Mittwoch, 1. Mai 2019

Ihr Völker Asiens, ihr Völker Europas

- Euer Werden, Euer Überleben!

In dem in diesen Blogbeitrag eingebundenen Video (1) referiere ich Inhalte einer ganz neu erschienenen humangenetischen Studie über die Geschichte der Völker Nordwestasiens und Osteuropas. Und zwar sieht die Studie jeweils genetische Verwandtschaft zwischen den Völkern der eurasischen Waldtundra, zwischen denen der eurasischen Waldsteppe und zwischen denen der eurasischen südlichen Steppe (2-4). Die Studie erweist die kulturelle und genetische Einzigartigkeit von jedem einzelnen der hunderte von untersuchten Völkern. Und sie klärt die Grundzüge der Entstehung und der Geschichte dieser Völkervielfalt über mindestens 15.000 Jahre hinweg. Was für eine Fülle an Neuerkenntnissen in einer einzigen Studie. Sie geben denselben Grundgedanken naturwissenschaftliche Untermauerung, die von Seiten der Kulturphilosophie und Völkerpsychologie schon vor Jahrzehnten ausgearbeitet worden waren und philosophisch gedeutet wurden (5).




Das Spannende ist, daß schon in wenigen Sätzen der Einleitung zu dieser neuen Studie (2) so wünschenswert deutlich wie nur immer möglich jener Grundgedanke zum Ausdruck gebracht ist, den Archäologen (wie Gustaf Kossinna), Psychologen und Kulturphilosophen (wie Mathilde Ludendorff oder Raymond B. Cattell), Anthropologen (wie Ilse Schwidetzky) oder Historiker schon vor achzig Jahren vertreten haben, und den der Bloginhaber hier auf dem Blog schon seit dessen Gründung vertreten hat. Es ist dies der Grundgedanke, daß nicht nur Einzelmenschen, sondern auch Stämme und Völker wesentliche Einheiten der Humanevolution und der Kulturgeschichte der Menschheit darstellen. Daß also kulturelle und genetische Gruppenunterschiede zentral sind für Menschsein an sich und daß sie das Menschsein in zentraler Weise ausmachen. 

Das ist der Grundgedanke der völkischen Idee, des modernsten, wissenschaftsnahen Denkens der Menschheit.


Abb. 1: Die Völkervielfalt Osteuropas und Nordwestasiens aus genetischer Sicht

In dem Video erörtere ich dann zunächst zwei frühere Studien, die denselben Grundgedanken als Ergebnis ihrer Forschungen fanden (6, 7, 14). Aber dann befasse ich mich insbesondere mit der hier eingestellten Abbildung 1b. Sie ist nämlich in der Tat einer gründlicheren und sogar staunenderen Betrachtung wert.*)

Frühe große Völker Europas und Asiens (seit 15.000 v. Ztr.)


Die obere Reihe in dieser Abbildung 1b zeigt nämlich zunächst die Genetik ausgestorbener, archäologisch erforschter Völker (und zwar in der Reihenfolge jener "Ancient individuals", die unter 1a aufgeführt sind). Außerdem zeigt sie einige repräsentative, noch heute sehr ursprünglich lebende "indigene" Völker Sibiriens, deren Vorfahren großen Einfluß auf die Ethnogenese heutiger Völker im eurasischen Raum hatten.

Da ist etwa zunächst das dritte Volk von links (fast ganz rot gefärbt mit wenigen hell-lila Einsprengseln). Hier handelt es sich um die blonden osteuropäischen Jäger und Sammler (Ehg = Eastern Hunter Gatherer), die vor dem Neolithikum eine weite Verbreitung in Osteuropa hatten. Sie stammen - wie deutlich zu sehen ist - von den Mammutjägern ab, die vor etwa 15.000 Jahren am Jennissei in Sibirien gelebt haben, also von dem zweiten Volk von links (Ag3 = "Afontova Gora 3"), und die - wie gesagt - unter ihren Angehörigen schon blonde Haarfarbe aufzeigten (8).

Das sechste und siebte Volk von links sind die ursprünglichen, ebenfalls zum Teil blonden Indogermanen (Yms = "Yamnaja_Samara" an der Wolga und in der Ukraine, sowie Afn = "Afanajasevo" in Sibirien). Es handelt sich um ein Volk der Frühen und Mittleren Bronzezeit, das in der Späten Bronzezeit genetisch scheint ausgestorben zu sein.

