichte zu den Ausgrabungen und Restaurierungs-Arbeiten in Notre Dame (s. Inrap). Anfang Dezember 2024, in der Zeit der Wiedereröffnung des Domes von Notre Dame mit Staatsgästen aus aller Welt, brachte "Arte" dann eine ausführliche Dokumentation über die Ausgrabungen und Forschungen zu Notre Dame und seinem Lettner (3) (Yt). Wir haben diese auch in unseren Blogartikel eingebunden. Die Forscher glauben, daß sich unter weiteren Teilen des Fußbodens von Notre Dame noch andere Teile des einstigen Lettners werden finden lassen. Zu dem ausgegrabenen Kopf (Abb. 1, 2) wurde auch der dazu gehörige Körper gefunden, wie in der Dokumentation dargestellt ist.

Seit Anfang Dezember 2024 werden auch im Kloster Cluny (Wiki) in Burgund die Skulpturenfunde erstmals ausgestellt, allerdings, soweit übersehbar, noch in ganz vorläufiger Form (FineArt). Die Ausstellung ist benannt "Die Steine zum Sprechen bringen - Mittelalterliche Skulpturen aus Notre Dame". "National Geographic" hat über die Ausstellung berichtet (NG11/24), das Titelbild, das auf Facebook geteilt wurde, war es, das so viel Staunen erwecken konnte und neugierig machen konnte (Abb. 1): eine gotische Skulptur, noch ganz von Schutt bedeckt. Man erkennt aber blonde Haare, blaue Augen - auf der Skulptur hat sich also die Farbe erhalten.*)

___________

*) Möchte man weitere Bild-Eindrücke von dieser Ausstellung gewinnen, macht es Sinn, nach dem französischen Titel der Ausstellung zu suchen: "Faire parler les pierres". Sinnvoll könnten auch die Suchworte sein: "sculptures médiévales à notre dame polychrome". Wichtige Fotografen des neuen Fundes sind Didier Rykner (LaTrib) (LaTrib), Hamid Azmoun für Inrap (Inrap), Denis Gliksman für Inrap (Arch) (LeJourn) (NG11/24), s.a.: die Social-Media-Seiten vom Kloster Cluny (Fb) (Tw). Wir hoffen, daß das Einbinden der Fotos der genannten Fotografen ok ist, werden sie aber sofort löschen, wenn erwünscht. Ohne die beiden eingestellten Fotos würde man aber gar nicht sinnvoll über diese aufregenden Forschungen berichten können.

_______________

  1. Die Untat von Dresden. Gerhart Hauptmann klagt an. In: Deutsche Allgemeine Zeitung, 6.4.1945 (s. Lesen
  2. Wolfgang Leppmann: Gerhart Hauptmann: Leben, Werk und Zeitbooks. 2016 (GB)
  3. Die verborgenen Schätze von Notre-Dame. Doku Arte 1.12.2024 (Yt)

Sonntag, 16. Dezember 2007

Das subversive Lächeln in christlichen Kirchen

Wenn man immer wieder salbungsvolle christliche Sonntagsandachten im Radio zu hören kriegt, fragt man sich, wie eigentlich die Menschen in früheren Jahrhunderten auf all dieses "Salbungsvolle", Unechte, Gemachte reagiert haben. Was findet man zum Beispiel, wenn man in der Google-Bildersuche nach Anschauungs-Material für die folgenden Gedichtzeilen sucht:
Diethelm Trausenit

(1349)

Diethelm Trausenit, warum bot
bei Sankt Stephan dir niemand Dach und Gelaß?
Sie scheun wohl in deiner Zunge den Spott,
in deinen Augen den Haß.

Die Heiligen, die dein Meißel weckt,
die tragen dein eigen unheilig Gesicht.
Sie stehen steif, sie lächeln versteckt:
aber fromm sind sie nicht.

(...)

(Josef Weinheber)

Die Lächelnde Madonna von Lauter (um 1260 n. Ztr.) (südliche Rhön)

"... aber fromm sind sie nicht." - Man meint doch, solche christlichen "Heiligen"-Figuren zu kennen. Aber im Netz sind sie gar nicht so leicht zu finden. Das könnte einen überhaupt auf das Thema "Lächeln und subversives Grinsen in der Kunst" bringen. Wie steht es da zum Beispiel mit dem Lächeln der vorklassischen, griechischen Skulpturen, dem "heiteren" (?) "ionischen"? Und mit so vielem anderen Lächeln und Grinsen auf diesem Gebiet? Hier jedenfalls noch zwei weitere Netz-Funde:

Naumburger Stifterfiguren
Man beachte vor allem die grinsende "Reglindis" ganz rechts

Abgesehen davon, ob wir uns heute "Erlöste" oder "Heilige" oder vorbildlich "Gläubige" so vorstellen wie in diesen Bildern noch einmal die Frage: Darf man in christlichen Gottesdiensten heute nicht mehr so subversiv grinsen wie es doch sogar die in den Kirchen stehenden Figuren selbst tun? - - -

Man möchte meinen, wer religiöse Gemeinsamkeit mit anderen Menschen sucht, sollte ihnen mitunter auch zu erkennen geben, wenn er das Gefühl hat, daß er diese gerade in diesem Augenblick nicht empfindet und sieht. Waren die mittelalterlichen Menschen, Künstler da bewußter oder unbewußter ehrlicher als wir heute? Wir haben alles fein säuberlich getrennt: Auf der einen Seite der ernste Gottesdienst und die salbungsvollen (Radio-)Morgenandachten. Und auf der anderen Seite die Talkshow. Und beide haben nichts miteinander zu tun. Vielleicht liegt da überhaupt das ganzes Problem? ...

"Erlöste" - Fürstenportal Bamberger Dom
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