Das achte bis zehnte Volk (Srn=Srubnaya, Stt=Sintashta, Adr=Andronovo) sind die genetisch im heutigen Südpolen "europäisierten" Indogermanen der Mittleren und Späten Bronzezeit, also die blonden indogermanischen Schnurkeramiker, also ursprüngliche Indogermanen der Ukraine, die sich mit den anatolisch-neolithischen Bauern der ihnen westlich gelegenen Kugelamphorenkultur vermischt haben und sich danach dann - über genetische "Replacement-Vorgänge" - einerseits bis nach Sibirien im Osten, andererseits bis nach England und Skandinavien im Norden und zum dritten bis nach Spanien und Sizilien im Westen und Süden und zum vierten vermutlich auch über den Kaukasus nach Anatolien (als Hethiter) ausgebreitet haben.

Der hellgrüne Anteil der Genetik der ursprünglichen Indogermanen stammt - mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit - aus jener ersten Weinbauern-Kultur, die sich ab 6.000 v. Ztr. vom Süden her bis in den Kaukasus ausbreitete, und die hinwiederum von der Samara-Kultur im Iran abstammte (so wie zeitgleich die Gruppe der anatolisch-neolithschen Bauernvölker Europas genetisch aus Anatolien stammte). Der hellgrüne Anteil steht also für kaukasisch-neolithische Genetik.

Das dritte Volk von rechts (dunkelgrüne Farbe) sind die Nganasanen (Wiki, engl), das Volk, das innerhalb Europas am nördlichsten lebt, nämlich auf der Taimyrhalbinsel. Die Nganasanen sprechen zwar heute eine samojedische Sprache, werden aber zu den paläo-sibirischen Völkern gezählt, die sprachlich "samojedisiert" wurden, als die Rentier züchtenden Samojeden von Süden in ihr Gebiet einwanderten. Sie lebten bis zum 19. Jahrhundert nur vom Fischen und Jagen, seither auch von der Rentierzucht. Dem Volk gehören heute noch etwa 900 Menschen an. Schon vor einem halben Jahr schrieben  wir über die "Frühen Paläo-Sibirier" (9). Offenbar sind die Nganasanen aus genetischer Sicht die besten heutigen Nachfahren, Repräsentanten derselben, man kann sagen, daß sie paläo-sibirische Genetik repräsentieren.

Das zweite Volk von rechts (hellgelbe Farbe) sind die Ultschen (Ulc=Ulchi) (Wiki). Sie leben am Fluß Amur in Nordsibirien als Fischer. Die ursprüngliche Sprache der Ultschen, die heute ausgestorben ist, soll der koreanischen Sprache nahegestanden haben. Und auch genetisch stehen sie den Koreanern und Japanern mehr als nahe (10, 11). Man kann also sagen, daß sie frühe ostasiatische Genetik repräsentieren, also ostasiatische Genetik vor dem Übergang zum Ackerbau.

Soweit erst einmal die vorgeschichtlichen und heutigen, noch sehr ursprünglichen Völker der ersten Reihe in Abbildung 1b.

Die finno-ugrischen Völker der Waldtundra


In der zweiten Reihe finden sich dann heutige Völker der Waldtundra wie der Ungarn (Hun), Esten (Est), Finnen (Fin), Saamen (Saa), Karelier (Krl), Wepsen (Veps) (Wiki), Russen (Rus), Moldavier (Mdv), Bessermenen (Bes), Udmurten (Udm) und anderer mehr. Sie alle weisen neben der Genetik der blonden osteuropäischen Jäger und Sammler recht deutliche anatolisch-neolithische und nur ganz geringe iranisch-neolithische Genetik auf (Abbildung 1b).

Wie soll man sich also die Ethnogenese dieser Völker der finno-ugrischen, bzw. uralischen Sprachgruppe (Wiki) vorstellen? Soll diese Völkergruppe ursprünglich wirklich aus dem Ural stammen? Wie soll denn dort die anatolisch-neolithische Genetik hingelangt sein? Da scheinen doch eher osteuropäische Jäger und Sammler an ihrem westlichen Verbreitungsrand der Waldtundra auf die anatolisch-neolithischen Bauernvölker der Kugelamphoren-Kultur gestoßen zu sein. Und sie scheinen sich dann ähnlich mit diesen vermischt zu haben wie ihre südlichen Angehörigen mit den iranisch-neolithischen Weinbauern im Kaukasus.

In der Waldtundra entstand daraus die uralische, bzw. finno-ugrische Sprachgruppe, in der Steppe entstanden die Indogermanen. Und wahrscheinlich - bekanntlich - sind die Völker der finno-ugrischen Sprachgruppe zumindest zum Teil von den Indogermanen, den Schnurkeramikern unterworfen worden, wodurch auch ein geringer Anteil iranisch-neolithischer Genetik zu ihnen gekommen sein kann. Ob es so gewesen ist?

Oder muß man sich ihre Ethnogenese noch ganz anders vorstellen? Hier scheint es wirklich noch allerhand offene Fragen zu geben (Wiki). Diese offenen Fragen werden noch viel weniger innerwissenschaftlich und öffentlich wahrgenommen als die offenen Fragen rund um die Ethnogenese und Ausbreitung der Indogermanen. Auch der Autor dieser Zeilen wird gerade zum ersten mal auf diese ungeheuer spannenden Fragen aufmerksam. Indem sie geklärt werden, dürfte übrigens auch viel Licht geworfen werden auf die Ethnogenese der Indogermanen.

Die wilden, stolzen Reitervölker der Waldsteppe


In der dritten Reihe (Abbildung 1b) finden sich heutige Völker der Waldsteppe wie der Tataren (Ttm, Ttk, Ttz, Tts), der Baschkiren (Bsn, Bsc, Bss), der Altaier (Alt, Ack), der Tubalaren (Tbl), der Kasachen (Khk). Sie leben heute in der Urheimat der Indogermanen, weisen aber eine Genetik auf, die sich sowohl von der der frühbronzezeitlichen Indogermanen wie der der spätbronzezeitlichen, schnurkeramischen Indogermanen deutlich unterscheidet.

Viele dieser Völker - etwa die Altaier (Alt, Ack), die Tubularen (Tbl) und die Kasachen (Khk) - weisen etwa ein Drittel ursprünglichere ostasiatische Genetik auf, also eine solche wie sie auch das 8.000 Jahre alte Fischer-Volk der Ultschen am Amur-Fluß aufweist. Als zweite genetische Komponente weisen sie - in unterschiedlichen Anteilen - die paläosibirische Genetik der Nganasanen auf. Als dritte genetische Komponente die Genetik der osteuropäischen Jäger und Sammler. Und außerdem finden sich noch geringere Anteile kaukasisch- und anatolisch-neolithischer Genetik, die sich allerdings bei sibirischen Völkern der Waldsteppe ganz im Osten - etwa bei den Yakuten (Ykt) (?) - fast gar nicht findet.

Die Völker der südlichen Steppen


In der vierten Reihe schließlich finden sich heutige Völker der südlichen Steppe, unter anderem die Gagausen (Ggz) (ein Turkvolk in der heutigen Republik Moldau), die Nogaier (Ng1 und Ng2), die Karakalpaken (Krk), weitere Tataren-Stämme, die Usbeken (Uzb), die Tadschiken (Tjl), die Kasachen (Kzk), die Kirgisen (Kyg) (?), die Uiguren (Ugr) (?) und die Mongolen (Mon).

Auch in dieser ökologischen Zone findet sich unter den östlichen Völkern ein Drittel bis ein Viertel ursprünglichere ostasiatische Genetik. Im westlichen und mittleren Teil dieser ökologischen Zone machen der anatolisch-neolitische und der kaukasisch-neolithische Anteil der Genetik einen großen Teil der Gesamtgenetik aus. Damit dürften sich diese Völker im Westen genetisch nicht gar zu arg von Völkern des Balkanraumes und des Mittelmeerraumes unterscheiden. In allen Völkern dieser ökologischen Zone finden sich 10 bis 15 Prozent Genetik osteuropäischer Jäger und Sammler. Paläosibirische Genetik findet sich - im Gegensatz zur Zone der Waldsteppe - fast gar nicht.


Das Video selbst (1) bricht - aufgrund des ausgeschöpften Speicherplatzes - schon bei der Erörterung der Völker der Waldsteppe sehr abrupt ab. Der Rest dessen, was hätte gesagt werden können, ist hier in den beiden letzten Abschnitten nachzulesen und muß auch künftig noch gründlicher ausgearbeitet werden.

/ Ergänzt um Ausführungen
nach Lit.angabe 12 und 13:
10.5.2019 /

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*) Vollständiger originaler Erläuterungstext:
Genetic structure of inner Eurasian populations.
a, The first two principal components of 2,077 Eurasian individuals separate Western and Eastern Eurasians (PC1) and North-east and Southeast Asians (PC2). Most inner Eurasians are located between Western and Eastern Eurasians on PC1. Ancient individuals (colour-filled shapes) are projected onto principal components calculated based on contemporary individuals. Present-day individuals are marked by grey dots, with their per-group mean coordinates marked by three-letter codes (which are defined in Supplementary Table 2). Individuals are coloured by their language family.
b, ADMIXTURE results for a chosen set of ancient and present-day groups (K = 14). The top row shows ancient inner Eurasians and representative present-day Eastern Eurasians. The following three rows show forest-tundra, steppe-forest and southern steppe cline populations, respectively. Most inner Eurasians are modelled as a mixture of components primarily found in Eastern or Western Eurasians. The results for the full set of individuals are provided in Supplementary Fig. 3.

__________________________________________
  1. Bading, Ingo: Völker Asiens, Völker Europas - Euer Werden, Euer Überleben!, https://youtu.be/ffqVANXdITQ
  2. Choongwon Jeong, Oleg Balanovsky, […], Wolfgang Haak, David Reich, Johannes Krause: The genetic history of admixture across inner Eurasia. Nature Ecology & Evolution (2019), 29. April 2019, https://www.nature.com/articles/s41559-019-0878-2 
  3. MPI-Pressemitteilung: Neue Studie enthüllt Details der Geschichte Inner-Eurasiens, 29. April 2019, https://www.shh.mpg.de/1282467/genetics-inner-eurasia
  4. Lara M. Cassidy: A steppe in the right direction. Nature Ecology & Evolution (2019), 29. April 2019, https://www.nature.com/articles/s41559-019-0876-4 
  5. Ludendorff, Mathilde: Das Gottlied der Völker. Eine Philosophie der Kulturen. Ludendorffs Verlag, München 1936 
  6. Barry S. Hewlett, Annalisa De Silvestri, and C. Rosalba Guglielmino: Semes and Genes in Africa. In: Current Anthropology 43, no. 2 (April 2002): 313-321.  https://doi.org/10.1086/339379
  7. Haber M, Gauguier D, Youhanna S, Patterson N, Moorjani P, Botigué LR, et al. (2013) Genome-Wide Diversity in the Levant Reveals Recent Structuring by Culture. PLoS Genet 9(2): e1003316. https://doi.org/10.1371/journal.pgen.1003316, https://journals.plos.org/plosgenetics/article?id=10.1371/journal.pgen.1003316
  8. Bading, Ingo: Kossinna lacht. St.ge., 11/2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/11/kossinna-lacht-er-lacht-und-lacht-und.html
  9. Bading, Ingo: Die sibirischen Mammutjäger der Eiszeit - Sie sind genetisch ausgestorben - Nach der Eiszeit wanderten ostasiatische Völker in Sibirien ein. St.gen., 12. November 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/11/die-sibirischen-mammutjager-der-eiszeit.html
  10. Veronika Siska, Eppie Ruth Jones, Sungwon Jeon, Youngjune Bhak, Hak-Min Kim: Genome-wide data from two early Neolithic East Asian individuals dating to 7700 years ago. In: Science Advances. Band 3, Nr. 2, 1. Februar 2017, S. e1601877, doi:10.1126/sciadv.1601877, https://advances.sciencemag.org/content/3/2/e1601877 (frei zugänglich)
  11. Bading, Ingo: 8.000 Jahre lange unverfälschte genetische Kontinuität eines Fischervolkes - In Ostsibirien. St.gen., 5. Februar 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/02/8000-jahre-lange-genetische-kontinuitat.html
  12. The Arrival of Siberian Ancestry Connecting the Eastern Baltic to Uralic Speakers further East. By Lehti Saag, Margot Laneman ... Mark G. Thomas, Aivar Kriiska, Toomas Kivisild, Richard Villems, Valter Lang, Mait Metspalu, Kristiina Tambets. In: Current Biology, 9. Mai 2019, DOI:https://doi.org/10.1016/j.cub.2019.04.026, https://www.cell.com/current-biology/fulltext/S0960-9822(19)30424-5
  13. Bading, Ingo: 1900 v. Ztr. - Sibirische Jäger und Sammler wandern nach Ost-Skandinavien ein - Forschungen zur Entstehung und Ausbreitung der finno-ugrischen Völkergruppe. Studium generale, 19. Juli 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/07/1900-v-ztr-sibirische-jager-und-sammler.html
  14. Bading, Ingo: Wie breiten sich menschliche Gene und kulturelle Merkmale aus? St. gen. 17.7.2009, https://studgendeutsch.blogspot.com/2009/06/wie-breiten-sich-menschliche-gene-und.html 

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